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Das ist der Hammer! Text und Interview: Maximilian Marti Beim Anblick von alten, im Mauerwerk eingelassenen Ringen, an denen Pferde, Barken, Ochsen oder der eine oder andere Gefangene festgebunden wurden, macht sich wohl selten jemand Gedanken darüber, wie viel handwerkliches Können, wie viele Hammerschläge es brauchte, bis das Eisen die richtige Form hatte. Oder wie viele Kalorien der schwer schuftende Schmied vor der fauchenden Esse verbrannte. Beschwerliche Arbeitsprozesse waren uns Menschen schon immer ein Dorn im Auge. Wen wundert’s, dass unsere Spezies seit Bestehen mit genialen Erfi ndungen brilliert, um körperliche Arbeit zu vermeiden oder wenigstens zu erleichtern? Arbeitsabläufe wurden optimiert, um Zeit zu gewinnen und um Kräfte zu sparen. Und, als man entdeckte, dass sich Arbeit rationalisieren lässt, um den Profi t zu maximieren. Zum Teil auch, um das Leben zu erleichtern. Als leuchtende Beispiele seien Sparschäler, Rolltreppe, Telefon, Badebürste, Schiesspulver, Fernbedienung, Auto, Wattestäbchen genannt und … Hammerschmieden. Eine der letzten noch funktionierenden ist in Beinwil im Schwarzbubenland zu bewundern. Zur Energiegewinnung war man auch hier, wie bei fast allen Anlagen in der industriellen Frühzeit, auf Wasserkraft angewiesen. Diese machte man sich gefügig, indem man gestautes Gewässer durch einen regulierbaren Kanal auf ein Schaufelrad leitete. Dessen Umdrehungen wurde über seine Achse ins Innere des Hauses importiert, mittels Kupplungen übersetzt auf Umlaufsysteme gebracht, die über Laufriemen mit den Antriebsrädern von allerlei mechanischer Maschinerie verbunden waren. Andernorts wurden so die Gatter von Sägereien, Mahlwerke in Mühlen, Drechselbänke usw. angetrieben und werden es zum Teil noch heute, wobei das gute Wasserrad später meistens durch Elektromotoren ersetzt wurde. Hier, wie der Name sagt, betreibt die Wasserkraft einen Hammer. Ein zweites, kleineres Wasserrad bedient den Blasebalg für die Esse. Das Kernstück ist eine Nockenwelle mit einer Lebensdauer von ca. 60 Jahren. Sie bewirkt das periodische Heben eines schweren Hammers, der dann durch die Schwerkraft auf das zwischen Amboss

und Hammer gehaltene Werkstück niederfällt. Die Wucht der Hammerschläge ermöglicht die Bearbeitung von Werkstücken ausserhalb menschlicher Muskelkraft. Die historische Anlage ist seit fast 130 Jahren im Besitz der Familie Ankli. Konservator und auf Verlangen Demonstrateur ist Georg Ankli. Mit ihm zusammen stehe ich vor dem mächtigen Hammer, der in regelmässigem Takt ein kaltes Vierkant-Eisen platt macht, als wäre es eine heisse Kartoffel. Herr Ankli, mögen Sie sich an die Zeit zurückerinnern, als die Schmitte noch im täglichen Gebrauch war? Nachdenklich schaut er in die Glut der Esse … Am Anfang lebte hier ein Schmied mit seiner Familie, es waren zehn Kinder. Später betrieb mein Onkel die Schmitte. Er machte allgemeine Schmiedearbeiten, beschlug Pferde, machte Fassringe und Werkzeug. Als Bub besuchte ich ihn oft. Was ich sah, war damals Alltag, aber die Faszination verspüre ich heute noch, wenn ich das Haus betrete. Wenn ich in der Werkstatt stehe oder oben in den Wohnräumen bin, stelle ich mir immer vor, wie es hier einst zu und her ging. Das Werkzeug ist ja noch immer dasselbe, das meine Vorfahren herstellten und benutzten. Zum Privileg, seiner eigenen Geschichte so nahe sein zu dürfen, gehört auch die Aufgabe, den nach aussen sicht-

baren Teil dieser Geschichte für unsere Berufsgattung und für die Nachwelt zu erhalten. Ist der Unterhalt der Hammerschmiede nicht sehr aufwändig? Kleinere Unterhaltsarbeiten werden laufend gemacht, so ist der Aufwand weniger spürbar, aber es läppert sich ganz schön zusammen. Grössere Kosten verursachte die Überschwemmung im Juli 1982. Bald wird wieder ein neues Wasserrad fällig, seine Lebensdauer beträgt ca. 30 Jahre. Aber beim letzten Wechsel wurden wir vom Heimatschutz recht grosszügig unterstütz, was mich natürlich sehr freute und hoffen lässt, dass wir auch wieder anklopfen dürfen. Die Schmitte soll ja kein Museum sein, sondern eine lebendige Zeugin, die anschauliche Auskunft gibt aus vergangenen Zeiten. Das ist im Sinn unserer nach wie vor mit Metallbearbeitung beschäftigten Familie und offenbar auch im Sinn des Heimatschutzes.

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Best of Solothurn 7. Ausgabe 2014  
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