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Schlossherr ad Interim Text: Maximilian Marti

Hans Hug

Seit 760 Jahren dominiert die Burg Alt Falkenstein das Bild der Klus bei Balsthal. Im Auftrag des Bischofs von Basel und Besitzer der Landgrafschaft Buchsgau, Burkhard von Fenis, erbaute Graf Rudolf I. von Falkenstein diesen strategisch optimal platzierten Hochsitz. Von dort oben kontrollierte er das Kommen und Gehen durch den Kluser Engpass. Zu seinem Job gehörte der Schutz des Grenzterritoriums der Grafschaft, ein Geschenk von Kaiser Heinrich IV. an den Bischof für dessen Linientreue während des Investiturstreits. Im 15. Jahrhundert verkaufte der Landadel in Ermangelung von fl üssigem Betriebskapital die Burg an die Stadt Solothurn. Die reichen Patrizier brachten die Burg wieder in Schuss und machten sie während den folgenden

Jahrhunderten zum Sitz ihrer Vogteien. Weil von 1560 bis 1798 der Landschreiber hier residierte wurde die Burg auch das Schreiberschloss genannt. Dieser Beamte war auch Stellvertreter des Landvogts, welcher auf Neu-Falkenstein wohnte, das 1798 vom wütenden Pöbel abgefackelt wurde. Heute ist in der gut instand gehaltenen Burg Alt Falkenstein ein interessantes Heimatmuseum untergebracht. Dessen Trägerschaft ist die 1919 als privatrechtlicher Verein gegründete Museumsgesellschaft Thal & Gäu. Beim Hochwasser von 1926 erlitt das Museum an seinem ersten Standort im alten Amtshaus in Balsthal beträchtlichen Schaden, worauf die Museumsgesellschaft den Kanton Solothurn um Asyl auf der Burg ersuchte, wo die zusammengetragenen Schätze seit 1929 zu besichtigen sind. Für die Reichhaltigkeit der Exponate zeichnen vorwiegend die Herren Mitbegründer und Sammler Anton Nünlist, Werner Heutschi, Hans Kölliker und Emil Rumpel verantwortlich. Die Burg ist allgemein zugänglich, kann für kleinere Anlässe gemietet werden und wird zurzeit betreut von Hans Hug, seines Zeichens Kurator, Schlosswart und -Herr ad interim, Konservator, Betriebsfachmann, Property-Manager und Enzyklopädie in Personalunion. Auf mein Klingeln öffnete er mir das knarrende Tor und liess mich in den Genuss einer privaten Führung kommen. Die Faszination der Ausstellung liegt fraglos

in ihrer Vielfalt. Kurioses liegt neben Kostbarem, Exzellentes neben Alltäglichem. Waffen, edles Geschirr, numismatische Raritäten und das ganze Drum und Dran eines Haushalts von anno dazumal geben Einblick in das einstige Leben auf der Burg. Eine komplett eingerichtet Wohnung vermittelt den Eindruck, die Bewohner seien eben hinunter ins Tal gestiegen, um für ein paar Taler Naschwerk zu kaufen. Hans Hug, selber profilierter Waffensammler, weiss eine ganze Menge und kann Auskunft geben über jedes noch so kleine Detail. Er philosophiert über die Vor- und Nachteile der relativen Einsamkeit in der Dienstwohnung, vom oft mühsamen Umgang mit verständnislosen Eltern gegenüber dem zerbrechlichen Charakter mancher Exponate oder erzählt aufgebracht von der Frechheit dreister Diebe, die schon mal eine seltene Perkussions-Pistole mitlaufen liessen. Auf meine Frage nach einem Schlossgeist schaut er versonnen in die Ferne und sagt leise: «Ja, selber gesehen habe ich ihn noch nie, aber zu hören vermeint. Es ist der Geist eines Kindes, eines weinenden Kindes. Zeugen haben mir berichtet, dass zwar selten, aber immer aus demselben Zimmer, bekannt als ‹Gränni-Zimmer›, verhaltenes Weinen zu hören sei. Einmal nachts erwachte ich weil glaubte, eine Katze gehört zu haben. Aber hier gibt es gar keine Katzen, weil ich sie leider nicht vertrage …» 2 57

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Best of Solothurn 7. Ausgabe 2014  
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