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Wie Phoenix aus der Asche … Text und Interview: Maximilian Marti Wer keiner traditionellen Religion frönen will soll es ungestraft bleiben lassen dürfen. Man möge über kirchliche Renommierbauten denken was man will – aber über deren dekorativen Wert lässt sich nicht streiten, der ist Tatsache. Deshalb ist bestimmt auch für Ketzer nicht denkbar, dass die St. Ursenkathedrale das Stadtbild und die Skyline Solothurns nicht mehr dominieren würde. Gut, man könnte die Wolke des AKW’s in Gösgen besser sehen, aber wäre dies ein Ersatz für den Anblick der prächtigen Kathedrale? Wohl kaum. Einem fehlgeleiteten Wirrkopf mit einer starken Aversion gegen katholische Geistliche, oder deren Weihe zum Bischof, schien die Idee trotzdem zu gefallen. Deshalb trat er im Januar 2011 gegen 10 Uhr in Begleitung zweier Kanister voll Benzin vor den Altar, begoss diesen und den darunter liegenden Teppich mit dem Benzin und steckte das Ganze kurzerhand mit Hilfe einer Kerze in Brand mit der Absicht, das kostbare Bauwerk abzufackeln. Der angerichtete Schaden war beträchtlich, hielt sich aber durch glückliche Umstände in Grenzen. Einer dieser Umstände war die schnelle Ankunft eines Feuerwehrmannes. Dank seinem Eingreifen blieb anstelle einer Brandruine eine Verwüstung zurück, welche eine umfassende Renovierung des Interieurs und Kosten von 8 Millionen Franken nach sich zog. Viel Geld, aber ungleich dem Limburger Modell eine gerechtfertigte Summe. Der geistig offenbar verwirrte Pyromane konnte von Bruno Emmenegger, dem resoluten Sakristan, dingfest gemacht und der Polizei übergeben werden. Von ihm wollte ich wissen: Herr Emmenegger, wie sehen Sie die Situation aus heutiger Sicht? «Rückblickend war es ein Schock für alle und für mich ein Erlebnis, das ich bestimmt nicht vergessen werde. Aber alles hat zwei Seiten, so auch hier: Dank dem unglückseligen Vorfall erhielten unsere Kathedrale und die Orgel ein komplettes Make-over und beide erstrahlen heute schöner denn je. Ausserdem wurde das Bauwerk mit modernster Technik ausgestattet wie Schaden

Warnsysteme, Sicherheitsmassnahmen, Überwachungshilfen und zentral gesteuerte elektrische Anlagen, was meine Arbeit enorm erleichtert. Sehen Sie mal …» Er zückt sein Tablet, bedient den Touchscreen und lässt abwechselnd die Lüster im Langhaus, in den Seitenschiffen und über dem Altar mehr oder weniger hell aufleuchten. «Die Beleuchtung ist dort dimmbar, wo es Sinn macht, was wesentlich zur unterschiedlichen Stimmungen der verschiedenen Szenarien beiträgt. Eine Weihnachtsmesse verlangt nach anderer Beleuchtung als ein Taufe oder ein Trauergottesdienst, deshalb ist diese moderne Lichtführung bei mir als ‹Regisseur im Hintergrund› hochwillkommen.

assistenten, Aufsichtsbeamte, Reinigungsequipe, Materialverwalter, Auskunftstelle, Arealpfl eger, Dekorateure, Glöckner, Fremdenführer, Hauswarte, Empfangspersonal, generelle Ratgeber, oft fast Beichtväter ad hoc und jetzt Interviewpartner in Personalunion. Diese Auskunft lässt mich das Berufsbild des Sakristans klar und unverdünnt an unsere Leserschaft weitergeben. Auf dem abschliessenden Aufstieg hinauf zur Aussichtsplattform auf den Turm werde ich von meinem linken Knie angesprochen: «Nur schade, dass es nicht gereicht hat für einen Lift, was?»

Was umfasst eigentlich das Pflichtenheft des Sakristans? Sakristane sind Menschen mit kirchennaher Grundhaltung, Betriebsleiter, Direktions1 31

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Best of Solothurn 7. Ausgabe 2014  
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