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Warum ist das Kunst? Text und Interview: Maximilian Marti Wer sich mit moderner Kunst beschäftigt, kommt an einem wichtigen Namen nicht vorbei: Roman Signer. 1938 im Appenzell als Sohn eines Musikers geboren, arbeitet er heute freischaffend in St. Gallen als international gefeierter Bildhauer, Zeichner, Aktions-/Konzeptkünstler und Filmer. Viele seiner bekanntesten Aktionen oder Installationen muten beim ersten Hinsehen an wie ausgereifte Lausbubenstreiche: von einem Motorfahrzeug gezogen, lässt er sich, in einem Kanu sitzend, im Garacho über einen ehemaligen Treidelpfad schleppen und löst damit beim grasenden Vieh eine Stampede aus. Oder auf einem Drehstuhl sitzend, nutzt er die Schubkraft von Feuerwerkskörpern, in seinen Händen in Gegenrichtung gehalten, als Antrieb zur Rotation. Oder er bringt irgendwelche Gegenstände zum explodieren, erklärt vom Handwerker auf dem Fussboden vergessenes Werkzeug zur Installation und kommt damit ebenso durch wie mit der Idee, sich von einem Gebläse in einem Raum mit Heu umwirbeln zu lassen. Lauter Aktivitäten, für die unsereins in den Jugendjahren das volle Programm des elterlichen Strafrechts in allen Nuancen zu spüren bekam. Vom Zimmerarrest über die einfache Ohrfeige bis hin zur massiven Prügelstrafe war alles im Angebot, für identische Taten erntet Roman Signer Auszeichnungen, Ruhm, Ehre und Honorar. Diese schreiende Ungerechtigkeit wollte ich von kompetenter Seite erklärt bekommen und machte mich dafür auf den Weg ins Kunstmuseum Solothurn. Und was dominiert dort den Park vor dem Portal? Ein

Wenn etwas einfach aussieht, heisst das noch lange nicht, dass es keine Kunst sein kann.

Dr. Christoph Vögele

Gummistiefel, der an einem Gestell über einem Zierteich aufgehängt, plötzlich Wasser aus dem Absatz spritzt. Sie ahnen es: Roman Signer war hier! Im Foyer des Museums traf ich mich zum Gespräch mit dem Konservator des Museums, Dr. Christoph Vögele. Ich zeigte auf den Stiefel und fragte: Warum ist das dort draussen Kunst? Weil hinter jedem Detail eine Überlegung steckt. Erstens macht der spritzende Stiefel Furore als absoluter Hingucker. Wir haben sehr viele Gäste, die immer wieder warten, um den Ablauf mehrere Male zu verfolgen. Also erfüllt er vorerst den Unterhaltungsfaktor. Zum Stiefel gehört eine Zeitschaltuhr, welche die Kadenz bestimmt. Die Pausen dazwischen erzeugen Spannung, damit haben wir eine periodische Aktionsabfolge, die zum Konzept des Künstlers gehört. Dem Museum steht in gerader Linie der Ambassadorenhof gegenüber, wo früher die Söldner ihre Verträge zum Kriegsdienst unterschrieben. Der Standort der Installation stellt als drittes Portal eine Verbindung

zwischen den beiden Häusern her. Der Stiefel kann als Metapher für das Söldnertum dienen, das spritzende Wasser stellt die Energie der Soldaten dar und das vergossene Blut derer, die auf dem Schlachtfeld blieben. Die Pendel-Bewegung des Stiefels symbolisiert Weggang und Rückkehr der Söldner. Das Gesamtkunstwerk besteht sowohl aus der handwerklichen und technischen Realisierung wie aus den spielerischen und philosophischen Aspekten. Wie soll man sich moderner Kunst nähern, um sie verstehen zu können? Der berühmte Architekt und Kunstschaffende Max Bill sagte einmal: «Kunst sind Gegenstände für den geistigen Gebrauch.» Nirgends trifft das so sehr zu wie bei moderner Kunst. Wenn etwas einfach aussieht, heisst das noch lange nicht, dass es keine Kunst sein kann. Viele haben das Gefühl, Kunst müsse höchste, ans Geniale grenzende Ansprüche erfüllen, und dass etwas, das schnell und spielerisch daherkommt, von jedem Kind gemacht werden kann. Genau hier ist der Ansatzpunkt: Kinder sehen alles mit einer Einfachheit, die uns Erwachsenen auf dem Weg durchs Leben abhanden gekommen ist. Paradoxerweise verlangen gerade die einfachsten künstlerischen Lösungen viel Überlegung, damit sie funktionieren. Für mich hat gute Kunst immer etwas mit dem Leben zu tun, mit Metaphern fürs Leben. Wie eine andere Art gute Literatur, die aber nicht durch Worte, sondern mit Formen, Farben, Gegenständen zum Mitdenken inspiriert. Auch Werke wie der Stiefel dort draussen, die auf den ersten Blick einfach daherkommen oder aussehen wie ein kindliches Spiel, können Kunst sein und übers Lachen oder Staunen zum Nachdenken anregen. Auf dem Weg zurück in die Redaktion war ich gezwungen, eine kurze Strecke hinter einer Maschine herzufahren, die wie durch Zauberei weisse Linien auf den Asphalt malte. Ich wäre keineswegs überrascht gewesen, Roman Signer am Steuer zu sehen. 2 29

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Best of Solothurn 7. Ausgabe 2014  
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