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Gewählte Solitude Text und Interview: Maximilian Marti Noch vor ein paar Wochen hätte ich auf die Frage, wie ich Einsiedler wahrnehme, auf das gängige Klischee aus meiner Kindheit zurückgegriffen: Einsiedler sind jedermanns Bruder und sind schweigsame, scheue, des profanen weltlichen Daseins überdrüssige Männer. Möglichst weit entfernt von jeder Zivilisation führen sie ein einsames, aus unserer Sicht karges, ja entbehrungsreiches Leben, essen Haferbrei und Beeren, suchen Pilze und Erleuchtung. Von Gestalt sind sie hager und sehen in eine Kutte und Sandalen gekleidet uralt aus dank einem langen, weissen Bart. Alles falsch. Laut einem Zeitungsartikel können Einsiedler ebenso gut erfolgreiche Frauen und jedermanns Schwester sein. Erfolgreich, weil sich Schwester Benedikta, das ist der Name der neuen Eremitin in der Verenaschlucht, gegen knapp 120 Bewerbende behauptet hat. Eine «kirchennahe, idealistisch gesinnte, kommunikative Person» wurde von der Bürgergemeinde Solothurn für die Betreuung des Aussenpostens in der Verenaschlucht gesucht und im Bündnerland gefunden. Mit Bett und Kruzifi x sei sie unlängst in die Klause eingezogen und pfl ege jetzt das kleine Anwesen, die zwei Kapellen und Konversation mit Passanten. Auch wie sie selber zu ihrem Glauben gefunden hat stand da, was mein Interesse weckte, weil während den angezweifelten Zwangsbesuchen von Unterweisung und Predigten in meiner Jugend all meine Bemühungen, Kontakt nach oben herzustellen, kläglich scheiterten. Ob ich nochmals einen Anlauf nehmen sollte, unter ihrer kundigen Beratung? Allein der Weg durch die Schlucht an diesem sonnigen Sommertag war schon das Herkommen wert. Eine Meinung, die ich offenbar mit einer Menge Gleichgesinnter teile: Familien, Hunde, Biker, Leute aller Altersgruppen tummeln sich auf dem Areal, die meisten, wie ich wahrscheinlich auch, mit mehr Neugier in den Augen als Glaube. «Wollen Sie zu mir?», fragte mich die pusper wirkende Schwester Benedikta, als ich neben der Gruppe, die sie umlagerte, Stellung bezog. Sie wies lächelnd auf eine Bank im Schatten: «Ich komme gleich!» Nichts ist mit hager. Dort steht eine solide Person mit beiden Beinen fest im Leben,

Schwester Benedikta, die neue Eremitin in der Verenaschlucht

gekleidet in Schwesterntracht. Das gebräunte Gesicht unter blauem Tuch könnte einer Frau gehören, die viel im Freien arbeitet, Landfrau, Gärtnerin oder in der Richtung. Sie lächelt viel und beantwortet freundlich alle Fragen ebenso geduldig wie ich auf sie warte. Jetzt sitzt sie mir gegenüber und ich lege los mit: Schwester Benedikta, als ich Sie jetzt beobachtet habe verspürte ich eine deutliche Ausstrahlung von Humor. Sind Sie ein humorvoller Mensch? Ja, ich denke schon. Gesunder Humor macht manches erträglicher und schliesst vieles mit ein. Nicht zu verwechseln mit Ironie und Satire! Die sind mir auch bekannt, haben aber mit dem Humor, den ich schätze, nichts zu tun. Humor kann erleichternd sein, wo Ironie verletzend wirkt. Mehr habe ich nicht darüber nachgedacht, obschon ich sehr viel Zeit verbringe mit Nachdenken über alles Mögliche. Zum Beispiel hierher zu kommen? Nein, da habe ich nicht lange überlegt, obschon es in meinem Inneren einiges zu bereden gab. Ich sah die Möglichkeit, mein Leben im Glauben autonom gestalten zu können, kombiniert mit einer sinnvollen Tätigkeit. Natürlich ist der Ansturm jetzt gross, aufgrund der Medienpräsenz, aber es ist zu verkraften, sonst kann ich mich in die Klause zurückziehen. Wenn das Tor zu ist, möchte ich allein sein.

Apropos bereden in Ihrem Inneren, irgendwo stand, Gott hätte zu Ihnen gesprochen. Haben Sie tatsächlich seine Stimme gehört? Da wurde ich falsch zitiert. Ich sagte ich hätte empfunden, Gott habe zu mit gesprochen. Es war wie ein Blitz, plötzlich war die Überzeugung in mir, dass der Weg, mein Leben niederzulegen, dem Glauben zu widmen und hierher zu kommen, der richtige ist. Schwester Benedikta, um dieses Rezept zu erfahren kam ich her: wie wird man gläubig? Es gibt kein Rezept, aber einen Weg. Ich habe schon immer gebetet und mit meinem Inneren Zwiesprache gehalten. An Gott, seine Präsenz, seinen Willen und seine Güte habe ich einfach zu glauben begonnen, bis der Glaube Realität wurde. Der erste Schritt, das Gebet, ist ja nichts anderes als Zwiesprache mit einer ersten Instanz, der man mehr und mehr Platz und Befugnis einräumt bis das nötige Vertrauen gefestigt ist, das schliesslich zum Glauben führt. Andere Besucher stehen herum und warten auf ein Wort mit der gefragten Einsiedlerin. Wir verabschieden uns. Ich gehe zurück durch die Schlucht und in mich. Ob das mit mir und dem Glauben was wird? Sicher ist, dass Schwester Benedikta mit ihrem Glauben den richtigen Platz gefunden hat.

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Best of Solothurn 7. Ausgabe 2014  
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