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Bergfloh mit intellektuellem Tiefgang Text und Interview: Maximilian Marti Martina Strähl aus Oekingen ist ein Phänomen. Als gerade Mal 19-Jährige gewann sie 2006 an den Berglauf-Weltmeisterschaften die Silbermedaille, an den Berglauf-Europameisterschaften 2009 und 2011 die Goldmedaille und Bronze an den BerglaufWeltmeisterschaften 2010. Dazu ist sie mehrfache Schweizer Berglaufsiegerin und Gewann 2007 den Hochfellnberglauf. Auch auf der Bahn holte sie sich bereits zweimal den Schweizer Meistertitel. Als ich sie den Tüfelschluchtlauf gewinnen sah, fragte ich mich, woher eine so schlanke Person diese Energie hernimmt. Gut, Marathon-Leute und Läufer/innen generell sind eher für Geschwindigkeit gebaut als für Komfort, aber mit 1,68 und gut 52 Kilo wollte ich einfach wissen, wie das funktioniert. Als ich anrief, vertröstet mich Martina auf einen späteren Zeitpunkt, weil sie am Freitag ihre Masterarbeit für ihr Psychologie-Studium einreichen müsse. «Am Freitag um fünf ist ok, um sechs bin ich wieder weg zu einer Geburtstagsfeier.» Nun sitzt Martina mir im gemütlichen Wohnzimmer im Haus ihrer Eltern gegenüber, hübsch zurechtgemacht für die Party, schlank, rank und mit einer Figur, für die neun von zehn Frauen und auch einige Männer ihre Seele verkaufen würden. Natürlich lautet meine erste Frage: Martina, woher nimmst Du die Kraft für diese enormen Leistungen? Nicht nur die Kraft ist in meiner Sportart wichtig, auch die mentale Einstellung muss stimmen, abrufbare Energiereserven müssen vorhanden sein und nicht zuletzt die Bereitschaft, bis ans Limit zu gehen und dort zu bleiben bis zum Zielband. Die Kraft hole ich mir beim Training im Kraftraum, mit Übungen mit dem Eigengewicht. Es geht nicht darum, Muskelmasse zu produzieren, die ich nachher den Berg hinauftragen muss, sondern darum, die optimal passende Kraft ohne Verlust auf den Bewegungsapparat zu übertragen.

Martina Strähl

Foto: Melih Bildik

Und die Energie, wo nimmst Du diese her? Aus dem Gleichgewicht zwischen meinem

ein für mich prima Resultat erzielte und damit bewies, dass ich sehr wohl imstande bin, mit der richtigen Vorbereitung Langdistanz zu laufen. Ein Sieg über sich selbst ist immer ein besonderes Gefühl.

Training, meinem Familienleben und meinem sozialen Umfeld, sprich Freundeskreis und Sportverein, von wo ich enorme Unterstützung bekomme. Für mich ist das ausgeglichene Zusammenspiel aller Lebenskomponenten sehr wichtig, das ist meine Energiequelle. Du hast heute Deine Masterarbeit eingereicht, warum das Studienfach Psychologie? Meinen Körper kennenzulernen, zu erfahren was er zu leisten imstand ist und was nicht, war relativ einfach: Auf Überbeanspruchung reagiert er mit deutlichen Signalen. Anders die Psyche, deren Anspruch an Zuwendung, ihre Reaktion auf Vernachlässigung oder Überbelastung sind eigenwillig, bei allen Menschen verschieden und deshalb oft schwer diagnostizierbar. Ich kann mir vorstellen, später im Sport im psychologischen Bereich tätig zu sein, deshalb meine Wahl. Aber ich bin froh, das Studium jetzt abzuschliessen. Der Endspurt war sehr anstrengend, weil ich trotz Doppelbelastung meine sportliche Leistungskurve halten wollte.

Und wie geht’s weiter? Als ich vor sieben Jahren mein Studium begann wusste ich, dass am Ende diese zeitraubende Masterarbeit zu bewältigen sein wird, parallel zu meinem regulären Trainingsprogramm. Und die zwei letzten Wochen waren wirklich happig. Ich erwischte pro Nacht gerademal vier Stunden Schlaf, der Rest meiner Zeit war aufgeteilt zwischen Studium und Training. Als ich heute Vormittag die Arbeit drucken liess und nachher einreichte verspürte ich eine riesige Befreiung. Jetzt mag kommen was will, ich bin bereit. Hier möchte ich all den Freunden und Bekannten, die mich unterstützen, den Sponsoren und vor allem meiner Familie dafür danken, dass sie mir mein Leben für den Sport ermöglichen. Und jetzt ist Partytime, die habe ich mir verdient.

Apropos Psyche, was war in Deiner bisherigen Karriere emotionell der berührendste Moment? Spontan kommt mir der Luzerner Flachmarathon in den Sinn, als ich trotz allen Ermahnungen, Marathon sei nicht mein Ding,

Foto links: AiR STUDiO, Derendingen

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Best of Solothurn 7. Ausgabe 2014  
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