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Angewandter Idealismus Text und Interview: Maximilian Marti Auf mein Klingeln öffnet sich die Tür. Pius Notter begrüsst mich, führt mich in ein Atrium und entschuldigt sich für einen Moment. Ich war hergekommen weil ich wissen wollte, wie er als Aargauer Unternehmer den Asiaten in Sachen Gartenkunst den Rang ablaufen kann, warum er als erfolgreicher Geschäftsmann eine Menge privates Geld ohne Gewinnerwartung in die Restauration von regionalem Kulturgut steckt, wie seine private Mineraliensammlung zum zwar nicht grössten, dafür zu einem der weltweit bedeutendsten Museen wurde und warum er Fachbücher über Bonsai schrieb. Die Glasfront erlaubt freie Sicht in einen ummauerten Garten von exotischer Schönheit. Auf Steinen, Säulen, Simsen und auf sauberem Kies zwischen murmelnden Wasserelementen stehen unzählige Bonsai in ihren fernöstlich anmutenden Gefässen. Die Szene hat etwas klösterliches, der Welt entrückt, Seelennahrung. «Das Ganze begann als Hobby», unterbricht der Hausherr meine Gedanken. «Ich suchte damals nach einem Ausgleich zur Arbeit im Kader eines Versicherungskonzerns. Dabei stiess ich auf Bonsai. Dieses Naturphänomen faszinierte mich, weil man in Europa noch kaum Kenntnis darüber hatte und, mangels Literatur, ein komplett falsches Bild. Die Berufung wurde zum Beruf. Ich erarbeitete mir das nötige Wissen, verfasste darüber 9 Fachbücher und gründete vor 10 Jahren die Natural Arts Servi-

ces AG, die Dienstleistungsfirma für Gartengestaltung, die heute in internationalen Fachkreisen Massstab ist für Zen-Indizierte Gestaltung. Aber kommen Sie mit, auf einem Rundgang erfahren Sie mehr.» In einem geräumigen Raum stehen Arbeitstische. «Hier führen wir unsere Bonsai Workshops durch. Die Teilnehmenden lernen, wie man Bonsai gestaltet, pflegt und gesund erhält. Und dass Bonsai kein asiatisches Zuchtprodukt ist sondern nichts anderes als mangels optimaler Wachstumskonditionen klein gebliebene Bäume, die man auch in Europa überall finden kann. Man stutzt Bonsai also nicht, damit sie kleinwüchsig bleiben? Nein, die Formgebung dient primär dazu, die charakteristische Baumform zu verdeutlichen und sekundär dem persönlichen ästhetischen Empfinden des Halters. Sobald Bonsai über mehr Raum für Wurzelbildung verfügen wachsen sie heran zu normalen Bäumen. Ich brachte viele Rohpflanzen von meinen Bergtouren mit nach Hause, wenn ich auf Mineraliensuche war, meine zweite Liebe. Hier entlang bitte.» Wir stehen im Mineralienmuseum. Raffinierte Lichtführung bringt die Formen, Farben und Textur der zahllosen Exponate zum leuchten, so wie ich es noch nie gesehen habe. Ein paar davon kenne ich, manche habe ich bei anderen Strahlern gesehen, aber nicht das, was hier an Exotischem zu sehen ist, wundervoll präsentiert auf passenden Fassungen und Sockeln.

Pius Notter: Geld um seinetwillen zu horten, halte ich für un moralisch.

Das haben Sie alles selber zusammengetragen? Im europäischen Teil sind meine Funde und die meiner zwei Freunde, Anton Fähndrich und Dietmar Gerber ausgestellt. Die meisten der asiatischen Steine brachte ich mit von meinen Reisen in Fernost. Zum Teil sind hier Stücke, die nicht mehr zu haben sind, Geschenke von Freunden und museale Unikate von unschätzbarem Wert, um die mich manches Nationalmuseum beneidet. Oft besuchen mich Experten und Kuratoren, um diese Raritäten in Natura zu sehen. Ich finde es eine wichtige Aufgabe, solche Schätze der Natur, aber auch Kulturgüter anderer Art zu erhalten und zu schützen, wenn man dazu in der Lage ist. Wobei wir zum dritten Teil kommen. Vor uns steht ein wundervolles, bemaltes Riegelhaus in seiner vollen Pracht, vor sich der typische, klassische Bauerngarten aus der Zeit. «Das ist das Baumeisterhaus. Aus Mangel an öffentlichen Geldern drohte ihm der Zerfall. Ich kannte dieses Haus seit meiner Kindheit und konnte seinen langsamen Tod nicht mit ansehen.» Deshalb haben Sie es gekauft und auf Ihre Kosten restaurieren lassen? Ja, als dritten Teil meines Bestrebens, der Nachwelt etwas Wertvolles zu hinterlassen. Die Restaurierung erfolgte in Zusammenarbeit mit der aargauischen Denkmalpflege. Ich brauche das Geld nicht zum Leben und werde einmal voraussichtlich nichts mitnehmen, deshalb ist es hier perfekt aufgehoben. Mit diesem Haus schliesst sich die Trilogie meines Lebensinhalts: mit der Natural Arts Services AG auf unserem Spezialgebiet Spitzenarbeit zu leisten, mein Hobby Bonsai anderen zugänglich zu machen und die Nachwelt an meiner grossen Liebe zu raren Mineralien teilhaben zu lassen.

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Best of Aargau 8. Ausgabe 2014/2015  
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