Page 85

ProSpecieRara … Interview: Maximilian Marti …heisst eine Schweizer Stiftung, welche sich «für die Erhaltung und Förderung der biologischen Vielfalt in der Schweiz» einsetzt. Eine edle, lobenswerte Aufgabe. Für viele ein schillernder Irrtum der Natur, für andere die Krone der Schöpfung, gehören wir Menschen zu dieser Vielfalt, bei genauem Hinsehen zwar nicht unbestritten, aber doch recht offensichtlich zur Fauna. Folglich muss die Frage aufkommen, warum sich diese Stiftung wohl für die Förderung von seltenen, durch wirtschaftliches Interesse verdrängten Obstsorten und rar gewordene Ziegenrassen stark macht, nicht aber um seltene Menschen? Um Schweizer Schauspieler zum Beispiel?

Roland Koch, Schweizer Schauspieler, Regisseur und Dozent Bild: SWR/SRF/Sonja Bell

Neugierig geworden, befragte ich eine dieser Raritäten, den gebürtigen Aargauer Schauspieler, Regisseur und Dozent Roland Koch. Er lebt seit 27 Jahren im Ausland, 13 davon in Wien, wo er gefeiertes Mitglied des renommierten Burg Theater Ensembles ist. Einem grossen Fernsehpublikum wurde er bekannt durch die Rolle des Doktor Ulrich Gesswein in der Fernsehserie «Der Fürst und das Mädchen» an der Seite von Maximilian Schell, durch die Mona-Seiler-Krimis mit Mariele Millowitsch und als Kommissar Matteo Lüthi im SWR-Tatort Konstanz. Aktuell inszenierte er am Theater St. Gallen das Stück «Wir lieben und wissen nichts» von Moritz Rinke. Wir trafen uns in Kloten, vor seinem Abflug nach Wien.

Tatort Winternebel

Roland Koch, warum müssen Propheten auch in Ihrem Métier ins Ausland ziehen, um Erfolg zu haben? Weil dem öffentlichen Kulturleben in der Schweiz relativ wenig Bedeutung beigemessen wird, ist dafür auch kein Fördergeld vorhanden. Ergo wird das Kulturleben wohlwollend zur Kenntnis genommen, solange es sich möglichst selbst finanziert, aber ungern aktiv gefördert, angefangen bei der Kleinkunst-Szene über die Filmund Fernsehwelt bis hin zu Schauspiel- und Opernhäusern. Somit sind auch Theaterschaffende und Darstellende ständig mit Existenz-Fragen konfrontiert, was die qualitative Entwicklung beeinträchtigt. Deshalb sind auch die Chancen für angehende Schauspieler sehr gering, auf diesem unzulänglichen kulturellen Nährboden internationalen Standard zu erreichen. Aber diese Diskussionen um Geld und Kunst, dass Kunstgenuss eine elitäre Sache sei, gab es nicht nur hier schon immer, man denke an die Geschichte des Zürcher Opernhauses in den 80ern. Worin liegt die Ursache? Darin, dass in den letzten 25 Jahren ein wirtschaftlich erfolgreich gesteuertes Umdenken stattfand: das Kulturbedürfnis wurde umgepolt auf Einkaufs-Erlebnis. Auch an den Schulen ist Kultur kaum mehr ein Thema. Überall werden kostspielige Shopping-Tempel mit attraktivem Rahmenprogramm erstellt, wie zum Beispiel hier, das Erlebnis-Paradies Kloten. Zufällig kann man von hier auch wegfliegen, muss man aber nicht. Solche Tempel schiessen wie Pilze aus dem Boden, egal was es kostet.

Bild: SWR/Peter Hollenbach

Was könnte man daran ändern? Das Bewusstsein wecken und schüren, dass mit dem Rückgang oder gar Zerfall des Kulturlebens der Prozess der Verrohung synchron voranschreitet. Darum wird der wieder neu erwachte Gedanke, Kulturkosten einzusparen, sehr teure, das gesamte System tangierende Folgen haben. Die Reparaturkosten werden um vieles höher sein als das Wenige, das jetzt eingespart werden kann. Ein Beispiel? In Ostdeutschland wurden bedeutende Theater aus Geldmangel kurzerhand geschlossen. Nach nur fünf Jahren sind diese Innenstädte zu rechtlosen, gewaltgeprägten Zonen verkommen. Die Bereitschaft zivilisiert und gewaltfrei miteinander umzugehen sind Merkmale einer kulturell interessierten, aktiv involvierten Gesellschaft. Aber diese Haltung muss von einer Generation an die nächste weitergegeben, an der Schule gelehrt und im Alltag vorgelebt werden und hat ihren Preis, wie alles Gute. Auf der Heimfahrt überfällt mich der Gedanke, dass das helvetisch-kulturelle Desinteresse daher stammen könnte, weil wir nie in einer Monarchie lebten. Somit waren auch keine Prunkbauten wie Staatsopern oder -Theater nötig als Kulisse für die lebenslustige Regentschaft. Oder doch? Der Blick von der Kirchenfeldbrücke zum Bundespalast … www.rolandkochschauspieler.de

2 85

Best of Aargau 8. Ausgabe 2014/2015  
Best of Aargau 8. Ausgabe 2014/2015  

Best of Aargau 8. Ausgabe 2014/2015

Advertisement