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Das hat ja gedauert! Auf meine Frage, wie er auf diese wegweisende Idee gekommen sei, erklärte mir der findige Mann: Der Auslöser war ein Besuch im TinguelyMuseum. Plötzlich fragte ich mich, was passieren würde, wenn dort eine resolute Putzfrau all die vorhandenen Teile sauber aufräumen würde. Wäre es immer noch Kunst? Ich zeichnete ein Comic zum Thema, meine Kritiker fanden es gut, zumal das Thema Ordnung uns alle betrifft, der Rest ist Geschichte.

Text und Interview: Maximilian Marti Echte Schweizer sind ordnungsliebende, harmoniebedürftige Leute. Deshalb ist klar, warum der Drang, das chaotische Durcheinander in der Kunstwelt aufzuräumen, einen Schweizer heimsuchte, einen linkshändigen Aarauer obendrein: Urs Wehrli, die Ursus-Hälfte des erfolgreichen KomikerDuos «Ursus und Nadeschkin». In bisher drei veröffentlichen Bänden zeigt der gelernte Typograf, bildende Künstler, Fotograf und Aktionskünstler der Welt, warum Ordnung auch im Kunstbetrieb unverzichtbar ist. Wie viel ruhiger hätte Pablo Picasso schlafen können, hätte ein Ursus Wehrli ihm gezeigt, wie man mit etwas cooler Zurückhaltung recht brauchbare Kunst zustande bringt? Wie friedlich hätte Bruegel’s Dorfplatz vor sich hingedöst, hätte rechtzeitig jemand mit übereifrigen Kunstmalern im Allgemeinen Klartext geredet? Ist nicht gerade im Bereich Kunst die Reduktion auf das Wesentliche das Mass aller Dinge, das höchste der Gefühle? Man stelle sich den Louvre voller von Ursus Wehrli aufgeräumter Bilder vor. Alle Besucher erhalten eine Leinwand, Pinsel, Palette und ein Set Acrylfarben. Welch wundervoller Appell an die Fantasie jedes Einzelnen, mit den Komponenten auf den Musterbildern der Meister seine eigene

Urs Wehrli

Foto: Geri Born

Vorstellung eines Bildes zu erschaffen, das dem vorgegebenen Titel entspricht! Kulturelle Umkehr wäre die Folge, es würde wieder gemalt, Schach und Klavier gespielt anstatt Fussball, fraglos ein epochaler Gewinn für die zivilisierte Welt. Ausser durch aufgeräumte Bilder wurde Ursus Wehrli bekannt mit seinen Aufräumarbeiten auf Fussball- und Parkplätzen, in Pommes-Schalen und auf Badewiesen. Dank Übersetzungen seiner Bücher wissen auch Tessiner, Italiener, Welsche und Franzosen wie wohltuend es ist, Kunst im Ausgangsstadium zu erleben, vor dem störenden Eingreifen durch Künstler.

Haben Sie diesen zündenden Erfolg erwartet? Absolut nicht. Besonders überraschte mich, dass meine Idee heute bereits in Schulen als spielerisches Beispiel gilt für analytisches Vorgehen. Faszinierend ist auch das weltweite Interesse an meinem Vorschlag, Gegebenes auch mal zu hinterfragen, aus einer anderen, persönlichen Perspektive anzugehen. Dass sich der Flächenbrand aus Europa hinaus in so kurzer Zeit bis nach New York und Korea ausbreitete verblüffte auch mich. Und wie geht’s weiter? Mit Nadeschkin zusammen im Duo auf Tour und Engagements, solo mit Auftritten, Aktionen, Lesungen, Ordnung schaffen, wo immer ich kann und mit den Vorbereitungen für den nächsten Band. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, stellte ich mir vor, wie viel näher wir der idealen Weltordnung kämen, wenn alle relevanten Komponenten gut erkennbar sortiert würden. Und wie dankbar Kunstexperten rudelweise sein werden, wenn sie an Vernissagen für das heillose Durcheinander auf einer Leinwand nicht mehr krampfhaft nach Erklärungen suchen müssen, sondern nur zu sagen brauchen: Sehen Sie denn nicht die offensichtliche Ordnung dahinter? (Ebenfalls der Ordnung halber wurde im Text ausschliesslich die maskuline Form verwendet. Gemeint sind natürlich sämtliche bekannten Geschlechter.)

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Best of Aargau 8. Ausgabe 2014/2015  
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