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Im Gespräch mit dem Kunstmaler Christoph Aerni Kann ein Laie eine Kopie erkennen? Ja, wenn die Masse des Originals bekannt sind. Kopien müssen im Format vom Original abweichen, wenn auch nur minimal, damit sie bei exakter Prüfung zweifelsfrei als Kopie erkennbar sind. Brauchbare Kopisten sind rar und gelten in der Branche als gute Handwerker, aber für gute eigene Arbeiten fehlt ihnen oft die Kreativität.

Text und Interview: Maximilian Marti Herr Aerni, in Ihrem Atelier habe ich einen angefangenen Anker gesehen, den «Gemeindeschreiber». Sind Sie ein Kopist, oder gar ein Fälscher? Weder noch, obschon ich beides sein könnte. Aber meine eigene Bandbreite, angefangen mit meiner Spezialität Portrait über moderne Impression, Fotorealismus und Landschaften, Still, Akt, Objekt und Interpretation, füllt mich dermassen aus, dass ich am Interpretieren nur dann Interesse habe, wenn ich Kunstliebhabern mit einem perfekten Duplikat Zugang verschaffen kann zu einem sonst unbezahlbaren Bild. 1:1 Kopien werden von werden auch von Museen und privaten Sammlern als Exponate benötigt, damit die kostbaren Originale sicher verwahrt bleiben. Solche Massnahmen sehe ich als akzeptable Motivation für einen Maler, im Auftrag Kopien herzustellen. Diese dürfen dem Original qualitativ in nichts nachstehen, sollen aber nicht dessen Alter vortäuschen. Zum Fälschen per se fehlt mir schlichtweg die kriminelle Energie.

Selbstportrait

Und was ist mit dem angefangen Anker? Der sieht verdächtig echt aus! Ja, der liebe Anker. Ein ausgezeichneter Maler mit wundervollem Verständnis für Anatomie, Licht und Schatten. Für mich ist die Wiedergabe lebensechter Anatomie in der Malerei die Königsdisziplin und eines meiner Lieblingsthemen. Darum wählte ich diesen und andere Anker als Kulisse für einen aktuellen Vordergrund. Das Bild wird morgen fertig, dann wird der Gemeindeschreiber den Aufenthaltsantrag eines Mädchens aus unserer Zeit prüfen, das in Jeans und T-Shirt vor ihm steht. Das ist Interpretation wie ich sie liebe.

Was macht eine Fälschung für Sie als Fachmann perfekt? Grundsätzlich unterscheide ich zwischen Kopie und Fälschung. Die Kopie wird erstellt als legitimes Duplikat eines bereits bestehenden Werks. Handwerklich perfekt ausgeführt, sollte sie bei näherem Hinsehen auch für Kenner als Original wahrgenommen werden. Die Rückseite des Gemäldes, sprich Alter, Herkunft, Zustand und Kombination der verwendeten Materialien sind bei dieser oberflächlichen Prüfung noch nicht miteinbezogen. Warum wird zwischen Kopie und Fälschung unterschieden? Im Gegensatz zur Kopie wird die Fälschung aus kriminellem Antrieb erstellt, mit der klaren Absicht zur unrechtmässigen Bereicherung. Was die Technik betrifft, muss der Fälscher dieselbe handwerkliche Fertigkeit aufweisen wie der Kopist. Voraussetzung zum Erfolg ist hier genaueste Kenntnis der historischen Entwicklung der Malerei. Egal um welche Schule, Stilrichtung oder Epoche es sich handelt, welcher Maler das Vorbild gemalt hat, die Fälschung muss jeder Prüfung standhalten. Gründliche Recherchen, die angewendete Technik und die Materialien wie Pigmente, Holz, Leinwand, Grundierung, Firnis sowie das Rahmenund eventuelle Flickwerk betreffend sind notwendig, um nur schon einen Ausgangspunkt zu erreichen. Ganz zu schweigen von der Imitation der Alterungsprozesse. Nach erfolgtem «Mise en place» malt der Fälscher ein neues, noch nicht existierendes Bild im Stil des ausgewählten Kunstmalers. Dieses Bild gelangt dann als «Estrichfund» in den Handel und kann, wenn überhaupt, nur mit forensischen Tests entlarvt werden. www.aerni.ws

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Best of Aargau 8. Ausgabe 2014/2015  
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