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Ella Freakella Und das Geheimnis von Süßburg

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Manuskript 1.0

November 2010

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Š Mimi Welldirty

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Let me take you down,

cause I‘m going to Strawberry Fields. Nothing is real

and nothing to get hung about. Strawberry Fields forever. The Beatles

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Für alle kleinen und großen Kinder, die nicht perfekt sein wollen. Und für Lauryn,

weil sie den mit Abstand schönsten blauen Punkt auf der Nase trägt, den ich jemals gesehen habe.

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Erstes Kapitel Willkommen in Süßburg

Zweites Kapitel Bittere Törtchen

Drittes Kapitel Niemand glaubt einem Freak

Viertes Kapitel Eine mysteriöse Kiste

Fünftes Kapitel Ich sehe was, das du nicht siehst

Sechstes Kapitel Neue Kleider

Siebtes Kapitel Eine von uns

Achtes Kapitel Eine unglaubliche Entdeckung

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Neuntes Kapitel Ich erkenne dich nicht mehr wieder

Zehntes Kapitel Du darfst ihrem Ruf nicht folgen

Elftes Kapitel Da steht dein Name drauf

Zwölftes Kapitel Lass meine Hand nicht los

Dreizehntes Kapitel Niemand kommt an sie heran

Vierzehntes Kapitel Ein Fenster in die andere Welt

Fünfzehntes Kapitel Wir müssen auf die Burg

Sechszehntes Kapitel Der Spiegel

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Erstes Kapitel Willkommen in Süßburg

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as ist Ella (und Ellas Mutter, die ziemlich groß ist.). Ella ist acht Jahre alt und mag am liebsten frische Apfelpfannkuchen. Außerdem sammelt sie für ihr Leben gern tote Käfer.

Wenn sie keine toten Käfer sammelt, dann sucht sie im Garten nach ausgefallenen Vogelfedern, um daraus Flügel zu basteln, die sie sich auf den Rücken schnallt. Ella lebt mit ihren Eltern in einer kleinen Stadt namens Süßburg.

Ein seltsamer Name für eine Stadt, dachte Ella, als ihre Mutter ihr damals aus heiterem Himmel verkündete: » Ella, wir ziehen um! Nach Süüüßburg!« »Nach Süüüüüüßburg?!«, fragte Ella verdutzt. »Was ist denn das für ein merkwürdiger Name für eine Stadt!?«

Recht hatte sie. Süßburg war in der Tat ein merkwürdiger Name für eine Stadt. Doch in diesem Fall passte er wie kein zweiter, denn jeder der in Süßburg lebte, sah so süß aus, so schrecklich süß, dass man oft zwei oder drei Mal hinsehen musste, bevor man es tatsächlich glauben konnte.

Es gab schier niemanden in Süßburg, der es nicht verstand, seine Umwelt innerhalb weniger Augenblicke allein durch sein bloßes Äußeres in höchste und oft nicht enden wollende Entzückung zu versetzen. «Oh, das ist ja soooo süüüüüß!« und «Neiiiin, wie süß ist denn das!«, 13


schallte es aus allen Richtungen. Manchmal auch «Meine Güte, so etwas Süßes habe ich ja noch nie gesehen!« oder «Wenn ich dich länger ansehe, bekomme ich Karies!« Und dann kam Ella in die Stadt.

»Was. Ist. Das.«, lautete der erste Satz, den Ella vernahm, als sie mit ihren Eltern samt Koffern, Kisten und Möbeln in Süßburg vor ihrem neuen Zuhause stand und es kaum abwarten konnte, ihr neues Zimmer in Augenschein zu nehmen.

Doch wie aus dem Nichts stand plötzlich dieses Mädchen mit langen blonden Haaren und Wangen so rot leuchtend wie frisch gepflückte Erdbeeren in einem wunderschönen rosafarbenen Kleid vor ihr und musterte Ella wie einen alten, stinkenden Putzlappen. »Was ist das Gegenteil von süß!?«, fragte es Ella. Ihr blondes Haar glänzte so hell, dass es selbst die Sonne in den Schatten stellte.

Ella zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Sauer?«, antwortete sie und sah ihr Gegenüber erwartungsvoll an. »Falsch! Du bist das Gegenteil von süß!«, fuhr das niedliche Mädchen sie an und bohrte Ella ihren langen, spitzen Zeigefinger in die Brust. »Aua!«, schrie diese entsetzt auf und rieb sich die schmerzende Stelle auf ihrer Brust. »Was soll das!« »Hör zu, Humpelbacke, du hast hier nichts zu suchen, ist das klar? Leute wie dich mögen wir hier gaaaar nicht!«

Mit diesen Worten machte das süße Mädchen auf den Absätzen ihrer roten Riemchenschuhe kehrt und zog von Dannen. Natürlich nicht ohne Ella von unterwegs einen giftigen Blick zuzuwerfen.

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»Wie entzückend.«, sagte ihr Vater, der das Geschehen aus nächster Nähe beobachtet hatte. »Willkommen in Süßburg.« Etwas fassungslos schüttelte er den Kopf darüber, was er eben gehört hatte und stellte die Wohnzimmerlampe, die er gerade ins Haus tragen wollte, neben sich ab. »Mach dir nichts draus.«, sagte er und warf Ella einen tröstenden Blick zu. »Sie ist heute Morgen wahrscheinlich nur mit dem falschen Bein aufgestanden.«

Liebevoll strich er Ella über das schwarze Haar und zwinkerte ihr aufmunternd zu. Dann hob er die Wohnzimmerlampe wieder vom Boden auf und brachte sie ins Haus. »Falsches Bein ...«, murmelte Ella und sah traurig an sich herunter. Ihr rechtes Bein war ganze fünf Zentimeter kürzer als ihr linkes.

Nicht das Mädchen, sondern sie stand jeden Morgen auf dem falschen Bein auf, und war trotzdem nicht so schlecht gelaunt und unhöflich zu anderen Menschen, dachte sie. Daran sollte sich diese dumme Nuss mal ein Beispiel nehmen. Ella atmete tief durch. Dann holte sie ihre Spielzeugkiste aus dem Auto und brachte sie ins Haus. Sie war erstaunt darüber, wie viele Zimmer das neue Haus hatte. Allein auf dem Gang, der zu ihrem Zimmer führte, zählte sie ganze vier Schlafzimmer, zwei Gästezimmer, drei Badezimmer und zwei große Abstellkammern.

In diesem schönen, großen Haus könnte man sicher ganz wunderbar Verstecken spielen, dachte Ella. Oder Räuber und Gendarme, Sackhüpfen, Eierlaufen, nein, sogar Radfahren könnte man in diesen endlos langen Gängen, Rollschuh laufen, Tausende von Radschlägen in einer Reihe machen .... Doch mit wem hätte Ella in dem schönen großen Haus spielen sollen? 15


»Hör zu, Humpelbacke, Leute wie dich mögen wir hier gar nicht«, hatte das blonde Mädchen gesagt. Ella verstand die Welt nicht mehr. Sie war doch kein Monster!

Und für ihr kurzes Bein konnte sie doch nichts. Nur weil sie humpelte, wollte keiner mit ihr spielen? Noch nie hatte jemand so etwas böses zu ihr gesagt. Plötzlich wurde sie ganz traurig. Als sie schließlich ihr neues Zimmer betrat, hätte sie am liebsten die Türe hinter sich verschlossen und nie wieder geöffnet.

Am nächsten Morgen saß Ella mit ihren Eltern am Frühstückstisch und fragte sich, warum diese so unglaublich gut gelaunt waren. »Gibt‘s heute keine Spiegeleier?«, fragte sie voller Ungeduld. Sie war heute morgen ganz und gar nicht gut aufgelegt. Doch ihre Eltern schenkten ihr keinerlei Beachtung. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig in die Seite zu zwicken und dabei zu gackern, wie zwei alberne Teenager. »Hallooo! Ich hätte gerne Spiegeleier!«, rief Ella und zerrte an der Tischdecke, bis die Teetassen ihrer Eltern bedrohlich zu klirren anfingen. »Ach, Schatz, Spiegeleier gibt es heute nicht. Wir sind spät dran. Dein Vater muss heute in die Praxis und nachsehen wie weit die Handwerker gekommen sind und ich muss dringend in die Stadt, um ein paar Besorgungen zu machen.« Ella verschränkte wütend die Arme ineinander. Warum hatten ihre Eltern ausgerechnet jetzt keine Zeit für sie? Besorgungen machen - das bedeutete in der Regel, dass ihre Mutter den ganzen Tag in der Stadt verbrachte und dann am Abend mit Dutzenden Tüten voller Blusen, Kleider und Schuhe nach Hause kam.

»Warum sind wir eigentlich nach Süßburg gezogen?«, wollte sie wissen 16


und fügte trotzig hinzu »Ich glaube, mir gefällt es hier überhaupt nicht.« »Ach, Ella, das haben wir dir doch schon so oft erklärt.«, sagte ihr Vater. »Wegen der Zähne!« Und ihre Mutter ergänzte »Die Süßburger mögen ja vielleicht alle aussehen wie aus dem Ei gepellt, aber schau ihnen nicht in den Mund!«

»Ich werde Süßburg schon den süßen Zahn ziehen.«, scherzte Ellas Vater und ließ sich von seiner Frau noch eine Tasse Tee einschenken.

»Für Zahnärzte ist Süßburg wahrlich ein Paradies!« Ihre Eltern kicherten verschwörerisch.

Ella konnte darüber nur den Kopf schütteln. Sie fand es hier ganz und gar nicht paradiesisch. Außerdem vermisste sie ihre Freunde. Und seit ihrer äußerst unangenehmen Begegnung mit diesem seltsamen blonden Mädchen, vermisste sie ihre Freunde sogar noch ein bisschen mehr. Nachdem ihre Eltern das Haus verlassen hatten, beschloss sie, das kleine Städtchen Süßburg auf eigene Faust zu erkunden. Am Ende siegte die Neugierde über ihre Angst davor, dem bösen Mädchen ein weiteres Mal in die Arme zu laufen. Und Ella hatte Glück.

Weder das Mädchen, noch sonst irgend jemand befand sich auf den Straßen, als sie ihren Erkundungsgang antrat. Vergnügt schlenderte sie durch die Stadt, vorbei an zahlreichen Schönheitssalons, Frisörläden und Konditoreien. Und noch mehr Schönheitssalons, Frisörläden und Konditoreien. Merkwürdig, dachte Ella, hier schien sich alles ausschließlich um Schönheit und Süßigkeiten zu drehen.

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Und Ellas Beobachtungen täuschten sie keineswegs. Süßburg war in der Tat ein Mekka für Süßmäuler und Schönheitsköniginnen.

Was Ella zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass Süßburger nicht unbedingt dafür bekannt waren, geistige Höchstleistungen zu vollbringen. Noch nie in seiner gesamten Geschichte hatte das kleine Städtchen einen berühmten Wissenschaftler hervor gebracht, geschweige denn Professoren, Erfinder oder Dichter, Maler oder Schriftsteller. Dafür aber, hatte Süßburg ganze 102 Schönheitssalons, 189 Frisörlädchen und 176 Konditoreien. Beachtlich für eine Stadt, die gerade einmal 500 Einwohner hatte.

Allerdings pilgerten jedes Jahr hunderte, nein tausende von Menschen nach Süßburg, um Kuchen, Torten und Gebäck zu verschlingen und sich anschließend in einem der Schönheitssalons rundum verwöhnen zu lassen. Süßburger waren zweifellos Koryphäen darin, sich selbst, aber auch anderen Menschen das Leben auf eine Art und Weise zu versüßen, von der man sonst nur zu träumen wagte. Ein Talent, das man ihnen sozusagen mit in die Wiege gelegt hatte.

Sie liebten es einfach, ihre Umwelt zu verzücken und zu verzaubern, den Menschen Aaaaahs und Ooooohs zu entlocken, Torten zu backen, die bis in den Himmel ragten und ihre gesamte Umgebung mit rosafarbenen Schleifchen, Bildern von Katzenbabies und Hundewelpen, aufwendig gesteckten Blumenbouquets und niedlichen kleinen Porzellanpüppchen zu dekorieren. Und wenn ein Süßburger an dir vorbei ging, hinterließ er oft einen derart betörenden Duft, dass du noch tagelang an ihn denken musstest. Wie an den hinreißenden Duft frisch gebackener Apfelkuchen oder Waffeln mit Zimt. Außerdem waren die Bewohner von Süßburg überaus selbst verliebt und unsagbar eitel. 18


Sie konnten an keinem Spiegel vorbei gehen, ohne sich mindestens eine Minute lang darin zu betrachten, dabei ein erleichtertes »Aaach!« auszustoßen und sich darüber zu freuen, dass der liebe Gott (oder wer auch immer) ihnen ein so bezauberndes Antlitz verliehen hatte.

Süßburg war derart selbstverliebt, dass es sogar der festen Überzeugung war, die Sonne würde sich um die Erde drehen (wie gesagt, Süßburger waren nicht unbedingt für ihren messerscharfen Verstand bekannt). Manche von ihnen glaubten sogar, die Sonne würde sich ausschließlich um Süßburg drehen, denn alles was sich außerhalb von Süßburg befand war es sicher nicht wert gewesen, im Glanze der Sonne zu erstrahlen. Dieses Privileg, dachten die Süßburger, konnte nur ihnen zuteil werden, schließlich hatten sie das bezauberndste und süßeste, anmutigste und märchenhaft schönste Städtchen weit und breit.

Die Süßburger liebten ihr idyllisches Städtchen, das sie über Jahrhunderte mühevoll aufgebaut hatten. Was sie nicht liebten, sogar verabscheuten, waren Menschen, die nicht in ihr Bild von einer perfekten Welt passten, weil sie in ihren Augen nicht süß genug waren. Diese Menschen mussten konsequent ignoriert oder besser noch – direkt aus der Stadt verbannt werden. Als Ella von ihrem Erkundungsgang zurück nach Hause kehrte, überkam sie nicht nur eine wahnsinnige Müdigkeit, sondern auch eine große Portion Zufriedenheit. Süßburg war eine wahrlich schöne kleine Stadt und für Süßes hatte Ella außerdem schon immer etwas übrig gehabt. Vielleicht war Süßburg am Ende doch ein schöner Ort, an dem sie sich schon bald wie zu Hause fühlen und neue Freunde finden würde.

Sehnsüchtig dachte sie an die unzähligen Törtchen und Kuchen, die sie in den Auslagen der vielen Konditoreien und Cafés gesehen hatte, nein, ihre Nase hatte sie sich regelrecht platt gedrückt, an den Schaufens19


tern, an denen sie heute vorbei spazierte, ganz sorglos und vergnügt, ohne jemandem zu begegnen, der es nicht gut mit ihr meinte.

Ein schöner Tag war das, dachte Ella und kuschelte sich in ihr warmes Bett. Noch ganze vier Wochen Ferien bis die Schule wieder anfing. Bis dahin würde sie sicher eine Freundin gefunden haben, mit der sie nach der Schule in einem der vielen Cafés sitzen würde, um Kuchen zu naschen und Kakao zu trinken. Und danach würden sie in dem schönen neuen, großen Haus Radschläge die langen Flure entlang machen, Verstecken spielen oder Räuber und Gendarme, Sackhüpfen, Eierlaufen oder .... Langsam wurde Ella müde, ihre Augen wurden schwerer und schwerer und ... oh, die schönen Sterne am Nachthimmel, sie leuchteten heute viel heller als sonst ...

Mit diesem Gedanken schloss Ella die Augen und schlief glücklich und zufrieden ein.

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ELLA FREAKELLA - Und das Geheimnis von Süßburg  

Hast Du auch manchmal das Gefühl, als hätte sich die ganze Welt gegen Dich verschworen? Und was, wenn es tatsächlich so ist?

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