Vorschau Frühjahr 2022 mikrotext

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Programm Frühjahr 2022


Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde und Freundinnen von mikrotext!

Nominiert für den Berliner Verlagspreis 2021

Ruth Herzbergs Mammutwerk Die aktuelle Situation entstand im Laufe des Pandemiejahres 2020. Die alleinerziehende Mutter und On-Off-Geliebte begegnet den Zumutungen eines pandemischen Alltags und eines euphorisch-alptraumhaften Liebeslebens, indem sie schreibend und ohne Rücksicht auf Verluste, den Dingen auf den Grund geht. Die tagebuchartige Textsammlung schließt an die Handlung ihres erfolgreichen Romans Wie man mit einem Mann unglücklich wird an und setzt diesen mit mehr Personal, mehr Horizont, mehr Schmerz und noch mehr Spaß fort. Komplett verändert hat sich die Kunstwelt: Non-Fungible Token, so genannte NFT, sind Kunstwerke als digitale Unikate, also eigentlich etwas Paradoxes. Yevgeniy Breyger hat darüber nachgedacht und Kryptomagie geschaffen, die anfassbar und auch nicht-anfassbar erscheinen wird. Alles über die neuen Bücher (und ein Heft) auf den nächsten Seiten. Danke, dass es Sie und die vielen anderen Leserinnen und Leser gibt!

Ihre

Am 26. März 2022 ist Indiebookday!

Foto: Sarah Eick Umschlag: pawel-czerwinski auf Unsplash

Nikola Richter Verlegerin mikrotext

Vor 30 Jahren arbeitete Berthe Arlo (Pseudonym) im Nachtdienst, fast 20 Jahre lang. Und sie hielt fest, was sie sah. Welche Mängel, welche Zustände. Wie Körper altern, wie Seelen abdriften. Wir veröffentlichen ihre Mitschriften Nachts wach, literarische Porträts von Pflegebedürftigen. Es sind Texte, die aufzeigen, was der Mensch ist, wie Körper sich begegnen und welche Herausforderungen das Altern stellt. Wir wünschen uns für diese Texte große Aufmerksamkeit und den Mut, nicht wegzuschauen.


»Zwei Nachtwachen für über achtzig Bewohner. Zusätzlich auf die Klingel gehen im angegliederten Wohnheim. Dabei lauern die Gefahren gerade im Dunkel der Nacht. Denn alte und auf Pflege angewiesene oder demente Menschen befinden sich in der gleichen schutzbedürftigen Lage wie kleine Kinder. Ganz besonders in der Nacht können sie Gefahren nicht einschätzen, verlaufen sich, verletzen sich, ängstigen sich und was der Dinge mehr sind. Auf Gedeih und Verderb sind die alten Menschen denen, die sie pflegen, ausgeliefert und auf fremde Hilfe angewiesen Dabei ist jede Nachtwache in jeder Nacht auf sich allein gestellt. Denn jeder Nachtwache wird in jeder Nacht eine Verantwortung aufgebürdet, die sie eigentlich überhaupt nicht tragen kann. Dank an alle Menschen, die im Nachtdienst arbeiten, dafür, dass sie diese Zustände ertragen und aushalten, oft ihre Pausen opfern und eigene Befindlichkeit hintenanstellen, bei aller Überbelastung versuchen, wenigstens ein klein wenig menschliche Nähe und Zuwendung den Menschen gegenüber zu zeigen, die ihnen anvertraut sind.«

Berthe Arlo


LADY Nein, Frau Brahms wollte nicht ins Altersheim, auch wenn sich dies Seniorenheim nannte. Allerdings hatte sie gegen ein Kurhotel nichts einzuwenden. Also verkauften ihre Angehörigen ihr das ganz gewöhnliche Altersheim als ein sehr vornehmes Kurhotel. In diesem weilt sie nun schon einige Jahre. Pflegepersonal? Nie gehört. Das sind doch die Dienstboten von Frau Brahms. Sie ist eine Lady, hat Allüren wie ein Opernstar. Und die lebt sie mit Vorliebe in der Nacht aus. Lang, dürr, immer in bodenlange weiße oder geblümte Nachthemden gewandet, lustwandelt sie durch die Nachtstunden. Sie spricht ein gepflegtes Hochdeutsch. Drückt sich sehr gewählt aus, wenn sie sich denn überhaupt dazu herablässt, das Wort an ihre Lakaien zu richten. Auf ihre feinen Angehörigen sind die Nachtwachen stocksauer. Sie brauchen ja nachts auch nicht den Zimmerservice zu machen. Das sollten die sich mal ansehen! Hin und her und her und hin durchmisst Lady Brahms ihr Gelass. Und immer trägt sie dabei ihr geliebtes Fotoalbum im roten Ledereinband unter dem Arm. Wenn ihr Nachthemd schon eingenässt ist, zieht sie es selbst aus und pfeffert es irgendwo hin, meistens unter ihr Bett. Dann trägt sie nichts mehr an ihrem dürren Leib als das Netzhöschen.


»Eine Lektüre, die man nicht mehr vergisst.“« Sieglinde Geisel Berthe Arlo erzählt in Nachts wach in tagebuchartigen Erzählungen von der Realität des Sterbens, von der Überforderung der Pflegenden – und auch von der Unverschämtheit mancher Heimbewohner. Sie lässt kein Tabu aus: Einerseits ist es die ungeschönte, geradezu brutal geschilderte Realität, andererseits ein oft poetischer Text, manches hat einen surrealen Touch, und man denkt unwillkürlich an Dostojewskis Aussage, dass nichts fantastischer sei als die Wirklichkeit. Man möchte das nicht lesen, und doch kann man nicht mehr aufhören: Könnte es meinen Eltern auch einmal so gehen, oder mir selbst? Der Text ist dreißig Jahre alt, denn damals arbeitete die heute über 80-jährige Autorin als Nachtpflegerin in einem Pflegeheim. Erstaunlicherweise hat sich an den Verhältnissen nicht viel geändert. Dies verleiht dem Text eine fast unheimliche Aktualität und es steigert den Respekt vor Pflegenden immens.

Berthe Arlo, geboren in den 1940er Jahren in Berlin. Unterschiedliche Tätigkeiten zum Geldverdienen, unter anderem 19 Jahre Nachtdienst als Pflegehelferin in einem Altersheim von Mitte der 1980er bis Mitte der Nuller-Jahre. „Mich beschäftigen die Probleme alter Menschen und die stetige, unaufhaltsame Veränderung der Welt, in der wir leben.“

Berthe Arlo Nachts wach Mit einem Experten-Interview über die Pflegesituation heute Erscheint im Januar/Februar 2022 Taschenbuch ca. 200 Seiten 20 EUR ISBN 978-3-948631-20-8 E-Book 9,99 EUR ISBN 978-3-948631-19-2

› Pflege in Deutschland › Mitmenschlichkeit › Nachtdienst


»Ich zitiere jetzt zum Runterkommen einfach ein paar Sätze aus dem Deutschunterrichtsbuch meiner Tochter: „Heute schenkt Luise ihrer Mutter Blumen. Oma kocht den Kindern am Abend ihr Lieblingsessen. Meine Tante kauft mir in der Stadt ein Buch. In der Schule erklärt ein Feuerwehrmann den Kindern heute seine Arbeit. In der Pause teilt uns der Hausmeister auf dem Schulhof die Spielgeräte aus.“ Vom feministischen Standpunkt und auch von jedem anderen aus gesehen sind diese Sätze nicht mehr wirklich modern, aber vielleicht wird man die schlichte Schönheit dieser Sätze dereinst zu schätzen wissen.«

»Wir haben endlich das ultimative Mittel gefunden, um uns für immer zu versklaven: Wir setzen das Leben mit dem Tod gleich. Der Anblick eines menschlichen Gesichtes ist der Tod / Spielende Kinder sind der Tod. / Theater / Kinos / Clubs / Restaurants / Cafés / Bars / Besuche sind der Tod./ Spaß ist der Tod. / Glück ist der Tod. / Nähe ist der Tod. / Kontakt ist der Tod / Liebe ist der Tod.«

Foto: Hannah Herzberg

Ruth Herzberg wurde 1975 in Ost-Berlin geboren. Nach einem Drehbuch-Studium an der Filmuniversität Konrad Wolf schreibt sie Bücher und andere Texte, zum Beispiel auf Frau Ruth oder für die Berliner Zeitung, den Freitag, den Tagesspiegel. Sie lebt und arbeitet in Berlin-Prenzlauer Berg. Von ihr erschienen bei mikrotext Wie man mit einem Mann unglücklich wird und Wie man mit einem Mann glücklich wird.


»Wenn ich gefragt werden würde, welcher Autorin ich eine moderne, zeitgeistige Tonalität attestieren würde, dann wäre es wohl Herzberg.« Vom Lesen und Schreiben Wir dachten, sie sei vorbei, „die aktuelle Situation“, doch Corona bringt uns erst jetzt wirklich an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Ruth Herzberg schreibt an diesem Rand entlang, als alleinerziehende Mutter zweier Kinder, als verzweifelte Liebhaberin und als prekäre Berliner Bohemienne, in einem Furor, der die Erstickungsgefahr durch Lachen und Schreien befreit.

Ruth Herzberg Die aktuelle Situation Journal Erscheint im März/April 2022 Taschenbuch ca. 400 Seiten 25 EUR ISBN 978-3-948631-22-2 E-Book 12,99 EUR ISBN 978-3-948631-21-5

› Nicht P.C.

Die tagebuchartige Textsammlung ist zugleich Selbstdarstellung, Bekenntnis, Revenge Porn, Wutanfall, Gesprächsangebot, Kriegserklärung, Anklage, leichte Unterhaltung, Soap Opera, Essay, Überlebensratgeber, Geisterbeschwörung, Verweigerung jeglichen Gehorsams und verstärkte Maßnahme gegen die verstärkten Maßnahmen. Die aktuelle Situation ist außerdem die Fortsetzung von Ruth Herzbergs erfolgreichem Roman Wie man mit einem Mann unglücklich wird, inklusive Einkäufen mit Handschuhen, steigenden Bitcoin-Kursen, geschlossenen Grenzen, Begegnungen mit selbsternannten Gurus, Home Schooling-Erleuchtungen, Neuen Normalitäten, Permanent Vacation Feelings, Spirit Animals als letzter Rettung – und immer wieder zu viel Liebe und zu wenig Sex oder umgekehrt.

› Nicht jugendfrei

»In der Tat gibt es einige Corona-Chroniken, aber es gibt nur eine aus der unverwechselbaren Herzbrg’schen Feder. Sie schreibt sich diesen ganzen Frust von der Seele, aus der spricht es so schön unerbittlich ehrlich, so witzig, kreativ und schlau frustriert, dass dieses Buch auch nach dieser ‚aktuellen Situation‘, die offenbar lange ‚aktuell‘ bleiben wird, eine eindrückliche Retrospektive möglich machen wird. « Konstantin Nowotny


Das erste bekannte Cryptopoem ruht im Sand. Es versteckt sich zwischen Muscheln. The first known cryptopoem rests in sand. It hides between shells.


Kleine süße Cryptopoems. Yevgeniy Breyger wird in Gedanken an digitale Kunst sentimental und sucht Beziehungen zwischen Reproduzierbarkeit und Originalität. In 20 Gedichten, als 20 Individuen mit Charakter und persönlicher Geschichte ergründet er die Bedingungen von Zärtlichkeit, von Erinnern und Vergessen und das Hinterlassen menschlicher Spuren in fragiler Landschaft. In bildhafter, aber karger reduzierter Sprache lehnt er sich dabei an neuste Formen digitaler Kunst an und schafft dabei ein eigenes Kunstwerk aus 20 Teilen, das sich mal mehr, mal weniger bereitwillig zum Psychogramm der Gesellschaft zusammenfügt. »Die Kunst von Yevgeniy Breyger liegt in der Körperlichkeit seiner Gedichte und wie sie sich durch die Sprachregister, die er zieht, vermittelt.« Insa Wilke »Breygers Sprache ist von Zärtlichkeit geprägt, sie ist auch zärtlich gegenüber furchterregenden Inhalten.« Verena Stauffer

Yevgeniy Breyger Kryptomagie Gedichte Erscheint im Mai/Juni 2022 Heft 28 Seiten 8 EUR ISBN 978-3-948631-23-9 PDF 2,99 EUR ISBN 978-3-948631-24-6

› Non-Fungible Token › Poesie › Magie

Foto: privat

Also available in an English language edition.

Yevgeniy Breyger, geboren 1989, studierte an der Universität Hildesheim, am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Hochschule für Bildende Künste Städelschule in Frankfurt am Main. Er veröffentlichte zwei Gedichtbände bei kookbooks: flüchtige monde (2016) und gestohlene luft (2020). 2019 wurde er mit dem Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt, 2021 mit dem Lyrikpreis München ausgezeichnet. Breyger erhielt zahlreiche Stipendien. Er lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.


GUTE GESCHENKE

Ich brauche eine Genie. Songbook Herausgegeben von Kersty und Sandra Grether Mit Exklusivmaterial aus den Archiven 304 Seiten, 19,99 EUR

O. Westin Micro Science Fiction Aus dem Englischen von Birthe Mühlhoff 192 Seiten, 14,99 EUR

»Dieses Songbook featured nur weibliche Artists – und wäre ein perfektes Festival.«

Nominiert für den Kurd-Lasswitz-Preis 2020 in der Kategorie: Beste Übersetzung zur SF ins Deutsche mit Erstausgabe 2019

— Zündfunk BR

»Es erzählt nicht nur aus der Gegenwart, sondern schreibt zugleich eine alternative Geschichte des deutschen Indie-Pop. In ihr spielen Frauen-Bands wie Malaria!, die Lassie Singers und auch die Pop Tarts die Rolle, die sonst zumeist Musikern, etwa der Hamburger Schule, zugedacht wird.”«

»Witzige, schockierende, banale und tiefsinnige (Geschichten).« —Wolfgang Stieler, Technology Review Deutschland

»Das ist echte Science Fiction. Mal witzig, mal philosophisch. Sci-Fi für Fortgeschrittene.«

— Stephanie Grimm, taz

—Marten Hahn, Lesart / Deutschlandradio Kultur

»Wer jetzt immer noch Songtexte von Heinrich Heine oder Haftbefehl vor dem Einschlafen liest, dem kann keine*r mehr helfen.«

„In den besten seiner ultra-kurzen Werke gelingt es Westin, dass der Leser aus ein, zwei Sätzen einen ganzen kleinen Kosmos entfalten kann.“

— Linus Volkmann, Musikexpress

—Nicolas Freund, Süddeutsche Zeitung


POETISCH

Laura Holder Versuch, dich abzuschreiben Gedichte 88 Seiten, 14,99 EUR

»Eine Liebeserklärung an die Zwiespalte der Sprache.“ «

Kadhem Khanjar Dieses Land gehört euch Gedichte Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl 136 Seiten, 14,99 EUR

— Elias Hirschl

»Ergreifend, was seine Gedichte transportieren – und wie sie treffen.«

»Ach, die Liebe.«

— Anne-Dore Krohn, Buchtipps rbb

— Buchhandlung Interkontinental

»Gedichte wie mit dem Rasiermesser gezogen. Sie handeln vom Krieg in Irak, vom Zweifel am Wert des eigenen Lebens und der Brutalität des Sterbens — aber auch seiner Banalität, wenn es nicht enden will. Scharf in der Analytik, überraschend in der Metaphorik und doch von unglaublich zärtlicher Elegie« — Claudia Kramatschek, Litprom Weltempfänger 45

Alan Mills Eine Subkultur der Träume Tweets Aus dem Spanischen von Johanna Richter ca. 700 Seiten auf dem Smartphone, 4,99 EUR

»Alan Mills’ Tweets sind komisch, seltsam und von einer geheimnisvollen Schönheit.« — Fabian Thomas, The Daily Frown

»Manche seiner Gedichte klingen wie Geschichtenanfänge.« — Sarah Kugler, Potsdamer Neueste Nachrichten


ICH MAG DIESE BERÜHRUNGSVERMEIDUNG, ICH MAG DIE STILLE, ICH MAG DIE LEERE. JA, MAN KANN SAGEN: AUS LEBEN WURDE SCHWEBEN. VON MIR AUS KANN ES SO BLEIBEN.

Aus: Die aktuelle Situation. Von Ruth Herzberg

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Verlagsleitung: Nikola Richter Vorschau: Lydia Salzer Logo & Typo: Viktor Nübel Buchsatz: Sarah Käsmayr

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