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januar / februar 2013

Marios „Eine Weihnachtsgeschichte“ in Leipzig: Kühle Ästhetik, futuristischer Schick Schon einmal hat Charles Dickens‘ „Eine Weihnachtsgeschichte“ die Tanzbühne erobert: 1988 in Bonn und in der Choreografie von Youri Vámos, verfugt damals mit Tschaikowskis „Nussknacker“, ein Langzeiterfolg dann in vielen Theatern. Nun geht Dickens allein auf den Parcours: In Leipzig transponierte Mario Schröder die 1843 veröffentlichte sozialkritische Story um die Läuterung eines Geizhalses in ein Erlebnis für die gesamte Familie, gliederte den Inhalt in 18 Bilder und ordnete ihnen sinfonische Musik zu: von Engländern wie Britten, Elgar und Bridge, dazu „Festlands-Leihgaben“ von Grieg, Sibelius, Ravel, Saint-Saëns, Chabrier, Webern, Smetana sowie vom Amerikaner Michael Torke. Farbe bringt auch Andreas Auerbachs und Paul Zollers Ausstattung ein. Wie von Zauberhand verwandeln sich Dekorationen, machen Umbauten zum Teil des Tanzes. Auch bei den Kostümen dominieren Rot und Blau, in kühl heutiger Ästhetik und mit futuristischem Schick. Schröder verzichtet auf sentimentale Einfärbung, erzählt ohne pantomimische Elemente, entrollt einen szenisch-sinfonischen Bilderbogen statt einer prallen Mitbang-Story. Emotion bringt das Tanzvokabular ein, artistisch wie eh, klassisch basiert, modern erweitert, in den Schleudern großer Duos und Trios mit cleveren Anleihen aus dem Eiskunstlauf. Wie passfähig das literarische Sujet umgesetzt ist, macht den Abend zum ganz eigenständigen Wurf.

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Schmetterling auf Spitze und mit Flügeln aus Dollarnoten. Schlafend erlebt der Fabrikant dann alptraumartig Stationen seines Weges. Er sieht sich als Jungen, den uniformierte Mitschüler hänseln, der sich in Bella verliebt und doch dem glatzköpfigen Millionär folgt, weil der Reichtum verheißt. Das Trio des Liebespaars mit dem alten Scrooge und deren Doppel-Duett mit dem Millionär ist erster erfinderischer Höhepunkt. Zwischen Wolkenkratzern, deren Fenster zwinkern, macht der Junge Karriere, feiert Weihnachten mit Reichen unterm hängenden Christbaum aus Lichtern. Als Vision sieht er ins Haus seines armen Vorarbeiters, dessen Sohn im Sterben liegt; der Christbaum wird da zum Stern von Bethlehem, hinten findet die heilige Familie Zuflucht in einem Geschenkkarton. Noch legt Scrooge resolut den Steuerknüppel um, das Begräbnis des Vorarbeiter-Sohnes im Schattenriss erschreckt ihn dennoch. Dann folgt der Blick in die eigene Zukunft. Einsam ragen seine Beine aus dem Grab, der tote Leib wird Spielball von Gerippen, die, effektvolle Einlage, mit schwebenden Gliedmaßen tanzen. Verwandelt erwacht Scrooge. Hatte er die Arbeiter bisher nur traktiert, begrüßt und umarmt er nun jeden, streift sich den Weihnachtsmantel über und zieht mit schwerem Geschenkesack zur Bescherungstour durch den Saal ab. Dass so viel humanistische Einkehr nicht simpel wirkt, dafür sorgt neben den comicartig stilisierten Kostümen Schröders bei aller

Eine Weihnachtsgeschichte © Bettinna Stöß

Umzuwerfen hat auch Fabrikant Scrooge jeweils zu Schichtbeginn den Steuerknüppel, damit die Herstellung von Weihnachtsmännern aus Schokolade floriert. Seine Armee chaplinesk schnauzbärtiger Arbeiter schuftet sich an personifizierter Schokomasse ab, drapiert sie weihnachtlich, was die Leckereien steif wie ihre essbaren Kollegen macht, und stellt sie aufs Fließband. Rohre dampfen, am Rand räkelt sich Scrooge auf Geldsäcken. Der Neffe, knallig pink bis zum kecken Schopf, hier keine Jammergestalt, kommt mit seiner Einladung zum Fest schlecht an, weil der Onkel lieber mit Geld tanzt: einem

ernsten Absicht gern auch ironisch-groteske Zeichnung. So wird die Mär vom geheilten Geizkragen doch kein weltfremdes Menschheitsbesserungsidyll, wohl aber zum Appell an jeden, im Kleinen Gutes zu tun. Tomáš Ottych als Scrooge und Tyler Galster als sein geschmeidiger Neffe leihen dem kurzweilige 80 Minuten durchlaufenden Abend besondere Akzente, bestens präsentiert sich die Gruppe; das begleitende Gewandhausorchester, hier unter William Lacey, ist ohnehin stets ein Genuss.

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