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dance for you! magazine

Victor Mateos Arellano in Resin © RJ Muna

ein quadratisches Lämpchenraster aufleuchtet, dessen Lichter sich flimmernd verändern, bisweilen einen Vogelzug simulieren. Auf all diese Lichtspiele reagieren die je fünf Frauen und Männer mit so präzisen wie plastischen Soli, die einander ablösen, ineinander übergehen, manchmal interagieren, stets jedoch von atemberaubend souveränem Umgang mit dem Körper künden. Was die Tänzer zu Solos, kämpferischen Duos, intensiven Trios treibt, mit weiten Schrittausfällen, peitschend geworfenen Beinen, flinken Touren bei aus der Achse ausgelenktem Kopf, den Körperverschränkungen und Ferndialogen, ist eine ungewöhnliche Musikcollage. Gesänge der russisch orthodoxen Kirche stoßen auf elektronische Klänge, ein Richard-Strauss-Lied, Arvo-Pärt-Klavierimpressionen und, im Finale, eine barocke Duett-Arie von Antonio Vivaldi. Was das Tänzerpaar dazu an Ringkampf, Verstrickung, wechselseitiger Abhängigkeit zelebriert, in engem Körperkontakt und mit Schleuderformen wie aus dem Eiskunstlauf, macht ihr Duo zum Kernstück von „Constellati-on“ als einer intimen Begegnung mit dem Raum und auch mit Religion.

grane Bewegungsgebilde an, als habe jeder auf seinem Weg in die Diaspora höchst individuelle Erfahrungen gesammelt. Vibrierend energetisch vollzieht sich das, doch nirgendwo mit forciertem Tempo. Kaum je tanzen die fünf Männer, sechs Frauen synchron; immer wieder kommt es zu körperdichten Zwiegesprächen in Kings Erfindungspracht. In den steten Bewegungsfluss hinein rieselt der Sand der Zeit, der sich zur bühnenbreiten Kaskade ausweitet, den Boden körnt. Über den Duos im Hintergrund und dem Diskurs eines Paars vorn fällt der Vorhang, die Wanderung aber geht weiter. Mit Zitaten, etwa indischen Tanzes, bringt King hier wieder Weltkulturen zusammen, vermittelt durch Tänzer, deren exorbitanter Technik nichts unmöglich scheint.

Mit fast 60 Minuten etwas lang, fällt „Resin“ von 2011 aus, was „Harz“ meint und sich traditionelle sephardische Musik zur Basis erwählt hat, Musik jener Juden, die sich seit der Vertreibung von der iberischen Halbinsel nach 1500 in ganz Europa angesiedelt haben. Klagvoll ist, was sie spielen und in vielen Sprachen, meist indes Hebräisch, singen. Wieder hat Robert Rosenwasser knappe Kostüme, Slips für die Männer, Bodys für die Frauen, entworfen, die bestens zur Geltung bringen, was King vermitteln will. Einem weißen Stoffkokon entschlüpft ein Mann, bewegt sich organisch und ruckfrei in eine fremde Welt hinein. Wie ein Endlosfries schließen sich, unangestrengt, mit überdehnter, dann jäh abbrechender Körperlinie und grundiert von jeweils andersfarbigem Licht, fili-

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