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januar / februar 2013

Maurice Béjart.* Die Vier haben mehr gemeinsam, als man denkt; sie alle schreiben nicht nur als leitende, sondern auch als choreografierende Chefs ihrer Truppe Tanzgeschichte. Damit wirken sie stilbildend auf das Profil des Genre Ballett ein. Und der große Erfolg stellte sich für alle vier nicht im Heimatland ein: Der

Compagnie leitete, ab 1973 das „Hamburg Ballett“ aufbaute. Und wo sind die Unterschiede zwischen den Langzeitdirektoren?

* August Bournonville wirkte auch über 40 Jahre in Kopenhagen, allerdings mit Unterbrechungen

John Neumeier

John Neumeier © Steven Haberland

1927 in Marseille als Maurice-Jean Berger geboren, debütierte er im Alter von 14 Jahren an der Pariser Oper. Die erste Choreografie entstand 1951 mit „L’Inconnu“; „Le Sacre du Printemps“ führte 1959 zur Gründung des „Ballet du XXième Siècle“ in Brüssel. Béjart etablierte ein „spectacle total“, ein Gesamtkunstwerk, in dem neben Ballett auch Tanztechniken anderer Kulturen zum Einsatz kommen sowie gesprochene Worte und weitere Elemente des Theaters, auch des Musiktheaters. Richard Wagner inspirierte ihn besonders, aber auch zeitgenössische und atonale Kompositionen begleiteten seine Inszenierungen. Ohne Berührungsängste bediente sich Béjart bei Stilen und Genres, was ihm 1998 eine Plagiatsklage einbrachte. Bei ihm steht der männliche Tänzer im Mittelpunkt, der auch in Jeans auftreten darf – ein Novum in den 1960er Jahren. Auch wenn er (meist) keine Geschichten im üblichen Sinn erzählt, kreisen seine Werke um thematische Schwerpunkte, machen mitunter auch vor Mystik und Pathos nicht halt. Mit seinen sinnlichen Inszenierungen gewann er ein neues, junges Publikum für Ballett als Bühnenkunst – keine andere Compagnie habe die internationale Ballettszene nachhaltiger beeinflusst, so der Ballettkritiker Horst Koegler. Œvre: Ca. 250 Werke, u.a. „Symphonie pour un homme seul“ 1955, „Bolero“ 1961, „Messe pour le temps présent“ 1967, „Bhakti“ 1968, „Nijinsky, Clown Gottes“ 1972, „Notre Faust“ 1975, „Ring um den Ring“ 1990.

Der heute über 70-jährige Choreograf und Ballettintendant kam als Student aus der nordamerikanischen Provinz nach Europa, um Tänzer zu werden. Ab 1963 gehörte er zum Stuttgarter Ballett unter John Cranko, dessen Matineen „Junge Choreographen“ boten ihm eine erste Plattform. 1973 übernahm er das Ballett der Hamburgischen Staatsoper. Untypisch für seine Generation, kreierte er abendfüllende Handlungsballette, allerdings mit einer bis dahin nicht gesehenen Feinabstimmung bei der psychologischen Figurenzeichnung – seine Choreografien brauchen Tänzer-Darsteller. Oft liegt Literatur diesen erzählenden Werken zugrunde, von Shakespeare oder Dumas, Tennessee Williams oder Thomas Mann. Konsequent zum Bekenntnis, „Tänzer und Christ“ zu sein, schuf Neumeier Werke zu geistlicher Musik, die bis dahin als untanzbar galt, so beispielsweise J. S. Bachs „Matthäus-Passion“. Ein neues Genre etablierte er, indem er ganzen Sinfonien eine tänzerische Ebene hinzufügte, weder abstrakt noch narrativ gestaltet, sondern atmosphärisch ergänzt. Zu Gustav Mahlers Werk besteht hier eine besondere Beziehung: Neumeier choreografierte sämtliche Sinfonien des Komponisten, die „Dritte Sinfonie“ wurde zum Signaturstück der Compagnie. Œvre: Ca. 150 Ballette, u.a. „Dritte Sinfonie von Gustav Mahler“ 1975, „Die Kameliendame“ 1978, „Matthäus-Passion“ 1981, „Othello“ 1985, „Odyssee“ 1995, „Die kleine Meerjungfrau“ 2007. Matthäus-Passion Chr. John Neumeier © Holger Badekow

Hamburg seit 1973

Maurice Béjart © Béjart Ballet Lausanne

Brüssel und Lausanne 1959 bis 2007

Nicolas le Riche in Bolero © Béjart Ballet Lausanne

Maurice Béjart

aus Marseille stammende Petipa machte in St. Petersburg Karriere; der Russe Balanchine wanderte in die USA aus; der Franzose Béjart gründete sein Ensemble in Belgien, verlagerte den Standort später in die Schweiz; und der US-Amerikaner Neumeier übersiedelte nach Deutschland, wo er zunächst in Frankfurt eine

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