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*Leseprobe*         

 


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Inhalt

Peter Koebel | Weihnachtsmarie Andreas Rühl | Die Engel des Herrn Guy de Maupassant | Un Réveillon Sven-André Dreyer | So weit der Himmel über mir Betty Kolodzy | Nackte Nerds und Nikoläuse Rosa Luxemburg | Briefe aus dem Gefängnis Margarete Karetta | Pute, Spitzhacke und Spaten Juliane Beer | Eiweißschock, wenn Sie mich fragen! Hanna Roßmanith | Oh Tannenbaum … Doris Köhler | Das Glitzern und die Dunkelheit Henrik Zoch | Filmreife Weihnachten Thorsten Dörp | Punschbechersammler

 


 


Peter Koebel

Weihnachtsmarie

Für Frauen wie mich bedeutet Weihnachten: Freizeit. Meine Freunde sind alle im Kreise ihrer Familien, und selbstverständlich kommt keiner von ihnen auf die Idee, mich einzuladen. Was auch besser ist, wer will schon, dass eine zorngetriebene Gattin mit der noch tiefgefrorenen Gans wirft – ausgerechnet zu Weihnachten? Immerhin ist es die Zeit des schönen Scheins, golden glitzert er mit den Weihnachtskugeln an der riesigen Tanne im Foyer um die Wette, als ich das Hotel betrete, in dem ich mich vor der Weihnachtsmanie verstecken werde. Spätestens ab der Rezeption kann man sicher sein, von jeder Festlichkeit verschont zu bleiben, denn der Rezeptionist empfängt mich, diverse Sterne hin oder her, ob des Feiertagsdienstes mit unaufgesetzter Mürrischkeit, die genauso wenig in die bemüht vornehme Atmosphäre passt, wie die grelle Nikolausstatue, die

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sich, umgeben von den dunklen, auf Kolonialstil getrimmten Möbeln, geradezu absurd ausmacht. »Ihre Kreditkarte, Frau Meinhof«, schnauzt er, schiebt dann aber doch noch ein »Bitte« hinterher. Wir tauschen unsere Karten, Geld und Schlüssel sind längst durch Plastik ersetzt. Kaum im Zimmer, lasse ich meine Taschen fallen, ziehe die Jacke aus, die ebenfalls auf dem Boden landet, schlüpfe aus Schuhen und Hose und werfe mich aufs Bett. Dann greife ich nach dem Telefon, um den Zimmerservice anzuklingeln. »Unsere Spezialität ist weihnachtlich eingelegter Hering.« Ich unterdrücke ein aufsteigendes Würgen. »Einmal das Entrecôte bitte, dazu Pommes frites und eine Flasche Sancerre«, ordere ich stattdessen. »Zum gewünschten Gericht wird üblicherweise Rotwein gewählt«, werde ich schnippisch belehrt. »Ich bevorzuge den Sancerre«, sage ich freundlich und verzichte darauf, zu erklären, dass ich zu meinem Essen trinke, was immer ich möchte – ob das dem Zimmerservice passt oder nicht. »Und ich hätte gerne Brot zum Essen«, sage ich noch, in Deutschland betont man das besser. »Vorsorglich weise ich darauf hin, dass wir dieses zusätzlich berechnen müssen.« Dieser unbedingte Wille mit German-Gründlichkeit den Share-Holder-Value zu maximieren, treibt wirklich jedes Gefühl von Gastlichkeit aus. Glauben Sie mir, ich kenne mich gut aus im dienstleistenden Gastgewerbe.

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Andreas Rühl

Die Engel des Herrn

Marion fuhr mit dem Wagen auf dem Nachhauseweg nicht schneller als 40 km/h. Sie saß stracks aufrecht im Sitz, das Kinn knapp über dem Lenkradkranz, die Nase berührte fast schon die Windschutzscheibe. »Ich sehe nichts, rein gar nichts!« Dirk schwieg. »Ich bin ja auch nachtblind! Was du weißt! Aber du musst dich ja fahruntüchtig saufen! Ich weiß schon! Dir ist das schnuppe. Wie so vieles. Zu vieles, mein Lieber, zu vieles.« Dirk saß mit geschlossenen Augen auf dem Beifahrersitz. »Wenn wir nun in einen Graben rutschen? Wie sollen wir Hilfe holen, an Heiligabend, mitten in der Nacht? Ohne Handy?« Es schneite noch immer. Seit Tagen schon. Bereits auf der Fahrt in den Vordertaunus waren die Straßen schneebedeckt gewesen. Geräumt wurde nicht mehr. Es war Weihnachten. Alle Unterschiede waren eingeebnet:

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Wald, Wiese, Straße, Feld. Alles gleich weiß und eins und damit war alles – nichts. »Wie konntest du nur so verantwortungslos sein und dein Handy im Büro liegen lassen?« Dirk hatte das Teufelsgerät absichtlich im Büro gelassen. Marion hatte ihm dazu geraten. Um mal durch zu schnaufen. Er hatte sich zwei Wochen freigenommen gegen Jahresende. Die ersten freien Wochen seit langer, langer Zeit. »Wir sind verloren! Wir werden im Schnee stecken bleiben und erfrieren. Du hättest nicht Gundulas nette Angebot in den Wind schlagen dürfen. Schon gar nicht so brüsk. Als ob dich der Leibhaftige versucht habe! Was wäre dabei gewesen! Eine Nacht in Königstein. In dem Riesenhaus.« Dirk sagte mit geschlossenen Augen: »Das Angebot war nicht ernst gemeint. Das weißt du genau.« Ihm gelang es nicht, seine Augenlider zu öffnen. So schwer waren die. Das Fieber. Die Medikamente. Der Rotwein. Von dem hatte er zwei Flaschen verputzt. Eigentlich war er rechtzeitig zum Weihnachtsfest krank geworden, Grippe. Aber Marion hatte beschlossen, dass er nicht schlappmachen könne. Sie freue sich so auf Heiligabend bei ihrem Bruder, freue sich so auf Tobi. Wie der immer strahle bei der Bescherung. Und das, obwohl Tobi doch eigentlich schon alles habe! »Gundula hasst mich«, sagte er gähnend, »das ist die Wahrheit. Und dich hasst sie auch.« Wohin das Licht der Scheinwerfer strahlte, war Weiß. Ein weißer Lichtkegel umrahmt von kohlen-

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Guy de Maupassant

Un Réveillon

Das Jahr ist mir entfallen. Seit einem ganzen Monat schon jagte ich mit wahrer Wut, mit wilder Freude, mit jener Begeisterung, die man für eine neue Leidenschaft hat. Ich war in der Normandie auf dem Schloss eines unverheirateten Verwandten, Jules de Banneville, zu Besuch. Wir befanden uns dort ganz allein mit einem Diener, einem Mädchen und dem Jäger. Das Schloss war ein alter, grauer, von seufzenden Tannen umstandener Kasten, inmitten von langen winddurchtosten Alleen gelegen und seit Jahrhunderten, wie es schien, verlassen. Alte Möbel standen in den immer verschlossenen Räumen, in denen einst die Ahnen, deren Bilder in dem gleich den Alleen winddurchtosten Vorsaal hingen, ihre hochadligen Nachbarn mit aller Förmlichkeit empfangen. Wir aber hatten uns einfach in die Küche geflüchtet. Diese riesige Küche, deren dunkle Winkel erst hell wurden, wenn man ein neues Scheit Holz in den großen Kamin warf, war der einzig bewohnbare Raum des

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Herrensitzes. Jeden Abend saßen wir in süßem Halbschlummer am Feuer, unsere nassen Stiefel zu trocknen. Die Hühnerhunde, zu unseren Füßen träumten von der Jagd und bellten im Schlaf. Endlich gingen wir in unser Zimmer hinauf. Es war der einzige Raum, der überall – der Mäuse wegen – frisch getäfelt worden war. Aber er war kahl geblieben, bis auf ein paar Gewehre, Hundepeitschen und Jagdhörner an den Wänden. Vor Kälte zitternd glitten wir in unsere Betten, die in den Ecken dieses sibirischen Kästchens standen. Einen Steinwurf von der Fassade des Schlosses entfernt, stürzte das Felsenufer ins Meer und der gewaltige Wind vom Ozean her blies Tag und Nacht. Dann seufzten die großen sturmgebeugten Bäume, dann weinten Dach und Wetterfahne, dann stöhnte das ganze ehrwürdige Gebäude, in das der Wind schnob durch die klaffenden Ziegel, durch die abgrundtiefen Kamine, durch die Fenster, die nicht mehr schlossen. Es hatte fürchterlich gefroren. Der Abend war gekommen. Wir nahmen Platz am Tisch vor dem großen Feuer im mächtigen Kamin, in dem ein Hase und zwei köstlich duftende Rebhühner am Spieße brieten. Mein Vetter blickte auf und sprach: »Beim Zubettgehen wird es heute kalt.« Gleichgültig gab ich zurück: »Na, aber dafür gibt es morgen Enten aus den Teichen!« Die Dienerin, die an einem Ende des Tisches für uns, am anderen Ende für die Dienstboten deckte, fragte:

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Sven-André Dreyer

So weit der Himmel über mir

1. Dass wir es bald alle besser haben würden, sagen die Alten. Keine eiskalten Nächte mehr. Und die Zeit der Stürme sei dann endlich vorbei. Dass wir es alle besser haben würden, sagen die Alten, wärmende Quartiere, ein sicherer Stand und vor Glück leuchtende Kinderaugen. Die Stimmung der Gruppe hellt sich auf, die Kälte der vergangenen Wochen, die tobenden Stürme über uns und die einsamen, sternenklaren Nächte scheinen in Vergessenheit zu geraten. Man prognostiziert, man blickt positiv in die Zukunft. Sie erzählen euphorisch. Sie berichten von Männern, die einmal im Jahr zu uns hinauskommen um einige von uns mitzunehmen. Dorthin, wo es warm ist. Dorthin, wo das Glück ist. Ich sei zu jung, um all das verstehen zu können, sagen sie, ich könne mich an nichts erinnern, sagen sie, ich sei ja noch so klein. Sie seufzen, denken zurück an ihre eigene Kindheit, seufzen wieder.

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2. Sicher, im Winter ist es kalt und der Schnee liegt hoch. Besonders für mich, der noch so klein ist. Sicher, die Stürme sind gewaltig, der Wind zerrt an unserem Kleid und dennoch: mir gefällt es. Die hiesigen Sommer sind wunderschön, der Wind streicht um uns, warm und weich, die Stille des Tals erfüllt mich ganz und weit der Himmel über uns. Wir biegen uns im Wind.

3. Der Tag, an dem die Männer kommen müssten, rückt näher. Die Alten sind aufgeregt, ich kann es spüren. Dass wir es bald alle besser haben werden, versprechen die Alten nun täglich. Und dennoch frage ich mich, wer uns das garantiert. Ich stelle Fragen. Ist denn einer von den Alten zurückgekommen, frage ich. Hat jemals ein Alter den Weg zu uns zurückgefunden, frage ich. Wie könnt ihr euch sicher sein, frage ich. Nie ist auch nur einer zurückgekehrt, erfahre ich. Und genau das sei der Grund anzunehmen, dass es da, wo sie nun sind, besser sei, sagen sie. Wenn es dort nicht besser sei, erfahre ich, dann wären sie doch alle wieder hier, hier bei uns, sagen die Alten.

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Betty Kolodzy

Nackte Nerds und Nikoläuse

1. Im Grunde genommen mache ich mir nichts aus Weihnachten. Es ist die Zeit, in der Osterhasen in den Startlöchern stehen, um Nikoläuse aus Supermarktregalen zu vertreiben. Die Zeit betrunkener Elchinnen, die, nachdem sie von Glühweinstand zu Glühweinstand gewankt waren, laut grölend in Regionalzügen sitzen, wo sie die Geduld gestresster Weihnachtsshopper auf die Probe stellen. Lautes Gegackere und frivole Witze sind nicht jedermanns Sache. Doch die Elchgeweihe auf den Köpfen blinken dabei so fröhlich, dass ihren Trägerinnen Nachsicht zuteil wird, eine friedvolle Nachsicht, eine weihnachtlich-übermenschliche, als erhoffe man sich dadurch unaufgeregte Festtage, entspannte womöglich, statt des üblichen Messerwetzens im Schoße der Familie. Was mir besonders gut gefällt an Weihnachten, ist die Beleuchtung. Sie macht aus der Welt eine romantische und mein Sinn für Romantik ist groß. Das einzige,

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was stört, sind vollbepackte Geschenkejäger, die sich durch Kaufhäuser kämpfen. Aus diesem Grund bleibe ich lieber zu Hause.

2. Mit dem Umzug in die neue Wohnung sollte sich mein ganzes Leben ändern. Kein Spanner mehr gegenüber, der mir bei meinen Yoga-Übungen zusah. Der saß an seinem Computer, dieser Nerd, Tag und Nacht, zu Anfang dachte ich noch, ein Workaholic, bis mir eines Tages klar wurde, dass er nur wegen mir da saß, dass sein Computer gar nicht eingeschaltet war. Im Gegensatz zu ihm hatte ich keine Vorhänge. Ich fühle mich eingeengt mit Vorhängen, habe das Gefühl, gleich zu ersticken. Ähnlich verhält es sich mit Kleidung. Deshalb war ich ja so begeistert, als diese neue Yoga-Welle aus den USA zu uns herüber geschwappt war. Aus San Francisco. Natürlich ist nicht alles, was von dort kommt, gut, ich kann da durchaus differenzieren. Aber »Naked Yoga« faszinierte mich auf Anhieb. Und ich musste unbedingt etwas gegen meine Verspannungen tun. Damals kam ich immer erst sehr spät aus dem Büro. Doch egal, zu welcher Abend- oder Nachtzeit ich meine Übungen machte, immer saß mir dieser Typ gegenüber: Anzug, Hemd bis oben zugeknöpft, Halbglatze, hätte nur noch die Krawatte gefehlt – und jedes Mal hatte ich das Gefühl, der sitzt da bloß wegen dir, der wartet

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Rosa Luxemburg

Briefe aus dem Gefängnis (Kapitel19)

Breslau, den 14. Januar 1918

Meine liebste Sonitschka, wie lange habe ich Ihnen nicht geschrieben! Ich glaube, es sind Monate her. Und auch heute weiß ich nicht einmal, ob Sie schon in Berlin sind, will aber hoffen, dass diese Zeilen Sie noch rechtzeitig zu Ihrem Geburtstag erreichen. Ich bat Mathilde, Ihnen von mir einen Orchideenstrauß zu schicken. Nun liegt die Ärmste im Krankenhaus und wird wohl kaum meinen Auftrag ausführen können. Doch Sie wissen, dass ich in Gedanken und mit ganzem Herzen bei Ihnen bin und Sie an Ihrem Geburtstage ganz mit Blumen umgeben möchte: mit lila Orchideen, mit weißen Iris, mit stark duftenden Hyazinthen, mit allem, was zu haben ist. Vielleicht wird es mir wenigstens im nächsten Jahr vergönnt sein, Ihnen an diesem Tage selbst Blumen zu bringen und mit Ihnen zusammen einen Spaziergang im Botanischen Garten und im Feld zu machen. Wie herrlich wäre das! Heute haben wir

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hier 0 Grad. Zugleich aber liegt in der Luft ein so linder, erfrischender Frühlingshauch und oben schimmert zwischen dicken milchweißen Wolken ein so tiefer blauer Himmel, dazu schilpen die Spatzen ganz fröhlich, man könnte denken, es sei Ende März. Ich freue mich schon so auf den Frühling, das Einzige, was man nie satt kriegt, solange man lebt, was man im Gegenteil mit jedem Jahr mehr zu würdigen und zu lieben versteht. Wissen Sie, Sonitschka, dass der Anfang des Frühlings in der organischen Welt, dass heißt das Erwachen zum Leben jetzt beginnt, Anfang Januar, ohne auf den Kalenderfrühling zu warten. Während nämlich nach dem Kalender erst der Winter beginnt, befinden wir uns in der größten astronomischen Sonnennähe, und dies hat eine so geheimnisvolle Wirkung auf alles Leben, dass auch auf unserer nördlichen Halbkugel, die in Winterschnee eingehüllt ist, zu Beginn des Januar wie mit einem Zauberstab die Pflanzen- und Tierwelt erweckt wird. Die Knospen fangen jetzt an zu treiben, viele Tiere fangen die Fortpflanzung schon an. Neulich las ich bei Francé die Beobachtung, dass die hervorragendsten wissenschaftlichen und literarischen Produktionen berühmter Männer in die Monate Januar und Februar fallen. Auch im Menschenleben soll also die Sonnenwende nach Weihnachten ein kritischer Moment sein und einen neuen Zustrom aller Lebenskräfte verursachen. Auch Sie, Sonitschka, sind so ein frühes Blümchen, das noch mitten im Schnee und Eis aufgesprossen ist und deshalb sein Leben lang ein bisschen

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Margarete Karetta

Pute, Spitzhacke und Spaten

Nicht umdrehen, nur nach vorne sehen und schnell weg, sage ich mir, während ich über die verschneite Straße laufe, auf der ich schon wieder ausrutsche, weshalb ich mich zum hundertsten Male hochrapple, die Schneereste von meiner Jacke klopfe und weiterhaste. Denn ich muss es loszuwerden, dieses hell erleuchtete Haus hinter mir, in dem noch immer Weihnachtslieder jeden Raum erfüllen. Mein Vater hat es so gewollt. »Es ist doch Heiligabend!«, rief er. Weshalb ich die Musik einschaltete. Anschließend packten wir, wie immer an diesem Tag, unsere Geschenke aus, danach löschte ich die Kerzen des Christbaumes, wie gewohnt, bevor ich die Weihnachtspute aus dem Ofen holte. Doch kaum hatte ich das erste Stück Fleisch in meinen Mund geschoben, oder nicht einmal das, da ich noch keine Gelegenheit hatte, irgendetwas auf die Gabel zu spießen, schon schickte er mich hinaus in den Garten, um ein Loch zu graben, denn er dürfe nicht sterben, unser Baum.

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Was mich wütend machte, natürlich. Aber er ist mein Vater, sagte ich mir, und er ist krank, versuchte ich mich zu beruhigen, weshalb ich tatsächlich aufstand und hinüber zum Abstellraum ging. Dort nahm ich eine Spitzhacke und einen Spaten, um draußen in der klirrenden Kälte das verdammte Loch für die verdammte Tanne auszuheben. Anschließend ging ich wieder zurück ins warme Zimmer, wo mein Vater noch immer an der Weihnachtspute kaute, die ihm zu salzig war, wie üblich, und zu zäh, wie jedes Jahr. Doch als ich ihn so sah, kauend und schimpfend, hielt ich es nicht mehr aus. Ich wollte nur noch fort. Was ich immer schon vorhatte: ihn zu verlassen. Aber sobald ich davon sprach, sagte er nur: »Wer soll sich dann um deinen Vater kümmern?« Denn meine Mutter war längst tot, weshalb ich nun seine Kathederbeutel umsteckte und ihn wusch. Wie ich es hasse, diesen alten Männerkörper einzuseifen! Und zog ihn an, hob ihn in den Rollstuhl, um anschließend sein Essen zuzubereiten. Und das Tag für Tag, fluchte ich, während mir mein Vater plötzlich befahl, nun endlich die Tanne einzupflanzen. Was mich erneut verärgerte, aber erklärte dennoch so ruhig wie nur möglich, dass ich keine Kraft mehr hätte. »Ich kann nicht mehr, Vater!« Ich würde sie aber morgen pflanzen. Sofort nach dem Frühstück. Worauf er mich nur mitleidlos ansah und antwortete:

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Juliane Beer

Eiweißschock, wenn Sie mich fragen!

Wie sie dasitzt in ihrer schwarzen Seidenwäsche, hinreißend! Ich ziehe den Vorhang zu, ein Blick nach rechts in die Sanitätsabteilung, die Luft ist rein; unbeobachtet gelange ich zurück in den Waschraum. Ein bisschen mulmig ist mir schon. Wenn sie nun … Ach was, warum denn? Schritte. Ich schnappe mir meinen roten Satinmantel, und ab nach vorne. »Lustwandeln Sie zwischen den Regalen mit Herrenparfüm!«, lautet die Anweisung. Dazu händigte man mir am ersten Arbeitstag auch eine Skizze aus. Einen Bewegungsplan sozusagen. Eingezeichnet war, wie die Ständer mit den teuren Duftwässerchen zu umschreiten sind. Kleine Pfeile zeigten – ganz wichtig – in nur eine Richtung. Kreuz und quer laufen mache die Kundschaft nervös, hieß es. Na dann. Warum ich gerade beim Parfüm eingesetzt werde? Nein, nein, man müffelt nicht nach seinen Taten. Überlegen Sie doch mal – wenn dem so wäre würde es

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auf der Welt ja riechen wie zuhause bei Familie Wiedehopf. Die Sache mit dem Einsatzort hat einen anderen Grund. Die weibliche Kundschaft soll zur Kenntnis nehmen: Hier hält sich ein attraktiver Weihnachtsmann gerne auf, weil es feine Geschenke gibt und gut riecht! Nebenan zwischen den Damenparfüms haben sie folgerichtig einen platinblonden Engel im silbernen Minikleid platziert, und oben beim Spielzeug einen in die Jahre gekommenen Nikolaus mit weißem Wattebart, der ununterbrochen Süßigkeiten verteilt. Kinder sind angeblich nicht verwirrt, wenn sie entdecken, dass zwei Weihnachtsmänner im Traditionskaufhaus von Berlin unterwegs sind. Wenn einer alt und einer jung ist, akzeptieren sie das laut Werbestrategen. Kann schon sein. Gestern zupfte mir so ein Balg am körperbetont geschnittenen Kapuzenmantel und plärrte irgendwas von wegen Schokolade. Hatte wohl oben schon einmal abgestaubt und wollte jetzt Nachschub. Dass es zwei Weihnachtsmänner gibt, war dem kleinen Scheißer allem Anschein nach sogar geradezu willkommen. Ich habe aber keine Süßigkeiten zu verteilen, also gab ich ihm ein Briefchen mit einer Aftershave-Probe, nicht ohne Hintergedanke, Frau Mama war nämlich zauberhaft: brünett, duftend, dazu Rehaugen und schwebender Gang. Aber Sohnemann spielte nicht mit, warf mir die Gabe empört vor die Füße und brüllte los. Jetzt war Mama beschämt, ein bisschen zumindest, erklärte dem Sprössling, wie mit unliebsamen

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Hanna Roßmanith

Oh Tannenbaum …

Immer wieder greift sie nach einer der golden glitzernden Kugeln. Zuerst legen sich ihre abgemagerten Finger sanft um sie. Dann wird der Druck immer fester, die Belastbarkeit der dünnen Wände austestend. Einem Weihnachtswunder gleich – bislang sind die Kugeln heil geblieben, trotzen der Kraft der Verzweiflung. Sie nimmt ein Zweigende in die Hand. Fühlt das Stachelige. Das Glatte. Atmet dabei den herrlichen Tannenduft tief in ihre Lungen ein. Christbäume haben immer auch etwas mit der eigenen Kindheit zu tun. Alles riecht dabei nach Erwartung und Freude. Nach Zauber. Nach Glück. Oh Tannenbaum, du kannst mir sehr gefallen. Sigrid denkt nach. Wartet, erwartet … »Warten und erwarten. Das ist wohl deine Hauptbeschäftigung geworden?«, meint dazu launisch grinsend ihre Ironie. Warum gelten für sie andere Regeln?

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Sie ertappt sich nun mehrmals am Tag immer wieder aufs Neue, diese wirklich mehr als außergewöhnliche Situation zu hinterfragen. Sie fragt allerdings nicht: Warum wurden meine Eltern, mein Bruder, meine Tochter grün, nachdem sie mit dem Weihnachtsbaum in Berührung gekommen waren? Nein, sie fragt: Warum nicht auch ich? So wie die anderen! Liegt es etwa daran, dass sie sich schon seit Monaten im Out befindet? Im Leerraum eines AusgebranntSeins? In der Hölle des Nicht-mehr-dazu-Gehörens? Müde, erschöpft. Von Panikattacken und Schwindelanfällen ermattet. Die eigene Lebensperspektive außer Sichtweite gerückt. Einem sich unkontrolliert überlappenden Perspektivenchaos ausgeliefert? Habt Acht! Alle strammgestanden! Und Marsch … Warum zum Teufel, fragt sie sich auch, kann sie die Ängste der neuerdings grüngefärbten Menschen um sich herum nicht nachvollziehen? Was regt ihr euch denn so auf? Ist doch egal, oder? Ob man grün ist, oder rot oder gelb! Wenn sich alle Lebensspiralen sowieso in immer enger werdenden Kreisen auf den Nullpunkt hin bewegen. Da und dort. Auf das Elend zu. In die Einsamkeit. In die Resignation. In den Tod. Dennoch kreisen ihre Gedanken lediglich um diesen einen Satz: Warum nicht auch ich? Die Mutter sagt. Der Vater sagt. Die Freundin sagt:

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Doris Köhler

Das Glitzern und die Dunkelheit

Der Bart kitzelte ihn am Kinn, der Kleber reizte seine Oberlippe. In dem dicken Mantel schwitze er. Matthi stellte den Sack auf die oberste Stufe und klingelte. Sein vorletzter Auftritt dieses Jahr. Mit strahlenden Eltern und »Süßer die Glocken nie klingen« im Hintergrund. Oder »Stille Nacht«? Egal, solange die Lieder nicht auf Blockflöten gefiept wurden. Diese Villa mit Erkern und Türmchen sah jedoch eher nach »Es ist ein Ros entsprungen« auf einer Kindergeige aus. Als sich die Tür öffnete, blickte er in die missbilligenden Augen eines etwa fünfzigjährigen Mannes, der demonstrativ auf die Uhr sah. Ungerührt schulterte Matthi seinen Sack und ging selbstsicher an dem Mann vorbei in den Flur. »Bitte warten Sie hier«, forderte der Mann ihn auf, ohne sich vorzustellen. »Ich muss noch meine Mutter holen.« Also war es der Hausherr, Herr Fallensbach. Matthi ließ seinen Blick wandern. Die Garderobe – nur ein

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paar Mäntel, keine Sedimente aus vergangenen Jahren wie in seiner eigenen Wohnung. Keine Schuhe vor dem Schränkchen. Und die Schale vor dem Spiegel? Matthi spürte Aufregung. Schlüssel! Randvoll die Schale mit Schlüsseln in Mäppchen, an Ringen und mit Schlüsselanhängern. Matthi zögerte. Nein, du wirst nicht rückfällig nach fast acht Wochen Enthaltsamkeit. Aber gucken kann ich ja mal. Mit den Fingern? Er berührte einen hölzernen Papagei in blau und rot. Warum denn nicht. Dann fiel ihm ein leuchtend roter Anhänger auf – ein kleiner Ferrari, Metall, detailgetreu. Wow, was für ein Fang! Doch als er sah, dass der Ferrari an einem Fiat-Autoschlüssel hing, ließ er ihn fallen. Was für ein Angeber – oder Träumer? Matthi wollte sich gerade abwenden, stolz, nicht weich geworden zu sein, als er unten in der Schale ein Glitzern bemerkte. Er kramte ein paar Schlüssel zur Seite und hielt ein goldenes Schiffssteuerrad an einem alten Autoschlüssel in den Fingern. In der Mitte glänzte geschliffener Strass. Hübsch. Leg's wieder weg. Aber hübsch ist es trotzdem. Leg's wieder weg, schnell, geh ein paar Schritte zurück! Matthi nickte sich selber zu: Ja, besser die Finger davon lassen. Doch die Finger der Hand, die den Anhänger hielten, bekamen Gesellschaft von den Fingern der

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Henrik Zoch

Filmreife Weihnachten

Ich schaue mich im Spiegel an. »Toll siehst du aus Larissa«, denke ich. Das Schicksal meiner Altersgenossinnen, bei denen der Arm noch winkt, wenn man ihn längst wieder runter genommen hat, ist mir erspart geblieben. Ich habe aber auch eine Menge in mein Aussehen und meinen Körper investiert: Vielen Stunden im Fitnessstudio, unzählige Besuche bei der Kosmetikerin. »Toll siehst du aus, Larissa«, sagt eine Stimme hinter mir. Es ist Bert, dieser Volldepp von einem Regieassistenten, der noch nicht einmal in der Lage ist, einen vernünftigen Latte Macchiato mit fettarmer Sojamilch zu machen. Ich lächle ihn natürlich trotzdem an und sage »Danke, Bernd«. Ich sage mit Absicht »Bernd« als Zeichen meiner Geringschätzung. Er lächelt trotzdem zurück und geht. Ja, troll dich nur, du Wicht. Keiner würde dich vermissen, wenn du nie wieder kommen würdest. Im nächsten Augenblick brüllt jemand weiter hinten »Danke, Drehschluss … Ich wünsche euch allen schöne

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Feiertage«. Der Regisseur. Auch nicht gerade die hellste Kerze auf dem Kuchen, aber wenigstens versteht er es, mich gut in Szene zu setzen. Mich, Larissa de Santis: die beste Schauspielerin des Jahres. Zumindest behaupten das die Leser der »Movie weekly«. Und haben damit natürlich recht. Schöne Feiertage hat uns der Regisseur gewünscht. Ach ja, dieses völlig unnötige Weihnachtsfest, bei dem mir meine Neffen und Nichten das Geld aus der Tasche ziehen, steht mal wieder vor der Tür. Aber nicht mit mir, nicht mit Larissa de Santis. Die können ihren vertrockneten Gänsebraten ohne mich mit billigem Wein runter würgen.. Ich werde am Heiligabend gepflegt im »Wiener«, dem besten Restaurant am Platz, essen gehen, und mir danach meine größten Erfolge auf DVD ansehen. Mit diesen freudigen Gedanken auf ein wahrhaft friedliches Weihnachtsfest ohne Kindergebrüll, verlasse ich das Studio. Vor dem Tor warte ich auf meinen Fahrer. Verdammt wo ist der Dummkopf, es ist schweinekalt hier draußen und jetzt fängt es auch noch an zu schneien! Hinter mir wird das Tor des Filmparks mit lautem Rattern geschlossen. Der Regisseur kommt noch schnell heraus geflitzt. Er wünscht dem Pförtner ein frohes Fest. Ausgerechnet diesem Wesen der Unterschicht. Dann kommt er zu mir. Er breitet die Arme aus, wahrscheinlich um mich zu umarmen und sagt: »Larissa, wir haben es geschafft. Endlich Urlaub«.

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Thorsten Dörp

Punschbechersammler

Es roch nach warmen Mandeln und klirrend kalter Luft. Würstchenkauend stand Brahms inmitten des Weihnachtstrubels und sah zu ihr hinüber. Der Schnee unter seinen Schuhen war längst geschmolzen. Er lächelte mit vollem Mund, als er bemerkte, dass auch sie Notiz von ihm genommen haben musste. Sie trug einen weißen Mantel und stand mit einer kleinen Gruppe an einem der gegenüberstehenden Tische. Hin und wieder lachte sie und deutete mit ausgestrecktem Arm in seine Richtung. Er strahlte ein nie da gewesenes Selbstbewusstsein aus. Zwar lag es noch etwas künstlich in seinem vernarbten Gesicht, doch mit jedem Blick zu ihr herüber, übte er den Umgang damit. Eilig hob er seine Hand und bestellte zwei Punsch. »Hier möchtest du?«, stotterte er sie an, während all sein Mut durch seine Adern floss. »Was?«, entgegnete sie erschrocken, als er neben ihr auftauchte.

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Ihr Gesicht war makellos. Keine einzige Falte. Sie war genauso hübsch wie jung. »Punsch. Habe ich dir gekauft«, erklärte er wortkarg. »Das wäre nicht nötig gewesen«, antwortete sie höflich. Ihre Freundinnen kicherten, während sie ihm gespielt lächelnd die Tasse abnahm und auf den Tisch zu den anderen Bechern stellte. »Danke«, sagte sie knapp und wandte sich von ihm ab. Sein Atem stieg stumm in die kalte Dezemberluft. Sein Brustkorb hob und senkte sich zweimal. Dann rückte er einen weiteren Schritt an sie heran. So dicht, dass es jeder als unangenehm empfinden musste. Druckvoll tippte er ihr auf die Schulter. »Wollen wir den auch trinken?«, drängte er mit durstiger Stimme. Eingeschüchtert wich sie zurück. »Hören Sie bitte. Ich möchte mit Ihnen nichts trinken. Ich wollte nur höflich sein, deshalb habe ich Ihren Becher genommen«, erläuterte sie, als stimmte das, was sie sagte. Schlagartig wich das heitere Stimmengewirr der Gruppe einer seltsam gereizten Stimmung. Aus dunklen, angetrunkenen Augen eines großen, jungen Mannes, der sich in die enge Lücke zwischen dem Mädchen und ihm gestellt hatte, blinzelte die unmissverständliche Botschaft, jetzt besser zu gehen. »Vielleicht ein anderes Mal?«, fragte er, als hätte er ihr Nein nicht verstanden.

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Mein Wunschzettel

Liebe(r) Zu Weihnachten wünsche ich mir folgende Bücher: Ο Peter Koebel: Fischmarie Ο Peter Koebel: Die. Gier Ο Betty Kolodzy: Reinverlegt! Ο Betty Kolodzy: Ali, der Tinnitus und ich Ο Betty Kolodzy: Istanbul Walking Ο Sven-A. Dreyer: Die Luft anhalten bis zum Meer Ο Doris Köhler: Gewagtes Manöver Ο Dieter Mäder & Henrik Zoch: Nicht zu fassen! Ο Hanna Roßmanith: GreenSinn (Zutreffendes ankreuzen)

Danke Dir! Dein(e) Alle Infos & Leseproben auf www.michasonundmay.de

 


Der Baum brennt schon wieder  

Leseprobe zur Anthologie.

Der Baum brennt schon wieder  

Leseprobe zur Anthologie.

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