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Foto julian voloj

Dialog mit dem Vater Michael Kovner schuf mit «Ezekiel’s World» kein einfaches, aber ein sehr interessantes Werk

K ü n st l er M i c h a el Kov n er

Im Schatten des Vaters? Vergangenen Monat hatte in New York eine seltsame Inszenierung Premiere. Im Anschluss an die Ausstel-

lungseröffnung von «Exteriors» mit einer Serie von grossformatigen New Yorker Stadtansichten des Künstlers Michael Kovner wurde unter der Leitung von Jenny Levison dessen Graphic Novel «Ezekiel’s World» als Theaterstück vor ausverkauftem Haus aufgeführt. vo n julian voloj

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er 1948 geborene Israeli erklärt die Motivation zu «Ezekiel’s World» wie folgt: «Ich wollte durch meine Kunst einen Dialog mit meinen Vater entwickeln. Ich hatte viele Dinge, die mich beschäftigen und für die ich eine Ausdrucksweise suchte.» Der Vater, das ist Abba Kovner, der legendäre Partisanenführer und hebräische Dichter. Abba Kovner ist eine Legende in Israel, ein Symbol des jüdischen Widerstands und der Gründung des Staates Israels. Doch in «Ezekiel’s World» findet sich keine Glorifizierung des Vaters, sondern eher genau das Gegenteil.

Ein eigener Blickwinkel

«Mein Vater war eine sehr wichtige Persönlichkeit in Israel. Er war es, der sagte, Juden sollen sich nicht wie Lämmer zum Schlachthof bringen lassen. (Abba Kovner schrieb diese Worte 1942 in einem Mani-

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fest, das im Ghetto von Wilna verteilt wurde, Anm. d. Red.). Er war ein Nationalheld, aber die Menschen kannten ihn nicht so, wie ich ihn kannte, als einfachen Mensch, als Vater. Hier geht es nicht um den Schriftsteller und Widerstandskämpfer, ich zeige einen anderen, meinen Blickwinkel.» In Zentrum der Graphic Novel steht der 75-jährige Ezekiel, ein einsamer, bitterer Mann, der unter chronischer Arthritis leidet. Sein einziger Kontakt zur Aussenwelt ist seine Physiotherapeutin. Sein Sohn, zu dem er kaum noch Kontakt hat, lebt mit seiner Familie in San Francisco, doch dann, kurz nach Ausbruch des ersten Golfkriegs, besucht ihn seine Schwiegertochter mit dem Enkelsohn und versucht, eine Verbindung zu dem alten Mann, und auch zu der israelischen Heimat zu erstellen.

Wahre Begebenheiten

«Ezekiel hat sehr viel von meinem Vater, aber ich habe die Geschichte bewusst ins Jahr 1991 versetzt, um klarzustellen, dass

es sich nicht um meinen Vater handelt», erklärt Michael Kovner. Abba Kovner verstarb 1987, kurz vor seinem 70. Geburtstag. Ezekiels Vergangenheit wird in Traumsequenzen erzählt, die, wie im Anhang erläutert wird, auf wahren Begebenheiten der Biografie des Vaters basieren. Es geht um die traumatischen Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges, die indirekt die Bitterkeit und Verschlossenheit des Protagonisten erklären. «Um Ezekiel eine authentische Stimme zu geben, habe ich in den Text eine Reihe von Gedichten meines Vaters eingebaut.» Auch wenn Abba Kovner die Intifada nicht mehr erlebte, so scheint er hier mit seinem Sohn in einem Dialog zu stehen. Michael Kovner erlebte die Intifada damals aus der Ferne. «Ich lebte damals für drei Jahre in New York und überlegte, nicht zurückzukehren.» Im Buch hat Ezekiels Sohn eine neue Heimat in San Francisco gefunden, und wie sich im Verlauf

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kultur der Geschichte herausstellt, verliess er Israel aus Protest. «Es geht um sehr israelische Fragen: Soll ich bleiben oder gehen? Wie können wir auf Kosten anderer, der Palästinenser, hier leben? Aber es geht auch um einen einfachen Vater-Sohn-Konflikt.»

Ungewöhnliches Kunstwerk

«Ezekiel’s World» ist ein ungewöhnliches Kunstwerk. «Eigentlich hatte ich gar nicht vor, eine Graphic Novel zu schreiben», gesteht Michael Kovner ein, und daher wird die Bezeichnung dem fast 300 Seiten umfassenden Werk auch nicht gerecht. «Ezekiel’s World» ist eher eine Anreihung von konkreter und abstrakter Malerei in narrativer Form, so wie die Theaterinszenierung eher eine Lesung war, bei der die Bilder Kovners auf eine Grossleinwand projiziert wurden, was ihnen eine beeindruckende Wirkung gab. «Die Malerei ist keine einfache Ausdrucksweise. Es war nicht das, was ich wollte. Also fing ich an, die Geschichte wie ein Drehbuch zu schreiben», erklärt Kovner, dessen Sohn Regisseur ist und ihn bei seinem kreativen Prozess unterstützte. «Es war so ganz anders an meine normale Kunst.» Michael Kovner wuchs auf einem Kibbuz auf, und seine damals initiierte Liebe zur Natur spiegelt sich in seiner Malerei wider. Mitte der siebziger Jahre studierte er bei Philip Guston in New York und die Stadt ist seither seine zweite Heimat. «Ezekiel’s World» entstand jedoch ausschliesslich in Israel. «Kunst ist eine Form des Ausdrucks. Man kann durch Kunst Gefühle ausdrücken, sich mit anderen verbinden. Doch die Malerei hat keine Sprache, sie verbindet durch Schönheit.» Für seinen Dialog mit dem verstorbenen Vater brauchte Michael Kovner eine Sprache, und die Kombination von Malerei und Worten brauchte ihn zum Medium der Graphic Novel.

Zwischen Gegenwart und Vergangenheit

«Ich hatte zunächst keine Ahnung von Graphic Novels» gesteht er. «Ich kannte lediglich ‹Maus› (von Art Spiegelman, Anm. d. Red.). Als ich anfing, die Kunstform Graphic Novel zu recherchieren, fand ich das beste Comic der Welt, ‹Jimmy Corrigan, the Smartest Kid on Earth› (von Chris Ware, Anm. d. Red.). Es war so beeindruckend, dass es gleichzeitig auch einschüchternd war. Denn was verstand ich schon von Graphic Novels?» Es dauerte daher eine Weile, bis Kovner seinen Stil

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gefunden hatte. «Ezekiel’s World» ist verschiedenartig illustriert, es gibt keine Sprechblasen und andere typische Stilmittel einer Graphic Novel, die Dialoge sind kurz, und in vielen Szenen scheint das Ungesagte den Kontext zu bestimmen. Farben sind teilweise Code der Erzählung, viele Assoziationen bleiben offen, die Erzählebene wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her und setzt so ein kompliziertes Puzzle zusammen, in dem die Bilder des Sohnes mit den Gedichten des Vaters eine Einheit bilden. Es ist kein einfaches, aber dafür ein sehr interessantes Werk geworden. Ebenso kompliziert wie der Inhalt war auch der Entstehungsprozess. «Ich arbeitete mich Kapitel für Kapitel durch das Drehbuch. Nachdem ich die Ideen formuliert hatte, musste ich die geeigneten Schauspieler finden, die meine Szenen personifizierten. Ich selbst spielte die Rolle von Ezekiel. Alle Szenen wurden zunächst gefilmt, dann nahm ich einzelne Standbilder aus dem Film, druckte sie aus, malte sie, scannte die gemalten Bilder und bearbeitete sie in Photoshop für die Buchseiten.» Ein sehr komplizierter Prozess, der insgesamt vier Jahre dauerte. Als es zu seiner Ausstellung im New Yorker Jewish Community Center kam, sprach ihn Jenny Levinson, dessen Ehemann Kovner mit jiddischen Passagen im Buch half, an und schlug vor, eine Theaterinszenierung des Textes zu machen. «Ich mochte die Idee. Es gibt dem Werk eine neue Dimension. Es ist keine andere Geschichte, aber eine andere Interpreta-tion.» In einer der beeindruckendsten Szenen versucht Ezekiel eine Beziehung zu seinem Enkel zu entwickeln und nimmt Legobausteine, um ihm seine Vergangenheit zu erklären. Er baut das Ghetto von Wilna; die Nazis sind schwarz gekleidet, die Juden in Gelb. Als der Enkel verwundert fragt, welche Farbe denn die jüdischen Polizisten haben sollen, die ja einerseits Juden sind, andererseits den Nazis halfen, beschliesst Ezechiel sie gelbschwarz gestreift anzustreichen, antwortet aber nicht direkt auf die Frage, nach dem Warum. Die Vergangenheit ist nicht einfach zu erklären, und so ist auch nicht die Gegenwart, und mit seinem Werk er-

örtert Michael Kovner die kompilizierte Beziehung von beidem.

Ein einmaliges Projekt

«Du kannst nicht vor Deiner Vergangenheit weglaufen. Ich habe es versucht, aber es geht nicht. Viele Jahre lang habe ich das Thema Holocaust vermieden, aber jetzt, wo ich älter bin, habe ich angefangen, mich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.» Das Werk ist daher ein posthumer Dialog, der «so leider nie zustande gekommen ist. Wir waren leider beide oft zu sehr mit unserer eigenen Welt beschäftigt, und ein Gespräch war dadurch leider immer zum Scheitern verurteilt.» Für viele Israeli war Abba Kovner ein «moderner Prophet, der an einem Schnittpunkt jüdischer Geschichte stand und versuchte, Antworten auf die grausamen Dilemma seiner Zeit zu finden, die er am eigenen Leib erlebte. Seine eigenen Traumata bestimmten aber auch seine Ansichten. Es war mir wichtig, ihn so zu zeigen, wie ich ihn kannte. Jemand, der einerseits voller Liebe, Leben, Humor war, aber auch voller Zweifel. Er lebte in Gegensätzen und hatte keine Lösungen. Seine Philosophie war es, denn Sinn des Lebens darin zu finden, ohne Angst zu leben, stark zu sein.» In «Ezekiel’s World» entfremdet diese Stärke den Protagonisten von seinen Kindern. Im Verlauf der Geschichte wird klar, dass Ezekiel seine Tochter in den Selbstmord trieb, da er ihre Beziehung zu einen Nichtjuden nicht guthiess; der Sohn, der Ungerechtigkeit gegenüber den Palästinensern während seiner Wehrzeit erlebt hat, versucht vergeblich, das Gespräch mit dem Vater zu finden. «Ezekiel’s World» ist nur ein einmaliges Projekt. Michael Kovner hat keine Pläne, weitere Graphic Novels zu erstellen. Obwohl er mit dem Resultat seiner Arbeit zufrieden ist, weiss er jedoch: «Meine Kunst, meine Bilder sind ganz anders als die Idee, die mein Vater von Kunst hatte. Ich weiss das, aber am Ende kannst du lediglich du selbst sein.» Und das ist Michael Kovner, er selbst. Trotz des Namens. «Der Name Kovner bringt eine gewisse Verpflichtung mit sich. Mein Sohn hasste es, den Namen zu tragen. Ich glaube, es ist ein Schicksal mit T dem man einfach leben muss.» 

«Der Name Kovner bringt eine gewisse Verpflichtung mit sich.»

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In The Shadow of His Father?  

German online magazine about Michael Kovner's new graphic novel - Ezekiel's world

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