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WeiterBildung in Baden-Württemberg

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Magazin April 2011

Eindrücke - Übersichten - Ausblicke

WB Report BW Kopfstand für neue Perspektiven: Jahresempfang des Netzwerks Fortbildung in Stuttgart................................1

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Neues wagen und Lösungen gestalten: Unternehmer-Fachkonferenz des Wirtschaftministeriums..................3 Tänzchen mit dem Schweinehund: Eindrücke von der LearnTec 2011 in Karlsruhe...................................................5 Fähnchen am Arbeitsplatz „Ich lerne gerade!“: Eindrücke von der Didacta 2011 in Stuttgart.............................6

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Rückenwind für Weiterbildung: Der Abschlussbericht der Enquete-Kommission....................................................8

Kopfstand für neue Perspektiven Beim Jahresempfang des Netzwerks Fortbildung in Stuttgart lud Prof. Dr. Rolf Arnold zum Parforceritt durch systemisch-konstruktivistische Lernwelten. „Müssen sich WeiterbildnerInnen in Zukunft auf den Kopf stellen?“ Dazu sprach Prof Arnold von der TU Kaiserslautern beim Jahresempfang des Netzwerks Fortbildung am 6. April 2011 im Haus der Wirtschaft in Stuttgart. Seine Kernthese und zugleich sein Hinweis auf die Bedeutung des informellen Lernens: „Das Leben bildet!“

uns, und zwar dadurch, dass wir anfangen, das Vertraute anders zu sehen.“ Also Einladung zum Kopfstand: Gehören Lehren und Lernen zwangsläufig zusammen? Stimmt es, dass man als Lernender selbst nur wenig zum eigenen Lernprozess beitragen kann? Stiftet Wissen die entscheidenden Kompetenzen? Ist das Geführt werden im Lernprozess frei von Risiken und Nebenwirkungen? Muss man grundsätzlich zusammenkommen und sich auszutauschen, um erfolgreich zu lernen? Arnold spitzt die Fragen noch zu: Hat Wissen automatisch etwas mit Kompetenz zu tun? Nein! „Man kann viel wissen, aber nichts können.“ Weiter gefragt: Was ist überhaupt Kompetenz? Der Lernforscher geht auch dieses viel diskutierte Thema munter an. Er unterscheidet zwischen Fachkompetenz, Methodenkompetenz, Sozialkompetenz und emotionaler Kompetenz - und fragt provokant: Woher weiß man, ob jemand kompetent ist? Hier habe die berufliche Bildung entscheidend zur Klärung beigetragen: „Kompetenz sieht man in der Praxis“, fasst Arnold zusammen, „man sieht es, man erlebt es.“

Lernprozesse neu sehen lernen

Gastredner: Prof. Dr. Arnold, TU Kaiserslautern

Arnolds Kurzfassung vom systemisch-konstruktivistischen Ansatz in der Bildungsdiskussion lautet: „Wir sehen die Welt, wie wir gewohnt sind sie zu sehen.“ Das bedeutet: Wenn alles so bleiben soll wie bisher, dann ist die Sache vergleichsweise einfach. Dann haben wir das Rüstzeug dazu schon „emotional eingespurt“ im Kopf. Was aber, wenn Veränderungen anstehen? Dann geht es um Gefühle. Dann sind Führungskräfte gefragt, die etwas von nachhaltiger Führung verstehen, die mit den Bedingungen von Veränderungsfähigkeit vertraut sind. Und Arnold betont: „Auch Lehrende sind Führungskräfte!“ Wie gelingt Veränderung? Arnolds konstruktivistisch fundierte Antwort lautet: „Veränderung beginnt bei

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Noch ein Kopfstand gefällig? „Man lernt auch außerhalb von Bildungshäusern“, so Arnold an die Adresse der Bildungsträger. Wenn es stimme, dass Erwachsene ihre Kompetenz zu 80 Prozent informell und nur zu 20 Prozent im Rahmen strukturierter formaler Bildungsprozesse erwerben, „dann müssen wir die sicher geglaubten Begrenzungen aufheben und die Lernprozesse neu sehen lernen“. Wie entsteht Kompetenz? Arnolds Antwort, zugleich seine zentrale Botschaft: „Das Leben bildet“. Also gelte es, die verschiedenen Lebenssituationen und Lernchancen miteinander zu verknüpfen. „Wir müssen unsere Bildungskonzepte weiträumiger denken.“ Offline- und Online-Angebote könnten heute sehr wirkungsvoll miteinander verknüpft werden. „MultimodeLearning“ nennt er das. Dabei geht es ihm nicht um vorschnelle E-Learning-Loblieder. Vielmehr beschreibt er die Wirkung guter Kombinationen anhand von „Er-

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WB Report BW möglichungsfaktoren eines nachhaltigen Lernens“. Seine Formel dazu lautet S P A S S, nämlich Selbstgesteuert, Produktiv, Aktivierend, Situativ und Sozial.01/ 2011

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Professor Arnolds Vortrag beim Jahresempfang freilich folgt einer durchaus gewohnten und damit, wie wir2011 erApril fahren, „emotional eingespurten“ Methode: „Ich stehe hier am Pult und trage Ihnen etwas vor.“ Dieses didaktische Modell habe vor vielen Jahrhunderten die Kirche entwickelt. Und wie man sehe, werde es immer noch hin und wieder praktiziert. Aber es gebe heute viele weitere Möglichkeiten, das Lernen zu gestalten und damit die unterschiedlichen Kompetenzen zu fördern.

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Arnold spricht von der „gestuften didaktischen Wirkungstiefe“, beginnend mit „Darstellen“, gefolgt von „Handeln“ und „Erfahren“. Fachkompetenz auf der Ebene „Darstellen“ beispielsweise bedeute ganz einfach: Wie biete ich den Lehrinhalt dar? Methodenkompetenz in der Wirkungstiefe „Handeln“ frage danach: Wie inszeniere ich das Lehrangebot so, dass die Lernenden ausreichend Gelegenheit haben, den Inhalt selbständig und in Kooperation zu erschließen? Sozialkompetenz in der Wirkungstiefe „Erfahren“ thematisiere: Welche Erfahrungsräume eröffne ich durch die methodische Inszenierung, in denen sich die Lernenden als selbstwirksam erleben und Gefühle der Abhängigkeit und Hilflosigkeit in ihren Lernprozessen überwinden? Kompliziert? „Wir müssen die Ich Kräfte stärken“, sagt Arnold. Hilfreich sei es, neben der Pädagogik, Soziologie und Psychologie auch die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung zu berücksichtigen. Da könnten wir lernen: „Bedeutungen können gar nicht vom Lehrenden auf den Lernenden direkt übertragen, sondern müssen vom Gehirn des Lernenden konstruiert werden.“ Oder: „Uns stellt sich Wahrnehmung als ein hochaktiver, Hypothesen gesteuerter Interpretationsprozess dar, der das Wirrwarr der Sinnessignale nach ganz bestimmten Gesetzen ordnet und auf diese Weise die Objekte der Wahrnehmung definiert.“ (Prof. Singer)

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Gut besuchter Jahresempfang des Netzwerks Fortbildung

Der Parforceritt durch die systemisch-konstruktivistische Weiterbildungslandschaft.nähert sich dem Ende. Zusammenfassend präsentiert Arnold ein 3-D- Modell, gewissermaßen einen Würfel der Erkenntnis: Wir müssen die Inhalte fachlich, sozial und emotional zugänglich machen; bei den Orten müssen wir flexible Angebote machen an classroom-teaching, blended learning und selfdirected learning; bei den Subjekten des Lernens müssen wir unterscheiden zwischen Individuallernen, Teamlernen und Organisationslernen. Ende des Parforceritts. Applaus. Der Vortragende dankt und verabschiedet sich. Steht er hinterher noch für Fragen zur Verfügung? Das klare „Nein!“ überrascht. Aber wir sind ja nunmehr, wie es die neue Lernhaltung erfordert, „veränderungsoffen“, „divergenztolerant“ und „erfahren im Umgang mit Unsicherheiten“. Außerdem haben wir noch genügend Raum für den selbstgesteuerten, produktiven, aktivierenden, situativen und sozialen Erfahrungsaustausch zur erfolgreichen und nachhaltigen Weiterbildung, offline gleich hier im Haus der Wirtschaft, online über diesen pdf-Text und methodenvielfältig bei den nächsten regionalen Netzwerktreffen.

Wie also bringen wir unser Gehirn dazu, dass wir etwas lernen, dass wir etwas neu sehen, dass wir einer Wahrnehmung eine neue Bedeutung beimessen? Der Schlüssel liegt für Arnold in der Emotion. „Nur wenn Gefühle im Spiel sind, gelingt erfolgreiches Lernen.“ Nicht alle Menschen aber verbinden Lernen mit bester Laune und großem Spaß. Vielmehr gibt es in den heutigen Lernbiographien immer noch jede Menge schlechte Gefühle. „Wir müssen wegkommen von den Selffullfilling Feelings“, sagt Arnold und hat dazu folgendes Beispiel: „Aha, ein altes Schulgebäude, das erinnert mich an meine Schulzeit mit all den Lernkränkungen und Gefühlen des Versagens.“ Prof. Arnold im Gespräch mit Ute Braun (Karlsruhe)

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„Neues wagen und Lösungen gestalten“ Bei einer Fachkonferenz für Unternehmen ging es um den Zusammenhang von demographischem Wandel und Fachkräftemangel. Eine Studie der Prognos AG zeigt auf: Alle Menschen werden künftig gebraucht.

WB• Verstärkung 01/ 2011 BW der beruflichen Aus- und Weiterbildung • Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von älteren Personen, von Frauen und von Personen mit Migrationshintergrund April 2011 • Steigerung der Absolventenzahl in den technischen Berufen, insbesondere bei den Ingenieuren • Erleichterung der Zuwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften • Verringerung der Steuer- und Abgabenlast

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„Baden-Württemberg ist auf der Erfolgsspur“, gibt sich Wirtschaftsminister Ernst Pfister auf der UnternehmerKonferenz zum Thema Fachkräftemangel am 14. Februar 2011 in Stuttgart zuversichtlich.

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Aktuell, so Minister Pfister, habe auch die EnqueteKommission des Landtags mit ihren Handlungsempfehlungen (siehe Bericht Seite 8) in diese Richtung gewiesen. Die Zielrichtung: Weiterbildungsferne Betriebe erreichen, die Generation 50 plus ansprechen, Frauen stärker ins Erwerbsleben einbinden, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern. Die Höhe der Erwerbsquote sei von großer Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung. Es gehe heute entscheidend darum, „für alle Unternehmen ausreichend Talente“ zu finden. „Dazu bedarf es neuer Anstrengungen in der Weiterbildung.“ Plädoyer für Qualifikationsoffensive: Minister Ernst Pfister

„In Beschäftigung, Innovationskraft und Patentanmeldung liegen wir vorn“, berichtet er vor rund 300 Unternehmern und Firmenvertretern, die der Einladung ins Haus der Wirtschaft gefolgt sind. „Jetzt geht es um die Verstetigung.“ Die freilich ist gar nicht so einfach zu schaffen. Denn inzwischen hat es sich herum gesprochen: Die vermeintliche Bildungsrepublik Deutschland steuert – verstärkt durch den demographischen Wandel - auf einen massiven Fachkräftemangel zu. Zu wenig qualifizierte Leute, das sei „ein massives Wachstumshemmnis“. Schon bis zum Jahre 2015, so eine Studie der Prognos AG, fehlen allein in Baden-Württemberg 280.000 Erwerbstätige, davon rund 100.000 Hochschulabsolventen. „Ohne Gegenmaßnahmen“, so Pfister, „wird der Fachkräftemangel zu einem massiven Dauerproblem.“ Das gelte insbesondere für Baden-Württemberg, „da das Land im Vergleich der Bundesländer den höchsten Industrieanteil an der gesamten Wirtschaftsleistung aufweist“. Was also tun? „Wir sind ein Hochlohnland und müssen die Qualifikationskraft der Menschen weiter steigern“, sagt der Minister und verweist auf die Fachkräfteinitiative seines Hauses:

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Kai Gramke, Mitglied der Geschäftsleitung der Prognos AG, stößt in seinem Vortrag bei der Konferenz in das gleiche Horn. Schon mehrfach hat er seine eindrücklichen Charts zum Fachkräftemangel präsentiert. Und immer wieder wird dabei deutlich, dass nicht nur in einem kleinen Segment bestimmte Fachleute fehlen, sondern dass es in Wirklichkeit um ein generelles strukturelles Problem der makroökonomischen Entwicklung geht. „Bezogen auf Ihr jeweiliges Unternehmen“, lockt er die Zuhörer im Haus der Wirtschaft sozusagen in die gedankliche Falle, „könnten Sie den Fachkräftemangel ganz einfach dadurch lösen, dass Sie den dreifachen Lohn zahlen.“ Also zum strukturellen Problem: Laut Gramke kommen dabei mehrere Aspekte zusammen, die im globalen Zusammenhang ganz unterschiedliche Ausprägungen und Auswirkungen haben. Frankreich beispielsweise habe mit einem Geburtenfaktor von 2,0 kein demographisches Problem, China dagegen aufgrund der 1-Kind-Politik sehr wohl. Und warum sollte ein hochqualifizierter chinesischer Ingenieur, der im eigenen Land dringend gebraucht wird und dort im Verhältnis auch gut verdient, nach Deutschland übersiedeln? Einzig Indien könne mit jetzt schon über einer Milliarde Menschen künftig sowohl von einem gigantischen Wirtschaftswachstum als auch von genügend potentiellen Erwerbstätigen ausgehen. Aber ließen sich dann indische Fachkräfte hunderttausendfach nach Deutschland locken?

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In Zahlen: Bis 2030 fehlen allein in Baden-Württemberg bei den Hochschulabsolventen 60.000 Ingenieure, 53.000 Lehrer und Erzieher, 25.000 Naturwissenschaft01/ 2011 ler und 30.000 Mediziner. Bei den Erwerbstätigen mit Berufsausbildung fehlen 38.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Handel und Logistik, 4.000 bei Banken April 2011 und Versicherungen, 24.000 im Bereich Sprachen, Kultur und Sport, 34.000 in Management und Verwaltung sowie 19.000 für Sekretariats- und Büroarbeiten.

Cartoon aus Focus

Gramkes Fazit ist eindeutig: Wir müssen die Probleme mit den eigenen Leuten im Land lösen. Auftakt also für die wohl größte Weiterbildungs- und Qualifizierungsoffensive, die Deutschland je erlebt hat. Punkt 1: Der Anteil der Berufe und Tätigkeiten im Dienstleistungsbereich wird bis 2030 weiter zunehmen. Punkt 2: Wir sind auf dem Weg in die Wissensgesellschaft. Dabei wird sich der Anteil der wissensbasierten Tätigkeiten von 18 % im Jahr 2000 auf 25 % im Jahr 2030 erhöhen, der Anteil der produktionsnahen Tätigkeiten dagegen im gleichen Zeitraum von 26 % auf 19 % verringern. Die Situation bei den primären Dienstleistungstätigkeiten sowie bei den verwaltenden und organisatorischen Tätigkeiten wird proportional in etwa gleich bleiben.

So entwickelt sich die Bevölkerungsstruktur in BadenWürttemberg: Immer mehr ältere Menschen stehen immer weniger jüngeren gegenüber

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Reichlich Grund für berechtigte Panik also in den Unternehmen. Aber Gramke und sein Prognos-Team haben sich natürlich auch überlegt, wie der Mangel an Arbeitskräften zu lösen ist. Auch hier zeigt sich, dass wir vor einer noch nie dagewesenen Herausforderung an lernende Menschen und lernende Organisationen stehen. Vier Bereiche zeigt Gramke auf, in denen sich die Erwerbstätigenquote von jetzt an bis 2030 Schritt für Schritt erhöhen lässt: • Erhöhung der Bildungsbeteiligung • Steigerung der Erwerbsbeteiligung • Ausweitung der Wochenarbeitszeit • Offensive in der Weiterbildung Alle Menschen in Deutschland sind gefragt. Auf alle kommt es an. Das ist die gute Nachricht. Aber alle sind auch aufgefordert, sich in der neuen Situation zu orientieren und den eigenen Platz, die passende Tätigkeit, die gewünschte Position zu erschließen. „Wir müssen Neues wagen und Lösungen gestalten“, gibt Minister Pfister den Teilnehmern der Fachkonferenz mit auf den Weg. Also ran an die Arbeit. Und ran an die Weiterbildung.

Die Prognos-AG hat vier Handlungsfelder identifiziert zur Reduktion des Arbeitskräftemangels: Mehr Bildungsbeteiligung, mehr Erwerbebeteiligung, mehr Arbeitsstunden, mehr Weiterbildung

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Tänzchen mit dem Schweinehund WB 01/ 2011 BW

Auf der LearnTec 2011 in Karlsruhe war reichlich Gelegenheit zum persönlichen Gespräch. Und als der Gedächtnistrainer Marco v. Münchhausen (ganz ohne web und tec) zum Vortrag lud, bildeten sich wahre Menschentrauben.

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So richtig voll war die große Messehalle in Karlsruhe nicht zur diesjährigen LearnTec. Dafür viel Platz zum Treffen, zum Austausch, zum Kaffee trinken, eben die klassische Face-to-Face Kommunikation. Natürlich drehen sich die Gespräche um die Frage, wie es nun online weiter gehen wird. Sehr gute Plattformen gibt es inzwischen und auch jede Menge hochprofessionelle Dienstleister, die entsprechende Lernprogramme aufsetzen können. Und es macht auch richtig Spaß, in den neuen digitalen Lernwelten aktiv mit zu klicken. Am interessantesten daher die Fachgespräche über hilfereiche Kombi-Angebote. Also Blended Learning reloaded. Wann und wo und wie oft reale Treffen im Seminarraum? Welche zusätzlichen Möglichkeiten des Live-Kontakts via Skype oder über entsprechende integrierte Video-Tools? Und wie sieht es aus mit Angeboten für das individuelle Online-Lernen, ergänzend zum Lehrbuch? Mal sehen, wie die Diskussion zum digitalen Lernen auf der diesjährigen Didacta in Stuttgart weiter geht (siehe auch Bericht S. 6). Eines freilich möchten wir zur LearnTec in Karlsruhe noch festhalten. Im Forum am Nachmittag findet sich plötzlich eine riesige Besuchermenge zusammen. Alle Sitzplätze belegt, hunderte Interessierte stehend, eine Stunde lang. Wie das? Referent Dr. Marco von Münchhausen war gekommen und sprach über Gedächtnistraining und Lerntechniken. Die Erfolgsmatrix: Herausforderung und Fähigkeit müssen zusammen passen. Ist die Aufgabe zu schwer, sagt die innere Stimme: Das schaffe ich nie. Wird die Fähigkeit nicht wirklich herausgefordert, stellt sich Langeweile ein. Im entsprechenden Lernkorridor, der wie ein Pfeil von links unten nach rechts oben aufsteigt, liegt also die große Chance. Aber es gilt auch dort eine Hürde zu überwinden. Denn die letztlich entscheidende Frage sei doch, wie man sei-

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Nicht unnötig provozieren: den inneren Schweinehund (Quelle: Dr. Marco v. Münchhausen)

nen inneren Schweinehund... nein, eben nicht besiegt, sondern wie man ihn „zu einem Tänzchen einlädt“. Von Münchhausens Erfolgsrezept, dass sich die LearnTec-Besucher nach entsprechender Trainer-Anleitung nunmehr auch direkt im eigenen Gehirn merken konnten: Beginne mit kleinen Schritten. Mache die aber regelmäßig. Und lasse am Anfang keine Ausnahmen und Entschuldigungen zu. Denn sonst, das hat auch Herr von Münchhausen („Ich fahr ab sofort mit dem Fahrrad zur Arbeit“) schon selbst („beim ersten Regenschauer“) erlebt, „wedelt der innere Schweinehund sogleich mit dem Schwanz, nimmt auf dem Beifahrersitz Platz, und erwartet von mir, dass ich ihn mit dem Auto zur Arbeit fahre“.

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Fähnchen zeigt an: „Ich lerne gerade!“ WB 01/ 2011 BW

Auf der Didacta 2011 in Stuttgart gehörte das Thema Weiterbildung eher zu den Stiefkindern. Beim Rundgang und in Fachvorträgen April 2011 gabe es aber doch neue Erkenntnisse. Unter anderem: Der virtuelle Klassenraum kommt.

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Am Anfang war das Werkzeug. Bohrer, Fräse, Säge. Alles für den Profi, stabil und funktional - schwäbisch solide eben.

Klar gibt es dazu ordentliche Fachbücher, darin auch plausible Erklärungen, Zeichnungen, Testfragen. Aber das hat die Festo Didaktiker nicht zufrieden sein lassen. „Wir wollten Wissen interessanter machen“, berichtet Hartmut Braun, Bereichsleiter E-Learning. Und so haben sie weiter getüftelt und geschraubt, diesmal digital.

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Didacta 2011, Halle 7. Im Hintergrund wird gerade ein schwebender Festo-Rochen an den Start gebracht

Dann folgten pneumatische und elektrische Antriebstechnik für die Fabrik- und Prozessautomatisierung - weltweit. Und weil das hier beschriebene, gleichermaßen erfolgreiche wie langfristig denkende Familienunternehmen sich der „Corporate Educational Responsibility“ verschrieben hat, geht’s jetzt um die Megathemen Technik, Wissen, Bildung und Lernen – natürlich ebenfalls weltweit. Modernste digitale Tools sind im Angebot. Ein virtuelles Klassenzimmer zum Beispiel, indem man Schritt für Schritt und vor allem selbstgesteuert lernen kann, wie das alles funktioniert: Hydraulik, Pneumatik, Automation, Mechatronik. Didacta 2011, Stuttgart, Messehalle 7. Am Stand von Festo Didactic tummeln sich die Bastler und Tüftler – und staunen. Wie von Zauberhand bewegen sich die Plastik-Arme im labyrinthischen Lernarrangement. So läuft das heutzutage. Vollautomatische Produktion. Festo Didactic hat sich darauf spezialisiert, die Mechanismen und Kunstgriffe all dieser Wunder der Technik anhand von Modellen lernbar zu machen. Keine Berufsschule oder technische Bildungseinrichtung, die nicht ein Klassenzimmer voller Festo Module bereit hielte. Sehr anschaulich ist das Ganze: Edutainment im besten Sinne. So macht lernen Spaß. Wenn nur die komplizierte Theorie nicht wäre.

Herausgekommen ist die Software „virtual classroom“, mit der man Lernprozesse im besten Sinne von blended learning optimal strukturieren und die Lernangebote didaktisch passend aufbereiten kann. Verena Mäckle, seit einem Jahr Produktmanagerin bei Festo Didactic (ihre Diplomarbeit hat sie über die Erfolgsfaktoren für die Einführung von E-Learning geschrieben) erläutert das „integrierte Lernsystem“. Der Lernprozess beginne in der Regel ganz klassisch mit einem Startworkshop in der realen Welt. Aber dann könnten die Kurs-Teilnehmer in einer Selbstlernphase am Computer, das heißt im virtuellen Klassenzimmer, Schritt für Schritt, von Tutoren unterstützt, die entsprechenden Themenblöcke durcharbeiten und dabei die gestellten Aufgaben lösen. Dazu gebe es jede Menge pdf„Papiere“ und entsprechende Präsentationen, aber auch Videofilme und interaktive Lernübungen („anklicken“, „drag&drop“, „freie Felder“) mit unmittelbarer Bewertung der Ergebnisse. Anschießend treffe man sich wieder real im Präsenzseminar. Viele Fragen seien dann schon geklärt. Umso intensiver könne man nun hier das Gelernte gemeinsam umsetzen und sich über Fragen des Praxistransfers austauschen. „Früher haben die Seminare fünf Tage in Anspruch genommen“, berichtet Bereichsleiter Braun. „Jetzt sind es nur noch drei Tage.“ - Aha. An der Bildung soll also

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WB Report BW mal wieder gespart werden? - „Nein!“, widerspricht der E-Learning Fachmann. „Die zwei verbleibenden Tage sind nur anders aufgeteilt.“ Jeder Teilnehmer könne diese Lern-Zeit im virtuellen Klassenraum für sich einteilen. - Ach so. Abends und am Wochenende? -

Abermals „Nein!“, betont der Projektentwickler, der zudem auch Vorsitzender des Betriebsrats ist. Die Lernzeit 01/ 2011 müsse in den normalen (Arbeits-)Tageslauf integriert werden. Man solle das Pensum am besten direkt am Arbeitsplatz erledigen und „dabei vielleicht ein Fähnchen aufstellen: Ich lerne gerade“. Jeden Tag einen kleinen April 2011 selbstgesteuerten Lernschritt vorankommen, das sei die beste Methode, ist der Festo Didaktiker überzeugt.

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Vom Lernen der Technik zur Technik des Lernens

Didacta 2011 in Stuttgart, Halle 7, Themen und Trends in der Weiterbildung. An Infoständen und in Diskussionsforen wird deutlich, dass die didaktischen Tüftler und Bastler bei der Entwicklung von brauchbaren blended learning Arrangements einen großen Schritt voran gekommen sind. Die Software läuft schnell und stabil, schwäbisch solide eben – und offenbar auch ganz einfach: „Es braucht nur einen Tag der Schulung für interessierte Bildungseinrichtungen, um dieses Lerntool für die eigenen Themen und Kurse einzusetzen“, verspricht Verena Mäckle. „Und das Problem des integrierten Wissensmanagements haben Sie damit auch gleich gelöst.“

Schluss mit dem Jugendwahn Kurzer Besuch bei der Messe „Jobs for future“ in Villingen-Schwenningen im März 2011. Das Konzept überzeugt: Arbeit, Ausbildung und Weiterbildung bei einer Messe, unter einem Dach. Egal, von welcher Frage man ausgeht, immer findet sich beim Rundgang die nächste passende Information. In diesem Jahr gibt es 240 Infostände, verteilt auf drei Messehallen. Die Hallenbelegung ist sehr gut geregelt, immer ist genug Platz für die Laufwege und für die Möglichkeit, an einem Stand auch kurz einen Stopp einzulegen und ins Gespräch zu kommen.

ger. Deshalb fordert Pfister: „Schluss mit dem Jugendwahn!“ Seinen Rundgang durch die drei Messehallen beginnt der Minister beim Stand des Regionalbüros. Im Gespräch mit Hubert Bosch, dem Leiter des Regionalbüros Schwarzwald-Baar-Heuberg, betonte Ernst Pfister, wie wichtig es sei, dass die Bildungsträger vor Ort in einem Netzwerk zusammengeschlossen sind. „Das ist gut für den fachlichen Austausch und damit für die Qualitätssicherung.“

Wirtschaftsminister Ernst Pfister ist zur Eröffnung da und weist in seinem Vortrag auf die drei wichtigsten Punkte hin, die das Land brauche: Innovation, Investition, Qualifikation. „Wie können wir das Problem lösen?“ fragt er in die Runde und hat natürlich auch einen Lösungsvorschlag: „Wir brauchen zusätzliche Köpfe. Wir müssen produktiver werden. Und am besten beides gleichzeitig!“ Klares Signal des scheidenden Wirtschaftsministers auf der Jobs-for-Future Messe: „Die Weiterbildung spielt eine entscheidende Rolle!“ Die Ausbildung werde tendenziell kürzer, die Weiterbildung tendenziell län-

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Hubert Bosch (l.) im Gespräch mit Minister Ernst Pfister

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Rückenwind für die Weiterbildung WB

BW diese Unterscheidung auch für den Weiterbildungsbe-

01/in2011 Die Enquete-Kommission „Fit fürs Leben der Wissensgesellschaft“ hat ihren Abschlussbericht vorgelegt. Darin nimmt das Thema Weiterbildung breiten Raum ein. Künftig soll April 2011 trägerneutrale Weiterbildungsberatung besonders gefördert werden.

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reich überholt. Zentral Frage für die Enquete-Kommission: Wie kann erreicht werden, dass sich alle Menschen im Land sowohl im allgemeinen wie im beruflichen Bereich lebenslang weiterbilden können?

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Lebenslanges Lernen gewinnt an Bedeutung Große Herausforderungen brauchen einen soliden Sachverstand und einen breiten Konsens für die besten Lösungsansätze. Der Weg in die Wissensgesellschaft ist eine solche Mammut-Aufgabe. Die aus allen Fraktionen des Landtags von Baden-Württemberg zusammengesetzte Enquete-Kommission hat hierzu Sachverständige aus vielen Bereichen zur Anhörung geladen und nach mehrmonatiger Arbeit einen umfangreichen Abschlussbericht vorgelegt. Mit Blick auf das Jahr 2030 werden in dem Bericht als die drei großen Herausforderungen benannt: • Die notwendige Herstellung der Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung • Die Heterogenität der Gesellschaft mit Menschen unterschiedlichster Herkunft und verschiedenster Bildungsvoraussetzungen, die eines differenzierten und flexiblen Bildungsangebots bedürfen • Die notwendige Gewinnung von Fachkräften zur Bewältigung der wirtschaftlichen Herausforderungen des erfolgreichen Wirtschaftsstandorts Baden-Württ emberg Trägerneutrale Weiterbildungsberatung Angesicht der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung werde die Bedeutung der Weiterbildung steigen, so die einhellige Erkenntnis. „Es geht um die strukturelle Weiterentwicklung der Weiterbildung im Sinne eines lebenslangen Lernens“, so Andrea Krueger, die Vorsitzende der Enquete-Kommission. Ihr Kollege Christoph Bayer, Obmann der SPD in der EnqueteKommission, ergänzt: „Deshalb muss es uns besser gelingen, auch die Menschen anzusprechen, die sich momentan unterdurchschnittlich oft an Weiterbildung beteiligen.“ Hierfür sei der Aufbau einer trägerunabhängigen, flächendeckenden und die allgemeine und berufliche Weiterbildung abdeckende Bildungsberatung erforderlich, damit sich Bildungsinteressierte künftig besser über ihren Bedürfnissen entsprechende Angebote informieren können. Die Unterscheidung zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung ist nach Einschätzung der Enquete-Kommission für die heutige Arbeits- und Lebenswelt nicht mehr zeitgemäß. Mit Blick auf die Anforderungen eines lebenslangen Lernens in einer Wissensgesellschaft sei

In einer zunehmend alternden Gesellschaft mit immer kürzeren technologischen Innovationszyklen gewinnen die Aktualität des Wissens und damit das lebenslange Lernen zunehmend an Bedeutung. Das zentrale Anliegen der Weiterbildungspolitik müsse es zukünftig sein, bisher kaum erreichte Zielgruppen wie etwa bildungsferne Schichten, An- und Ungelernte sowie Migrantinnen und Migranten anzusprechen und für die Weiterbildungsmaßnahmen zu gewinnen. Unter Punkt 3.4. fasst der Bericht die Erkenntnisse zu Allgemeiner und Beruflicher Weiterbildung zusammen. Dabei geht es explizit um • Sicherung eines flächendeckenden allgemeinen Weiterbildungsangebots • Steigerung der Weiterbildungsbeteiligung bildungsferner Gruppen • Förderung der beruflichen Weiterbildung • Förderung innovativer Weiterbildungskonzepte • Fortführung und Weiterentwicklung des Weiterbildungsportals www.fortbildung-bw.de • Vernetzung der Weiterbildungsberatung in BadenWürttemberg • Fortentwicklung der Weiterbildungsförderung des Landes • Weiterbildung an beruflichen Schulen • Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte • Präventive Tätigkeit der Bundesagentur für Arbeit Für die im Netzwerk Fortbildung zusammen geschlossenen Bildungsträger ergeben sich aus den Handlungsempfehlungen der Kommission gute Orientierungspunkte für die eigene strategische Ausrichtung. Denn aufgrund der „überaus großen Zahl einstimmig gefasster Beschlüsse“ (Krueger) besteht im Land nun weitgehend ein Konsens darüber, wie Baden-Württemberg dem drohenden Fachkräftemangel entgegenwirken sollte. Es lohnt sich, die 25 Seiten-Zusammenfassung zu Allgemeiner und Beruflicher Weiterbildung genauer anzusehen. Der vollständige Bericht (mit insgesamt 964 Seiten) findet sich unter „Drucksachen“ auf www.landtag-bw.de

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WB Report BW Allgemeine Weiterbildung

Berufliche Weiterbildung

WBDie01/ 2011 BW Aufstiegsfortbildungen gelten nach den Erkennt-

Die Enquete-Kommission konstatiert, dass im Bereich der allgemeinen Weiterbildung die Bildungsträger vom Land eine Grundförderung erhalten, die sich nach Inhalt, Dauer und Umfang der durchgeführten Weiterbildungsmaßnahmen sowie nach der Zahl der Teilnehmer richtet. Um die institutionelle Grundstruktur der Weiterbildung in der Fläche auch künftig zu sichern, soll diese Trägerförderung nach Unterrichtseinheiten dauerhaft weitergeführt werden.

nissen der Enquete-Kommission nach wie vor als bewährter Karriereweg. Die berufliche Weiterbildung insgesamt baue auf der Eigenmotivation der Menschen April 2011 auf, ihre Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten oder zu verbessern. Der größte Teil der Weiterbildungsmaßnahmen, etwa 60 Prozent, finde innerbetrieblich statt. Daneben werde die berufliche Weiterbildung vor allem von den Kammern, den Gewerkschaften und Volkshochschulen sowie von privaten Anbietern und Verbänden getragen.

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Eine Steigerung von derzeit 5,8 Prozent auf den bundesweiten Vergleichswert von 13,6 Prozent, wie von den Grünen gefordert, fand dabei in der Kommission keine Mehrheit (hier darf man nun natürlich auf die künftige Förderpolitik der neuen Landesregierung gespannt sein). Gemäß Kommissionsempfehlung sollen Kooperationen zwischen mehreren Bildungsträgern künftig verstärkt unterstützt werden, „um das Weiterbildungsangebot in der Fläche zu sichern und zugleich unterschiedliche Kompetenzen gewinnbringend zu bündeln“. Bildungsferne Gruppen Zum Thema Steigerung der Weiterbildungsbeteiligung bildungsferner Gruppen stellt die Kommission fest, dass sich zwar „gut zwei Drittel der Erwachsenen in irgendeiner Form weiterbilden“, dass sich aber Personen mit niedrigen Bildungsvoraussetzungen seltener weiterbilden als Personen mit hohem Bildungsniveau. Fazit: Weiterbildung wirkt nicht kompensatorisch, sondern im Gegenteil kumulativ. Die Herausforderung bestehe darin, „bisher kaum erreichte Gruppen zu größeren Bildungsanstrengungen zu motivieren und zu befähigen und somit einen Prozess des lebenslangen Lernens anzustoßen“. Konkret empfiehlt die Kommission, ein Förderprogramm für weiterbildungsferne Gruppen aufzulegen. Vordringlich sollten dabei An- und Ungelernte, gering qualifizierte Migrantinnen und Migranten, funktionale Analphabeten und Personen ohne Schulabschluss angesprochen werden, und zwar am besten durch aufsuchende Bildungsberatung und sozialintegrative Vermittlungsformen. Nur so könne man diejenigen erreichen, die von sich aus nicht nachfragen. Das Förderprogramm solle dabei als Trägerförderung ausgestaltet werden. Von einer individuellen Förderung wie bei der Bildungsprämie rät die Kommission ab. Noch in diesem Jahr soll 2011 soll die Landesregierung ein tragfähiges Konzept entwickeln und dem Landtag bis Ende des Jahres darüber berichten.

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Das Land, konstatiert die Enquete-Kommission, unterstütze die Weiterbildungsanstrengungen der Beschäftigten und der Betriebe unter anderem durch das Internet-Portal www.fortbildung-bw.de, durch die Fachkursförderung sowie durch die Förderung des Netzwerks für berufliche Fortbildung und deren Regionalbüros. Die zentrale Herausforderung im Bereich der beruflichen Fortbildung bestehe in der Sicherung des Fachkräftebedarfs, um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Baden-Württembergs und damit den Wohlstand seiner Bürger dauerhaft zu sichern. Im Verhältnis zur Erstausbildung werde die Bedeutung der beruflichen Weiterbildung weiter steigen. Bei einer stagnierenden Teilnahme an formalen beruflichen Weiterbildungsangeboten sei von einer steigenden Bedeutung des Selbstlernens auszugehen. Wichtig sei es daher, die non-formalen und informellen Strukturen der Weiterbildung stärker zu nutzen und mit den formalen Qualifikationsstrukturen zu verzahnen. Auch im Bereich der beruflichen Weiterbildung sollen künftig verstärkt die Zielgruppen der an- und ungelernten und der älteren Beschäftigten, der WiedereinsteigerInnen sowie der Mitarbeiter mit Migrationshintergrund in den Blick genommen werden. Wichtig seien niederschwellige Angebote, die möglicherweise direkt am Arbeitsplatz stattfinden. Dabei sollen vor allem kleine und mittlere Unternehmen unterstützt werden. Grundsätzlich soll bei Förderprogrammen trotz zeitlicher Begrenzung der ESF-kofinanzierten Programme auf Nachhaltigkeit geachtet werden. Innovationsfähigkeit der Bildungsträger Aber nicht nur die Menschen, schreibt die EnqueteKommission, sondern auch die Institutionen der Weiterbildung müssen lernen, dass sie in ihrem Tätigkeitsfeld „stets aufs Neue gesellschaftliche Wandlungsprozesse aufnehmen, sich auf veränderte Zielgruppen und deren Bildungsanforderungen einstellen und dazu spe-

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WB Report BW zifische Lern- und Kommunikationsformen entwickeln müssen“. Um die Innovationsfähigkeit der Träger dau2011 erhaft zu sichern und zu erweitern, müssen 01/ entsprechende Konzepte bekanntgemacht, verstetigt und in der Fläche implementiert werden. Folglich soll die Landesregierung die Erprobung und Einführung Aprilinno2011 vativer Konzepte fördern. Dazu gehören

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• Aufsuchende Bildungsberatung • E-Learning und Blended Learning • Verzahnung von beruflicher, sozialer und personaler Qualifizierung • Inklusion, also Integration Behinderter • Verfahren, um non-formal und informell erworbene Kompetenzen sichtbar zu machen • Weiterentwicklung von Qualitätsmanagementverfahren, um die Gewährung von Finanzmitteln daran koppeln zu können • Eine Landesweite Verbreitung und Implementierung Weiterhin soll die Landesregierung das Weiterbildungsportal www.fortbildung-bw.de ausbauen, u.a. durch die Verbindung von allgemeiner und beruflicher Fortbildung. Außerdem sollen die jeweiligen Angebote

genauer beschrieben werden, vor allem hinsichtlich der intendierten Lernergebnisse. Auch interaktive Elemente sollen mittelfristig in die Kursdatenbank eingebaut werden.

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Neben der im Internet verfügbaren Information komme BW der persönlichen Weiterbildungsberatung eine große Bedeutung zu. Daher sollen die bestehenden Beratungsstellen in einem landesweiten Netzwerk verbunden werden, um den Erfahrungsschatz zu bündeln und die regionalen Kenntnisse und Kontakte zu nutzen. Fazit: Für die künftige Weiterbildungsförderung des Landes sei es wichtig, allgemeine und berufliche Weiterbildung stärker zu koppeln, ein hochwertiges Angebot in der Fläche sicherzustellen, weiterbildungsferne Gruppen anzusprechen und dazu eine ggf auch aufsuchende trägerneutrale Beratung anzubieten. Es gelte, neue Lernformen zu entwickeln und durch Einführung einer Vollkostenrechnung eine bessere Kostentransparenz sicher zu stellen. Bis Ende 2012 soll das Land ein entsprechendes Gesamtkonzept zur Förderung der Weiterbildung in Baden-Württemberg vorlegen.

Buchtipp

Rousseau läßt grüßen: „Knowledge Gardening“ Zufallstreffer: Auf der Learn-Tec in Karlsruhe findet sich am Stand des Bertelsmann-Verlags ein aktuelles Buch mit dem Titel „Knowledge Gardening“. Im Untertitel erfahren wir die Richtung der Ausführungen: „Wissensarbeit in intelligenten Organisationen“. Schon beim Durchblättern wird deutlich, wie sehr auf dem Weg in die künftige Wissensgesellschaft die unterschiedlichsten Bereiche miteinander zusammenhängen und wie sehr dies mit dem Thema Weiterbildung zu tun hat.

Die Autorin des Buches, Gabriele Vollmar, wohnt, wie dem Klappentext des Buches zu entnehmen ist, in Reutlingen. Ein guter Grund, sich einmal zum Gespräch zu verabreden und auszuloten, wie der Know-How Transfer in Sachen Knowledge Gardening aussehen könnte.

Was ist individuelles Lernen? Was ist soziales Lernen? Was ist organisationales Lernen? Außerdem werden wir in diesem Buch auf die „Wissenstreppe“ gelockt und lernen, sozusagen Stufe für Stufe: Zeichen werden zu Daten, aus Daten werden Informationen, Informationen verdichten sich zu Wissen, aus Wissen wird Können, daraus leitet sich Handeln ab, was zu Kompetenz führt und damit die Wettbewerbsfähigkeit sichert.

Gefördert aus Mittels des Europäischen Sozialfonds und des Wirtschaftsministeriums Baden-Württemberg.

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Magazin April 2011

WeiterBildung in Baden-Württemberg Eindrücke - Übersichten - Ausblicke

Report BW Sozialkompetenzen WB gefragt In Zusammenarbeit mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heidenheim haben die Regionalbüros im vergangenen Jahr eine eigene Unternehmensbefragung durchgeführt. Aufschlussreicher Trend: Weiterbildung wird zunehmend als Instrument der Mitarbeiterbindung gesehen.

Auch bei der Recherche nach Fortbildungseinrich-

WBtungen 01/ 2011 liegt BW die persönliche Empfehlung mit 66 % immer noch vor der Information aus dem Internet mit 60%. Dies allerdings sollte nicht dazu verführen, die Präsenz im Internet zu vernachlässigen. Denn das web April 2011 holt auf. Und ohne gute web-Präsenz der Anbieter kann sich perspektivisch auch die beste persönliche Empfehlung nicht durchsetzen.

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Im Rahmen der Umfrage wurden vorwiegend kleine und mittlere Unternehmen angesprochen. Dabei ging es um die jeweils genutzten Arten von Weiterbildung, um die Veranstaltungsformen und natürlich auch um die Themen der Weiterbildung. Gefragt wurde außerdem nach den Entscheidungskriterien bei der Auswahl der Anbieter sowie nach der Form der Recherche. Schließlich wurde auch gefragt, wie die Unternehmen auf den Fachkräftemangel reagieren. Die Ergebnisse: Bei der Art der Weiterbildung liegen nach der Umfrage die Angebote externer Weiterbildungsanbieter knapp vor den firmeninternen Schulungen. E-Learning Angebote werden dagegen bisher nur von einem Viertel der befragten Unternehmen genutzt. Bei den Veranstaltungsformen scheint sich das eintägige Seminar (45 %) durchzusetzen, gefolgt von Kongressen, Symposien und Fachmessen (22%). Mehrtägige Seminare liegen gleichauf mit unterstütztem Lernen am Arbeitsplatz (je 15%). Interessant bei den Themen der Weiterbildung: Hier liegen die Sozialkompetenzen inzwischen in Führung (65%), gefolgt von Computerschulungen inkl. EDV / IT (58%) und Marketing/Vertrieb (51%). Der Schulungsbedarf bei Sprachen wird von 35 % der befragten Unternehmen genannt. Bei Rechnungswesen und Themen der Außenwirtschaft scheint der Schulungsbedarf derzeit eher gering zu sein (unter 10%). Wie wählen die Unternehmen die Fortbildungsträger aus? Hier zeigt sich die hohe Bedeutung der Kundenzufriedenheit. Denn am häufigsten lässt man sich Anbieter empfehlen oder greift auf eigene positive Erfahrungen zurück. Weitere Auswahlkriterien sind eine hohe Übereinstimmung mit den Kundenanforderungen sowie eine Spezialisierung auf die Branche bzw. auf das Thema der Weiterbildung.

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Eindrücke - Übersichten - Ausblicke

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WeiterBildung in Baden-Württemberg

Magazin April 2011

WB Report BW

zum Schluss… WB 01/ 2011 BW in Kürze… Schwer war es nicht, in den ersten vier Monaten des Jahres genügend Themen für diesen Newsletter zu finden. Und wenn Sie trotz E-Mail- und Papierflut die Zeit April 2011 gefunden haben, den einen oder anderen Beitrag zu lesen, dann sind wir sehr zufrieden mit diesem ersten Versuch, in der vielfältigen und durchaus bewegten Weiterbildungslandschaft Baden-Württemberg einige aktuelle Eindrücke, Übersichten und Ausblicke zusammen zu tragen.

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Auch für die nächsten Monate und damit für die nächste Ausgabe werden wir an Themen keinen Mangel haben: Die neue Landesregierung formiert sich, eine landesweite Kommunikationskampagne für Weiterbildung ist in Arbeit, von Fachtagungen und Weiterbildungsevents werden wir berichten können, und bei der inzwischen erfolgreich bekannt gemachten Bildungsprämie (gutes oder schlechtes Zeichen?) geht, wie man hört, das Geld aus. Mal sehen, was sonst noch passiert nächster Zeit. Für Rückmeldungen und Anregungen sind wir sehr dankbar. Am besten schicken Sie eine E-Mail an redaktion@regionalbuero-bw.de. In diesem Sinne: auf einen anregenden Dialog.

Hier finden Sie eine Übersicht zu Terminen rund um das Thema Weiterbildung in Baden-Württemberg. Mehr und aktueller können Sie sich über Veranstaltungen informieren auf www.fortbildung-bw.de

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Treffpunkt Fortbildung 17. Mai 2011, 17 - 21 Uhr Stadthalle Pfullendorf Stuttgarter Weiterbildungstage 20./21. Mai 2011, Haus der Wirtschaft, Willi-Bleicher-Straße 19, 70174 Stuttgart Fachforum Fortbildung 2011 26.5.2011, 13 - 20 Uhr Terminal 4 im Flughafen Stuttgart Weiterbildungsfest der Region Neckar-Alb 2. Juli 2011, 11 - 16 Uhr, Marktplatz Tübingen

Ihre Regionalbüros

Impressum Dieses Magazin wird herausgegeben von den Regionalbüros des Netzwerks Fortbildung Baden-Württemberg. Für die Redaktion ist eine Arbeitsgruppe zuständig, Mitglieder sind derzeit Achim Kühne-Henrichs und Dr. Gerhard Mehrke.

Ansprechpartner und Kontakt: Achim Kühne-Henrichs Regionalbüro des Netzwerks Neckar-Alb c/o Volkshochschule Reutlingen Im Wasen 10, 72770 Reutlingen Tel.: 07121 / 955357 Email: redaktion@regionalbuero-bw.de

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