MFG - Das Magazin / Ausgabe 82

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MFG Ausgabe 09/22

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IM NETZ * nicht die Partei


Die Kleinen ganz groß

Der T-Roc, der neue Taigo und der T-Cross

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JOHANNES REICHL

MONEY MAKER

S

trompreisbremse, Teuerungsausgleich, blau-gelber Strompreisrabatt, Klimabonus … angesichts der diversen aktuellen Segnungen des Staates kommt man sich gerade vor wie bei „Money Maker“. Erinnern Sie sich noch an die Sendung, wo es von oben herab Geldscheine regnete und man versuchte, soviel wie möglich davon einzuheimsen, indem man die Arme breit verschränkte und eine Pose wie die bezaubernde Jeannie einnahm? Blöd nur, dass für viele der Energie-Geldregen trotzdem nicht ausreicht, und noch blöder, dass ihn alle bekommen (Codewort „Gießkanne“), was mich – wie schon zu Corona-Zeiten – an den deutschen Schlager „Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Pinke-Pinke?“ erinnert. Das gilt für „Fossile“ wie mich übrigens auch privat, so man zu den Priveligierten zählt, die sich über EnergieInvestments – sagen wir aufgeteilt über die nächsten 100 Jahre, aber man wird ja eh älter heutzutage – zumindest Gedanken machen dürfen. „Raus aus dem Gas“ ist auch mein neuer Schlachtruf. Also wär es, denn da kommt jetzt eher die Zeit des bösen Erwachens und die Mama taucht vorm geistigen Auge auf und schimpft mit erhobenem Zeigefinger: „Kind, hab ich dir nicht immer gesagt: ‚Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!‘“ Dass meine Frau daneben im Kopfkino noch süffisant hinzufügt „Wenn ein Mann sagt, er macht es, dann macht er es. Man muss ihn nicht alle sechs Monate daran erinnern!“, lindert die Sache auch nicht wirklich. Und so muss ich zähneknirschend die drei berühmten Worte sagen, die jede Frau gerne hört: „DU HAST RECHT!“ Denn NATÜRLICH wollte man die Wärmepumpe eh schon vor zwei, drei Jahren anschaffen, scheute sich aber davor, weil man von der Werbung „wir holen die Leichen aus dem Keller“ – gerade in einem Bundesland wie Nieder­ österreich – dann doch ein bisserl abgeschreckt war. Okay, oder einfach zu lasch, weil man spekulierte „des wird nu billiger!“ Jetzt hingegen stellt sich die persönliche Energiewende-Misere wie folgt dar (glückliche

Menschen, die nicht mit Gas heizen und Warmwasser aufbereiten, können diesen Absatz getrost überspringen, es sei denn, sie brauchen ein bisschen Schadenfreude fürs eigene Seelenheil): Die Wärmepumpe kommt auf, sagen wir Daumen mal pi, 30.000 Euro – da schießt der Staat aber 10.500 Euro zu. Super. So eine Pumpe frisst aber leider viel Strom, also wäre eine Photovoltaik-Anlage sinnvoll (die ich natürlich auch schon lääääängst machen wollte, aber – weil die Wirtschaft schließlich gefördert gehört – hab ich extra auf einen Zeitpunkt gewartet, wo das Zeug das gefühlt Doppelte kostet und sowieso, wie die Wärmepumpe nebstbei, frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2023 geliefert werden kann). Kostenpunkt läppische 20.000 Euro. Blöd nur, dass der Heizwärmebedarf des Hauses (bei meinen Werten bekommen selbst hartgesottene Installateure Panikattacken oder Lachkrämpfe), nett formuliert, „suboptimal“ ist. Also sollte ich eigentlich, wie die Energieberatung – meine neuen besten Freunde – empfiehlt, zuallererst das Dach dämmen. Nochmals 15.000 Euro … und hui-wusch, schon sind theoretisch über 50.000 Euro in die Luft geblasen – ach ja, ein Schwedenofen wäre by the way auch nicht schlecht, „aber eh nur für die Übergangszeit!“ Hm, wie viele Jahre könnte ich mir da jetzt die erhöhten Energiepreise leisten? Und dann träumt man sich wieder ins Money Maker-Paradies (mich hat ja immer das grüne Glitzerjackett fasziniert, dazu gehört wirklich Mut, Respekt!) – wo es aber anstelle der staatlichen Hilfen nur 1.000 Euro Scheine (ja, die gibt’s in meinem Traum!) regnet und alles wird gut … bis jemand den Stecker im Kopfkino zieht und – Ding Dong – der EVN-Mann vor der Tür steht. „Wir installieren den neuen Smart Meter. Der is super, da können Sie jetzt genau sehen, wann Sie wie viel Strom verbrauchen.“ Na genau. Damit ich jetzt auch noch ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich mir um Mitternacht eine Eierspeis koche – am ELEKTRO(!)-Herd, diesem elendigen Stromfresser, dem! Auch danke dafür!

Offenlegung nach §25 Medien-Gesetz: Medieninhaber (Verleger): NXP Veranstaltungsbetriebs GmbH, MFG - Das Magazin, Kelsengasse 9, 3100 St. Pölten. Unternehmensgegenstand: Freizeitwirtschaft, Tourismus und Veranstaltungen. Herausgeber/GF: Bernard und René Voak, in Kooperation mit dem Kulturverein MFG. Grundlegende Blattlinie: Das fast unabhängige Magazin zur Förderung der Urbankultur in Niederösterreich. Redaktionsanschrift: MFG – Das Magazin, Kelsengasse 9, 3100 St. Pölten; Telefon: 02742/71400-330, Fax: 02742/71400-305; Internet: www.dasmfg.at, Email: office@dasmfg.at Chefredakteur: Johannes Reichl Chefredakteur-Stv.: Michael Müllner Chefin vom Dienst: Anne-Sophie Müllner Redaktionsteam: Thomas Fröhlich, Sascha Harold, Johannes Mayerhofer, Michael Müllner, Andreas Reichebner, Thomas Schöpf, Beate Steiner, Thomas Winkelmüller, Timo Wöll Kolumnisten: Thomas Fröhlich, Michael Müllner, Tina Reichl, Roul Starka, Beate Steiner, Thomas Winkelmüller Kritiker: Helmuth Fahrngruber, Thomas Fröhlich, David Meixner, Michael Müllner, Clemens Schumacher, Manuel Pernsteiner, Michael Reibnagel, Christoph Schipp, Robert Stefan, Thomas Winkelmüller Karikatur: Andreas Reichebner Bildredaktion: Matthias Köstler, Hannah Strobl Cover: Adobe Stock Art Director & Layout: a.Kito Korrektur: Anne-Sophie Müllner Hersteller: Walstead NP Druck GmbH Herstellungs- und Verlagsort: St. Pölten Verlagspostamt: 3100 St. Pölten, P.b.b. Alle Rechte, auch die Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2. Urheberrechtsgesetz, sind vorbehalten. Alle Angaben ohne Gewähr. Für den Inhalt bezahlter Beiträge ist der Medieninhaber nicht verantwortlich.


HASS IM NETZ – Seite 8

BLEIBEN DIE WOHNZIMMER KALT? – Seite 22

ALPENLAND IN FRAUENHAND – Seite 40

BETTINA MASUCH – Seite 54

YOUNG ARTISTS – Seite 68

DOMINIK BURGSTALLER – Seite 72

Editorial In was für einer Stadt leben wir

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URBAN 7 8

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Shortcut Urban Hass im Netz – „Dagegen müssen wir uns wehren“ Love to hate you Digitale Bildung – Sonja Gabriel Bleiben die Wohnzimmer kalt? Mangelwirtschaft Sommer, Sonne – St. Pölten?

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Der Talisman

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72 Dominik Burgstaller

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Kritiken Veranstaltungen Außensicht Karikatur

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2. DEZEMBER 2022

Drei Schwestern von Anton Tschechow

68 Young Artists – Kunst muss Spaß machen 70 Alexander Eder – „Ganz normal gestört“

46 Shortcut Kultur 48 Haus mit WOW-Effekt 54 „Großes Kino“ im Festspielhaus

SPIELZEIT 22/23 Schachnovelle von Stefan Zweig Reigen

Wo geht‘s zum fünften Viertel? Auswege aus der Ausweglosigkeit Alpenland in Frauenhand Saludos von Don Fredo

Ein Apartment auf dem Uranus nach Paul B. Preciado

Don Quijote

von Miguel de Cervantes Saavedra

Pygmalion

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Nächste Kursstarts: 19.09.2022 | Stengberg 27.09.2022 | Böheimkirchen

07.10.2022 | Senftenberg 20.10.2022 | Dürnstein 27.10.2022 | St. Pölten

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IN WAS FÜR EINER STADT LEBEN WIR EIGENTLICH ...

… in der es grotesk anmutet, dass die neue Park & Drive Anlage bei der Osteinfahrt nur für Auspendler – die dort Fahrgemeinschaften bilden sollen – nicht aber gleichermaßen für Einpendler konzipiert ist, die dort ihr Auto stehen lassen und per Öffi in die Stadt weiterfahren, um so den innerstädtischen Verkehr zu entlasten. Erklärt wird das u. a. mit der „Kurzfristigkeit“ des Projektes, was insofern für Kopfschütteln sorgt, weil das Thema ein „langfristiges“ ist, sprich seit Jahren diskutiert wird. Vielleicht könnten ja Taxiunternehmen einspringen, indem sie zu den Stoßzeiten einen Kleinbus-City-Shuttle bieten, der die Ankommenden in einem kurzen Takt zum LUPKnotenpunkt Bahnhof bringt. Ein System, das von der öffentlichen Hand gestützt werden könnte, um so die Preise minimal zu halten. Es gibt bereits den Landhaus-Shuttle – Zeit für einen City-Shuttle!

… in der Tulln beim Nibelungenplatz vorzeigt, wie zeitgemäße, klimafreundliche Platzgestaltung aussieht – im Gegensatz zur Domplatz-Lösung in St. Pölten. Wird das Faktum „autofrei“ geschätzt, so ist vielen unbegreiflich, warum der Platz komplett, wenn schon nicht zur Beton-, so doch zur Steinwüste wird. Das Argument, mehr „Grün“ sei aufgrund des darunterliegenden Bodendenkmals nicht möglich, ist eine Halbwahrheit. So meint Andrea Böhm vom Bundesdenkmalamt, „dass ein Bewuchs nicht von vornherein schädlich ist, wenn die archäologischen Befunde ausreichend und passend überdeckt sind und z. B. nicht unbedingt Tiefwurzler verwendet werden.“ Die St. Pöltner Bepflanzungs-Lösung sieht aber gerade einmal sechs Alibibäume vor. Gegen Tulln sieht das – sprichwörtlich – ziemlich alt aus und man wird das Gefühl nicht los, hier wurde eine Chance vertan. FOTOS JOSEF VORLAUFER, ADOBE STOCK, DND LANDSCHAFTSARCHITEKTUR

... in der ein Stück St. Pöltner Identität, das berühmt-berüchtigte „Mauseloch“ in der Austraße, einer schnöden Durchfahrt weichen musste. Wie haben wir nicht immer geschwitzt, wenn wir uns wagemutig in den kleinen Tunnel wagten. Und welch Erleichterung, ja Befreiung empfunden, wenn wir wieder heil rauskamen – ganz ohne Kratzer! Was nebstbei nicht allen gelungen ist. Legendär etwa jener Turnlehrer, der mit dem „Sportbus“ hineinfuhr … und stecken blieb. Oder jene Dame mit ihrem Golf – blöd nur, dass sie vergessen hatte, dass am Dach die Fahrräder montiert waren. Mit diesem Kick ists nun vorbei. In Hinkunft kann man die Passage locker-flockig meistern – aber muss immer alles „einfach“ sein? Liegt das Schöne, das Aufregende nicht manchmal just in der Herausforderung? Lebe wohl, du schönes fieses Mauseloch, wir werden dich vermissen!

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FOTOS: JOSEF BOLLWEIN, ADOBE STOCK

BRAVISSIMO

KOLUMNE MICHAEL MÜLLNER

SKANDALÖS SKANDALLOS

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in Name, der Programm ist. Das erstmals durchgeführte Straßenspektakel „Bravissimo“ hat gehalten, was es versprochen hat. Ein nettes, fröhliches Feelgood-Fest für die ganze Familie. Allen voran ist das der großartigen Performance der Künstler zu danken, das schöne Wetter trug sein Schärflein bei und die Organisation funktionierte nach dem Prinzip „keep it simple“, was goldrichtig zum Format passt. Die Hoffnung ist

also groß, dass St. Pölten – frei nach dem Motto „Was Linz das ‚Pflasterspektakel‘ und Graz ‚La Strada‘ ist St. Pölten ‚Bravissimo‘“ – in Hinkunft jährlich sein kleines, feines Straßenkunstfestival durchführt. Die Premiere macht jedenfalls Gusto auf mehr und lässt auch den Schmerz, dass heuer das Höfefest abermals ausfällt, ein klein wenig vergessen. Im kommenden Jahr hoffen wir dafür auf beide Formate!

AUF IN DIE SÜDSEE?

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as wurde eigentlich aus dem 2020 groß angekündigten „Südsee-Projekt“, das St. Pölten im Süden um einen neuen Badesee bereichern soll? Das letzte Update stammt vom Jänner – die Planungen, hieß es da, hätten begonnen, nun sollen weitere Bodenproben genommen werden. Viel Neues gibt es seither nicht zu vermelden. Die Abhandlung liege bei der Liegenschaftsverwaltung, weitere Untersuchungen hätten ergeben, dass es gut aussehe für das Projekt, heißt es aus dem Rathaus. Außerdem laufen zur Zeit noch Verhandlungen mit Grundeigentümern vor Ort. Bis die St. Pöltner also für einen Besuch der Südsee nur noch wenige Kilome-

ter zurücklegen müssen, dürfte noch einiges Wasser die Traisen hinunterlaufen, wie der Bürgermeister aber ehemals in einem Interview angekündigt hatte. „Realistischerweise wird es fünf bis zehn Jahre dauern“ – unter guten Voraussetzungen.

Tanzt die Welt auch am Abgrund, Sankt Pölten hält, was es verspricht. Ja, als Erdenbürger machen uns die sichtbaren Folgen des Klimawandels langsam nervös. Auf die Ersatzteile aus China warten wir auch schon verdammt lange. Und dass unserer sicher geglaubten Gewissheit, vom Frieden in der Nachbarschaft und dem langsamen, aber steten Wandel durch Handel, hin zu einer freien, rechtsstaatlichen Demokratie, einfach ins Gesicht geschissen wird, das ist echt fies. Ja, als Staatsbürger darf dir zeitweise schon ein bisserl der Zorn kommen. Gekaufte Medien. Korrumpierte Politik. Ausschüsse untersuchen. Rechnungshöfe berichten. Kanzlerrücktritte am laufenden Band. Zur Wahl des Staatsoberhaupts formiert sich die Kasperlparade. Dann noch die blaugelbe Landtagswahl, die wohl völlig ohne Thema auskommen wird. Bleibt einzig die Frage, wie dominant die Landeschefin mit den ihren in den nächsten Jahren (allein)regieren kann und welche Muppetskaliber zwischen Regierungs- und Anklagebank hin und her wechseln werden. Doch Sankt Pölten hält, was es verspricht. Kein Skandal weit und breit. Weder Krisen, noch Rücktritte. Nicht mal ein ernsthafter Richtungsstreit. Einschlägige Facebook-Gruppen erschöpfen sich abwechselnd in Restaurantkritiken (samt Kritiken dieser Kritiken) und kathartischen Analysen der (vermeintlichen) Unfähigkeit Straßenbau- und Stadtentwicklungsprojekte (vulgo Baustellen) so zu planen, dass man im Sommer nicht (gefühlt) die ganze Stadt aufreißt. Und genau dieser Skandal-Mangel ist ein Skandal!

MFG 09 22

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HASS IM NETZ

„DAGEGEN MÜSSEN WIR UNS WEHREN!“ Der Fall von Dr. Lisa-Maria Kellermayr hat das Thema „Hass im Netz“ zuletzt ins Zentrum der medialen Debatte gerückt. Einer, der ebenfalls unmittelbar betroffen ist – weil er wie Kellermayr als expliziter Impf-Befürworter etwa in Servus TV oder auf Puls 4 Stellung bezogen hat – ist der St. Pöltner Arzt Univ. Prof. Dr. Bernhard Angermayr. Wir plauderten mit ihm über seine Erfahrungen. Ganz banal gefragt – gibt es so etwas wie eine Erkenntnis, die Sie aus den Fernsehdiskussionen und den Reaktionen darauf gewonnen haben? Eine Erfahrung ist bestimmt, dass es schlicht Menschen gibt, die man mit rationalen Argumenten nicht erreichen kann – laut Umfragen dürfte es sich um ungefähr 10 % der Bevölkerung handeln. Das ist aber eine sehr laute und teils sehr aggressive Gruppe, die durch ihr Verhalten viel Aufmerksamkeit bekommt bzw. sich diese Aufmerksamkeit nimmt. Was mich zusätzlich irritiert ist: Diese Leute sagen nicht nur ihre Meinung und bringen Kritik vor, sondern sie nehmen sich das Recht heraus, Richter zu spielen und zu urteilen, was gemacht gehört. Ein Beispiel: „Dem Arzt gehört seine Lizenz entzogen“. Hier fängt schon die Unwissenheit an: Ärzte haben keine Lizenz wie Taxifahrer. Und für solche Beurteilungen wie die ärztliche Berufsberechtigung gibt es eigene unabhängige Gremien. 8

Sie sind also, wie man so schön sagt, beratungsresistent? Es ist doch grotesk, wenn sich jemand, der selbst von der Materie keinen blassen Schimmer hat und sich irgendwelche Halbwahrheiten im Internet und sozialen Medien

zusammengesammelt hat, für einen Experten hält und etwa mir als Mediziner Kompetenz in meinem Fachbereich abspricht. Ein konkretes Beispiel: Ich erhielt nach einem Fernsehauftritt eine Nachricht, wo mir aufgelistet wurde, welche Unwahrheiten ich gesagt hätte. Als „Beweis“, dass er Recht hat und ich irre, hat der Verfasser ominöse Quellen und pseudowissenschaftliche Publikationen angeführt. Da die Kommunikation mit Klarnamen über Facebook erfolgt ist, konnte ich nachvollziehen, wer mir geschrieben hat: ein KFZ-Mechaniker. Spannend wäre, ihn mein Auto reparieren zu lassen und beim Zuschauen per-


TEXT: JOHANNES REICHL | FOTOS: MATTHIAS KÖSTLER, ANGERMAYR ZVG

manent zu sagen: „Das ist aber ein Blödsinn, den Sie da machen!“ Ich denke, er würde weniger gelassen reagieren als ich auf seine Nachricht und gar nicht auf die Idee kommen, dass er das Gleiche bei mir gemacht hat. Das zeichnet nämlich diese beratungsresistenten Menschen aus: Sie sind nicht mehr offen für alles, sondern haben eine eingeschränkte Wahrnehmung nur mehr für das, was sie glauben möchten. Sie verlieren jegliche Selbstreflexion und erheben ihr Thema zur Glaubensfrage – und spätestens da geht’s dann ins Sektenhafte und wird mitunter gefährlich, weil es mit Drohungen und Einschüchterung Andersdenkender einhergeht, die den eigenen Glauben nicht teilen und daher eine Gefahr für das eigene Weltbild sind. Sie haben nach ihren Fernsehauftritten ja so einiges an Fett abbekommen. Hat Sie dieser Hass eigentlich überrascht? Eigentlich nicht, ich hab schon gewusst, worauf ich mich da einlasse. Überrascht hat mich, mit welcher Energie manche Menschen offenbar ihre Mission erfüllen müssen. Es besteht bei ihnen ein starker Drang, auf anderslautende Ansichten zu reagieren und sogar zu versuchen, meine Position zum Thema zu ändern. Außerdem hat mich überrascht, wie viel Zeit manche Menschen haben, sich so in ein Thema reinzusteigern und z. B. lange Mails nach einer banalen Fernsehdiskussion zu schreiben – teilweise mit genauen Zeitangaben, wann ich was gesagt habe. Ich bin ja sicherlich nicht der einzige, dem sie geschrieben haben. Bedenklich waren die Berichte meiner weiblichen Mitdiskutantinnen. Bei ihnen gab es noch einmal einiges mehr an Hass und Beleidi-

gungen – vor allem auch im sexistischen Kontext. Bei einer Kollegin war es so schlimm, dass sie sogar Anzeige erstattet hat. Das ist eine total toughe Frau, die viel Fernseh­ erfahrung hat. So kommt es, dass Menschen, die selbst keinerlei Fachkompetenz haben, durch Hass und Einschüchterung die öffentliche Diskussion beeinflussen, da meine Mitdiskutantin nach ihrer Erfahrungen beschlossen hat, an keiner solchen Diskussion mehr teilzunehmen. Und das ist genau das Problem: Ihre Meinung und ihre Fachkompetenz wäre wichtig in öffentlichen Diskussionen. War der rechtliche Weg für Sie auch irgendwann eine Option? Nicht wirklich. Strafrechtlich Relevantes war zum Glück bei mir nicht dabei. Das hätte ich sofort zur Anzeige gebracht. Zivilrechtlich vorzugehen, das wollte ich mir ehrlich gesagt nicht antun: Einerseits ist es mir zu schade um meine Zeit, andererseits möchte ich diesen Personen überhaupt keine Aufmerksamkeit oder gar Bühne schenken. Wie stark waren die Anfeindungen gegen Sie? Wurden Sie auch mit Mord und Gewalt bedroht wie Dr. Kellermayer? Was kommen da für Dinge? Nein, soweit ging es bei mir zum Glück nicht. Aber es gibt natürlich zahlreiche Beschimpfungen, von wegen du korrupte Drecksau, dir gehören die Kinder weggenommen und so Sachen. Da schlägt dir der reine Hass entgegen – das hat mit freier Meinungsäußerung und Kritik nichts zu tun, weil dir die Hater ja gar nicht zuhören, sondern schon ihre fixe Meinung haben. Ich hab etwa in den Sendungen immer betont, dass ich kein Impfarzt bin, also an der Impfung keinen Cent ver-

Diese Leute sagen nicht nur ihre Meinung und bringen Kritik vor, sondern sie nehmen sich das Recht heraus, Richter zu spielen und zu urteilen. UNIV. PROF. DR. BERNHARD ANGERMAYR

diene, sie aber für sinnvoll erachte – trotzdem wurde mir vorgeworfen, dass ich gekauft bin und mir damit eine goldene Nase verdiene. Eine andere Methode der Anfeindung waren Rachebewertungen auf Google und Docfinder, die direkt nach den Auftritten abgegeben wurden – von Leuten, die noch nie in meiner Praxis waren. Kann man sich dagegen wehren? Nicht wirklich. Ich habe die FakeBewertungen zwar gemeldet, aber bei google fühlt sich keiner zuständig, dort gibt es nicht einmal einen Ansprechpartner. Ich habe mir dann in Folge angewöhnt, im Kommentar direkt darunter darauf hinzuweisen, dass der Poster noch nie mein Patient war. Löschen lassen kann man die Einträge nicht. Klingt ziemlich anstrengend. Wie gehen Sie mit Hasspostings um – antworten Sie darauf oder löschen Sie sie gleich? Viele Experten empfehlen ja, dass man derlei Postings am besten ignoriert. Bei Postings mit Klarnamen, wo man also weiß, wer das abgeschickt hat, interessiert mich manchmal schon aus ärztlicher bzw. psychologischer Sicht, wer bzw. was dahintersteckt. Schreiben, die über MFG 09 22

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„DAGEGEN MÜSSEN WIR UNS WEHREN!“

mehrere Seiten gehen, lese ich nicht. Ich frage mich dann natürlich selbst – manchmal auch den Verfasser – welches Problem sie haben, wenn sie eine unbedeutende Fernsehsendung dazu veranlasst, stundenlang in der Nacht ein Hasspamphlet zu verfassen. Das meine ich gar nicht zynisch, sondern genauso. Die Schwelle, so etwas zu tun, nämlich emotionale und beleidigende Postings zu schreiben, liegt generell bei manchem Menschen sehr niedrig. Man braucht sich nur diverse Personen des öffentlichen Lebens anschauen, denen auch schon einmal das eine oder andere Posting „passiert“ ist, für das sie sich dann zumindest entschuldigen mussten. Es gibt da offenbar viele, die abends am Handy oder Computer sitzen und impulsiv irgendetwas Beleidigendes posten. Was sind das für Menschen, glauben Sie, die Sie um 3 Uhr in der Nacht mit Hassbotschaften überziehen? Ich denke Leute, die mit ihrem eigenen Leben nicht zufrieden und „auf der Suche“ sind. Diese sind anfällig für Verschwörungstheorien, egal ob es sich um Corona, das Reichsbürgertum, Klimawandel oder religi-

Wichtig ist zudem, dass die Gesellschaft einfach weiß, was teils für Wahnsinnige unter uns leben UNIV. PROF. DR. BERNHARD ANGERMAYR

ösen Fanatismus handelt. Man findet sozusagen immer irgendetwas, wohinter eine Verschwörung steckt – das zu beobachten ist schon spannend. Zugleich ist es aber auch beängstigend, weil man einen Einblick in einen Bereich der Gesellschaft bekommt, den man so gar nicht haben möchte, da man gar nicht wahrhaben will, welche Parallelwelten es bei uns gibt und welche Widersprüchlichkeiten. Widersprüchlich inwiefern? Weil jeder Mensch, auch die vielen Corona-Skeptiker, in anderen Bereichen ja wie selbstverständlich auf wissenschaftliche Erkenntnisse vertrauen müssen. Bei Corona sagen die Skeptiker auf einmal völlig selektiv: „Das glaub ich nicht!“ Ich hatte etwa eine Patientin mit einer seltenen Krankheit, wofür sie eine Therapie als Infusion erhält, die weltweit bislang vielleicht 20.000 Menschen verabreicht wurde. Diese Therapie lässt sie sich geben – bei Corona hat sie mir aber gleich einmal eine Maskenbefreiung hingehalten, weil sie nicht an die Krankheit glaubt und sich wegen der Gefährlichkeit des Impfstoffs nicht impfen lässt. Die Absurdität, dass Milliarden Menschen den Impfstoff erhalten haben und ihr Medikament, das viel mehr Nebenwirkungen hat, ganz wenige Menschen, war ihr überhaupt nicht bewusst. Diese Patientin habe ich dann doch erreicht – durch Nachfragen. Da beginnen dann einige doch nachzudenken. Nicht alle Skeptiker sind Hater und Fanatiker, deswegen ist Aufklärung und Widerspruch so immens wichtig. Und deswegen bin ich auch den Einladungen ins Fernsehstudio gefolgt. Zum Preis persönlicher Anfeindungen und Hassbotschaften.

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Stellt man sich da nicht bisweilen die Frage, warum tu ich mir das überhaupt an? Das höre ich immer wieder – auch von vielen Freunden: „Warum tust du dir das an?“ Oder von Kollegen, die im Studio waren: „Einmal, und nie wieder!“ Natürlich wärs einfacher, gar nichts zu sagen, nur ich halte das Thema einfach für zu wichtig. Es ist unbedingt notwendig, die Leute gut zu informieren, seriöse Fakten zu vermitteln beziehungsweise umgekehrt offensichtlichem Blödsinn zu widersprechen. Hoffen Sie, dass die nun angestoßene Debatte rund um Hass im Netz eine Verbesserung der Situation bringen wird und die Leute begreifen, dass es sich dabei nicht um ein Kavaliersdelikt handelt? Das Allerwichtigste ist, dass jetzt überhaupt einmal ein breiter Diskurs über das Thema stattfindet. Denn Hass im Netz betrifft ja nicht nur Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, sondern viele sind tagtäglich privat davon betroffen, werden angefeindet, gemobbt, unter Druck gesetzt. Dass diese nun endlich Gehör finden und ihre Nöte auch ernst genommen werden, finde ich immens wichtig! Da tut eine Sensibilisierung der Gesellschaft definitiv not. Wichtig ist zudem, dass die Gesellschaft einfach weiß, was teils für Wahnsinnige unter uns leben, die sich nicht unter Kontrolle haben, und dass man diese Hater ernst nehmen muss, weil sie gefährlich werden können. Für Einzelpersonen, die sie bedrohen, ebenso für den Staat insgesamt und die Demokratie, weil sie andere mundtot machen und einschüchtern möchten. Dagegen müssen wir uns wehren, indem wir Fakten und Aufklärung entgegenstellen!


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HASS IM NETZ

LOVE TO HATE YOU Viele Jahre wurde das Internet als Hort der Freiheit und freien Meinungsäußerung gefeiert – was es auch ist. Zugleich werden aber auch die Schattenseiten immer offensichtlicher, weil Freiheit oft mit Anarchie verwechselt und auf unterschiedliche Weise missbraucht wird, bis hin zu Menschen, die glauben, alles ist erlaubt und jegliche Schranken von Unrechtsbewusstsein und Anstand fallen lassen.

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elche Auswüchse das Phänomen hierzulande bereits angenommen hat, wurde mit dem Suizid von Dr. Lisa-Maria Kellermayr, die als Impfbefürworterin im Netz von einem radikalen Coronaleugner-Mob vor sich her und – wie viele meinen – letztlich in den Tod getrieben wurde, auf erschütternde Weise evident. Verschärfte Gesetze Auf rechtlicher Ebene wird seit geraumer Zeit versucht, die bislang nachhinkende und teils vage Gesetzeslage auf die Höhe der Zeit zu bringen, um Hass im Netz effektiver bekämpfen zu können. So trat in Österreich erst im Vorjahr das „Hass im Netz“-Gesetzespaket mit zahlreichen Nachschärfungen in Kraft (siehe Kasten), diesen Juli brachte das Europäische Parlament den Digital Services Act (DSA) auf den Weg. Ganz grundsätzlich geht es dabei um einen besseren Schutz von Usern im Netz im Hinblick auf digitale Dienste, wobei insbesondere das Thema „Hass im Netz“ einen

der fundamentalen Fluchtpunkte in der Ausarbeitung darstellte. Die Europäische Kommission folgt dabei, wie es in einer Pressemitteilung heißt, dem Grundsatz „Was außerhalb des Internets verboten ist, sollte auch im Internet illegal sein. Mit der Verordnung sollen die Bürgerinnen und Bürger und ihre Grundrechte im Internet besser geschützt und insbesondere Hass und politische HILFE. „Man muss nicht allein bleiben!“, sagt Ramazan Yıldız von ZARA.

Radikalisierung eingedämmt werden. Das Gesetz erleichtert die Entfernung illegaler Inhalte und schützt die Grundrechte der Nutzer/innen – etwa die Redefreiheit – im Internet. Außerdem sorgt es für eine strengere Beaufsichtigung von OnlinePlattformen, insbesondere von Plattformen, die mehr als zehn Prozent der EU-Bevölkerung erreichen.“ Mit letzterem sind vor allem Big Gambler wie META (u. a. facebook, instagram, whatsApp), Google, youtube, TikTok & Co. gemeint, die bislang – um es einmal euphemistisch zu formulieren – wenig Engagement und Konsequenz beim Löschen illegaler Inhalte, in Sachen Erreichbarkeit oder bezüglich Userfreundlichkeit beim Vorgehen gegen Hass im Netz zeigten. In vielen Fällen gelingt es Betroffenen nicht einmal Ansprechpartner zu finden, geschweige denn eine Eingabe zu machen. All dem will die EU in Hinkunft auch durch die Androhung hoher Geldstrafen bei Nichteinhaltung der neuen Regelungen Abhilfe schaffen. Ob mit Erfolg bleibt fraglich, wenn

Die Verantwortung liegt immer bei Täterinnen und Tätern. RAMAZAN YILDIZ 12


TEXT: JOHANNES REICHL | FOTOS: ADOBE STOCK, ZARA, LKA NÖ

etwa von einem Messenger-Dienst wie telegram nicht einmal ein Impressum bekannt ist. „Man muss nicht allein bleiben!“ Man folgt mit diesen Schritten vielfach den Empfehlungen diverser mit der Materie vertrauter Experten, Forscher und Vereine, deren steter Zuwachs in den letzten Jahren selbst schon wieder Indiz für den gestiegenen Handlungsbedarf bezüglich Hass im Netz ist. So bietet etwa der Verein ZARA (Zivilcourage & Anti-Rassismus-Arbeit), der sich ursprünglich insbesondere dem Kampf gegen jedwede Form von Rassismus widmete, seit 2017 auch eine eigene, explizite Beratungsstelle für Hass im Netz an und bringt zudem alljährlich den „#gegenHassimNetz-Bericht“ heraus. Den oft als schwammig empfundenen Begriff definiert

Was außerhalb des Internets verboten ist, sollte auch im Internet illegal sein. EUROPÄISCHE KOMMISSION

man dabei wie folgt: „Hass im Netz umfasst verletzende, erniedrigende oder herabwürdigende Online-Inhalte, die sich gegen Einzelpersonen oder Gruppen richten. Diese Inhalte beziehen sich häufig auf Merkmale oder Zuschreibungen wie ethnische Zugehörigkeit, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Geschlecht, Religion, Behinderung, soziale Herkunft oder Alter. Mitumfasst sind auch CyberMobbing und Cyber-Stalking.“ Prinzipiell geht es – entgegen dem vielfach gezeichneten Bild in der Öffentlichkeit – also vordergründig zunächst nicht darum, ob gleich ein Strafrechtsdelikt wie z. B. gefährliche Drohung oder Verhetzung vorliegt, sondern ob man sich

durch die hasserfüllten Äußerungen verletzt und bedroht fühlt – mit dementsprechenden schädlichen Auswirkungen auf Psyche und das eigene Sicherheitsgefühl. In diesem Fall sollen sich Hatespeech-Opfer immer, wie Ramazan Yıldız von ZARA empfiehlt, Hilfe holen – etwa bei einer Vertrauensperson, bei psychosozialen Diensten oder bei professionellen Einrichtungen, die auch im Hinblick auf das weitere – möglicherweise auch juristische – Vorgehen individuelle Lösungen mit den Opfern ausarbeiten. „Man muss nicht allein bleiben!“ Das sieht auch der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, Brigadier Stefan Pfandler, so, MFG 09 22

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Sobald in sozialen Netzwerken oder anderen Kommunikationsplattformen derartige Sacherverhalte festgestellt werden, sollten sich Betroffene umgehend an die nächstgelegene Polizeidienststelle wenden. BRIGADIER STEFAN PFANDLER

der Betroffenen rät, sich jedenfalls bei der Polizei zu melden. „Sobald in sozialen Netzwerken oder anderen Kommunikationsplattformen derartige Sachverhalte festgestellt werden, sollten sich Betroffene umgehend an die nächstgelegene Polizeidienststelle wenden, und diesen vorbringen.“ Dort wird nicht nur der Sachverhalt aufgenommen und etwaige Beweismittel wie z. B. Screenshots, Kommunikation etc. gesichert, sondern in Folge – je nach Beurteilung – weiter im Rahmen der polizeilichen Möglichkeiten ermittelt „und anschließend das Ergebnis in schriftlicher Form der zuständigen Staatsanwaltschaft zur weiteren strafrechtlichen Beurteilung vorgelegt. Den Betroffenen werden von Seiten der Polizei dabei in persönlichen Gesprächen auch Informationen über besondere Rechte als Opfer vermittelt, sowie schriftliches Informationsmaterial und Verhaltensweisen zu dieser Thematik ausgehändigt.“ Leitet die Staatsanwaltschaft ein Verfahren ein, ermittelt häufig die Kriminalpolizei weiter. Mit welchen Methoden, diesbezüg-

NÖ. 2021 gab es 809 angezeigte Hate Crime Straftaten, so Bgdr. Pfandler. 14

JUSTIG. Die Gesetze hinken den Anforderungen oft hinterher. Der DSA auf EU-Ebene sowie das „Hass im Netz“-Gesetz in Österreich sollen Verbesserungen bringen.

lich will sich Pfandler nicht in die Karten schauen lassen. „Ich ersuche um Verständnis, dass in diesem Zusammenhang die weiteren Schritte und Möglichkeiten der Kriminalpolizei nicht näher erläutert werden können.“ Man nehme jedenfalls alle Eingaben ernst, weshalb der Landeskripo-Chef auch den medial im Zuge des Kellermayr-Falles aufgetauchten Vorwurf gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft, dass es quasi für Betroffene eine Art Glücksspiel ist, ob man an einen Beamten gerät, der Hass im Netz ernst nimmt, oder einen, der das Phänomen eher als Kavaliersdelikt abtut, ganz klar zurückweist. „Diese Kritik kann von Seiten der Kriminalpolizei – für den Bereich der Polizei in Niederösterreich – nicht nachvollzogen werden, da diesbezüglich in den letzten Jahren alle Exekutivbediensteten auch ein spezielles Lernmodul absolvieren mussten, das genau für diese Thematik entwickelt wurde,

und daher eine entsprechende Sensibilisierung erfolgte!“ Überhaupt wurden, wie der Brigadier weiter ausführt, „sowohl in Bezug auf ‚Cybercrime‘ als auch in Bezug auf ‚Hatecrime‘ im Speziellen von Seiten des BMI in den letzten Jahren bereits große Anstrengungen unternommen, um die Bediensteten in Bezug auf diese Kriminalitätsform zu schulen bzw. entsprechendes Fachpersonal auszubilden und Strukturen anzupassen.“ Zivilgesellschaft gefordert Auch Ramazan Yıldız ortet durchaus Fortschritte, hält die Anstrengungen aber für weiter ausbaufähig. So fordert er etwa eine noch stärkere „Sensibilisierung der Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte zum Thema Hass im Netz. Wir sehen aus einigen Beratungsfällen, dass eine Anzeige mehrere Anläufe braucht, bis sie aufgenommen wird.“ Außerdem plädiert er dafür,


LOVE TO HATE YOU

H AS S I M NE T Z - GE SE T Z Stell dir vor, es gibt ein neues Gesetz und keiner weiß, was drinnen steht. In etwa so stellt sich die Situation beim „Hass im Netz“-Gesetz dar, das bereits seit 2021 in Kraft ist, aber erst im Zuge des Kellermayr-Falles stärker in den Fokus geriet. Dabei ist es durchaus „eine gute Grundlage, um gegen Hass im Netz vorzugehen und Betroffenen von Gewalt Online sowie Offline zu helfen“, wie Ramazan Yıldız von ZARA urteilt. Und auch der Leiter des Landeskriminalamtes, Brigadier Stefan Pfandler, bestätigt: „Aus polizeilicher Sicht stellen die in den letzten Jahren diesbezüglich geschaffenen Regelungen eine solide Basis für effiziente Aufklärung derartiger Straftaten dar.“ Ein Blick, was drinnen steht, und was sich gegenüber Vorgängergesetzen geändert hat.

Beispiel wäre das Posten eines Nacktfotos ohne Einverständnis der betroffenen Person.

Gerichtliche Löschung von Hasspostings mittels Mahnverfahrens Postings, welche die Menschenwürde verletzen, können nun rasch gelöscht werden. Dazu ist es möglich, beim Bezirksgericht ohne vorangehende Verhandlung einen Unterlassungsauftrag zu erwirken. Das Formblatt für die Klage und den Antrag auf Erlassung eines Unterlassungsauftrags steht auf justizonline.gv.at zum Download zur Verfügung.

Transparentes Meldeverfahren Auf den jeweiligen Plattformen befindet sich eine ständig erreichbare und leicht handhabbare Meldemöglichkeit. Gemeldete Inhalte müssen je nach der Eindeutigkeit des strafbaren Inhaltes innerhalb von 24 Stunden bis zu 7 Tagen von den Plattformen gelöscht werden. In einem weiteren Schritt steht der Gang zur behördlichen Beschwerdestelle der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH offen.

Erleichterte Ausforschung von Täter:innen bei Privatanklagedelikten Die typischen Hasspostings erfüllen in der Regel die Straftatbestände der „üblen Nachrede“ oder der „Beleidigung“. Dabei handelt es sich um Privatanklagedelikte, bei denen Opfer auf meist kostenintensivem Wege Täter:innen selbst ausforschen mussten. Dies wurde geändert. Nun forschen die Behörden die beschuldigte Person aus, sofern dies beim Landesgericht beantragt wird.

Zustellungsbevollmächtige:r Plattformen sind nun verpflichtet, eine:n Zustellungsbevollmächtigte:n als Ansprechperson für österreichische Behörden, Unternehmen und Bürger:innen zu benennen.

Entfall des Kostenrisikos für Opfer Das Kostenrisiko im Fall eines Freispruches oder einer Einstellung lag bisher beim Opfer, das die Prozesskosten zu bezahlen hatte. Auch hier schuf das neue Gesetzespaket Abhilfe. Ausweitung der Prozessbegleitung Eine vermehrte psychosoziale und juristische Prozessbegleitung soll Opfer von Hass im Netz dabei unterstützen, mit der außerordentlichen Belastung eines Strafverfahrens besser umgehen zu können. Höherer Schadenersatz im Medienrecht Wenn Menschen durch ein Medium in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt werden, können sie nun mit einer höheren Entschädigungssumme rechnen. Cybermobbing bereits ab dem ersten Posting Früher war das Beleidigen, Bedrohen, Bloßstellen oder Belästigen einer Person im Internet nur strafbar, wenn es „fortgesetzt“ erfolgte. Nun kann bereits eine einmalige Tathandlung ausreichen, um sich strafbar zu machen. Ein

Tatbestand der Verhetzung ausgeweitet Hetze und öffentliche Gewaltaufrufe gegen Einzelpersonen wegen ihrer (z. B. ethnischen oder religiösen) Gruppenzugehörigkeit sind künftig vom Verhetzungstatbestand umfasst. Früher war es erforderlich, dass sich derartige Angriffe gegen die gesamte Bevölkerungsgruppe richten.

Empfindliche Geldbußen Bei systematischem Versagen der Plattformverantwortlichen gegen Hass im Netz drohen Geldbußen bis zu zehn Millionen Euro, damit auch Milliardenkonzerne den Opferschutz ernst nehmen. Ausgewählte Rechtsfragen zu „Hass im Netz“ im Überblick Hasspostings können unterschiedliche Rechtsfolgen nach sich ziehen und durchsetzbare Ansprüche auslösen. Häufig kann ein Hassposting sowohl zivilrechtliche, als auch straf- oder medienrechtliche Konsequenzen haben. Beispielsweise könnten durch ein Posting Straftatbestände wie Cybermobbing oder Verhetzung erfüllt werden. Zugleich könnte das Posting einen zivilrechtlichen Unterlassungsanspruch und einen medienrechtlichen Entschädigungsanspruch des Opfers auslösen. Seit Ende 2020 werden in Österreich alle unter die Definition „Hate Crime“ fallenden gerichtlich strafbaren Handlungen speziell erfasst und somit in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik eigens ausgewiesen. Für den Zeitraum Jänner 2021 bis Dezember 2021 wurden laut polizeilicher Kriminalstatistik 2021 in Niederösterreich 809 „Hate Crime“ Straftaten angezeigt. Die Aufklärungsquote liegt dabei im Jahr 2021 in Niederösterreich bei 70%. (Quelle Bundesministerium Justiz)

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LOVE TO HATE YOU

Online ist reale Lebenswelt!

KOLUMNE BEATE STEINER

RAMAZAN YILDIZ

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FOTO ADOBE STOCK

SUDERANTEN-SCHMERZ Wandel tut weh. Wie weh muss Wandel erst tun, wenn kein Pflasterstein dort bleibt, wo er jahrzehntelang war, kein Schleichwegerl mehr in die gewohnte Richtung führt, der angestammte Parkplatz einem Haus, einem Baum, einer Straße weichen musste – zu hören und zu lesen ist das laut und deutlich an realen und in digitalen Stammtischen. Denn: St. Pölten verändert sich, sehr rasch, sehr sichtbar, sehr spürbar. Ja, dürfen‘s denn das, wer auch immer, die da oben? „Mir hat keiner was gesagt!“, klagen die einen. Die, die an Bringschuld glauben und Holschuld aus ihrem Vokabular gestrichen haben. „Bin schon gespannt, wie das schiefgeht“, ätzen die andern, die Leute vom Fach, halt nicht vom passenden. Das sind dann auch die, die sich teilweise informiert haben und die wissen, wie’s gehen hätte sollen, wenn sie das Sagen gehabt hätten: Mit „sehe ich kritisch“, „nicht bis zum Ende gedacht“, tun sie ihre „Es-bleibt-nix-wie-es-istSchmerzen“ in Social Media kund – egal, zu welchem Thema, egal zu welchem geplanten Projekt, egal zu welchem Vorhaben in der Stadt. Zum Beispiel auch beim Umbau der Promenade – einem vom unabhängigen Verkehrsclub Österreich preisgekrönten Projekt mit Bürgerbeteiligung. Dürften nicht mitgemacht haben, beim Entstehungsprozess, die Herren und Damen Kritiker. Oder ihre Vorschläge waren doch nicht so zukunftsorientiert und g’scheit, um echte Fachleute zu überzeugen. Ja, und dann keimt natürlich beim bösen Beobachter zusätzlich der Gedanke auf, dass beim „WandelWeh“ höchstpersönliche Interessen der Suderanten eine klitzekleine Rolle spielen könnten.

dass „Beratungseinrichtungen, Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte finanziell, personell und equipmenttechnisch so aufgestellt sein müssen, dass sie die gesellschaftlichen Auswirkungen von Hass im Netz effektiv bekämpfen und Betroffene gut begleiten können.“ Zugleich nimmt Yıldız auch die Zivilgesellschaft in die Pflicht und fordert mehr Solidarität mit den Opfern ein, die bereits im Netz beginne. „Gegen Hassrede steht zumindest immer das Mittel der Gegenrede zur Verfügung. Jeder User und jede Userin hat die Möglichkeit einzugreifen und digitale Courage zu beweisen – etwa durch aktives Gegenposten bei Falschinformationen oder durch Solidaritätsbekundungen mit den Betroffenen!“ Häufig ist aber fast das Gegenteil zu orten, werden Opfer nicht wirklich ernst genommen. „Immer wieder findet man etwa eine Art Logik: ‚Wenn es nicht strafrechtlich relevant ist, ist es nicht so arg – stell dich nicht so an‘“. Oder es kommt gar zu einer Art Täter- Opfer-Umkehr, wenn man quasi die Schuld bei den Opfern sucht: „,Wenn du nicht online wärst, wäre das gar nicht passiert.‘ Die Verantwortung liegt aber immer bei Täterinnen und Tätern. Es ist nicht die Verantwortung von Betroffenen, etwas gegen Hass im Netz zu tun!“, betont Yıldız. Sondern es ist eben eine gesamtgesellschaftliche, weshalb ein solides Gesetz, auf dessen Grundlage man sich wehren kann, ebenso notwendig ist, wie ein breites Sample an Hilfestellungen – von Stellen, wo man (auch anonym, wenn gewünscht) Vorfälle melden und dokumentieren kann über Beratungsgespräche und Hilfestellung bei Löschanfragen, Interventionsschreiben und juristischen Fragen bis hin zu psychosozialer Hilfe oder, wenn es juristisch hart auf hart geht, kostenlose Prozessbegleitung.

TERROR. Hate-Crime ist kein Kavaliersdelikt. Yıldız fordert digitale Courage und Solidarität von der Gesellschaft..

Auch den häufig von Außenstehenden erteilten Ratschlag, dass sich Betroffene ganz aus dem Netz zurückziehen sollen, wenn sie Opfer von Hassrede werden, erteilt Yıldız eine Absage, „weil er demokratiepolitisch problematisch sein kann.“ Hassrede – oft akkordiert vorgetragen von bestimmten Kreisen – zielt nämlich häufig ganz bewusst auf sogenanntes „Silencing“ ab, „also bestimmte Stimmen, Gruppen und deren Anliegen in der öffentlichen Diskussion weniger sichtbar zu machen“ oder gar ganz zum Schweigen zu bringen. Schweigen ist daher die schlechteste aller Optionen. Dem Hass im Netz muss sich die Gesellschaft wehrhaft entgegenstellen, vor allem muss sie aber, wie Yıldız überzeugt ist, ihren prinzipiellen off- und online Umgang miteinander überdenken. „Eines muss klar sein: Strafrecht löst gesellschaftliche Probleme nicht! Auf lange Sicht brauchen wir wirklich viel Energie im Präventionsbereich, also etwa in Sachen Empathie und Medienkompetenz sowie im Erlernen konstruktiver Konfliktaustragungsformen!“ Und die Leute müssen begreifen, dass das Netz kein abstrakter Raum ist, sondern „online ist reale Lebenswelt!“ ZARA zara.or.at/de/beratungsstellen


© Josef Bollwein

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HASS IM NETZ

„DAS GEHT WEIT ÜBER DAS KLICKEN UND WISCHEN HINAUS“

In der aktuellen Debatte rund um Hass im Netz, Fake News, Datenschutz & Co. ist eine Forderung immer zu hören: Der „richtige“ Umgang mit dem Internet muss bereits in der Schule vermittelt werden. Das neue Pflichtfach „Digitale Grundbildung“ zielt genau darauf ab. Wir sprachen darüber mit Dr. Sonja Gabriel, Hochschulprofessorin für Medienpädagogik und Mediendidaktik an der Pädagogischen Hochschule Wien/Krems.

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Was unterscheidet „Digitale Grundbildung“ vom bisherigen „Informatikunterricht“, oder handelt es sich einfach nur um ein neues Etikett? Mit der Einführung des Fachs gelingt es nun erstmals flächendeckend alle Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I zu erreichen und zwar ab der 5. Schulstufe. Zudem umfasst Digitale Grundbildung mehr als informatisches Denken – es geht hier auch sehr stark um Medienbildung, also jene Kompetenzen, die zukünftige mündige Bürgerinnen und Bürger einer immer stärker mediatisierten Welt benötigen – das


TEXT: JOHANNES REICHL | FOTOS: ADOBE STOCK, SONJA GABRIEL

sind Themen wie Kommunikation und Zusammenarbeit über das Internet genauso wie Risiken und Gefahren, die im Internet lauern können bis hin zu Gesundheitsthemen und Nachhaltigkeit. Zudem ist auch der Produktion von Medien ein Teil des Lehrplans gewidmet – also raus aus dem reinen Konsumverhalten in aktives Tun. Oft hat man den Eindruck, dass die Kids digital fitter sind als ihre Lehrer. Trügt der Schein? Die heutigen Kinder und Jugendlichen wachsen mit digitalen Medien auf und können sie meist schon sehr früh bedienen. Das führt oft zu dem Irrglauben, dass sie digital fit sind. Tatsächlich handelt es sich hier aber eher nur um Anwendungskompetenz in bestimmten Bereichen wie z. B. Social Media, aber um digital fit zu sein, gehört viel mehr dazu. Gerade in den letzten Jahren wurde durch Stichworte wie Fake News, Hass im Netz oder Phishing ganz deutlich, dass vor allem eine kritische Medienkompetenz notwendig ist. Ich denke, am wichtigsten ist es, den jungen Konsumenten beizubringen, wie man die eigene Nutzung reflektiert. Was machen wir mit den Medien und was machen sie mit uns – das geht also weit über das Klicken und Wischen hinaus – und da sehe ich Lehrerinnen und Lehrer auf jeden Fall qualifiziert, dass sie die junge Generation in diesem Prozess unterstützen können. Welche Gefahren lauern im Netz ganz allgemein, und auf Kinderund Jugendliche im Besonderen – wie werden diese im Unterricht aufbereitet? Das Netz bietet natürlich neben viel Potential leider auch Schattenseiten – es ist toll, dass man im Internet Informationen zu allen Themen findet – allerdings gibt es auch viel Desinformation. Man muss also lernen, wie man Fakt von Fake unterscheidet. Genauso ist es fantastisch, dass ich fast alles über das Internet kaufen kann, allerdings gibt es auch Betrug. Ich muss also wissen, welche

Möglichkeiten es gibt, um zu erkennen, ob ein Online-Shop „echt“ ist, welche Nachrichten von meiner Bank kommen und welche von Betrügern. Das Internet kann ein großartiger Ort sein, um neue Leute kennenzulernen, sich mit anderen über seine Interessen auszutauschen, gleichzeitig muss ich mir bewusst sein, dass mein Gegenüber vielleicht falsche Angaben macht oder versucht, an meine Daten und mein Geld zu kommen. Das sind alles Bereiche, die Erwachsene genauso betreffen und wo auch noch viel Lernbedarf besteht. Eine spezielle Gefahr, die auf Kinder und Jugendliche lauert, ist Cybergrooming – also die Kontaktaufnahme von – meist männlichen – Erwachsenen mit Minderjährigen, mit dem Ziel sexuellen Kontakt zu haben. Die Zahlen hier steigen erschreckend rasch und hier hilft nur Prävention. Kinder sollten schon sehr früh lernen, auch im Netz Nein zu sagen und nicht jedem zu vertrauen. Wir sagen unseren Kindern ja auch, dass sie niemals zu Fremden ins Auto steigen sollen – im Internet werden sie leider zu häufig alleine gelassen. Inwiefern? Viele denken, das Kind sitzt ja eh nebenan im Zimmer, was soll da schon passieren? Hier sehe ich im Fach Digitale Grundbildung ein großes Potential, Kinder aufzuklären und mit Kompetenzen zu versehen, damit Cybergroomer keine Chance haben. Weitere Themen sind Cybermobbing und Hate Speech. Der Selbstmord von Frau Dr. Kellermayr ist diesbezüglich ein furchtbares Beispiel. Wie vermittelt man Jugendlichen die Gefahren digitalen Mobbings? Cybermobbing ist definitiv ein Problem geworden – vor allem, weil es ja häufig in Kombination mit

MEDIENPÄDAGOGIN. Dr. Sonja Gabriel lehrt an der KPH Wien/Krems. dem Offline-Mobbing stattfindet und auch oft die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen. War es vor einem Jahrzehnt noch technisch aufwändiger, eine Fotomontage zu erstellen, passiert dies in einer passenden App innerhalb von Minuten. Auch hier ist es meiner Meinung nach wichtig, schon präventiv zu arbeiten – es gibt zahlreiche Programme, die sich mit der Thematik beschäftigen und auch aufzeigen, was dies für die Opfer bedeutet. Oft ist vor allem Kindern und Jugendlichen nicht bewusst, was ein vermeintlich harmloses Bild oder eine unbedachte Äußerung in anderen auslösen können. Und schließlich muss man den jungen Menschen auch klarmachen, dass Cybermobbing eine Straftat ist und keine harmlose Spielerei. Im Leben junger Menschen spielen Social Media-Plattformen wie TikTok und Co. eine große Rolle. Sogenannte „Challenges“ werden immer exzessiver – wie fördert man ein richtiges Einordnen solcher Inhalte?

Ich denke am wichtigsten ist es, den jungen Konsumenten beizubringen, wie man die eigene Nutzung reflektiert. DR. SONJA GABRIEL MFG 09 22

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Auch in diesem Bereich erachte ich die Förderung der kritischen Medienkompetenz für sehr wichtig. Bedenken muss man allerdings auch, dass nicht jede Challenge gefährlich ist, es gibt durchaus auch Challenges, die harmlos sind – so gibt es zahlreiche Videos, wo aufgefordert wird, eine Choreografie zu einem bestimmten Song zu lernen und sich zu filmen oder Challenges wie jemanden zu fragen, was – außer Nahrungsmitteln – noch so im Kühlschrank ist. In den Medien landen meistens dann eher die gefährlichen Challenges, die es natürlich auch gibt, doch man muss schon sagen, dass die meisten Kinder und Jugendlichen schon sehr wohl unterscheiden können, was gefährlich ist und was harmlos ist. Mutproben an sich – und nichts anderes sind ja die Challenges – gehören grundsätzlich seit Menschengedenken zum entwicklungsbedingten Risikoverhalten vieler Jugendlicher. Junge Menschen müssen ermutigt werden, das, was sie in diesen Videos sehen, kritisch zu hinterfragen und schließlich muss man ihre Resilienz stärken, damit sie eventuellem Gruppendruck nicht nachgeben. Ein großes Thema sind Fake News. Wie geht man dieses im Unterricht an? Zum Thema Fake News sind gerade in den letzten Jahren sehr gute Unterrichtsmaterialien entstanden. Besonders hinweisen möchte ich auf diverse digitale Spiele, die sich des Themas annehmen und Lernende anregen, genauer hinzuschauen, was Fakt und was Fake ist. Zudem wird bei manchen dieser Spiele auch auf die Hintergründe von Fake News eingegangen – es ist nämlich bei weitem nicht so, dass die meisten Fake News politisch motiviert sind, sondern viel häufiger geht es um finanzielle Gewinne – Menschen sollen auf Links klicken, sollen sich bei Fake-Gewinnspielen registrieren und durch Teilen von Beiträgen Werbung weitertragen. Wichtig in diesem Bereich ist, dass die Thematik von vielen Seiten beleuchtet wird 20

Es gibt mittlerweile auch viele Kinder, die sich über den Mediengebrauch ihrer Eltern beschweren. DR. SONJA GABRIEL

und nicht nur auf das Fach Digitale Grundbildung abgewälzt wird. Auch die Vorbildfunktion von Erwachsenen spielt eine wichtige Rolle – wenn Kinder von klein auf lernen, kritisch zu sein – und dies sowohl von Lehrpersonen als auch Erziehungsberechtigten ermutigt wird – dann werden sie das in allen Bereich tun und sind nicht so anfällig für Manipulation. Junge wie Alte posten und posen Bilder teils rund um die Uhr. Welche Gefahren birgt diese Form des Narzissmus, auch im Hinblick auf das Selbstbild bzw. gesellschaftlichen Druck, wie man sein soll? Ich glaube, der Wunsch vieler Menschen bedeutsam zu sein, ist schon sehr alt. Mit Social Media ist es nun natürlich sehr einfach geworden, sein Leben mit anderen zu teilen.

Natürlich verbergen sich – gerade in Bezug auf das Selbstbild – hier Gefahren, und besonders Jugendliche sind leicht zu beeinflussen. Influencer und Influencerinnen in Instagram zum Beispiel inszenieren die Bilder, die dann auf den Betrachter so spontan wirken. In Wahrheit ist da aber nichts dem Zufall überlassen, zudem werden die Bilder vor dem Onlinestellen oftmals bearbeitet bzw. mit Filtern versehen. Alle wollen also perfekt wirken? Was wir schon lange Zeit aus Hochglanzmagazinen kennen – schöne Gesichter, perfekte Körper – springt uns jetzt auch beim Öffnen von Social Media ständig entgegen. Das kann schon dazu führen, dass Jugendliche, aber auch Erwachsene nicht mehr zufrieden mit sich, ihrem Körper, ihrem Leben sind und dann – wenn es um das Aussehen geht –


„DAS GEHT WEIT ÜBER DAS KLICKEN UND WISCHEN HINAUS“

sich sehr beeinflussen lassen, an Essstörungen leiden oder im Extremfall sich einer Schönheits-OP unterziehen. Gerade in letzter Zeit sind allerdings auch Gegenbewegungen in sozialen Medien unterwegs – Stichwörter wie Body Positivity oder Body Neutrality sollen Menschen ermutigen, mit sich selbst und ihrem Aussehen zufrieden zu sein, Bilder werden häufig mit dem Hashtag #nofilter versehen, um kennzuzeichnen, dass es nicht bearbeitet wurde. Hier hilft wieder nur das Selbstbewusstsein zu stärken und auch mit jungen Menschen darüber zu reden, warum sie nicht zufrieden sind. Ein Blick hinter die Kulissen: Viele dieser Influencerinnen und Influencer, denen gerade Kinder und Jugendliche folgen, sind selbst von Burn-out bedroht, weil ein Leben, das im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht, kein einfaches ist. Viele Eltern stöhnen über den teils exzessiven Digitalgebrauch ihrer Kinder. Wie wird man dem Herr, und – überspitzt formuliert – würde digitale Grundbildung nicht auch Eltern gut tun? Digitale Grundbildung kann niemandem schaden. Es gibt mittlerweile auch viele Kinder, die sich über den Mediengebrauch ihrer Eltern beschweren. Wie oft sieht man Eltern oder sogar Großeltern vertieft in ihr Smartphone, während die Kinder am Spielplatz toben. Um sich als Erwachsener bzw. Elternteil digital fit zu machen, gibt es ebenfalls zahlreiche Möglichkeiten in Form von Online-Vorträgen oder Weiterbildungen. Es hilft aber auch schon viel, sich vorurteilsfrei von den eigenen Kindern erklären zu lassen, was sie mit dem Smartphone oder Computer machen, welche Videos sie schauen, Spiele spielen oder Apps installiert haben. Und gerade was den exzessiven Gebrauch von digitalen Medien angeht – es kommt nicht so sehr auf die Zeit an, die mit digitalen Medien verbracht wird, sondern mit den Inhalten, mit denen sich die Kinder und Jugendlichen beschäftigen. Es ist ein Unterschied,

ob Jugendliche beispielsweise den ganzen Tag TikTok-Videos anschauen oder ob sie selbst kreativ tätig werden und ein Video erstellen, was bedeutet, dass sie sich Gedanken über Inhalt und Präsentation machen, Fähigkeiten wie Videobearbeitung benötigen etc. Daher ist es wichtig, sich dafür zu interessieren, was online bzw. mit digitalen Medien gemacht wird. Erst dann weiß man, ob man sich Sorgen machen und regulierend eingreifen muss. Vieles prasselt ungefiltert auf Kinder und Jugendliche ein – wie soll man dem einen Riegel vorschieben, bzw. was wird den Schülern im Sinne einer Selbstreglementierung vermittelt? Einen Riegel vorschieben ist schwierig, denn alles, was verboten ist, wird doppelt interessant – ein Phänomen, das auch schon vor den digitalen Medien zu beobachten war. Hier ist es wichtig, mit den Kindern und Jugendlichen zu sprechen, sie zur Selbstreflexion anzuleiten und ihnen zuzuhören. Im Gespräch kann man auf vieles hinweisen, es darf nur nicht in Vorwürfe ausarten. Was Medieninhalte angeht, gibt es sicher einen Unterschied, ob ich von einem 6-jährigen Kind oder einem 15-jährigen Jugendlichen spreche – je jünger, desto mehr Begleitung beim Medienkonsum ist notwendig – und das ist natürlich etwas, das auch die Erziehungsberechtigten angeht. Da digitale Medien unseren gesamten Alltag durchdringen, ist Schule alleine nicht ausreichend. Hier sind viele Player gefordert – natürlich unter anderem auch die Gesetzgebung, die darauf achten sollte, dass es bessere Maßnahmen gibt, um Kinder und Jugendliche zu schützen. Was ist von Einschränkungen zu halten? Natürlich gibt es auch technische

Möglichkeiten wie Filter, womit man verhindern kann, dass Kinder über das Smartphone oder den Fernseher auf ungeeignete Inhalte zugreifen, doch häufig greift das zu kurz. Wenn am eigenen Gerät etwas nicht erreichbar ist, dann gibt es vielleicht Freunde, wo die Eltern nicht so restriktiv sind oder ältere Geschwister, wo dann ebenfalls Medien konsumiert werden, die nicht altersgerecht sind. Daher ist das Suchen des Gesprächs, das Aufklären und Reden darüber wahrscheinlich viel wirkungsvoller als jedes Verbieten und jede technische Barriere. Ist nicht gerade der Umgang mit digitalen Medien eines DER Themen, wo Eltern die Erziehung zusehends gerne an die Schule abschieben möchten? Aufgrund der raschen technologischen Entwicklungen ist es für viele Personen einfach schwierig, damit mitzuhalten. Ständig gibt es neue Apps, im Bereich der Künstlichen Intelligenz tut sich viel – selbst für Fachleute ist es nicht einfach, hier in der gesamten Bandbreite auf dem Laufenden zu sein. Daher kann ich durchaus verstehen, wenn Eltern diesen Bereich gerne in die Schule auslagern würden. Allerdings ist der Bereich der Digitalisierung so umfassend, dass hier Elternhaus, Schule und außerschulische Einrichtungen zusammenarbeiten müssen. Es geht ja nicht nur um TikTok und Instagram, es geht um den großen Bereich Big Data und Schutz der Privatsphäre sowie des Datenschutzes, um ethische Fragen wie z. B. welche Entscheidungen überlässt man einer Maschine, wie verhält sich Technologie mit Ökonomie und Ökologie etc. Das alles kann nicht eine Institution schaffen – ich würde sogar die Medien selbst in der Pflicht sehen, hier einen Bildungsauftrag zu erfüllen.

Ich würde sogar die Medien selbst in der Pflicht sehen, hier einen Bildungsauftrag zu erfüllen. DR. SONJA GABRIEL MFG 09 22

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BLEIBEN DIE WOHNZIMMER KALT?

TEUER. In Folge des

Die aktuelle Energiekrise trifft derzeit alle. Die Strompreise steigen und treiben gleichzeitig die Inflation an, mit Bangen blicken viele auf den kommenden Winter.

Ukraine-Krieges sind die Stromrechnungen massiv gestiegen.

F

rierende Kinder sind aktuell ein politisch gerne verwendetes Bild. „Die SPÖ ist verantwortlich wenn Kinderzimmer kalt bleiben“, schreibt die grüne Klubobfrau Sigrid Maurer etwa auf Twitter. Einige Tage zuvor stichelte der St. Pöltner Stadtchef Matthias Stadler in Richtung Regierung: „Keiner – und schon gar nicht Kinder – soll frieren müssen, nur weil die Zuständigen nach Monaten noch immer keine ernstzunehmenden Lösungen erarbeitet haben.“ Politisch gehen die Wogen also bereits hoch – wie sieht die Situation in der Praxis aus? Welche Vorbereitungen werden auf einen möglichen Gaslieferstopp Russlands getroffen und wie sieht es

ABHÄNGIG. Salzer warnt vor den Auswirkungen eines Gaslieferstopps. 22

mit der Energieversorgung eigentlich aus? Einer, der die Situation gut kennt, ist Herbert Greisberger, Geschäftsführer und Leiter des Bereichs Energie & Klima in der Energie- und Umweltagentur des Landes NÖ (eNu). „Wir haben beim Strom eine hohe Erzeugung in Niederösterreich und können über das Jahr gerechnet unseren Endenergiebedarf zu 100 Prozent decken – aber das gilt eben nicht für jeden Zeitpunkt.“ Schwierig ist die Situation beim Thema Heizen. Stand 2019/2020 heizten fast 28 Prozent der niederösterreichischen Bevölkerung mit Erdgasheizungen, weitere 18 Prozent mit Fernwärmeanlagen, die ebenfalls – in unterschiedlichem Ausmaß – Gas für den Betrieb benötigen. Angst vor einer kalten Wohnung müsse man keine haben, werden die Gaslieferungen aus Russland allerdings drastisch reduziert oder eingestellt, könne es zu Engpässen kommen. Greisberger erklärt: „Die Haushalte sind geschützte Kunden und werden versorgt. Weil beim Gas aber

die kurzfristigen Alternativen weitgehend fehlen, wird man bei einem Kappen der Gasimporte die Versorgung für Betriebe reduzieren müssen, die nicht systemrelevant sind.“ Wie geht’s weiter mit der Industrie? Dass es vor allem in der Industrie deutliche Abhängigkeiten von Gas aus Russland gibt, dem stimmt auch der Präsident der Industriellenvereinigung NÖ Thomas Salzer zu. „Gas aus Russland ist in der Industrie kurz und mittelfristig definitiv nicht vollständig substituierbar, obwohl partiell Betriebe auf alternative Energieträger wie Öl umgestellt haben. Insbesondere in der Lebensmittelindustrie ist dies der Fall.“ Ein Gaslieferstopp müsse daher, so Salzer weiter, auf jeden Fall vermieden werden. Geklärt müsste jedenfalls werden, welche Betriebe in so einem Fall als systemrelevant eingestuft werden und welche nicht. Welche Vorbereitungen trifft die Politik für eine etwaige Notsituation? Geht es nach dem St. Pöltner


TEXT: SASCHA HAROLD | FOTOS: ADOBE STOCK, ANDI BRUCKNER, HANNAH STROBL

Bürgermeister, dann tut sie jedenfalls zu wenig: „Wie im CoronaManagement taumelt die Bundesregierung wieder konzeptlos einem besonders herausfordernden Herbst entgegen, nun auch mit leeren Gasspeichern.“ Stadler hält weiter fest, dass es sich bei der aktuellen Krise um eine Herausforderung handle, die nicht auf kommunaler Ebene behoben werden könne. Dennoch bereite man die heimischen Betriebe auf mögliche Szenarien vor. Stadler: „So wie wir uns stadtintern Maßnahmen überlegen, so bereiten sich auch unsere Betriebe auf mögliche Energieengpässe vor. Wir sind in laufendem Kontakt mit den St. Pöltner Betrieben, die meisten bereiten sich derzeit auf einen möglichen Umstieg auf Öl als Ersatzbrennstoff vor, um eine durchgehende Produktion gewährleisten zu können. Das ist notwendig, tut aber weh, wenn man an die Klimaziele denkt.“ Kritik aus der Opposition Definitiv nicht genug tut die Stadt allerdings für den Obmann der St. Pöltner Volkspartei, Florian Krumböck. Bereits Anfang August ließ er per Aussendung wissen: „Ganz Österreich spricht über den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, um einerseits die Abhängigkeit von Russ­ land zu verringern und andererseits die schädlichen Auswirkungen von Kohle-, Gas- und Öl-Heizungen auf das Klima einzudämmen. Nur in St. Pölten scheint diese Diskussion noch nicht angekommen zu sein“, kritisiert er und fügt hinzu, dass es nach wie vor keine Antworten darauf gebe, wann die stadteigenen Gebäude auf nicht-fossile Heizsysteme umgerüstet würden. Er verweist gegenüber MFG zudem auf ein Konzept aus dem Jahr 2010, in dem die St. Pöltner VP ein „Modell-Güssing“ in Sachen EnergieAutarkheit für St. Pölten vorschlug, das aber nie realisiert wurde. „Was uns die vielen Krisen aber zeigen ist, dass es in grundlegenden Fragen mehr Zusammenarbeit und weniger Parteitaktik braucht“, fügt Krumböck hinzu. Dass die jetzige

WOHER KOMMT NIEDERÖSTERREICHS ENERGIE? Gesamt

63.239 GWh (2020)

Fernwärme

3.206

Elektrische Energie

11.639

Brennholz und biologische Brennstoffe

8.216

Gas

13.084

Öl

23.904

Sonstiges

3.136

WOFÜR WIRD DIE ENERGIE VERWENDET?

in GWh

Traktion (Mobilität)

23.774

Raumheizung und Klimaanlagen

17.593

Industrieöfen

8.464

Standmotoren

6477

Dampferzeugung

5.370

Beleuchtung und EDV

1.539

Elektrochemische Zwecke

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(Quelle: Statistik Austria, Nutzenergieanalyse, Energiebilanz NÖ)

Situation maßgeblich durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine verursacht ist, thematisieren die Parteien wenig. Nur die St. Pöltner FPÖ stellt grundsätzlich die Sanktionen in Frage, die Österreich gemeinsam mit der Europäischen Union mitträgt. „Die Sanktionen gefährden den Wohlstand

der Menschen, unsere Wirtschaft und hunderttausende Arbeitsplätze und werden den Krieg in der Ukraine nicht beenden, das kann nur durch Verhandlungen mit Russland geschehen“, lässt FP-Stadtrat Klaus Otzelberger wissen. Die Stadt solle sich daher für ein Ende der Sanktionen einsetzen. MFG 09 22

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BLEIBEN DIE WOHNZIMMER KALT?

nommen. Der Bürgermeister wurde durch den Gemeinderat bereits vor elf Jahren einstimmig beauftragt, nach Energie-Effizienz-Dienstleis­ tern zu suchen. Seither ist nichts geschehen“, heißt es aus der grünen Fraktion. Mit Energiespartipps alleine sei die Energiewende nicht zu schaffen. Eines mache die Krise zudem deutlich: „Bereits jetzt muss sich die Stadt den Vorwurf gefallen lassen, zu spät, zu langsam und zu wenig gehandelt zu haben.“

EXPERTE. Energiesparen ist wieder en vogue, meint Herbert Greisberger. Neos-Gemeinderat Nikolaus Formanek hat dagegen auf der einen Seite Verständnis für die Stadtregierung: „Kurzfristig kann die Stadt nur hoffen, dass sich die Lage entspannt und Europa und der Bund es schaffen irgendwie eine ausreichende Energieversorgung für Österreich sicher zu stellen um eine tatsächliche Notlage zu verhindern.“ Auf der anderen Seite übt Formanek aber Kritik an der Prioritätensetzung der Stadt. „Statt zwölf Millionen Euro in ein KIKULA oder mehr als 30 Millionen Euro insgesamt in ein Projekt ‚Kulturlandeshauptstadt‘ zu werfen, wäre es sinnvoller diese Summen in eine völlige Neuorientierung der Energiepolitik der Stadt zu investieren. Mit diesen Geldern könnten Haushalte und Unternehmen in der Stadt unterstützt werden, um Abschied von Gas und Öl zu nehmen und zukunftsfit zu werden“, so der Gemeinderat. Bio­ masseanbau und eine ehrgeizige Sanierungsoffensive mit CO2 bindenden Werkstoffen wären etwa effektive Maßnahmen, so Formanek weiter. Die Grünen stoßen ins selbe Horn. „Seit Jahrzehnten wird Energieautarkie gepredigt. Themen wie Umstieg auf erneuerbare Energien und Steigerung von Energieeffizienz wurden nicht ausreichend ernst ge24

Energiesparen ist en vogue Doch was kann nun gegen die derzeitige Energiekrise akut getan werden? Die eNu bietet zu genau diesem Thema Beratungen an, die Nachfrage ist in den vergangenen Monaten regelrecht explodiert. „Im Vergleich zu 2018 hat sich die Nachfrage an Beratungen verzehnfacht. Zu uns kommen Menschen, die beispielsweise die Heizung tauschen oder ihre Häuser dämmen wollen oder Informationen zum Thema Photovoltaik brauchen“, führt Greisberger aus. Um den Ansturm zu bewältigen, hat die eNu die Zahl ihrer Mitarbeiter verdoppelt und die Zahl der Berater erhöht. Dennoch komme es derzeit zu Engpässen, nicht nur bei den Beratungsleistungen, sondern sowohl bei Fachkräften die für Montage und Umbauarbeiten gebraucht werden als auch beim Material. „Es gab schon im letzten Jahr einen Anstieg bei der Umstellung von Heizsystemen, weil es sehr gute Förderungen beim Wechsel weg von Ölheizungen gegeben hat. Seit Februar kommen da jetzt gasversorgte Gebäude dazu“, so Greisberger. Informieren möchten sich nicht nur Privatpersonen. Eine der am meisten nachgefragten Informations-Broschüren der letzten Zeit richtet sich gezielt an Gemeinden und zeigt Handlungsmöglichkeiten auf. Die Einsparmaßnahmen sind in ein Ampelsystem gegliedert, „grüne“ Maßnahmen sind solche, die im Grunde laufend gesetzt werden sollten, um Energie einzusparen. Darunter fallen etwa im Bereich Wärme die Verwendung

von Raumthermostaten mit Zeitsteuerung für Tag- und Nacht- bzw. Wochenendbetrieb in öffentlichen Gebäuden oder beim Bereich Strom Außenbeschattung statt stromintensiver Klimaanlagen. „Gelbe“ Maßnahmen sind tiefer einschneidend und können bei Lieferengpässen in Betracht gezogen werden. Hier wird im Bereich Strom unter anderem angeführt nicht notwendige Objektbeleuchtung abzuschalten oder Getränke- und Snackautomaten in Gemeindeeinrichtungen außer Betrieb zu nehmen. Im Bereich Wärme könnte im Falle von Energieengpässen etwa für eine Reduktion der Betriebszeiten sämtlicher Freizeiteinrichtungen (etwa Bäder oder Seilbahnen) vorgeplant werden. Was in der aktuellen Krisenstimmung nicht vergessen werden sollte ist, dass das Einsparen von Energie und der Umstieg auf erneuerbare Energieträger auch ohne die aktuell hohen Preise notwendig waren und sind. Im Kampf gegen den Klimawandel könnte sich die aktuelle Situation gar als Chance erweisen. „Energiesparen war schon lange nicht mehr en vogue, aktuell gehen die Broschüren aber weg wie warme Semmeln. Beim Bau von Photovoltaik haben wir außerdem heuer eine Vervierfachung und auch bei Windkraftanlagen gibt es ein anderes Bewusstsein. Die Bevölkerung fordert das auch stärker ein und das Interesse nimmt zu. Das alles macht Dinge möglich, die es früher nicht waren“, gibt sich Greisberger hoffnungsvoll. Bleibt zu hoffen, dass das Bekenntnis zu erneuerbaren Energien und das erwachte Bewusstsein für die Knappheit von Energie nicht mit einem, derzeit zugegeben in weiter Ferne scheinenden, Ende des Russland-Konflikts vergessen wird.

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S

t. Pöltens Bäcker-Urgestein Wolfgang Hager betreibt vierzehn Backstuben, teilweise mit Gastronomie. Personalmangel zwingt ihn die Filialen in der St. Pöltner Josefstraße sowie am Wilhelmsburger Hauptplatz vorübergehend geschlossen zu halten. Manche Öffnungszeiten sind eingeschränkt, teilweise wird auf Selbstbedienung umgestellt. In der Kronen Zeitung berichtete Hager, dass der Mangel an qualifiziertem Personal der ganzen Zunft schwer zu schaffen macht – von Servicekräften bis hin zum Bäcker und Konditor. Was Hager erlebt, hört man im ganzen Land. Unternehmen liefern produzierte Ware nicht aus, firmeneigene LKWs stehen still, weil es an Fahrern mangelt. Handwerker finden kein Personal um ihre Aufträge ab26

Der Kunde ist König, der Mitarbeiter ist Kaiser? Quer durch die Branchen beklagen Unternehmen einen zunehmenden Mangel an Arbeitskräften. Will keiner mehr arbeiten? Eine Spurensuche im Bezirk St. Pölten über die vielfältigen Gründe eines echten Problems. zuarbeiten. Selbst an sich gut zahlende Branchen in der Produktion finden für ihre Fertigungslinien zu wenig Arbeitskräfte. An kaum einer Auslage hängt nicht ein Zettel: „Personal gesucht!“ Zu Gast beim AMS Gefühlt gehen wir von einer Krise in die nächste. Finanzkrise, Schuldenkrise, Eurokrise, Coronakrise, Energiekrise. Dazu ein Krieg in Europa, der den Energiemarkt verrückt spielen lässt und die gemeinsamen Werte

auf die Probe stellt. Und nun soll es noch an allen Ecken und Enden an Arbeitskräften mangeln? Ja, wo sind die denn alle hin, die Arbeitskräfte? Thomas Pop leitet die AMS-Geschäftsstelle für den Bezirk St. Pölten, also Stadt und Land. Er kann die aktuellen Zahlen mit jahrelanger Erfahrung einordnen. Im Juli 2022 waren 4.502 Personen beim AMS St. Pölten als arbeitslos vorgemerkt. Das waren 1.064 weniger als im Juli 2021, also ein Rückgang um 19,1 Prozent. In Schulungen des AMS


TEXT: MICHAEL MÜLLNER | FOTOS: ADOBE STOCK, MICHAEL MÜLLNER

waren 911 Personen. Vergleicht man die rund 4.500 Arbeitslosen des Juli 2022 mit dem April 2020, also dem letzten Monat vor dem Durchschlagen der Corona-Pandemie auf den Arbeitsmarkt, dann waren damals rund 10.000 Personen arbeitslos. Corona, heißt es oft, habe den Arbeitsmarkt massiv durcheinandergerüttelt. Doch wo sind all die Arbeitskräfte hingekommen? Zu Spitzenzeiten der Pandemie waren österreichweit rund 500.000 Menschen arbeitslos und eine Million in Kurzarbeit. Alle Experten sind sich einig, dass die Kurzarbeit Jobs gerettet hat, denn die betroffenen Arbeitnehmer haben zwischen 80 und 90 Prozent ihres Nettolohns als Kurzarbeitsentgelt erhalten. Wer hingegen seinen Job verloren hatte, der musste mit 55 Prozent des Nettolohns auskommen. Im ersten Lockdown, der zwei Monate dauerte, war das noch nicht so dramatisch, aber beim nächsten Lockdown, der in der Gastronomie und Hotellerie ja sechs Monate gedauert hat, war für viele Menschen das Geld einfach zu wenig. „Gerade Servicekräfte sind auf das Trinkgeld angewiesen. Das war weg und es blieben nur 55 Prozent vom früheren Nettolohn. Von diesen Kräften ließen sich viele umschulen oder haben dauerhaft die Branche gewechselt“, so Pop. Dann passierte etwas, mit dem niemand so recht gerechnet hatte. Entgegen aller Expertenmeinungen sprang die Wirtschaft sehr schnell an. Schon im März 2021 merkte man beim AMS die ersten Anzeichen des Aufschwungs, die Zahl der Arbeitslosen ging von 8.276 im Februar 2021 auf 6.974 im März 2021 deutlich zurück. Im Mai 2021 zählte man bereits weniger arbeitslos Vorgemerkte, als noch im Mai 2019 – also vor der Corona-Pandemie. Die Wirtschaft lief scheinbar auf Hochtouren (weiter), die Betriebe suchten händeringend nach Arbeitskräften – ein Aufschwung, der bis heute anhält, wie Pop betont: „Wir haben quer durch alle Branchen das gleiche Thema. Auch in jenen, die traditionell höhere Löhne zahlen.“

ZAHL E N , B I TT E ! • 79.517: Anzahl unselbstständig Beschäftigter im Juni 2022 im Bezirk St. Pölten (plus 1,2 Prozent im Vergleich zum Juni 2021) • 4.502: Anzahl der vorgemerkten Arbeitslosen im Juli 2022 im Bezirk St. Pölten (minus 19,1 Prozent im Vergleich zum Juli 2021) • 5,1 Prozent: Arbeitslosenquote im Juni 2022 im Bezirk St. Pölten (minus 1,6 Prozent im Vergleich zum Juni 2021) • 125: Anzahl Mangelberufe 2022 • 29,4 Prozent: Anzahl der Erwerbstätigen in Teilzeit im Jahr 2021 (1995 waren es im Vergleich 14 %)

Massiv relevant, aber häufig unterschätzt: der demografische Wandel. Jüngere Leute steigen heute später in das Berufsleben ein. Ausbildungen dauern länger, viele hängen nach der Schule ein Studium an. Grundsätzlich stehen die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer vor der Pension, verlassen also den Arbeitsmarkt. Dafür kommen die geburtenschwachen Jahrgänge nach. Und wenn weniger Junge nachkom-

men, diese dann auch noch länger ausgebildet werden, dann wirkt sich das spürbar aus. Dazu kommen gesellschaftliche Trends, die man als „Work-Life-Balance“ umschreiben kann. Hackeln ist nicht alles, Leben im Hier und Jetzt ist wichtig. Oft begnügen sich auch hochqualifizierte Arbeitskräfte mit Teilzeitjobs und genießen lieber ein verlängertes Wochenende mit einer Vier-TageWoche von Montag bis Donnerstag. Vor diesem Hintergrund sind auch innerbetriebliche Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität gefragter denn je, insbesondere individuelle Arbeitszeitmodelle und Ausbildungsmöglichkeiten. Für Thomas Pop läuft gerade bei den Jüngsten vieles richtig: „Die Schulen leisten in Kooperation mit dem AMS und dem WIFI sehr viel für echte Berufsorientierung. Gerade bei Lehrstellen hat sich vieles zum Positiven verändert, die Klischees von früher brechen auf, überbetriebliche Lehrausbildungen und die Ausbildungsgarantie für die Jungen sind sehr erfolgreich.“ 173 offenen Lehrstellen im Juli 2022 standen gerade mal 104 Lehrstellensuchende gegenüber.

Wir haben quer durch alle Branchen das gleiche Thema. Auch in jenen, die traditionell höhere Löhne zahlen. THOMAS POP, AMS ST. PÖLTEN MFG 09 22

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MANGELWIRTSCHAFT

Durchschnittlich kann jede zehnte Stelle nicht besetzt werden. Die Betriebe müssen laufend Aufträge ablehnen. MARIO BURGER, WIRTSCHAFTSKAMMER NÖ

Während auf bundespolitischer Bühne eine Arbeitsmarktreform ausgearbeitet wird und dabei ein der Höhe nach abnehmendes Arbeitslosengeld sowie Änderungen beim möglichen Zuverdienst heiß diskutiert werden, sind Ende August auf der Website des AMS 1.264 verschiedene Stellenangebote unter der Postleitzahl 3100 verfügbar. Rund 3.118 offene Stellen waren im Juli 2022 beim AMS als offen gemeldet, ein Plus von rund 40 Prozent zum Vorjahr. AMS-Vorstand Johannes Kopf führte im Wochenmagazin „profil“ unlängst aus, dass im Juli 2022 österreichweit 137.826 offene Stellen beim AMS gemeldet wurden. Da die Betriebe aber längst nicht alle freien Stellen melden würden, schätzt er den Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften auf rund 250.000 Personen. Da ist es naheliegend, dass quer durch die Branchen und von Ost bis West Unternehmen vor massiven Problemen stehen. Mario Burger ist als Obmann der St. Pöltner Bezirksstelle der Wirtschaftskammer sozusagen der Interessensvertreter der lokalen Unternehmen. Er beurteilt die Lage kritisch: „Der Druck auf unsere Unternehmen ist enorm hoch, es gibt keinen Bereich, der nicht direkt oder indirekt betroffen wäre. Durchschnittlich kann jede zehnte Stelle nicht besetzt werden. Die Betriebe müssen laufend Aufträge ablehnen.“ Burger fordert daher, dass „die richtigen Weichenstellungen im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt dringend vorgenommen werden.“ Es gehe darum die Attraktivität der Arbeitgeber zu steigern, ohne dass man die Problematik dadurch anheizt, dass sich die Arbeitgeber untereinander konkurrenzieren. Wichtig seien optimierte Aus- und Weiterbildungen um das Missverhältnis zwischen benötigten 28

und vorhandenen Qualifikationen auszugleichen, aber auch weitere Flexibilisierungen der Arbeitswelt. Eine konkrete Maßnahme sei laut dem St. Pöltner Baumeister die aktuelle Initiative „Talente-Magnet“, welche Betriebe dabei unterstützen will, die besten Köpfe zu finden. Mario Pulker ist Spartenobmann für Tourismus und Freizeitwirtschaft. Er betont, dass der Arbeitskräftemangel für 70 Prozent der Betriebe ein zentrales Problem sei und aktuell eine der größten Herausforderungen darstelle. Viele haben die Angebote bereits reduziert. Gerade im Tourismus kommt auch ein Effekt zu tragen, der mit der CoronaPandemie beschleunigt wurde. Arbeitskräfte aus dem Ausland haben in der Lockdown-Zeit in ihrer Heimat neue Jobs gefunden und wollen sich das Pendeln nicht mehr antun. Hier ist eine wesentliche Entwicklung am Bewusstsein vieler vorbeigegangen: Das Lohnniveau in den östlichen Ländern hat infolge eines starken Wirtschaftsaufschwungs angezogen, gutbezahlte und attraktive Jobs gibt es nicht mehr nur bei uns. Die Arbeitslosenquoten sind in Ungarn, Polen und Tschechien deutlich niedriger als in Österreich. Der Arbeitskräftemangel und die Teuerung, nicht nur beim Personal, sondern auch bei Rohstoffen und Energie, werden zunehmend als Bedrohung gesehen. Pulker fordert daher rasche Unterstützung bei Energiekos­ ten und eine deutliche Senkung der Lohnnebenkosten. Im Branchenmagazin „Gastro“ merkte er an, die Zeit der im internationalen Vergleich vergleichsweise günstigen Gasthausbesuche sei vorbei. Die Betriebe müssten Preise erhöhen, um zu überleben. Wie weit sich die Gäste das Schnitzel dann noch leisten können, sei die Zukunftsfrage: JobMisere trifft auf Teuerungswelle.

Bei der Arbeiterkammer sieht Chef-Ökonom Markus Marterbauer die Lage differenziert. Arbeitskräftemangel bedeute ja auch Vollbeschäftigung – und das war immerhin lange Zeit ein wirtschaftspolitisches Ziel. Die Interessensvertreter der Arbeiterschaft fordern eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch höhere Löhne und eine Reduktion der Arbeitszeit. Doch ob man damit zusätzliche Arbeitskräfte herbeizaubern kann? Der offizielle Arbeitsmarkt scheint leergefegt. Viele Betriebe sind unterdessen auf den „erweiterten“ Arbeitsmarkt ausgewichen. Die Arbeitslosenquote wird ja aus der Zahl der arbeitslos Gemeldeten in Relation zur Zahl der am Arbeitsmarkt (laut Statistiken) verfügbaren Personen gemessen. Im Juli 2022 betrug sie im Bezirk St. Pölten 5,3 Prozent (im Juli 2021 waren es 6,6 Prozent). Vermehrt versuchen Betriebe also nun diese an sich gar nicht „verfügbaren“ Personen anzusprechen. Etwa Studierende, die zusätzlich arbeiten gehen oder Pensionisten, die eigentlich nicht mehr müssten, aber dennoch gerne noch ein paar Stunden pro Woche arbeiten. Vielfach werden auch hier Verbesserungen für die Arbeitswilligen gefordert, insbesondere im Hinblick auf das Steuer- und Sozialsystem. Der Großteil der aktuellen Problematik ist also nicht der Pandemie, sondern der gesellschaftlichen Entwicklung geschuldet. Die nötige Anpassung der Rahmenbedingungen kann man wohl als zentrale Aufgabe einer Bundesregierung sehen. Die Statistik Austria prognostiziert, dass Österreich bis 2050 auf rund 9,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner wachsen wird. Im gleichen Zeitraum geht die Zahl der erwerbsfähigen Personen zwischen 15 und 64 Jahren aber um fünf Prozent zurück, was ein Rückgang um über 200.000 Arbeitskräfte bedeutet. Rein demografisch scheinen zukunftsfähige Lösungen somit höchst geboten – besser heute als morgen, denn das Thema wird wohl bleiben. Krise hin, Krieg her.


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SOMMER, SONNE – ST. PÖLTEN? Die Bewerbung St. Pöltens um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt 2024 ist gefloppt, das ist bekannt. Dennoch gab es in den Nachwehen dieser Niederlage Bekundungen bis hinauf zur Landeshauptfrau, St. Pölten touristisch und kulturell aufrüsten zu wollen. Welche Perspektiven gibt es für das Touristenziel St. Pölten?

A

ufstehen, Krone richten, weitermachen“ – so oder so ähnlich lässt sich die Reaktion auf die gescheiterte Bewerbung um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2024“ im landes- und kommunalpolitischen St. Pölten samt der Presselandschaft zusammenfassen. Die anfängliche Fassungslosigkeit darüber, dass Bad Ischl sich vor der EU-Jury gegenüber der niederösterreichischen Landeshauptstadt durchsetzen konnte, wich aber schnell beinahe

schon trotzigem Selbstbewusstsein. Die Projekte, welche im Rahmen der „Kulturhauptstadt“ auf die Beine gestellt wurden, seien „zu gut, weshalb wir den Weg weitergehen. Und St. Pölten wird im Jahr 2024 zur Landeskulturhauptstadt ernannt“, verkündete Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP). Kulturell und touristisch soll St. Pölten also aktiv nach vorne entwickelt werden, doch wo steht die Stadt diesbezüglich heute?

TOURISMUS-BRANDMARK „ST. PÖLTEN“: Projekte wie die neue Synagoge sollen bei der touristischen „Positionierung“ St. Pöltens helfen. 30

Business-Tourismus starkes Standbein, Sightseeing aber immer beliebter Ein primäres Standbein der Stadt ist und wird auch in Zukunft der Business-Tourismus sein. „Das ist bedingt durch die gute Infrastruktur für Veranstalter, die zentrale Lage St. Pöltens in NÖ und die Anbindung an die Westbahn“, erklärt dazu Matthias Weiländer, Geschäftsführer der Marketing St. Pölten GmbH. Seit 2014 stütze St. Pölten diese Entwicklung durch ein eigenes „Incoming Reisebüro“, das sowohl Gruppenreisen als auch den Business-Bereich mit aufbereiteten Angeboten und Serviceleistungen bediene. Es zeige sich auch ein zunehmender Trend, „Second Cities“ – also mittelgroße Städte abseits der Bundeshauptstadt – zu besuchen. „Sightseeing ist dadurch ein zunehmendes Thema und unsere St. Pöltner Freizeit-, Kultur- und Sportbetriebe profitieren von dieser Entwicklung“, so Weiländer. Ebenso positiv wertet er, dass die Austria Guides mittlerweile ihre Führungsdienste auch in St. Pölten anbieten. „Den spezifischen St. Pölten-Tourismus gibt es nicht“, meint Michael Duscher, Geschäftsführer der Niederösterreich Werbung. Grundpfeiler sei der Wirtschaftstourismus als klare Nummer eins, der Großteil der Nächtigungen sei im Wirtschaftsbereich vorhanden. Säule Nummer zwei sei die Kultur. „Dabei denke ich an die zahlreichen kulturellen Institutionen wie das Landestheater, das Festspielhaus oder das Museum


TEXT: JOHANNES MAYERHOFER | FOTOS: MATTHIAS KÖSTLER

Niederösterreich sowie die vielen kulturellen Veranstaltungen und Events in St. Pölten, vom Barockfes­ tival bis zum Frequency Festival“, so Duscher. Zuletzt sei auch der Sport-Bereich, Säule Nummer drei, nicht zu unterschätzen. In Zukunft werde verstärkt auf KurzurlaubsTourismus gesetzt, bei dem auch die umliegende Region einbezogen sein solle. Übernachtungen und Ankünfte Doch wie sehen, abseits aller subjektiven Lageeinschätzungen, die nackten Zahlen der Tourismusstatistik der Landeshauptstadt aus? Klarerweise macht das Ereignis der Corona-Pandemie eine Einschätzung der Touristenfrequenz wie unter „normalen“ Bedingungen kaum möglich. Der Periodenvergleich zwischen 2019 und 2022 zeigt jedoch, dass sich die Zahlen wieder normalisieren. Zählte man von Jänner bis Juli 2019 rund 52.000 Ankünfte, waren es im gleichen Zeitraum 2022 knapp 41.000. 2021 waren es 22.700. Den 105.000 Übernachtungen der ersten sieben Monate 2019 stehen bislang 84.000 im Jahr 2022 gegenüber. Im selben Zeitraum 2021 übernachteten nur knapp 60.000 Reisende in der Landeshauptstadt. Die mit Abstand größte Herkunftsgruppe waren und sind die österreichischen Inlandsreisenden: So waren im ersten Halbjahr 2022 sieben von zehn in St. Pölten Nächtigenden Österreicher, ein weiterer Deutscher. Der Rest verteilt sich auf andere Nationalitäten. St. Pölten als eigenständiges Touristenziel? „St. Pölten hat sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt“, bestätigt auch Andreas Purt, Geschäftsführer der Mostviertel Tourismus GmbH. „Wir haben neue Hotels dazubekommen und die Zahl der Nächtigungen hat sich bis 2019 kontinuierlich nach oben entwickelt.“ Der Wirtschaftstourismus werde zwar auch in Zukunft noch eine große Rolle spielen. „Die Bewerbung um die Europäische Kulturhauptstadt

MEHR SUPPORT. Die Mostviertel Tourismus GmbH wird eine zusätzliche Person für gemeinsame Projekte mit St. Pölten im dortigen Tourismus-Büro beschäftigen.

2024 wirkte jedoch wie ein Schub“, so Purt. Eine ganze Reihe von Projekten soll laut Purt „zur Positionierung St. Pöltens beitragen.“ Gemeint ist damit unter anderem das Festival „Tangente St. Pölten“, welches als „Festival für Gegenwartskultur“ 2024 erstmals über die Bühne gehen soll. Auch die Grundsanierung und Neuaufstellung der St. Pöltner Synagoge als Ausstellungs- und Kulturzentrum, der im Neubau befindliche multifunktionale Domplatz und das Kinderkunstlabor (KIKULA) sollen die kulturtouristische Brandmark „St. Pölten“ stärken. „Die Positionierung St. Pöltens als Ausgangspunkt für Erkundigungen im Umland und die stärkere Verbindung mit den Umlandregionen soll noch stärker entwickelt werden.“ St. Pölten strebe außerdem eine assozierte Partnerschaft mit den beiden LEADER Regionen Mostviertel-Mitte und Traisental-Donau-Niederösterreich an. Im Rahmen von gemein-

samen Projekten, die in den kommenden Monaten festgelegt und definiert würden, solle die Kooperation intensiviert werden. Ähnlich klingt das auch bei Weiländer: „In der touristischen Vermarktung hat St. Pölten für die umliegenden Regionen bereits seit Jahren eine wichtige Trägerrolle. Der geplante Auftritt als Hauptstadtregion wird diese Zusammenarbeit weiter vertiefen.“ Mit Unterstützung der NÖWirtschaftsagentur ecoplus werde im Rahmen einer Regionalförderung eine zusätzliche Person bei der Mostviertel Tourismus GmbH angestellt und in der St. Pöltner Tourismusstelle positioniert, um gemeinsame Projekte auszuloten, erklärt Purt weiters. Weiländer sieht die Potentiale der Landeshauptstadt noch nicht ausgeschöpft, denke er etwa an die Möglichkeit von Jugendprojektwochen in einer Kombination aus Kultur- und Sportlandeshauptstadt. „St. Pölten wird sich im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten weiter touristisch professionalisieren“, prophezeit er. Eine „Second City“, die aber touristisch in der ersten Liga mitspielt, so lautet der Plan. MFG 09 22

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WO GEHT’S HIER ZUM FÜNFTEN VIERTEL? Neben dem Wald-, Wein-, Most- und dem Industrieviertel ist seit 2001 auch vom Zentralraum Niederösterreich als dem „Fünften Viertel“ die Rede. MFG hat sich erkundigt, was hinter dieser politischen Überschrift steckt.

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as Foto zum Beitrag will Herbert Wandl unbedingt vor dem Gemeindebus von Gerersdorf machen. „20 Freiwillige fahren von Montag bis Freitag, um die Mobilität im ländlichen Raum sicherzustellen“, erklärt der ÖVPBürgermeister der 1.000-SeelenGemeinde westlich von St. Pölten. Doch für Wandl ist der Bus ein Karosserie gewordenes Zeichen für regionale Zusammenarbeit. „Das Projekt wurde vom Regionalverband Niederösterreich begleitet, von den ersten Schritten bis hin zur Förderungsabwicklung.“ Damit meint Wandl den Verband NÖ.Regional, welcher 2001 gegründet wurde und als größtes Unternehmen in der Regionalentwicklung in Niederösterreich tätig ist. Seit 2015 servisiert NÖ.Regional auch den Regionalverband noe-mitte, der bezeichnenderweise am 11. September 2001 ins Leben gerufen wurde. Dessen Obmann heißt Herbert Wandl. Die „Helden der Arbeit“ sitzen in den Gemeinden Doch was hat es mit der Region NÖ Mitte, welche 2001 per Landtagsbeschluss explizit als Hauptregion verankert wurde, genau auf sich? Es ging darum, dem Kernraum NÖ nach der Hauptstadtwerdung St. Pöltens 1986 eine Identität zu geben und sich in strategischen Fragen gemeinsam zu positionieren. „Man hatte die Situation, dass gewisse 32


TEXT: JOHANNES MAYERHOFER | FOTOS: HANNAH STROBL, NORBERT KNIAT, ZVG

Gemeinden thematisch weder ins Most- noch ins Weinviertel passten. Das war Teil der Motivation für die Zentralregion“, erklärt Wandl. Der Obmann unterstreicht aber, wie sehr dabei die Entwicklungen im Kleinen im Vordergrund standen und stehen. „Von entscheidender Bedeutung ist die Arbeit in den unzähligen Kleinregionen, die sich innerhalb der Hauptregion NÖ Mitte gebildet haben, wo Gemeinden in konkreten, themenbezogenen Punkten zusammenarbeiten. Da geht es manchmal um Technisches, dann wieder um Touristisches oder Infra-

strukturelles. Wenn etwa ein Radweg existiert und die angrenzenden Gemeinden als Kleinregion kooperieren und entlang dieses Radweges kleine touristische Highlights, oder Raststationen oder regionale InfoMöglichkeiten organisieren, das wäre ein klassisches Beispiel.“ Seine eigene Rolle als Obmann des Regionalverbandes noe-mitte will Wandl dabei nicht überbetonen: „Die eigentlichen Helden der Arbeit sitzen in den Gemeinden selbst.“ Die Liste der Projekte im „Fünften Viertel“, die unter Trägerschaft des Regionalverbandes noe-mitte

abgewickelt wurden, ist umfangreich. Sie umfasst regionale Einkaufsführer und Diplomarbeitsbörsen, Entwicklungspläne für den Wiener Wald als „Biosphärenpark“, Projekte zur Grundwasserbewirtschaftung im Unteren Traisental, Kooperationsprojekte mit führenden Metall-Betrieben der Region uvm. Nicht zuletzt geht es auch um die Vernetzung lokaler Akteure. Viel konkrete Arbeit im Klein-Klein Und gerade die Vernetzung kommunaler Akteure, ist einer der ent-

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GEMEINDEBUS WIRD NEUN JAHRE ALT. Aus Sicht von Herbert Wandl, Bürgermeister von Gerersdorf, ist der gemeindeeigene Bus beispielhaft für viele Projekte, die unter Trägerschaft seines Regionalverbandes noe-mitte realisiert wurden.

scheidenden Aspekte für die Frage erfolgreicher regionaler Entwicklung. Das betrifft neben Funktionären aus der Zivilgesellschaft und dem lokalen Vereinswesen natürlich primär die Bürgermeister der Gemeinden und Ortschaften. So zeigt man sich in Tulln überzeugt von der Sinnhaftigkeit und Lebendigkeit des „Fünften Viertels“. „Tulln liegt im Grenzbereich zwischen Wein- und Mostviertel, teilt also viele Attribute dieser Regionen und die Zuordnung meiner Stadt zur Hauptregion NÖ-Mitte ist daher eine sinnvolle“, erklärt Peter Eisenschenk (ÖVP), Bürgermeister von Tulln. Er betont dabei die Wichtigkeit regionalpolitischer Vehikel wie der Hauptregion NÖ-Mitte und des Regionalverbandes noe-mitte bei der Umsetzung von Projekten und Kooperationen. Beispiele für Förderprojekte des Regionalverbandes noe-mitte wären etwa das virtuelle Tullner Stadtmuseum „Virtulleum“, die Neukonzeption des Römermuseums, Erweiterungen von Sportanlagen und 34

Spielplätzen, Lückenschließungen im Fahrradwegenetz, die Förderung der „Sanften Mobilität“ und mehr. Die regionale Entwicklung der zentralen niederösterreichischen Gemeinden in Abhängigkeit von einem abstrakten Gebilde eines „Fünften Viertels“ zu sehen, wäre allerdings

„Die Zuordnung meiner Stadt zur Hauptregion NÖ-Mitte ist sinnvoll.“ PETER EISENSCHENK, BÜRGERMEISTER TULLN

grob unterkomplex, wie das Beispiel Tulln zeigt: „Die Stadt ist Teil der Region Wagram, der Region Tullnerfeld, der LEADER Region NÖMitte, des Regionalverbandes noemitte und in touristischer Hinsicht Region Kamptal-Wagram-Tullner Raum.“ Tulln ist also an einem themenspezifischen Netz größerer und kleinerer Regional-Zusammenschlüsse beteiligt. Vor dem Hintergrund all dessen meint Eisenschenk: „Das ‚Fünfte Viertel‘ hat sich in der Praxis als durchaus eigenständiges und spürbar lebendiges Viertel entwickelt.“ Auch im West-Zipfel des NÖZentralraumes sind kommunalpolitische Kooperation und regionale Entwicklung abhängig von den jeweiligen lokalen Konstellationen, Initiativen und Zusammenschlüssen. So betont Patrick Strobl, ÖVPBürgermeister der Stadt Melk, die bezirksübergreifende Kooperation der 14 Weltkulturgemeinden. „Wir haben etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, die einheitliche Bus-


WO GEHT’S HIER ZUM FÜNFTEN VIERTEL?

parkraumbewirtschaftung in den Gemeinden Melk, Spitz, Dürnstein und Krems initiiert. Des Weiteren sind wir in der Kleinregion ‚die Kulturregion‘, deren Sprecher und Geschäftsführer ich bin, und welche Melk, Emmersdorf, Loosdorf und Schollach umfasst, im ständigen Austausch. Konkret geht es dort um die Umsetzung von Projekten wie etwa des Anrufsammeltaxis“, erklärt Strobl auf MFG-Anfrage.

Symbolbild © NMPB Architekten ZTGmbH

Lilienfeld betont enge Verbindung zu St. Pölten „Wir als Lilienfelder fühlen aus verschiedenen Gründen eine Zugehörigkeit zum Zentralraum“, sagt Lilienfelds Bürgermeister Wolfgang Labenbacher (ÖVP). Zentraler Bezugspunkt ist für ihn hierbei St. Pölten. „Viele Leute aus der Stadt und dem Bezirk sind in St. Pölten in die Schule gegangen oder haben dort ihre Ausbildung gemacht. Lilienfeld ist gemeinsam mit St. Pölten auch in der Bildungsregion NÖ-Mitte. Geographisch gesehen verbindet uns der Fluss Traisen, und damit unter anderem, aber nicht nur, der TraisenWasserverband und der Abwasserverband an der Traisen.“ Lilienfeld habe St. Pölten bei seinen Bestrebungen hinsichtlich der „Kulturhauptstadt 2024“ unterstützt. Auch in den Bereichen Gesundheit und Wirtschaft seien die Verflechtungen

„Unsere Zugehörigkeit basiert auf unserer engen Verbindung zu St. Pölten.“ WOLFGANG LABENBACHER BÜRGERMEISTER LILIENFELD

stark: „Das Landesklinikum Lilienfeld und das Universitätsklinikum St. Pölten arbeiten eng zusammen. St. Pölten ist unser Schwerpunktkrankenhaus. Die wirtschaftliche Verbindung ist nicht nur auf den neuen Prefa-Standort in Hart zurückzuführen. Viele pendeln aus Lilienfeld in den Zentralraum zur Arbeit und umgekehrt.“ Gemeinsame Probleme sehe er vor allem bei der seiner Meinung nach mangelnden Verkehrserschließung in seinem Bezirk. Die Elektrifizierung und Verbesserung des qualitativen und sicherheitsmäßigen Angebotes der

Traisentalbahn sollte laut Labenbacher unbedingt beschleunigt werden. Der Schnellstraßenanschluss des Traisentals sei für die Prosperität der Region notwendig. Verkehrspolitische Ambitionen gibt es auch auf der Achse Krems-St. Pölten. So richteten die Gemeinderäte beider Städte der Klimaministerin Leonore Gewessler (Grüne) per Resolution ihre Forderung nach einer „leistungsfähigeren“ und „ökologischeren“ Bahnverbindung Krems – St. Pölten aus. Kürzere Fahrzeiten und Zugintervalle durch den Bau eines zweiten Gleises zwischen Herzogenburg und der Landeshauptstadt finden sich auf der Liste, ebenso wie eine Zugelektrifizierung und höherer Fahrgastkomfort. Ja, es tut sich viel im „Fünften Viertel“. Überall gibt es regionale Klein(st)-Zusammenschlüsse, die konkrete Verbesserungen in verschiedensten Themenbereichen erarbeiten. Das Gebilde „NÖ Mitte“ jedoch auf wenige politische Grundinteressen herunter zu brechen, ist schwer. Denn der Bezugspunkt zur Großregion und die lokale Bedeutung für Bevölkerung, Vereinswesen und Lokalpolitik hängt stets von den Bedingungen und Vernetzungen vor Ort ab. So kann man sagen: „Das ‚Fünfte Viertel‘ lebt, aber es gleicht dennoch einem Mosaik.

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Eine Krise jagt die andere. Nicht nur, dass der Krieg wieder in Europa angekommen ist, sorgt auch die Unsicherheit der Energieversorgung und eine massive Teuerungswelle für permanenten Krisenmodus. Diese Faktoren und auch die andauernde CoV-Pandemie samt deren sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen treiben viele Menschen, vor allem junge, die noch keine derartigen beklemmenden Szenarien erlebt haben, in Krisensituationen, die allein oft nicht mehr gemeistert werden können.

AUSWEGE AUS DER AUSWEGLOSIGKEIT

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bwohl laut Suizidbericht 2021 des Bundesmi­ nisteriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz die Zahl der Suizide nach wie vor rückläufig ist, verstarben im Jahr 2020 in Öster­ reich 1.072 Menschen durch Suizid – mehr als dreimal so viele wie im Straßenverkehr. Die Anzahl der Suizid­ versuche liegt deutlich höher (nach Schätzungen 11.000 bis 32.000 pro Jahr). MFG sprach mit Expertin Evelyn Bremberger, Klinische Psychologin und Gesundheitspsy­ chologin beim AKUTteam NÖ, über Gründe von Suizid und dessen Verhinderung. Wann kommt es eigentlich zu Suizid? Wesentlich ist, dass es keine klassische Suizidpersön­ lichkeit gibt. Allerdings lassen sich verschiedene Risiko­ gruppen – z. B. psychisch erkrankte, chronisch kranke, getrennte und verwitwete Personen – sowie Risikofak­ toren wie z. B. Suizide in der Familiengeschichte, Zugang zu letalen Mitteln, Suizidversuche in der Vergangenheit u. a. erkennen. Das Suizidrisiko steigt bei Überschneidungen sowie bei einfacher Verfügbarkeit letaler Mittel. Zudem gibt es nicht nur einen Grund für den Suizid. Weshalb die­ ser auch nie ganz verstanden und oftmals das „Warum“ nicht aufgelöst werden kann. Die Suche nach dem Sui­ zid vorangehender Prozesse, etwa Aussichtslosigkeit der Situation, psychiatrische Erkrankung, Einengung, kann hilfreich sein, da sich Angehörige oftmals fragen, warum sich die Person „aus freien Stücken für den Tod und ge­ gen ein gemeinsames Leben“ entschieden hat. Bei der Entscheidung zum Suizid handelt es sich um einen ein­ 36

samen Entschluss in aller Stille, ausgenommen die sehr selten auftretenden kollektiven bzw. Massensuizide. In vielen Fällen kann der Entscheidungsprozess einen Zeit­ raum von zwei Jahren übersteigen und zu Beginn der bewussten Wahrnehmung des später Betroffenen ver­ borgen sein. Suizid als selbstbestimmtes beziehungsweise freiwil­ liges Ereignis ist in Frage zu stellen, da z. B. eine psy­ chotische oder depressive Person keine Wahlmöglichkeit und keine Möglichkeit einer rationalen Entscheidung, sondern Chaos und Hoffnungslosigkeit hat.

HI L F E I N E I N E R K R I S E N S I T UAT I O N Wenn Sie sich verzweifelt fühlen oder Hilfe benötigen, sprechen Sie mit anderen Personen darüber! Kontaktdaten von Hilfseinrichtungen unter: • www.suizid-praevention.gv.at • akutteam.at/krisenhotlines Für Jugendliche gibt es spezifische Angebote (z. B. Informationen unter www.bittelebe.at oder „Rat auf Draht“ unter der Nummer 147).


TEXT: ANDREAS REICHEBNER | FOTOS: ADOBE STOCK, EVELYN BREMBERGER

STADI E N U N D DY N AMI K DE R S U I Z I DAL E N E N TW I C K L U N G ( N AC H P Ö L D I N G E R ) I. ErwägungsStadium

II. AmbivalenzStadium

III. EntschlussStadium

Suizid-Gedanken

Suizid-Impulse

Suizid-Vorbereitung

(erhaltene Distanzierungs- und Steuerungsfähigkeit)

(eingeschränkte Distanzierungs- und Steuerungsfähigkeit)

(aufgehobene Distanzierungs- und Steuerungsfähigkeit)

Hinweis, Appelle

Hilferufe, Ankündigungen

Resignation, trügerische Ruhe

erschwert ist. Positiv hervorzuheben ist, dass es alters­ entsprechende Aufklärungsbücher zu psychischen Er­ krankungen wie z. B. „Mit dem schwarzen Hund leben“ sowie Suizid, z. B. „Leben ohne Mama Maus“, gibt. Zu negieren, dass Suizid eine, sogar sehr häufige Todesursa­ che ist, kann als kontraproduktiv gewertet werden.

Wie kann man als Einzelner reagieren, wenn man sich Sorgen macht? Kommt es seitens der Betroffenen zu offenen oder ver­ steckten – z. B. „Ich möchte, dass das alles aufhört“; „Meine Lage wird sich nie bessern“; „Leb wohl statt auf Wiedersehen“ etc. – Mitteilungen, kann zuerst das Gespräch gesucht werden. Dadurch wird der Suizidhin­ weis als solcher erkannt und dem Betroffenen geholfen, diesen offen aussprechen zu können. Das kann zur Ent­ lastung und Lockerung führen, die suizidale Einengung kann verhindert werden. Wenn man also das Gefühl hat, dass der Gesprächspartner Suizidgedanken hat, dann soll dies offen angesprochen und nachgefragt werden. Zudem ist folgendes zu beachten: Die Betroffenen nicht alleine lassen! Ihn oder sie ernst nehmen, und weitere Hilfe organisieren!

Wie sehen Sie in Ihrer Arbeit die Tendenz zu Suizid? Gibt es ein Ansteigen in Ihrem Bereich bezüglich Kontaktaufnahme, Einsätze etc.? Aufgrund des Tätigkeitsfeldes des AKUTteams sowie einer entsprechend selektiven Sicht auf die Ereignisse kann diese Frage nicht eindeutig beantwortet werden, da nicht alle Alarmierungen Suizide betreffend auch beim AKUTteam einlangen. Nach wie vor gibt es eine Vielzahl an Hinterbliebenen, welche einer Betreuung skeptisch gegenüberstehen oder von dem Angebot keine Kenntnis haben. Dennoch kommt es wiederkehrend zu Einsätzen des AKUTteams aufgrund von Suizid, wobei es sich hierbei vordergründig um Postvention handelt. Auch einige suizidale Personen kontaktieren Notruf NÖ und gelangen schließlich zum AKUTteam, wobei es ei­ nerseits zur Einschätzung der Suizidalität einschließlich entsprechender Maßnahmen kommt und andererseits ein Entlastungsgespräch angeboten sowie – bei Zustim­ mung der betroffenen Person – durchgeführt wird.

Was kann man als Gesellschaft tun? Gesamtgesellschaftlich kann eine Enttabuisierung des Themas sowie Aufklärung diesbezüglich und zum Um­ gang mit suizidalen Personen hilfreich sein. Viele Fami­ lien sind plötzlich mit der Thematik Suizid konfrontiert und stoßen an ihre Grenzen, wobei auch der Umgang mit trauernden Kindern und Jugendlichen aufgrund von Tabuisierung sowie Stigmatisierung des Themas massiv

Welche Rolle spielen dabei Existenzängste, hervorgerufen durch medial thematisierte Krisen? Die wiederkehrende mediale Thematisierung von Kri­ sen kann zu Existenzängsten aufgrund eines ausgelösten Unsicherheitsgefühls sowie des Verlustes des Vertrauens in die Gesellschaft und deren Bewältigungsfähigkeiten führen, wobei Suizidalität vor allem durch kumuliert auftretende Belastungen verstärkt wird. MFG 09 22

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AUSWEGE AUS DER AUSWEGLOSIGKEIT

Bei Suizidgedanken des Gesprächspartners zu beachten: Gespräch suchen, Nachfragen! Nicht alleine lassen! Ernst nehmen! Weitere Hilfe organisieren! Letztlich bedeutet dies, dass bei ver­ mehrt medial thematisierten Krisen ohne entsprechend propagierte Hilfs­ angebote die Belastung Betroffener steigt.

terhin tabuisiert und die Realität verzerrt wird, wobei der Zweck der Berichterstattung zu einem Suizid zu hinterfragen ist, etwa im Fall des Su­ izids der Ärztin aus Oberösterreich. Auch die Begriffe Selbstmord – bezüg­ Wie stehen Sie zu dieser lich strafrechtlicher Tatbestand Mord Verdrängung des Themas? – und Freitod aufgrund implizierter Die fachliche sowie wissenschaftlich Freiwilligkeit sollten nicht mehr ver­ klare Thematisierung, also Enttabui­ wendet werden, besser ist Suizid im sierung, des Themas Suizid ist sowohl Sinne von Selbsttötung. präventiv als auch postventiv drin­ Empfehlenswert ist bei Zeitungs­ gend angeraten, da die offene Kom­ berichten, Büchern, Vorträgen u. ä. munikation für suizidale Personen die jedenfalls Kontaktadressen bzw. Te­ Möglichkeit schafft, ihre Gedanken lefonnummern der entsprechenden HILFE BEI KRISEN. Evelyn Bremangstfrei an- sowie aussprechen zu berger vom AKUTteam NÖ. Hilfsangebote anzuführen, sollten im können. Postventiv wird einer Stig­ Zuge der Befassung mit genannten In­ matisierung und Isolation der Hinter­ halten Belastungsreaktionen oder sui­ bliebenen entgegengewirkt, wobei dies wiederum deren zidale Gedanken auftreten. Schuldgefühle und Scham in Bezug auf den Suizidenten reduzieren kann. Auch die transparente Kommunika­ Wann sollte man in der Schule das Thema tion sowie Förderung von Angeboten für Hinterbliebene besprechen – soll man das überhaupt? nach Suizid kann hilfreich sein. Aus entwicklungspsychologischer Sicht haben Kinder ab Zudem ist die mediale Berichterstattung zum Thema dem Alter von sieben Jahren ein realistisches Verständ­ Suizid, welche wiederum gesamtgesellschaftliche Aus­ nis vom Tod und die Bewusstheit über den permanenten wirkungen hat, ausschlaggebend, wobei der Papageno- Verlust, sodass eine Auseinandersetzung mit den The­ Effekt, also Senkung des Suizidrisikos, dem Werther- men Tod und Sterben jedenfalls möglich ist. Meist set­ Effekt, also Erhöhung des Suizidrisikos gegenübersteht. zen schulische Präventionsprogramme ab dem Alter von Dieser besagt, dass eine gewisse Berichterstattung über zehn Jahren an. Generell ist empfehlenswert, die offene Suizide protektiv wirken kann. Zu beachten ist, dass Kommunikation belastende Gedanken sowie Ereignisse Serien, welche sich mit dem Thema Suizid auseinander­ betreffend bei Kindern und Jugendlichen von Beginn an setzen, wie z. B. „Tote Mädchen lügen nicht“, jedenfalls zu implementieren. Dies kann im Regelunterricht, vor eine Trigger-Warnung vorangehen sollte. allem durch ein offenes wie wertschätzendes Klassen­ Ein generelles Berichterstattungsverbot Suizide be­ klima, gefördert werden. treffend stellt keine Lösung dar, da die Thematik wei­ Warum verüben Männer signifikant mehr Suizide gegenüber Frauen? Betrachtet man die Auswertung der Suizidmethoden, lässt sich feststellen, dass Männer in einem höheren AKUTTEAM NÖ Ausmaß letale Suizidmethoden wählen, wodurch selbst Das AKUTteam NÖ ist eine soziale Einrichtung des Suizidversuche oftmals in einem tödlichen Geschehen Landes NÖ zur psychosozialen Unterstützung von enden. Menschen, welche von plötzlichen Schicksalsereignissen Hinzu kommt, dass Männer bei psychosozialen Pro­ betroffen sind. Das AKUTteam ist ein multiprofessioblemlagen weniger häufig bzw. kaum Hilfe entspre­ nelles Team bestehend aus Fachkräften der Sozialarbeit chender Fachkräfte und Institutionen des psychosozi­ sowie der Klinischen Psychologie und Psychotherapie. alen Versorgungssystems in Anspruch nehmen. Nach Das AKUTteam NÖ bietet über den Rettungsnotruf 144 rasche, unbürokratische und kostenfreie Unterstützung wie vor neigen Männer in Zusammenhang mit psychi­ in Akutsituationen bei Erreichbarkeit rund um die Uhr schen Problemen eher dazu diese mittels Alkohol- und (24 h pro Tag) an. Drogenkonsums selbst zu behandeln, wodurch sich sui­ zidale Krisen sowie Suizidalität potenzieren können. 38


TEXT: ANDREAS REICHEBNER | FOTOS: ADOBE STOCK, EVELYN BREMBERGER

SEPTEMBER OKTOBER

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ALPENLAND IN FRAUENHAND Alpenland prägt St. Pölten – derzeit unübersehbar auch mit einem Alleinstellungsmerkmal in der Baubranche: mit einer Frau an der Spitze. Was sind denn Ihre Aufgaben als Obfrau der Genossenschaft? Meine Hauptaufgabe ist es, den Weg vorzugeben. Dieser soll den Spagat schaffen zwischen leistbarem Wohnraum, den gestiegenen Kundenbedürfnissen und den hohen technischen und gesetzlichen Anforderungen, die an Wohnbau gestellt werden. Außerdem wollen wir unsere Dienstleistungs- und Servicequalität weiter ausbauen. Es ist mir auch wichtig, starker und sicherer Arbeitgeber für unsere Mitarbeiter zu sein und ein Geschäftspartner mit Handschlagqualität. Und natürlich gehören zu meinen Aufgaben auch die Repräsentation des Unternehmens und die Kontaktpflege. Warum, glauben Sie, sind so wenige Frauen in einer ähnlichen Position wie Sie? Die Gründe, warum Diversität in der Wirtschaft und Frauen in Spitzenpositionen in Österreich noch nicht gelebt werden, sind vielfältig. Die Bau- und Immobilienbranche und somit auch die gemeinnützige Wohnungswirtschaft ist generell eine – noch immer – sehr männerdominierte Branche. Bis vor wenigen Jahren waren nur wenige Frauen in den Führungsebenen und Gremien vertreten. Und damit waren und sind auch die Interessen von und für Frauen unterrepräsentiert. Trotz vieler Bestrebungen nach einer Gleichberechtigung der Geschlechter wird oft bei Stellenbesetzungen eine konservative und altmodische Grundhaltung an den Tag gelegt. Leider fallen die wichtigen Karriereschritte oft in die Zeit, in der 40

ERFOLGREICH. Isabella Stickler managt die Wohnungsgenossenschaft Alpenland zielstrebig, mit konkreten Vorstellungen und zukunftsorientiert.

Isabella Stickler dirigiert seit einem Jahr die Wohnungsgenossenschaft Alpenland, entspannt beim Orgelspiel und meistert sowohl die Herausforderungen in der männerdominierten Baubranche als auch die einer berufstätigen Mutter. Wie, das erklärt die 45-jährige Juristin im Interview. Und auch, warum St. Pölten für Immobilienentwickler so interessant ist. Frauen Kinder bekommen und damit phasenweise aus dem Arbeitsprozess aussteigen – auch aufgrund mangelnder Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Es fehlen weibliche Vorbilder und oft die Unterstützung des familiären Umfeldes. Privat sind Frauen die besten Netzwerkerinnen, beruflich leider nicht, und damit sind sie weniger sichtbar. Das ist ein Nachteil bei der Besetzung von Führungspositionen. Letztendlich trauen sich Frauen oft auch weniger zu und stehen sich selbst im Weg. Österreich ist, was Frauenquoten

betrifft, EU-weit gesehen auf einem schlechten Ranking-Platz – das ist kein Renommee und das schadet dem Wirtschaftsstandort Österreich mit Sicherheit. Welche besonderen Herausforderungen müssen Sie in Ihrer Position bewältigen? Meine größte Herausforderung ist, alles unter einen Hut zu bringen: Beruf, Familie und meine privaten Interessen – und das möglichst so, dass kein Bereich, vor allem meine Familie, nicht zu kurz kommt.


TEXT: BEATE STEINER | FOTOS: MARIUS HÖFINGER, ZVG

Was ist Ihr Erfolgsrezept? Die Zutaten für mein Erfolgsrezept sind: Ich habe meinen Beruf von der Pike auf gelernt, ich kenne das Unternehmen wie meine Westentasche und ich brenne für Alpenland. Mit dieser Leidenschaft, harter Arbeit, Konsequenz und dem unbeirrbaren Glauben an die Zielerreichung und an mich selbst habe ich bis jetzt oft das erreicht, was ich wollte. Genossenschaftswohnbau hat sich gewandelt: vom günstigen „Dach über dem Kopf“ hin zu „schön und angenehm Wohnen, angepasst an unterschiedliche Bevölkerungsgruppen“. Wie schaut „Alpenlandwohnen 2022“ aus – im Vergleich zur Jahrtausendwende? Der Stellenwert des Wohnens ist heute viel höher als im Jahr 2000. Der „Wert Wohnen“ ist ein Teil des Images und für viele Menschen dadurch identitätsstiftend. Der wachsende Trend zu Single-Haushalten zeigt, dass eine eigene Wohnung Freiheit und Unabhängigkeit bedeutet. Wir sehen seit Beginn der CoronaPandemie klar zwei Trends: Ländliche Lagen – und keineswegs nur solche in städtischen Speckgürteln – sind wieder gefragter. Schließlich haben wir alle die Erfahrung gemacht, wie sehr es gerade unter angespannten Bedingungen auf Lebensqualität und Freiräume ankommt. Zweitens der gestiegene Stellenwert von Homeoffice: Das erleichtert das Wohnen außerhalb der Zentren, braucht aber auch zusätzliche Flächen oder Flexibilität für die Verbindung von Zuhause und Arbeit. In der Vergangenheit oft schwer vermittelbare 4-Zimmer-Wohnungen sind jetzt wieder gefragt. Wenn wir heute über Wohnen reden, reden wir über viel mehr als die Befriedigung eines Grundbedürfnisses. Der Anspruch unserer Kunden hat sich geändert, aber auch unser eigener: Wir würden heute keine Wohnung ohne Freiraum errichten, Wohnen beginnt für uns nicht bei der Wohnungstüre, sondern wir denken bei jeder Projektentwick-

lung über die Grundstücksgrenzen hinaus in Richtung Ortskern- und Stadtentwicklung, überlegen uns, was für einen Mehrwert wir unseren Kunden neben dem eigentlichen Wohnen anbieten wollen. Wie wichtig sind der Genossenschaft dabei nachhaltiges Bauen, wie wichtig Energie-Effizienz? Als Genossenschaft, die von Beginn an stark auf die Eigentumsbildung gesetzt hat und die für Generationen denkt und baut, ist nachhaltiges Bauen selbstverständlich. Nachhaltiges Bauen bedeutet daher bei uns Langfrist-Qualität in sorgfältiger Kostengestaltung und Erhaltung der Bausubstanz. Am Thema Energie-Effizienz können und wollen wir nicht vorbei. Nirgendwo sind die Umweltund Klimastandards höher als im gemeinnützigen Wohnbau. Das zeigt sich bei jedem unserer Projekte und darauf sind wir auch stolz. In der jüngsten Gemeinderatssitzung gab’s eine Diskussion, weil ein anderer Bauträger sich vom Kinderspielplatz freikaufte. Haben Sie dafür Verständnis? Eine solche Entscheidung muss jeder Bauträger für sich selbst treffen. Wir gehen einen anderen Weg und legen großen Wert auf ein ausgewogenes soziales Miteinander. Alpenland will die Gemeinschaft im Wohnquartier stärken und fördern, um damit die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner zu steigern. Unser Fokus endet nicht bei der Wohnung und der technischen Ausführung, vielmehr liegt er auch auf „Lebens- und Gemeinschaftsflächen“. Wo immer es möglich ist, schaffen wir Grün- und Freiflächen, die für Spiel- und Freizeitaktivitäten genutzt werden können und als Orte der Be-

PRIVAT. Isabella Stickler an der Orgel in der Pfarre Engabrunn.

gegnung fungieren. Bestes Beispiel hierzu ist der Mühlbachpark bei unserem Projekt „Mühlbach Ost: Wohnen mit Weitblick“ mit Beachvolleyballplatz, Ruhezone, Tipis für Kinder, Zugang zum Wasser. Zudem tragen Grünflächen positiv zum Mikroklima und damit auch zum Wohnklima bei. Ebenso sind private Rückzugsmöglichkeiten ein wesentliches Wohlfühl-Element. 97 Prozent aller Wohnungen, die von Alpenland seit 2013 übergeben wurden, sind mit einem oder mehreren Freibereichen ausgestattet. Alpenland baut nicht nur geförderte, sondern auch frei finanzierte Wohnbauten. Warum? Unser gesetzlicher Auftrag liegt in der Versorgung breiter Bevölkerungsschichten mit Wohnraum. Daher errichten wir ein Wohnungs­ angebot von der günstigen geför-

Mit Leidenschaft, harter Arbeit, Konsequenz und dem unbeirrbaren Glauben an die Zielerreichung und an mich selbst habe ich bis jetzt oft das erreicht, was ich wollte. ISABELLA STICKLER MFG 09 22

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ALPENLAND IN FRAUENHAND

derten Mietwohnung bis hin zum freifinanzierten Reihenhaus. Durch dieses vielfältige Angebot ermöglichen wir Menschen mit unterschiedlichsten Haushaltseinkommen qualitativ hochwertige Wohnungen anzumieten oder anzukaufen. Wir stabilisieren mit unserem breiten Angebot auch den überhitzten Immobilienmarkt, da in beiden Varianten sowohl die Berechnung der Miete als auch des Kaufpreises der Höhe nach durch das Kostendeckungsprinzip des Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetzes gedeckelt ist. Einige Bundesländer, zum Beispiel Salzburg, haben eine Leerstandsabgabe eingeführt. Glauben Sie, dass das in Niederösterreich auch kommt? Ich schätze die Lage derzeit so ein, dass eine Leerstandsabgabe in Niederösterreich nicht kommen wird. Meine Meinung ist, dass diese in der bisher diskutierten Form nicht zielführend ist. Denn die Abgabe würde die Wohnkosten noch weiter erhöhen, anstatt mehr freie Wohnungen auf den Markt zu bringen. Ein aktuelles Vorzeigeprojekt ist das Wohnquartier in der Trautsonstraße. Hier entstehen 300 Wohnungen, zukunftstauglich, ökologisch verträglich, mit Freiräumen, leistbar. Wie schafft man das angesichts der derzeit hohen Preisen beim Bauen? Wir denken Immobilien über den Lebenszyklus und setzen auf langfristige Finanzierungen. Mit unseren langjährig bewährten Partnern am Bau ist es uns möglich, gemeinschaftlich herausfordernde Projekte zu realisieren. Aufgrund der strengen gesetzlichen Regelungen für Genossenschaften, die vorgeben, dass nur beschränkt

die Finanzierungsform mit Eigenkapital für Grundstücksvorsorge, Neubau und Sanierung von Wohnungen.

ZU R P E RS O N Isabella Stickler, CSE, Obfrau und Vorstandsvorsitzende der Gemeinnützigen Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft Alpenland reg.Gen.m.b.H. • Studium der Rechtswissenschaften • Befähigungsprüfung Immobilientreuhänder • Projektmanagementausbildung Diplomlehrgang • Vorsitzende von Netzwert, dem Frauennetzwerk der Gemeinnützigen Wohnungswirtschaft Österreichs • Diplomlehrgang Zukunft Frauen (WKO) • Zertifizierung Aufsichtsrat CSE • Organistin und Chorleiterin seit über 25 Jahren

Gewinne gemacht werden dürfen und diese Gewinne auch wieder in Wohnbaumaßnahmen reinvestiert werden müssen, konnten wir in den 70 Jahren unseres Bestehens eine solide finanzielle Basis aufbauen, die auch über schwierige Phasen hinweghilft. Ein Beispiel dafür ist

Was macht eigentlich St. Pölten als Wohnbau-Standort attraktiv? Insgesamt betrachtet, hat Nieder­ österreich durch die Corona-Pandemie als Wohnungsmarkt stark profitiert. Der ländliche Raum hat an Attraktivität gewonnen und die im Vergleich zu Wien noch moderaten Preise begünstigen die Stadtflucht. Wobei das städtische Publikum neben der romantischen Landidylle auch einen Mindeststandard an Urbanisierung erwartet. St. Pölten profitiert von der Lage an zentralen Verkehrsachsen und Knotenpunkten, wie der Achse Wien – Linz und ist gut öffentlich angebunden, vor allem durch den Schienenverkehr. Die täglichen Wege zum Einkaufen, in die Schulen, Kindergärten, zu den Apotheken und Freizeiteinrichtungen können einfach und rasch – am besten zu Fuß und vor allem ohne Benützung des privaten PKW – bewältigt werden. Die Innenstadt hat eine gelungene Mischung aus Einkaufen und Gastronomie und das Angebot an Naherholungs- und Freizeitmöglichkeiten ist vielfältig und bunt. Die Stadt fördert – im Gegensatz zu vielen anderen Städten in Nieder­österreich – aktiv Zuzug und lebt die Strategie, Betriebe und Unternehmen als Arbeitgeber in ihrem Gemeindegebiet anzusiedeln. Damit schafft sie eine Verflechtung von Wohnen, Arbeiten, Erholung und Versorgung, und diese Kombination macht St. Pölten attraktiv. Wenn die Entwicklung von St. Pölten weiterhin so positiv voranschreitet, wird Wien bald zum Vorort von St. Pölten werden.

St. Pölten profitiert von der Lage an zentralen Verkehrsachsen und Knotenpunkten, wie der Achse Wien – Linz und ist gut öffentlich angebunden, vor allem durch den Schienenverkehr. ISABELLA STICKLER 42


FOTOS MATTHIAS KÖSTLER

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SALUDOS VON DON FREDO Aus dem Techniker Manfred Hehal wurde der Delikatessenhändler Don Fredo. Der beliefert nicht nur die Top-Gastronomie mit andalusischen Schmankerln, sondern erfreut Spanien-Fans jetzt auch in der Wiener Straße mit Serrano & Co.

F

reitags verdichtete sich der Verkehr Richtung Westen, von der Europaplatz-Baustelle über die Stockingerbrücke, weiter auf der B1 bis nach – Spanien. Das hatte sich – kulinarisch – in Gerersdorf integriert: „Don Fredo“ lockte mit Cava, Serrano, Queso, Olives, Mojama und vielem mehr ins „cowörk“ der Tischlerei Krumböck. Bis jetzt. Denn ab September verstärkt Manfred Hehal mit seinem spanischen Spezialitätenshop die „Delikatessenmeile“ in der Wiener Straße in

St. Pölten (siehe Kasten). Schinken vom Iberico-Schwein, ManchegoKäse, Manzanilla-Oliven, luftgetrockneter Thunfisch und vieles mehr können dann im „Supertisch“, dem neuen Co-Working-Space von Christian Krumböck, verkostet und gekauft werden, von Donnerstag bis Samstag. Wie aber wird ein Flinsbacher zum „Spanier“, im Speziellen „Andalusier“? Warum eröffnet ein Techniker einen Feinkostladen? Wie wurde aus Manfred Hehal „Don Fredo“?

Iberico-Schweine leben im Freien, das Fleisch reift zwei Jahre, der Schinken mindestens drei Jahre.

Wiener Straße 15 www.dersuedtiroler.at • Famos Delikatessen Auf der anderen Seite vom Herrenplatz, in der Domgasse, gibt’s bei Famos Delikatessen alles, was das Gourmet-Herz begehrt – vom feinen Brot über Käse und Butter bis zu Schokolade, Gewürzen und Früchten. Domgasse 10 www.famos-delikatessen.at • Don Fredo Spanische Spezialitäten: Wein, Olivenöl, Frischfleisch, Schinken, Käse, Konserven. Wiener Straße 25 www.donfredo.at

FEINES FUTTER. Manfred Hehal und Mitarbeiter Thomas Neubauer präsentieren und servieren ihre spanischen Schmankerl in der Wiener Straße in St. Pölten. 44


TEXT: BEATE STEINER | FOTOS: DON FREDO, ADOBE STOCK

PARADIESISCH. Die IbericoSchweine leben im Biosphärnepark und ernähren sich von den Früchten der Korkeiche.

KOLUMNE TINA REICHL

DRÜCKEN SIE DIE 1

„Ich hab‘ nach einer nebligen, schlaflosen Nacht beschlossen, dass ich nochmal was Neues machen will – nachdem ich mit der Vespa von Sevilla nachhause gefahren war, zu meiner schwangeren Frau. Da war ich grad 40“, erzählt Manfred Hehal. Zuvor war er zwei Jahre lang in Madrid und Sevilla als Techniker tätig, hat dort das spanische Lebensgefühl und die Kulinarik auf hohem Niveau kennengelernt. 2014 war’s dann soweit: Manfred Hehal gründete seine Firma, knüpfte auf der „Biofach Nürnberg“ erste Kontakte zu Olivenölund Weinproduzenten, baute sich Schritt für Schritt ein Netzwerk an spanischen „artesano“-Betrieben auf – „sie alle stellen fernab der industriellen Produktion Jamòn Iberico, Premium-Olivenöl, Käse und viele andere nachhaltig produzierte Köstlichkeiten her“, so der SpanienKenner, der seine Lieferanten regelmäßig besucht. Ein Netzwerk hat sich der Delikatessenhändler auch in der hei-

mischen Gastronomie aufgebaut: „Das Café im Palais Wellenstein war das erste Lokal, das ich beliefert habe“, erzählt Hehal – jetzt wird er quasi dessen Nachbar in der Wiener Straße. Mittlerweile kochen die besten St. Pöltner Küchenchefs mit DonFredo-Produkten, auch „Silent Cook“ Patrick Müller, auch einige Wiener Haubenlokale, zum Beispiel mit Txogitxu, dem Fleisch von der alten Kuh und mit frischem IbericoFleisch. „Das gibt’s sonst nirgends. Die Schweine leben im Freien, das Fleisch reift zwei Jahre, der Schinken mindestens drei Jahre.“ Klar, dass es bei Don Fredo auch Cava – spanischen Schaumwein – und feine spanische Weine zu kaufen gibt. Und zu verkosten, wie alle seine spanischen Spezialitäten. Da werden im September die ersten europäischen Mangos geliefert, im November dann herrlich reife Avocados und Zitrusfrüchte. „Ich habe meine Stammlieferanten – aber es gibt immer etwas Neues“, so Hehal.

FOTO ADOBE STOCK

EINKAUF VOR ORT. Don Fredo besucht Schinken-Produzenten Eduardo Donato in Jabugo (oben). Im September werden die ersten Mangos reif (links).

„Sie haben Interesse an einer Beratung zur Installation einer PVAnlage? Drücken Sie die 1!“„Bitte füllen Sie das Formular auf unserer Homepage aus. Wir setzen uns dann mit Ihnen in Verbindung!“ Der Energiegutschein wurde postalisch zugestellt. Sie müssen nur mehr die Gutscheinnummer und Prüfzahl eingeben und Ihre Einkommensgrenze berechnen. Der Klimabonus ist wieder etwas anderes, der kommt von selbst. Und dann gibt’s dann ja auch noch den blaugelben Strompreisrabatt. Alles klar! Gut, dass ich grad Urlaub habe. Dann hab ich ja jetzt Zeit, das alles zu eruieren, mir Beratungstermine zu organisieren und alle Rabatte und Förderungen zu sichern. Da kommt spontan meine 73-jährige Mutter vorbei. Sie hat etwas von der EVN bekommen und ist ganz aufgeregt. Ich recherchiere. Meine Schwiegermutter meldet sich, sie findet den Gutschein für den Energiebonus nicht mehr, was soll sie jetzt machen? Ich höre im Radio, dass es jetzt auch ein Schulstartgeld gibt. Schnell mal erkundigen, wie ich das bekomme. Auf facebook lese ich von aufgeregten Menschen, die weniger als 500 Euro zusätzlich bekommen haben. Ich google. Achso, das ist die Einmalzahlung für Pensionisten. „Mama!?“ „Jetzt nicht mein Kind, ich muss grad die 33-stellige Zählerpunktnummer für Oma eingeben.“ „Mama! Es ist wichtig. Pauli hat mir gerade erzählt, jedes Kind bekommt 250 Euro vom Staat! Darf ich die haben?“ Während meines 5-minütigen Lachflashs überlege ich meine Antwort: „Zieh dir eine Nummer, drücke die 1 und füll das Online-Formular aus!“

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FOTOS: DANIEL MATEJSCHEK, ADOBE STOCK, A & B FILM PRODUKTION

KLANG-KARUSSELL

KOLUMNE THOMAS FRÖHLICH

LIES DICH WOKE! Eigentlich freue ihn das Schreiben nimmer, beklagte sich neulich ein befreundeter niederösterreichischer Genre-Autor, der auch öfters in St. Pölten Lesungen abhält, bei einem Treffen in kleiner Runde. Regelmäßig bekomme er vom Verlag Listen von Dos und Don’ts, die unbedingt einzuhalten seien: eine Weiße mit Rastazöpfen etwa gehe gar nicht – kulturelle Aneignung: pfui! Keine diskriminierenden Ausdrücke mehr, auch wenn sie der/die geschilderte Böse (als Zeichen der Niederträchtigkeit) in den Mund nähme – wenn doch: Riesenpfui! Und im Grunde sollten ausschließlich Frauen über Frauen oder Migranten über Migranten schreiben, da nur diese über die nötigen Erfahrungen verfügten. Was dann die Frage aufwerfe, wie in Zukunft mit der Schilderung von Serienkillern oder Nazis zu verfahren sei. Noch schlimmer ist’s bei der Literaturpreis-Literatur: Hier gilt ja PC urbi et orbi mit Queer-Garantie; andernfalls darf man mit einem Shitstorm der Guten rechnen. Klassiker (wie etwa die genialen Donald-DuckÜbersetzungen von Erika Fuchs) werden im Nachhinein textlich auf Woke getrimmt, um die Lesenden nicht zu harsch aus ihrem Dauerschläfchen in der Komfortzone zu wecken. Bei Schriften früherer Jahrhunderte schützen mittlerweile schon Beipack-Hinweise die wehrlosen Rezipienten vor den Hervorbringungen skrupelloser, womöglich weißer, männlicher Autoren (Megapfui!!!). „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, meinte weiland Franz Kafka. Derzeit haben wir’s eher mit aufgewärmter Eiscreme zu tun. Schmeckt nach nix, ist aber voll korrekt.

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M

it Otto Kargl hat dieser Tage eine DER großen Musikpersönlichkeiten der Stadt, zumindest in der Rolle als Domkapellmeister, Abschied genommen – und damit ein kleines Besetzungs-Karussell in Gang gesetzt. So folgt ihm der gebürtige Rheinländer Valentin Kunert als Domkapellmeister nach, der zudem am hiesigen Konservatorium für Kirchenmusik unterrichten wird. Einer, der dort schon zu den Urgesteinen zählt, ist Domorganist Ludwig Lusser

(s. Bild), der Otto Kargl wiederum als künstlerischer Leiter des Festivals Musica Sacra beerbt und dieser Tage sein erstes Programm vorlegt. Dieses bringt gleich zur Eröffnung am 11. September ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten: Die Cappella Nova Graz, die Domkantorei, das L’Orfeo Barock-Orchester sowie die Solisten Christina Gansch und Stefan Zenkl geben unter der Leitung von Otto Kargl Brahms „Ein Deutsches Requiem“.

S T P F ILM

S

t. Pölten und Film. Im ersten Moment fällt einem da die Stadt als Drehort ein, etwa zuletzt für Josef Haders neuen Streifen. Doch der heimische Output geht, v. a. in künstlerischer Hinsicht, weit tiefer. Die St. Pöltner Autorin Jessica Lind etwa hat im Vorjahr nicht nur ihr umjubeltes Romandebut „Mutter“ vorgelegt, sondern auch das Drehbuch zum SciFi-Film „Rubikon“ geschrieben, der ab 16. September in den heimischen Kinos anläuft. Gemeinsam ein Drehbuch geschrieben haben auch Helmut Karner und Christoph Hödl, wobei ersterer zudem Regie führte und Hödl mitproduzierte. Ursprünglich als Kurzfilm geplant emanzipierte sich „Ground Control“ zum Spielfilm. Zu sehen am

10. und 17. September im Cinema Paradiso. Und auch Anita Lackenberger legt mit „Was macht Corona mit jungen Menschen – ein Film“ Neues vor. Zu sehen am 21. September um 19 Uhr im Rathaus. Film ab!


FESTSPIELHAUS ST. PÖLTEN / BÜHNE IM HOF

GRAMMYVERDÄCHTIG

EIN HÖHENFLUG KOMMT SELTEN ALLEIN

21 OKT 2022 Camané . Tonkünstler-Orchester: Fado de Lisboa

Tanz/Live-Musik

Musik/Fado

15 OKT 2022 tanzmainz . Sharon Eyal: Soul Chain

23 OKT 2022 Mnozil Brass: GOLD – Mit Abstand das Beste

Tanz

Musik/Blech

Einer, der am Grammy, also jetzt dem echten, schon haarscharf vorbeigeschrammt ist, ist Raul Midón. So war er mit seinem Album „Bad Ass and Blind“ in der Kategorie Best Jazz Vocal Album nominiert. Der Titel ist dabei Programm – Midón ist von Geburt an blind, was ihn nicht weiter davon abhält, einer der besten Jazzmusiker seiner Generation zu sein, der nicht nur genial Gitarre spielt, sondern auch als Gesangsvirtuose glänzt. Wenig verwunderlich wird er deshalb von Größen wie Jennifer Lopez, Christina Aguilera oder Ricky Martin als Backgroundsänger angeheuert. In der Bühne im Hof steht freilich er am 16. Oktober im Vordergrund – absolut grammyverdächtig!

www.buehneimhof.at Infos: www.festspielhaus.at | Tickets: karten@festspielhaus.at

/festspielhaus |

festspielhaus.at MFG 09 22

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FOTOS Ingo Petramer,Blair Allen

07 OKT 2022 Sidi Larbi Cherkaoui . Eastman: Vlaemsch (chez moi)

FOTO tanzmainz . Sharon Eyal: Soul Chain © Andreas Etter

Also, der Grammy gilt ja gemeinhin als der Oscar der internationalen Musikbranche. Traurigerweise scheint die Jury des Awards nicht allzu sehr des Österreichischen (natürlich gibt es das!) mächtig zu sein, sonst hätten Austropop-Perlen wie „Zwickt‘s mi, i man i tram“, „Fürstenfeld“, „I am from Austria“, „Ruaf mi ned au“ oder „Wie a Glock‘n“ längst diese höchste Auszeichnung erhalten müssen. Grammyverdächtig erscheint deshalb auch Kathi Straßers Programm „Keine Angst – 50 Jahre Austropop“, wo sie samt Kombo besagtes Liedgut in ihren eigenen herrlichen Interpretationen zum Besten gibt!


HAUS MIT WOW-EFFEKT

Ich kann mich noch gut erinnern, wie mich als kleiner Knirps auf meinem täglichen Schulweg die schwer in Mitleidenschaft gezogene Synagoge magisch in ihren Bann zog – da waren geheimnisvolle Schriftzeichen am Gebäude (hebräische, was ich damals freilich nicht wusste), die Fenster waren mit Brettern verschlagen, der Putz bröckelte, Tauben machten es sich nicht nur in der Nische unter den zwei Tafeln mit den 10 Geboten gemütlich, sondern bewohnten auch die Kuppel im Inneren, wie wir bei heimlichen Einstiegen in das devastierte Gebäude herausfanden. Alles atmete eine Aura des Mystischen, die der „Judentempel“, wie er im Volksmund genannt wurde, auch nach seiner Renovierung Anfang der 80er-Jahre nicht einbüßte. Nur, dass er ab dann außen in hellem Weiß erstrahlte. 48


TEXT: JOHANNES REICHL | FOTOS: WEINFRANZ, STADTARCHIV, PFOSER/ASYNKRON

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eute, gut 40 Jahre später, ist der Jugendstilbau für mich nach wie vor das schönste und faszinierendste Gebäude der Stadt, das im Inneren nicht minder zu beeindrucken weiß. Martha Keil, Leiterin des im Haus situierten Instituts für jüdische Geschichte Österreichs, nennt es den „WOW“-Effekt, „dem noch jeder, der zum ersten Mal hereinkommt, erlegen ist.“ Wie zur Bestätigung entschlüpft auch unserem Fotografen beim Blick in die hohe Kuppel ein „Wow“, was Keil schmunzelnd mit „Prüfung bestanden“ quittiert. Die Institutsleiterin selbst muss dabei als die gute Seele der Ehemaligen Synagoge bezeichnet werden, und zwar gleich in zweifacher Hinsicht. Zum einen hat sie sich als Wissenschaftlerin mit ihrem Team unglaubliche Meriten um die Geschichtsaufarbeitung der jüdischen Geschichte Österreichs, und damit natürlich auch jener der St. Pöltner Gemeinde erworben, zum anderen hat sie aber auch das Gebäude selbst über die Jahre hinweg quasi am Leben und Laufen gehalten. „Ich bin hier ja auch so etwas wie akademische Hausbesorgerin“, lacht sie, weil sie stets die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien als Besitzerin alarmierte, wenn im Gebäude wieder einmal irgendwo

DIE IKG ST. P Ö LT E N Die Errungenschaften der Revolution von 1848 ermöglichten Juden freie Niederlassung und in der Folge auch eine Gemeindegründung. Die meisten jüdischen Einwanderer kamen aus Böhmen, Mähren und Westungarn (heute Burgenland) nach Niederösterreich, sie sprachen Deutsch und waren religiös traditionell, aber nicht orthodox.1863 wurde die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) St. Pölten offiziell gegründet. Ihr Einzugsgebiet reichte von Traismauer im Norden bis St. Aegyd am Neuwald im Süden und von Krummnußbaum im Westen bis Hadersdorf-Weidlingau im Osten. Mit Stand November 2020 sind 1.045 Personen im Umfeld der IKG St. Pölten namentlich bekannt, die zwischen 1938 und 1945 auf Grund der „Nürnberger Rassengesetze“ verfolgt wurden. 577 Personen davon lebten im März 1938 auf dem Gebiet der IKG St. Pölten, von diesen wurden 321 in der Shoah ermordet, 214 konnten entkommen, bei 42 weiteren ist das Schicksal unbekannt. Nach dem Krieg kehrten nur wenige Familien nach St. Pölten zurück, zu einer Neugründung der Gemeinde kam es nicht mehr. Heute lebt nur noch ein einziger St. Pöltner Jude in der Stadt, alle anderen wurden ermordet und vertrieben.

ein Wasserfleck auftauchte, der die wunderschönen Schablonen-Malereien zu zerstören drohte, das Kuppeldach leckte oder etwas anderes in Mitleidenschaft gezogen wurde. „Wenn etwas saniert wurde, dann ja immer nur zitzerlweise“, oder – überspitzt formuliert – wenn Gefahr in Verzug bestand. „Nach der Renovierung in den 1980ern gab es ja nicht einmal ein konkretes Nutzungskonzept!“, so Keil. Tatsächlich und verständlicher Weise war das Interesse seitens der IKG an einem Bau, der keine Gemeinde mehr beherbergte und nicht mehr religiös genutzt wurde, ebenso endenwollend wie die „Begeisterung“ der Stadt für einen Veranstaltungsort, der aufgrund diverser Einschränkungen für diese weltliche Nutzung nur bedingt geeignet war. Glücksfall 2024 Die Folge war eine „stiefmütterliche Behandlung“, mit der nun aber Schluss zu sein scheint, „weil offensichtlich auch das längste Provisorium irgendwann ein Ende findet“, wie Keil erleichtert feststellt. So wurde die Ehemalige Synagoge dieses Jahr in die NÖ Museums Betriebs GmbH eingegliedert und damit Teil der mächtigen NÖKUFamilie, welche die LandeskulturbeMFG 09 22

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DIE EHEMALIGE SYNAGOGE. Einst Mittelpunkt des blühenden Lebens der jüdischen Gemeinde wurde die Synagoge 1938 zerstört und erst Anfang der 1980er Jahre renoviert. Heute dient sie als Wissenschafts-, Veranstaltungs- und Ausstellungsort.

DIE SY NAGOGE ST. PÖLT E N Die St. Pöltner Juden hielten ihre Gottesdienste zunächst in einem als Bethaus adaptierten Raum der damaligen Gasser-Fabrik ab. Von 1885 bis 1913 diente ein Gebäude an der heutigen Dr. Karl Renner-Promenade, westlich des jetzigen Standorts, als Synagoge, das soeben durch eine Grabung erschlossen wurde. Am 20. Juni 1912 wurde nach den Entwürfen der Architekten Theodor Schreier und Viktor Postelberg mit dem Bau der Synagoge begonnen, die am 17. August 1913 ihrer Bestimmung übergeben wurde. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 drangen mehrere Personen in das Kantorhaus neben der Synagoge ein, legten Feuer und zerschlugen die Fensterscheiben. Am Vormittag des 10. November wurde das Innere der Synagoge unter dem Absingen politischer Lieder vollständig zerstört. Die Fenster wurden eingeschlagen, die Inneneinrichtung und die Thorarollen verbrannt, Wasserleitungsrohre, Beleuchtungskörper und Türpfosten aus den Wänden gerissen. Bücher und Akten wurden auf die Straße geworfen, mit Benzin übergossen und unter Bravo-Rufen verbrannt. Im Mai 1940 zog die SA-Standarte 21 in das Kantorhaus ein. Im Jahr 1942 diente die Synagoge als Auffanglager für „russische Zivilpersonen“, die als Zwangsarbeiter eingesetzt waren. 1945 wurde das Gebäude zusätzlich durch Bombenangriffe beschädigt. Nach Kriegsende war die Synagoge Möbellager, Getreidespeicher und Taubenschlag und verfiel zusehends. Nach Abrissplänen Ende der 1970er Jahre stellte das Bundesdenkmalamt das Bauwerk unter Denkmalschutz. Von 1980 bis 1984 wurde die Synagoge soweit wie möglich originalgetreu renoviert und dient seither als Gedenkstätte und Veranstaltungsraum. Im Kantorhaus ist seit 1988 das Institut für jüdische Geschichte Österreichs untergebracht. Im Rahmen des Kulturschwerpunkts „St. Pölten 2024“ beschlossen Bund, Land und Stadt St. Pölten eine barrierefreie Sanierung und Adaptierung des Gebäudes für einen modernen Kulturbetrieb.

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triebe umfasst. Mit der Israelitischen Kultusgemeinde Wien wurde ein neuer, langfristiger Bestandsvertrag abgeschlossen „und damit alles auf ein neues Fundament gestellt.“ Dieser Schritt muss als direkte Folge von St. Pöltens Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2024 angesehen werden. Zwar musste die niederösterreichische Kapitale bekanntermaßen Bad Ischl den Vortritt lassen, dennoch hielten Stadt und Land an einer Reihe von Projekten, darunter auch der Renovierung und Neuadaptierung der Ehemaligen Synagoge, fest, was zudem vom Bund unterstützt wird. „2024 war so betrachtet DIE Chance des Jahrhunderts!“, ist Keil überzeugt, wobei sie dies durchaus auch in einem übergeordneten Sinne begreift. „Mir gefällt der Gedanke, dass gerade die Ehemalige Synagoge ein verbindendes Element zwischen Stadt, Land und Bund darstellt.“ Die Zusammenarbeit zwischen besagten Körperschaften war in der Vergangenheit ja nicht immer die beste, nun ziehen aber alle an einem Strang – was Keil an ein Zitat der St. Pöltner Holocaustüberlebenden Rosl Lustig-Kubin erinnert, die anlässlich der erstmaligen Einladung durch das offizielle St. Pölten 1998 meinte: „Better late than never!“ Barrierefrei Die Auswirkungen des neuen Deals sind schon ersichtlich. So zeugt etwa eine kleine Baugrube im Garten der Synagoge von archäologischen Grabungen, die sehr zur Freude von Stadtarchäologen Ronald Risy gleich die Ostmauer des Vorgängerbaus zutage förderten. „Der schloss direkt an die neue Synagoge an und bringt damit eine schöne historische Kontinuität zum Ausdruck“, findet Keil. Von dieser West-Seite aus wird in Hinkunft der Hauptzugang erfolgen, und zwar über einen neuen Anbau, der zugleich ein Aufenthaltsfoyer, Kassen, WC-Anlagen etc. umfassen wird. Während das Synagogen-Innere aus Denkmalschutzgründen praktisch nur in Spurenelementen adaptiert werden darf


HAUS MIT WOW-EFFEKT

Mir gefällt der Gedanke, dass gerade die ehemalige Synagoge ein verbindendes Element zwischen Stadt, Land und Bund darstellt. MARTHA KEIL

– etwa im Hinblick auf Heizung, Beleuchtung, Ausstellungsarchitektur etc. – wird vom Kantorhaus in der Lederergasse aus ein neuer Außenlift dafür sorgen, dass man via kleinem, an die Synagoge andockenden Gang barrierefrei ins Gebäude gelangt. „Damit sind wir endlich für alle Besucherinnen und Besucher zugänglich, was dem Grundgedanken des Hauses als ‚Haus der Versammlung‘ gerecht wird!“, freut sich Keil. Festival, Veranstaltungen und Neuaufstellung Noch mehr – so hat es zumindest den Anschein, weil man ihren Enthusiasmus richtiggehend spürt – scheint sich die Wissenschaftlerin aber auf die neuen inhaltlichen Möglichkeiten und die teilweise Neupositionierung des Hauses zu freuen. „Als wissenschaftliches Institut, das im Haus situiert ist, werden wir natürlich verstärkt unsere Expertise, etwa im Hinblick auf die Vermittlungstätigkeit einbringen“, so Keil. Zudem

wird die Institutsleiterin den Prozess auch als Kuratorin federführend begleiten. „Aktuell sind wir mitten in der Brainstorming-Phase, da sprühen nur so die Funken, jeden Tag kommt jemand mit neuen Ideen!“, schwärmt sie. Einige Schwerpunkte kristallisieren sich freilich schon heraus. So ist ab 2024 ein neues, im Idealfall sich jährlich wiederholendes jüdisches Kulturfestival geplant. „Das wird sich aber nicht nur in Klezmer-Musik erschöpfen“, lacht Keil, „sondern wir wollen alle Facetten jüdischer Kultur präsentieren!“ Und da auch nicht nur, überspitzt formuliert, den üblichen Mainstream „sondern es soll durchaus exklusiv werden. Mir gefällt in diesem Zusammenhang die Herangehensweise des Festspielhauses – die bringen im Tanzbereich tolle, einmalige Produktionen nach St. Pölten, die nicht in Wien laufen, und haben so ein unverwechselbares Profil entwickelt.“ Veranstaltungen jeder Art, von Konzerten über Symposien bis hin zu

WIEDERERÖFFNUNG 2024. Im kommenden Jahr bleibt die Ehemalige Synagoge aufgrund der Sanierung, die u. a. eine neue Eingangssituation bringen wird, geschlossen.

Lesungen, werden wie schon bisher ebenfalls Teil des Jahresprogramms sein, das schwerpunktmäßig übrigens in den Monaten April bis Oktober laufen wird, „weil das Heizen des riesigen Baus auch nach der Sanierung eine Herausforderung bleibt.“ Die Veranstaltungen selbst müssen dabei gar nicht immer in einem jüdischen Kontext stehen, „wichtig ist vielmehr, dass sie ein hohes Niveau aufweisen und zum Charakter des Hauses passen – denn alles kann man hier natürlich nicht machen“, so die Kuratorin. Einen weiteren wichtigen Schwerpunkt bildet die Ausstellungstätigkeit. Zum einen wird man wie bislang bei großen, übergeordneten historischen Schauen der Stadt – etwa in Partnerschaft mit dem Haus der Geschichte Niederösterreich oder dem Stadtmuseum St. Pölten – die jüdischen Aspekte aufarbeiten und in der Synagoge präsentieren, zum anderen wird aber auch die Dauerausstellung über die jüdische Gemeinde St. Pölten sowie die Synagoge selbst neu aufgestellt. Keil möchte diesbezüglich sozusagen das Haus selbst sprechen lassen, „also etwa anhand der wenigen Ritualund Erinnerungsgegenstände, die wir noch haben – das meiste wurde ja zerstört oder gestohlen. Oder gerade umgekehrt anhand der Dinge, die nicht mehr da sind – wenn ich etwa an die Lücke im Foyer MFG 09 22

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HAUS MIT WOW-EFFEKT

Ich wünsche mir, dass die Schülerinnen und Schüler in Hinkunft auf ihrer Pflichtfahrt ins KZ Mauthausen auch bei uns in St. Pölten Station machen. MARTHA KEIL

GEDEN KEN Seit 2018 wird der ermordeten St. Pöltner Jüdinnen und Juden durch in den Gehsteig eingelassene Messingplatten vor deren ehemaligen Wohnsitzen gedacht. Bislang wurden 53 solcher „Steine der Erinnerung“ für 104 Menschen gelegt. Heuer werden zudem sieben Steine der Erinnerung in Wilhelmsburg angebracht. Im Zuge der Steinsetzungen sind stets Angehörige der Opfer eingeladen – im Laufe der Jahre konnte das Institut für Geschichte der Juden Österreichs so bereits über 200 Mitglieder von aus St. Pölten vertriebenen jüdischen Familien ausfindig machen. Nach jahrelangem Hin und Her wurde heuer zudem zwischen Stadt St. Pölten und der Israelitischen Kultusgemeinde Wien endlich eine neue Instandhaltungsvereinbarung hinsichtlich der Betreuung des jüdischen Friedhofs St. Pölten abgeschlossen. Diese umfasst nicht nur die gartentechnische Betreuung des Areals, sondern es werden auch die Grabsteine am Friedhof renoviert.

denke, wo einst das rituelle Handwaschbecken stand – Geschichten erzählen, welche ihrerseits die jüdische Kultur begreifbar machen und das reichhaltige, bunte Leben, das einst hier herrschte, ebenso vermitteln wie das Grauen der Vernichtung der jüdischen Gemeinde.“ Keil spricht in diesem Zusammenhang von „Einflugschneisen“, welche die Besucherinnen und Besucher quasi verführen und in Folge stärker in die Materie hineinziehen sollen, „denn es kommt ja nicht jeder aus historischem Interesse. Einige bewundern vielleicht die Architektur des Baus oder sind fasziniert von den Wandmalereien. Wieder andere waren 52

STEINE DER ERINNERUNG. Mittlerweile erinnen 53 Steine der Erinnerung vor Gebäuden in der Stadt an 104 ermordete Juden, die dort einst lebten.

beim Vorbeigehen vielleicht einfach neugierig, wie das Gebäude im Inneren aussieht. Ihnen allen ist aber gemeinsam, dass sie dieser Raum in den Bann zieht.“ So dass sie in Folge mehr darüber erfahren möchten und über die Menschen, die ihn mit Leben erfüllten, sowie die Tragödie ihrer Vernichtung. Genau diesen Spagat möchte Keil schaffen, möchte die jüdische Kultur und Geschichte in ihrer Gesamtheit vermitteln. „Die Kinder erfahren das Jüdische heute in der Schule ja meist nur mehr über zwei Pole – Moses und Hitler – dazwischen ist praktisch nichts. Aber es ist natürlich unendlich vieles dazwischen, und genau das möchten wir bewusst machen.“ Aus diesem Grund wünscht sich die Direktorin auch, „dass die Schülerinnen und Schüler in Hinkunft auf ihrer Pflichtfahrt ins KZ Mauthausen auch bei uns in St. Pölten Station machen, wo wir über Kultur, Lebendigkeit, Buntheit der jüdischen Gemeinde erzählen und ihnen einen anderen Blickwinkel neben dem Holocaust vermitteln, aber gerade im Kontrast dieses Leben-

digen zur grausamen Vernichtung den wahnsinnigen Verlust und die furchtbare Tragödie begreifbar machen.“ Und so steht zu hoffen, wird ab 2024 (2023 bleibt die Synagoge geschlossen) das jüdische Leben in die Stadt zurückkehren, wenn auch nur temporär, wie etwa Anfang diesen Jahres, als über 60 Angehörige ehemaliger St. Pöltner Juden, die meisten aus Israel, der Steinlegung für ihre vertriebenen und ermordeten Verwandten beiwohnten „und in den Straßen den Kaddisch sangen, Hora tanzten und die Stadt in positivem Sinne in Beschlag nahmen.“ Die jüdische Gemeinde in St. Pölten wurde vernichtet, die Erinnerung daran darf aber nicht verloren gehen, ja sie muss im wortwörtlichen Sinn am Leben erhalten bleiben. Die Ehemalige Synagoge wird ab 2024 dieses Erbe hochhalten und einen wesentlichen Beitrag dazu leisten.

Quellen & weiterführende Links www.juden-in-st-poelten.at www.injoest.ac.at


FOTO DANIEL HINTERAMSKOGLER

WILDNIS STADT Noch bis 12. Februar läuft im Haus für Natur im Museum Niederösterreich die aufsehenerregende Sonderausstellung „Wildnis Stadt“ – zugleich kann man sich an sechs öffentlichen Virtual Reality Stationen in der Stadt mit tierischen „Mitbewohnern“ fotografieren lassen. Betonwüsten, Verkehrsadern, Häuserschluchten. Auf den ersten Blick sind Städte nicht der optimale Lebensraum für Flora und Fauna. Wer allerdings genauer hinschaut, kann sich vom Gegenteil überzeugen. Die mosaikartig hohe Dichte an unterschiedlichen Lebensräumen auf kleiner Fläche machen mitteleuropäische Städte zu faszinierenden und artenreichen Lebensräumen. Die Sonderausstellung „Wildnis Stadt“ im Haus für Natur im Museum Niederösterreich lädt nicht nur dazu ein, die Natur vor der eigenen Haustüre zu entdecken, sondern erklärt auch, wie wir die Artenvielfalt in der Stadt schützen können.

Foto mit Waldkauz & Co. Nach dem Motto „Wir wollen nicht nur Menschen in unser Museum bringen, wir wollen auch mit unseren Ausstellungen zu den Menschen gehen“, wie es Geschäftsführer Matthias Pacher formuliert, macht man zudem an vier Stationen in der City sowie zwei weiteren vor dem Museum und im Museumsgarten weiter Gusto auf die Ausstellung und schärft den

Blick auf die tierischen Stadt-Mitbewohner. So können sich Passanten bei den Stationen mit Waldkauz, Honigbiene, Erdkröte & Co fotografieren lassen. Begeben Sie sich auf eine spannende Expedition und erleben Sie die Stadt, wie Sie sie noch nie zuvor kennengelernt haben. www.museumnoe.at

Inserat WIE 22 200x137 mm.qxp_Layout 1 02.09.22 11:12 Seite 1

U.A. MIT ERWIN STEINHAUER, DAGMAR BERNHARD, JOHANNES KRISCH, MAXI BLAHA

O K TOBE R B I S D E ZE M B E R

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Kulturprogramm von Ursula Strauss MFG 11 20

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heindldesign · Foto: © Daniela Matejschek

wachauinechtzeit.at


INTERVIEW BETTINA MASUCH

„GROSSES KINO“ IM FESTSPIELHAUS Als Bettina Masuch erstmals nach St. Pölten kam, begrüßte sie die Stadt mit gähnender Leere – Corona hatte die Stadt fest im Griff. Als neue künstlerische Leiterin des Festspielhauses möchte sie die Besucher wieder zurück zur Kultur holen, das Haus noch stärker in der Region verankern, eine neue Jugendkompanie auf die Beine stellen, 2024 die Stadt zum Glänzen bringen und in Sachen zeitgenössischer Tanz „großes Kino“ bieten. Wir baten anlässlich ihrer Premierensaison zum Gespräch.

Sie haben bislang in großen Städten wie Brüssel, Berlin, Düsseldorf & Co. gearbeitet – nun hat es sie in das kleine St. Pölten verschlagen. War das ein großer Switch? Der „Switch“ ist in gewisser Weise schon während der Corona-Pandemie passiert. Plötzlich konnte ich zu zwei Drittel nur mehr zuhause vorm Computer arbeiten, die Stadt war leer, die Züge waren leer, man durfte sich nicht treffen – das heißt das ganze Leben war anders, nicht nur hier in St. Pölten, als ich angekommen bin, sondern auch in Düsseldorf, wo ich zuletzt gelebt habe. Das war überall ähnlich. Die Kollegen im Festspielhaus kannte ich lange Zeit nur vom Kopf bis zur Brust, im Bildschirmformat von den VideoKonferenzen her. Ein persönliches Treffen war erst viel später möglich. Und selbst als wir offiziell wieder zusammenkommen durften, war es – gerade im Tanzbereich – teils geradezu grotesk. In Nordrheinwestfalen etwa mussten die Tänzer einen Abstand von 1,5 Meter auf der Bühne einhalten – ich hab mich da selbst beobachtet, wie ich zum rich54

tigen Abstandspolizisten mutierte, der die ganze Zeit darauf geachtet hat. Aber beim Tanz ist das natürlich widersinnig, weil der lebt – im wortwörtlichen aber auch im übertragenen Sinne – von Berührung. Das alles hat einfach gefehlt. Haben Sie deshalb Ihre erste Saison im Festspielhaus gleich unter das Generalthema „Umarmung“ gestellt? Mir geht es darum, das Festspielhaus für viele Menschen zu öffnen, es gastfreundlich zu machen, gerade in einer Zeit, in der man in Folge der Pandemie eher bequem zuhause vorm Computer sitzt und die Kultur vermeintlich zu einem nachhause kommt. Wir möchten den Menschen wieder den Mehrwert des Theaterbesuchs bewusst machen, möchten ein breites Publikum mit unterschiedlichen Geschmäckern ansprechen, zugleich das Gemeinsame und Diskursive suchen und quasi auf der Bühne verhandeln, damit nicht jeder in seiner eigenen Blase verhaftet bleibt, sondern sich öffnet und dieses produktive Miteinander erfährt. Das ist die Magie des Theaters …

Was macht die Magie des Festspielhauses aus? Das Haus ist ein spezieller Ort. Allein der Name: FestSpielHaus. Das gibt schon eine gewisse Richtung vor, denn mit Festspielen assoziiert man für gewöhnlich eher etwas Besonderes, das nur eine gewisse Zeit lang läuft. Wir haben aber einen Ganzjahresbetrieb, verbinden also das Festspielhafte mit dem „normalen“ Kulturbetrieb. Auch von der Optik her strahlt das Gebäude „Festlichkeit“ aus. Diesbezüglich müssen wir aber aufpassen, dass sich nicht mancher vielleicht davon abschrecken lässt im Sinne „Naja, das Haus ist ja nicht für mich als Normalsterblicher gedacht.“ Das Gegenteil ist der Fall – wir wollen alle im Festspielhaus willkommen heißen und die vermeintliche Hemmschwelle niedrig halten. Das muss sich im Programm, der Kommunikation, der Vermittlung niederschlagen. Programmatisch ist natürlich zeitgenössischer Tanz wieder ein großer Schwerpunkt. Sie besitzen unglaubliche Erfahrung und Expertise in diesem Bereich, sind bestens vernetzt – war dies ein Grund, warum Sie nach St. Pölten geholt wurden, um das Profil des Festspielhauses international noch stärker zu schärfen? Mag sein. Aber zunächst ist es vor allem wichtig, dass das Festspielhaus in der Stadt selbst funktioniert. Nichts ist verkehrter, als sich nur überregional auszurichten und überall bekannt zu sein, aber in der


TEXT: JOHANNES REICHL | FOTOS: FLORIAN SCHULTE

Nichts ist verkehrter, als sich nur überregional auszurichten und überall bekannt zu sein, aber in der eigenen Stadt keine Rolle zu spielen. BETTINA MASUCH

eigenen Stadt keine Rolle zu spielen. Mir ist es nicht einmal passiert, dass ich in bekannten Häusern gearbeitet habe und der Taxifahrer, als ich ihn darum bat, mich hinzubringen, nur mit den Achseln zuckte und fragte „was ist das?!“ Das Festspielhaus – und dafür wurde es ja auch gebaut – muss primär ein Haus für St. Pölten

und die Region sein, wozu natürlich auch Wien zählt! Wenn wir uns darüber hinaus überregional stark positionieren, umso besser. Sie haben jetzt Wien als Teil des Einzugsgebietes genannt – früher wurde die Bundeshauptstadt ja eher als Bedrohung

wahrgenommen – hier die große Metropole, da das kleine St. Pölten. Ich finde St. Pölten gar nicht so klein. Und das Festspielhaus schon gar nicht – das ist ein sehr großes Haus, gerade für zeitgenössischen Tanz. Ich bin da aber vielleicht auch anders gestrickt. Ich komme aus Sollingen, also auch einer – für deutsche Verhältnisse – kleineren Stadt, und dort habe ich miterlebt, wie Pina Bausch in Wuppertal Großes geschaffen hat, das im Grunde genommen den ganzen Ort geprägt hat. In kleineren Städten gelingt derlei bisweilen soMFG 09 22

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gar vielleicht leichter als in Metropolen, wo man sich stets gegen große Konkurrenz behaupten muss. Das heißt man kann sich entspannen und muss seinen eigenen Weg gehen? Es geht jedenfalls nicht um Konkurrenz, sondern eher um ein sinnvolles gegenseitiges Ergänzen. Wichtig ist, dass wir Dinge, die in Wien passieren, nicht doppeln, sondern gerade umgekehrt das umsetzen, was dort nicht stattfindet. Natürlich gibt es auch in Wien, wenn wir etwa an die Wiener Festwochen oder ImPulsTanz denken, zeitgenössische Tanzproduktionen – die sind aber immer nur temporär. Es passieren auch großartige Dinge im Tanzquartier – das ist aber viel kleiner als das Festspielhaus, und die großen Häuser der Bundeshauptstadt sind vornehmlich dem Ballett vorbehalten. Im Festspielhaus St. Pölten mit seinem großen Saal können wir hingegen zeitgenössischen Tanz groß denken, können „Großes Kino“ bieten, das es in Wien schlicht nicht gibt. Dazu kommt noch das hier situierte Tonkünstler Orchester, das ist ein absoluter Glücksfall. Inwiefern? Gerade bei der jüngeren Choreografen-Generation ist wieder ein stärkeres Interesse an klassischer Musik zu konstatieren – hier beides bieten zu können, also Arbeiten, wo sich Tanz und Musik quasi überlappen und daher jeweils verschiedene Publikumsgruppen im Auditorium sitzen, ist extrem spannend. Ich habe einmal eine Produktion umgesetzt, in der Roboter mit Tänzern auf der Bühne standen – das Publikum war regelrecht zweigeteilt: auf der einen Seite die Techniker und Ingenieure, die wegen der Roboter gekom-

Z U R P E RS O N Bettina Masuch studierte Theaterwissenschaft in Gießen. Nach DramaturgieTätigkeiten am Kaaitheater in Brüssel und am Theaterhaus Jena, wechselte sie 1998 an die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin und arbeitete dort als Dramaturgin für Produktionen von Frank Castorf, Christoph Schlingensief und René Pollesch. 2002 und 2003 war sie Produktionsdramaturgin für die Choreografin Meg Stuart am Schauspielhaus Zürich. Von 2003 bis 2008 arbeitete Masuch als Tanzkuratorin für das Berliner Theater Hebbel am Ufer. Bis 2008 war sie Mitglied der künstlerischen Leitung des Tanzfestivals „Tanz im August“ und verantwortete 2013 dessen Ausgabe zum 25. Jubiläum. Als künstlerische Leiterin gestaltete sie das Springdance Festival in Utrecht von 2009 bis 2013. Ab 2014 war Bettina Masuch Intendantin des tanzhaus nrw in Düsseldorf, das unter ihrer Intendanz 2017 mit dem „Theaterpreis des Bundes“ ausgezeichnet wurde. Sie ist Herausgeberin und Autorin diverser Fachpublikationen und hält Lehraufträge an nationalen wie internationalen Hochschulen. Bettina Masuch ist Mitglied in verschiedenen Jurys und Fachkommissionen, u. a. der Kulturstiftung des Bundes, dem Fonds Darstellende Künste und des Goethe-Instituts. Am 7. Oktober startet sie mit Sidi Larbi Cherkaouis „Vlaemsch (chez moi)“ und seiner Compagnie Eastman in ihre erste Saison als künstlerische Leiterin des Festspielhaus St. Pölten. www.festspielhaus.at

Im Festspielhaus St. Pölten mit seinem großen Saal können wir zeitgenössischen Tanz groß denken, können „Großes Kino“ bieten! BETTINA MASUCH 56


„GROSSES KINO“ IM FESTSPIELHAUS

Das sind so besondere, beglückende und erfüllende Gänsehautmomente – die erlebst du nicht zuhause vorm Fernseher oder beim Blick in den Computer. BETTINA MASUCH

men waren, auf der anderen Seite die Tanzfans. Am Ende des Tages hat es beiden gefallen, gerade auch die jeweils „fremde“ Welt, und sie sind zu anderen Produktionen wieder gekommen. Wie muss man heute die Menschen für Kultur begeistern bzw. was muss Kultur leisten? Theater als moralisch-pädagogische Instanz, als Unterhaltungs- und Eskapismusvehikel, als kritischer Stachel im Fleisch der Gesellschaft … wo würden Sie sich verorten? Diese Frage beschäftigt mich aktuell sehr. Ich habe das Gefühl, auch für mich ganz persönlich, dass wir an einem Wendepunkt stehen, und dass dies auch auf den Zugang zu Kunst und Kultur abfärbt. Ich komme ja aus einer Zeit, da musste Kunst per se immer kritisch sein – meine früheste Prägung diesbezüglich erfuhr ich in Wuppertal, wo Pina Bausch sich in all ihren Arbeiten kritisch mit der Welt, der Gesellschaft auseinan-

dersetzte, früh etwa die Rolle von Mann und Frau thematisierte etc. Aktuell ist die Zeit, in der wir leben, aber so herausfordernd und für manche teils geradezu beängstigend, dass man fast gar keine Begriffe mehr findet für das, was passiert. Das Stakkato von Veränderungen – Corona, der Ukrainekrieg, der mittlerweile deutlich spürbare Klimawandel, die Teuerungen – all das sind gesellschaftliche Herausforderungen, die jeden einzelnen unmittelbar betreffen. Bei vielen spüre ich eine große Erschöpfung, ja Ratlosigkeit – das muss man im Kulturbetrieb anerkennen und darauf reagieren. Ich sehe die Rolle daher zwar nicht in einem Eskapismus, aber Kultur soll eine Art Vitalitätskur sein, wo man zwei Stunden lang Kraft, Mut und Zuversicht tanken kann, wo einem Lebensmut und – ja – auch Optimismus vermittelt werden, so dass man gestärkt wieder herauskommt. Klingt wie ein Antidepressivum gegen Corona & Co. Haben die Krisen der Kunst- und Kulturszene Ihrer Meinung nach eher geschadet, im Sinne „Naja, wir kommen eh ohne auch aus“, oder just umgekehrt ihre wichtige gesellschaftliche Rolle schmerzlich bewusst gemacht? Ganz prinzipiell hat die Pandemie jedenfalls wie ein Brandbeschleuniger gewirkt – Krisen, die sich schon zuvor abgezeichnet haben, sind rascher schlagend geworden. Und die Kunst als gesellschaftliches Ereignis, das von Öffentlichkeit lebt, hat darunter natürlich enorm gelitten. Bei den Besuchern muss man unterscheiden. Menschen, für die der Kulturgenuss schon vorher zum Selbstverständnis einer sinnvollen Lebensführung gehörte, für die war

die Phase der Schließungen natürlich ganz schlimm und sie sind, sobald geöffnet wurde, auch gleich wieder gekommen. Jene aber, die vor der Pandemie zwar auch hin und wieder ins Theater gegangen sind, aber sozusagen keine eingeschworenen Liebhaber im engeren Sinne waren – diese wiederzugewinnen ist eine große Herausforderung. Da schwingt auch eine gewisse Bequemlichkeit mit, weil man sich denkt „Naja, ich kann mir eh zuhause vorm Fernseher auch etwas anschauen“ – nur ist das natürlich nicht dasselbe. Schließlich haben wir noch Kinder und Jugendliche, die aufgrund der Pandemie teils noch überhaupt nicht in Kontakt mit Kunst und Kultur gekommen sind und daher dieses einmalige Erlebnis gar nicht kennen – die müssen wir sozusagen ganz neu gewinnen und begeistern. Das ist natürlich eine immense Herausforderung – ich sehe es ja im eigenen Familienkreis, wie schwer es ist, die Kids vom Computer und dem Handy wegzuholen. Aber es ist immens wichtig und lohnt sich allemal! Besteht nicht die Gefahr, dass sich diese negativen Folgen verfestigen könnten? Ich hoffe nicht. Aber es zeigt sich aktuell jedenfalls die Tendenz, dass die Besucher generell zurückhaltender sind, also eher kurzfristig kaufen und nicht gleich ein Abo nehmen, weil sie ja nicht wissen, was bis dahin passiert. Da ist schon eine Verunsicherung zu konstatieren. Viele besuchen auch eher bekannte Stücke mit bekannten Künstlern. Das ist aber eine sehr gefährliche Entwicklung für den Kulturbetrieb insgesamt, weil diese Einstellung auf Kosten der jungen Künstlergeneration geht. Ich sehe es daher als MFG 09 22

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„GROSSES KINO“ IM FESTSPIELHAUS

Es ist eine großartige und mutige Entscheidung der Stadt, die für die Kulturhauptstadt 2024 vorgesehenen Gelder auch ohne Zuschlag in die Kultur zu investieren.

KOLUMNE ROUL STARKA

BETTINA MASUCH

ganz klare Aufgabe von Häusern wie dem Festspielhaus an, auch den Nachwuchs aktiv ins Programm einzubauen, neue Künstler aufzubauen und die jungen Künstler zu unterstützen – sie sind die Stars von morgen und machen das Theater der Zukunft aus. Schließlich bringt die Kurzfristigkeit bei den Käufen für die Betriebe auch eine gewisse Planungsunsicherheit mit sich – auch darauf müssen wir uns neu einstellen. Aber ich bin guter Dinge, dass wir das Publikum zurückgewinnen werden.

KULTURELLE ANEIGNUNG

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Was stimmt Sie so zuversichtlich? Ich sehe es ja an mir selbst. In meinem Leben nimmt Kultur einen so wichtigen Platz ein, das sind so besondere, beglückende und erfüllende Gänsehautmomente – die erlebst du nicht zuhause vorm Fernseher oder beim Blick in den Computer. Sondern dazu musst du hinausgehen, ins Theater, ins Festspielhaus, in die Öffentlichkeit. Gerade das Festspielhaus mit seiner großen Bühne kann solche magischen Theatermomente zaubern.

FOTO RIALTO FILM

Hab mir heute früh die Kultur der Römer aus Aelium Cetium angeeignet und eine Eierspeis gegessen. Aus Südamerika hab ich die Erdäpfel für meine Pommes und ich tanz sogar Samba mit dir! In englischen Schulen wird Shakespeare teilweise aus den Bücherlisten gestrichen: zu brutal, zu viel Rassismus, Sexismus und -keit und -heit. Und jetzt nehmt ihr mir meinen Winnetou weg. Was macht ihr woken VerbieterInnen eigentlich den ganzen Tag außer verbieten? Ihr seid nicht woke, sprich wach, ihr seid seit eurer Geburt noch keine Sekunde munter gewesen, ihr hattet noch keine Sekunde Freude am Leben, ihr seid die neue Diktatur des Maximalfrustes, den ein Mensch erreichen kann. Ohne Grausigkeiten und Strafen würde keine Diktatur eine Woche überleben. Und ihr werdet strafen wollen. Ich kann das aus eurem Schwachsinn rauslesen. Normal ist geworden das Schreien unserer Einsamkeit, das Betteln um Aufmerksamkeit auf Facebook mit Photoshop, Pizzaecken und Katzenfotos. Statt mit Rucola bestreuen wir unseren täglichen Pizzafraß mit Bildern des Schreckens, bewerfen uns ausgewogen mit Urlaubsfotos und Fotos von zerfetzten oder hungernden Kindern. Dann sind wir betroffen. Zwei Minuten später ist wer im Fernsehen nicht nach deinem Geschmack gekleidet, ein Tropfen Kaffee in deinem Heim verschüttet. Vorbei die Gedanken an die Menschen, die gar kein Heim haben. Du tobst, willst Rache, willst … ja, was eigentlich? Deine Mama und deinen Papa im Bauch, die dich jetzt halten, ganz fest drücken und sagen: „Ich bin da, ich liebe dich, weil es dich gibt.“

St. Pölten scheint ja – entgegen des Trends – aktuell in Sachen Kultur ein Hoffnungsraum zu sein, Stichwort 2024. Es ist tatsächlich eine großartige und mutige Entscheidung der Stadt, die für die Kulturhauptstadt 2024 vorgesehenen Gelder auch ohne Zuschlag in die Kultur zu investieren. Man hat einfach verstanden, dass Investitionen in die Kultur Investitionen in die Zukunft sind, wenn wir etwa nur an die Tangente, das Kinderkunstlabor, die Sanierung und Neupositionierung der ehemaligen

Synagoge oder was sich am Domplatz tut denken – das sind ganz starke Statements! Gerade in unruhigen Zeiten wie diesen ist es wichtig, Visionen zu haben, auf etwas Zukünftiges, Positives hinzuarbeiten und nicht nur zu lamentieren und sich selbst leid zu tun. Worauf arbeiten Sie im Festspielhaus hin – Sie sind ja für sechs Saisonen bestellt. Wofür soll das Haus 2028 stehen? Ich hoffe für Nahbarkeit, dass man also, egal aus welcher Ecke man kommt, das Haus gern besucht. Zugleich soll es für inhaltliche Exzellenz stehen. Exzellente Kunst, die aber nicht ex-klusiv im Sinne von ausschließend wirkt, weil sie nur gewisse Kreise anspricht, sondern die ganz im Gegenteil in-klusiv ist, viele Menschen begeistert, auch solche, die vielleicht zuvor mit Kultur noch gar nichts am Hut hatten. Außerdem möchte ich Kinder und Jugendliche noch stärker im Haus willkommen heißen. Zu diesem Zweck werden wir etwa – dies ist gerade in Ausarbeitung mit den Kunst- und Musikschulen – eine eigene Jugend-Tanz-Kompanie ins Leben rufen, wo junge Tänzer aus der Region die Möglichkeit bekommen, mit Künstlern und Choreografen, die bei uns zu Gast sind, zu arbeiten. Nachwuchskünstler sollen zudem vermehrt die Möglichkeit von Residenzen bekommen. In diesem Sinne möchte ich das Festspielhaus, das prinzipiell sehr stark von Gastspielen abhängt, auch als Arbeitsstandort stärker positionieren, weil wir dazu die nötige Infrastruktur haben, wenn ich etwa an unsere zwei Probebühnen denke. Es wird jedenfalls spannend!


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NÖ KULTURFORUM IMMER AKTIV

KULTUR VOR DER HAUSTÜR Mit einem kurzen, beispielhaften und bei weitem nicht vollständigen Überblick über die Aktivitäten des NÖ Kulturforums im Jahr 2022 beweisen die ehrenamtlich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des seit bald 50 Jahren bestehenden Vereins dessen Bedeutung als regionaler, basisorientierter Kulturvermittler im Land NÖ. KREMS GALERIE IM KS-ZENTRUM VOLKSHAUS LERCHENFELD Das NÖ Kulturforum hat im KS/Kultur-SozialZentrum Lerchenfeld eine eigene Galerie eingerichtet, die mehrmals jährlich mit Ausstellungen bespielt wird, eröffnet mit der

bemerkenswerten Ausstellung „Hans Zens. Der Unbekannte“. Unter diesem Titel wurden Grafiken des großen niederösterreichischen Künstlers präsentiert, welche die eher unbekannte Seite des vielseitigen Hans Zens zeigen. Diese wurden im Übrigen von der Witwe des Künstlers dem NÖ Kulturforum überge-

ben und werden als Wanderausstellung an weiteren Orten gezeigt werden. NÖ ART. LIONHEART. KÜNSTLER*INNEN SOZIAL ENGAGIERT. Dass Künstlerinnen und Künstler ihre Werke präsentieren und verkaufen wollen, gehört

Die Galerie im KS/Kultur-Sozial-Zentrum Lerchenfeld in Krems wurde mit der Ausstellung „Hans Zens. Der Unbekannte“ eröffnet. Dessen Witwe übergab Gotthard Fellerer (l.) und NÖ Kulturforum Obmann Ewald Sacher (r.) Grafiken ihres Gatten für die Ausstellung. 60


KULTUR VOR DER HAUSTÜR – NÖ KULTURFORUM

KULTUR TROTZ KRISEN – EIN MUSS!

Aufwertung für Niederösterreich und Krems. Im Kremser Stadtteil Lerchenfeld hat das NÖ Kultur-forum im KS/Kultur-Sozial-Zentrum Lerchenfeld eine eigene Galerie eröffnet.

zum Notwendigen. Dass sie sich aber auch sozial engagieren, um mit ihrem Schaffen in Not geratene Mitmenschen zu unterstützen, gehört nicht zum Selbstverständlichen. Eben das aber war der Sinn der Ausstellung NÖ ART. LIONHEART., verbunden mit einer Benefiz-Auktion der Volkshilfe NÖ im KS/ Kultur-Sozial-Zentrum Lerchenfeld, das einen fünfstelligen Reinerlös für den seit über 12 Jahren bestehenden „Löwenherz-Fonds“ der Volkshilfe zur Unterstützung akuter Notfälle einbrachte. Beteiligt haben sich uneigennützig die Maler*innen Dalia Blauensteiner (Krems), Franz Oberger (Wr. Neustadt), Steve

Soon (Wilhelmsburg), Wolfgang Peranek (Krems), die Bildhauer Anton Hoser (Wien), Heinz Körner (Krems), Herbert Petermandl (Waidhofen/Ybbs) und die Fotografin Gerda Jaeggi (St. Pölten). KOOPERATION MIT GALERIE DALIKO Ebenfalls in Krems, in der dörflichen Umgebung des Stadtteiles Egelsee, hat das Künstlerehepaar Dalia Blauensteiner, Malerin, und Heinz Körner, Bildhauer, im ehemaligen Feuerwehrgebäude eine private Galerie eingerichtet, mit der das Kulturforum mit Ausstellungen kooperiert. „Mathemagische Bilder“

KULTUR VOR DER HAUSTÜR – NÖ KULTURFORUM IMMER AKTIV Kultur vor der Haustür – diesem Motto bleibt das NÖ Kulturforum als Kulturvermittler auch 2022 unverzagt treu. Trotz Krisen! Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Teuerungs-Turbulenzen lassen auch die Kulturszene nicht unberührt. Umso mehr aber muss dem Auftrag nachgekommen werden, den Menschen in Zeiten großer Verunsicherung Angebote zu machen, sich mit dem Schönen, dem Kreativen, mit Malerei, mit Musik, mit Kunst in ihrer vielfachen Ausprägung zu beschäftigen. Nicht, um abzulenken von den Problemen dieser Zeiten, sondern auch und vielmehr, um im Sinne der Bewältigung der miesen Situation intellektuelle, künstlerische Angebote zu machen. Bei diesem Bemühen agiert das NÖ Kulturforum niederösterreichweit mit regionalen Schwerpunkten im Land, und es kooperiert dabei auch immer wieder über Landesgrenzen hinweg. Dank der Förderung durch das Land NÖ konnten wir bisher diesem – uns von den Gründern vor bald 50 Jahren – selbst gesetzten Auftrag nachkommen. Wir lassen uns von Krisen nicht abhalten, Kultur und Kunst zu vermitteln. Prof. Ewald Sacher, Obmann des NÖ Kulturforums MFG 09 22

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Das NÖ Kulturforum unterstützt auch Ausstellungen in der der Kremser Galerie Daliko. Im Bild v.l.n. r.: Ewald Sacher, Dalia Blauensteiner, Martina Schettina, Ulrich Gansert. Hans Sisa, Selbstportrait

Die Stadtgalerie Wr. Neustadt zeigte mit Unterstützung des NÖ Kulturforum die Ausstellung „An die Zeit gefesselt“. V.l.n.r: STR Piribauer, Kurator Fellerer, BGM Schneeberger und Kulturforum-Obman Sacher. 62


KULTUR VOR DER HAUSTÜR – NÖ KULTURFORUM

Das NÖ Kulturforum fördert nicht nur Kunst und Kultur jeder Art, sondern unterstützt auch Initiativen, welche das kulturelle und historische Erbe dokumentieren und bewahren möchten – wie etwa den Badener Verein „Vestenrohr-Karlstisch“.

von Martina Schettina, einer „malenden Mathematikerin“, und „Natur und Magie“, Bilder von Ulrich Gansert, wurden im Juni 2022 präsentiert. ST. PÖLTEN JUGENDKREATIVWETTBEWERB „ZUGÄNGE“ Aufbauend auf dem großen Erfolg des ersten Jugend-Kreativwettbewerbs „AUFBRECHEN“ des NÖ Kulturforums 2019/20 wurde 2021/22 das Projekt „ZUGÄNGE“ ausgelobt, an dem sich neuerlich rund 100 Teilnehmer*Innen zwischen 15 und 30 Jahren beteiligten. In den Sparten Literatur, Bildende Kunst und Musik konnten von der hochrangigen Jury wieder bedeutende Förderpreise vergeben werden. Mag. Marianne Plaimer, die bewährte Organisatorin der beiden Projekte, hat mit ihrem Engagement im wahrsten Sinne AUFBRECHEN ermöglicht und ZUGÄNGE eröffnet. WR. NEUSTADT STADTGALERIE WR. NEUSTADT – KULTURKNOTENPUNKT IM ZENTRUM Zum wahren Kulturknotenpunkt hat sich die Stadtgalerie Wr. Neustadt in der Fußgängerzone (Herzog Leopold-Straße) entwickelt. Dank der Initiative und des Engagements von Prof. Gotthard Fellerer, dem künstlerischen Mentor des NÖ Kulturforums, und der Unterstützung der Stadt konnte diese Galerie „vor der Haustür“ vor Jahren eingerichtet werden. Dort werden laufend namhafteste niederösterreichische Künstlerinnen und Künstler präsentiert. Zuletzt war die Ausstellung „An die Zeit gefesselt“ des vielseitigen Hans Sisa

zu sehen, Maler, Bühnenbildner, Regisseur und Opernsänger, in der zeitgenössische Werke des mit seinem Atelier in Paudorf, Bezirk Krems, ansässigen gebürtigen Oberösterreichers gezeigt werden. In der erwähnten Bundesländer übergreifenden Kooperation war diese Hans-Sisa-Schau zuvor im Kunstforum Leoben, mit Unterstützung des NÖ Kulturforums und kuratiert von Gotthard Fellerer, mit großem Erfolg gezeigt worden. BADEN VEREIN VESTENROHR-KARLSTISCH & DAS KULTURFORUM Seit langem bemüht sich in Baden der Verein

Vestenrohr-Karlstisch um die Bewahrung und Aufarbeitung verloren scheinender historischer Ursprünge. Benannt nach der versunkenen mittelalterlichen Ansiedlung Veste Rohr, deren Fundamente dank des Einsatzes des Vereines dokumentiert werden konnten, bevor sie durch Wohnanlagen überbaut wurden, und die Restaurierung des sogenannten „Steinernen Tisches (Karlstisch)“ arbeitet das Team des Vereins nun an der Dokumentation der Mühlen an der Schwechat im Raum Baden. Das NÖ Kulturforum sieht in dem Bemühen des Vereins eine wichtige lokale Kulturinitiative und fördert deren Publikationen mit.

Ein großes Anliegen ist dem NÖ Kulturforum die Förderung der Jugendkultur. Seit 2019 schreibt man deshalb einen Jugend-Kreativwettbewerb aus. Das heurige Motto lautete „Zugänge“. MFG 09 22

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FREUNDE DER KULTUR ST. PÖLTEN

LIEBE FREUNDE DER KULTUR ST. PÖLTEN! Es sind, das kann man ohne Übertreibung konstatieren, herausfordernde, teils turbulente Zeiten. Die Corona-Pandemie hält uns nach wie vor, wenngleich zum Glück aktuell in abgeschwächter Form, auf Trab. Der UkranieKrieg hat längst überwundene böse Geister zurück nach Europa gebracht.

TERMINE 24. September

„Katharina Straßer & Band“ 19.30 Uhr, Bühne im Hof mit Empfang für unsere Mitglieder 28. September

„Reigen“ von Arthur Schnitzler, eine Koproduktion mit den Salzkammergut Festwochen Gmunden 19.30 Uhr, Landestheater NÖ mit Empfang für unsere Mitglieder 21. Oktober

FOTO Lupi Spuma

Fado de Lisboa: Camané . Wayne Marshall

Die damit einhergehenden Turbulenzen am Energiemarkt sowie Teuerungen sorgen allerorts für Kopfzerbrechen und Verunsicherung. Der Klimawandel ist nicht nur mehr ein Schlagwort, sondern offensichtliches Phänomen. Die Welt ist aktuell unübersehbar im Wandel. Vieles ist im Fluss. Es ist daher für Freunde der Kultur ein ganz wichtiger Anker der Stabilität, Freude und des Trostes, wenn Kulturveranstaltungen Licht in den manchmal düster erscheinenden Alltag bringen. Wie formuliert es die neue künstlerische Leiterin des Festspielhauses Bettina Masuch im MFG-Interview: „Das sind so besondere, beglückende und erfüllende Gänsehautmomente – die erlebst du nicht zuhause vorm Fernseher oder beim Blick in den Computer.“ Genau solche Momente bieten wir unseren Mitgliedern diesen Herbst wieder im Zuge unserer Veranstaltungen, nicht nur zu Sonderkonditionen, sondern häufig auch der Möglichkeit, die Künstler bei einem Empfang

Am 10. Dezember sind die Freunde der Kultur zu Gast in der Bühne im Hof bei „The Cover Girls: It’s Christmas“

exklusiv kennenzulernen! Der Wandel macht sozusagen aber auch vor unserem Büro nicht halt. So verlässt uns Bernadette Gugerell, die mit viel Liebe und Umsicht unseren Verein hinter den Kulissen betreut hat, im September und wird Executive Assistant der neuen Klassenpräsidenten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wir gratulieren ihr dazu ganz herzlich, wenngleich wir über den Verlust natürlich traurig sind. Zugleich erfüllt es uns aber auch ein bisschen mit Stolz, dass wir unsere fähigen Mitarbeiterinnen auf ihrem Weg nach oben ein Stück begleiten dürfen. Ich freue mich auf ein baldiges Wiedersehen, Ihr

Lothar Fiedler

24. November

Erlebte Natur: „Wiener Wildnis – der urbanen Natur auf der Spur“ mit Georg Popp (Fotograf) 18.30 Uhr, Museum Niederösterreich mit Empfang 2. Dezember

Opera Ballet Vlaanderen. Tonkünstler-Orchester

19.30 Uhr, Festspielhaus St. Pölten mit Möglichkeit für unsere Mitglieder, bei der Premierenfeier dabei zu sein 9. Dezember

„Heidi“ nach Johanna Spyri

16.00 Uhr, Landestheater NÖ mit Backstage-Führung für unsere Mitglieder

MITGLIEDERAKTION Zurzeit gibt es unsere Mitgliedschaften zum halben Preis bis Jahresende 2022! Mehr Informationen dazu unter freunde@kultur-stp.at oder 02742 908090 941!

(Präsident Freunde der Kultur St. Pölten)

MITGLIED WERDEN und die zahlreichen Vereinsvorteile (Exklusivveranstaltungen, Previews, Künstlertreffen, Exkursionen, Ermäßigungen uvm.) genießen. Anmeldung und Infos unter T +43 2742 90 80 90-941, F +43 2742 90 80 94, freunde@kultur-stp.at

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19.30 Uhr, Festspielhaus St. Pölten mit Empfang für unsere Mitglieder

INFORMATIONEN

www.freundederkultur-stp.at, Tel.: 0 2742 90 80 90-941


TEXT: JOHANNES REICHL | FOTOS: HELMUT LACKINGER, PRIVATARCHIV NASKO

Drew Sarich

Verena Scheitz

DIE FLEDERMAUS Entgeltliche Anzeige | Fotos: Lalo Jodlbauer

NEUN

HIGHLIGHTS NEUN NINE

Musical nach dem Film „8 ½“ von Federico Fellini von Arthur Kopit (Buch) und Maury Yeston (Musik und Liedtexte) Österreichische Erstaufführung

22.10. – 26.11.2022

DIE FLEDERMAUS Operette von Johann Strauss Sohn

17.12.2022 – 3.2.2023

FUNNY GIRL

Musical von Jule Styne (Musik) und Bob Merrill (Gesangstexte)

28.1. – 25.3.2023

CARMEN

Oper von Georges Bizet

25.2. – 31.3.2023 Natalia Ushakova CARMEN

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FOTOS: JOSCHI HAIDEN, ADOBE STOCK

TAKE TWO

KOLUMNE THOMAS WINKELMÜLLER

KEINE LUST AUF ARBEIT Als 1997-Geborener zählt mich die Wissenschaft zur Generation Z. Wir sind Menschen, zwischen zehn und 25 Jahren alt, die in den Weiten des Internets aufgewachsen sind. Eigentum ist nur eine Option, wenn wir erben. Krisen prägen unser Erwachsenwerden. Und: Medien und Menschen werfen uns vor, wir würden nicht mehr arbeiten wollen. Für mich kann ich sagen, dass das stimmt. Ich würde lieber morgens Berge besteigen, nachmittags in der Sonne liegen und abends Bier trinken. Aber jeder, der nicht zumindest eine dieser kleinen Freuden der Arbeit vorziehen würde, der belügt sich selbst. Trotzdem arbeite ich – zu viel. Ein Großteil derer, die nach ihrem Studium oder ihrer Ausbildung ins Berufsleben gestartet sind, kämpfen mit ihrem Hang zur Überarbeitung. Wir schieben Extrastunden oder streichen auch am Wochenende ein paar Wörter von den To-DoListen. Dieser Wille zur Selbstausbeutung rührt daher, dass unsere Jobs uns Sinn geben. Eine Entwicklung, die sich unter dem Schlagwort „New Work“ schon seit den 80ern in die Arbeitswelt einschleicht und nicht verschwinden möchte. „Ich bin Thomas, Journalist“, stelle ich mich Fremden vor. Der Beruf gehört zu mir und meinem Leben. Wir identifizieren uns durch das, womit wir Geld verdienen. Gleichzeitig beschweren wir uns über den Stress und die hohen Anforderungen. Ja, die Gesellschaft und wir selbst behaupten laut, nicht gerne zu arbeiten. Dafür hackeln die meisten von uns aber ganz schön viel. Das sollten wir in der Diskussion nicht übersehen.

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Z

um 20-jährigen Jubiläum wartet das Beislfest heuer gleich mit zwei Neuerungen auf. Zum einen wird die Party nach dem Rückzug von Einzelkämpfer und Gründer Hennes erstmals von einem dynamischen Duo durchgeführt: Sigi Kolda, bekannt als Organisator von „Designverliebt“, sowie Bärnstein-Gründer Martin Paul. Zum anderen bekommt die Sause frei nach dem Motto „Ein Beislfest ist nicht genug“ quasi einen Klon – das heißt es wird heuer nicht

O

nur das traditionelle Beislfest in St. Pölten geben, sondern – erstmals – auch eines in Krems. Die Grundingredienzien sind altbewährt: Die mitmachenden Gastrobetriebe warten mit guter Musik, Getränke-Specials und manch Überraschung auf. In diesem Sinne, save the date: Krems (23. & 24. September) und St. Pölten (30.09. & 01.10.). Das Organisationsduo hat übrigens einen Tipp: „Am besten beide Termine für’s Beislfest reservieren und vorbeikommen!“

W E W ANT YOU

kay, diesmal mal in eigener Sache. Nachdem wir in der MFGRedaktion (hüstel, hüstel) ein klitzeklein wenig in die Jahre gekommen sind, euch aber nicht nur mit Szenegeschichten aus unserer Generation langweilen, sondern gern am Puls der Zeit bleiben möchten, suchen wir für den Szeneteil Redakteure. Kurzum: Wenn du dich in der St. Pöltner Szene gut auskennst und unterwegs bist, du Kontakt zu jungen Kulturschaffenden – egal ob Musik, Bildende Kunst, Theater & Co. – pflegst, gut in den hiesigen Bildungseinrichtungen und working places vernetzt bist und ganz nebenbei auch noch Freude am Schreiben hast, dann – ja dann melde

dich bei uns! Denn we want you! Einfach kurzes Mail an johannes. reichl@dasmfg.at schicken.


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KUNST MUSS SPASS MACHEN

Mit den rebellischen Kunstaktionen der Young Artists hätten die Wiener Aktionisten ihre Freude gehabt. Stand bei der berühmt gewordenen Künstlergruppe aus der Bundeshauptstadt in den 60er- und 70er-Jahren ein zutiefst gesellschaftspolitischer Ansatz im Hintergrund, geht es beim neuen Künstlerkollektiv aus St. Pölten um den Erlebnis- und Spaßfaktor von Kunst.

S

o etwas fehlt in Niederösterreich“, dachte sich Grafik-Designer und Kurzzeitredakteur Fabian Zagler, als er zu Beginn des Jahres mit den verschiedensten Kunst-Ausstellungen konfrontiert wurde. Denn er erkannte, dass junge Kunst hierzulande kaum gefördert wird. Schnell wurde die Idee eines Vereines, einer Plattform, die jungen Künstlerinnen und Künstlern auf die Sprünge hilft, geboren. Im Mai 2022 wurde der Verein „Young Artists“ ins Leben gerufen. Dieser bildet die Basis, um das Hervorheben von jungen Kunstschaffenden, um das Finden von Sponsoren oder Kooperationspartnern aus der Wirtschaft oder der öffentlichen Hand, zu ermöglichen. „Man kann von jedem etwas lernen, bei uns ist wichtig, gemeinsam zur künstlerischen Entfaltung zu gelangen“, umreißt Vereinsgründer Zagler den unbe-

Jede Kunstaktion und Ausstellung muss ein Erlebnis sein, mit cooler Umgebung und ebensolcher Musik. FABIAN ZAGLER 68

kümmerten, spielerischen Zugang zur Kunst. „Wege gemeinsam gehen, jeder Gedanke ist Kunst und jeder Mensch hat auch andere Ansichten von Kunst“. Dabei bemüht man sich um ein breites Kunstspektrum, „vom Schweißer bis zur Balletttänzerin.“ Zurzeit sind 13 junge Menschen im Künstlerkollektiv, Aufnahmekriterien sind ein Wohnsitz in Niederösterreich und ein Alter zwischen 14 und 35 Jahre. „Wir wollen keinem was vorschreiben“, so Fabian. „Man muss aber auch Grenzen setzen, etwa, wenn es um Rassismus, Frauenfeindlichkeit oder Ähnliches geht“, wirft Supervisor, Mentor und Berater Viktor Nezhyba, seines Zeichens Fotokünstler, dann doch ein. Neben geplanten Hauptevents passieren sogenannte Side-Events im Rahmen von „RebelArt“, wie die Kunstschaffenden ihre aktionistischen Performances nennen. So etwa, als die St. Pöltner Galerie Maringer nicht mehr gebrauchte Passepartouts, Leinwände und Fotoprints zur freien Entnahme vors Geschäft stellte. Prompt fanden sich drei Young Artists ein. „Aus alter Kunst wurde neue Kunst“, freut sich Nezhyba. Nach getaner Arbeit stellte man das Werk der Galerie vor die Türe, mit einem kleinen Brief, in dem so etwas wie, „wo kann man junge Kunst besser präsentieren als in einer Galerie für zeit-


TEXT: ANDREAS REICHEBNER | FOTOS: HANNAH STROBL, YOUNG ARTISTS

www.young-artists.at

MOBIL. Einmal im Monat treffen sich die Young Artists an jeweils einem anderen Ort. Wir fanden sie im Café Schubert.

ST. PÖLTEN UNIVERSITY OF APPLIED SCIENCES

© Peter Rauchecker

genössische Kunst“, stand. Tags darauf fand das Werk eine temporäre Aufnahme im Schaufenster St. Pöltens wichtigster Galerie. Das freute besonders eine der Protagonistinnen der Aktion, Verena Bauer – ihr Werk war erstmals in einer Galerie ausgestellt. Auch eine andere Rebell Art-Aktion auf dem Rathausplatz sorgte für Aufmerksamkeit. Dort tauchten vier Young Artists mit Leinwänden und DJ-Setting auf und nach zehn Minuten war die rebellische, nicht angemeldete Kunstaktion vorbei. „Wir hätten eine Verwaltungsstrafe akzeptiert, das wäre uns der Spaß wert gewesen“, so Nezhyba. Stattdessen postete die Stadt St. Pölten die Kunstaktion auf ihrer Instagram-Seite. Wie bei den Wiener Aktionisten der 60er- und 70erJahre geht es um die Aktion, die Performance. Speiste sich die Rebellion der Wiener Aktionisten aus gesellschaftspolitischer Kritik, steht bei den Young Artists der Spaß und das Erleben im Vordergrund. Man bemüht sich um Vernetzung, auch über soziale Medien. Mit Wiener Neustadt, Melk und Pöchlarn ist man in Verbindung. „Drei bis fünf Mal im Jahr gibt es dort Aktionen, zum Schluss sollen die daraus hervorgegangenen Exponate in einer Wanderausstellung gezeigt werden“, so Zagler. Denn bei allem Aktionismus und der Dokumentation dieser Kunst-Handlungen, besteht auch Affinität zu vermeintlich traditionellen Ausstellungen. Derzeit läuft eine Kooperation mit einer Amsterdamer Galerie, „der Galerist ist auch so verrückt wie wir.“ Unter dem Motto „What´s happening here?“ werden Werke von vier bildenden Young Artists in die Niederlande geschickt. „Da kommen Transportkosten auf uns zu, aber vielleicht machen wir gleich einen Gemeinschaftsurlaub daraus“, gibt man sich auch bei diesen Schwierigkeiten locker und cool. Ihre Kunst-Events beinhalten meist auch DJ-Acts. „Musik macht speziell junge Menschen neugierig.“ Dabei passiert es nicht selten, dass unaufgeregte Diskussionen um die Kunstwerke entstehen. Ausstellungen laufen wie Konzerte ab – nicht wochenlang, sondern in ein, zwei Stunden mit Musik, wo die Menschen kurz und intensiv Zeit haben, die Werke zu betrachten. Es geht um die Inszenierung, um das Feeling. Wie etwa beim nächsten Projekt „Kunst am Wasser“, wo man mit Booten, zur Verfügung gestellt von der Seedose, auf den See fährt und Kunst produziert. „Aber ich stelle mir auch vor, dass wir Aktionen im Wald machen oder mit einer Ausstellung mit Autos durch die Stadt fahren“, sprüht Zagler vor Ideen. Ganz im Gegensatz zum St. Pöltner Künstlerbund mit seinen komplexen Aufnahmekriterien geht man bewusst weg vom klassischen Ausstellungsprinzip. „Alles muss ein Erlebnis sein, mit cooler Umgebung und ebensolcher Musik“, ereifert sich Zagler. Auch für nächstes Jahr ist schon ein Projekt angedacht: „Die Lounge Vernissage“, wo sich alle Young Artists präsentieren können.

BACHELOR. DAY 04.11.2022 13–18 Uhr Campus St. Pölten

fhstp.ac.at/bachelorday MFG 09 22

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„GANZ NORMAL GESTÖRT“

ALEXANDER EDER

Es gelingt selten, dass sich ein Showact bei einer Firmen-Präsentation Aufmerksamkeit verschafft. Alexander Eder ist das Kunststück bei der RelaunchParty der NÖN im Vorjahr mit Leichtigkeit gelungen. Mit seiner unverkennbar tiefen Stimme hatte er schon bei The Voice Of Germany 2018 für Furore gesorgt und ist seither mächtig auf der Überholspur, wie etwa 2,3 Millionen Follower auf TikTok oder fast 700.000 Follower auf spotify beweisen. Dieser Tage hat er seine neue Single vorgelegt (das Album erscheint 2023), am 12. November gastiert der ehemalige BORG St. Pölten Schüler im VAZ St. Pölten.

Beschreibe Alexander Eder in 3 Worten. Ganz normal gestört – so heißt der neue Song, der am 9. September rauskommt – das passt ganz gut zu mir. (lacht) Dein Konzert im VAZ steht ja am 12. November am Plan. Worauf freust du dich am meisten? Für mich ist es was ganz Besonderes hier zu spielen. Ich war ja vier Jahre im BORG in St. Pölten und habe dort maturiert – und jetzt fünf Jahre später spiele ich dort ein eigenes Konzert mit meiner Band. Das ist unser offizieller Tour-Abschluss und wir haben uns ein paar Specials überlegt. Was ist für dich das schönste an deinem Beruf? Ganz klar LIVE zu spielen. Den Moment zu spüren und einfach im Hier und Jetzt leben. In diesen zwei Stunden auf der Bühne zählt nur der Moment. Da denke ich nicht daran, was gestern war oder morgen sein könnte. 110 % & „Flow“-Zustand. Und diesen Moment mit vielen Menschen zu teilen, zusammen erleben, das ist für mich das Größte auf der ganzen Welt! Wie sieht eigentlich dein Alltag aus? Ich bin kein Morgenmensch, aber Frühaufsteher. Kalte Dusche und zehn Minuten meditieren – danach kann der Tag starten. Ich sitze die meiste Zeit in meinem Tonstudio und produziere, schneide, filme Videos für Social Media. Dadurch, dass ich sehr viel poste, muss ich auch viel Content produzieren. Dann noch Songideen festhalten oder ausproduzieren, und natürlich nach wie vor proben und üben. Ich liebe wirklich alles am Musiker-Beruf. Und jeden Tag mindestens eine Stunde Sport.

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TEXT: TIMO WÖLL | FOTOS: INSHOT / DANIEL SCHALHAS

Wie war die Zeit bei The Voice of Germany für dich? Eine ganz tolle Erfahrung. Wir saßen jeden Abend – also alle Talents – zusammen im Hotel und haben Songs gesungen. Musik verbindet! Auch mit den Fantas zusammen zu arbeiten war für mich einfach ein unglaubliches Erlebnis, da ich ein riesen Fan bin! Wie hat sich dann nach TVOG dein Leben verändert? Hat es sich verändert? Es war echt krass, dass dieses Video meiner Blind Audition so viral ging. Ich meine auf Facebook hat es über 100 Millionen Aufrufe! Und es war ein tolles Sprungbrett und hat mir gezeigt, was ich wirklich mein ganzes Leben lang machen will. Ich habe durch The Voice mein heutiges Management kennengelernt. Und ohne Hubert und Bettina von der Agentur STARMAKER wäre ich heute sicher nicht da, wo ich bin.

Du hast ja auf TikTok 2,3 Millionen Follower! Warum bist du online so erfolgreich? Ich denke, weil ich extremen Spaß daran habe und jeden Tag mein Bestes gebe. Das klingt vielleicht einfach, aber ich versuche wirklich jeden Tag besser zu werden. Ich pos­te jeden Tag zwei bis drei Videos, da muss man wirklich ständig neue Ideen haben und die Videoqualität muss besser werden, um die Zuschauer ständig neu zu begeistern. Wie gehst du mit dem großen Fan-Andrang um? Da bin ich tiefenentspannt. Ich freue mich jedes Mal, wenn jemand um ein Foto fragt. Ich nehme mir wirklich immer nach Konzerten die Zeit, Fotos und Autogramme zu schreiben. Ich möchte den Leuten was zurück geben! Das kann dann bei größeren Konzerten auch wirklich länger dauern, aber das mache ich wirklich gern!

Wer kümmert sich um deine Social Media Seiten? Ich mache alles selbst. Ich glaube, dass es so am authentischsten bleibt. Jede Nachricht, jedes Kommentar ist von mir persönlich. In welchem Genre fühlst du dich am wohlsten? Ich nenne mein Genre „IRGENDWIE POP“. Ich mache Musik, weil es Spaß macht, da möchte ich keine Grenzen haben. Vor allem beim Album finde ich es persönlich cool, wenn eine gewisse Vielfalt vorhanden ist und man nicht nach zwei Nummern Hören, den gesamten Album-Sound kennt. Wo trittst du eigentlich am liebsten auf? Wo ist nicht so wichtig, aber das wie! Am liebsten mit meiner Band. Wir sind in den letzten zweieinhalb Jahren zu einer kleinen Familie geworden.

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TOP. Burgstaller bei der Junioren-WM im steirischen Lachtal, wo er im Slalom und im Riesenslalom unter die Top 8 fuhr.

BURGSTALLER WILL DER BESTE SNOWBOARDER DER WELT WERDEN I Der aus St. Pölten-Wagram stammende Dominik Burgstaller war einst ein stilles Kind. Das änderte sich schlagartig, als er das erste Mal auf einem Snowboard stand. Mittlerweile hat der 21-jährige Profisportler klare Ziele und scheut sich trotz Kritik auch nicht davor, jene lauthals zu verkünden: „Warum sollte ich darüber schweigen?“ 72

m stillsten Moment, kurz bevor alles losgeht und keiner mehr nachjustieren kann, blickt Snow­ boarder Dominik Burgstaller (21) in der Startbox auf seine Gravur am linken, in dem Fall hinteren, Schuh. MORIOR INVICTUS steht da, „lie­ ber tot als besiegt“. Martialischer geht’s nicht. Kollege Benjamin Karl (36) hat auch schon bei Burgstaller nachgefragt, was denn das bedeute


TEXT: THOMAS SCHÖPF | FOTOS: JOCHEN BURGSTALLER, PRIVAT

und reflektierte, früher wäre noch „Sieg oder Akia“ ein geflügelter Spruch gewesen. Burgstaller gehört eben schon zur nächsten Generation und verkündet auf seiner Homepage auch frank und frei: „Mein Ziel ist es, dass ich in meiner Sportart der Beste werde, mit dem langfristigen Ziel Weltcup und Olympia für mich zu entscheiden.“ Klingt arrogant, wird ihm auch so ausgelegt – beim gemeinsamen Kaf­ fee am St. Pöltner Rathausplatz hin­ terlässt Burgstaller allerdings einen sympathischen, durchaus geerdeten Eindruck. Vielmehr bestätigten seine Ansichten und seine Einstellung jene Charaktereigenschaften, mit der ihn sein ehemaliger Trainer und Förderer in St. Pölten, Erik Wöll, zuvor auf Nachfrage beschrieben hatte: Zielstrebig, konsequent – und durchaus fähig, auch einmal aus dem Tunnel herauszutreten und den Alltag eines Profisportlers aus der Distanz zu betrachten. „Vielleicht war auch ein bisschen jugendlicher Leichtsinn dabei, den Schritt ins Profitum zu wagen“, sinniert Burgs­ taller fast bestätigend, „was da alles auf einen zukommt, kann man da ja noch nicht wirklich abschätzen.“ Als Kind wäre er sehr verschlossen gewesen, habe sich „nix sagen ge­ traut.“ Nach seinen ersten Schwün­ gen auf dem Snowboard wurde aber plötzlich alles anders. Weltcup-Abenteuer startet Jetzt gehört Burgstaller zu den bes­ ten Snowboardern hierzulande, steht im „A-Kader“ des Österreichi­ schen Skiverbands (ÖSV) und fährt ab Anfang Dezember um WeltcupPunkte, Podestplatzierungen und Siege. Das Ticket dafür hat er quasi mit seinem dritten Gesamtrang im Europacup gelöst. „Der Weltcup ist aber noch einmal eine ganz andere Dimension“, geht Burgstaller demü­ tig an die Aufgabe heran, kündigt jedoch wenig später gleich vollmun­ dig an: „Das erste Rennen, das ich dort einmal gewinnen möchte, ist Bad Gastein. Dort taugt mir die Pi­ ste und das Flair mit dem Publikum

und der benachbarten Therme hin­ ter dem Zielgelände.“ Im Europacup hatte er schon so etwas wie Vorahnungen vor seinen ersten Siegen, wenn auch kurzfri­ stiger Natur. In Götschen (D), wo er den Parallel-Slalom gleich Samstag und Sonntag gewann, kam ihm bei der Anreise der Gedanke: „Warum soll ich, wenn ich dorthin fahre, nicht als Sieger wieder heimfah­ ren?“ Sagte dies seinem Trainer Ar­ nold Fauler, und tat es anschließend. Ein ähnliches Gespräch hatten die beiden wenige Wochen später am Skilift in Moninec (CZE) – und wie­ der fuhr Burgstaller als Sieger eines Europacups heim. Kampfsport zum Ausgleich Visualisieren war in den letzten Wochen freilich nicht angesagt, sondern vielmehr Kondition und Kraft tanken. Der mittlerweile in Graz lebende St. Pöltner hat dort gemeinsam mit Fauler die Basis für die kommende Saison gelegt. Beim Training ist er ein Einzelgänger: „Es ist nicht so, dass ich im Team keinen Spaß hätte, aber, wenn man im ge­ meinsamen Training in irgendeiner Form auf den anderen Rücksicht nimmt, kann man selber nicht voll durchziehen.“ Dann fehlt also wie­ der etwas am angepeilten Weg zur Nummer 1. Am liebsten trainiert Burgstaller sechs Tage die Woche gut struk­ turiert, um voll fokussiert bleiben zu können. Neben der Kraftkam­ mer verbrachte er zuletzt viel Zeit am Rennrad, aber auch bei der Ausübung seiner geliebten Kraft­ sportarten wie Boxen, Kickboxen und Muay Thai. Überhaupt sei der Kampf Mann gegen Mann sein Eli­ xier. Ähnlich gehe es ja auch beim Parallel-Slalom zu. „Wenn neben mir Benjamin Karl fährt, habe ich vollsten Respekt vor seinen Leistun­ gen, aber will in Wahrheit nur eines, ihn bezwingen.“ Geht Karl sicher genauso. Verglichen wird Burgstal­ ler mit seinem Klubkollegen von Union Trendsport Weichberger aber nicht so gerne. Jeder mache eben

ERFOLG. Dominik Burgstaller mit seiner Medaille für den dritten Gesamtrang im Europacup.

sein Ding. Seinem Verein wird er aber ebenso die Treue halten: „Si­ cher, hier herrscht ein toller Zusam­ menhalt, der Verein ist in vielerlei Hinsicht super organisiert und hat in der Vergangenheit auch immer meine Startgelder bezahlt.“ Jetzt steht Burgstaller unter den Fittichen des ÖSV, der sich für seine Schäfchen auch gerade wieder auf die jährlich schwieriger werdende Suche nach einem geeigneten Schnee begibt. Wahrscheinlich folgt Burg­ stallers Feinschliff für seine erste Weltcup-Saison irgendwo in Chile. Begonnen hat der große Traum in der Körner-Hauptschule in St. Pöl­ ten, als Erstklassler Dominik (zuvor fast nur auf Alpin-Ski unterwegs) mit den Dritt- und Viertklasslern auf Schulsportwoche ging und zum Erstaunen Wölls gleich respektable Schwünge zog. Wenig später durfte Burgstaller bei den internationalen FICEP (Fédération Internationale Catholique d’Education Physique et sportive) Meisterschaften in Hoch­ ficht für einen drei Jahre älteren Snowboarder einspringen. Dort wurde Fauler auf das Talent aus dem Flachland aufmerksam, legte ihm die Rutsche zur Ski-Akademie Schladming und die Dinge nahmen ihren Lauf. MFG 09 22

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ZUM HÖREN Manshee | mikeSnare | Thomas Fröhlich | Thomas Winkelmüller | Rob.STP | Anne Müllner (von links nach rechts)

Beabadoobees zweites Album klingt wie ein luftig leichtes Pop-Album, doch hört man genau hin, so bemerkt man, dass es sich um guten IndieRock nach Art der Neunziger und frühen 2000er handelt. Die Songs von Beabadoobee machen einem öfter mal ein „Das hab ich schon einmal gehört“-Gefühl, aber das macht nichts. Keine geht so unbeschwert mit der Nostalgie um wie die junge Londoner Songwriterin.

PAIN MUSEUM BREVIN KIM

THE TREES WERE BUZZING, AND THE GRASS. WORDCOLOUR

Ähnlich wie dem aufgescheuchten Wild, panisch durch die Waldnacht umherspringend, könnte es einem beim ersten Hören des Erstlingswerks des Londoners Wordcolour schon gehen. Zu ungewohnt wirken da anfänglich oft die intensiven Collagen aus Melodien, Rhythmen, Stimmen und den stark in den Vordergrund gerückten Geräuschen und Foley-Aufnahmen. Detailreichtum und Strahlkraft. Halali!

MASH UP THE DANCE WATCH THE RIDE & NIA ARCHIVES

THROUGH THE SPECTRAL GATE PAUL ROLAND & MICK CROSSLEY

Paul Roland, bekannt für Herz zerreißend schöne Melancholie im Pop NoirGewand, und Mick Crossley, legendärer PsychRock-Gitarrist, haben sich zusammengetan und ein psychedelisches Paket geschnürt, das Vergleiche mit Syd Barrett (Pink Floyd) oder Hawkwind zu deren Bestzeiten nicht zu scheuen braucht. Dazu kann man tanzen, meditieren oder einfach nur eine wunderschöne Zeit haben.

ROT

INA REGEN

Das Schöne am Phänomen Hyperpop ist, dass es keine Genre-Grenzen kennt. Dadurch können wilde Ska-Dubstep-Experimente wie minimalistische Trap-Balladen entstehen. Pain Museum schafft Letzteres. 15 Lieder, die alle nach Zukunft klingen und trotzdem mit gutbekannten Methoden arbeiten. Das US-Duo verzerrt ihre Synthesizer und geizt nicht mit Autotune. Hörenswert für jeden, der sich an Hyperpop herantasten möchte.

Im Sommer drängte sich beim Nebenbei-RadioBBC1-XTRA hören von den Rändern meines Bewusstseins sukzessive eine Hook ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit: Der klassische, fast klischeehafte Refrain des gleichnamigen Titels „Mash up the dance“ einer gewissen Nia Archives, einer mir bis dahin unbekannten Londoner Reggae Sängerin. Ein echtes Meisterwerk des Jungle Revivals.

ZUM SCHAUEN

ZUM SPIELEN

ZUM LESEN

Manshee | C. Schumacher

Christoph Schipp

H. Fahrngruber | M. Müllner

GROUND CONTROL

In ihrem zweiten Album „Rot“ widmet sich Ina Regen zutiefst menschlichen Wahrheiten und Betrachtungen über die Liebe. Die Hörer dürfen sich einerseits über die äußerst gelungene und stimmige Dialektversion von ‚Weil i‘s net woaß‘ freuen und sich andererseits vom synth-lastigen ‚Neon‘ überraschen lassen, das mit Stilelementen aus Indie-Genres kokettiert und damit nicht nur inhaltlich Zwischenwelten ausleuchtet.

HELMUT KARNER

BLUETWELVE STUDIO

STRAY

DER LETZTE SOMMER IN DER STADT

Ein Filmautor versucht den tragischen Verlust seiner Jugendliebe Madeleine zu verarbeiten, indem er Drehbücher über sie und ihre Leidenschaft für das Weltall schreibt. Was zuerst therapeutische Aufarbeitung ist, entwickelt sich zur Besessenheit. Er will Madeleine ins Leben zurückschreiben! Junges No-BudgetKino aus St. Pölten

„Stray“ bringt einfaches, aber unterhaltsames Gameplay und liebenswerte Charaktere in ein spannendes Setting. Zwar sind einige Story-Elemente und das CyberpunkThema nicht sonderlich originell, aber die große Welt aus der kleinen Perspektive einer Katze zu sehen, macht unglaublich viel Spaß. Sehr empfehlenswert und unvergesslich!

Als junger Mann ins Rom der 1970er-Jahre gekommen, treibt der Sportjournalist Leo Gazzarra im unsteten Leben der Ewigen Stadt dahin. Die langen Sommer in den Bars und an den Stränden verstreichen ebenso wie berufliche Ambitionen. Wäre da nicht die Liebe zu einer extravaganten Frau, es blieben bloß gleißende Tage und laue Abende voller Weltschmerz.

TICKET INS PARADIES

THE QUARRY

GIANFRANCO CALLIGARICH

NACHMITTAGE

OL PARKER

SUPERMASSIVE GAMES

FERDINAND VON SCHIRACH

Julia Roberts und George Clooney in einer gemeinsamen Liebeskomödie. Ja, wir schreiben das Jahr 2022 und diese Mischung funktioniert immer noch ausgezeichnet. Aufgepeppt mit jungen Stars wie Kaitlyn Dever, Lucas Bravo und Billie Lourd liefert der Film eine GuteLaune-Story über romantische Überraschungen und zweite Gelegenheiten.

Was mit „Until Dawn“ noch etwas holprig wirkte, wurde in allen Bereichen verfeinert und perfektioniert. Ein komplexer Story-Ansatz, beeindruckende Animationstechnik, und das Sommercamp als Schauplatz mit seinem Fluch könnte kaum treffender gewählt sein. Wer sich im TeenSlasher Genre sichtlich wohl fühlt, für den ist „The Quarry“ ein absoluter Pflichtkauf.

Mit aus dem Leben gegriffenen Geschichten fragt der Erfolgsautor nach Gerechtigkeit und eröffnet uns die Welt des Rechts. Sein Erzähltalent schöpft im neuen Erzählband thematisch aber aus dem Vollen: Schauplätze von Wien über New York bis Taipeh, kurze Geschichten über Zufälle, die unser Leben verändern, über die Kunst, die Liebe, das Menschsein selbst.

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FOTOS ZVG

BEATOPIA

BEABADOOBEE


HIGHLIGHT VAZ St. Pölten

PETER CORNELIUS & BAND

FOTO Dietmar Lipkovich

18. SEPTEMBER Bass, Schlagzeug, Keyboards und die LeadGitarre. In der klassischen, kompakten Bandversion präsentiert sich Peter Cornelius live seinem Publikum und greift dabei auf ausgewählte Songs aus seinem schier unerschöpflichen Repertoire zurück. Peter Cornelius‘ große Kunst ist, Text, Gesang und Musik stets in ein ideales Verhältnis zu bringen. Dazu die Live-Moderationen, sprich die Geschichten zu manchen seiner Songs, und seine rhetorische Stärke eröffnen den Zuhörern ein in sich ausbalanciertes, aber eigenwilliges Live-Erlebnis. Virtuosität im Spiel trifft auf Textintensität und Komposition.

HOT PANTS ROAD CLUB

REIGEN

SCIENCE BUSTERS

METAL WEEKEND

16. SEPTEMBER 30 Jahre Hot Pants Road Club – und unverändert fresh & funky! Die siebenköpfige Band gilt als Fixstern im Soul-Funk-Kosmos: Jedes Konzert ist eine einzigartige Mischung aus erdigem, schnörkellosem Rhythmus, funk-jazzigen Bläsern und seelenvollem Gesang. Einfach eine Ohrenweide und garantiert unbändige und ansteckende Spielfreude!

AB 17. SEPTEMBER Intime Beziehungen offenbaren Gefühle, aber auch Machtverhältnisse und soziale Grenzen. In Arthur Schnitzlers „Reigen“ begegnen sich die Liebenden nur für die wenigen Minuten vor und nach dem Liebesakt. Daraus entsteht ein ganzes Gesellschaftspanorama: Alle Figuren sind zugleich Verführer und Verführte, Spieler und Ausgetrickste.

22. SEPTEMBER Neue Nummern, neue Kostüme, neue Versuche. Die Science Busters müssen üben. Und live geht das am besten, weil wenn ein Experiment komplett in die Hose geht, sieht man auch gleich den Schaden, den die Kinoleinwand oder die ersten Sitzreihen nehmen und dann funktioniert es wenigstens später im Fernsehen. Vorpremieren­-Feeling pur.

23.-24. SEPTEMBER In bewährter Manier wird der Metal in seiner dunkelschwarzen Vielfalt Einzug in den Freiraum halten. Als Headliner fungieren God Dethroned und Insanity Alert. Weiters mit dabei: Slaughterday, We Blame The Empire, Jacobs Moor, Trashcanned, Endonomos, A New Chapter, Lack of Purity, Schwarzkristall und Cult of the True Light.

| KONZERT

LANDESTHEATER

| THEATER

GESTERN WAR’S SCHÖNER

WELCH THEATER!

30. SEPTEMBER Anlässlich des Welttierschutztages am 4. Oktober wird bei der „Gestern war‘s schöner“-Party für Tiere getanzt, denn der Reinerlös wird an den Tierschutzverein St. Pölten gespendet. Für die musikalische Umrahmung von Alternative Rock bis Cult Classics sorgen Dr Grisu, Young & Lost, Marc Foxxy, Schmodar, Tintifuc*s und TeschiDjs.

1. OKTOBER Im Rahmen der Langen Nacht der Museen wird der Schauspieler Helmut Wiesinger die Nacht im Stadtmuseum verbringen und anlässlich der Sonderausstellung „Welch Theater! 202 Jahre Theater in St. Pölten“ Texte aus dem Theater und rund um das Theater lesen, das seit über 200 Jahren ein kultureller Fixpunkt der Stadt St. Pölten ist.

WAREHOUSE

| PARTY

STADTMUSEUM

| LESUNG

EVERYBODY WANTS TO ...

FADO DE LISBOA

6. OKTOBER ... Rock‘n‘Soul. The Ridin Dudes sind bekannt für neue und abwechslungsreiche Programme, deswegen bringen sie nun Tini Kainrath und Dennis Jale erstmals zusammen auf die Bühne. Von „Knock On Wood“ bis „Proud Mary“, von Etta James bis Tina Turner, versprechen die Musiker eine musikalische Reise von den 1960ern bis heute.

21. OKTOBER Als Portugiese kennt sich Camané mit der sanften Melancholie der „Saudade“ bestens aus – jenem mystischen Weltschmerz, der dem Fado zugrunde liegt und ihm überall auf der Welt Anhänger verschafft. Nun ist er im Plugged-In mit den Tonkünstlern unter der Leitung ihres langjährigen Gastdirigenten Wayne Marshall zu erleben.

VAZ ST. PÖLTEN

| KONZERT

FESTSPIELHAUS

| KONZERT

| SHOW

CINEMA PARADISO

| FESTIVAL

FREIRAUM

VAZ ST. PÖLTEN

KONZERTE | EVENTS | MESSEN | KONGRESSE

FR 18.11.22 // 20:00

INA REGEN SA 19.11.22 // 20:00

DAME DO 15.12.22 // 19:30

LISSI & HERR TIMPE SA 17.12.22 // 19:30

JOSEF HADER SO 18.12.22 // 16:00

Fotocredit: Gerd Schneider

BÜHNE IM HOF

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FOTOS: LUIZA PUIU, ALEXANDRA UNGER

AUSSENSICHT

#DECKELDRAUF – BRAUCHT DER ENERGIE-MARKT EINE BREMSE? GEORG RENNER

Aufgewachsen in St. Pölten, emigriert nach Wien, Redakteur beim „profil“.

„Frieren oder für Wärme zahlen? Lassen wir das den Markt regeln!“

„Die Strompreisbremse ist treffsicher – daneben!“

Braucht es eine breite Bewegung, damit wir alle die Raumtemperatur auf, sagen wir, maximal 18 Grad hin­aufheizen? Oder gar eine gesetzliche Regelung, wie wenig Energie wir alle verbrauchen dürfen? Sollen Heizpilze und Wärmestrahler im Freien verboten werden? Oder gar eine strikte Energie-Planwirtschaft, die bis ins Detail vorschreibt, wofür wir Strom und Gas einsetzen dürfen im Energiekrisenwinter? Diese Diskussionen werden kommen, und umso mehr, je kühler es draußen wird. Aber tatsächlich braucht es nichts davon. Denn es gibt ein hocheffektives Instrument, mit dem wir als Gesellschaft gewohnt sind, die Verteilung knapper Vorräte zu steuern: den Markt. Der hat in Österreich generell einen schlechten Ruf, und ganz besonders bei Gütern, die (über)lebensnotwendig sind. Aber die Steuerungswirkung der „unsichtbaren Hand“ ist genau das, was es jetzt braucht: Wenn jeder Gastwirt abwägt, ob es sich auszahlt, ein Heizschwammerl aufzustellen, auch wenn der Gaspreis sich vervierfacht, wird deren Zahl so oder so zurückgehen. Und wer es bei 23 Grad kuschlig warm haben möchte, muss dafür eben mehr Geld in die Hand nehmen. Das ist ein im Grunde fairer Mechanismus. Zwei Dinge braucht es dafür aber: Erstens muss sichergestellt sein, dass zumindest für private Haushalte ein leistbares Grundkontingent an Energie – nennen wir es das Existenzminimum – sichergestellt ist. Das ist die Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen. Zum anderen braucht es Transparenz: Wer Energie sparen will, sollte wissen, wofür er sie in den vergangenen Jahren ausgegeben hat. Smart Meter sind ein guter Ansatz, das nach und nach zu eruieren. Hier sind vor allem die Energieversorger gefragt, aufzuklären und Echtzeit-Daten für Verbraucher zur Verfügung zu stellen – und bei Bedarf individuell mit Rat zur Seite zu stehen, wenn jemand sparen will. Denn ein Markt lebt davon, dass alle die Details des Handels kennen. 76

JAKOB WINTER

Der Wilhelmsburger arbeitet als Journalist bei der „Kleinen Zeitung“.

So richtig es ist, dass die Europäische Union an den Sanktionen gegen Russland festhält, so falsch wäre es, wenn sozial benachteiligte Haushalte die massiven Preissteigerungen für Energie am stärksten zu spüren bekämen. Machen wir uns nichts vor: Die soziale Treffsicherheit der Ausgleichszahlungen wird letztendlich mitentscheiden, ob die europaweiten Sanktionen gegen die russische Wirtschaft in den freien Demokratien des Westens weiter mehrheitsfähig bleiben. Die von der österreichischen Bundesregierung geplante Strompreisbremse ist also im Grunde genommen durchaus sinnvoll, die Kritik am „Gießkannenprinzip“ aber zugleich mehr als berechtigt. Schließlich soll laut Plan jeder Haushalt, egal ob nun Singlewohnung oder Großfamilie, dieselbe Summe an Strom subventioniert bekommen, nämlich 80 Prozent eines durchschnittlichen Haushaltsverbrauchs. Das ist treffsicher – daneben! Immerhin könnte die Strompreisbremse aber dazu animieren, den eigenen Energieverbrauch kritisch zu hinterfragen. Denn wer mehr als ein Durchschnittshaushalt verbraucht, muss für den Mehrbedarf an Strom den aktuellen Marktpreis bezahlen. Und der wird – Preisbremse hin, Zuschüsse her – wohl weiterhin geschmalzen bleiben. Bereits jetzt macht sich ein Rückgang beim Energiebedarf bemerkbar. Das liegt zwar zum Teil an stillgelegten Betrieben. Aber eben auch an einem Umdenken der Verbraucher. Und noch einen positiven Nebeneffekt hat die Krise: Sie zeigt, wie zentral eine möglichst unabhängige Energieversorgung ist. Man muss längst kein radikaler Öko mehr sein, um den Ausbau erneuerbarer Energiequellen für sinnvoll zu erachten – auch wenn sich damit kurzfristig die aktuelle Versorgungskrise nicht lösen lässt. Bleibt zu hoffen, dass wir im Winter alle selbst entscheiden können, wie viel Energie wir sparen. Und nicht, dass wir durch Engpässe an Strom und Gas quasi von außen dazu gezwungen werden.


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DAS LUSTIGE BAUSTELLEN-LABYRINTH. Es war der Spielehit des Sommers – das lustige St. Pöltner Baustellen-Labyrinth, das heuer gleich mit drei kniffeligen Zusatzlevels aufwartete: Europaplatz, Josefstraße UND neue FUZO. Bereits jetzt genießt die 22er-Edition Kultstatus und wird unter Kennern „Supergau“ genannt. Nun – Lust bekommen auf ein Abenteuer? Dann probier es doch gleich aus. Aber Vorsicht. Nicht alle sind zurückgekehrt … wer einmal drinnen ist, findet nur schwer wieder raus! 78


Niemand weiß, was er kann, bevor er es versucht!

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