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IT’S THE LANGUAGE, STUPID!

aktuelle Ausdrucksmöglichkeiten. Neu daran ist, dass man tiefer als früher einen Momentblick in seine Seele gewährt, vielleicht unbewusst auch auf das, was ich gar nicht preisgeben möchte oder was der andere gar nicht so unbedingt von mir wissen möchte. Aber so ist es nun einmal. Das ist Beleg für die Lebendigkeit von Sprache und ihrer steten Veränderung. Wir beobachten etwa aktuell das Phänomen – wenn wir jetzt WhatsApp, SMS etc. betrachten – dass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit überhaupt Mündlichkeit in ein geschriebenes Medium überführt wird. Das gab‘s noch nie! Wir bemühen uns deshalb beim Österreichischen Wörterbuch, mittlerweile auch Chatverläufe zu analysieren und Wörter aus diesen aufzunehmen. Womit wir zu Ihrem „Hauptjob“ kommen. Sie sind ja Chefredakteurin des Österreichischen Wörterbuches. Was machen Sie da genau? Ich sammle und beschreibe Neologismen, also neue Wörter und neue Wortbedeutungen. Banal gefragt: Wo findet man die? Viele Worte kommen heute aus der IT-Branche, aus dem Prozessmanagement – das ist sozusagen das neue Ding. Auch aus der Medizin findet vieles rasch Eingang in den Sprachgebrauch, ebenso aus der Kulinarik. Nehmen wir zum Beispiel „Coffee to go“. Das verzweigt sich immer mehr – heute gibt’s auch schon das Weckerl to go etc. Das heißt, das „to go“ ist ein beliebtes Wortbildungselement, das damit aber auch die Grammatik des Deutschen an sich verändert und erweitert.

BESTSELLER. Das Österreichische Wörterbuch, das beim Österreichischen Bundesverlag erscheint, hält bei der 43. Auflage!

Menschen überhaupt und damit das Normalste der Welt. Woher kommt diese Scheu? Ich weiß es nicht. Ich konstatiere aber seit den 90er-Jahren einen sukzessiven Sprachverlust, damit einhergehend vor allem auch einen Diskursverlust. Jeder neigt dazu, sich eine fixe Meinung zu bilden – egal ob zu Anglizismen, zur Genderdebatte etc. – und steigt davon nicht mehr herunter. Es ist ein Zurückziehen aufs Individuum, in die eigene kleine Welt, nach dem Motto: „Der Rest der Welt ist mir wurscht.“ Das führt uns aber auch wieder zu den neuen Medien und die berühmten Echokammern, wo der Algorithmus mir nur mehr Informationen ausspuckt, die meinem Weltbild entsprechen. Sind also facebook, twitter & Co. schuld an der Misere? Nein. Die werden zwar aktuell gerne verteufelt und man stößt sich daran, wie schlecht die Leute sozusagen auf diesen Kanälen kommunizieren – nur „schlimm“ waren die Menschen in diesem Sinne schon immer. Das sind eben

Coffee to go ist im Österreichischen Wörterbuch – da werden Sprachpuristen aber aufheulen und das Ende des Abendlandes wähnen, oder? Natürlich werde ich von manchen Kreisen gekreuzigt, weil ich Anglizismen ins Österreichische Wörterbuch aufnehme, aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass sich Sprache entwickelt, dass das schlicht passiert. Sprachpuristische Tendenzen gab es aber schon immer – im 18./19. Jahrhundert bekämpfte man etwa französische Ausdrücke, jetzt sind es eben englische. Ich glaube, da schwingt auch viel Angst vor der Globalisierung mit – aber auch diese ist eine Tatsache, die sich eben in der Sprache niederschlägt. Ich würde mir da oft mehr Sachlichkeit und weniger Emotion wünschen, und man kann diese Einflüsse ja auch als Bereicherung begreifen. Das macht nun einmal die jeweilige Sprachidentität mit aus, da schlägt sich Kultur und Geschichte in der Sprache selbst nieder.

Ich glaube, dass es notwendig ist, dass wir sagen dürfen, was wir denken – im Bewusstsein, was wir damit tun. CHRISTIANE PABST

MFG 06.19

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MFG - Das Magazin / Ausgabe 70  

MFG - Das Magazin in hochwertiger Ausführung, durchgehend 4c auf aufgebessertem Papier mit attraktivem Content. Dies alles aus der Region, f...

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