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MFG URBAN

SANKT ISLAM IN ZEITEN DES TERRORS

GLAUBE. Was denn der richtige Glaube im Islam ist, hängt von der Religionsschule ab. Die zukünftige Ausbildung für Imame ist somit ein zentrales Thema für die Gemeinschaften.

immer die besten Nachbarn sind. Aber deswegen sind wir ja nicht integrationsunwillig. Und wenn wir anlässlich hoher Feiertage eine türkische Fahne aufhängen, dann hängt daneben die österreichische Fahne. Oft heißt es, dass im Islam die Frauen unterdrückt werden. Dabei hat der Islam sogar vor dem Christentum wesentliche Frauenrechte eingeführt. Die Rolle der Frau ist nicht vor einem religiösen Hintergrund zu sehen sondern eher vor einem sozioökonomischen. Wenn Gesellschaften reicher und gebildeter werden, dann geht das Patriarchalische eher verloren – das ist auch gut so. Unsere Gemeinschaft hier ist für Männer und Frauen, nur beim Beten gibt es, entsprechend dem islamischen Brauch, getrennte Räume für Frauen und Männer. Und wenn Sie hier in die Runde sehen und nur ältere Männer sehen, dann hat das eher mit der Uhrzeit zu tun. Die Frauen sind wohl zu Hause, betreuen Kinder oder Enkelkinder, während die Männer oft Schichtarbeiter sind und darum vielleicht gerade frei haben. Manche sind arbeitslos und finden hier gesellschaftlichen Anschluss. Am Wochenende ist der Frauenanteil gewaltig hoch, dann haben die Frauen das Kommando. Wir betonen auch immer, dass der Islam ein friedlicher Glaube ist. Wenn jemand Anschläge auf eine Zeitung 40

oder auf Juden verübt, dann kann er das nie mit dem Islam rechtfertigen. Der Islam ist gegen Gewalt, gegen Tötung. Der Islam akzeptiert alle Propheten und alle Religionen. Wir als Menschen haben darum auch nicht die Freiheit um uns über Propheten lustig zu machen, aus Respekt vor diesen! Aber daraus lässt sich nie eine Rechtfertigung für Gewalt ableiten! Über den 14-jährigen St. Pöltner Jugendlichen, der angeblich mit Extremismus sympathisiert hat und nun in U-Haft sitzt, können wir nichts sagen. Wir kennen ihn nicht, haben nur gehört, dass er wenig Ahnung vom Islam hatte und dann von Fremden auf eine falsche Ideologie angesetzt wurde. Aber wir würden ihn gerne bei uns integrieren, ihm vermitteln, was den Islam wirklich ausmacht. Man sieht, wie schnell es gehen kann, wenn jemand keine Ahnung hat. Bei unseren Mitgliedern kann so was nicht passieren, wir haben keine radikalen Gläubigen unter uns. Abschließend spreche ich mit Mehmet Mercan, Obmann und Seelsorger der St. Pöltner Aleviten-Gemeinde. Gegründet wurde der ehrenamtliche Verein 1988 mit 40 Mitgliedern, heute sind es ca. 600. Rund 1.500 Menschen in der Region zählen zur Alevitischen Glaubensgemeinschaft.

Der alevitische Glaube hat zwar die gleichen Wurzeln wie der Islam, jedoch trennen uns dann doch große Unterschiede. Wir denken, dass Gott in jedem Menschen wohnt, darum beten wir nicht in eine Himmelsrichtung sondern im Halbkreis uns selbst zugewandt. Es gibt keine Kleidungsvorschriften. Und zu den Machern von „Charlie Hebdo“: Die haben alle Religionen gleich kritisiert – das dürfen sie. Auch wenn ich bei den Karikaturen Verantwortungs- und Fingerspitzengefühl vermisst habe, so darf das doch nicht zu Gewalt führen! Die Finanzierung von Religionsgemeinschaften aus dem Ausland ist problematisch, da gab es in den letzten Jahrzehnten zu viel Glaubensdogmatik, zu wenig Einfühlungsvermögen in die lokale Community. Es haben zwar alle vom Dialog geredet, aber ihn nicht geführt. Ein schönes Beispiel für erfolgreichen Austausch zwischen den Religionsgemeinschaften ist das jährliche Fest der Begegnung, das Sepp Gruber organisiert. Da kommen alle zusammen und haben mal einen Anlass, sich auszutauschen. Erleben Menschen aber, dass sie ausgegrenzt werden, laufen sie eher Gefahr, sich zu radikalisieren. Das sieht man derzeit leider an allen Ecken. Natürlich wird es auch in St. Pölten Sympathisanten für radikale Ideen geben. Wir plädieren darum dafür, dass man Kinder religiös bildet. Wir sagen: Bringt sie zum Religionsunterricht, damit sie eine Ahnung haben! Wer seinen Glauben nicht kennt, der ist anfällig für Extremisten. Der arme 14-jährige Schüler wurde von Fanatisten sogar zum Feind seiner eigenen Volksgruppe gemacht. Er hat alevitische Wurzeln, sympathisiert aber nun angeblich mit dem sunnitschen IS, der der Reihe nach Aleviten abschlachtet. Das Gelingen von Integration ist das Eine, das Überwinden von Angst und Vorurteilen das Andere. Ein ehrliches Gespräch zwischen Menschen mit unterschiedlichem Glauben und Background kann dabei die Welt verändern. Man muss sich nur trauen!

MFG - Das Magazin / Ausgabe 53  

MFG - Das Magazin in hochwertiger Ausführung, durchgehend 4c auf aufgebessertem Papier mit attraktivem Content auf mindestens 56 Seiten. Die...

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