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SANKT ISLAM IN ZEITEN DES TERRORS

zuerst einig sein, was damit gemeint wird. Wenn wir beispielsweise an die heftig diskutierte Gruppe der Tschetschenen denken – ja, mit denen tun wir uns auch oft schwer. Da gibt es tatsächlich öfters Reibereien, man hat den Eindruck, sie reagieren schnell provoziert. Aber wenn man sich die traumatischen Kriegserlebnisse dieser Menschen vorstellt, dann versteht man sie vielleicht auch etwas besser. Uns fällt auf, dass tschetschenische Kinder unglaublich schnell deutsch lernen, sie sind sehr gut in der Schule, tschetschenische Frauen nehmen sehr aktive Rollen ein – alles berechtigte Forderungen, wenn es um Integration geht. Generell lassen sich viele Probleme über Bildung in den Griff bekommen. Aufeinander zugehen, keine Angst voreinander haben. Einfach den anderen respektieren. Unsere Reise ins muslimische St. Pölten bringt mich als nächstes nach Unterwagram. Hier ist im Jahr 2000 ebenfalls ein sunnitisches Zentrum mit Moschee entstanden. Ahmet Soylu ist ein stellvertretender Sprecher des Vereins „Osman Pasa“, er berichtet aus dem Vereinsleben und übersetzt die Meinung von Imam Mithat Pinar, der ebenfalls am Gespräch teilnimmt, jedoch nicht Deutsch versteht. Unser Verein will nicht nur Räume zum Beten bieten, sondern ist auch im Hinblick auf Sport-, Kultur- und Jugendarbeit tätig. Zudem sind wir ein Hilfsverein, wenn mal jemand in Not gerät. Dabei sind wir immer auf freiwillige Spenden angewiesen, öffentliche Förderungen würden wir zwar brauchen, bekommen wir aber leider nicht. Wir sind ein unabhängiger Verein mit rund 200 Mitgliedern, jedoch könnten wir uns ohne fremde Hilfe unseren Vorbeter, den Imam, nicht leisten. Jetzt haben wir folgende Lösung gefunden: Unsere Mitglieder tragen die Kosten für den Imam in Österreich, der türkische Staat übernimmt die Kosten für die Versicherung des Imams und die Versorgung seiner Familie in der Türkei. Wenn das in Zukunft nicht möglich wäre, wäre das

WURZELN. Die türkischen Wurzeln sind in der Osman-Pasa-Moschee nicht zu übersehen. Doch warum sollten sie deswegen nicht integriert sein? Was verlangt Integration?

für uns ein großes Problem, darum sehen wir auch das neue Islamgesetz mit gemischten Gefühlen. Auch wenn uns vieles noch unklar ist, so erwarten wir dennoch Vor- und Nachteile. Dass Imame in Zukunft in Österreich ausgebildet werden, ist ja an sich eine gute Idee. Wir haben aber die Sorge, dass der vermittelte Islam nicht dem entspricht, was unsere Glaubensrichtung ausmacht, dass also der Islam aus unserer Sicht nicht richtig gelehrt wird. Im Islam gibt es verschieden Religionsgelehrte mit unterschiedlichen Perspektiven – auch wenn die Richtung sozusagen gleich ist, so gibt es doch wichtige Unterschiede für uns. Das Zusammenleben mit anderen muslimischen Glaubensrichtungen oder anderen Religionsgemeinschaften läuft problemlos. Wir akzeptieren jede religiöse Auffassung, die Menschen für sich wählen. In unserem Verein haben fast alle Mitglieder türkische Wurzeln. Das ist zwar kein Kriterium, aber es hat sich halt so im Laufe der Zeit ergeben. Darin unterscheiden wir uns auch zur Mevlana-Moschee. Natürlich haben wir auch die Diskussionen rund um die Politisierung des Islams und

um die Präsidentenwahl in der Türkei verfolgt. Warum sich österreichische Politiker und Medien da so aufregen, ist uns aber nicht klar. Die Leute verfolgen halt, was in der Türkei basiert. Vor ein paar Jahrzehnten war das Land arm. Viele Türken sind mit der Politik von Erdogan zufrieden. Gerade die dritte Generation ist aber weit davon entfernt, dass sie in die Türkei zurückkehren möchte – für die spielt die türkische Politik keine Rolle. Auch wir hören oft Vorwürfe zur Integrationswilligkeit. Da muss man aber mal feststellen, dass Integration ja kein deutsches Wort ist. Was heißt denn Integration genau? Jeder versteht was anderes darunter. Wir sind unserer Meinung nach wirklich sehr gut in die österreichische Gesellschaft integriert – aber es kann schon sein, dass einer unserer Nachbarn das ganz anders sieht. Denen sind wir vielleicht zu laut. Das verstehe ich auch, wenn bei uns hundert Leute ein Fest feiern, dann ist es natürlich laut. Wenn unsere Kinder am Nachmittag spielen, dann sind sicher auch welche zu laut. Wir im Morgenland gelten halt eher als Abendmenschen, das mag auch ein bisschen mitspielen, dass wir nicht MFG 02.15

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MFG - Das Magazin / Ausgabe 53  

MFG - Das Magazin in hochwertiger Ausführung, durchgehend 4c auf aufgebessertem Papier mit attraktivem Content auf mindestens 56 Seiten. Die...

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