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HOLGER ADAM TEXT LAURENT ORSEAU FOTO

Jeder nach seinen Möglichkeiten ... Aus Saarlouis in die Welt. Datashock veröffentlichen mit »Pyramiden von Gießen« auf Dekorder ihren großen Wurf. Zeit, die Band und ihr Umfeld unter die Lupe zu nehmen. In Übersee pfeifen es die bekifften Spatzen schon seit ein paar Jahren von den Dächern – denn sie empfangen extraterrestrische Signale aus kosmischen Weiten: Krautrock ist zurück. Ob er je weg war, dieser Frage soll sich widmen, wer seit 1970 mit seinem »Phallus Dei« ins Bett geht ... Unübersehbar jedoch bleibt die seit einiger Zeit um sich greifende internationale Renaissance eines musikalischen Sonderwegs, der Ende der 1960er Jahre in Deutschland eingeschlagen und in der Rückschau (durch die Punk-Brille) oftmals als Irrweg wahrgenommen wurde. New Weird America, »No Fun Fest« und die Folgen Experimentierende und ins Psychedelische neigende Formen einer teils kollektiven musika86 I 12

lischen Praxis schießen, wenn auch der Hype um das so genannte »New Weird America« schon wieder ein paar Jahre zurückliegt, weiterhin wie halluzinogene Pilze aus dem Boden und veröffentlichen Myriaden von Tapes, CD(-R)s und LPs auf kleinen und Kleinst-Labels von Chocolate Monk und Reverb Worship bis hin zu Three Lobed, Not Not Fun und Blackest Rainbow, um nur einige zu nennen. Im deutschsprachigen Raum führen solche musikalischen Phänomene paradoxerweise ein Schattendasein, sind eher Gegenstand eines hoch spezialisierten Interesses als Thema von Musikzeitschriften. Allerdings ist diese Form der Nichtbeachtung für viele hierzulande marginal erscheinenden musikalischen Strömungen eben zuallererst ein Effekt der einäugigen Orientierung »marktführender« Popjournaille an einem immer

weniger profitträchtigen kulturindustriellen (Indie-) Mainstream. Aber das nur am Rande. Datashock bestehen seit 2003, dem Jahr der Taufe des erwähnten New Weird America durch »Wire«. Ein paar Punk- und Hardcore-Musiker stellten die Gitarren in die Ecke ihres selbstverwalteten Jugend­zentrums und deckten sich mit Effektgeräten, billigen Keyboards und anderem Elektroschrott ein. »Noise machen« hieß das Gebot der Stunde, gerne auch mit Manifest und als »experiment besides Hardcore mainstream«, so ein damaliges Statement. Alle waren schwer genervt von herrschenden Genrekonventionen und der damit verbundenen Vernageltheit und wollten »was anderes«, Freieres – hoffentlich. Das hat in den vergangenen acht Jahren, seit Datashock bestehen, hervorragend funktioniert.


Der Kreis involvierter Akteure hat sich beständig erweitert. Internationale Bekanntschaften wurden gemacht, im Ausland getourt (unter anderem mit den befreundeten amerikanischen Time Life) und, eher sporadisch, Auftritte in Deutschland (z. B. beim letztjährigen Avantgarde-Festival der norddeutschen Faust in Schiphorst) gespielt, Platten in Frankreich (Textile), Italien (Qbico) und auf dem eigenen Meudiademorte-Label veröffentlicht – daneben ein gutes Dutzend Tapes und CD-Rs, ebenfalls fast weltweit, gewissermaßen. Soweit zur groben Einordnung und zur historisierenden Lobhudelei einer handvoll schräger Vögel. Gruselkraut made in Saarlouis Aus der anfänglichen Absetzungsbewegung weg von jugendkulturellen Allgemeinplätzen entwickelte sich das Interesse an vergangenen und gleichzeitig über die Gegenwart hinausweisenden und weniger vereinnahmten, gegenkulturellen ästhetischen Traditionen, von denen Krautrock nur eine ist. So stellen auch Dadaismus, klassische moderne Avantgarde (Stockhausen, Kagel), Industrial (Throbbing Gristle), Noise, Geräuschmusik (Smegma, Wolf Eyes), Fluxus oder die Genialen Dilettanten Inspirationsquellen dar, ebenso wie Delta-Blues, »Miami Vice«-Soundtracks und »Sesamstraße«. All das wird von Datashock nicht bloß autoritätsgläubig wiedergekäut, sondern zerkaut, verdaut und wieder ausgeschissen. Und so klingen sie auch nicht wie die Summe ihrer Inspirationsquellen – sondern wie: Datashock, und das nennen sie mit einem Augenzwinkern »Gruselkraut«, womit sowohl treffend bestimmte geisterhafte Qualitäten ihres leicht flüchtigen Sounds bezeichnet sind, als auch die Möglichkeit des Scheiterns ironisch auf den Punkt gebracht wird. Manchmal sind ihre Live-Gigs eine »gruselige« Angelegenheit, denn die kollektiven Improvisationen konfrontieren Band und Publikum mit der Möglichkeit des Versagens, des uninspirierten Herumdaddelns. Die Voraussetzung, um den Mut aufzubringen, live on stage zu improvisieren (auch auf die Gefahr des Misslingens hin), der Kitt, der Datashock zusammenhält, ist Freundschaft. Datashock ist in diesem Sinne keine Band. Sie ist vielmehr die freie Assoziation nicht ganz so freier Individuen oder, anders: ein verlängerter Kindergeburtstag unter verschärften Rahmenbedingungen. Der Kern der MusikerInnen kennt sich seit gemeinsamen Schultagen, und die Band ist nicht zuletzt Vehikel, sich zu treffen, Musik zu machen oder einfach gemeinsam Zeit zu verbringen (gebechert wird bei solchen Gelegenheiten dann auch ganz ordentlich). So erklärt sich – nicht bloß aufgrund von morgendlichem Kater –, warum die Band als Ausdruck von Freundschaft gelegentlich so träge ist und unter Umständen in monatelangen Schlaf verfällt: Über Städte wie Berlin und Köln sowie das Saarland verstreut, mit Jobs und Studium beschäftigt, wird eben nur nach Maßgabe der Zeit, die jeweils alle Beteiligten haben oder sich nehmen können, Musik gemacht.

So entstanden die Aufnahmen zum aktuellen Album nicht zufällig zwischen Weihnachten und Neujahr. »Zwischen den Jahren« hatten alle Zeit und trafen sich in der Oetinger Villa in Darmstadt, um live einzuspielen, was im März 2011 als »Pyramdien von Gießen« auf dem Hamburger Dekorder Label erschienen ist, einem idealen Zuhause für die eigenwillige und originelle Platte. »Wenn keiner dem anderen zuhört … « »Pyramiden von Gießen« klingt oberflächlich nach Krautrock und kann in dem oben angerissenen Kontext zwischen New Weird America und anderen neueren psychedelischen Experimenten problemlos eingeordnet werden. Sowenig dieses Ergebnis Zufall ist, so wenig ist es von vornherein enggeführt mit dem eingangs erwähnten wieder­ erwachten Interesse an kosmischer Musik. Es gibt im Grunde kein ästhetisches Programm, das dann nur noch kollektiv umgesetzt werden müsste. Eher ist es umgekehrt so, dass das kollektive Musik­ machen als Ausdruck von Freundschaft bestimmt wohin die gemeinsame Reise geht: Jeder nach seinen Möglichkeiten – durchaus tagesform­ abhängig. Daher ist es erfahrungsgemäß so, dass – da stets ohne Netz und doppelten Boden improvisiert wird – Konzerte ziemlich ­bescheidene Eindrücke hinterlassen oder euphorische ­Reaktionen hervorrufen. Eher »so mittelgut« sind DatashockGigs selten. Aber zurück zur Platte, zurück zur Session, die als Veröffentlichung dokumentiert, was Ruth-Maria Adam, Christian Berghoff, Sebastian Haas, Pascal Hector, Ronnie Oliveras, Martina Ripplinger und Jan Werner zum Jahresende 2009 in traumwandlerischer Sicherheit als musikalischen Ausdruck ihrer gegenseitigen Aufmerksamkeit und mit Hilfe von Jan Stütz (alias Kolter) aufgenommen haben. »Wenn keiner dem anderen zuhört«, das ist immer klar, »dann scheitert der ganze Prozess.« Tut er aber nicht: »Pyramiden von Gießen« beinhaltet achtzig Minuten überwiegend ruhig vor sich hinfließende psychedelische Musik. Glöckchen und Flöten, die einem die No-Neck Blues Band in Erinnerung rufen, und atonales Geigenspiel sitzen

auf Synthesizer-Klangteppichen zwischen Berliner Schule und John Carpenter, darüber eine BluesGitarre, die scheu ihre Vorliebe zu den Black Keys verrät – und in all dem eingelagert: geisterhafte Gesangsspuren, elektronische Kleinigkeiten und ein Schlagzeug im Hintergrund, das darauf lauert, die in Träumen hängende Meute aufzuscheuchen und vor sich herzujagen, was zum Höhepunkt der Platte, dem abschließenden siebzehn Minuten langen »Schlupp vom grünen Stern« vortrefflich gelingt. Wie gut der Spagat zwischen den sehr unterschiedlichen Einflüssen bzw. musikalischen Vorlieben und Ausdrucksweisen der Freunde gelang, hat sie selbst überrascht, und umgehend wurde die ursprüngliche Idee, die Ergebnisse der Aufnahme-Session auf verschiedenen Labels und in unterschiedlichen Formaten zu veröffentlichen, verworfen. Das vorliegende Doppelalbum ist ein Statement. Doppel-LP in Vierfarb-Gatefold-Cover mit exklusiven Linernotes von Cut-Up-Literat Jürgen Ploog. Dessen Beitrag ist wiederum Resultat der Lektüre von Ingeborg Schobers Amon-DüülBuch »Tanz der Lemminge«, in dem indirekt auf den in Frankfurt lebenden Autor hingewiesen wird, der die Münchner Band in seiner Wohnung in den späten 1960er Jahren ein paar mal beherbergte. So ein literarisch begabter Szene-Herbergsvater – der u. a. auch mit William S. Burroughs befreundet war und ihn früh hierzulande bekannt machte – war natürlich der Wunschkandidat für die Liner­ notes. Der mittlerweile ­sechsundsiebzigjährige Ploog wollte auch prompt mit von der Partie sein und lädt nun unter anderem ein: »Komm mit, Fremder, ich werde dich auf einen Raketenausflug mitnehmen.« »Pyramiden von Gießen« ist Data­ shocks Opus magnum, ihr Voyager Golden Record, das hoffentlich nicht nur ein paar Aliens zu Ohren bekommen.

Datashock: »Pyramiden von Gießen« (Dekorder, 2010) 86 I 13


Datashock - Article in Skug #86