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METROLIT Magazin Nr. 2 / herbst 2013

BIG CITY DREAMS Wieso Stadtluft noch immer frei macht Männerjagd in Manhattan Die grandios schimpfende Sheila Levine Nachtleben Berlin Das große Bilderbuch zur Party In Haut geschrieben Das wilde Leben des Ed H.


editorial

Im Dschungel

Städte sind lesbar. Es ergeben sich spannende und in jeder Hinsicht relevante Fragen: Was machen einzelne Viertel und Straßen mit uns? Wo sind die Se­di­mente der Vergangenheit besonders dicht gelagert, wo spuken die Geister längst vergangener Kämpfe, wo bilden sich Brachflächen, die mit neuem Leben geflutet werden können – kurz: Welche spezifische Praxis bringen Städte hervor? Es sind diese Fragen, denen sich das zweite Metrolit-Magazin widmet. Gewissermaßen löst es damit ein Versprechen ein, das der Verlag Metrolit schon im Namen trägt: Literatur über – und für die große Stadt zu machen. Zum Beispiel Berlin. Dass die deutsche Hauptstadt schon seit etwa zehn Jahren eine unheimliche Anziehungskraft auf die jungen Künstler, Musiker und Hänger (kurz: auf die gute alte Bohème) ausübt, ist hinlänglich bekannt. Umso erstaunlicher ist, dass es bisher kaum literarische Beschreibungen dieses Milieus gibt. Zumindest bisher. Der junge französische Autor Oscar Coop-Phane, der in seiner Heimat als wahrhafter Poète maudit gefeiert wird, lebte in der Welthaupt­stadt der Party und schrieb darüber einen ebenso romantischen wie glasklar-analytischen Roman: »Bonjour Berlin«. Auf Seite 34 dieses Magazins stellen wir Autor und Werk vor, erklären aber auch, wieso so viele der Berliner Bohèmiens – im Gegensatz zu Coop-Phane – lieber von ihren Projekten reden, als sie zu verwirklichen … Mit dafür verantwortlich ist natürlich das unglaubliche Berliner Nachtleben. Dass dieses auch schon vor Berghain-Zeiten wild und exzessiv war, zeigt sehr anschaulich ein Buch mit dem sprechenden Titel »Nachtleben«. Darin versammeln die Herausgeber bisher unveröffentlichte Bilder aus der Berliner Nacht, von den frühen 1970er Jahren bis heute. Dazu Texte über die einschlägigen Etablissements, ein kleines Best-of ist ab Seite 10 zu lesen. Ein ebenso sehr einschlägiges Etablissement ist die »Victoria Bar«, in der man nicht nur die besten Cocktails der Stadt trinken, sondern auch Seminare über das gepflegte Trinken besuchen kann. Ein Porträt des charismatischen Wirtes findet sich auf Seite 48. Dass Berlin – neben vielen anderen Städten – auch ein Hotspot des Gypsy Sounds ist, zeigt Dotschy Reinhardt in ihrem Buch »Everbody’s Gypsy«. Auf Seite 43 gibt sie eine kleine Einführung in diese oft missverstandene Kultur. Eine Entdeckungsreise ganz anderer Art bietet das Buch »Blutsbrüder« von Ernst Haffner. Haffner, in den 30er Jahren Journalist in Berlin, berichtet darin über das harte Leben der Berliner Straßenjungs, die Mitte und Neukölln durchstreiften, lange bevor es da hip wurde. Metrolit legt das komplett vergessene Buch Haffners nun wieder auf, in einem Feature auf Seite 7 ist über das geheimnisvolle Schicksal des Autors zu lesen – und über die Kontinuität der Berliner Jugendkultur.

Ebenfalls ein Stück historische Vergangenheit erzählt die Graphic Novel »17. Juni – Die Geschichte von Armin und Eva« – den Kampf der Hennigs­dorfer Stahlarbeiter gegen das DDR-Unrechtsregime, mehr dazu auf Seite 52. Eine andere Metropole, New York, genauer Manhattan, steht im Mittelpunkt von Gail Parents sehr witzigem Roman »Sheila Levine ist tot und lebt in New York«. Darin beschreibt die Grande Dame des amerikanischen Humors das trostlose Leben ihrer Heldin Sheila, die an den Männern und ihrer etwas zu großen Nase verzweifelt (Auszüge auf Seite 22). Der eigentliche Star des Romans aber ist die Stadt – das Manhattan der 1970er Jahre. Einige Kilometer entfernt, einige Jahre später – in der Bronx der frühen 1980er Jahre – elektrifizieren junge DJs Hip-Hop. Als Soundvorlage diente hierbei die Musik der Düsseldorfer Elektropioniere von Kraftwerk. Auf Seite 25 unterhalten wir uns mit dem Kraftwerk-Biografen David Buckley und dem Autor und Kraftwerk-Fan Thomas Meinecke über Düsseldorfer Nerdigkeit und transatlantische, äußerst ergiebige Missverständnisse. Dass Kraftwerk zwar am Anfang gar nicht begeistert von der Bronx-Version ihrer Musik waren, dass auf diese Weise aber etwas grandios Neues entstand, würde auch dem Autor Dirk von Gehlen gut in den Kram passen, der mit »Eine neue Version ist verfügbar« ein Plädoyer für die Verflüssigung der Kultur in Zeiten der Digitalisierung schrieb. Auf Seite 40 erklärt er seine Thesen an­hand von Popsongs. Natürlich ist nicht jeder Metrolit-Titel ein GroßstadtBuch. Etwa die grandiose Ed-Hardy-Biografie, in der die Trash-Ikone Ed Hardy, der eigentlich ein Großmeister der Tätowierkunst ist, seinen langen Weg aus der kalifornischen Subkultur auf das Basecap von Paris Hilton erklärt. Aber für alle Metrolit-Bücher, genauso wie für dieses Magazin, gilt: sie sind einem gewissen Lebensgefühl auf der Spur: Schnelligkeit, Gefahr, Dichte. Welcome to the Jungle.

Viel Spaß beim Lesen: Ihr METROLIT-Team

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inhalt

S. 04

S. 42

Frauen schauen in Abgründe Mary Miller bringt das abgeklärte Lebensgefühl junger amerikanischer Mädchen auf den Punkt.

Sexy Fiedler ade Dotschy Reinhardt über Gypsy Pop und die nervigen Klischees, die sich bis heute halten.

S. 16

S. 44

Unlösbare Fesseln Die Graphic Novel »Auf dem Drahtseil« entführt in die dunkel schimmernde Welt der amerikanischen Schausteller.

Der Menschen-Versteher Keiner bringt den Berliner Humor so gut auf den Punkt wie der Pfundskerl Martin »Gotti« Gottschild.

S. 46 S. 24

Dramen im Sündenpfuhl Partys mit den Gangstergrößen, Filmsets im nuklearen Fallout: Javier Márquez Sánchez lässt die Halbwelt von Las Vegas wieder aufleben.

Die wichtigste Band der Welt Pop-Revolution made in Düsseldorf. Ein Nerdgespräch mit Thomas Meinecke.

S. 28

S. 48

In fremden Betten Die Künstlerin Naomi Schenck fotografiert fremde Wohnungen und füttert den Voyeur in uns.

Der Hauch des Intellektuellen Auch Trinken will gelernt sein. In der Berliner Victoria Bar lernt man alles über Whiskey, Gin und Co.

S. 30

S. 50

Die Stadtneurotikerin Gabrielle Bell, die einen Roman über das Lebensgefühl New York gezeichnet hat, erklärt uns ihre Stadt.

Hund auf Trip Retrofuturismus at its best: Plastic Dog erlebt in einer bunten LSD-Welt wilde Abenteuer.

S. 52 S. 34

Auf den Barrikaden Eine vergessene Geschichte aus der gescheiterten Revolution gegen den DDR-Unrechtsstaat.

Sehnsuchtsort der Hänger Oscar Coop-Phane schreibt den Berliner Bohème-Roman. Wir erklären, warum das nicht schon früher passiert ist.

Impressum

S. 36

HERAUSGEBER Metrolit Verlag GmbH & Co. KG Prinzenstraße 85, 10969 Berlin www.metrolit.de PROJEKTLEITUNG Lars Birken-Bertsch

Das Wanderkino Volker Gerling wandert durch Deutschland – ohne Geld aber mit Daumenkinos. Er erklärt uns, wieso.

REDAKTION Nansen & Piccard, München REDAKTIONSLEITUNG Paul-Philipp Hanske AUTOREN Vera Bachmann, Paul-Philipp Hanske, Tobias Moorstedt, Klaus Raab, Benedikt Sarreiter

S. 38 Vive le Dandy! Lord Whimsy hat viele Style-Tipps für den exzentrischen Gentleman. Vor allem aber lebt er das Dandytum selbst.

KONZEPT UND KREATION Meiré und Meiré, Köln

S. 40

BILDNACHWEISE Umschlag © Ed Hardy (Future Plans '67), Henning Wagenbreth

Liquid Future Der Digital-Vordenker Dirk von Gehlen erklärt uns die Kultur der Zukunft anhand von Musikstücken.

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Seite 1 © Henning Wagenbreth Seite 6 © ullstein bild – Süddeutsche Zeitung Photo /Scherl Seite 8 © Timeline Images Seite 16 /17 © James Vance, Dan E. Burr Seite 18 /19 /21 © Ed Hardy / Don Ed Hardy Archive/Hardy Marks Seite 22 © Joel Meyerowitz Seite 24 © Getty Images Seite 30 /31 © Gabrielle Belle Seite 35 © Constance Gournay Seite 36 /37 © Volker Gerling Seite 38 © Plankton Art Co. Seite 39 © Lord Whimsy Seite 42 © Meiré und Meiré Seite 44 /45 © Martin Gottschild Seite 47 © Getty Images Seite 50 /51 © Henning Wagenbreth Seite 52 © Kitty Kahane DRUCK Druckhaus Berlin-Mitte STAND Mai 2013


metrolit

No Future 1932 Ernst Haffner schreibt über die desparate Berliner Jugend der Zwischenkriegszeit. Wir erklären, was daran gerade heute so interessant ist.

S. 06 In Haut geschrieben Heute steht Ed Hardy für Trash Chic. Aber eigentlich ist der Tätowierer ein wahrer Repräsentant der kalifornischen Subkultur.

Helden der Nacht Das Berliner Nachtleben ist nicht erst seit dem Berghain wild. Wir zeigen eine Anthologie des Exzesses, von Bowies Berlin bis heute.

Kein Sex in der City Keine schimpft so schön wie sie: Sheila Levine, eine der witzigsten Figuren der amerikanischen Literatur, ist zurück.

S. 10

S. 22 3


Mary miller

Frauen schauen in Abgründe Mary Miller schreibt schonungslos über Liebe, Gewalt und familiäre Fäulnis. Nun erscheint ihr erster Roman »Süßer König Jesus«. die ihrer Sitznachbarin im Flugzeug von Massenvergewaltigungen vorschwärmen, und von Frauen, die von Erniedrigung träumen und den Versprechen der Welt ernüchtert gegen­­überstehen. Mary Miller steht in dieser Tradition amerikanischer Frauenliteratur, zu der neben Mary Gaitskill auch Beth Nugent gehört, deren mittlerweile vergriffener Roman »City of Boys« Millers Lieblingsbuch ist. Über sie sagt Miller: »Ich verehre Nugent aus mehreren Gründen. Ihre Texte sind gleichzeitig abstrakt und präzise; sie haben eine ätherische, zeitlose Qualität. Sie schreibt über isolierte Charaktere, und als ich sie das erste Mal las, fühlte ich mich sehr allein. Das verband mich mit ihr.« Nugents und auch Millers Figuren sind Menschen, die sich nach familiärer Wärme sehnen – aber unter der Oberfläche immer etwas Faulendes finden. Ihre Texte folgen einer Spielart von Literatur, die das Magazin Granta Anfang der 80er Jahre »Dirty Realism« nannte. Literatur, die »subtil, ironisch, manchmal grausam und sehr eindringlich« von den Untiefen der menschlichen Existenz berichtet. In Mary Millers Roman »Süßer König Jesus« fahren zwei Schwestern, die eine 14 und von der ersten Liebe träumend, die andere 17 und heimlich schwanger, mit ihren katholischen Fundamentalisten-Eltern dem angeblich drohenden Weltuntergang entgegen. Kalifornien ist der Sehnsuchtsort für die Apokalypse, die natürlich nicht eintritt, was aber nicht heißt, dass es in dieser Geschichte kein Verderben gibt. Denn die Familie ist tief gespalten. Auf der einen Seite die bigotten Eltern, auf der anderen zwei Lolitas mit Sonnenbrillen und erwachender Lust auf sexuelle Zügellosigkeit. Die Mutter versucht mit Gebeten gegen die Rebellion ihrer Töchter anzukämpfen, die sich aber vor der Strafe Gottes nicht fürchten. Elise, die Ältere, verschwindet mit Männern und kehrt wieder zurück, als sei nichts gewesen. Jessie, die Erzählerin, schwelgt in Tagträumen von einem Jungen, der sie liebt. Sie ist aber so klug wie Mary Gaitskill und weiß, dass Romantik nur ein schales Versprechen ist. Die jungen Frauen glauben nicht an ein gutes Ende und sind trotzdem zuversichtlich, denn sie finden sich in der White-Trash-Welt, die sie umgibt, zurecht. »Du musst sie ignorieren, um sie nicht zu ermutigen«, sagt Elise über ihren Umgang mit Männern. Wenn man einmal erkannt hat, dass das Leben und die Leute böse sind und kaum Raum für Geborgenheit bieten, passt man sich an, verschwendet keine Gefühle mehr. Es lebt sich dann unbeschwerter, gleichgültiger, vor allem Männern gegenüber, die

David Kramer, My People, 2012

Mary Gaitskill, die große amerikanische Autorin mit dem kühlen Blick auf das Rätselhafte des Menschseins, deren Kurzgeschichte »Secretary« Vorlage für den gleichnamigen SM-Liebesfilm mit Maggie Gyllenhaal war, sagte einmal: »Romantik kann ziemlich scheußlich sein. Man kann etwas bis zu einer grotesken Verzerrung romantisieren, so weit, dass es ekelhaft wird. Natürlich kann es auch schöne Aspekte für die romantisierende Person geben, aber meistens wird es übertrieben. Wenn man etwas idealisiert, überhöht man die guten Dinge, aber das andere Zeug verschwindet nicht, man blockt es ab, und irgendwann tritt es dir trotzdem in den Arsch.« Eine trockene Betrachtung, die auch von einer der Figuren Mary Millers stammen könnte. Liebe ist nie bedingungs­ los, das Leben voller Abgründe. Gaitskill schrieb von Männern,

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Süsser könig jesus

von Mary Millers Frauen für ihre Zwecke benutzt werden, mit denen sie aber kein gemeinsames Leben mehr planen. Mary Miller sagt, dass die Männer in ihren Geschichten »unerreichbar, abartig und klischeehaft« sind, und sie fügt an: »Ich liebe viele Männer: meinen Vater, meinen Bruder, meinen Freund, meinen Exmann. Ich bin keine Männer­ hasserin. Meine Geschichten widersprechen dem aber. Denn mir ist auch bewusst, dass Männer Angst in die Welt bringen. Frauen fürchten sich vor ihnen und das aus gutem Grund: Männer gehen in Lebensmittelläden und töten die Angestellten, sie vergewaltigen uns, laufen Amok und erschießen Kinobesucher. Sie machen so viele schreckliche Dinge, die Frauen einfach nicht tun. Ich habe nie Angst, wenn eine Frau nachts hinter mir läuft.« Es gibt keine Mr. Rights in Millers Geschichten, nur Mr. Wrongs, mit denen man aber auch um des Spaßes willen, halbgaren Pornosex haben kann. Der Sound der 35-Jährigen ist hart, schonungslos, reflektiert, nie wertend und erinnert in Ästhetik und Milieu an die Filme von Harmony Korine, die die Halbwelt und das Kaputte feiern. Doch im Gegensatz zu Korines Teenager-Mädchen in seinem letzten Film »Spring Breakers« wären Elise und Jessie zu unsicher, um eine marodierende, raubende Girls-Gang zu bilden. Es liegt nahe, Mary Miller zeitdiagnostisch zu lesen. Wir leben in einer Welt der Krisen, viele werden ärmer, wenige reich, der »pursuit of happiness« ist zur Flucht vor der Zukunft in die Ziellosigkeit geworden, vor der uns auch die Liebe

nicht bewahren kann. Die Neurosen der Gegenwart speisen sich aus klassischen First World Problems (»Reicht das Geld aus den prekären Jobs für die begehrten Markenklamotten?«) und Sex ist keine Erfüllung und schon gar keine Rebellion mehr, sondern ein glückloses Rumgereibe, dem die Differenz zum Hochglanzsex doch immer bitter eingeschrieben ist. Ganz so, wie es in Lena Dunhams HBO-­Erfolgsserie »Girls« nachzusehen und in Ansätzen auch bei Mary Miller nachzulesen ist. Doch letztendlich geht es bei Mary Miller um viel mehr: Ihre Geschichten sind abgekoppelt von der Zeit, in der sie spielen – denn sie behandeln ohne Milde eine schmerzliche, immerwährende Frage des Menschen: »Verdammt, ich bin allein. Wie stelle ich die Verbindung her?« Miller wühlt tief im Seelenleben ihrer Figuren, sie schreibt direkt über die Schmerzen und ja, auch über die Freuden des Lebens. Es ist hellsichtige Literatur, bei der man nickt, wenn man sie liest: Ja, so ist es. Sie macht sich frei von allen Zuschreibungen, aber versteckt nicht die Perspektive, mit der sie verfasst wurde. Es sind die Erkenntnisse einer Frau, die keine Angst hat, sich zu öffnen, um die dunkelsten Begierden zu offen­baren. Denn nichts ist, wie es scheint. Zum Künstler David Kramer wurde 1963 geboren und wuchs überwiegend auf einer Insel an der Mündung des Hudson River auf. Von New York aus macht Kramer Witzeleien über die seiner Meinung nach offensichtliche Unmöglichkeit des Amerikanischen Traums. Und so blickt Kramer optimistisch gen Westen und sehnt sich nach dem Hollywood-Happy-End, das alle Probleme löst und alle Wünsche erfüllt – wenigstens für ein, zwei flüchtige Momente. Kramer ist einer der Lieblingskünstler von Mary Miller. Seine Bilder sind von einem ähnlichen Gefühl geprägt wie Millers Texte. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Galerie Laurent Godin, Paris

Mary Miller Süßer König Jesus — Roman Aus dem Amerikanischen von Alissa Walser Ca. 288 Seiten, geb. Ca. 19,99 EUR (D) / 20,60 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0311-2 September 2013

Zwei Lolitas auf dem Rücksitz, die eine voller sexueller Neugier, die andere heimlich schwanger. Am Steuer: die religiös-fundamentalistischen Eltern auf ihrem Weg nach Kalifornien – dem Weltuntergang entgegen. Ein Buch von literarischer Wucht mit einem Plot, den sich die Coen-Brüder nicht besser hätten ausdenken können.

David Kramer, Personal Jesus, 2012

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Ernst haffner

No Future 1932

Jugendliche Arbeitslose in Berlin, 1930

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Blutsbrüder

Banden, Gewalt, Armut: Ernst Haffner beschreibt in seinem intensiven und unter die Haut gehenden Roman von 1932 die prekären Verhältnisse Berliner Jugendlicher in der Zwischenkriegszeit. Einiges erinnert daran an heute. Nicht nur deshalb ist dieses Buch eine großartige Wiederentdeckung.

unzusammenhängenden Wirklichkeitsausschnitten, sondern bringen das hier und dort Erlebte auf den Nenner einer Fabel, die uns zwanglos durch das unterirdische Großstadtlabyrinth führt.« Die Jugendclique »Blutsbrüder« führt einen Kampf ums Überleben, der wenig Heroisches hat. Es ist ein Abenteuer­ roman des modernen Großstadtelends. »Man liest es mit Gier und Spannung, wie man ehedem Räuber- und Indianer­ geschichten gelesen hat«, schrieb der Münchener Simplicissimus über das Buch, doch es sind »Prärien des Elends, durchstreift von Banden armer, verwahrloster Jungens auf der wilden Jagd nach einem Stück Bockwurst, und es ist eine Tapferkeit mit Beigeschmack, die immer wieder die Fesseln Fürsorge, Gefangenschaft, Hunger und Arbeitslosigkeit abzuschütteln versucht.« Der Roman schildert Machtkämpfe innerhalb der Clique und Rivalitäten unter ihren Anführern, den »Cliquenbullen«, er beschreibt blutige Rachefeldzüge und dunkle Rituale des Zusammenlebens, doch der Kontrast zu den kleinen Freuden des Alltags, von denen der Roman auch erzählt, könnte nicht größer sein: Sie bestehen in einem Teller warmer Suppe, einem Sitzplatz in der Wärmehalle, genug Geld für Zigaretten oder einen Tag mit einem Mädchen auf dem Rummelplatz. Da wird eine Fahrt auf der Achse eines D-Zuges von Köln nach Berlin geschildert, die natürlich sofort an das Gegenwarts­ phänomen des S-Bahn-Surfens denken lässt und die doch anders nicht sein könnte, geschieht es doch nicht aus Nerven­ kitzel, sondern weil sich die Jugendlichen selbst Plätze in der Holzklasse nicht leisten konnten. Es sind Haffners präzise Beobachtungen, sein ungeschminkter Blick, der nichts auslässt und die Sympathie, die er seinen Figuren entgegenbringt, die dieses Buch zu einem Ereignis machen. Die »Blutsbrüder« sind das proletarische Gegenbild zu Erich Kästners »Emil und die Detektive«. Während diese nach bestandenem Abenteuer zum Abendbrot in die (klein-) bürgerlichen Wohnungen ihrer Eltern kehren, erwartet jene, wenn sie 50 Pfennig haben, ein feuchter Strohsack in einer

2011 kam der Film »Blutzbrüdaz« von Regisseur Özgür Yildirim in die Kinos, der vom Aufstieg zweier Berliner Gangsterrapper erzählt, gespielt von den Berliner Gangster-Darstellern Sido und B-Tight. Die Beschwörung männlicher Ehre, die Ganoven­ ­moral und die eher einfachen Träume der Helden wurden zum einen als authentische Selbstdarstellung der Berliner Gangstaz gefeiert, zum anderen belächelt. Und viele konnten ihr Unbehagen angesichts der Vitalität und Aggressivität dieser Subkultur nicht verhehlen … Was aber bei den Debatten über Neukölln oft vergessen wird: Junge Männer in Berlin ziehen nicht erst seit zehn Jahren durch die Straßen. Schon lange vor Hip-Hop und Gangster-Kult gab es die Blutzbrüdaz. Ernst Haffner beschreibt sie in seinem Buch »Blutsbrüder«. Walde + Graf bei Metrolit legt den Roman, der in manchen Aspekten in unheimlicher Weise an unsere Gegenwart erinnert, nun wieder auf. Haffner berichtet aus einer Welt zwischen Wärmehalle und billigen Schlafquartieren, zwischen Kneipen und Bahnhofswartesälen, zwischen drohendem Gefängnis oder Einweisung in die Fürsorgeanstalt. Es ist die Welt der Arbeitslosen und Prostituierten, der Stricherjungen und Kleinkriminellen, die im Berlin der zweiten und dritten Hinterhöfe zu Hause sind. Haffners Roman basiert auf eigener Anschauung, ist er doch aus seiner Arbeit als Journalist und Sozialhelfer hervor­ gegangen. Um die 50.000 erwerbslose Jugendliche hat es um 1930 in Berlin gegeben, darunter, so die damaligen Schätzungen, 15.000 obdachlose, meist aus Fürsorgeanstalten ent­laufene Jungen, die sich in Cliquen zusammengeschlossen haben, um sich gemeinsam durchzuschlagen. Der Feuilletonist Siegfried Kracauer nannte Haffners Buch in der Frankfurter Zeitung eine »Roman-Reportage« und trifft damit das Besondere des Textes, der zwischen Milieuschilderung und Aben­ teuerroman changiert, genau: »Ich muss gestehen«, schreibt Kracauer, »dass ich selten Schilderungen des ›Milieus‹ gelesen habe, die so spannend geschrieben sind. Sie spiegeln unbekannte Zustände naturgetreu wider, beruhen spürbar auf eigener Anschauung und begnügen sich zum Glück nicht mit

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Ernst haffner

GroĂ&#x;stadtlabyrinth

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Blutsbrüder

zu erwarten ist.« Rückblickend eine fatal unrealistische Hoffnung. Vier Monate nachdem Kracauer das geschrieben hatte, floh er mit seiner Frau vor den Nazis nach Paris. Was aus den Blutsbrüdern geworden ist? Zeitzeugen berichten, dass viele Mitglieder der wilden Cliquen in den Folter­kellern der SA verschwunden sind. Auch unterhielten die Nationalsozialisten sogenannte »Verwahrlager«. Aber denkbar ist ebenso, dass einige von ihnen auf der anderen Seite, etwa in den Reihen der Schlägertrupps, eine neue Heimat gefunden haben. Ihr Schicksal liegt ebenso im Dunkeln wie das Schicksal des Autors, Ernst Haffner. Über sein Leben ist bisher kaum mehr bekannt, als dass er in den 1920er und 1930er Jahren in Berlin gelebt hat. Langwierige in den 1980er Jahren gestellte Anfragen beim Bruno-Cassirer-Verlag, beim Bundesarchiv oder dem Staatlichen Notariat der ehemaligen DDR, ergaben nicht das Geringste und auch die 2012 wieder aufgenommenen Recherchen blieben bislang ohne Ergebnis. Haffners Buch jedenfalls wurde 1938 von den Nationalsozialisten zu den »schädlichen und unerwünschten Büchern« gezählt, verboten und verbrannt. Wer Haffner liest, sieht die zeitgenössischen Debatten über die angeblich verrohte Jugend etwas entspannter. Wenn man so will: Berlin bleibt sich treu. Was sich gerade ändert, sind die Kieze: In Mitte und zwischen Alexanderplatz und Schlesischem Tor, wo die Blutsbrüder einst auf Jagd gingen, tobt jetzt die Gentrifizierung. Die Blutsbrüder von heute streifen durch die Straßen der Rollbergsiedlung, des Weddings und um das Neuköllner Rathaus.

Kellerabsteige. Emils Detektive stammen aus Wilmersdorf, die Blutsbrüder sind in Mitte zu Hause. West gegen Ost: Schon lange vor dem Bau der Mauer war Berlin gespalten in einen reichen West- und einen proletarischen Ostteil. Und in Haffners Roman wird klar, dass die Kluft zwischen Arm und Reich eine fast ebenso unüberwindliche Grenze darstellte wie später die Mauer. Einmal verschlägt es Ludwig und Wilhelm, die eigentlichen Helden des Romans, nach ihrem Ausstieg bei den Blutsbrüdern in den Westen: »Ihnen ist, als seien sie in einer fremden Stadt. Berlin. Das war für sie die ›Münze‹ und der Schlesische Bahnhof. Nie war ihnen der Einfall gekommen, einmal in den Berliner Westen zu gehen. Die grauen Straßen mit ihren ersten und zweiten und noch mehr Hinterhöfen, das war ihre Heimat. Hier sind sie, ja wirklich, hier sind sie in der Fremde. In einer reichen, heiteren Fremde, wie es den Anschein hat. Die Menschen haben alle funkelnagelneue Kleider an, als sei heute ein hoher Feiertag und nicht irgendein Mittwoch. Die Läden gleichen Palästen, in denen seine Majestät, der Kunde, gelangweilt nach irgendeiner kostbaren Kleinigkeit sucht. Und die Frauen. Die Damen. Jede, aber auch jede ist so reich gekleidet, riecht so gut, ist so schön. Selbst die kleinen Hunde, die die Damen an ihren Pelz drücken oder neben sich trotten haben, sind mit bunten schönen Decken bekleidet, haben glitzernde Halsbänder. Und ein Hund, ein Hündchen, winziges weißes Wollbündelchen, trug richtige kleine Lackstiefelchen an seinen vier Pfoten.« In dieser Welt werden Ludwig und Wilhelm nicht ausgegrenzt, nein schlimmer: Sie sind das Objekt der Begierde pelzbemäntelter Herren, die, »müde der gebadeten und sieben­ mal gesalbten Körper, flackern nach der weniger sauberen, aber derberen Kost der Proletarierjungen.« Die beiden sind, wie viele der obdachlosen Berliner Jugend­lichen, der Hölle der Fürsorgeanstalten entlaufen, in denen Machtmissbrauch und schwarze Pädagogik an der Ta­ ges­ordnung waren. Auch darin berührt der Roman die Gegen­ wart und die Diskussion über Missbrauchsfälle in Internaten. Schon in den 1920er Jahren waren die Missstände in den Erziehungsheimen ein großes Thema, nicht zuletzt, weil es mehrere Aufstände von Zöglingen gegeben hat, die bis zur Schließung ganzer Einrichtungen führten. Ohne Papiere aber haben Jungen wie Ludwig und Wilhelm keine Chance auf legale Arbeit – werden sie von der Polizei aufgegriffen, droht ihnen die Rücküberweisung in die Fürsorgeanstalt. Das einzige Ziel, das diese Jungen vor Augen haben, ist der 21. Geburtstag und damit der Eintritt in die Volljährigkeit, die sie der Zuständigkeit der Fürsorgeanstalten für immer ­entzieht. Haffners Buch erschien 1932. Die Volljährigkeit der Blutsbrüder fällt in eine völlig andere Zeit: die des Nazi-Terrors. Siegfried Kracauer schrieb in seiner Rezension, die Ende Oktober 1932 erschien: »Vielleicht gelingt es dem Buch Haffners, einige Kräfte zu mobilisieren, die dem Treiben der Verwahrlosten-Banden produktiv zu begegnen wissen. Aber man darf sich keiner Täuschung darüber hingeben, daß eine durchgreifende Beseitigung des Kliquen-Wesens nur von der Besserung und Veränderung unserer allgemeinen Verhältnisse

Ernst Haffner Blutsbrüder Ein Berliner Cliquenroman — Ca. 240 Seiten, geb. mit Schutzumschlag 19,99 EUR (D) / 20,20 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0068-5 August 2013

»Ich muß gestehen, daß ich selten Schilderungen des Milieus gelesen habe, die so spannend geschrieben sind. Sie spiegeln unbekannte Zustände naturgetreu wider, beruhen spürbar auf eigener Anschauung und begnügen sich zum Glück nicht mit unzusammenhängenden Wirklichkeitsausschnitten, sondern bringen das hier und dort Erlebte auf den Nenner einer Fabel, die uns zwanglos durch das unterirdische Großstadtlabyrinth führt.« Siegfried Kracauer, Frankfurter Zeitung, 1932

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Marc Brandenburg im Dschungel, Anfang der 80er Jahre, Foto: Karlheinz Lubojanski

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Nachtleben Berlin

Lubo, Unbekannte und Fetisch im Dschungel, 80er Jahre, Foto: Karlheinz Lubojanski Claudia Skoda in der Fabrik, Ende 70er Jahre, Foto: Ilse Ruppert

Dann sind wir Helden  … Von Bowie bis Berghain: Der Band »Nachtleben Berlin« illustriert 40 Jahre Berliner Partykultur mit spannenden Geschichten und vielen spektakulären, bisher unveröffentlichten Bildern. 11


Unbekannte mit Innereien, Risiko, Anfang 80er Jahre, Foto: Anno Dittmer

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Schlachthof Bronx im Maria, 2011, Foto: Ben de Biel

John Maus im West-Germany, Foto: Roland Owsnitzki

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Nachtleben Berlin

Wenn man so will, begann die Berliner Nacht 1976. In diesem Jahr zog David Bowie von London nach Berlin und machte die westdeutsche Enklave zum internationalen Hotspot der Popkultur und des nächtlichen Hedonismus. Natürlich war Berlin damals alles andere als ein unbeschriebenes Blatt in Sachen Alternativkultur, natürlich gab es die Kommune 1, die Band Ton Steine Scherben, die sich aus Kriegsdienstverweigerern aus der ganzen Republik speisende APO. All das berührte die neue Bohème aber nur am Rande. Ihr ging es weniger um eine Radikalisierung der Politik – sondern um radikale Persönlichkeitsentwürfe (gerne auch drogen­ induziert), radikalen Sound, eine neue Art des Feierns – kurz: um das alte, avantgardistische Projekt, Kunst und Leben zu etwas Anderem, Neuem zu amalgamieren. Das zog das entsprechende Publikum aus der ganzen Welt an: David Bowie aus London, Iggy Pop aus Detroit oder Gudrun Gut aus der Lüneburger Heide. Berlin war und ist anders. Etwa Punk: Das war in Berlin mehr als geschrammelte Musik mit politischen Texten, sondern ein kreativer Sumpf, ein Grenzgebiet zwischen Mode, Aktionskunst, Malerei und Exzess. Genau in diesem Punkt ist sich Berlin treu geblieben, bis heute. Mitte der 1980er Jahre, als sich Punk und New Wave totgelaufen hatten, entdeckte das hungrige Berliner Nachtvolk Techno – gerade zu einem Zeitpunkt, als sich die Maschinenmusik in ihrer Heimat Detroit auf dem absteigenden Ast befand. Als dann die Mauer fiel, war das der Sound, zu dem man den brachliegenden Osten für sich eroberte. Wer heute in Berlin ausgeht, kann ohne Mühe alte Hau­degen treffen, die von längst vergangenen wilden Zeiten schwärmen und trotzdem in der Gegenwart ganz und gar zu Hause sind. David Bowie gehört übrigens nicht dazu: Sein im März erschienenes Album »Changing Days« ist in erster Linie eine Klage über die Uneinholbarkeit der großen Berliner Tage … »Nachtleben Berlin« versammelt Bilder und Geschichten aus fast 40 Jahren Berliner Nachtkultur. Eine kleine Auswahl findet sich auf diesen Seiten.

Palais Schaumburg vor dem SO36, Foto: Peter Gruchot

Ralf Richter, Foto: Ilse Ruppert

Der Publizist und Diplomat Joachim Sartorius über die Paris Bar Heiner Müller zum Beispiel liebte die Paris Bar und kam, mit einem speziellen Passierschein ausgestattet, auch vor dem Mauerfall oft dorthin. Die Kellner kannten seine Lieblings­ zigarrenmarken und seine Lieblingswhiskeys und brachten sie fast schlafwandlerisch an den Tisch des mondsüchtigen Drama­ tikers. Ein Abend mit Heiner Müller und Iannis Kounellis ist mir noch besonders scharf im Gedächtnis. Die beiden wollten im Gespräch herausfinden, was große Kunst sei. Nun muss man wissen, dass Heiner Müller gut Deutsch und schlecht Englisch, Iannis Kounellis schlecht Griechisch und schlecht Italienisch sprach. Die beiden verständigten sich mit Gesten, Grimassen, kleinen Zeichnungen auf Servietten und Papierfetzen. Was kam heraus? Große Kunst, das sei rücksichtslose, radikale Versenkung in das Eigene, gepaart mit einem internationalen Vokabular, das jeder versteht. Sven Väth, Loveparade, 1992, Foto: Ben de Biel

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Nachtleben Berlin

Kellerbars, Ladenlokale, DJ-Kaschemmen, Alibi-Kunstorte (manchmal auch: Alibikunst-Orte), die ihre eigentliche Bestimmung kaum verhehlten. Soziale Transiträume, in denen sich die Biografien der Kreativen und Feierwütigen verzahnten und die Übergänge von Arbeit und Party fließend verliefen. Das SNIPER aber suchte seinesgleichen. Es war der exemplarische Nicht-Ort jener Jahre, an dem die Gesetze der Zeit außer Kraft gesetzt schienen – was nicht nur an den äußerst populären Video-Cookies lag, die unterm Tresen verkauft wurden, oder an dem chinesischen Schlangenschnaps, der demonstrativ auf der Bar platziert war. Das SNIPER kannte keinen Anfang und kein Ende: ein Loop, das man betreten und verlassen konnte wie eine Video-Installation im Museum. Der Club als zeitbasiertes Medium.

Die Modemacherin Claudia Skoda über den Dschungel in der Nürnberger Straße Es war ein 50er-Jahre-Ambiente, ein bisschen wie in einer italienischen Eisdiele; nicht abgerockt und mit alten Möbeln bestückt wie andere Bars. Außerdem wurde nicht jeder reingelassen, und drinnen konnte man von der Empore herab auf die Leute runtergucken. Dazu kam, dass die Barleute Persönlichkeiten waren. Oben an der Bar hat Salomé gearbeitet, es war die Zeit der Jungen Wilden. Alle möglichen Popstars und Prominente standen hier, ohne dass das gleich eine Sensation gewesen wäre. Was es nun wirklich prickelnd gemacht hat, war die Vermischung mit der Schwulenszene. Das gab es so noch nicht, und das war dann auch typisch für Berlin. Aber gut – wenn man so will, war der Dschungel einfach nur eine kleine Bar mit Tanzfläche.

Der Popkritiker und Autor Jens Balzer über das West Germany am Kottbusser Tor Durch eine unscheinbare Tür an der Skalitzer Straße kommt man ein ebenso klar gekacheltes wie streng riechendes Treppen­ haus empor, bis man im dritten Stock zwei hintereinander­ liegende Räume betritt. Linker Hand geht es auf eine lange schmale Terrasse, die von einer mannshohen Betonmauer begrenzt wird. Wenn man sich auf einen der zahlreichen herumstehenden Bierkästen stellt, kann man über die Mauer hinweg auf das nächtliche Kreuzberg schauen; zur anderen Seite reckt der Sozialbau sich hoch in den Himmel, von Dutzenden von Satellitenschüsseln geschmückt. Innendrin fand sich ein paar Jahre lang einer der aufregendsten Orte des Berliner Nachtlebens. […] Im Sommer war es so heiß, dass der Schweiß von den gekachelten Wänden heruntertropfte; im Winter war es so kalt und klamm, dass man in dem verpilzten Gemäuer sofort ein feuchtes Gefühl auf der Lunge bekam.

Der Musiker und Musikjournalist Hagen Liebing über das Risiko in der Yorkstraße Das »Risiko« hatte keine festen Zeiten, es öffnete gegen acht Uhr abends und wurde erst geschlossen, wenn am nächsten Morgen auch der letzte Gast schlappgemacht hatte. Zwischen­ durch drängten sich mehr Menschen hinein, als der kleine Laden eigentlich fassen konnte. Nachdem es zeitweise Ärger mit marodierenden Skinheads gegeben hatte, regelte ein Türsteher das Nötigste. Folge dieser Auseinandersetzungen war übrigens auch das charakteristische, grau gestrichene Lochblech als Frontverkleidung – man musste Ersatz schaffen für das von Randalierern zerschlagene Schaufenster. […] Meist reichten Bier und Schnaps gerade ein paar Stunden, weil es mal wieder niemand geschafft hatte, mittags wach zu werden, um den Getränkelieferanten Einlass zu gewähren. Supermärkte machten bereits um 18 Uhr zu und Spätis waren noch nicht erfunden, also profitierte die »Futterkrippe«, ein 200 Meter nebenan gelegener Imbiss. Dort kaufte man palettenweise teures Dosenbier von den ersten Einnahmen des Tages, auch weil vorher oft kein Geld da war, um Einkäufe zu tätigen. Vieles hatte der Betreiber Kögler in Drogen angelegt.

Wolfgang Farkas, Stefanie Seidl, Heiko Zwirner (Hrsg.) Nachtleben Berlin 1974 bis heute — Ca. 304 Seiten, geb. 24 x 29 cm Mit ca. 400 Fotos, durchgehend vierfarbig Ca. 34,00 EUR (D) / 35,00 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0304-4 Oktober 2013

Die Agenturchefin und Bestsellerautorin Heike Blümner über das wmf Als in den 90er Jahren das Nachtleben den Berliner Osten als Abenteuerspielplatz entdeckte, dauerte es nicht lange, bis die Praxis ihre eigene Theorie hervorbrachte: »Nomadisch« zu sein, war das Gebot der Dekade. Nicht, dass es eine andere Wahl gegeben hätte. Der ganze Osten war ein temporäres Gefüge mit unklaren Besitzansprüchen, in dessen Nischen gar nichts anderes möglich war als Nichtsesshaftigkeit – das aber dafür mit System. Nichts wäre uncooler gewesen, als sich einen Ort, eine Gruppe oder eine Institution zu suchen mit dem Ziel, es sich offiziell und auf Dauer hübsch zu machen. Der Autor und Filmkritiker Andreas Busche über das SNIPER Damals gab es im Umkreis von wenigen hundert Metern Läden wie den Eimer und das Chunk, das Panasonic, das 103, das Kunst und Technik und die galerie berlintokyo. Absturzläden,

40 Jahre Nachtleben in Berlin: Eine Grenzen sprengende Vielfalt gesellschaftlichen Lebens von West nach Ost, von Subkultur bis Glamour, von Punk über Techno bis zur Gegenwart. Mit zahlreichen Originalbeiträgen und zahlreichen unveröffentlichten Fotos im Großformat.

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James Vance und Dan E. burr

Von lösbaren Fesseln – und unlösbaren Die Graphic Novel »Auf dem Drahtseil« entführt in die Schaustellerwelt im ärmlichen Amerika der 1930er Jahre.

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auf dem drahtseil

Amerika, mitten in der großen Depression. Das Elend herrscht – aber trotzdem: the show must go on. Gordon Corey ist die Attraktion eines großen Wanderzirkus, der durch die ärmlichen Weiten des amerikanischen Hinterlandes tourt. Corey ist Entfesslungskünstler, verschafft dem Publikum eine kleine, prickelnde Auszeit vom täglichen Überlebens­ kampf. »Auf dem Drahtseil« erzählt die Geschichte des jungen Fred Bloch, der als Assistent von Corey arbeitet. Bloch verehrt den Artisten, weiß aber auch um dessen dunkle Seiten: Alkoholmissbrauch, Selbstzweifel, Kriminalität. »Auf dem Drahtseil« ist ein modernes Drama, das in kunstvoll gezeichneten Schwarzweiß-Bildern die gesamte Bandbreite narrativen Erzählens auslotet. Die Fragen, die die Graphic Novel stellt, sind heute so aktuell wie damals: Was ist Freundschaft? Wie weit geht Solidarität? Wie lebt es sich außerhalb der Mainstreamgesellschaft? Das Buch ist die lange erwartete Fortsetzung von »Kings of Disguise« aus dem Jahr 1988, einer mit zwei Eisner-Awards ausgezeichneten Erzählung, die vom Guardian in die Top Ten der wichtigsten Graphic Novels aller Zeiten gewählt wurde.

James Vance, Dan E. Burr Auf dem Drahtseil — Graphic Novel Aus dem Amerikanischen von Egbert Hörmann 21,5 x 29,5 cm Ca. 250 Seiten, geb. 24,99 EUR (D) / 25,70 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0070-8 Juni 2013

Zu den Autoren: James Vance wurde 1953 geboren. Er arbeitet als ComicbuchAutor, Schriftsteller und Drehbuchautor. Viele seiner Arbeiten wurden ausgezeichnet. Dan E. Burr wurde 1951 geboren. Er arbeitete an verschiedenen Comicbuchprojekten und eigenen Publikationen, darunter Greatful Dead Comix und Serien für Graphic Classics.

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ed hardy

In Haut geschrieben

Schon als Zehnjähriger tätowierte Ed Hardy … mit Kajal und Buntstiften.

Die Designs des Tätowierers Ed Hardy zieren T-Shirts und Kappen und werden von der Hollywood-B-Prominenz beworben. Das war nicht abzusehen, denn Ed Hardy war immer ein Außenseiter und wollte es immer sein. 18


wear your dreams

Ed Hardys Laden in L.A., 1978

Eines von Ed Hardys größten Tattoos: Squid Man, 1974–76

Sailor Jerry, einer der Lehrmeister Hardys, in seinem Studio auf Hawaii, 1969

Ed Hardy mit seiner zweiten Frau Francesca und einem Yakuza-Kunden in Japan, 1973

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ed hardy

Erst Mitte der 70er Jahre machte er seinen ersten eigenen Laden auf. Er tätowierte nur nach Termin, bot keine vorgefertigten Tattoos mehr an, nur noch eigene Designs. Sammler kamen zu ihm, die ihre Körperbilder-Kollektion berühmter Tätowierer erweitern wollten. Millionenschwere Geschäftsleute waren unter ihnen, deren Kick es war, sich bis zu Hemdkragen und Manschette bemalen zu lassen, so dass nur sie wussten, was sich unter ihrer Business-Uniform verbarg – ihr zweites, klandestines Leben, das mit der Oberfläche nicht verbunden war. Ed Hardy war und ist Zeuge, wie aus einer Außenseiter-Kunst, deren Besonderheit es ist, dass sie sich mit dem Welken der Leinwand verändert und letztendlich mit deren Tod verschwindet, dass sie nicht ewig währt und nur als Foto ausgestellt werden kann, also nie museal wird, ein Accessoire der Masse wurde. Der Erfolg riss ihn mit, machte ihn reich, und Ed Hardy kam wieder an einen Punkt, wo er sich entscheiden musste. Dieses Mal war es der falsche Pfad, er veränderte den Ruf seines Namens. Was Ed Hardy war, wird bestimmt von dem Bild, das sein Name heute transportiert: Paris Hilton und andere Prominente in einem Totenkopf-T-Shirt mit der Aufschrift »Love Kills Slowly«. Wie das passieren konnte, davon erzählt dieses Buch.

Das Leben besteht aus Abzweigungen. Gehe ich links? Gehe ich rechts? Was wäre geschehen, wenn ich den einen und nicht den anderen Weg eingeschlagen hätte? Jeden Tag treffen wir Entscheidungen, die unseren Biografien einen eigenen Verlauf geben. Doch nur an wenigen Punkten werden die Auswirkungen der Wahl sofort offenbar. Donald Edward Talbott Hardy kam an einen solchen Punkt im Jahr 1966. Er hatte gerade einen sehr guten Abschluss an der Kunsthochschule von San Francisco gemacht, war 21 Jahre alt, hatte geheiratet, einen Sohn und einen Lehrauftrag der Uni Yale bekommen. Es wartete ein abgesichertes Leben auf ihn, mit regelmäßigem Einkommen und allen Vorteilen des interessanten Lehralltags an einer Eliteuniversität. In Yale hätte er sich außerdem weiter der Druckkunst widmen können, die er studiert hatte. Nicht unwahrscheinlich, dass er ein erfolgreicher bildender Künstler geworden wäre, so wie die Yale-Absolventen Richard Serra und Chuck Close. Doch Ed Hardy, wie er sich später nannte, nahm eine andere Abzweigung. Er war schon während seiner Zeit am San Francisco Art Institute in die Lehre bei Phil Sparrow, einem schwulen Schriftsteller und Tätowierer, gegangen. Hardy wollte eine alte Leidenschaft professionalisieren, die ihn schon im Alter von 10 Jahren erwischt hatte: das Tätowieren. Als frühpubertierender Junge hatte er bereits mit dem Kajalstift seiner Mutter Bilder auf die Haut von Nachbarsjungen gemalt, bei Sparrow, der eng mit Gertrude Stein befreundet war, wollte er lernen, wie man diese Bilder unter die Epidermis ritzt. Sparrow erkannte schnell, dass Hardy Talent hatte, und ermunterte ihn, Tätowierer zu werden. Hardy ließ sein Wissen von der Kunsthochschule in seine Tätowierungen einfließen (besonders begeistert war er von Dürer) und übertrug den Strich des Pinsels auf die Nadel. Außerdem faszinierte ihn die Halbwelt, die er über das Tätowieren und mit Sparrow betrat. Biker, Kriminelle, Prostituierte, Schwule, Künstler, Musiker, nur die Subkultur trug Tattoos. Als Tätowierer arbeitete man abseits des Mainstreams (in New York City und einigen amerikanischen Staaten war Tätowieren bis in die 80er Jahre verboten), man war Außenseiter. Es war das Gegenteil einer Karriere in Yale, es war der steinige Weg, der meistens aufregender ist. Ed Hardy mochte das Risiko, das Auf und Ab des Lebens, das Wiederaufstehen nach einem Rückschlag – er ist bis heute begeisterter Surfer, er wählte den Pfad des Tätowierers. Dieser ließ ihn die erwachende Popkultur Kaliforniens der 60er und 70er Jahre passieren: Acid Heads, Beat-Poeten, Psychedelic Rocker und Surfer Boys kamen zu ihm, um sich für die Ewigkeit kennzeichnen zu lassen. Soldaten trugen seine Drachen und Herzen auf die Schlachtfelder dieser Zeit, nach Vietnam und El Salvador. Er tätowierte in einem Studio in San Diego, von wo aus GIs und Navy Seals in den Krieg zogen und aus ihm zurückkehrten. Heute sagt Ed Hardy, dass es wohl kaum eine amerikanische Stadt geben dürfte, in der nicht mindestens einer der Bewohner eines seiner Tattoos trägt. Es waren seine Lehrjahre, während denen er auch in sein Sehnsuchtsland Japan kam. Dort verfeinerte er den Stil, der ihn letztendlich berühmt machte: die Mischung aus traditioneller japanischer Tätowierkunst und Americana.

Ed Hardy Mit Joel Selvin Wear Your Dreams Träume, T-Shirts und Tattoos — Aus dem Amerikanischen von Anne Emmert Ca. 368 Seiten, geb. 16 Seiten mit 4-farbigen Abbildungen Ca. 19,99 EUR (D) / 20,60 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0307-5 Oktober 2013

Ed Hardy begann als Künstler, wurde zur Ikone der Subkultur, gefeierter Star des Mainstream, verdiente Millionen und wurde am Ende zum Symbol für Trash-Mode. Seine Autobiografie verrät, wie es dazu kam und wie er seinen Namen rettete.

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wear your dreams

Adrien Brody und der Marketing-Weirdo Christian Audigier, der die Marke bekannt machte

Lachs-Tattoo auf dem rechten Bein des Tätowierers Bill Salmon, 1982–87

Steven Tyler von Aerosmith in Ed-Hardy-T-Shirt

Erster Ed-Hardy-Klamottenladen in Hollywood, 2005

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gail parent

Kein Sex in der City Mit Sheila Levine schuf die amerikanische Humor-Ikone Gail Parent das Vorbild für Bridget Jones und Carrie Bradshaw. Nur dass das Original noch wesentlich witziger ist.

Post-Mad Men, Prä-Hipster: Manhattan in den 70ern.

lande noch völlig unbekannt. Mit Sheila Levine, erstmals 1972 veröffentlicht, schuf sie eine der witzigsten Figuren der jüngeren amerikanischen Literatur. Sheila, 30, pummelig, aus einer jüdischen Familie in Manhattan, hasst die Welt. Weil es mit den Männern nicht so klappt und weil es daneben auch noch verdammt viele Gründe gibt, die dummen Menschen, die einen umgeben, zu verachten. Das macht sie mit einer solchen Hingabe, mit einer solchen Begabung in Sachen Beobachtung, Schlagfertigkeit und Bösartigkeit, dass es an sich schon die helle Freude ist, das zu lesen. Dass man mit »Sheila Levine ist tot und lebt in New York« noch ein wunderbares Sitten­gemälde des wunderbaren Manhattan der 1970er bekommt, macht die Sache nur noch besser. Männer, die sich für diese »Chick-Lit« nicht interessieren, sind selbst schuld. Hier eine kleine Kostprobe von Sheilas Sicht der Dinge:

»Chick-Lit« wird gemeinhin als abwertender Begriff gebraucht: anspruchslose Literatur, die man am Swimmingpool schnell runterlesen kann. Nichts Wichtiges also. Wieso so etwas angeblich nur Frauen, also »chicks«, lesen sollen, kann man diskutieren. Man kann den Begriff aber auch einfach um­definieren: als Literatur über das Leben, Lieben und Leiden junger, leicht neurotischer Großstadtbewohnerinnen. Der Typus ist inzwischen bestens bekannt – und beliebt: Bridget Jones, Carrie Bradshaw aus »Sex and the City«, die Mädchen aus der neuen HBO-Erfolgsserie »Girls«. All diese »chicks« aber haben eine Urahnin. Die stammt aus der Feder der New Yorker Autorin Gail Parent. Diese wiederum ist ein Schwergewicht in der amerikanischen Humor-Szene. Da sie aber vor allem als Screenwriter aktiv ist (von ihr stammen etwa die »Golden Girls« oder alle Witze von Tracey Ullman), hierzu-

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sheila levine ist tot und lebt in new york

beim besten Willen nicht, nächstes Wochenende wasch ich mir die Haare.« (Norman) »Und das Wochenende drauf?« (Ich denke …) Nun geh schon. Du allein könntest diesen Prachtbau in einen Slum verwandeln. (Ich sage) »Tut mir echt leid, aber das Wochenende drauf fahr ich nach Hause, zum Franklin Square.« »Ich könnte ja mit rauskommen, und wir könnten im Park spazieren gehen oder so was.« (Er will sich schon wieder in Unkosten stürzen.) (Ich, nicht mehr in der Lage, mir was auszudenken) »In Ordnung.«

*** Ich lebte, als ich noch lebte, 211 East Twenty-fourth Street, davor East Sixty-fifth Street, davor West Thirteenth Street, davor Franklin Square, Long Island, davor Washington Heights. Das heißt, es gibt knapp hunderttausend junge jüdische Mädchen wie ich, alle mit Haaren, die geglättet, und Nasen, die gerade gerichtet werden müssen, und alle auf der Suche nach einem Mann zum Heiraten. ALLE AUF DER SUCHE NACH EINEM MANN ZUM HEIRATEN. Also hört zu, ihr jüdischen Hübschen da draußen, es gibt gute Nachrichten! Eure Chancen haben sich verbessert. Sheila Levine scheidet aus dem Rennen aus. Sie wird nämlich aus dem Leben scheiden. Warum sollte ein nettes jüdisches Mädchen eine solche Dummheit begehen und sich umbringen? Warum? Ganz einfach, es reicht. Zehn Jahre meines Lebens habe ich damit verbracht, einen Mann fürs Leben zu finden, das reicht. Mir ist klar geworden, für mich ist nichts mehr drin. Kommt schon, ich hab nie auch nur die geringste Chance gehabt.

*** Man hat sozusagen die Qual der Wahl, wenn man sich umbringen will. Für mich rangierten Pillen immer an erster Stelle. Schien mir eine saubere Sache zu sein. Sie waren am einfachsten zu beschaffen. Mit einer Knarre ist es eine Riesen­ sauerei. Und wie soll das mit einer Knarre gehen? Keiner in meiner näheren Verwandtschaft hat jemals eine angefasst. Um beim Thema zu bleiben, wie soll das mit einem Strick gehen? Mit einer Rasierklinge? … Ja, vielleicht … ich weiß nicht recht … Ich hab einen elektrischen Rasierapparat. Pillen scheinen also doch am sichersten zu sein. Natürlich gibt es auch ganz dramatische Abgänge, Springen zum Beispiel. Das Springen selbst würde mir nichts ausmachen. Aber auf dem Boden aufschlagen wäre weniger meine Sache. Und dann, von wo runterspringen? Ich arbeite im zweiten Stock, und ich wohne im dritten. Schließlich kann man ja nicht einfach in ein fremdes Büro oder in eine fremde Wohnung platzen und fragen, darf ich den Sims benutzen …

*** AUF DER EAST SIDE MANHATTANS, unweit von Bloomingdale’s, hat vor ein paar Jahren ein Mann einen Laden aufgemacht, wo er Diätshakes verkaufte, wunderbar schokoladige Milchshakes mit nur 77 Kalorien. Kein Wunder also, dass Scharen von dicken, jungen Dingern herbeigeströmt kamen und über Mittag eine Schlange um den ganzen Block bildeten. Nur 77 Kalorien und der Himmel auf Erden! Ich gehörte zu denjenigen, die sich jeden Tag gleich zwei zum Lunch bestellten. Viele Mädchen haben den Mann gefragt, was denn in dem Drink drin sei. Der lächelte aber nur und sagte: »Geheim­ rezeptur«. Den Mädchen kamen aber doch Zweifel, ob die Shakes tatsächlich nur 77 Kalorien enthielten. Sie bildeten ein Komitee und wandten sich an die Gesundheitsbehörde (oder an welche Behörde man sich in einem solchen Fall wendet). Der Mann wurde von der Lebensmittelüberwachung (oder von welcher Institution auch immer) überprüft. Und die Shakes enthielten mehr als 280 Kalorien! Wie konnte er nur! »Wie konnte er nur so schamlos lügen!« Die Empörung war groß. Ich werde aus dem Leben scheiden. WER WILL SCHON IN EINER WELT LEBEN, IN DER SOLCHE LÜGEN ÜBER KALORIENZAHLEN ZIRKULIEREN?

Gail Parent Sheila Levine ist tot und lebt in New York — Roman Aus dem Amerikanischen von Uta Goridis Ca. 304 Seiten, Broschur Ca. 16,99 EUR (D) / 17,50 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0309-9 September 2013

*** Mit hochgenommen hab ich ihn nicht. (Ich) »Ich danke dir, war wirklich nett.« (Norman) »Ich fand’s auch nett. Wie schaut’s nächstes Wochenende aus?« (Ich denke …) Hast du sie noch alle? Kann wohl nicht dein Ernst sein? Ich will dich nie wieder sehen, nie wieder, hörst du. Hau einfach ab, vergiss aber deine Flecken nicht! Du lässt den ganzen Bau schäbig aussehen. (Ich sage) »Nichts lieber als das, Norman, es geht aber

Gail Parent hat mit »Sheila Levine ist tot und lebt in New York« aus dem Jahr 1972 gleich ein Genre begründet. Ihre Nachfolgerinnen haben mit »Schokolade zum Frühstück« und »Sex and the City« Millionenseller geschaffen. Nachdem Gail Parents ebenso liebenswürdige wie schlagfertige Heldin Sheila Levine daraufhin international wiederentdeckt wurde, betritt sie nun endlich auch die deutsche Bühne.

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david buckley

Warhol als Musik Wie aus der Improvisations-­Combo Kraftwerk die ­einflussreichste Band der Welt wurde. Ein Fan-­Gespräch über ­Retrofuturismus, Radeln und kreative Missverständnisse 24


kraftwerk: publikation

Hosen, die davon sangen, wie lange sie es ihrem Mädchen besorgen. Das neue Ideal ging klar in Richtung Metrosexualität. Und dazu gehörte natürlich dieses strange Outfit: Später gab es ja die berühmten Anweisungen an alle Bandmitglieder: zum selben Friseur zu gehen, zum selben Schneider, sich in der Öffentlichkeit einheitlich zu präsentieren. Kraftwerk sah aus wie ein Streichquartett, manche sagten auch: wie Banker!

Drei Pop-Generationen, drei verschiedene Bezüge zu Kraftwerk. Thomas Meinecke, Jahrgang 1955, ist Autor mit starker Affinität zu Pop-Themen, DJ und Kraftwerk-Fan seit den frühen 1970er Jahren. David Buckley, Jahrgang 1965, ist Autor und Biograf der Band. Ähnlich wichtig wie Kraftwerk findet er sonst nur David Bowie. Paul-Philipp Hanske, Jahrgang 1975, ist Journalist und entdeckte Kraftwerk zusammen mit Techno in den frühen 1990er Jahren.

Thomas: Ich finde, sie sahen eben nicht aus wie Banker. Die hatten nämlich in den 70ern auch längere Haare. Kraftwerk waren komplett aus der Zeit gefallen und erinnerten eher an Deutsche aus der Ufa-Zeit, an so unheimliche Funktionäre aus Babelsberg. Die Anzüge waren prä-1945. Genauso das »Autobahn«-Cover: das war keine zeitgenössische Autobahn. Der Käfer darauf konnte auch ein Nazi-Fahrzeug sein oder der Mercedes der von Konrad Adenauer. Das war faszinierend – weil es spooky war.

Paul-Philipp Hanske: Wenn heute der Name Kraftwerk fällt, gesellt sich sofort ein Bild dazu: Kraftwerk, die FuturismusCombo, man denkt an Roboter, unterkühlte Ästhetik und abstrakte Maschinenmusik. Die Anfänge der Band passen aber gar nicht so gut zu diesem Bild … David Buckley: Ja und das liegt daran, dass Ralf Hütter und Florian Schneider die Geschichte von Kraftwerk sehr strikt umgeschrieben haben. Die offizielle Kraftwerk-Diskografie beginnt mit »Autobahn«. Tatsächlich beginnt Kraftwerk aber viel früher. Florian Schneider machte schon 1967 Musik: improvisierte, akustische Stücke, die viel mit Jazz zu tun hatten und eher aus der Schule von CAN kamen. Aber in ersten Anklängen ist schon der Kraftwerk-Sound erahnbar. Auf »Ruckzuck« aus dem Jahr 1969 hört man zum Beispiel schon diesen galoppierenden »Appache«-Beat, der später dann zu einem ihrer typischen Sounds wurde.

Paul-Philipp: Das finde ich an Kraftwerk eigentlich am inte­ ressantesten: Die Band wird ja immer auf eine Art Futurismus reduziert, weil sie zwei enorm zukunftsoffene Genres, Hip-Hop und Techno, stark beeinflusst hat. Wenn man aber genau hinsieht, merkt man, dass Kraftwerk ihre futuristische Musik immer in eine nostalgische Verpackung steckten. Auf »RadioAktivität« sieht man so eine Art Volksempfänger, auf »TransEuropa-Express« dieses enorm altmodische Porträtbild der Band und selbst »Mensch-Maschine« zitiert mit dem russischen Konstruktivismus eine vergangene Epoche. Welche Idee steckt hinter diesem seltsamen Retrofuturismus?

Paul-Philipp: Mir kommen die frühen Kraftwerk-Aufnahmen immer sehr blumig vor. Eindeutig psychedelische Musik, es wird improvisiert und gedudelt … Waren Kraftwerk Hippies?

David: Ich weiß, dass sich Kraftwerk tatsächlich stark von der Vorkriegskunst inspirieren ließen: von Stilen wie Futuris­ mus und Konstruktivismus, von Fritz Lang, vom Film »Das Cabinet des Dr. Caligari«. Es ging darum, das zu inspizieren, was die Nazis als »entartet« verunglimpft hatten – gewissermaßen eine Verbindung herzustellen zur Vorkriegsavantgarde.

Thomas Meinecke: Was mich an diesem späthippiesken Rock der 1970er Jahre so nervte, war das ausgestellte Virtuosentum. Und da hat Kraftwerk nie mitgemacht. Denen ging es, und das fand ich von Anfang an faszinierend, um die Attitüde. Kraftwerk war – und zwar schon auf den Platten vor »Autobahn« – eine Band mit Haltung. Das wurde schon auf dem »Ralf und Florian«-Album klar: Auf dem Cover diese beiden seltsamen Typen mit dem Musiknoten-Anstecker, dazu die Frakturschrift und der Verkehrshut, das war so camp, so queer, dass das nichts mit Rock-Gebaren à la Yes zu tun hatte.

Thomas: Ich würde es nicht so positiv formulieren. Kraftwerk zog es auch immer zu den Dingen, die kontaminiert waren. Sie lassen die Zeit zwischen 33 und 45 nicht aus, sondern zitieren sie auf höchst ambivalente Weise und entziehen sich den eindeutigen Festlegungen. Man denke nur an dieses unglaublich seltsame Band-Foto unter der deutschen Eiche auf dem Innencover von »Trans Europa Express« …

David: Leute, die David Bowie mochten, mochten automatisch auch Kraftwerk. Weil beides intellektuell anspruchsvoll war und künstlerisch. Was man in den 1970er Jahren nicht mehr mochte, waren Männer mit langen Haaren und engen

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david buckley

Thomas: Kraftwerk hatten nie ein Interesse daran, Einfluss zu haben.

David: Das wurde übrigens in einem Studio in New York geschossen. Die Eiche und auch diese bayerisch anmutende Tischdecke wurden nachträglich in das Bild retuschiert.

David: Es gibt eine »offizielle« Version der Afrika-Bambaataa-Geschichte und die geht so: Ralf und Florian kamen nach Amerika, hörten Elektro und sagten: »Oh super! Toll, dass ihr unsere Musik hier populär macht! Wollt ihr Geld dafür?« In Wirklichkeit aber konnten sie Amerika bei ihrem ersten Besuch 1975 nicht ausstehen. Der Musikmanager, der »Autobahn« in den USA lizenzierte, überreichte Kraftwerk eine Tüte Geld und sagte zu Ralf und Florian: »Hey, ihr Freaks. Macht mir aus den 25 Minuten von Autobahn eine 3-Minuten-Version, so dass ich sie im amerikanischen Radio spielen kann …« Das war ihr Bild von Amerika … Aber als sie dann später Afrika Bambaataa trafen und sahen, was die afro­ amerikanischen und hispanischen Kids aus ihrer Musik machten, änderte sich diese Einstellung. Und mit »Electric Café« reagierten Kraftwerk dann wiederum auf das, was die jungen Amerikaner aus ihrem Sound machten …

Thomas: Interessant ist, dass so etwas dann in ganz anderem Kontext politisch gewendet werden kann. Etwa viele Jahre später in Detroit: Dort gibt es auch eine Faszination von afroamerikanischen Techno-Produzenten um »Underground Resistance« für die »böse« deutsche Technologie – die jedoch gegen den WASP-Mainstream in den USA in Stellung gebracht werden konnte. Es gibt da diesen Electro-Track von »Underground Resistance«, der heißt »Afrogermanic« – und die Macher beziehen sich alle direkt auf Kraftwerk. Es geht auch hier noch um Ambivalenzen: der nostalgische Futurismus wird mit realen politischen Forderungen, der Emanzipation der Afro­ amerikaner, verbunden. Daran hat Kraftwerk natürlich nie gedacht, aber sie gaben das Modell dafür ab. Paul-Philipp: Sehr klar wird die ambivalente Haltung, die Kraftwerk auszeichnet, ja auch in den Texten. Am deutlichsten wird das vielleicht bei »Radio-Aktivität«. Darin kommen so irritierende, poetische und zugleich subtil drohende Zeilen vor wie »Radio-Aktivität / für dich und mich im All entsteht …«

Thomas: Und ganz ablehnend standen sie der neuen DanceSzene ja auch nicht gegenüber. Schon auf der 1983-Maxi »Tour de France« durfte ja der New Yorker DJ François Kervorkian einen Remix machen. Paul-Philipp: Apropos »Tour de France«: Diesen Rennrad-­ Fetisch von Kraftwerk fand ich immer sehr seltsam. Stimmt es eigentlich, dass alle Band-Mitglieder verpflichtet wurden, mit Ralf und Florian zu radeln?

David: Interessanterweise ist der Titel in der Version von 1975 noch mit Bindestrich geschrieben. Er ist mehrdeutig: bezeichnet er doch die Strahlung genau so wie die Aktivität des Radios. Und in der Tat gab es in einem Billboard-Magazin eine gleichnamige Liste, in der die Alben mit den meisten Airplays genannt wurden. Auf der Remix-Version von 1991 ist dann der Bindestrich weg. Hier geht es nur noch um die Strahlung. Entsprechend beginnt diese Version dann auch mit der drohenden Computerstimme, die Harrisburg und Tschernobyl nennt. Das ist klar lesbar: es geht gegen Atomenergie. Das war übrigens Ralf Hütters Anliegen …

David: Das Radfahren passte Kraftwerk eben enorm gut ins Konzept: die perfekte Umsetzung der Idee der MenschMaschine. Und ja, alle Kraftwerk-Mitglieder radelten gemeinsam. Wolfgang Flür erzählte mir, dass das auch der eigentliche Grund war, wieso sich die Band irgendwann trennte. In den Kling-Klang-Studios stapelten sich einfach irgendwann die verschwitzten Trikots – und es roch wie in einer Junggesellenbude.

Thomas: Ich habe in den 1970er Jahren gegen das AKW Brokdorf demonstriert und trotzdem Kraftwerk gehört. Es war mir natürlich vollkommen klar, dass das keine Affirmation der Kernenergie war. Es war ein Spiel mit Themen des Alltags, mit Topoi.

David Buckley Kraftwerk Die unautorisierte Biografie — Vorwort von Karl Bartos Aus dem Englischen von Henning Dedekind und Heike Schlatterer Ca. 400 Seiten, geb. 16 Seiten mit 4-farbigen Abbildungen Ca. 22,99 EUR (D) / 23,70 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0305-1 November 2013

David: Die Version von 1975 ist vollkommen glatt. Wie Andy Warhol: Man nimmt ein Ding und stellt es aus. Thomas: Ja, Warhol stimmt vollkommen. Kraftwerk ist eine sehr warholeske Band. Paul-Philipp: Das galt bei Kraftwerk natürlich nur für den eigenen Umgang mit Zitaten und Quellen. Wurden sie selbst gesampelt, konnten sie sehr unangenehm werden. Es heißt, als Afrika Bambaataa 1982 seinen Track »Planet Rock« herausbrachte und dafür »Trans Europa Express« sampelte, wurde er von Kraftwerk erst einmal verklagt. Wieso sahen Kraftwerk nicht, dass sie ein ganzes neues Genre – Elektro – losgetreten haben?

Die umfassende und detailgenaue Biografie der einflussreichsten deutschen Band aller Zeiten. Buckley führte unzählige Interviews mit Bandmitgliedern, Musikern, Musiktheoretikern. Es gelingt ihm ein Porträt der Band, die Elektropop erfand.

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kraftwerk: Titel publikation

Die wichtigsten Kraftwerk-Songs:

1973 Kristallo (vom Album Ralf & Florian)

1974 Autobahn (vom Album Autobahn)

1975 Antenne (vom Album Radio-Aktivität)

Wahrscheinlich der erste ori­ginäre Kraftwerk-Song. Noch hört man die frühe, hippieske Improvisations-Musik (mit Querflöte!), mit der sich Kraftwerk nicht von anderen Krautbands unterschied. Der Beat unter all dem blumigen Gedudel aber möchte schon repetitiv sein und marschiert stramm in Richtung Zukunft.

Bis heute neben »Das Modell« der bekannteste KraftwerkSong – und Startschuss der Kraftwerk-Karriere (von der vor »Autobahn« veröffentlichten Musik distanzierten sich die Musiker später). Trotz Querflöte ist das Sounddesign schon strikt elektronisch. Legendär sind die vom Synthesizer erzeugten Auto-Geräusche.

Auf »Radio-Aktivität« spielen Kraftwerk erstmals mit dem Bild der Mensch-Maschine. Am deutlichsten wird dies an »Antenne«: Jegliche Wärme ist aus der Musik geschwunden, was bleibt, ist eine entmenschlichte Stimme und futuristische Klänge. Der brummende Clash wird noch heute gern in Techno- und Hip-Hop-Songs gesampelt.

1978 Spacelab (vom Album Die MenschMaschine)

1981 Nummern (vom Album Computerwelt)

1986 Boing Boom Tschak (vom Album Electric Café)

1991 Radioaktivität (vom Album The Mix)

Nie klang Kraftwerk härter. Waren bei den Vorgängeralben die harmonischen Elemente immer noch im Vordergrund, ist es nun der klirrende, metallische Beat. Dazu zählt eine VocoderStimme auf Deutsch, Russisch, Französisch und Japanisch von eins bis acht. »Nummern« wurde zu einem der StandardSongs der Breakdance-Szene in den USA.

1986: Die Gegenwart hat Kraftwerk eingeholt. Junge afroamerikanische Produzenten arbeiten sich am Vorbild Kraftwerk ab und klingen abstrakter als das Original. Kraftwerk nehmen die Herausforderung an – und produzieren Detroit Techno, made in Düsseldorf.

Das Spätwerk. Die Mehrdeutigkeit der frühen Version von Radio-Aktivität weicht einer klaren politischen Aussage: gegen Atomkraft. Musikalisch sucht Kraftwerk mit dem Trance-Track den Anschluss an die boomende Techno-Szene.

Mensch-Maschine ist das populärste Kraftwerk-Album, des Überhits »Das Modell« wegen. Mensch-Maschine ist ein Konzept-Album, der Maschinenmusik und den posthumanen Texten entspricht das an den russischen Formalismus gemahnende Cover. »Spacelab« ist reiner TechnikRomantizismus, die zwitschernden Synthesizer nehmen außerdem Trance vorweg.

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1977 Trans Europa Express (vom Album Trans Europa Express) Vielleicht der wichtigste Kraftwerksong überhaupt. Neuartige Sequenzer erlaubten der Band, ihre Musik streng rhythmisch zu gestalten. Trans Europa Express ist tatsächlich erst mal originäre Computermusik. Berühmt wurde der Song allerdings, weil er von Afrika Bambaataa gesampelt wurde und gewissermaßen das Genre Hip-Hop begründete.


naomi schenck

In fremden Betten Sie füttert den Voyeur in uns: Naomi Schenck fotografiert fremde Wohnungen und schreibt über ihre Begegnungen mit deren ­Bewohnern. So öffnen sich intime Einblicke.

Der leere Raum als Projektionsfläche der Fantasie.

Bewohnern, entlockt ihnen auch deshalb ihre Geheimnisse, weil sie sich selbst in die Waagschale wirft. Etwa in folgendem Text.

Das Gefühl kennt jeder: Man steht vor einer fremden Wohnung, weil man als Bote oder Pizzafahrer arbeitet, vielleicht auch nur, weil man sich Eier borgen muss, die Türe geht auf – und man glotzt hinein, vorbei an der Person, die da steht. Klar, das ist unverschämt. Aber eben auch so verdammt interessant. Eine fremde Wohnung ist mit einem offen liegen gelassenen Tagebuch vergleichbar – wie dieses gewährt sie einen intimen Einblick. Die Autorin und Künstlerin Naomi Schenck konnte diesem Reiz nicht widerstehen. Ihre Arbeit als Bühnenbildnerin für Filme führte sie in viele Wohnungen. Sie machte Fotos – und irgendwann kam sie auf die Idee, die Bewohner in kurzen Texten zu porträtieren. Daraus wurde ein Langzeitprojekt, bei dem es generell um alle Wohnungen geht, in die Schenck – beruflich oder privat – kommt. Es sind Schnappschüsse, die Erstaunliches offenbaren: Etwa die Geschichte des alleinerziehenden Vaters, dessen Leben ständig zu entgleisen droht. Oder die verrückte Story einer vergessenen Urne, die über Umwege in eine prachtvolle venezianische Wohnung gelangt ist. Gerade die Abwesenheit von Menschen auf den Bildern korrespondiert perfekt mit den so vertraulichen Geschichten. Diese füllen die leeren Räume quasi aus. Die Stärke von Schencks Texten aber besteht darin, dass diese nur auf den ersten Blick voyeuristisch sind. Der Voyeur zieht bekanntlich seine Lust daraus, verborgen zu bleiben. Nicht so Schenck: Sie interagiert mit den

Ridgeview, London Ich hatte die Frage nur so gestellt. Zum Spaß, und weil sie mir leicht über die Lippen ging. Doch er kam immer wieder darauf zurück, und nach zwei Gläsern des englischen Schaumweins »Ridgeview« gab ich tatsächlich nach und ließ zu, dass der schlaksige Mann im Westernshirt, der sich Bertie nannte, meinen Koffer durch North Kensington zog. Die Rollen auf dem Kopfsteinpflaster verursachten erheblichen Lärm, und das um eine Zeit, in der nur noch in wenigen Häusern Licht brannte. Es schien ihn nicht zu kümmern. Erst als wir in eine schmale Straße abbogen, bemühte er sich, leiser zu sein, und trug den Koffer sogar. Er wirkte jetzt ein wenig angespannt. Als wir vor einem dreistöckigen Stadthaus stehen blieben, kramte er seinen Schlüsselbund hervor und sagte, er müsse mich jetzt durch den Dienstboten­ eingang einschleusen. Ich glaubte an einen Scherz, aber musste feststellen, dass Bertie für ernstgemeinte Aussagen denselben Tonfall benutzte wie für die vielen kleinen Witze und ironischen Bemerkungen, die mich den ganzen Abend lang unterhalten hatten.

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kann ich mal ihre wohnung sehen?

Berties Wohnung in North Kensington. Fotos: Naomi Schenck

auf seinem Nachtschränkchen standen. »Damit du dein Flugzeug nicht verpasst«, sagte er, »für den Fall, dass du morgen früh ein Flugzeug nehmen musst.« Er leerte sein Glas Wein in zwei Zügen und legte sich neben mich. Und als er vorm Schlafen noch einmal den Kopf hob und fragte: »Do you mind if I wake up in the middle of the night and fuck you?«, hatte ich nichts dagegen.

Ein paar ausgetretene Stufen führten hinab zu einer grünlackierten Holztür. Bertie musste seinen Kopf einziehen; er ließ mich vorgehen durch einen schmalen Gang mit weißverputzter Ziegelmauer und einer schwachen, gelblichen Deckenbeleuchtung. Immerhin war gut geheizt. Er führte mich in ein freundliches Souterrain mit Sisalteppich und vielen Bildern, einem alten Schreibtisch und einem großen Bett. Ich schaute mir das Porträt eines jungen Mädchens an. Seine Großmutter aus Sussex, wie ich erfuhr. Dann gab es noch Uncle Bennetts Blaskapelle und einen gerahmten Stadtplan von Timbuktu. Am größten war ein Gemälde im Comicstil, das eine vierköpfige Familie zeigte. Bertie war gut zu erkennen mit seinen Knopfaugen und dem immer etwas erstaunten Ausdruck; seine Söhne sahen ihm offenbar ähnlich. Er schaute zur Seite. »The other three are upstairs?«, fragte ich nach einer Weile. Bertie legte den Kopf schief, als müsse er überlegen. »Well yes. Why, you’re right, they must be asleep by now.« Er zeigte mir, wo das Bad war und gab mir zwei karierte Handtücher. Dann ging er über eine mit Teppich ausgelegte Holztreppe nach oben, um eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank zu holen. Ich machte es mir in seinem Bett gemütlich, genoss die frische, gestreifte Bettwäsche und wurde sehr schnell sehr müde. Ich schaffte es gerade noch, ihn auf seine drei identischen Wecker anzusprechen, die nebeneinander

Naomi Schenck Kann ich mal Ihre Wohnung sehen? Homestorys — Ca. 192 Seiten geb. mit S/W-Abb. Ca. 18,99 EUR (D) / 19,60 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0317-4 Oktober 2013

Der Titel ist Programm: Jemand betritt eine fremde Wohnung – in Düsseldorf, Borneo oder Los Angeles – und beschreibt das Verborgene, das Abwesende. Die feinsinnigen, reduzierten Erzählungen, ergänzt um Fotografien, sind lustig oder melancholisch, sexy oder traurig und immer überraschend.

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gabrielle bell

Die Stadtneurotikerin Euphorisch, melancholisch, komisch – ­Gabrielle Bell zeichnet den Roman über das Lebensgefühl New York und wird dafür von Künstlern wie Art ­Spiegelman gefeiert.

Deine autobiografische Graphic Novel »Der Voyeur« spielt in New York City. Seltsamerweise sieht man in dem Buch aber keinen einzigen Wolkenkratzer. Und keine gelben Taxis. Ich lebe ja auch nicht am Times Square oder an der Wall Street, sondern im Stadtteil Greenpoint in Brooklyn. Da gibt es eben nur wenige Postkartenmotive. Aber ich denke schon, dass der Ort, an dem ich lebe, meine Arbeit beeinflusst und vorantreibt. New York beeinflusst mich dabei weniger durch seine Stadtlandschaft als durch seine einzigartige Mentalität: kosmopolitisch, heterogen und furchtbar ambitioniert. Es kommen so viele talentierte Menschen nach New York. Alle spüren den Druck und den Fokus, der das Streben nach Erfolg, Geld und Produktivität über alles andere stellt. Es fällt mir nicht leicht, in dieser Stadt zu leben. Es ist alles ziemlich intensiv. Aber es gibt auch kleine Fluchten: In einer Episode unternimmt die Figur Gabrielle einen Fahrradausflug nach Roosevelt Island, einem kleinen Fleckchen Land im East River. Dort ist es seltsam still – deshalb kommt sich Gabrielle plötzlich vor wie in einem B-Movie oder einem postapokalyptischen Film wie »28 Days Later« oder »Dawn oft the Dead«. Warum? Roosevelt Island ist ein seltsamer Ort irgendwo im Nirgendwo zwischen Brooklyn, Manhattan und Queens. Eine Schlafstadt für Mitarbeiter der Vereinten Nationen – ohne Bars, Clubs, Kaufhäuser. Das Zombie-Motiv sollte wohl eine Metapher sein für das unwirkliche Gefühl, das man hat, wenn man mitten in New York plötzlich alleine ist. Wenn es hier ruhig ist, dann muss etwas Schreckliches passiert sein. Du beschreibst, oder besser zeichnest, Gabrielles Alltag als Comickünstlerin, die unter Schreibblockaden leidet, die Welt nach dem perfekten Kugelschreiber durchsucht und auf Comic-Konferenzen auftritt. Trotzdem kommen einem viele Szenen bekannt vor – zum Beispiel wenn Gabrielle weinend zusammenbricht, als sie ihren Laptop für fünf Tage in die Reparatur geben muss. Es geht um Menschen, die versuchen, erwachsen zu werden, obwohl sie den 18. Geburtstag längst hinter sich haben, und sogar der 30. liegt bereits hinter ihnen. Eine etwas verspätete coming-of-age Story also. Im ersten Kapitel beschäftigst du dich intensiv mit den digitalen Medien, der E-Mail-Sucht, der Zeit, die man verschwen­ det, wenn man sich mal wieder im Netz verstrickt hat. Ich bin ja noch mit Wählscheiben, Telefonzellen und Branchen­ büchern aufgewachsen und stehe den neuen Kommunikationsphänomenen deshalb manchmal ein wenig hilflos gegenüber. Die Technologie verändert sich so schnell und bringt immer wieder neue Probleme hervor. Wir kommen mit der Produktion von Lösungen einfach nicht hinterher.

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der voyeur

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gabrielle bell

Gabrielle Bells’ Guide to Brooklyn

Viele deiner Figuren scheinen unter einem Erschöpfungs­ syndrom zu leiden – einer Art digitalem Ennui.

A

Ich bin eigentlich den ganzen Tag müde. Aber das kann auch am Älterwerden liegen. Nach zehn Minuten im Netz fühle ich mich, als hätte ich eine ganze Nacht durchgemacht. Das Leben im Netz produziert einen ganz eigenen Bewusstseinszustand. Ich bin dann immer wie weggetreten, schaue verschiedene Seiten an, denke verschiedene Sachen, völlig ungeordnet und nichtlinear. Ich denke, es wird noch eine Weile dauern, bis es uns gelingt, eine Balance zwischen Online und Offline zu finden.

Zum Essen Ganz in der Nähe meiner Wohnung gibt es das »Karczma«, ein gemütliches polnisches Restaurant. Viel Bier und Fleisch. Und die Kellnerinnen tragen traditionelle Tracht. Klingt kitschig? Mir gefällt es! 136 Greenpoint Avenue, Brooklyn, NY, 11222 www.karczmabrooklyn.com

B

In deinem Buch reist Gabrielle nach Kanada, Kalifornien, Japan und Südfrankreich. Und kehrt doch immer wieder nach New York zurück. Seit wann lebst du in der Stadt?

Zum Arbeiten Ohne den richtigen Stift kann ich nicht arbeiten. »Jam’s Stationary« ist ein kleiner Papier- und Handwerksladen, in dem ich gerne einkaufe. Ich hoffe, er überlebt. Denn der Laden leidet unter der Konkurrenz von OnlineVersand­händlern und kann jeden Moment schließen. 835 Manhattan Avenue, Brooklyn, NY 11222

Ich kam kurz nach dem 11. September aus Nordkalifornien nach New York. Eine sehr spezielle Zeit, wie ich sicher nicht erwähnen muss. Ich hatte immer die fixe Idee, dass ich in Manhattan leben würde. Aber dort ist es so unfassbar teuer, so ungemütlich, so eng, dass ich bald wie viele meiner Künstler­ freunde nach Brooklyn gezogen bin.

C Zum Entspannen Wenn alles zu viel wird, gehe ich die Manhattan Avenue, die Lebensader von Greenpoint, entlang, bis die Straße endet und ich am Newtown Creek stehe, einem verdreckten Nebenarm des East River, der Brooklyn und Queens voneinander trennt. Es gibt da keine Touristenattraktionen, nur eine Straße, einen Parkplatz und ein kleines Eiscafé. Man fühlt sich dort wie in einem Strandbad in der Nebensaison. Newtown Creek, New York City, NY, 11222

Es gibt in New York den Spruch: »Fremder, wenn du die Brooklyn Bridge nach Manhattan überschritten hast, dann musst du in deinem Leben keine Brücke mehr überqueren«. Warum sollte man das Zentrum des Universums auch verlassen. Gilt das noch? Nein, natürlich nicht. Brooklyn ist in der vergangenen Dekade zu einem kulturellen Zentrum von globaler Bedeutung geworden. Dort gibt es die einflussreichsten Bands, die besten Clubs – und mittlerweile sogar ein NBA-Team. Brooklyn ist kein Ort, sondern ein Konzept, das für Ziegelsteingebäude, Fahrradläden und kleine Cafés mit kosten­ losem WLAN steht. Wir sind alle Brooklynites. In einer Episode in »Der Voyeur« regst du dich aber über den ironischen, postideologischen Hipster-Lifestyle wie Stricken auf. Findest du auch, dass Gentrifizierung Stadtteile wie Brooklyn oder Berlin-Kreuzberg zu ihrem Nachteil verändert?

Gabrielle Bell Der Voyeur — Graphic Novel Aus dem Amerikanischen von Thomas Stegers Ca. 160 Seiten, geb. 15 x 23 cm 22,99 EUR (D) / 23,20 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0072-2 August 2013

Das wäre wohl ein wenig unehrlich. Ich bin ja selbst ein Gentrifier, ein Künstler, der wegen der billigen Mieten hierhergezogen ist. Ich bin auf dem Land im amerikanischen Westen aufgewachsen. Es war ziemlich unzivilisiert dort und unbequem und rau. Ich gebe zu, dass ich mich über den Komfort und die gute Infrastruktur in Brooklyn freue, die Yogastudios, die kleinen Schreibwarengeschäfte, das gute Essen. Ich will aber eigentlich nicht darüber nachdenken, ob ich ein Hipster bin oder nicht. Ich will ein Erwachsener sein, der sein Ding durchzieht. Und das können die Leute dann gut finden oder schlecht.

»Der Voyeur« ist eine autobiografisch erzählte Graphic Novel der bekannten Comic-Künstlerin Gabrielle Bell, die für ihre nachdenklichen, exzentrischen und lustigen Comics von der Presse ebenso gefeiert wird wie von namhaften Kollegen wie Chris Ware oder Art Spiegelman.

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oscar coop-phane

Treibhaus für Nachtschattenpflanzen Berlin wurde in den letzten Jahren zum Sehnsuchtsort der internationalen Bohème. Oscar Coop-Phane schreibt nun den lange überfälligen Roman über dieses einzigartige und nicht ungefährliche Soziotop.

melte es von Bars, Parks, Mädchen und Tischtennisplatten. Wir waren in einem hedonistischen Paradies gelandet. Das Bier war billiger als Mineralwasser, die Drogen mühelos zu beschaffen, die beste Tanzmusik der Welt an jedem beliebigen Wochentag in Reichweite.« Genau das ist es, was im Augenblick Tausende junger Bohèmiens aus der ganzen Welt anzieht: billiger Mietraum, der vom Druck befreit, allzu viel Geld heranschaffen zu müssen, Party, Drogen, vor allem aber: das Versprechen, bei all der Party noch am kreativen Milieu der Stadt teilhaben zu können. Die glorreiche Vergangenheit (David Bowie, Brian Eno, Martin Kippenberger …) berührt sich hier mit der aufregenden Gegenwart (Wolfgang Tillmans) – es wäre doch gelacht, wenn da nicht der Funke überspränge …, so jedenfalls die Hoffnung Colemanns und seiner Bandkollegen. Die international befeuerte kreative Treibhausstimmung in der Stadt ist schon längst Allgemeingut. Schon vor Jahren schlug der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit genau in diese Kerbe, als er Berlin als »arm aber sexy« anpries. Und dass man in den einschlägigen Vierteln Kreuzbergs und Neuköllns auf den Straßen eher Englisch als Deutsch (und schon gar nicht mehr: Berlinerisch) hört, wird nicht nur gutgeheißen. Man denke an so unschöne Grafitti wie »Touristen fisten« … Angesichts der allgemeinen Sichtbarkeit des Berliner Kunst- und Party-Trubels muss doch eines überraschen: dass es bisher nur so wenige künstlerische Auseinandersetzungen mit diesem Thema gibt. Natürlich gibt es die Party-Texte von Rainald Goetz – aber die beziehen sich eigentlich auf die Hochphase von Berlin-Techno vor über zehn Jahren. »Das weisse Buch« von Rafael Horzon ist eine Ode an die Berliner Unbekümmertheit, aber im Endeffekt ein persönliches Statement. Und »Axolotl Roadkill«, der umstrittene Erstling von Helene Hegemann, bildet zwar den Aspekt Exzess sehr umfassend ab, nicht jedoch das einzigartige Soziotop Berlin. Vielleicht bedurfte es eines Expats, eines Neuberliners, um dies zu tun. Eines wie Oscar Coop-Phane, geboren 1988 in Paris. Für sein Debüt, einen Roman über eine Straßen­ prostituierte (Coop-Phane pflegt, wie so viele französische Literaten, eine Obsession für die Gosse), wurde er in seiner Heimat gefeiert. So erhielt er, wie vor ihm Michel Houellebecq und Amélie Nothomb, den Prix de Flore und Frédéric Beigbeder jubelte: »Oscar Coop-Phane ist die Offenbarung des literarischen Jahres. Welch ein Einstieg in die Literatur!« Und wie so viele seiner jungen Landsleute (es soll 40.000 junge Franzosen in Berlin geben) floh Coop-Phane vor der Pariser Geschäftigkeit und Kälte ins kreative, egalitäre Paradies Berlin. In »Bonjour Berlin« beschreibt er die Erlebnisse dreier junger Männer Anfang 20, die sich in Berlin treffen. Armand, der wie Oscar Coop-Phane Paris hinter sich gelassen hat, ist begeistert vom Berliner Savoir-vivre: »Auf den breiten Gehwegen geht man viel spazieren. Als könne einem nichts und niemand etwas anhaben, als nehme man sich hier mehr Zeit als anderswo. Man ist ein bisschen knapp bei Kasse, aber man kommt über die Runden. Es gibt richtig leckere Suppen. In den Kneipen wird geraucht, weil es unsinnig wäre, dies nicht zu tun. Am Laptop arbeitet man sich an ein

Jede Zeit hat ihre Stadt: Was in den 1920ern Paris war, in den 1960ern London und San Francisco, in den 1980ern New York, ist heute Berlin: The Place to be. Diesen Lockruf vernahmen vor einigen Jahren auch vier junge Australier: Kreative allesamt, Musiker, nebenbei mit künstlerischen und literarischen Ambitionen. Sie hatten die Schnauze voll von den hohen Mieten in den australischen Metropolen – vor allem aber wollten sie mittendrin sein. Robert F. Colemann, einer der Musiker, beschreibt die Faszination: »Für eine junge Band wie unsere hatte die Stadt eine Anziehungskraft wie sie Paris und London seit Orwells Zeiten nicht mehr hatten: günstige Mieten, ein entspannter Lifestyle, Proben in ausgedienten Lagerhallen, Auftritte in verlassenen Spionagetürmen, inspirierende Gespräche mit Schriftstellern und Zirkuskünstlern – das waren die Szenarien, die wir in aufgeregter Vorfreude diskutierten.« Colemann veröffentlichte im letzten Herbst im New York Times Magazine ein Resümee der Reise in die verheißene Stadt. Es ist einer der besten journalistischen Texte, die in den letzten Jahren über Berlin erschienen. Zunächst einmal glaubt sich die Band im siebten Himmel: »Um uns wim-

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bonjour berlin

Bandmitglieder und er fühlten sich in Berlin so pudelwohl, dass die Flamme unter ihrem kreativen Dampfkessel erlosch. Statt sich im Proberaum zu treffen, zogen sie es vor, mit Freunden an der Spree zu grillen oder einer neuen Affäre nachzuhängen. Die Drogen, der Alkohol und die durchwachten Nächte taten ihr Übriges: »Die unerklärliche Energie der Stadt hatte uns gepackt, aber anstatt unsere Musik zu stimulieren, weckte sie nur unseren Partygeist. Wir verloren jeden Antrieb. Und von da an ging es bergab.« Irgendwann mussten sich die verhinderten Künstler fragen: »Gab es zwei verschiedene Arten von Kreativen in der Stadt? Diejenigen, die als etablierte Künstler ihr Leben finanzierten, und diejenigen wie uns, die als kreative Touristen kamen? Denn uns wurde schnell klar, dass viele allein wegen der günstigen Lebens­ verhältnisse in Berlin wohnten, ohne, wie mein Bandkollege es ausgedrückt hatte, »etwas auf die Beine zu stellen«. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Irgendwann zog Colemann die Reißleine, fuhr zurück nach Australien, hörte dort mit dem Rauchen auf, gründete eine Familie und macht heute wieder regelmäßig Musik und schreibt obendrein. Er liebt Berlin – war den Anforderungen der Stadt aber nicht gewachsen. Etwas anders ist es mit Oscar Coop-Phane. Wie seine Protagonisten atmete er die Berliner Luft in vollen Zügen (in Interviews erklärt er zum Beispiel sehr gelehrig die Droge MDMA …). Trotzdem schaffte er es meist, tagsüber im Café Haliflor zu sitzen, mit der Bedienung zu flirten und seine Texte zu schreiben. Zumindest sein Berlin-Buch. Inzwischen wurde ihm die Kluft zwischen Müßiggang und harter Schriftstellerei aber wohl auch zu anstrengend – er ging zurück nach Paris. Welch ein Verlust für Berlin, welch ein Gewinn für die Literatur.

Oscar Coop-Phane

paar Obsessionen ab. Man spürt das tosende Europa um einen herum, das Durcheinander der verschiedenen Sprachen.« »Bonjour Berlin« ist eine Ode an die Stadt. Vor allem aber bringt es eine Tatsache unmissverständlich auf den Punkt: Sucht man den Zeitgeist des Jetzt, wird man ihn in Berlin finden. Das ist keine banale Erkenntnis, angesichts einer Gegenwart, die sich allzu gerne in die Vergangenheit sehnt (es ist kein Wunder, dass der Pop der Gegenwart unlängst als »Retromania« bezeichnet wurde) und das Hier und Jetzt oft als lau und abgestanden empfindet. Armand hingegen bringt es auf den Punkt: »Ich glaub, ich hab jetzt was verstanden. Weißt du, ich fand meine Generation noch nie sonderlich sympathisch. Facebook, SMS, der ganze Kram, das ist alles nicht besonders romantisch. Aber als ich hierherkam und die Technoszene kennengelernt hab, hatte ich plötzlich das Gefühl, einer Generation anzugehören. Und ich finde, man muss versuchen, seiner Generation anzugehören. Also hab ich beschlossen, vor der heutigen Welt nicht mehr davonlaufen zu wollen. Ich will jetzt ganz in sie eintauchen. Wir haben unsere Musik und unsere Drogen.« Das alles ist natürlich nicht ohne Gefahren. Die beschreibt der australische Musiker Robert F. Colemann in seinem New-York-Times-Magazine-Essay prototypisch. Seine

Oscar Coop-Phane Bonjour Berlin — Roman Aus dem Französischen von Christian Kolb Ca. 256 Seiten, geb. Ca. 17,99 EUR (D) / 18,50 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0315-0 August 2013

Coop-Phane beschreibt die Erlebnisse dreier junger Männer Anfang 20, die sich in Berlin treffen und tief in die Stadt eintauchen. »Bonjour Berlin« ist ein Generations­ roman, ein Paris- und Berlinroman, ein Techno- und Drogenroman und ein fein gesponnener psychologischer Roman zwischen Weltschmerz-Tristesse und ekstatischer Enthemmtheit.

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volker gerling

Unterwegs – zu den Menschen Volker Gerling durchwandert Deutschland, Österreich und die Schweiz. Ohne einen Cent in der Tasche, dafür mit Daumenkinos auf dem Bauchladen. Du bist Daumenkinograph – wie kam es dazu? Ich habe an der Filmhochschule Babelsberg Kamera studiert. Der Wunsch, Geschichten mit Bildern zu erzählen, ist also alt bei mir. Mein erstes Daumenkino habe ich 1998 gemacht. Es war eigentlich sehr naheliegend: Ich hatte eine analoge Spiegel­ reflexkamera mit Motor, eine Nikon F3, und wunderte mich, dass ich noch nie auf die Idee kam, alle 36 Bilder in 12 Sekunden zu belichten.

Alter Mann mit Baseballmütze »Über den Zaun seines Gartens fragt Alfred Voigtländer, wo ich mit meinem Gepäck hin will. ›Nach Zürich‹, sage ich. Er lädt mich in sein Haus ein. Dort zeigt er mir alle Fernsehprogramme, die er empfangen kann, und seine bunten Anzüge im Schrank. Alfred schenkt mir Brot, Schokolade, Leberpastete, Zucker, Kaffeesahne und einen Schnaps. Zum Abschied winkt er mir. ›Die Fotos, die Se jemacht ham, bezahl’ ick Ihnen. Ick hab’ jenuch Jeld. Ick hab’ in meinem Leben immer allet bezahlt.‹« Volker Gerling

Ein Mini-Film sozusagen … Genau. Und was an diesem Vorgehen tatsächlich neu ist: Ich überlege mir vorher nicht, was passieren soll – sondern überrasche Menschen damit, dass ich sie so oft fotografiere. Dann kommt es immer zu sehr schönen Übersprungshandlungen bei den Porträtierten – auch aus Verzweiflung darüber, dass ich nicht aufhöre, sie zu fotografieren. Auf diese Weise komme ich zu sehr wahrhaftigen Momenten. Wie entsteht dann aus dieser Fotoserie ein Daumenkino? Die Fotos ziehe ich auf kartonstarkem Barytpapier ab, beschneide und binde sie. Fertig ist das Daumenkino. Das Tolle ist: Aufgrund der geringen Größe, aber auch, weil man keinen Strom und keine Abspielgeräte braucht, fordert das Daumen­ kino quasi dazu auf, herumgetragen zu werden. Das ist der eigentliche Clou daran: Du behauptest, es bestehe ein Zusammenhang zwischen Daumenkinos und Wanderschaft. In der Tat. Der Film- und Medienwissenschaftler Joachim Paech hat festgestellt, dass das filmische Sehen von dem Blick aus der fahrenden Eisenbahn, die ein paar Jahrzehnte zuvor erfunden wurde, vorweggenommen wurde. Seine These: Die Art des Sehens aus dem Waggonfenster – man wird unbewegt bewegt und blickt durch eine Scheibe auf eine vorbeiziehende Landschaft – korrespondiert mit dem Betrachten eines Films auf der Leinwand im Kino. Da dachte ich mir: Dann muss es auch eine Fortbewegungsmethode geben, die dem Daumenkino entspricht. Und das kann nur das Gehen sein. Der Fußgänger bewegt sich mit seinem individuellen Tempo, für das alleine er verantwortlich ist, durch die Landschaft. Er macht damit genau das, was die Leute, die Daumenkinos durchblättern, auch tun. So kamst du auf die Idee, mit Bauchladen und Daumenkinos auf Wanderschaft zu gehen. Ja. Zuerst tingelte ich mit meiner mobilen Ausstellung durch Berlin. Ich zeigte meine

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Bilder lernen Laufen, indem man sie herumträgt

Kinos den einschlägigen Leuten, also denen, die an Subkultur interessiert sind. Irgendwann aber war mir das zu wenig. Ich wollte wissen, ob ich es schaffen würde, auch außerhalb dieser Gesellschaftsschicht vom Zeigen einer Daumenkino-Ausstellung überleben zu können. Und da ich schon immer mal eine große Reise machen wollte, aber nie das Geld dazu hatte, entschied ich mich, mit den Daumenkinos auf Wander­ schaft zu gehen. Entscheidend dabei ist: ohne Geld. Genau. Ich lebe auf Wander­ schaft nur von dem, was mir die Betrachter meiner Daumenkinos geben, und schlafe in meinem Zelt. Manchmal werde ich auch für eine Nacht eingeladen. Ist das nicht wahnsinnig anstrengend? Natürlich ist es anstrengend, in eine unbekannte Kneipe zu gehen und dort Fremde anzusprechen, ob sie Daumenkinos sehen wollen. Doch so zwinge ich mich, auf Leute zuzugehen, weil ich mich nicht hinter meinem Portemonnaie verstecken kann. Das Wichtigste an der ganzen Wanderschaft ist, dass ich auf diese Weise Menschen kennenlerne, von denen ich zum Teil wieder Fotos für neue Daumenkinos mache.

Mädchen mit langen und mit kurzen Haaren »Als ich Antonia auf der Straße nach dem Weg frage, sucht sie gerade eine Steckdose für ihre Haarschneidemaschine. Antonia hat beschlossen, sich die Haare von ihren Freundinnen abschneiden zu lassen. Jetzt hat sie keine Zeit zu verlieren, weil sie Angst hat, es sich doch noch anders zu überlegen. Antonia schließt die Augen. Erst wenn die Haare ab sind, will sie sich wieder anschauen.« Volker Gerling

Wie läuft das genau ab? Wenn ich merke, dass mich der Mensch interessiert, dann frage ich, ob ich ihn fotografieren darf. Das Interessanteste aber sind die Geschichten, die ich dabei erfahre. Die sind auch ein sehr wesentlicher Bestandteil meiner Bühnenauftritte, bei denen ich von meinen Reisen erzähle. Wie lange bist du unterwegs? Inzwischen habe ich Kinder und beschränke mich meist auf vier Wochen. Ich durchwandere den gesamten deutschsprachigen Raum. Das Schönste ist für mich, dass ich immer wieder mit ganz überraschenden Begegnungen beschenkt werde. Es mag etwas abgegriffen klingen: Aber ich lerne auf Wanderschaft viel über das Leben.

Volker Gerling Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt Zu Fuß durchs Land — Ca. 256 Seiten, geb. Ca. 17,99 EUR (D) / 18,50 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0302-0 September 2013

Volker Gerling wanderte 3000 Kilometer »zu Fuß und ohne Geld«, nur mit seinen selbst gemachten Daumen­ kinos im Gepäck. Eine leichtfüßige und tiefsinnige Reisereportage über ein Leben in Eigenzeit, die Flüchtigkeit des Moments und die Bedeutung der menschlichen Begegnung.

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Lord Breaulove Swells Whimsy

Wie sich Narzissten rasieren Lord Whimsy hat Stil, einen falschen Titel und weiß genau, was Einzigartigkeit bedeutet. Beste Eigenschaften also, um eine Anleitung zum Dandytum zu schreiben. Und genau das hat er getan. Eigentlich heißt er ja Victor Allen Crawford III, was ihm aber nicht prätentiös genug war. Zum Dandysein gehört Heuchelei, mehr Schein als Sein, deswegen Lord Whimsy. Er arbeitet als Autor und Illustrator und ist sich seines Narzissmus bewusst. Der Enge New Yorks zieht er einen Landsitz im Umland von New Jersey vor. Er zelebriert die große Geste des flamboyanten Auftritts, von Kopf bis Fuß im Style, vom Zylinder über den perfekten Prince-Albert-Krawattenknoten bis zu den Schuhen, die bis in den Orbit glänzen. Er will Freude erzeugen, mit seiner Dekadenz die Leute unterhalten und sie inspirieren, vielleicht auch mal ein Einstecktuch zu tragen oder einen Bart wie Errol Flynn. Nach den glattrasierten 90er Jahren wuchert ja das Gesichtshaar seit einiger Zeit wieder in hippiesker Fülle, meistens in Form eines Vollbarts. Doch jedem Mann stehen noch viele andere Varianten zur Verfügung, um seine Stimmung, seine Einstellung und Haltung über seine Rasur seinen Mitmenschen zu offenbaren. Welche, das zeigt Lord Whimsy im folgenden Ausschnitt seines Buches »Die Kunst mit einem Hummer spazieren zu gehen«:

Lord Breaulove Swells Whimsy Die Kunst mit einem Hummer spazieren zu gehen Handbuch für den wahrhaftigen Dandy — Aus dem Amerikanischen von Katharina von Savigny Ca. 208 Seiten, geb., durchgehend schwarz-weiß bebildert Ca. 16,99 EUR (D) / 17,50 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0321-1 Oktober 2013

Ist nicht nur ein Dandy-Experte – Lord Whimsy lebt das Dandytum.

Lord Whimsy präsentiert der Öffentlichkeit in vollendeter Ausdrucksweise, in Bild und Wort, Erstaunliches über die Möglichkeiten der fintenreichen Kleidung, über Ästhetik und Dandytum, aus den Bereichen der Natur­ wissenschaft und Kunst, dazu historische Überlieferungen, Literatur, Folklore, ergänzt um minutiös ausgearbeitete Albernheiten.

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Die kunst mit einem hummer spazieren zu gehen

Abb. 17

(Abb. 17) NACH HAARIGKEIT GEORDNET: a) Koteletten; b) CaptainKirk-Koteletten; c) Josephine-Baker-Bart; d) der Poirot; e) Kinngardine oder der Jock O’Paddy; f ) Wittelsbacher; g) Anker; h) à la Souvarov; i) der Dalí; j) kaiserlicher Schnauzer; k) Backenbart; l) der Musketier; m) der Napoleon III; n) Backenschnauzbart; o) der Balbo-Bart; p) Ziegenbart; q) der Hulihee (hawaiianisch für: dreh um und flieh); r) der akkurate Vollbart; s) der Van Dyck; t) der French-Fork-Vollbart [die Heugabel] 39


DIRK von Gehlen

Die Zukunft ist flüssig Dirk von Gehlen ist ein radikaler Vordenker der Kulturproduktion in Zeiten des Internets. Hier erklärt er seine Thesen – in fünf Songs. Für sein Buchexperiment »Eine neue Version ist verfügbar« hat Dirk von Gehlen eine Compilation mit 30 Songs zusammen­ gestellt, die wie eine Art Soundtrack zu dem Buch funktioniert. Umgekehrt kann man aber anhand der Songs die Grundthesen des Buches gut erklären, das der Journalist der Süddeutschen Zeitung im Herbst 2012 mit einem vielbeachteten Crowdfunding-Projekt startete. Damals kauften 350 Leser sein Buch, obwohl von diesem noch nicht eine Zeile geschrieben war. Denn das ist die Annahme, die »Eine neue Version ist verfügbar« aufstellt und in die Tat umsetzt: Die Digitalisierung macht aus Texten, Musik und Filmen Software, die man in Versionen denken muss und nicht mehr einzig als festes Werkstück. Digitalisierung verflüssigt die gängigen Denkmuster von Kultur – genau das ist auch Thema dieser Songs, die allesamt einen Bezug zum Flüssigen haben. Hier eine vom Autor kommentierte Auswahl von fünf »liquid songs«, die gesamte Playlist kann man im Stream­ ing-Dienst Spotify nachhören: www.bit.ly/neue_version

Tocotronic »Jenseits des Kanals«

Dass Dirk von Lowtzow in diesem Song vom 1999er Tocotronic-Album »K.O.O.K«-Zeilen von Gustave Flaubert singt, hat mich schon im Vorgänger-Buch »Mashup« begeistert. »Jenseits des Kanals« ist der melodische Beleg für die Referenz- und Remix-Kultur, die uns schon prägte, bevor die digitale Kopie die Menschheit in die Lage versetzte, Inhalte identisch zu du­­plizieren. Durch diese neue Fähigkeit wird das Grundverständnis von Original und Kopie herausgefordert. Kopieren ist aber nicht Bedrohung, sondern Chance für Kultur. Die Versionierung von Inhalten und die Dokumentation ihrer Entstehung sind in dieser Form nur durch die digitale Kopie möglich. Und diese Versionierung, so die zentrale These von »Eine neue Version ist verfügbar«, könnte dem Kunstwerk einen zusätzlichen Wert verleihen, der über das reine Dokument hinausgeht. So wie Menschen sich nicht nur für ein Fußball-Ergebnis begeistern, sondern vor allem auch für die Art, wie es zustande gekommen ist.

Dirk von Gehlen Eine neue Version ist verfügbar – Update Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert — Ca. 144 Seiten, Broschur Ca. 12,99 EUR (D) / 13,40 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0325-9 September 2013

Zum Autor: Dirk von Gehlen leitet bei der Süddeutschen Zeitung die Abteilung »Social Media/Innovations«, zu der auch das junge Magazin jetzt.de zählt. Der Diplom-Journalist befasst sich seit Jahren mit der Digitalisierung und deren Folgen für Kultur und Gesellschaft. Er bloggt unter digitale-notizen.de, 2011 erschien von ihm »Mashup – Lob der Kopie«. Den Nachfolger »Eine neue Version ist verfügbar« schrieb er in einer Salon-Öffentlichkeit von 350 Lesern, die das Buch vorab finanzierten. Mehr über das Buch unter enviv.de

Digitalisierung verflüssigt die Inhalte des kulturellen Schaffens. Texte, Musik oder Filme sind Software, die man als Versionen und nicht als abgeschlossenes Werk betrachten muss. Das Buch zeigt, wie sich die Denk- und Geschäftsmodelle von Kultur verändern.

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Eine neue Version ist verfügbar – Update

PeterLicht »Fluchtstück«

Bon Iver »Wash« (St. South Remix)

Über lange Zeit war das für die Medien Aufregendste an PeterLicht, dass er sich einem ihrer zentralen Funktionsprinzipien entzog und keine Künstlerperson mit Gesicht und Eigenschaften sein wollte. PeterLicht trat 2007 beim Ingeborg-Bachmann-Preis auf ohne in die Kamera zu schauen, er ließ sich nur von hinten filmen und bei der Verleihung des Publikumspreises für seinen Text »Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends« im Anschluss vertreten. Der Song »Fluchtstück« stammt vom Album »Ende der Beschwerde« und verhandelt das Thema der Verflüssigung – nicht als Problem, sondern als Ausweg: »Ich verflüssige mein Festes / Ich verkauf meine Sachen / Ich verflüchtige mich / Boote, Gräben, Luftschiffe / Gullydeckel, Löcher im Zaun, Fluchttunnel / Mögen sie mich nach draußen bringen.«

Justin Vernon ist Kopf und Stimme des Projekts »Bon Iver«, das nach dem französischen »bon hiver« für »guter Winter« benannt ist. Dabei geht es in seinem Fall aber gar nicht um Eisoder Wasser-Metaphern, sondern um sein sehr konkretes Projekt. Dabei zeigte Vernon, was es heißt, wenn man die These vom neuen Verhältnis zwischen Künstler und Publikum weiterdenkt: Wenn ein Song nicht der Abschluss, sondern Mittelpunkt eines Prozesses ist, kann dabei Erstaunliches entstehen. Vernon bat seine Fans nämlich, Songs von seinem Album »Bon Iver« zu verändern und umzugestalten: Aus allen Remix-Versionen wählte der Künstler aus und schuf so ein neues Werk, das sozusagen eine neue Version darstellt. Es trägt den Titel »Bon Iver, Bon Iver, Stemsproject« und versammelt jede Menge neue Versionen.

Death Cab for Cutie: »The Ice Is Getting Thinner«

Pulp »After You«

»Die Jahreszeiten haben sich geändert – wie auch wir uns geändert haben«, singt Ben Gibbard in diesem Liebeslied, das nichts mit der Digitalisierung zu tun hat – außer dem schmilzenden Eis, das dünner wird. Mit diesem Bild beschreibe ich den Wechsel der Jahreszeiten, der durch die Digitalisierung eingetreten ist. Kultur war bisher stets ein gefrorener Eisblock, die Digitalisierung taut ihn auf, verändert seinen Aggregat­ zustand – macht ihn flüssig. So wie die Jahreszeiten das Wetter verändern, zeigt auch die Digi­ talisierung klimatische Veränderungen. Wenn von dünnem Eis die Rede ist, geht es meist um eine sich verschärfende, problematische Situation. Nicht so in diesem Death-Cab-ForCutie-Song. Hier ist das dünner werdende Eis ein Symbol für Annäherung, für den aufziehenden Frühling mit all seinen Möglichkeiten.

Im Jahr 2012 verschenkte die Band Pulp diesen Song Besuchern, die eines ihrer Konzerte besuchten. Die erste Version des Liedes stammt aus dem Jahr 2001. Damals war sie als DemoVersion aufgenommen worden. Nach der Wieder­ vereinigung der Band im Jahr 2011 war »After you« der erste Song, den die Band aufnahm. Das Lied zeigt zum einen, wie die Verbindung aus Erlebnis (Konzert-Besuch) und File (SongDatei) neue Denkmodelle eröffnet. Zum anderen steht das Phänomen »Demo-Version« beispielhaft für die Idee von »Eine neue Version ist verfügbar«. Echte Fans könnten sich sehr für erste Demo-Versionen von Songs begeistern. Durch die Digitalisierung ist es möglich, quasi live dabei zu sein, wie Demo-Versionen entstehen. Für echte Fans ist das ein enormer Wert, sie erleben einen unkopierbaren Moment, der wertvoll, aber bisher kaum beachtet ist.

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dotschy reinhardt

»Nichts gegen sexy Fiedler, aber …« Ein Gespräch mit der Musikerin Dotschy Reinhardt über »Gypsy-Swing«, die Kultur der Sinti und Roma und die falschen Bilder, die es davon gibt.

Sinti- und Roma-Musik weltweit: Deutschland Das Herz der deutschen Sinti- und Roma-Musikszene schlägt unter anderem in Berlin. Von dort kommen Musiker wie der Sinto-Jazzgeiger Martin Weiss oder das Plattenlabel Asphalt Tango, das osteuropäische Roma-Musik weltweit bekannt gemacht hat. Eine der bekanntesten deutschen Sinteza ist Marianne Rosenberg, die lange über ihre Wurzeln geschwiegen hat.

Frankreich Paris war die Heimatstadt des Jazzgitarristen und Malers Django Reinhardt. Er gilt als Erfinder des Gypsy-Swings und Begründer des europäischen Jazz. Seine Gitarre hängt im Pariser Musik Museum neben der Geige Paganinis. Djangos Enkel David Reinhardt trägt heute das Erbe seines Großvaters weiter.

USA Die bestimmende Figur der amerikanischen Szene ist Eugene Hütz, Sänger und Bandleader der Band Gogol Bordello und Erfinder des Gypsy-Punk. Eugene Hütz wohnt in New York, genauso wie Serdar Ilhan, Musiker und Besitzer des Multi-Kulti-In-Clubs Drom und Veranstalter eines jährlich stattfindenden Gypsy-Festivals.

Spanien Aus Spanien kommt die bekannteste Gypsy-Band der Welt, die Gypsy Kings, und der bekannteste Flamenco-Tänzer der Welt Joaquín Cortés. Beide zeigen, dass man als bekennender Roma erfolgreich sein kann, ohne die verbreiteten »Zigeuner«-Klischees zu erfüllen.

Rumänien Rumänien hat eine vielfältige Sinti- und Roma-Musikszene. Eine Band von dort brachte es zu Weltruhm. Fanfare Ciocarlia spielen Balkan-Brass, zu ihren vielen Fans gehört auch Johnny Depp.

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everybody’s gypsy

den »Balkan-Gypsy-Beat« oder den »Gypsy-Swing«, natürlich in verfälschter Form.

Dotschy Reinhardt, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch neben dem globalen »Gypsy Pop« über die alltägliche Diskriminierung von Sinti und Roma. Woher stammt der herabsetzende Begriff des »Zigeuners«? Nun, die Stigmatisierung der Sinti und Roma reicht bis in das frühe Mittelalter. Schriftsteller, Maler und Musiker wurden durch das geheimnisumwitterte Volk zu wildesten und abgründigsten Verschwörungstheorien inspiriert. Kirche und Politik hetzten damals wie heute gerne gegen Sinti und Roma, schürten Ängste und sicherten sich so Wählerstimmen oder Mitglieder. Das alles führte zu Exotisierung und zu Klischees, die sich bis heute in der Beurteilung der Minderheit und im Wort »Zigeuner« hartnäckig halten.

Wie sieht für Sie ein verantwortungsvoller Umgang mit der Kultur von Sinti und Roma aus? Man sollte berücksichtigen, dass unsere Kultur so vielfältig und unterschiedlich ist wie die Sinti und Roma es selbst sind. Ein Roma-Musiker aus Bulgarien hat höchstwahrscheinlich ein anderes Musikverständnis als ein Sinto-Musiker aus Deutschland. Die Sinti und Roma sind sehr mit den kulturellen Gebräuchen der Länder, in denen sie beheimatet sind, verbunden. In die Gypsy-Schublade passt unsere Kultur jeden­ falls nicht rein.

Wie beeinflussen diese Klischees das Leben der Sinti und Roma? Die Klischees haben mit dem Leben der meisten Sinti und Roma gar nichts zu tun, sie haben daher nur einen Zweck: Das tief sitzende Bild des »Zigeuners« zu untermauern und Leute in ihrem Unwissen zu bestärken. So wird etwa eine »Zigeunerin« halb nackt, feurig, schamlos und gleichzeitig als den Männern unterwürfig in allen Geschäftsbereichen repräsentiert. Die Folge ist, dass die Mehrheitsgesellschaft unser Aussehen und unsere Traditionen weniger respektieren und uns nicht als gleichberechtigte Bürger in den Ländern wahrnehmen, in denen wir schon seit Jahrhunderten leben.

Und trotzdem, könnte diese Schublade nicht helfen, Vorurteile abzuschwächen? Man darf sich da nichts vormachen, solange die Parteien in Deutschland und die EU in Europa nicht Voraussetzungen für eine menschenwürdige Existenz der notleidenden Roma schaffen, werden die Vorbehalte gegenüber Sinti und Roma nicht weniger werden oder gar verschwinden. Ich befürchte sogar, dass der Rassismus zunehmen wird. Dennoch ist es sehr wichtig, dass Musiker sich gegen diesen Rassismus aussprechen und klarmachen, dass es verdammt uncool ist, einen Menschen aufgrund seiner Herkunft zu verurteilen. Ich finde es enorm wichtig und nachahmenswert, Solidarität mit den Schwächeren zu signalisieren.

Wie ergeht es Ihnen selbst als Sinteza in Deutschland? Zuerst einmal muss ich sagen, dass meine Wurzeln als Sinteza kein Widerspruch zu meiner deutschen Identität sind. Ich beziehe mich also auf meine Person und nicht auf meine Herkunft. Aber ich rege mich natürlich darüber auf, wie einseitig Sinti und Roma in den Medien repräsentiert werden. Auch gibt es hie und da Veranstalter und Publikum, die darüber enttäuscht zu sein scheinen, dass eine Zigeunerin eher den unterkühlten »Bossa Nova« anstatt den feurigen »Csárdás« spielt.

Zur Autorin: Dotschy Reinhardt wurde 1975 in Ravensburg geboren und lebt heute in Berlin. Sie ist Musikerin und Schriftstellerin. In ihrer Musik verbindet sie Jazz und Bossa Nova mit dem Gypsy-Swing von Django Reinhardt, mit dem sie tatsächlich verwandt ist. »Everybody’s Gypsy« ist ihr zweites Buch.

Was suchen die Leute in diesen Stereotypen? Nichts gegen sexy Fiedler, aber es ist schon auffällig, dass die feurige »Zigeunerin« und der glutäugige »Zigeuner« als Projektionsfläche für unerfüllte Wünsche und mangelnde Selbstverwirklichung eigener Leidenschaften herhalten müssen. Ein »Zigeuner« darf schließlich unmoralisch sein, nicht so der Saubermann.

Dotschy Reinhardt Everybody’s Gypsy zwischen Popkultur, Ausgrenzung und Respekt — Ca. 256 Seiten, geb. Ca. 17,99 EUR (D) / 18,50 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0306-8 September 2013

Der Saubermann feiert ja seit längerer Zeit zu »Balkan Beats« und »Gypsy-Swing«, also zu »Gypsy-Pop«-Spiel­arten, die gerade hip sind. Trotzdem werden in ganz Europa Sinti und Roma diskriminiert. Wie erklären Sie sich die Diskrepanz? Für Angehörige dieser Minderheit ist das nichts Neues. Selbst im KZ ließ man Zigeuner- und Judenkapellen spielen, und die Nazis erfreuten sich an deren Kunst. Heute werden die Roma aus der EU von der CSU mehr oder weniger als Schmarotzer dargestellt, deren Anwesenheit den Untergang Deutschlands bedeute. Viele Menschen sind dieser Meinung. Andererseits stellt man sich auf die Bühne und spielt selbst

Über die zeitgenössische »Gypsy-Kultur« und ihren unterschätzten Einfluss auf unseren Alltag. Ein Roadtrip durch die Zentren des Pop mit Musik, Mode, Literatur, Kunst, Film und TV. Ein Lehrstück über gut gemeinten und schlecht gelebten Respekt, über Aneignung und Ausgrenzung.

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Martin Gotti Gottschild

Der Menschen-Versteher Martin »Gotti« Gottschild schreibt lustige Texte zu Dias, die er auf dem Flohmarkt gefunden hat. Und auch sonst ist er ein Pfundskerl. hat, schreibt er möglichst weit hergeholte, aber wahrhaftige Kürzestgeschichten. Auf einem Bild, das untergehakte Frauen zeigt, entdeckt er »ein herzerwärmendes Beispiel mustergültiger Integration«: die 4-armige Sybille werde trotz ihres Handycaps von allen »geschätzt und akzeptiert«; Bilder, die harmlose Sonnenbadesituationen zu zeigen scheinen, verdreht er zu Szenen aus dem Sozialismus; aus Nackten werden Leistungssportler, aus Kaffeekränzchen Witzewettbewerbe. »Das sind so Fisimatenten, die ich den Leuten überhelfe«, sagt Gottschild, »aber«, das ist ihm wichtig, »ich beleidige nie jemanden.« Er betrachte die Dias wie Standbilder und frage sich, »was kann davor und danach passiert sein«, sagt er. Er fiktionalisiert die Realität. In Berlin ist er damit berühmt geworden, er tritt aber mit seinem langjährigen Kompagnon, dem Musiker Sven van Thom, unter dem Namen »Tiere streicheln Menschen« längst auch in anderen Städten auf, zeigt Dias, liest komische Kurzgeschichten, macht Musik – und ist unterhaltsam. Zur Zugänglichkeit kommt so Vielseitigkeit. Seine Arbeit sei »ein Kessel Buntes«, sagt er, man könne sie wie eine Illustrierte auf dem Klo verstehen: Gefällt dir das eine nicht, blätterst du um. Auch über »Dia-Abend« sagt Gottschild, es handle sich um »Klolektüre«. Zu verstehen ist das weniger als Abwertung der eigenen Arbeit, die als nicht lineare Sonntagslektüre besser eingeordnet wäre, sondern eher als Absage an jede Form der Selbstüberhöhung. »Ehrgeiz«, sagt Gotti, »hat den Menschen nur geschadet, das muss man einfach so sagen.«

Hier sehen wir den erfolgreichen Geschäftsmann Karl-Heinz Klinke – den Erfinder der Haustür – vor seinem Meisterstück, der »Auf und Zu 1«.

Eine Eckkneipe im Prenzlauer Berg, 11 Uhr morgens. Der Tresen ist mit Biertrinkern in Arbeitskleidung zugestellt, Rauchen ist »strengstens erlaubt«, wie an der Wand steht (gleich neben dem Spruch: »Lieber ne Runde im Lokal als ne Dünne im Bett«). Der Kaffee wird in veralteten Maßeinheiten geliefert, als Tasse oder Kännchen. Hier will sich Martin Gotti Gottschild zum Interview treffen. Ein Statement. Es ist nicht so, dass Gotti in diese vergehende Welt der abgehangenen Thekenaphorismen gehören würde, trotz seines mehrdeutigen Schnurrbarts. Nach einer Stunde hat man den Eindruck, er sei nur neugierig und frei von Berührungsangst. Er interessiert sich ohne Zynismus für das Leben unterhalb jeden Überbaus. Und aus diesem Interesse schöpft er dann seine Arbeiten. Er schaut sich das Leben an, dann benennt er es. Die Wirtin zum Beispiel: Eine Weile schaut er ihr beim Gläserspülen und ihren Mundwinkelzerrungen zu, dann charakterisiert er sie mit einem schnellen freundlichen Zweizeiler, Pointe inklusive. Speziell die Berliner verstehe er, der selbst in Pankow aufgewachsen ist, in ihrer »phlegmatischen Flapsigkeit«, wie er es nennt. Wenn er ein Musikvideo zu dem Michael-Jackson-Song drehen müsste, der in diesem Moment im Radio läuft, womöglich würde er die Kamera einfach auf die schweigenden Biertrinker an der Theke halten; auf die Wirklichkeit des Moments also. In »Dia-Abend« sind einige seiner besten Stücke gebündelt, die er bislang nur im Rahmen seiner regelmäßigen Action­ lesungen vorzeigte. Zu Dias, die er auf Flohmärkten gefunden

Martin Gotti Gottschild Dia-Abend Unvergängliche Erinnerungen eines der größten Räusperer unserer Zeit — Ca. 96 Seiten, geb. durchgehend farbig Ca. 12,99 EUR (D) / 13,40 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0319-8 September 2013

Fotos vom Flohmarkt, Geschichten von Gotti. Der Meister des bekloppten Humors verdreht harmlose Situationen in apokalyptische Zustände: Säuglinge werden zu Wurfsternen, Nudisten zu Kampfsportlern und die Dame auf dem Gruppenfoto zur vierarmigen Sybille. Fotostorys mit Suchtpotenzial.

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dia-abend

Man kann es sich nicht oft genug vor Augen führen – das Wunder des Lebens. Was hier noch wie ein hilfloses, frisch gerupftes Hähnchen daherkommt, kann sich dank liebevoller Aufzucht und Pflege in nur 30 Jahren …

… in einen prächtigen Deck-Hahn verwandeln. Immer mehr Traditionen sterben aus. Der beliebte Volkstanz – die krumme Nülle, wird z.B. nur noch in sehr wenigen sorbischen Dörfern getanzt. Schade.

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javier mÁrquez sÁnchez

Dramen im Sündenpfuhl Javier Márquez Sánchez schreibt Krimis, deren Schauplätze ein Stück Filmgeschichte aufleben lassen. In seinem neues­ ten Buch führt er uns ins Las Vegas der 1950er Jahre. Ein Gespräch über John Wayne, »gedrehte« Bücher und radioaktiven Fallout.

Javier, dein letztes Buch »Das Fest des Monsieur Orphée« spielte im England der 1950er Jahre. Dein aktueller Roman ist in den USA angesiedelt. Wieder stehen die 50er Jahre im Mittelpunkt: Was fasziniert dich an dieser Epoche? Es war in vieler Hinsicht eine besondere Zeit. Gibt es heute noch einen Star, der einen ähnlich großen Einfluss hat wie Frank Sinatra? Gibt es heute noch so wilde Partys wie damals, auf denen jede Nacht Musiker, Gangster und Politiker zusammen feiern? Ich will nicht sagen, dass es eine großartige Zeit war, aber auf jeden Fall eine interessante. Und das sind ja gute Voraussetzungen für einen Roman. Die von dir erwähnten Partys fanden oft in Las Vegas statt. Dort spielt zum Teil auch dein neuer Krimi »Mörderisch wie ein Solo von Charlie Parker«. Wie hast du über das Leben im Vegas der 1950er Jahre recherchiert? Ich habe vor ein paar Jahren ein Buch über Frank Sinatra und das Rat Pack geschrieben und eines über Elvis Presley, dadurch wurde Las Vegas so etwas wie meine zweite Heimat. Ich habe sehr viel recherchiert. Was mich an dieser Stadt immer interessiert hat, war eben diese einzigartige Mischung: Die größten Stars ihrer Zeit, die gefährlichsten Gangster, die einflussreichsten Politiker und die schönsten Frauen versammelten sich an einem Ort, der nur für den einen Zweck gebaut wurde, damit sich die Leute vergnügen. Sie nannten ihn »Sin City« oder »America’s Playground«. Ich kann mir keine besseren Namen vorstellen. Im Jahre 1955 wurde in der Nähe des Sündenpfuhls Vegas in der Wüste von Nevada der Film »Der Eroberer« gedreht, er bildet neben der Las-Vegas-Szene um Frank Sinatra den Rahmen für deinen Roman. Warum? Ich mag gescheiterte Projekte, sie haben sehr viel Poesie. Und »Der Eroberer« misslang in mehrfacher Hinsicht. Der Film bekam vernichtende Kritiken. John Wayne, der Dschingis Khan spielte, erhielt den Preis für die größte Fehlbesetzung aller Zeiten und die Dreharbeiten fanden in der Fallout-Area der amerikanischen Atombombentests statt, was aber blöder­weise als ungefährlich eingeschätzt wurde. Es war ein großes Drama, das auch nach den missglückten Dreharbeiten kein Ende fand. Viele der Beteiligten erkrankten oder starben später an Krebs, auch John Wayne. Trotzdem entschuldigten sich weder die Regierung der USA noch die Armee jemals bei ihnen.

Javier Márquez Sánchez Mörderisch wie ein Solo von Charlie Parker — Kriminalroman aus dem Spanischen von Luis Ruby und Myriam Alfano Ca. 340 Seiten, geb. 22,99 EUR (D) / 23,50 EUR (A) September 2013

John Wayne taucht auch in deinem Buch auf. Deine Romane sind voller Popkulturzitate und Auftritte realer Figuren. Wie legst du deine Bücher an? Javier Márquez Sánchez ist ein genauer Kenner der Filmwelt. Sein neuer Krimi fiktionalisiert die Skandale zu den Dreharbeiten von »Der Eroberer«, ein HollywoodMovie aus dem Jahr 1955, in dem John Wayne und andere Hollywood-Größen die Hauptrollen spielten. Sie sind auch handelnde Personen des Romans.

Ich mag fiktionale Geschichten vor allem dann, wenn sie in einer realen, historischen Welt spielen, die mir nahe ist, mit Figuren, die ich kenne. Viele Special Guests in »Charlie Parker«, wie zum Beispiel John Wayne und Frank Sinatra, musste ich in die Geschichte integrieren, weil ja ein Großteil dessen,

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Mörderisch wie ein solo von charlie parker

Auch Frank Sinatra, hier auf einem Filmset in L.A., spielt eine Rolle in Sánchez’ neuem Buch

was ich in dem Roman schildere, wirklich geschehen ist. Ich lege die realen Figuren ebenso genau an wie die fiktionalen, ich analysiere historische Fotos, alte Landkarten, Bücher, Zeitungen. Jedes Detail zählt.

Du bereitest dich mit Filmen auf deine Bücher vor, wie beeinflusst die Erzählhaltung von Filmen dein eigenes Schreiben?

Du hast ein Buch über Frank Sinatra geschrieben, was deine Begeisterung für ihn erklärt – was bedeutet John Wayne für dich?

Ja, ich liebe Filme, sie prägen meine Perspektive auf das Leben. Wenn ich schreibe oder lese, sehe ich eine Leinwand vor mir, auf der sich alle Details abspielen. Ich mag es, mir vorzustellen, dass ich Filme schreibe oder Bücher drehe. Aber letztendlich will ich einfach Geschichten erzählen.

Oh, er ist einer der Helden meiner Kindheit. Mein Großvater war ein großer Western-Liebhaber, und so wurde ich es auch. Ich glaube, John Wayne ist einer der wirklich wahren Hollywood-Stars. Wenn er auf der Leinwand erscheint, dann macht er immer genau das, was wir auch tun würden, wenn wir es könnten und den Mut dazu hätten. Er trinkt und lacht mit einem Freund und wenn es eng wird, hilft er ihm. Er rettet die Frau, die sich in Gefahr befindet, und am Ende küsst er sie. Und natürlich fängt er die bösen Jungs. Wenn John Wayne auf der Leinwand erscheint, dann kann man sich sicher sein, dass man eine gute Zeit haben wird. Er verkörpert die Magie des Films. Für mein Buch durfte ich ihn aber nicht mit seinen Filmrollen verwechseln. Ich musste mir anschauen, wie der reale John Wayne ging, sich bewegte, wie er redete. Ich fand das sehr aufregend.

Zum Autor: Javier Márquez Sánchez, 1978 in Spanien geboren, war Chefredakteur der spanischen Ausgabe von Esquire und leitet derzeit das spanische Forbes-Magazin. Vorher war er als Journalist für den Rundfunk und diverse Zeitschriften tätig. Bislang hat er einen Erzählband und mehrere Sachbücher zu Film- und Musikthemen publiziert. »Mörderisch wie ein Solo von Charlie Parker« ist nach »Das Fest des Monsieur Orphée« sein zweiter Roman. Javier Márquez Sánchez lebt in Madrid.

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victoria bar

Der Hauch des Intellektuellen Die modernklassische Victoria Bar in Berlin bietet Sonntagskurse in der »Schule der Trunkenheit« an. Dort lernt man die Freuden des ernsthaften Trinkens.

Stefan Weber mixt sich einen besonderen Drink: ein Glas Wasser. Und hinein wirft er eine sprudelnde Tablette. Er ist erkältet. Es ist später Nachmittag, die Victoria Bar ist noch geschlossen, und für Weber beginnt der Arbeitstag. Um halb sieben macht er die Bar auf. Vorher können wir reden, danach nicht. Und da sind wir schon im Thema: Was ist das für ein Job, den er da macht, Barkeeper? Redet er da nicht eh die ganze Zeit? Weber holt Luft, so tief es geht, wenn man keine bekommt, und sagt: Ein Barmann sei »Kellner und Koch« zugleich. Er bereite die Drinks zu, das Handwerkszeug dafür sei aber nicht »das allerkomplizierteste«: Man brauche eine geschmackliche Sensorik, um einschätzen zu können, welche Zutaten gut seien. Vor allem aber müsse der Barmann »schauen, was im Lokal geschieht«. Die Erklärung, was das bedeutet, nimmt im Gespräch mehr Zeit ein als das Gespräch über Drinks; es scheint ihm wichtig. »Unter 40 kann man gar kein richtig guter Barmann sein«, sagt er. »Man braucht soziale Autorität, die hat man vorher nicht.« Und, auch das erwähnt er, eine gute Allgemeinbildung: »Man muss nicht nur übers Wetter reden können.« Weber vermittelt so innerhalb einer Stunde ein Bild des Barmanns, das aus den Bestandteilen Kosmopolit, Schöngeist und urbanem Schamanen besteht. Man kann hinterher nicht anders, als zu sagen: Okay, im nächsten Leben also Barmann. Wobei »Barmann« nicht die richtige Berufsbezeichnung ist: Die Victoria Bar betreibt Weber – vom Restaurantführer Gault-Millau 2001 zum »Barkeeper des Jahres« ernannt – unter anderem mit seiner Frau, Beate Hindermann. »Die Schule der Trunkenheit. Eine kurze Geschichte des gepflegten Genießens«, das Buch, das auf den Trinkseminaren in der Victoria Bar beruht, schrieb sie mit einer Kollegin. Barmann, Barfrau, das ist natürlich egal – Hauptsache, man versteht was davon, wie man sich zivilisiert berauscht. Genau davon handelt das Buch, das in sieben Semestern in Wodka, Whiskey, Rum, Gin, Tequila, Brandy und Champagner einführt und dabei nicht bei Rezepttipps stehen bleibt. In einem Absatz ist man vom Schamanismus beim Techno, vom Ethnologen Jean Rouch bei Martin Kippenberger. »Auch Martin Kippenberger hätte hier gesessen, getrunken und Kunst produziert«, behauptet etwa im Vorwort des Buches der Filmemacher Pepe Danquart. Dieses Hier, die legendäre Victoria Bar, befindet sich in der viel befahrenen Potsdamer Straße und sieht von außen unscheinbar aus, unauffälliger als etwa die Münchner Schumann’s Bar, deren Status man schon an der Lage zwischen Oper und Universität erkennt. Die Potsdamer Straße, in der die Bar 2001 eröffnete, ist dagegen deutlich berlinerisch: Das Abgerockte und das Neuhochgezogene sind hier direkte Nachbarn. Das Innere der Bar ist geprägt vom Contemporary Style der 40er bis 60er Jahre. Es gibt Ledermöbel und viel dunkles Holz, auch an den Wänden, an denen ausgewählte Kunst hängt. Das gepflegte Äußere nennt Weber als Kennzeichen guter, also »richtiger« Bars, er betont aber immer wieder vor allem ein anderes: die »Verbindung von Rausch und Intellekt«.

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Illustration: Angela Dwyer


die schule der trunkenheit

»Das leicht intellektuell angehauchte Cocktailtrinken war in den Achtzigern«, als er Barmann wurde, »so gut wie ausgestorben«, sagt Stefan Weber. Er hat die Wiederbelebung der Bar als Ort des »Pleasure of serious drinking« im vergangenen Jahrzehnt miterlebt und -betrieben. Die Idee des intellektgetriebenen Trinkens ist es auch, die das Team um Weber und Hindermann zur Einrichtung der »Schule der Trunkenheit« bewogen haben. An ausgewählten Sonntagen vermitteln sie hier eine Idee der Trinkerei, die berauscht, aber nicht blöd macht. Und dann wäre da noch etwas, das zu einer richtigen Bar dazugehört: Distinktion. Stefan Weber, ein freundlicher Gesprächspartner, zeigt sein diesbezügliches Können, als man ihn um Anekdoten aus dem Barleben bittet. Komische Frage, klar, und man sagt vorbeugend, »ja, das ist jetzt schon so eine Markus-Lanz-Frage«. Und er darauf: »Den hab’ ich noch nie gesehen.« Genau dieser Abstand zum Restleben da draußen macht eine richtige Bar aus.

Drei Lieblingsdrinks von Stefan Weber

Der Feierabenddrink: »Old Fashioned« Ein Klassiker, der, wie die meisten guten Cocktails, nicht aus besonders vielen Zutaten besteht, aber aus besonders guten Zutaten. Zuckersirup / Angostura / eine dunkle Spirituose: in der Regel Whiskey, möglich sind aber auch Rum, Tequila und Brandy

Victoria Bar Die Schule der Trunkenheit Eine kurze Geschichte des gepflegten Genießens — Vorwort von Pepe Danquart, Nachwort von Peter Richter Mit zahlreichen Illustrationen von Angela Dwyer Ca. 208 Seiten, geb. Ca. 18,99 EUR (D) / 19,60 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0323-5 August 2013

Während man die meisten Cocktails schnell trinken sollte, kann man sich für diesen eine halbe Stunde Zeit lassen.

Der Belebende: »I.B.F. – International Bar Fly« Brandy / Fernet Menta / Triple Sec / mit Champagner auffüllen

Was trinken wir eigentlich, wenn wir in eine Bar gehen? Wie entstanden die heute üblichen Spirituosen? Wie wirken sie? Und wie veränderten sie den Lauf der Welt? Die Schule der Trunkenheit erzählt diese Geschichte in vielen Episoden und Anekdoten, reich illustriert.

»International Bar Flies« ist auch der Name des Mitglieder-Clubs der New York Bar in Paris.

Der 24-Hour-Drink: »Daiquiri« Weißer Rum / Zuckersirup / Limettensaft Den Daiquiri sollte man in sechs bis acht Schlucken trinken – »immer ein schöner Kick«, sagt Stefan Weber.

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henning wagenbreth

Schräg und bunt wie ein entgleister LSD-Trip In 24 Bildern in die Zukunft – über den Umweg der Vergangenheit: Die Kurzcomics »Plastic Dog« des Star-Grafikers Henning Wagenbreth entführen in eine absurde Welt.

Illustrator hierzulande arbeitet Wagenbreth an einer Verschränkung von Typografie und Grafik. Die Faszination, die von diesen düster-bunten Bilder­ geschichten ausgeht, ist tatsächlich rätselhaft. Vielleicht wirkt der Retrofuturismus von »Plastic Dog« auch deshalb fast heimelig, weil er an eine Zeit erinnert, in der Wirklichkeit und Fiktion – zumindest optisch – noch deutlich zu unterscheiden waren.

Was wirkt heute, in Zeiten von Bluescreen und immer realer wirkender 3D-Animation, altmodischer als die grobe 8-BitÄsthetik aus den frühen Tagen des »Heimcomputers«? Genau diesen Anachronismus nutzt der Grafiker Henning Wagenbreth für seine Plastic-Dog-Kurzcomics – und er befeuert ihn noch. Zuerst erschienen die Comic Strips im Jahr 2003 in der Printausgabe der ZEIT. Die Ästhetik erinnerte jedoch an Computerspiele aus den mittleren 80er Jahren: kantige Figuren vor perspektivlosem Hintergrund. Doch damit nicht genug: Die Geschichte spielt in der Zukunft. Es sind fantastisch-dystopische Großstadtszenarien (die nie so lustvoll gezeichnet wurden wie in den 80er Jahren, man denke an »Blade Runner« und »Mad Max«), durch die die Hauptfigur, der abgeklärte Plastic Dog, schlendert und dabei die absurdesten Abenteuer erlebt. Plastic Dog ist der digitale Widergänger des mythischen Hundes Kerberos, der das Tor zur Unterwelt bewacht. Wie dieser bewegt sich Plastic Dog in Grenzbereichen: Er ist halb Mensch, halb Tier, halb Fleisch, halb PVC. Teil des in sich verschachtelten Retrofuturismus von »Plastic Dog« war, dass das Konzept der Comics damals tatsächlich brandneu war: Sie waren konzipiert für »Taschencomputer« und konnten auch per Infrarotschnittstelle (für die jüngeren Leser: eine inzwischen wieder ausgestorbene Übertragungstechnik für Smartphones) geteilt werden. Zeichner Henning Wagenbreth war da schon alles andere als ein Unbekannter. Aufgewachsen und ausgebildet in der DDR, ist er seit 1994 Professor für Illustration an der Berliner Universität der Künste – bekannt wurde er mit seinen Plakaten, seinen wunderschönen Briefmarken und Buch­illustrationen. In »Plastic Dog« ist all sein Schaffen konzen­triert: Wie kein zweiter

Henning Wagenbreth Plastic Dog — Graphic Novel 24 Seiten, geb., Pappseiten 15,5 x 21,5 cm 19,99 (D) / 20,20 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0074-6 August 2013

Henning Wagenbreth, geboren 1962 in Eberswalde, ist Professor für Illustration und Grafikdesign an der Universität der Künste in Berlin. Seine Bücher wurden vielfach ausgezeichnet. Seine Illustrationen erscheinen u.a. in »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«, »The New York Times« und in der Wochenzeitung »Die Zeit«.

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plastic dog

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17. juni – Die Geschichte von Armin und Eva

Alle Räder standen still … Vor sechzig Jahren gingen in der DDR die Arbeiter auf die Barrikaden. »17. Juni – Die Geschichte von Armin und Eva« erzählt vom traurigen Schicksal eines Revolutionärs. Die Stimmung war schlecht in der DDR des Jahres 1953. Lebens­ mittelrationen wurden gekürzt und die Zielvorgaben für die Arbeiter hochgeschraubt. Es braute sich etwas zusammen. Mitte Juni kam es zu den ersten spontanen Streiks (die laut DDR-Verfassung erlaubt waren, von der Obrigkeit aber als aufwieglerische »Arbeitsverweigerung« interpretiert wurden.) Mittendrin: das Stahlwerk in Hennigsdorf, 30 Kilometer von Berlin entfernt. Angespornt von der aufgeheizten Stimmung und erzürnt über die ungerechten Vorgaben von oben, legen hier die Stahlkocher am 17. Juni die Arbeit nieder, laufen nach Berlin, fordern freie Wahlen und ein Ende der Willkürherrschaft. Sowjetische Panzer machen den Freiheitsträumen ein jähes Ende. Wenige Tage später werden die Anführer der Streikenden verhaftet, vor Militärgerichte gestellt, verurteilt, erschossen – oder zu langjähriger Lagerhaft in der Sowjetunion verurteilt. Dass es am 17. Juni 1953 in der DDR einen gescheiterten Umsturzversuch gab, ist hinlänglich bekannt (allein schon, weil es sich Westberlin nicht nehmen ließ, eine der wichtigsten Straßen nach dem Volksaufstand zu benennen). Die Ursachen, die Vorgeschichte und die Auswirkung dieses Ereignisses, von dem Bertolt Brecht sagte, es habe die »gesamte Existenz verfremdet«, sind heute, 60 Jahre später, so gut wie vergessen. Genau hier setzt die Graphic Novel »17. Juni – Die Geschichte von Armin und Eva« an. Der Historiker Alexander Lahl sowie seine Kollegen Max Mönch und Tim Köhler recherchierten die wahren Hintergründe und fiktionalisierten sie anhand der Figur Armin Mahlkes. Mit seinen StahlkocherKollegen aus Hennigsdorf zieht dieser am 17. Juni nach Berlin – um friedlich gegen die Missstände zu protestieren. Das System rächt sich grausam, Mahlke stirbt wenige Jahre später in Lagerhaft. Zusammen mit der Grafikerin Kitty Kahane erzählt Lahl die Geschichte dieses tragischen Scheiterns – und lässt Mahlke auf diese Weise Gerechtigkeit wiederfahren.

Sie kamen mit legitimen Forderungen – und wurden von Panzern gestoppt. Die Hennigsdorfer Stahlarbeiter am 17. Juni.

Kitty Kahane, Alexander Lahl, Max Mönch, Tim Köhler 17. Juni Die Geschichte von Armin und Eva — Graphic Novel 112 S., geb. 14,5 x 20 cm 15,99 EUR (D) / 16,50 EUR (A) ISBN 978-3-8493-0080-7 Mai 2013

Kitty Kahane wurde 1960 in Berlin geboren. Sie arbeitet freiberuflich als Buchillustratorin, Designerin und Malerin für namhafte Verlage und Firmen wie Rosenthal oder Volkswagen. Die Historiker Alexander Lahl, Max Mönch und Tim Köhler realisieren unter dem Label »Die Kulturingenieure« gemeinsam Geschichtsprojekte.

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