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die beliebte zeitschrift mit texten / 2.0: winter 99/00 kostenlos


till tomorrow / timecrusher: chillin on da benz...


Markus Ebinger / Michael Sohn: Editorial

Tschüss DaDa! Hallo Du! Nehmt Euch Zeit für Bdolfs Abstecher in die Authentizität und Weiß widerwärtigen Wissenschaftsjournalismus. Schaut mit Sperrle professionell in die Zukunft. Besucht Bröker, Finke, Vujanic und Koch in der Lyricist Lounge. Beobachtet den irren Perrache bei seinem Idiotensport. Erholt Euch mit den liebenswerten, stillen Outcasts Joon, Rühling und Kalbers, um Euch zu guter letzt von Vujanic und Ebinger sezieren zu lassen. Wenn’s recht ist. Und wenn nicht: SELBER besser machen! Und: Puh, gerade noch einmal die Kurve gekriegt: Joon schafft eine Quote. Sonst wäre das hier ein reines Jungs-Ding. Wir können aber nur veröffentlichen, was da ist! Also die Damen, bitte her mit euren Gedichten, Kurzgeschichten, Romanen, Haikus, Hausarbeiten... Dann die Werbung in eigener Sache: Am 15.12.99 findet die erste metastabil-Lesung statt. Mit ¸berraschend vielen Unglaublichkeiten. Und zwar in der ZADU Bar (Reuchlinstr. 4B) um 20 Uhr. Eintritt frei. Viel Spaß beim Lesen und wir sehen uns dann... metasenil


´ Punkte und Schleifen Daniel Vujanic:

Die Sonne scheint durch die Ritzen der Rolläden hinein in den Raum. Ab und zu zuckt ein Körperteil unter den verschwitzten Laken. Radfahren im Schlaf oder Treppen runterlaufen mündet in Konvulsionen, die den Träumer erschreckt aufwachen lassen. Doch nichts gewesen - zurück zum Embryonalambient(e). Davor: der geschulte Blick auf die LCD-Anzeige sagt “noch zwei Stunden bis Arbeitstag”, also zurück in den Schlaf bzw. seine Brüder und Schwestern. Die Augen flackern unter den geschlossenen Lidern (die Sonne scheint durch die Ritzen der Rolläden hinein in den geräumigen Raum). Die Bilder kommen einfach - ohne auf irgend etwas zu warten, lassen sie die Antagonisten durch die Landschaften der Körperzeit streifen. Nach dem Aufwachen ist der betroffene Körper überrascht durch soviel Fremdartigkeit (mit all den irrationalen Gabelungen) gewandert zu sein, und dann doch nur im eigenen Matratzenreich zu landen mit einem bestimmten Zeitintervall im Rücken und einem vor Augen. Aufstehen - Rausgehen. Morgendliches Ritual. Was war das eigentlich vorhin? Wieso war ich dort, obwohl ich doch... Kaffee ist fertig. Er riecht scharf und bringt den Magen in Aufruhr. Das Pluckern ist ernüchternd und lässt die Reflektionen über die verschlafenen Stunden (Sekunden?) wie Seifenblasen zerplatzten. Die Bilder und Situationen der Traumphasen, werden an diesem hellen Morgen noch einige Male das wache Bewusstsein streifen, ihm irgend was von “aufgearbeiteten Fakten oder zufälligen Analogien” ins innere Ohr flüstern - die Gedanken in “zufällige” Bahnen lenken. Ein Bild? - Eine Waage, die, je nach dem wo man sich befindet, das Unterbewusste unter Verschluss hält, damit sich das Bewusste an die Oberfläche schrauben kann (in diesem Fall: die Erkenntnis hier und jetzt da zu sein und eben nicht dort,aus nachvollziehbaren Gründen). Oder eben genau andersherum. Die beiden Waagschalen haben nur in mikroskopisch kurzen Momenten genau die


Balance, die es für Metaphysik braucht; einen Mystizismus, der immer nur so kurz auftau(ch)t, dass sich seine Halbwertszeit lebenslang nie verbraucht. Konstant mit Fragen genährt, die sich nie tot laufen, so wie z.B. sich Menschen tot laufen können, die sich über Tage hinweg an einem einzigen Satz aufhängen können und an ihm zerfransen. In dieser Zeit bleibt nichts mehr von beiden, außer die physikalische Präsenz der Person, kulminierend in einem verzerrt-verdichteten Gedanken. Einer Frage (letztenendes), so selbstverständlich wie zweidimensional. Wieso? Die Sonne scheint durch die Ritzen der Rolläden in die riesige Landschaft und bewirkt eine biochemische Reaktion. Etwas passiert.

´ im Lautsprecherverlag erschienen: von Daniel Vujanic “Panoramakonzentrate und andere Gedichte” ISBN 3-932902-03-3

Hier stand eine Anzeige des (sicherlich hervorragenden) Copyshops in dem die Augabe produziert wurde. Die Daten liegen uns leider nicht (mehr) vor.


Philipp Koch: Kochrezept

In mir verlangt es nach einem Stoffnetz unter mir, kleinlöchrig, bei Gewitter auf meinem Drahtseil. Dort nehme ich eine Zitrone in die Hand und putze sie. Auf die glänzende Schale, lächelnd, schreibt meine Hand Laß uns klein sein, größer sein, über uns hinaus wachsen, ohne anstoflen zu m¸ssen. Laß uns unten oben sein. Laß uns mutig sein: wegrennen. Kreativ sein, schweigen. Laß uns schön sein, weinend; lernen aus Angst. Bitte laß uns. Aber laß uns zusammen. Meine Hand schwenkt; in einem gönnerhaften Bogen läßt die Frucht sich von der Erde anziehen, sie fällt in Echtzeit kleiner und kleiner. Und unten kannst du stehen, und auffangen und essen.

von Phillipp Koch im Lautsprecherverlag erschienen: “Den Hampelmann in der Tasche - Gedichte” ISBN 3-932902-07-6


Stefan Kalbers: Selbstinzenierung Teil 137

Überfall Ich mache die Tür auf und die Welt kommt herein. Ich habe sie nicht hereingebeten. Es hat geklopft und ich habe geöffnet. Auf meine Spione ist kein Verlass. Augenblicklich sammelt sich Schweiß unter den Achselhöhlen. Der Adrenalinpegel schieflt in die Höhe. Die Welt stößt mich zu Boden und steigt über mich hinweg. Ich taste nach meinem Messer, um der Welt in den Rücken zu fallen. Angst ist das Einzige, was mir geblieben ist, und das ist nicht viel. Ich hätte sie verkaufen sollen, aber niemand wollte sie haben. Die Welt ist nicht alleine gekommen. Man schlägt mir das Messer aus der Hand und verpasst mir einen Schlag ins Gesicht. Die Angst übt Verrat und wendet sich gegen mich. Die Welt und ihre Taten fallen ¸ber mich her. Man sticht mir ein Auge aus und trennt den Kopf vom Rumpf. An den Haaren werde ich durch meine eigene Wohnung getragen und auf das Wandregal gestellt. Das Auge öffnet und schließt sich. Das ist die Welt, wie ich sie sehe.

hmm. künstliche bedüfnisweckung. verstehe. dann brauch ich das alles gar nicht wirklich?


Martin Weiss: CERN

1953: Vorbereitende Studien für den Bau des ProtonenSynchrotrons 1954: Abschluss der Entwürfe 1955: Experimentelle Entwicklung der einzelnen Teile, Apparaturen, Systeme 1956: Vergebung der Aufträge für die endgültige Herstellung der Einzelteile an Firmen der Mitgliedstaaten 1957: Herstellung der Teile in mehreren Ländern 1958: Transport und nachfolgende Überprüfung der verschiedenen Instrumente in Meyrin 1959: Zusammensetzung aller Bauten zu einem Ganzen. Erste Probeläufe der “großen Maschine” Es ist 1999, CERN, Conseil EuropÈen pour la Recherche NuclÈaire (Europäischer Rat für Kernforschung), schuf eine neue Waffe, die XR3i-Gun, ihre Entwicklung wurde erst durch die zahlreichen Versuche im unterirdisch gelegenen Teil des CERN-Geländes möglich. Die Teilchenbeschleunigung auf nahezu Lichtgeschwindigkeit gelang bis vor kurzem nur auf kilometerlangen Bahnen. Jetzt ist diese, dank Dr. M. G. N. Hine auf einer Strecke von nur 12 cm möglich. Im Beschleuniger, der XR3i. Dr. Hine bereitet sich auf seine Reise nach Berkeley vor, dort hofft er, auf Victor F. Weisskopf zu treffen. Ja, er wollte Weisskopf wirklich treffen. In Berkeley wurde schon vor Jahren mit dem Bau von Teilchenbeschleunigungsbahnen begonnen. Angeblich wurde dieser aber aus Kostengründen eingestellt. Dr. Hine ist besser informiert, er ist auf dem Weg nach Berkeley, um Dr. Weisskopf auszuschalten, der kurz vor der Fertigstellung seiner VR6 steht, einer ähnlich mächtigen Waffe. Nicht auszudenken müflte Hine, die ihm vorschwebende Weltherrschaft teilen. Er malte sich schon bildhaft aus, wie er Dr. Weisskopfs Hirn mit seiner XR3i atomisiert, der Fucker, wie konnte er es nur wagen, seine Forschungen in dieser Richtung weiterzuführen. Die Ermordung Dr. Weisskopfs Sohn hatte wohl nicht ausgereicht, aber er hatte keine weiteren Nachkommen, und von seiner Frau hatte er sich schon vor Jahren getrennt. “Die Eier...die Eier, ich werde sie dir mit Lichtgeschwindigkeit an der Wand zerspratzen lassen”, murmelte er mit einem genüfllichen Lächeln vor sich hin, als er seine 70er Jahre Unterwäsche in den verstaubten Koffer packte. Weisskopf hat es nicht verdient, dieser profilierungssüchtige verwöhnte Hurensohn... jetzt gibt es keinen Weg zurück... nie wieder. Mit seiner XR3i-Gun neutralisierte er seinen Nymphensittich, die Nachbarn wollten ihn nicht füttern. Schade eigentlich er konnte “Protonen-Synchrotron” sagen.


Eilig nahm er die Tasche unter den Arm, lief zum Gasherd, drehte die Ventile auf und zündet die alte Petroleumlampe auf dem Couchtisch an. Als er mit seinem alten Opel Rekord um die Ecke bog, spürte er den warmen Hauch der Gasexplosion an seinem Ellbogen, den er, wie gewohnt, weit aus dem Fenster hängen ließ. Ihr widerlichen Kacker, euch werd’ ich’s zeigen! Im Rückspiegel sah er eine Frau mit brennendem Kleid über die Straße rennen, sie schrie. Hiroshima in der Schweiz. Er lächelte. Er fuhr die Straße entlang und bog auf die Stadtautobahn ab. Er legte seine Harry Belafonte-Cassette ein und summte “Coconut Women” in völlig falschen Rhythmus mit. Er zündet sich eine Kippe an und aschte während der Fahrt auf den Beifahrersitz. Die heiße Asche schmorte sich in den Sitz. Dieser Geruch wird ganz Berkeley erfüllen... es ist Zeit, sich daran zu gewöhnen. Er stellte sein Auto direkt in der Feuergasse des Flughafens ab, stieg aus und ging zum British AirwaysSchalter, um sich einzuchecken. Diese widerliche Göre hinter dem Schalter, in diesem typischen Hausfrauendress der englischen Stewardessen, grinste ihn mit ihren schiefen Zähnen an und fragte nach seinem Bordpaß. Er verspürte das Verlangen, ihr ihre winzigen Titten mit seinem Pistölchen rauszubrennen. Er bedankte sich bei ihr und nahm im Nichtraucherabteil Platz. “Ich muß mich ausruhen”, dachte er, bestellte sich zwei doppelte Paddies zum Einschlafen... Hallo Sir, wachen Sie auf, wir sind soeben gelandet.” Die Stewardess rüttelte ihn leicht am Arm. Sie hatte keine schiefen Zähne. Er nahm seinen Koffer aus dem Fach über dem Sitz und trottete schlaftrunken zum Ausgang und verspürte den Drang, zu urinieren und abzukacken. “Scheiß englischer Drecksfraß, davon muß man ja die Scheißerei bekommen.” Er beschleunigte seinen Gang und riß die Tür zum


Männerklo auf. Alles besetzt... er rannte an der Toilette entlang und trommelte mit beiden Fäusten gegen die Türen. Endlich öffnete sich eine Tür und zwei Männer verließen die Kabine. Super, wegen zwei Arschfickern hätte ich mir beinahe in die Hosen gekackt! Er grinste und sah sich, wie er ihnen die XR3i rektal einführte und die Enddärme ins Nirvana schickte. Er schloß die Türe und riß sich die Hose herunter und nutzte die Kapazität der Toilette in vollem Umfang aus. Er wischte sich notdürftig mit dem mickrigen Rest Toilettenpapier den Hintern und wusch sich die Hände. Diese Flughäfen sind alle gleich, viele Schilder, aber keines das dir weiterhilft. Wickelraum, Erste Hilfe-Station, Polizei, aber kein Ausgang. Er bestieg die Rolltreppe, als er das gesuchte Car-Rent Schild erblickte. Er rannte rückwärts die Rolltreppe zurück und folgte dem AVIS bis in den ersten Stock. Dort unterschrieb er die tausend Formulare, um seinen Mietwagen zu bekommen - ein BMW, eigentlich viel zu teuer. Er nahm den Schlüssel, bestieg den Aufzug zum Parkdeck, und fand seine Wagen direkt am Eingang geparkt. Er öffnete die Tür und stieg ein. Er bemerkte den frischen Ledergeruch im Auto, lehnte sich entspannt zurück und genoß es endlich, in einem Auto zu sitzen, das nicht nach vergorener Milch roch. Er startete den Wagen und fuhr Richtung Norden. Hatte er sein Vorhaben in Berkeley erst einmal erfüllt, waren die Lutscher in Brookhaven, Argonne, Stanford und natürlich noch der fette Russe in Dubna fällig. Müller von Desy in Hamburg war keine Gefahr, der konnte ja noch nicht einmal ein Proton von einem Neutron unterscheiden - ha ha - und die Jungs vom Rutherford-Laboratorium wollten ihn als Führungskraft. Glück für sie, diese Entscheidung wird ihnen ihre Schwabbelärsche retten. Mit Müller als Projektleiter werden sie wohl nie größere Entdeckungen als betrunkene Aborigines machen. Er stellte sich Müller und seine Kollegen Didgeridoo spielend vor, die Taschen voller Forschungsgelder, die sie von der englischen Regierung erhalten würden. Noch 70 Kilometer, na prima. Genug Zeit um sich noch ein paar nette Worte für Dr. Weisskopf zu überlegen. “Hallo wie geht es Ihnen? Ich habe Ihre letzte Abhandlung gelesen, wirklich sehr interessant”, diesem fettem Arschgesicht die Hand schütteln zu müssen war eine perverse Vorstellung. Er hatte Kopfschmerzen, pochende laute dröhnend Kopfschmerzen, er öffnete die Fenster und reckte den Kopf aus dem Fahrerfenster um die Schmerzen von der heißen Sonne wegbrennen zu lassen. Eine Tankstelle, er riß das Lenkrad nach links um mit quietschenden Reifen in die Einfahrt zu biegen. Zwei fette Männer mit Bierdosen schauten auf, und waren gleich wieder in Ihr Gespräch vertieft, wahrscheinlich irgendetwas weltbewegendes, wie eitrige Kuhgeschwüre oder Maisanbau. Er stellte den Wagen ab und betrat die Tankstelle, er bezahlte die überhöhten Preise für 2 Flaschen Heineken und eine Schachtel Kippen. Das erste Bier war bereits auf dem Weg zum Wagen leergetrunken. Er bog wieder auf die Schnellstraße und versuchte mit seiner leeren Bierflasche eine dieser bescheuerten Notrufsäulen am Straßenrand zu treffen. Er erhöhte die Geschwindigkeit weit über 100 Kilometer in der Stunde. Nach einer halben Schachtel tauchte die Abfahrt nach Berkeley auf. Er setzte gewissenhaft den Blinker und verließ die Schnellstraße. Berkeley


stand auf dem Ortsschild, das völlig neu zu sein schien. Er passierte spießige Vorgärten, die irgendwelche unterbeschäftigten, langweiligen Hausfrauen angelegt hatten, um ihr armseliges Leben in diesem Kaff erträglich zu machen. Die mit den Nachbarinnen über irgendwelche anderen Leute herziehen, dabei Ihre Wabbelhüften unter dem T-Shirt vorquellen lassen und ihre Zellulitis in zu engen Leggins verstecken. Langsam begriff er, worum es eigentlich ging, die Erde von diesem Abschaum und Schmarotzern zu befreien, um die Arschlochquote auf diesem Planeten gegen null zu senken. Das Forschungszentrum war mit riesigen Schildern ausgewiesen, obwohl es der einzige mehrstöckige Bau in dieser Stadt und schon von der Schnellstraße deutlich zu erkennen war. Wahrscheinlich hatten die Ehemänner dieser langweiligen Hausfrauen die Idee. So etwas geschieht eben, wenn sich in diesen Pisskäffern die Leute andauernd untereinander paaren. Die wenigen Leute die ihm am Straßenrand hinterher gafften, wirkten tatsächlich wie Leute, deren Bruder und Vater ein und dieselbe Person sind. Er stellte den Wagen auf dem Behinderten-Parkplatz ab und erleichterte seine übervolle Blase in der Hecke am Parkplatz. Auf jeden Fall eine Bereicherung für dieses Nest. Er nahm seine Aktentasche aus dem Kofferraum und schloß den Wagen vorschriftsmäßig ab. Der Weg zum Institut führt Ihn über einen viel zu kurz geschnitten Rasen, der intensive Geruch wurde durch das helle nervige Brummen eines Rasenmähers bestätigt. Er setzte sich auf eine Bank, legte sich seine Aktentasche auf den Schoß und taste mit beiden Händen die Konturen seiner XR3i ab. Die Sicherheitsbeamten am Flughafen hatten zwar seine Tasche -> durchleuchtet, hielten das Gerät vermut-


lich jedoch für einen Fön. Tatsächlich ihre Form entsprach der eines größeren Fönapparates. Vielleicht sollte er sich einfach in Weisskopfs Badezimmer einschleichen und die XR3i mit dem eigentlichem Fön vertauschen. Er malte sich aus wie Weisskopf mit einem Handtuch um seinen fetten Bauch gebunden im Bad stand, mit triefend nassen Haaren und sich mit dem vermeintlichen Fön das Großhirn wegtrocknete. Er legte seinen Kopf in den Nacken und grinste in die Sonne. Die Hände tasteten unentwegt die Konturen seiner Erfindung ab. Er mußte an diesen irren Hotelbesitzer in Psycho denken, der die Hand seiner Mutter in der Jacke hatte und andauernd streichelte. Vielleicht war er ja wirklich verrückt, aber wenigstens war er der gefährlichste Verrückte auf diesem beschissenen Kontinent, vermutlich der ganzen Welt. Irgendwelche unwichtigen Leute liefen an Ihm vorüber und kicherten. Er öffnete die Augen, und spürte den grellen Schmerz des Sonnenlichts, das sich in seine Netzhaut brannte. Der Weg zum Eingang des Instituts schlängelte sich sanft den Hügel hinauf. Er öffnete eine schwere Eichentür und betrat die Eingangshalle. Die Halle füllte eine Großteil des Gebäudes aus. Sie war viel zu hoch, um irgendwann für einen ernsthaften Zweck gebaut worden zu sein, kleine lächerliche Holztüren säumten die Wände dieser Halle. Oben war ein Strang aus Fenstern in die Wände eingelassen. Durch sie fiel das Sonnenlicht, das sich auf so absurde Weise an den weißen und schwarzen Marmorfassaden spiegelte. Er schritt dieses gigantische Schachbrett entlang, seine Königin konnte ihn nicht mehr decken, sie wurde vor ein paar Jahren vom Krebs geschlagen. Es geht jetzt darum, die anderen Könige zu besiegen, dachte er sich und blickte sich um, als suche er seine Springer und Läufer die ihm eigentlich den Weg bereiten sollten. Weisskopf und die anderen Scheißer hatten diese Mitstreiter, man traf Sie auf Parties,

Seminaren und auf Vorträgen. Hine war niemals auf so einer Party. Er hasste diese Schleimer und Wichtigtuer, Leute die von irgendjemandem zuviel Geld geerbt hatten und meinten, sich damit Wissen und Ansehen kaufen zu können - mit ihren blöden, aufgetakelten Frauen, die andauernd schrill und gekünstelt lachten, um von ihrem Erbsenhirn abzulenken. Riesentitten und blöd wie Scheiße... eigentlich nicht einmal die schlechteste aller Möglichkeiten. Er klopfte an die Tür am Ende des Gangs auf der ein großes goldenes Schild mit dem Wort “Direktor” prangte. Er klopfte nachdrücklich mehrmals an der Türe, er wußte jede Minute, die er zögerte, erhöhte die Gefahr irgendeinen unüberlegten Zug zu machen. Eine junge Frauen-stimme forderte ihn auf einzutreten. Als er eintrat, sah er sich einer Frau gegenüber, die vermutlich Weisskopfs Assistentin war. Diese Schlampe assistierte ihm sicherlich nicht nur bei der Arbeit. Sie war auffallend groß, schlank und ihre schwarzen Haaren wirkten billig und gefärbt. Sie trug einen weißen Arbeitskittel und so wie es aussah einen kurzen Rock, den er aber nicht sehen konnte. “Ich bin Dr. Hine und würde gerne mit Dr. Weisskopf sprechen”, stellte er sich vor. Sie lächelt ihn an. “Dr. Weisskopf ist leider außer Haus, wir erwarten ihn erst zu Beginn nächster Woche zurück”, versuchte sie ihn abzuwimmeln. Erst nachdem er ihr erzählte, es ginge um das CERN-Projekt griff Sie zum Telefon und kündigte ihn als Besucher bei Weisskopf an. Dieser Votze blas ich die Eierstöcke weg, dachte er sich im Stillen und starrte auf ihren Ausschnitt als sie sich während des Telefonats über den Tisch beugte. Sie drehte sich um und bat ihn ihr zu folgen. Sie ging voraus. Sie stolzierte durch eine Seitentür des Labors. Er starrte auf ihren Arsch und war sich sicher, dass wenn sie noch ein paar Jahre leben würden, irgendwann auch zu enge Leggins und bunt be-


druckte T-Shirts tragen würde. Sie kamen zu einer schweren Eisentür, die Assistentenschlampe kramte einen Ausweis aus der Tasche und zog ihn durch den Codeleser des Sicherheitsschlosses. Danach tippte sie hastig einen Zahlencode auf der Tastatur, am Türrahmen, ein. Ein dumpfes Summen verriet, daß die Türe nun entriegelt war. In der Mitte des Raumes befand sich ein Durcheinander aus verschiedenen Metallröhren, elektrischen Kabeln und Platinen. Weisskopf, der fette Zwerg, beugte sich gerade über einen schwarzen Kasten, er hielt dabei einen Schraubenzieher in der Hand und stocherte wie wild in dem Kabelgewirr herum. Dieser Stümper hatte es immer noch nicht geschafft, die Protonen auf einer Distanz von weniger als 100 Metern zu beschleunigen. Er versuchte, beschäftigt zu wirken, wahrscheinlich hatte er davor nur den ganzen Tag in der Ecke gesessen und sich in der Nase gepopelt und das was zum Vorschein kam, genüßlich von seinem Finger abgeschleckt. “Wenn ich diesem Fettarsch die Hand geben muss, dann muss ich kotzen”, dachte Dr. Hine. Er beließ es bei einem “Hallo” und einer Winkgeste. Dr. Weisskopf grinste Ihn an mit seinem fetten Schweinegesicht und den gelben Zähne. Aus seiner Nase ragten schwarze Haare, die aussahen wie Füße von kleinen Tintenfischen, die sich in der Nase festgekrallt hatten. Hine nahm die XR3i aus der Aktentasche hielt sich Weisskopf vor die Nase und sagte nur: “Arbeitest Du gerade noch an etwas, Fettsau?”. Weisskopf starrte ihn verwirrt an und stammelte irgendetwas von “Ich verstehe nicht ganz”, als sich seine Eier mit annähernd Lichtgeschwindigkeit von seinem Unterleib verabschiedeten. Weisskopf krümmte sich nach vorne über, als Hine ihm mit dem Knie nochmals in Gesicht schlug und ihn so wieder aufrichtete. Weisskopf hatte beide Hände dort vergraben, wo früher seine Eier waren, er versuchte verzweifelt das Blut zu stoppen, das im auf perverse Art und Weise zwischen den Beinen hervorschoss. Er pisste literweise Blut, eine große hellrote Pfütze bildete sich auf dem Boden. Weisskopf fiel erneut vorne über, krümmte sich wie eine fette Made und schrie. Er verstummte erst als Hine die alte Schreibmaschine vom Tisch nahm und sie ihm auf den Kopf schmetterte. Einige Blätter Papier, die auf den Boden gefallen waren, färbten sich rot. Hine hob sie auf, und legte Sie zurück auf den Tisch. Er hasste Unordnung, aber er lächelte, als er sie mit einem Hefter zusammen klammerte. Er vernahm ein leises Wimmern, als er auf den Schreibtisch zulief, unter dem sich Weisskopfs Schlampe versteckt hatte. Sie kauerte sich zwischen den zwei Schubladensockeln. Vermutlich dachte sie so Ihrer gerechten Strafe zu entkommen. Er schritt weiter auf sie zu, als sie einen Drehstuhl auf Rollen zu sich her zog, um sich zu verbergen. Hine trat einige Male mit seinem Fuß gegen diesen Stuhl und quetschte sie somit gegen die Wand. Sie schrie hysterisch, Hine trat noch ein paar mal gegen den Stuhl und zog sie dann an ihrem Bein unter dem Schreibtisch hervor. Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen


an. Ihre Nase hing schief in Ihrem blutüberströmten Gesicht. Wisch das auf, befahl Hine und deutete auf die Blutlache. Sie schien ihn nicht zu verstehen. Er zog sie an ihren Haaren zu dem Matschhaufen, der früher Weisskopfs Kopf gewesen war, er wiederholte nachdrücklich die Aufforderung, hier sauber zu machen, und warf ihr hierzu ein paar Laborkittel zu, die an der Wand hingen. Schluchzend versuchte Sie mit hektischen, kreisenden Bewegungen das Blut aufzuwischen, verteilte aber die ganze Sauerei nur noch mehr. Weisskopf hatte immer noch seinen Schraubenzieher in der Hand festgekrallt. Hine zog ihn elegant aus seiner toten Faust. Er nahm den Schraubenzieher und rammte ihn der Putze zwischen die Schulterblätter, sie bäumte sich auf und gesellte sich dann zu Weisskopf auf den Boden. Hine verstaute liebevoll seine XR3i in der Aktentasche und wusch sich seine Hände gründlich am Waschbecken. Er öffnete die schwere Eisentüre. Morgen besuche ich die anderen Kollegen, dachte er sich. Er nahm eine Tube Pattex vom Tisch und verteilte den Inhalt sauber auf das Schloss der Türe und des Türrahmens. Er war sich bewusst, dass er die Entdeckung dieser kleinen Unpässlichkeit so lange wie möglich herauszögern musste. Wahrscheinlich würden erst am Montag besorgte Kollegen die Tür aufbrechen, Fenster gab es in diesem Raum ohnehin nicht. Er schloss die Tür, verließ pfeifend das Institut und lief durch das frisch gemähte Gras, um seine blutverschmierten Schuhe etwas zu säubern. Er kramte in seiner Tasche nach dem Autoschlüssel, öffnete das Auto, verstaute die Aktentasche im Handschuhfach und startete den Motor. Im Radio lief wieder diese bekackte Technoscheiße. “Warum habe ich auch die BelafonteCassette nicht mitgenommen?”, fragte er sich ärgernd. Der automatische Suchlauf fand zum Glück einen Sender, der Jazz spielte. Er steuerte den BMW auf die Autobahn, um sich ein Motelzimmer zu suchen.

Nach einigen Minuten Fahrt sah er ein großes Hinweisschild, das auf ein Motel an der nächsten Ausfahrt hinwies. Er sah das Motel, als er von der Schnellstraße abbog, es verdiente zwar nicht unbedingt vier Sterne, strahlte aber mit seinen kleinen Alterserscheinungen eine gewisse Gemütlic-keit und Vertrautheit aus. Das Weiß der Hauswände war im Laufe der Jahre zu einem Beige verkommen, der Putz wies Risse auf, die sich wie Adern über die ganze Frontseite der Herberge zogen, die das Haus am Leben zu erhalten schienen. Er betrat das Haus an dem mit roten Buchstaben “Reception” prangte. Ein älterer Mann stand hinter dem Empfangstisch und begrüßte ihn mit einem angenehmen “Hallo”. Er bekam Zimmer 17 mit Dusche und Fernseher. Der ältere Mann, der vermutlich selbst sein einziger Angestellter war, bot sich an, Hine die Koffer zu tragen, er winkte dankend ab und fühlte sich auf eine seltsame Art zu Hause. In diesem Moment waren ihm die CERNProfessoren-Lutscher egal. Er ging zum Auto, nahm sein Gepäck aus Handschuhfach und Kofferraum und bemerkte, dass das Zimmer Nummer 17 direkt vor seinem Wagen lag. Er öffnete die Tür und trat ein. Ein geräumiges Zimmer, an der Seite ein schweres, hölzernes Doppelbett, mit karierter Bettwäsche bezogen. Die Nachmittagssonne wurde durch die honiggelben Vorhänge an den Fenstern verstärkt und tauchte das ganze Zimmer in dieses warme, angenehme Gold. Die stickige Luft im


Zimmer zog Hine gierig mit seiner Nase ein. Er ließ sich rückwärts ins Bett fallen und starrte die Decke an. Auch sie war von Rissen übersät. “Was jetzt M. G. N. Hine?”, fragte er sich... “Morgen fahre ich weiter und knöpfe mir die anderen vor, zuerst Fokel aus Brookhaven, der war gefährlich - vielleicht sogar gefährlicher als Weisskopf.” Er schloss die Augen und erinnerte sich an das Gesicht von Weisskopf. Das laute Scheppern der Mülleimer riss ihn aus seinem Schlaf, sofort war er hellwach, richtete sich auf und zog den Vorhang etwas zur Seite, um die Ursache dieses Lärms ausfindig zu machen. Der alte Mann von der Rezeption trug gerade zwei blecherne Mülltonnen zum Straßenrand, er bemerkte Hine und winkte ihm freundlich zu. Hine erwiderte diesen Gruß mit einem kurzen Kopfnicken. Schwungvoll stellte der Mann die Mülleimer am Rande der Einfahrt ab. Eine der Mülltonnen torkelte und drohte zu kippen. Das Licht spiegelte sich auf der verbeulten Oberfläche wieder. Hine ging zur Tür. “Wie lange brauche ich von hier nach Brookhaven?” “‹ber die Autobahn ungefähr 2 Stunden”, antwortet der Alte. Es war erst kurz vor 7 Uhr morgens, Hine beschloß, sich noch ein bißchen auszuruhen, er hatte heute einiges vor. Er stellte das alte Grundig-Radio auf den Nachtisch an, und lauschte der Musik, brannte innerlich darauf, die Nachrichten zu hören. Keine Meldung über die Sache von gestern Nachmittag, sie hatten Dr. Weisskopf also noch nicht entdeckt. Er lag noch eine Weile da, starrte die Decke an und versuchte, irgendwelche Muster oder Figuren in den wirr verlaufenden Rissen zu entdecken, das einzige, was ansatzweise zu erkennen war, sah aus wie ein Kinderdrachen. Er duschte sich ausgiebig, rasierte sich und zog sich frische Kleidung an. Er quetschte seine Sachen in den Koffer, der beinahe zu bersten schien. An der Rezeption bezahlte er das Zimmer mit der Kreditkarte, verabschiedete sich, stieg ins Auto und verließ in einer Wolke aus aufgewirbeltem Staub den Parkplatz des Hotels. In Brookhaven würde er Dr. Fokel treffen, er würde ihn zwischen die Augen treffen, sein Gehirn wird kurz kochen und sich dann in einer großen weißen Lache an die Zimmerwand ergießen. Er kannte Fokel nur zu gut, er war gefährlich, nicht so ein Stümper wie all die anderen. Es war das Beste, ihn aus einem Hinterhalt zu beseitigen, wenn er alleine war. Ein lautes Hupen riss ihn aus seinen Tagträumen, er riss das Lenkrad nach rechts, um dieses Arschloch, das ihn überholen wollte, vorbei zu lassen. Ein Ford Kombi schloss auf, Hine hatte kurzen Blickkontakt mit dem Fahrer, der ihm den Mittelfinger entgegenstreckte, das Wort Arschloch war ihm vom den Lippen abzulesen. Der rothaarige Balg auf dem Rücksitz des Fords streckte Hine die Zunge heraus und drückte seine pickeliges Gesicht gegen die Fensterscheibe. Hine öffnete das Handschuhfach, griff nach der Aktentasche und holte seine XR3i heraus. Diese rothaarige Missgeburt war nun mit ihm auf gleicher Höhe, als Hine ihm endlich seine neueste Erfindung präsentierte. Der Kopf des Jungen platzte mit einem dumpfen Knall, sein Hirn verteilte sich im ganzen Fondbereich des Fords, irgendetwas glibberiges triefte die Scheibe herunter, vermutlich sein Auge.


Der Unterkiefer des Jungen war noch an seiner ursprünglichen Stelle, es schien als wollte er Etwas sagen. Hine richtete nun seine Waffe auf diesen Wichser am Steuer, anscheinend hat er noch nicht begriffen, was mit seinem kleinen Scheißer passiert war. Der Fahrer verabschiedete sich mit dem selben dumpfen Knall, allerdings war diese Sauerei noch beachtlicher. Hine wich dem Ford aus, als der in die Leitplanken raste und explodierte. Im Rückspiegel sah er einige Autos, die Fahrer hatten offensichtlich bemerkt, was passiert war. Einige Leute sprangen aus ihren Autos und versuchten offenbar, die Insassen aus dem brennenden Auto zu retten. Dazu bräuchten sie wahrscheinlich jetzt einen Schöpflöffel, dachte sich Hine und amüsierte sich noch eine Weile über diesen Gedanken. Er erhöhte die Geschwindigkeit, er wusste, in einigen Minuten würde ihm die Polizei auf den Fersen sein. Der BMW erreichte seine Höchstgeschwindigkeit: 230 km/h. In diesem Tempo würde er in einer Stunde in Brookhaven sein. Der Straße schien ihm mittlerweile alleine zu gehören. Selbst auf der Gegenfahrbahn war der Verkehr ausgestorben. Schon einige Minuten hatte er überhaupt kein Auto mehr gesehen. Es war an der Zeit, die Autobahn zu verlassen, vermutlich hatten die Bullen die ganze Strecke gesperrt und warteten irgendwo da vorne auf ihn. Er setzte den Blinker und fuhr die Ausfahrt herunter. Die Ausfahrt wurde von einigen Polizeiwagen blockiert, die quer auf der Fahrbahn standen, offenbar hatten sie ihn erwartet. Er stoppte den Wagen und riß hastig den Rückwärtsgang hinein. Ein Polizist forderte ihn mit seinem Megaphon auf anzuhalten und auszusteigen. Mit quietschenden Reifen, raste er die Ausfahrt rückwärts hinauf, wurde aber von einem nachfolgenden Polizeiwagen gerammt und gegen die Leitplanke geschleudert. Der Airbag öffnete sich mit dem selben tiefen Knall, wie der Kopf des Jungen. Hine schrie, ein stechender Schmerz in seinem rechten Fuß, er blickte hinab und sah wie sich das Gaspedal durch seinen Unterschenkel geschoben hatte. Ein junger Polizist riss die Türe auf und wollte Hine aus dem Auto ziehen. Wieder durchzuckte ihn dieser wahnsinnige Schmerz. Der eifrige Ordnungshüter öffnete den Sicherheitsgurt und es gelang ihm, Hines Oberkörper auf die Straße zu reißen. Das Gaspedal weigerte sich jedoch immer noch Hine freizugeben. Er lag mit dem Kopf auf der Straße, blickte in die grelle Sonne und die Gesichter der Polizisten, die ihn umringten, einige hatten die Waffe auf ihn gerichtet. Hine sah seine XR3i neben ihm liegen, sie war offenbar beim Aufprall herausgeschleudert worden. Er nahm sie behutsam und legte sie sich liebevoll auf den Bauch, mit dem Lauf Richtung Gesicht, er hob den Kopf und sah das gleißende Licht aus seinem Beschleuniger. Vielleicht würde er dort Weisskopfs Eier treffen.


Hier fehlt leider was. Ein schlampig gef체hrtes Archiv ist besser als keines, aber 채rgerlich ist das schon.


mein job ist mein hobby, die kollegen in meiner unit sind die besten freunde, die man sich vorstellen kann, meine freizeit verbringe ich damit, meinen körper für den täglichen einsatz fit zu halten, man sollte repräsentation niemals unterschätzen!


PAULINENSTR. 44 STUTTGART TEL. 0711 / 6 15 18 00 MOBIL 0172 / 6 32 69 77 MO. - FR.: 14 - 20 h, SA.: 13 - 16 h


Frank Bröker: Bis auf weiteres - Auszüge aus dem Gebotsteppich eines Ungläubigen

Du sollst keine anderen Götter neben Bill Burroughs haben und nicht länger als einen Tag in staubigen Hinterzimmern verbringen, dabei nägelkauend an Sartre denken und Austern schlürfen. Sei dann besser Camus. Steh auf und kämpfe. Kein Mitleid mit de Beauvoir, dieser doch so unterdrückten weinerlichen Wachsfigurenkreatur. Fahre mit Kerouac, heule mit Ginsberg, trinke mit BUK, hasse mit Céline, liebe mit De Sade. Du sollst kotzen, wenn dir schlecht ist. Du sollst dein Geld selbst verprassen, es nicht verleihen, um es hinterher nie wieder zu sehen. Du sollst deine Süchte befriedigen und deine Ängste besiegen. Du sollst deine Traumfrau niemals in den Spelunken Hanaus suchen, ihr zur Begrüßung (das ist kein) Jim Beam über das Fransenhemd kippen und barfuß einen sinkenden Barhocker erklimmen. Wundere dich nicht ¸ber das plötzliche Messer zwischen deinen wohlverbackenen Rippen im Herzen Hanaus. Hier bist du nicht Don Juan, hier störst du bloß als Kater Carlo. Du sollst nicht suchen, wenn du finden willst. Du sollst besser die Klappe halten und nicht von Dingen reden, die du nur halb verstehst. Du sollst ¸berleben, wenn es dir schlecht geht und sterben wann immer du willst Du sollst keine anderen Götter neben Iggy Pop haben, seinen Hit Blah Blah Blah mehrmals täglich hören und wenn das nicht geht, wirf deinen Fernseher oder zumindest die Lokalzeitung aus dem nicht unbedingt geöffneten Fenster auf die Strafle.

Drehe danach das Stooges-Stück I got a right auf den äußersten, veritablen Lärmpegel, springe hinterher mit einer gewaltigen Portion No Fun und denk an`s China Girl, an Raw Power; be a wild one. Nach dem alten Search and Destroy - Ding. Logo. Alles kaputt. Du sollst nicht weglaufen, wenn du schuldig bist. Du sollst dich nicht selbst betrügen, also meide die öffentliche Meinung. Du sollst aus deinem Schatten kommen, wenn er größer wird als du. Du sollst unterwegs in Sachen Frauen (auflerhalb Hanaus) in den Spelunken darauf achten, daß dein brüstiges Gegenüber mehr trinkt als du. Betrachte beim Floskeln ihre Fingernägel, die Haarklammern oder die Zigarettenschachteln auf dem Tisch. Sieh der zerlaufenden Frau nicht zu tief in die glasigen Augen. Du könntest dich darin entdecken und vor dir selbst davonlaufen. Es würde sich herumsprechen, glaub mir. Du sollst nicht wichsen, wenn du ficken willst. Du sollst nicht fragen, wenn man durch Beobachtung mehr Bedeutung erlangen kann. Du sollst zur Sonne, wenn du Wärme brauchst und zu den Sternen, wenn du träumen willst. Was die anderen machen, geht dich bis auf weiteres einen feuchten Dreck an.


Daniel Vujanic / Markus Ebinger: Cut Up No. 69

(M)Eine Dharana über Startreck 1. Ein Papagei begattet ein Hochhaus. Er scheint es mit Fassung zu tragen. Ryker meint dazu: Ein subatomarer Vorgang, allerdings ohne Bart, welcher zu uns gehört wie Scharping, nur andersrum. Es ist in den Genen codiert. Erst einen und dann keinen. Toll! Die Reflexionen darüber in unseren vorderen Hinterlappen. Aber was kümmert sie das? Ja, wirklich? 2. Schafft der Intellekt das Universum? Wer mit 18 kein Kommunist war oder umgekehrt, wird nie ein guter Demokrat, sagte Wehner, so wie der Schlüssel ins Schloss gleitet. Aber als ich neulich die Tunnelrealität ausweitete - mit Walter Benjamin im Autobus - war es viel einfacher, als ich dachte, mit ihm uneinig zu werden. 3. Kein schlechter Initiationsritus, ehrenhaft blöd. Heute, viertel nach acht, gibt es 36 Stunden Angst. Gib mir Deinen Phaser, Du Heuchler, und danach hilft Dir MARS weiter. Sagt die Prinzessin der Schwerter trotz Regen, heißt Danke: MERCI, während er weiter im Unterbewussten fischt. Hat Feuchtigkeit etwas Reines oder Geiles, dann regt sich etwas unter dem milchigen Film, und Sumoringer waschen Dein Gehirn Mc RIBB!


Bdolf: Hinter dem Ereignishorizont

Na, schliefllich hatte seine Perle doch Bock gehabt. ‘N bisken zickig war sie schon manchmal, neech. Dabei war’s so ein geiler Sonntagnachmittag. Fuhren se so durch Berge, Wald und so, Sonne, alles da, ne. Verdeck hoch, wegen der vielen Kurven konnt er ja den Wagen nicht so ausfahren, nee, schade, er fuhr so nen Phil-Collins-Golf, an sich ein geiler Schlitten, keine Frage, nee, die Mucke ziemlich auf, geil. Lief auch die Mucke von dem Phil Collins, stand er ja nich so drauf, auf die englischen Dingens, nee, aber seine Perle mochte die Stimme von dem Kerl, stand se halt drauf, er mochte ja mehr so die deutschen Dingens, neech, so die Truckermucke, LKW fahren, wär auch noch was für ihn gewesen, so die Kameradschaft unter den Fahrern, hatte er viel von gehört, nee, tolle Sache. So Scheiben ‘runter und dann ab dafür auffe Autobahn, nee, kam der Golf mit dem Verdeck wahrscheins nicht mit, und dann so in den CB-Knochen reinhupen, neech, von wegen Radarfallen und so und wos die geilsten Bratkartoffeln und so und wo die heiflen Bräute stehen und das alles und dann die Strafle, rauf und runter, stelte er sich ja toll vor, neech, aber er hatte schon zu viel Scheiß gebaut, wollten ihn nicht an den Scheiß-Führerschein lassen, nee, alte Säue, die, nee. Na, um so besser, konnte er ein bisken auf seine Kleine linsen, hatte ein sehr knappes Sommerkleidchen, in der Öffentlichkeit wäre ihm ja ne Spur zu nuttig gewesen, aber hier, im Golf, ging das voll in Ordnung, stand er drauf, keine Frage, nee. Sandaletten hatte sie abgezogen, die Füßkens auf das Armaturenbrett, blitzsauber war sie ja, mussteste ihr lassen, kein Stäubchen an der Frau, nee, sonst hätte ihn das ja tierisch abgenervt, aber bei der Alten konnteste nix sagen, Alter, die war sauber,

also seinetwegen auch die Hoppelmänner ne. Süße Beine hatte se. Langsam hatte er ziemlich Bock. Fingerte ein bisken an die Schenkels. Maulte se rum. Scheiße. Aber dann kam ihm ne Idee. Zog er ein bisken vom Leder, Geschenke und so und vom Urlaub. Hatte er ja keine Löhnung zu, hatten ihn ja schon wieder vor die Tür gesetzt, von wegen “Anpassen an nen Markt!” und so, voll die Scheiße gelabert, diese Ärsche, konnten ihm viel erzählen, er hatte immer die Einkaufswagen zurückgeschoben, beim Einkaufszentrum und so, dann hatte der Ami den Laden gekauft und sie hatten so Pfand eingeführt, nee, voll die Scheiße, hatten se ihn rausgesetzt, na er war eh so voll gegen diese Ausländer, Dreckskerle, er wusste schon, warum er immer die NPD und so, mit denen musste man mal aufräumen, höchste Zeit, wahrscheins hatten se seine Stelle sowieso an nen Polacken oder so wat , mit ihm konnt mans ja machen und so, nee. Also Kohle hatte er keine, egal, nee, konnt er der Alten trotzdem einen vorlabern, ne, kein Problem, Alter. Bisken einen vom Pferd labern und so, besonders helle war se eh nicht, konnte neunmalkluge Scheißweiber eh nicht ab, nee, Alter, kein Bedarf. Sah er ne voll geile Stelle. Merkte er schon, ne, das Eis war gebrochen, gebongt. So nen Parkplatz mit Aussicht, voll das Unterholz gecheckt. Raus mit der Mutter , die Luft war rein, nee. Bisken knutschen und dann die Mutter aufs Moos, nee.


Fackelte er nicht lang rum. Rock hoch, hinlegen für Deutschland, nee, Alter! Turnten se ne Weile im Moos, die Alte maulte noch ein bisken weil er kein Präser hatte, war ihm doch egal, nee. Fuhren se noch ne Weile, dann kriegte die Perle Kaffee und Kuchen, dann lieferte er se bei ihren Alten ab, nee, hatte er im Cafe noch ein bisken vom Pferd erzählt, war se zufrieden gewesen, ne. Er noch ein bisken innen “Schwanen”, die Kumpels warn auch dort, nahmen ihn ja nicht so für voll, ne, hatte er, manchmal den Eindruck, ohne sein Golf wäre er ganz schön blöd dagestanden, nä. Machten die Augen, wo er von seine Fahrt mit seiner Perle erzählte! Alter, die waren so richtig neidisch! “Ey, kann die Alte überhaupt ficken, blöd wie die ist?”, Alter, und das war noch das harmloseste, nee, voll der Neid. Zog er sich nen paar Weizen, brauchte er nach all der Scheiße mit der Arbeit und so, ne. Zuviel durft er nich, nee, wegen Fahren und so, und morgen früh aufs Arbeitsamt und so, die volle Scheiße Alter! Na, er heim und so, bisken inne Kiste, nee. Haute er sich hin, ne. Wacht er mitten inner Nacht auf, ne. Denk ich was juckt, am Ende ne blöde Schnake, ne. Mach ich Licht an und horch, ne, aber nix rührt sich. Licht aus, ne. Juckt aber immer noch wie Harry, ne. Licht wieder an, ins Bad, ne. Such ich mich ab. Fall ich fast um, ne. Sitzt da am Genick ne Riesenzecke, ne! Sieht man wegen der Haare nicht, hab se vorne kurz und hinten lang, ne, sieht voll scharf aus, Alter, stehn die Bräute drauf und so, kannst einen drauf lassen, voll ey! Ich die Haare weg, voll der Ekel, ne, wat nen Dingens! Seh ich im Spiegel: Kann ich zusehen, wie dat Dingens wächst, ne! Im Nu so groß wie ne Faust, Alter ne. Ich natürlich versucht dat Dingens abzuknipsen, ne. Aber sitzt fest wie Gift, in echt! Konnt ich mir ja fast nicht ziehen, ey! Puller ich anner Scheiße rum, echt, ne. Voll die Scheiße, ne. Wie ich so zieh mein ich fast ich spinne, ne. Fast mein ich, da ist sone Stimme, nech. Erst ganz leise, ne, wird aber immer lauter, in echt, Alter! So ganz langsam kann ich verstehen was se meint, ne. “Laß uns nen Geschäft machen, Alter....!” sagt se. Sag ich: “Was für ne Geschäft?” Sagt se: “Bohr nich an mer rum und ich mach Dich stark!” Sag ich: “Du bist ne verdammte Zecke un ich hau dich wech!” Sagt se: “Kein Scheiß, Alter, ich bin nen Geist vom Wald und ich komm in die Leute wenn se nen Kraftfeld aufbauen!” Sag ich: “Was für nen Kraftfeld?” Sagt se: “Beim Ficken entsteht nen Kraftfeld”, kam ne Pause, als würd se nachdenken, “nen bisken wie ne Mischung aus Radio, Batterie und nen paar Sachen die wo du nicht verstehen tust!” Wollt ich se gleich runterreißen, schon wieder jemand der mich für blöd hält, ne. Hab ich mich irgendwie beherrscht. “Alter, wir sind jetzt was, das heißt ganz schwierig, is aber auch egal...”. Mir war, als hätt se sagen wollen “verstehste eh nich!”, aber jetzt war ich doch neugierig was das für ne komische Schoße sein sollte, ne. Sagt se noch wie das heißen tut, mit uns zweien, “Schumbiose” oder so ähnlich, hab die Akustik nicht genau verstanden, ne. Sagt se: “Ich bin jetzt bei dir un ich mach dich mächtig schlau!” Dann kam se ins Ruckeln, die und verschwand irgendwie innen Hals. Außen sah man nur noch so ne braunen Flecken, ne, aber auch nur wenn man ganz genau hinguckte, ne. Wurd ich so komisch müde und dachte, hau ich mich wieder hin, ne. Träumte die ganze Nacht so ne Scheiße, von Spinnen und Asseln un Zecken und ganz kurz vom Ficken,


aber dann verwandelte sich die Alte in so ne Zecke, voll eklig, in echt Alter. Am Morgen war mir ganz anders, Alter. Fühlte mich voll gut. Hatte voll die Ahnung, ne. Von wegen Malochen! Ich sah auf einmal Chancen! Voll der Wahn, Alter! Voll der Bockmist ohne Hauptschulabschluß! Ich also aufs Amt. Der Beamtenmacker wollte mir einen erzählen, ey, so “leider gerade keine Hilfsarbeiten im Angebot, schauen se doch in vier Wochen” un so! Hab ich dem Zecken einen erzählt! Kam mir aus em Mund geflutscht als hätts fertig dringelegen! So voll schlaue Schoten, ne, wie “Sie! Ich kenne meine Ansprüche! Ich will ne Umschulung! Mit der unklassifizierten Arbeit hat das doch keine Zukunft nich, ne, und so!” Hatte ich den Typen so klein mit Hut, ne! Machte er noch ein bisken Aufstand und dann hatte ich ne Weiterbildung, ne! Machten wer gleich Anmeldung und alles. Merk ich, muss ich den Sieg begießen, nee, mal hören was die Braut spricht. Kommt mir ein Gedanke - die versteht doch nur Kohle und so, ne. Lieber mal ein gemütliches Cafe auschecken und sehen was es gibt. Gibt’s beim Arbeitsamt ja so nen Laden, ne. Ich also rein. Seh ich da so ne süße Krabbe, ne. Ich ihr also gleich einen vom Pferd erzählt, ne. Von wegen Erfolg und feiern und so ne Scheiße, ne. Sie gleich ganz Ohr. Wir also ins Feiern, ne. Erst nen Persiko, denn man nen Pikkolo, nen paar Kurze, hat man sich ganz schön was zu erzählen, ne. Ich wieder dieses ulkige Gefühl, die Sachen kommen mir wie geölt aus der Gosch, echt kein Problem, Alter, ne, ich laber die Perle voll mit Engelszungen, ulkiger Vergleich, ne, aber so wat fiel mir plötzlich ein, redete wie so ein Dichter oder wie das heißt, und hastu nich gesehen, ne, später hab ich se voll anner Kandarre, nee, weiß tu “wolln wa nicht bei mir noch einen heben?”, so diese Schiene, ne und nachher, bei mir waren ja meine Ollen, ging nich, also zu ihr, und war nicht viel mit Umständen oder so, ne, aber was soll ich sagen, ne? Ich plötzlich

auch nicht so einfach die “rauf auffe Braut!”Nummer, nee, mach ewig rum, mit Finger und dann sückel ich der sogar so anner Fut rum und so, ne, nie gemacht vorher, ne, und dann wars ihr schon mindestens einmal gekommen oder wenigstens fast oder so, ne, und ich dann rauf und rin, un was soll ich dir sagen, ne, sonst ging das ja ganz schnell, konnt ich aber plötzlich so ne halbe, Dreiviertelstunde, nee, und die Alte war völlig bedient und, ne, sag ich dir, der Zahn war mir sicher! Wie wir noch ne Runde schwatzen sagt die, sie hätt Realschule! Da hab ich denn doch was gestaunt, ne. “Mit dir kann man so gut reden und du hast so tolle Ansichten!” sagt se, ne. Staun ich also wieder und das nicht schlecht, ne. Hör ich so ne Stimme im Hinterkopf, ne, sagt se, sie hätt Bock auf nen paar Weizen, ne, konnt irgendwie nur die Zecke sein, weil, ne, von mir kam das ja nich, ne, sagt die Stimme, “Alter! Hab Durst und so, mach zu!” Lass ich so ein paar Komplimente vom Stapel und raspel was Süßholz, kannte ich vorher gar nicht, das Wort, ne, kam raus wie geölt, hatte das Gefühl, ist ja gar nich von mir, das Gelabere, aber irgendwie, auf alle Fälle wars sehr überzeugend, denn die Alte war schwer beeindruckt, sagt, sie könnt es gar nicht verwarten bis wir uns wiedersehen und so, ne, und wenn sie nich noch fort müßt, sie würd mich am liebsten gleich da behalten und mich noch mal richtig verknusern, ne, ich hätt ja ne mächtig scharfe Stange und würd stoßen wie ein Walzwerk, ne, ging mir ja runter wie Öl, ne. Ich also lieb und einen geordneten Abgang gebaut, besten Eindruck hinterlassen und alles, ne. Ich also, oder soll ich man besser sagen, wir, oder wie, ne, also inne Kneipe und ein paar kühle Weizen gezischt. Mit dem Vieh klappt die Verständigung, diese direkte, ne, also die klappt auch immer besser, voll die Härte, ne, sitzen wir also in der Beiz und unterhalten uns in echt wie du und ich, ne. Erzählt mir die Zecke, sie hätt sogar nen


Namen, ne, sie hätt mal Nitsche oder so ähnlich geheißen, aber nen Vornamen hätt se auch, Friedrich, ne, komischer Namen, ne, aber ich soll se ruhig Fritz nennen, ne, alle Freunde tätens, ne. Und sie hätt schon so oft gelebt, mal als Mann und mal als Frau und immer mal wieder als Viech, ne, und ganz früher sei se eine von den Musen gewesen, kannt ich nicht und hätt mit allen möglichen Künstlers und so gebumst, dass se auf nen paar gute Ideen gekommen wären, war mir aber nen bisken zu hoch, ne, obwohl, hatte den Eindruck, von dem sein Gelaber hätt ich früher, sozusagen in meinem altem Leben, ne, hätt ich nicht viel verstanden, ne, sach ich mal so, oder, besser gesagt, dacht ich in seine Richtung, weil, wir, das waren ja eigentlich nur ich, ne, für die anderen inner Kneipe war ich ja alleine, ne, obwohl ichs nich war, ne, dacht ich also schon, ne, in meinem frühren Leben, lacht sich dette Vieh tot, ne, und kriegt sich schier nich mehr ein, ne. Denk ich mir, seh ich jetzt schon ganz andere Möglichkeiten, ne, und der Bumms mit der Tante vorhin, war ja vom Feinsten, ne, Alter, konnste nich meckern, ne. Altöttinger Tagblatt

“Experten stehen vor einem medizinischen Rätsel... (unleserlich)...... der plötzliche Tod des erfolgreichen Autors, Dramaturgen und Gesellschaftskritikers... (unleserlich).... aus einfachsten Verhältnissen.... (unleserlich).... gab Anlass, eine Obduktion vorzunehmen.... (unleserlich).... Pathologen fanden das Hirn fast vollständig durch einen rätselhaften insektoiden Körper verdrängt.... (unleserlich).... die fortgeschrittene Verwesung machte eine genaue Analyse unmöglich.... (unleserlich).... Anlass des plötzlichen Todes scheint eine Vergiftung mit Verwesungsprodukten des möglichen Parasiten zu sein.... (unleserlich).... sind weitere Ermittlungen nötig, bis die Experten eine abschließende Stellungnahme abzugeben in der Lage sein werden... (alles weitere unleserlich)......” (Ausriss wurde als Einwickelpapier auf dem Altöttinger Wochenmarkt verwendet)

Texte von Bdolf sind im Lautsprecherverlag in “Der Lautsprecher Band 3” erschienen. ISBN 3-932902-11-4


Johannes Finke: Prononsens

Johannes Finke: Prononsens Wir sind Jünger einer Fährte hörig und doch frei Beim Schreiben und Schreien in fahlen Betrachtungsweisen und nüchternem Nonsens kommt das durch Deshalb machen wir weiter lassen uns nicht groß stören geben noch mehr vor als ein grasen Momente ab wie Schafe die erste satte Weide nach einem harten Winter Es ist bestimmt nicht viel was wir wissen aber jede neue Tag ist vielleicht doch gnadenlos gut Nicht mehr!

von Johannes Finke im Lautsprecherverlag erschienen: “Sex mit Monika Kruse oder Stell Dir vor es ist Pop und keiner geht hin” ISBN 3-932902-11-4


Martin Rühling: Die Wiege in der Mutterstadt

Es war Nacht. Genauer gesagt drei Uhr morgens, als ich mit gemischten Gefühlen, auf den Stegen, durch die Ruine ging. Gespenstisch. Eigentlich war ich nur hier hinabgegangen, weil ich das küssende Pärchen auf der Aussichtsplattform nicht stören wollte. Zu nett, ich bin definitiv zu nett! Normalerweise ist dort sonst immer mein nächtlicher Ort, um die Gedanken zu schweifen und den Verstand baumeln zu lassen. Alles zieht dahin, tut es den Lichtern gleich. In diesem Moment, ich auf der Reling, ja ich spüre den Fahrtwind, Bruder. Ängstlich, jedoch zugleich auch sicher, lief ich durch die scheinbar vertraute Umgebung. Neugierig schaute ich mich um, und versuchte alles mit fremden Augen zu betrachten; um das wohlige Unbehagen zu verstärken, welches die in sternklarer Nacht daliegende Ruine in mir auslöste. Es halten, wie sie auf mich wirkt. Ruhige, kalte Schönheit. Mit ihren zerfallenden, von Efeuranken umwucherten Grundmauern. Ein Stück Urwald. Hohe, uralte Bäume und dichtes Gestrüpp vereinen sich zu einem Schattenspiel. Nur spärlich dringt das Licht des vollen Mondes hier hindurch. Schaurig schöne Szenerie. Gleich kommt der Graf Vlad. Ich liebe es, meine Gefühle so gut es geht auszukosten. Auch vermeintlich negative. Ich wußte schon, wohin ich wollte. Zu ihm. Endlich stand ich - den Rücken ans Geländer gelehnt - am Fufle der Treppe. Da lag sie vor mir in ihrer nächtlichen Schönheit. Die breiten Stufen grün von Algen, Moos und Flechten. An den Seiten von kriechenden Schlingpflanzen und sich rankendem Gestrüpp gefasst. Auch die Bäume, welche sie säumten, hatten grüne Ranken um die dunklen Stämme. So dass das Mondlicht auf ihnen zu grünem Schillern wurde. So war sie, die Treppe meiner Kindheit. Hinter ihr, am Ende der Plattform: Er. ‹ber der in der Dunkelheit wie ein Tor zu einer anderen Welt erscheinenden Grotte, wachte er. Da wusste ich, ich hatte es bereits lange zuvor durchschritten und sog es in mich auf. Ganz ohne Rauch. So oft schon war ich hier gewesen. Hatte geschaut und gezeigt. Hatte gezeichnet oder geschossen. Auch Bilder. Ich weiß nicht, wer er ist. Dessen Gesicht schon so lange in der Zeit verrann. Sandstein zu Sand.


Vielleicht ist er der Bacchus oder ein Pan? Wie ich da nun stand und schaute, fühlte ich plötzlich ein so vertrautes Gefühl von seltsamer Geborgenheit. Ich dachte: Vater. War er Vater? Der Vater? Mein Vater? Ich dachte an Vater und Mutter. Meine Eltern. Lasse ich mich gehen, und wenn ja, missachte ich sie dann? Müssen wir das nicht, um wirklich leben zu können. Um (frei) zu sein? Zurück zum Ursprung kehren und ihn lieben. Hier ist meine Wiege in der Mutterstadt. Mein Ursprung. Wo die Steine und die Bäume meinen Namen kennen, war ich schon so oft in ihren Schatten und spielte vergnüglich in der Kindheit unter ihnen mit den Freunden. An Fasching starben hier so manche Gegner, und in seltner Nacht sich eine Schöne auf der Wiese mit mir wand. Heulen möchte ich - und weiß nicht, ob aus Ehrfurcht vor der Schönheit oder vor lauter Dummheit in der Melancholie mich suhlend. Doch eines weiß ich sicher: Ausleben und genieflen will ich immer, jeden Tag, jedes der Gefühle, in vollen Zügen. Um zu riechen und zu fühlen. Jeden Duft des Lebens meiner Welt!

Hier fehlt leider was. Ein schlampig geführtes Archiv ist besser als keines, aber ärgerlich ist das schon.


Perrache: Hier berät der Fuflball-Analytiker oder:Ja, wo zur Hölle ist der Briefkasten???

Als ich mich leicht ducken musste, um mir keine Platzwunde an der Stirn abzuholen, fiel mein Blick schräg links nach hinten auf eine Ablage, Nord:Süd, und von einer bunten Zeitschrift sprang mir die Schlagzeile in die Augen: “Wie krank ist Mario Basler wirklich?”Das “wirklich”, das sich automatisch vors Fragezeichen geschlichen hatte, stand so, wie ich feststellen musste, als ich wieder safl, nicht dort, besser gesagt, nicht mehr. Hatte sich innerhalb von elf Metern aufgelöst und die Buchstaben schimmern vermutlich noch immer hoch über dem Nildelta. Stattdessen fand sich, den Begriff vermutlich aus journalistischem Understatement ignorierend, unter der Duftnote “Hier analysiert der Fuflball-Berater”, des Moral-Paulus’ Günter N. - getreu dem Motto ‘aus Dreisatz mach’ tausendundeinen’ - sachdienlicher Hinweis zum Fahndungsplakat upfront: 1. Ein Angestellter wird fürs Maulhalten bezahlt 2. Die Zeiten sind andere; der Fuflball hat eine viel größere Wertigkeit bekommen 3. ‘Wehret den Anfängen’ als Handlungsleitmotiv des Arbeitgebers Nach dem Frühstück fiel ich in einen seligen Schlaf und träumte davon, wie der FC Bayern erst Lizarazu entließ, obwohl er, der deutschen Sprache nicht mächtig, Loddar mit Händen und F¸flen auf die Sprünge helfen wollte, dann Effenberg, weil ein Stinkefinger leider - nie verjährt, mit ebenso untröstlichem Habitus Fink, der die deutsch-französische Freundschaft zu körperlich ausgelegt hatte, Kahn trotz ungesunder Hautfarbe beim Ausatmen und Wessels, der - beinahe unbemerkt - seine Familie in den Vorstand schleusen wollte. Mit dem RegionalligaErsatztorwart verloren sie in Eindhoven durch ein herrliches Tor von Nilis. Nach dem Spiel, im Anschluss an eine unschöne Aktion durch dessen Landsmann, den gegnerischen

Trainer, hatte der Kaiser keine andere Wahl und feuerte aus “reiner Rücksichtnahme” den verbliebenen Kader, nahm seine Krone ab und schlenderte durch die Straflen Eindhovens. Dabei stiefl er auf Günter N. und zwei weitere Herren, von denen einer eine grüne Schärpe umgehängt und zwei Aktenkoffer in Händen hatte. Dieser fragte Günter N. nach einem Manuskript, das auf Punkt 1 der Netzerschen Regelkunde für Angestellte geprüft wurde. Als sie dieses auf Punkt 2 hin untersuchen wollen, taucht plötzlich Leo Beenhakker als verirrter Tramper aus Rotterdam auf. Und erklärt mit einem gewinnenden Lächeln “Fusssbarl is keeine Mattematiek”, um auf erstaunte, fragende Blicke aus der Runde fohrtzufahren: “Im Fusssbarl is eyns un eyns” und hier nimmt er die Finger zu Hilfe, “eins oder drey, aber niemarls zwey.” Günter N. hatte sich mit den letzten Worten Beenhakkers zu einer Pfütze Kerosin verdünnisiert, und dort, wo die anderen Herren gestanden waren, trudelten noch ein paar Papierscheine in der Luft. Beenhakker spazierte, mit dem schwarz-weißen Leder jonglierend, von dannen und ich wachte auf und warf noch einen Blick in den Balzac: “Foedora? Du wirst ihr begegnen. Sie ist, wenn du so willst, die Gesellschaft.”


understanding

PAULINENSTR. 45 SO-DI 19-1 MI-SA 19-2 UHR


Joon: Kälte

Sechs Uhr und Rone muss los. Verzicht auf die übliche Frühstückszigarette. Sie spürt, sie ist immer noch nicht wieder nüchtern, als sie den Wagen anläßt. Ihre Nase ist ganz kalt. Ebenso ihre Hände. Die Scheiben beschlagen. Sie dreht die Lüftung auf volle Pulle, und es wird noch kälter. Rone will sich beeilen, dem Berufsverkehr nicht in die Quere kommen. Auflerdem hat sie es gern, wenn sie ein wenig früher da ist. Sie könnte dann noch in aller Ruhe einen Kaffee trinken, während sie dem geschäftigen Treiben über dem Rand der Tageszeitung genieß0erisch zusähe. Rone sieht sich gelassen auf einem Barhocker in der Empfangshalle sitzen. Eine Frau von Welt. Aber dafür ist sie nicht gut genug gekleidet. Warum nur besaß sie nicht ein einziges Kleidungsstück, das wenigstens einigermaßen elegant wirkte. Gehupe das ihr gilt. Als Folge des zu heftigen Gasgebens säuft der Käfer ab. Das Gehupe wird unfreundlich, die Ampel springt zurück auf Rot. Na fein. Hektisch startet sie erneut. Sie sieht immer noch nicht viel von der Straße. Das Handschuhfach klemmt wie immer, wenn es kalt ist. Rone greift sich den alten Lappen und beginnt die Scheiben zu putzen, was ihr nur für kurze Zeit ‹bersicht verschafft. Auf der Schnellstraße öffnet sie ein Fenster. Jetzt wird es richtig kalt. Sie ist nicht besonders warm gekleidet. ‹berhaupt hasst sie Winterklamotten. Ihre schmale Gestalt versinkt vollkommen darin, und dazu kommt die ständige An- und Auszieherei. Wenn man nicht will, friert man auch nicht. Letzte Nacht zum Beispiel, da war ihr warm . Das Zimmer hatte bestimmt Minusgrade, immerhin war das Fenster die ganze Zeit weit offen und keine Heizung an. Nur eine Kerze. Rone läuft ein Schauer über den Rücken. Dann eine Welle von zärtlicher Sehnsucht. Nur jetzt nicht dran denken. Nicht jetzt. Sie sollte zerbersten vor Glück. Gerade jetzt. Immerhin nicht mal mehr zwei Stunden bis Bastian endlich wieder bei ihr wäre. Sie verabscheut den ironischen Unterton ihrer Gedanken. Nervös zündet sie sich eine Zigarette an. Husten. Gestern hatte sie bestimmt zwei oder drei Schachteln geraucht. Wegen dem vielen Alkohol und später, wie gerade, aus Verlegenheit. Musik! Warten auf die nächste rote Ampel. Solange sucht sie den freien Sender. Da. Jazz. Das wird er sein. Knattern, dann


eine vertraute Stimme. Programmvorschau auf Endlosband. Knattern. Hip Hop der Kolchose. Scheiße. Rone stellt das Radio ab. Die Scheiben sind schon wieder dicht. Ihre Finger blaugefroren. Wie wird Bastian heute aussehen? Immer wenn sie sich eine Weile nicht gesehen hatten, war sie aufs Neue überrascht. Meist über seine feinen, zerbrechlich wirkenden Züge. Ihm gegenüber empfand sie sich selbst als grob und laut. Sie übte sich dann in scheuer Zurückhaltung, was er fast jedesmal als Abweisung auffasste. Das Wiedersehen mit ihm war immer eine Tortur. Wie soll das bitte funktionieren, wenn wir für längere Zeit getrennt leben? Der einzige Grund, weshalb sie nicht schon viel früher weggegangen ist. Ich will ihn nicht verlieren. Nicht so. Na endlich. Die Ausfahrt Flughafen. Sie könnte den gesamten Bodensee leer saufen, so ‘nen Durst hat sie. Nele wird es wohl nicht viel besser gehen. Rone lacht vergnügt in sich hinein, während sie den Wagen abschließt und zur Empfangshalle rüber läuft. “Ein Wasser, ‘n Kaffee, schwarz und ein Croissant, bitte.” Rone setzt sich an einen Tisch, schüttet das Wasser in sich hinein und blickt auf die Uhr. Noch eine Stunde. Mit stolzer Miene schlägt sie die Zeitung auf und beginnt zu lesen. Hier ein Krieg, dort ein politisches bzw. wirtschaftliches Treffen. Ein Nobelpreis und hungernde Kinder. Im Feuilleton wird ein neuer Film vorgestellt und eine Sekte verurteilt. Nichts wirklich Aufregendes also. Wenigstens gibt es mal wieder ein paar Studenten, die auf die Barrikaden gehen. Leider nicht hier und leider ist die Hälfte von denen mittlerweile bestimmt schon verhaftet, trotzdem beruhigend zu wissen, dass es noch ein paar unzufriedene Revoluzzer auf dieser Welt gibt. Sie legt die Zeitung beiseite. Sie ist zu unruhig, um sich aufs Lesen konzentrieren zu können. Nele schläft bestimmt noch tief und fest. Sie hätte sie jetzt gerne angerufen, um es heraus zu finden, doch wenn sie wirklich schläft, wäre das schon sehr gemein. Noch zwanzig Minuten und noch nichts auf der Anzeigetafel erschienen. Rone steht auf und geht zum Informationsschalter. “Haben sie die Durchsage nicht gehört? Alle Maschinen aus Amsterdam haben Verspätung. Ein Unwetter. Wir wissen bald mehr.” “Danke.” Und dafür bin ich so früh aufgestanden! Wenn ich ihn bloß irgendwie erreichen könnte. Rone steckt sich eine Zigarette an und beginnt zu warten.


Hier fehlt leider was. Ein schlampig gef체hrtes Archiv ist besser als keines, aber 채rgerlich ist das schon.


metastabil 02, reissue 2009

metastabil_02  
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Zeitschrift mit Texten