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badische zeitung

magazin & reise Die Aktualität Kennedys

Schicksal unter Stalin

Gedenken am Meer

John F. Kennedy wurde vor 100 Jahren geboren. Seine Thesen zu Frieden und Nachhaltigkeit sind noch heute hochaktuell. Seite III

Christoph Hein bearbeitet unermüdlich die Geschichte der Diktaturen. Sein Roman „Trutz“ führt in die Sowjetunion. Seite IV

Am Mittelmeer bei Perpignan erinnern Gedenkstätten an die Flüchtlingswelle des Spanischen Bürgerkriegs. Seite VI

Schönheit muss bluten In einer Welt, die aufs Äußerliche fixiert ist, haben es gutaussehende Menschen leichter. Viele gehen deshalb zum Plastischen Chirurgen Von Marco Lauer

FOTOS: DENISMART /BL(FOTOLIA.COM)

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ind schöne Menschen beliebter? Ja. Sind schöne Menschen erfolgreicher? Ja. Sind schöne Menschen glücklicher? Ja. Professor h.c. Dr. Med. Stefan Gress, ästhetisch-plastischer Chirurg, die Praxis unweit des Bayerischen Hofes in finanziell sündiger Münchner Innenstadtlage, sitzt auf weißem Leder und dreht seine Handflächen nach oben. „Was kann ich anderes darauf antworten? Die Geschichte lehrt uns das. Natürlich ist das alles andere als fair. Weil ja niemand in der Hand hat, wie er auf die Welt kommt. Schön oder eben weniger schön. Aber es ist nun mal, wie es ist.“ Und schöne Menschen haben Wettbewerbsvorteile in fast allen Bereichen des Lebens. Wir glauben schönen Menschen mehr. Sind von ihnen angezogen, wollen sie in unserer Nähe, sie für uns gewinnen. Ein schöner Mensch bekommt mehr Liebe im Laufe seines Lebens. Einem schönen Menschen, sagt Dr. Gress, 52 Jahre alt, altersbedingt flüchtiger Haaransatz, symmetrische Gesichtszüge, warme Stimme, schlank, weiße Hose, weiße Mokassins, spezialisiert auf plastische Genitalchirurgie, werden alle möglichen positiven Attribute zugeschrieben. Das Schöne ist selten böse. Das Schlechte selten schön. Wenn wir in ein schönes Gesicht schauen, sagt

Gress, stets klar in der Aussage, geben wir uns mehr Mühe mit uns selbst. Versuchen, das Beste in uns nach außen zu kehren. Als ob wir versuchen, die Schönheit zu spiegeln, die wir betrachten. Das Schöne entwickle einen gewaltigen Sog. Habe es schon immer. Wo verläuft die Grenze zwischen schön und nicht schön? Waltraud Posch, 44 Jahre alt, Soziologin aus Graz, Autorin des Buches „Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt“, sagt, dass Schönheit zumindest bis zu einem gewissen Grad objektivierbar sei. Und Symmetrie, so Posch, sei dafür sicherlich das zentrale Kriterium. Vor allem im Gesicht. Dazu kämen noch einige andere Kernkriterien. Bei Frauen volles Haar, große Augen, aber nicht zu groß, hochstehende Wangenknochen, ein Verhältnis Taille zu Hüfte von 0,7. Bei Männern eine Größe von mindestens dem Durchschnitt, besser größer, ein markantes Kinn, volles Haar, schmale Hüften, eher kleine Augen, die einen scharfen Blick ergeben, der idealerweise ein bisschen böse ist. All das, sagt Posch, was evolutionsbedingt Macht und Stärke ausstrahle. Und somit zumindest unterbewusst noch immer von Frauen in Bezug auf die Fortpflanzung gesucht werde.

Doch auch abseits von evolutionären Überlegungen gingen attraktivere Menschen wahrscheinlich einfacher durchs Leben, sagt Posch. Sie haben oftmals größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und können mit milderen Strafen vor Gericht rechnen. Und schon Neugeborene würden sich lieber schöne Gesichter ansehen. Werden sie älter, spielten sie am liebsten mit schönen Menschen oder Puppen. Sogar Mütter könnten sich dem Bann der lieblichen Aura nicht entziehen. Sie beschäftigten sich mit süßen Kindern intensiver. Dies führe nicht selten dazu, dass schöne Kinder mit größerem Selbstbewusstsein aufwachsen. Sich später dann automatisch mehr zutrauten und ihre Talente wahrscheinlich oft besser nutzen könnten, weil sie dazu eher die Chance bekommen. Wie eine Art selbsterfüllende Prophezeiung. „Ich selbst finde das nicht unbedingt schön“, sagt Posch. „Und eigentlich auch nicht erstrebenswert. Aber wir leben nun einmal in einer oberflächlicheren Welt, als

uns lieb ist. Wir denken nur, dass wir alle so aufgeklärt sind und alles nach dem wahren Wert bemessen. So ist es aber meist nicht.“ Denn obwohl das Aussehen bei den meisten Menschen nicht alleiniges Zentrum ihres Lebens und Denkens sei, sagt Posch, habe das Äußere doch einen hohen Stellenwert, weit höher noch als vor zwanzig oder dreißig Jahren. Ein stark übergewichtiger Spitzenpolitiker, das gehe heute eigentlich nicht mehr. Auch im Toppmanagement der großen Konzerne sei mittlerweile kaum noch ein übergewichtiger oder überhaupt sonderlich unattraktiver Mensch zu finden. Unzählige Studien kämen zu dem Schluss, dass der gesellschaftliche Druck zu einem attraktiven Äußeren enorm zugenommen hat. „Ich kann mir das wissenschaftlich auch nicht gänzlich erklären“, sagt Posch. Aber generell spiele das Äußere, also streng betrachtet die Oberfläche, in einer Gesellschaft wie der westlichen, die ansonsten im Großen und Ganzen materiell abgesichert ist, natürlich eine größere Rolle als etwa in einer wirtschaftlich unterentwickelteren Gesellschaft wie beispielsweise der Fortsetzung nächste Seite afrikanischen.


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sagt Bösch, also wahrscheinlich mit Sicht auf die nächsten zehn Jahre, werde er nicht zögern. Allerdings nur bei einem absolut vertrauenswürdigen Kollegen, der sein Handwerk wirklich versteht. Weil der Begriff des Schönheitschirurgen kein geschützter sei, würden doch allerlei Pfuscher auf dem Markt sein. Deren Werk er meist dann bemerke, wenn er in den Straßen von Zürich Menschen sehe, die behandelt aussehen. Denn das sei es, was einen guten von einem schlechten plastischen Chirurgen unterscheide. Denn die meisten seiner Patienten wollen nicht behandelt aussehen. Es darf nicht augenscheinlich sein, dass jemand bei einem plastischen Chirurgen war. Ein gewisser Widerspruch sozusagen. Das Beste sei, sagen ihm viele Patienten, wenn Bekannte oder Freunde ihnen sagten: Mensch, Du siehst so frisch aus. Dir geht es gerade gut, oder? „Dann haben wir unseren Job gut gemacht“, sagt Bösch und lächelt. Positive Rückmeldungen zu bekommen, sich selbst wieder besser zu fühlen und dennoch den Gang zum plastischen Chirurgen verheimlicht zu haben: Dies sei in den meisten Fällen der perfekte Dreiklang eines Patienten. Denn fast niemand, der bei ihm war, macht das öffentlich. Deswegen auch sind die Räumlichkeiten von Bösch, wie bei den meisten Kollegen, in einem unscheinbaren Mehrparteienhaus untergebracht. Falls doch jemand Notiz nimmt von einem beim Betreten des Gebäudes, besteht dadurch noch die Möglichkeit, dass er woanders war. Auch die Praxis von Stefan Gress in München liegt strategisch günstig. Zusammen mit einem Dermatologen, einem Frauenarzt und einer Kapitalberatungsfirma. Im Inneren dagegen ist alles ästhetisch ansprechend. Ist auch die Anonymität aufgehoben und nicht mehr wichtig, weil man nun unter sich ist. Gress behandelt wie Bösch alles von Kopf bis Fuß. Sein Spezialgebiet liegt jedoch genau in der Mitte. Seit knapp zehn FOTOS: SHEVTSOV/VCHALUP (FOTOLIA.COM)/PRIVAT (2)

d d d Was ja vollkommen einleuchtend sei, sagt Dr. Urs Bösch in sein geräumiges Büro hinein, auf einem Tisch Silikonimplantate, ins Eck gelehnt ein Kontrabass, den er spielt, sobald es seine Zeit zulässt. Selten. „Künstlerisch tätig werde ich doch meist nur bei meiner Arbeit.“ Ihm gehört die MEON Clinic für plastische Chirurgie in Luzern und Meggen, einem kleinen Ort unweit von Luzern,

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gelegen am Vierwaldstätter See. Schönheit auf Bestellung: Volle Lippen und ein straffer Bauch, Plastische Chirurgie macht’s möglich. Bösch, 54 Jahre alt, von denen man ihm 45 ansieht, volles, nach hinten gekämmtes Haar, schwarz mit grauen Strähnen, enger schwarzer Pullover mit Rollkragen, Was behandelt werden soll, hänge entscheidend mit Alter der Schädel immer kleiner wird, die Haut, also feine Hände, sagt, dass wahrscheinlich eine Frau in dem Alter seiner Patienten zusammen. Nur eines eine die Hülle, aber nicht weniger und irgendwann zu viel Burkina Faso weit weniger den Drang verspüre, einen die meisten: Leidensdruck. „Niemand kommt zu mir, und gewissermaßen übrig ist. Was den optischen EfSchönheitschirurgen aufzusuchen als die Frau eines Li- weil es ihm so viel Spaß macht.“ Die jüngsten Patien- fekt hat, dass sie schlaffer wirkt. teraturprofessors oder eines Managers in München. ten von Dr. Bösch sind Anfang zwanzig. Fast ausDen meisten macht das nichts aus. Sie lieben vielTrotzdem wolle er sich, nicht nur berufsbedingt, über schließlich Frauen. Bei denen es zumeist um die Brüste leicht sogar all diese äußeren Erscheinungen des Alletztere kein Urteil anmaßen. „Ich glaube da eher ein geht. Die der Doktor entweder verkleinern oder häufi- ters. Als eine Art Auszeichnung für gelebtes Leben. wenig an die Maslowsche Bedürfnispyramide“, sagt ger vergrößern soll. Immer seltener wird dabei Silikon Oder sie ignorieren sie zumindest. Sagt Bösch. Was ja Bösch. Nach der sind die Bedürfnisverwendet, sondern Eigenfett. Eine auch gut sei. Und für den Rest, der zugegebenermaßen se des Menschen hierarchisch anneue, schonendere Methode, durch immer größer werde, gebe es plastische Chirurgen wie geordnet. Am Fuß der Pyramide die kein Fremdstoff mehr in den ihn und seine Kollegen. Wenn man aber diesem Rest stehen die physiologischen BedürfKörper gelangt. Nur wenn ein Zu- vorwerfe, sagt Bösch, dass er es nicht schaffe, in Würde nisse. Genug zu essen und zu trinwachs von mehr als einer Körb- zu altern, dann werde er etwas ungehalten. Denn das ken zu haben, um zu überleben. chengröße gewünscht wird, muss Sind jene befriedigt, steigt man hinBösch auf Silikon zurückgreifen, auf zu den Sicherheitsbedürfnissen weil dafür das Eigenfett nicht ausund den sozialen. Leben in Friereicht. den, ein gewisses Einkommen, körZwischen Ende zwanzig und Anperliche Gesundheit. Dann erst fang vierzig dann hat es Bösch in der geht es über zu den individuellen Mehrzahl mit äußerlichen Folgen Bedürfnissen und schließlich zur von Schwangerschaften zu tun. Selbstverwirklichung. Etwas Straffung von Brüsten, die zur Freuplump gesagt, sagt Bösch, habe jede ihrer Ehemänner erst größer mand, der bei Aldi an der Kasse arwurden während der Schwangerbeitet, wahrscheinlich erst mal den schaft und dann nach dem Abstillen Stefan Gress Wunsch, irgendwann mal mehr zu in sich zusammenfielen. verdienen und schere sich nicht so sehr um hängende Augenlider oder Fettpolster an der Hüfte. Genauso Die jüngsten Patienten wenig wie jemand, der krank ist sind Anfang zwanzig und sich nichts sehnlicher wünscht als Gesundheit. Wohingegen jemand in einer höheren beruflichen Straffung auch der überstehenPosition mit ordentlichem Gehalt den Haut am Bauch nebst Fettabsauund körperlicher Fitness nach Angung. Speziell jene Patientinnen, derem strebe. Weil alles darunter die ein zweites oder drittes Kind auf schon erreicht ist. „Da kommen die Welt gebracht haben, sagen „Mensch, du siehst so frisch aus“. Das will der Patient nach der OP hören. dann wir ins Spiel“, sagt Bösch und ihm, dass sie nun gerne optisch wielächelt. der mehr von Müttern zu Frauen Tausend Eingriffe hatte er im werden wollen. letzten Jahr in seiner Klinik. Auf Ab Anfang vierzig dann kommen sei doch im Grunde dummes Gerede. „Schauen Sie, Jahren ist Gress Deutschlands führender Spezialist in Monate ist er ausgebucht. Wie die die ersten Alterserscheinungen. die Zeit vergeht sowieso schon schnell genug, ohne das der Genitalchirurgie. Neben Penisverlängerungen und Urs Bösch meisten seiner Kollegen. BrustverVorwiegend im Gesicht. Weil ab man sie irgendwie aufhalten kann. Und ehe man sich Penisverdickungen behandelt auch er vor allem Fraugrößerungen, Bruststraffungen, Favierzig oder knapp darüber, sagt versieht, ist man alt. Wenn man dann zumindest die en. „Im Intimbereich mache ich alles, was das Herz becelifts, Nasenkorrekturen, BeseitiBösch, bei den meisten Menschen optischen Begleiterscheinungen ein wenig abmildern gehrt“, sagt Gress, der nach seiner Ausbildung zum gung von Schlupflidern (altersbedingt hängende Lider, erste Vorboten der Vergänglichkeit sichtbar werden. kann: ist das verwerflich?“ Denn gäbe es einen Jung- Facharzt in der Urologie zwei Jahre bei Ivo Pitanguy in vor allem Oberlider), Fettabsaugungen an Bauch, Hüf- Falten zwischen Augen und Schläfe, Krähenfüße oder brunnen, sagt Bösch, würde die Schlange sicherlich Brasilien lernte, dem Übervater der Schönheitschirurte, Schenkeln. Einspritzungen von Hyaluronsäure für euphemistisch Lachfalten genannt, vor allem bei Frau- von hier bis nach Sizilien reichen. Und wahrscheinlich gie, einer nationalen Ikone in Brasilien, jenem Land mehr Volumen im Gesicht, Einspritzungen des Ner- en ein erstes leichtes Kräuseln der Haut zwischen Nase sei das Äußere bis ins höhere Alter auch deswegen im- mit dem prozentual weltweit höchsten Anteil an vengiftes Botolinum, bekannt unter dem geläufigeren und Oberlippe, eine sich langsam tiefer grabende, mer wichtiger, sagt Bösch, weil man heutzutage we- Schönheitsoperationen, der gar das Olympische Feuer Namen Botox, für weniger Falten im Gesicht. Gut acht- senkrechte Zornesfalte zwischen den Augen und auf sentlich länger fit und gesund bleibt als noch vor fünf- bei den Spielen in Rio trug, bevor er einen Tag später zig Prozent seiner Patienten sind Frauen. „Weil nun der Stirn waagrechte, zwei, drei, vier. Lider, die herab- zig Jahren. Deswegen möchte man sein Äußeres in im Alter von 90 Jahren an Herzversagen starb. Nach mal der Druck, schön zu sein, bei Frauen noch immer sinken und den Blick müder wirken lassen. Die Haut Einklang mit dem Inneren erhalten. Er selbst habe seiner Zeit bei Pitanguy arbeitete Gress im Münchner wesentlich höher ist als bei Männern.“ generell an Spannkraft verliert. Weil, sagt Dr. Bösch, im noch nichts machen lassen an sich. Aber bei Bedarf, Klinikum Rechts der Isar, operierte unzählige Transsexuelle, Frauen zu Männern und Männer zu Frauen. Als er das Thema Genitalchirurgie im Jahr 2007 das erste Mal auf einem Kongress vorgestellt habe, sei er noch ausgelacht worden. Weil die damaligen Kongresse noch sehr brust- und gesichtslastig gewesen seien. Seitdem operierte er Tausende Frauen. Wobei es um zwei verschiedene Bereiche gehe. Die äußere Genitalregion, wo es um das Optische gehe. Und die innere. Wo das Empfinden die Hauptrolle spiele. „In beiden Bereichen fühlen sich meine Patientinnen sehr unwohl“, sagt Gress. Weil das eine große Scham hervorrufe und das andere die Lust am Sex verhindere oder zumindest schmälere. Gerade auch bei Frauen, die mehr als eine Schwangerschaft hinter sich haben und deren Beckenboden und Vagina sehr geweitet seien. Und sexuelle Stimulation nun mal mit Reibung zu tun habe. Deshalb habe er ein Verfahren entwickelt, mithilfe dessen man Vaginalverengungen und auch die Straffung der Beckenbodenmuskulatur durchführe. „Denn noch mehr“, sagt Gress, „als um Schönheit, Metamorphosen eines Gesichts: Der „King of Pop“ Michael Jackson ließ sich – wie viele Stars – mehrmals operieren. FOTOS: DPA (5) dreht es sich im Erwachsenenleben doch um Sex.“

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