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Erz채hlte Texte

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Jens Nielsen Das Ganze aber k체rzer edition spoken script


Niagara Eine Tragikomรถdie


Ein Stehtischchen mit Barhocker Der Erzähler steht beim Einlass mit dem Gesicht zur Wand Er trägt Standesamt-Kleidung mit frischem Salatblatt am Revers Vor Teil III wird ihm ein monströs dekorierter Cocktail serviert Aus dem er mit einem maximal albernen Strohhalm trinkt

I Ein roter Magnet haftet am Stehtischchen Die Bettdecke war bedruckt mit rosa Blumen Das Kopfende des Betts war übersät mit rosa Kissen Die Tapeten waren rosarot mit Vögeln Und es saßen gekleidete Puppen auf der Kommode Die meisten meiner Gäste sind frisch vermählte Paare Hatte die Besitzerin der Pension gesagt Die Niagarafälle seien ein beliebtes Ziel für Hochzeitsreisende Vor einer Weile war ich von diesem Bett aufgestanden um auszugehen Um mir nach tagelangem Zaudern endlich diese Wasserfälle Ich hatte die Zimmertür geöffnet War dann stehen geblieben Schloss sie wieder Und setzte mich zurück aufs Bett Dann stand ich wieder auf


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Setzte mich Ich streifte meine Umhängetasche vom Rücken Öffnete sie und schaute hinein Um die paar Dinge die ich eingepackt Mit denen zu vergleichen die ich im Zimmer lassen wollte Und die auf meinem Bett verstreut lagen Dazu nahm ich die Gegenstände einzeln aus der Tasche Um noch einmal ihre Nützlichkeit für den heutigen Tag abzuschätzen Ein Buch Ein Bilderbuch Eine Checkliste Ein Stück Holz Socken Messer Landeskarte Pass Ich öffnete den Pass Und schaute mir an wer ich unbestreitbar war Las was neben meinem Foto stand Vorname Geschlecht Ausgestellt am Gültig bis Dann legte ich den Pass beiseite Socken Holz Bilderbuch


Landeskarte vom falschen Land Was haben wir noch Ja genau die Checkliste Ich hatte vor paar Tagen die Bibliothek der Stadt Niagara betreten um mich auszuruhen Als ich auf der Suche war nach einer Unterkunft Beim Eingang hatte der Verein für verantwortliches Elternsein einen Informationsstand aufgestellt Eine der Frauen die dort standen gab mir diese Liste in die Hand Danke sagte ich Brauch ich nicht Doch brauchen Sie war ihre Antwort Darauf wusste ich nichts zu sagen Ich nahm die Liste mit Und setzte mich im Lesebereich in einen Sessel Um sie zu lesen Soziale Kompetenzen für Kinder von null bis vier Jahren Bitte sagen Danke sagen Entschuldigung sagen und es tut mir leid Es tut mir Es tut mir Es tut Soziale Kompetenzen für Fünf- bis Achtjährige stand da weiter Augenkontakt behalten während einer Konversation


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Gute Tischmanieren erlernen Andere auch etwas sagen lassen Soziale Kompetenzen für Neun- bis Sechzehnjährige Andern Respekt entgegenbringen Pfff Hinter sich aufräumen Bestimmt sein gegenüber Gleichaltrigen So jetzt da Also hm Da Sie Hm Soziale Kompetenzen ab siebzehn Jahren Aufstehen und die Hand reichen wenn man jemanden kennenlernt Den Sitzplatz aufgeben für jemanden der es nötig hat Danke Mitteilen wenn Pläne geändert werden müssen Hallo ja Die Pläne müssen geändert werden Nein diese Liste war nicht für verantwortliches Elternsein Diese Liste war Science-Fiction Im Lesebereich der Bibliothek gab es Zeitungen Zeitschriften und Heißgetränke im Becher Den ganzen Nachmittag verbrachte ich mit lesen schauen und Kaffee trinken Es fiel ein älterer Mann auf Der mir den Rücken zugewandt Konzentriert vor einem Regal mit Büchern stand


Er sah noch nicht verwahrlost aus Trug alte Reiterstiefel Einen langen Mantel Und er stand so dicht vor dem Regal Als suchte er einen Ort um in das Gestell hinein Um sich entlang den Bücherreihen zu bewegen Machte er langsam kleine Schritte seitwärts Den Kopf hielt er dabei nicht immer auf derselben Höhe Er hob und senkte ihn vor jedem Buch Und so nahe führte er sein Gesicht an den Buchrücken vorbei Dass er diese mit der Nase fast berührte Als er ans Ende des Regals kam Spannte sich sein Körper plötzlich an Er erstarrte Es sah aus als sei ihm auf einmal zum Schreien Aber er schrie nicht Er weiß wenn er hier drin schreit Wird er ausgesperrt Dachte ich Dieses Wissen ist sein wichtigstes Weil er keinen andern Ort hat Zum So-Sein wie er ist Und ich dachte daran zu ihm zu gehen Und ihn zu fragen ob ich sein Assistent sein dürfte Da löste er sich plötzlich vom Gestell Drehte sich zu mir Kam auf mich zu


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Schon machte ich mich bereit um kompetent Hallo zu sagen Da ging er dicht an mir vorbei Zielgerade durch den Raum in einen andern Teil der Bibliothek Dort stellte er sich an den Anfang einer mir abgewandten Bücherreihe Und ebenso nahe Dann bewegte er sich langsam seitwärts Sein Gesicht fing an sich hinter das Regal Wenig später sah ich noch die Hälfte Die halbe Stirn Ein Auge Und den halben Mund Die Knöpfe seines Mantels Einen Stiefel Dann noch einen Viertel Ein Ohr Den Ellenbogen Bis er ganz verschwunden war Ich legte die Checkliste beiseite Was haben wir noch Das Messer Ich trug es bei mir wenn ich auf Reisen war Es war dann mein Taschenmesser Ich mochte es Benutzte es aber kaum


War eine längere Zeit vergangen ohne dass ich es verwendet hatte Nahm ich es trotzdem hervor Ich schaute es an Öffnete die Klinge Ließ sie einschnappen und schloss sie wieder Ab und zu jedoch nahm ich es aus einem richtigen Grund hervor Etwa um die Etikette mit dem Zielflughafen von meinem Koffer abzuschneiden Aber auch in solchen Fällen musste ich zugeben Das Messer war unterfordert Wozu hatte ich es denn Ich würde sagen das Messer war mein Geländewagen Es gibt doch diese Stadtbewohner die sich riesige Geländewagen kaufen Sie haben die geheime Hoffnung mit solchen Autos eine Grenzerfahrung Um dieselbe Grenzerfahrung aber zu vermeiden Wenden sie gleichzeitig ihre ganze Zeit und Mühe auf Damit die Grenzerfahrung ja nicht Und so fahren sie halt einkaufen Nivea für den Mann Und Blattspinat Ich öffnete das Messer und hielt mir die Klinge an den Hals Das Messer war hergestellt worden um Fleisch zu schneiden Ich ass Fleisch In Restaurants benutzte ich es aber nie


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Die Steakmesser waren meistens scharf genug und lagen gut in der Hand Außerdem war das Messer nicht für gebratenes Fleisch gemacht Sondern für rohes Fleisch Für ganzes Ich drückte die Klinge vorsichtig in meine Kehle Dabei ist sie kaum länger als die Klinge eines kleinen Küchenmessers Hatte ich gesagt Als ein Mann am Flughafen beim Anblick des Messers erschrocken zurückgewichen war Ob ich damit wilde Tiere von Hand erlegen wolle fragte er Nein sagte ich Nur die Etikette So so sagte der Mann Indem er sich rückwärts entfernte Und wie ich gleich erfahren sollte Zur Zollbehörde eilte um zu petzen Ironischerweise war das Messer hergestellt in diesem Land Was sagen Sie dazu Herr Zöllner Aber der hatte auf alles eine Antwort Und ich musste büßen und wurde angefasst An meinem Hals bewegte sich die Klinge langsam hin und her Wilde Tiere von Hand erlegen Ein Kopfkino Ein wildes Tier


Sagen wir ein wilder Hund fällt mich auf der Straße an und wirft mich zu Boden Ich liege auf dem Rücken Der Hund will meine Kehle beißen Ich blute schon Ich nehme mein Messer aus der Hosentasche Klappe es auf Uh da fällt das Messer aus der Hand Ich taste danach Finde es aber nicht Ich schaue kurz zur Seite Wo ist es denn Da Ich kann es aber nicht erreichen Der Hund ist über mir und wütend Ich strecke meine Hand aus weiter als es geht Meine Finger nähern sich dem Messer Die Fingerspitzen können fast Noch einen Millimeter Der Hund will mich jetzt sehr beißen Ich würge ihn mit der andern Hand am Hals so gut es geht Da erreiche ich das Messer Ich halte es fest Und steche von der Seite in den wilden Hund Er jault auf Verdreht die Augen Das sieht man aber nicht Sonst wird der Film verklagt von einem Tierschutz


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Der Hund hat sich einfach hingelegt und ist Ja Ich habe gewonnen Ich muss mir das etwas genauer ansehen Und ein wenig verändern Der Hund ist immer noch sehr wild Aber er hat Tatsächlich Er hat eine Besitzerin Doch diese Frau hat über ihren Hund verloren die Kontrolle Er hat sich von der Leine losgerissen Er überfällt mich gleich wie vorhin Und beißt mich ins Gesicht und in den Hals Und als ich ihren Hund mit letzter Kraft ersteche reagiert sie Beides Froh und traurig Aber immerhin Sie besucht mich im Spital und bringt mir Blumen Weil ich schwer verletzt Im archaisch erbitterten Mann gegen Hund Die Frau hat schon einen neuen Hund als sie mich besucht Einen freundlichen Er versteht mich Und sie mit Tränen in den Augen Lächelt Ich möchte auch Aber ich bin hoffnungslos zerbissen und sterbe unter ihren Augen


Man kann es an der Maschine sehen Die neben meinem Bett Eben stellte sie noch graphisch meinen Puls dar Jetzt zeigt sie eine flache Linie und macht einen hohen Ton Die Ärzte rennen und die Schwestern Sie machen mit Geräten und mit Spritzen Stromstößen und Geschrei Aber zu spät Ende Trauer Fassungslos Eben noch so blühend Jung Ein Jüngling fast Mit Aussichten Mit Horoskop Und dann mitten aus dem Leben Ein Aufschrei geht durchs Land Wir fordern ein Verbot von solchen Hunden Ich korrigiere das so Dass nicht ich selber Sondern das Kind dieser Frau Und dieses nicht von ihrem eigenen Sondern von einem fremden wilden Hund angefallen wird Und ich stürze herbei Weil ich grad in der Gegend Und ich werfe mich dazwischen Als Einziger


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Mit dem Messer auf den Hund Ah das Messer fällt mir wieder aus der Hand Man sieht schon wieder wie die Finger Indessen nimmt die Frau ihr Kind in Sicherheit Und ich erleide anstelle des Kindes die schweren Verbeißungen So hat die Frau einen besseren Grund mich im Spital Und der Blumenstrauß ist auch größer als vorhin Riesig jetzt Enorm ein Riesenrosen Und der Besitzer des Hundes muss mir eine Wiedergutmachung Und alles wird gut werden I promise Die Bisswunden in meinem Gesicht verheilen zu Narben Die Narben lassen mich männlicher aussehen Ich bekomme Filmrollen und Post Hunde haben nämlich keinen Zutritt im Spital Sagte ich jetzt laut Und der Nachhall dieses Satzes hing sekundenlang in meinem rosaroten Zimmer Ich schaute das Messer an Wischte das Blut ab an der Klinge Und am Hals Klappte es zu Und warf es in den Koffer der da lag Ich schloss die leere Tasche mit dem Reißverschluss


Hängte sie mir um Dann stand ich auf Setzte mich wieder Stand wieder auf Machte einen Schritt zur Tür Griff nach der Klinke Ließ sie los Machte einen Schritt zurück Und setzte mich aufs Bett Du hättest sie halt fragen sollen Sagte plötzlich meine Stimme Und sie hatte Recht Nach einer Weile begann ich es mir vorzustellen Wie und wann ich sie gefragt hätte Gelegenheiten hatte es gegeben Und mir war Als hätte ich es bei einigen erwogen sie zu fragen Am Ende aber musste ich zugeben Dass ich sie nur einmal wirklich fragen wollte Ihr Arzt hatte mich zu einer Schiebetür geführt Die Tür hatte auf Augenhöhe ein breites Fenster Ich schaute hindurch Wir haben ihr den Magen ausgepumpt Sagte der Arzt Und ihr dies und das verabreicht Trotzdem wird sie kaum vor morgen früh erwachen Gehen Sie sich ausruhen Wir werden Sie anrufen wenn sich ihr Zustand verändert


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Das heißt verbessert Sie hat Glück gehabt Ich hatte die Tür seitlich in die Wand geschoben Und das Zimmer betreten Ich hatte gewartet Geschlafen War gegangen Bis zum Haupteingang Bis zur nächsten Ecke Weiter nicht Dort kehrte ich um Kam zurück und blieb Ab und zu kam eine Schwester vorbei und schaute nach ihr Irgendwann öffnete sie die Augen und sah mich an Es hat nicht geklappt Sagte sie geradeheraus Ihre Stimme klang so ruhig wie seit vielen Wochen nicht mehr Es geht ihr besser Dachte ich aus einer wie mit der Blödheit gezeugten Freude Sie möchte aufsitzen sagte sie Gut Ich fand die Knöpfe der Hydraulik für das Bett Wie viel Uhr ist fragte sie Drei Uhr nachmittags Am Tag danach Sie schaute ins Leere Ihr Kopf nickte von zu wenig Muskelspannung


Ihre Augen fielen zu und öffneten sich wieder Ich bin aufs Fensterbrett gestiegen Sagte sie Um mich fallen zu lassen Was ist passiert Ich schaute die Tapete mit den rosaroten Vögeln an Und erinnerte mich an die Sachlichkeit mit der ich vorgegangen war Als ich vom Einkaufen kam Zurück auf unser Zimmer im Hotel Da lag sie auf dem Bett In einer ganz verrenkten Stellung In die sie in der Ohnmacht wohl vom Fenstersims zurück aufs Bett gefallen war Ich hatte ihren Puls gesucht Den Notarzt angerufen War bei ihr gesessen Bis die Ambulanz kam Ich gab Antwort auf die Fragen der Rettungssanitäter Und trat dabei zur Seite Damit sie ihre dringend notwendige Arbeit Ein doppelter Versuch Kam mir jetzt unpassend in den Sinn Eine Überdosis und vom vierten Stock auf den Asphalt Ich möchte mir die Zähne putzen sagte sie Vielleicht sind meine Sachen da Ja ich habe sie dir mitgebracht Hier


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Ich nahm Zahnbürste und Zahnpaste aus ihrer Tasche Holte beim Lavabo in der Zimmerecke ein Glas Wasser Und eine Nierenschale Ich drückte Zahnpaste aus der Tube und gab ihr die Zahnbürste Sie begann sich mit zu wenig Kraft und viel zu langsam ihre Zähne Das sah schon komisch aus Und mittendrin musste sie noch gähnen Aus ihrem Mund und auf ihr Nachthemd und die Decke tropfte weißer Schaum Es dauerte Sekunden bis sie es bemerkte Ich hielt die Nierenschale hin und reichte ihr ein Kleenex Und ich musste leise lachen Und mochte es nicht vor ihr verbergen Und sie lächelte auch So gut es ging mit vollem Mund Und da war sie Die Gewissheit Dass sie es war Und niemand sonst Und ich es eine Zeit schon wusste Mich aber gut davor versteckt Willst du mich Dachte ich Und schwieg Ein zweiter roter Magnet


Ich will euch jetzt ein wenig etwas flüstern Ihr Lustigen Langsam Und auf Inländisch «Niagara», «Die Uhr im Bauch», «1 Tag lang alles falsch machen»: drei erzählte Texte und die ganze Weltsicht des Autors Jens Nielsen. Leicht gekürzt.

ISBN 978-3-905825-39-8


Jens Nielsen: Das Ganze aber kürzer