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Leider wollte sich dieser Hirsch nicht mit mir unterhalten. Er stand inmitten meines aktuellen Traums und war das inter­ essanteste GeschÜpf weit und breit. Eine fßr mich sehr unbefriedigende Situation; ich bin alles andere als aufdringlich, doch da war er. Ich beschloss, meinen Traum zu wechseln. Dabei bin ich diesem Vogel begegnet.

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Ich ging mit meinem Großvater Kaffee trinken. «Was arbeitest du momentan?», wollte er wissen. «Wie meinst du das?» «Was ist dein Beruf?» «Ich bin Zeichner – du weißt das!» «Und was zeichnest du?» «Meistens Dinge, die es nicht gibt.» «Dinge die es nicht gibt?!» «Ja!» Er schaute mich streng an. Dann wiederholte er diesen Satz: «Dinge die es nicht gibt!?» «Ja!» Für einen Moment herrschte angespannte Stille. Dann griff sich mein Großvater in den Mund, nahm seine Zunge heraus, öffnete mit der anderen Hand die Zucker­dose, drückte seine Zunge in das süße Weiß, wendete sie zwei-, dreimal und steckte sie zurück in sein Maul. Wieder schaute er mich irgendwie vorwurfsvoll an. Er sprach immer noch kein Wort. Nun führte er seine Hand gemächlich zu der Kaffee­ tasse, griff hinein, schöpfte den Kaffee aus dem Geschirr, legte ihn auf den Tisch und strich ihn mit dem Handrücken glatt. Danach faltete er ihn wie ein Blatt Papier zusammen. Er kramte seine Brieftasche hervor und steckte den Kaffee zu den Scheinen in sein Portemonnaie. Noch einmal suchte er meinen Blick. Schwerfällig er­ hob er sich, grüßte, rückte den Stuhl vom Tisch ab und verließ das Lokal. 13


Den Rest des Tages habe ich diese Huhnde gezeichnet.

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Um acht erwacht mein Wecker und teilt mir diesen Um­stand mit. Ich bin darüber weder erfreut noch erbost. Ich stehe auf, kleide mich an und schlage den schreienden Apparat mit einem Vorschlaghammer stumm. Dann verlasse ich das Schlaf­ zimmer. Sanft wecke ich den Flur auf, lasse das Bad noch ein wenig schlummern, gehe in die Küche, mache Kaffee. Ich setze mich an den Tisch und beginne, die Zeitung zu lesen. Seit zwan­ zig Jahren lese ich immer dieselbe Zeitung. Da ich den Inhalt bereits kenne, habe ich sie rasch gelesen und kann sie beiseite legen; so bleibt mir mehr Zeit, um Kaffee zu trinken. Aber meistens ereilt mich Ungeduld. Ich will unbedingt in mein Schlafzimmer, den Wecker reparieren.

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Ich liege schon den ganzen Vormittag in meinem Bett. Eine Armee von 250 000 Bazillen bewacht mich, hält mich in Schach. Sie wären bereit mich anzugreifen, würde ich ver­ suchen, das Bett zu verlassen. 250 000! Das sind 250 000 Augenpaare und 500 000 Augen. Was soll ich tun? Mich auf einen Kampf einlassen? Ausharren? Versuchen zu verhandeln? «Ich möchte euren Chef sprechen!» «Wir sind ein Kollektiv!» Der Dialog verstummt. Es wird still; so als säße ich in einem Kühlschrank, dessen Tür geschlossen wird. Das Licht geht aus und die Insassen rücken enger zusammen, um sich wenig­ stens ein bisschen zu wärmen. 18


Nur für einen kurzen Moment war es mir vergönnt, diesen zwei Vögeln zuzusehen. Ich war wegen eines wichtigen Termins in Eile. Ein Vorstellungsgespräch bei einer Zeitschrift: «Sie sind also der neue Fotograf?» «Nein, ich bin Zeichner.» «Ach so, Zeichner – aber Sie fotografieren hauptsächlich?» «Nein, ich zeichne!» «Hmm … haben Sie einen Fotoapparat?» «Ich kann Ihnen einen Fotoapparat zeichnen.» «Und damit können Sie dann auch fotografieren?» 20


Ich schaute mein Gegenüber verwirrt an. Dieser starrte erwartungsvoll zurück. Jedes Mal, wenn er blinzelte, ertönte ein Geräusch, als würde man den Auslöser eines Foto­ apparates betätigen. Er blinzelte oft. Später, auf direktem Weg nach Hause, fiel mir dieses Auto auf.


Onkel Ferdinand ist gestorben. Meine Güte, er war weit über achtzig. Gerüchten zufolge ist seine Lieblingspflanze ein­ gegangen und mit ihr verließen ihn seine Lebensgeister. Vielleicht ein paar Worte zu meinem Onkel: Er legte großen Wert auf Etikette. Beispielsweise war sein Haar aus bester Kaschmirwolle und seine Lippen aus echtem Leder. Wenn er einen besuchte, kam er nie ohne sein Mobiliar. Sagte man: «Onkel Ferdinand, bei mir ist es doch auch gemütlich …» Meinte er: «… so viel Aufwand muss sein.» Also wurde neu tapeziert, umgeräumt und eingerichtet, bis er sich schließlich wie bei sich zuhause wähnte. «Schön ist es bei dir.» «Vielen Dank, Onkel Ferdinand, aber ich begreife das jetzt nicht als Kompliment.» «Doch, doch, es gefällt mir außerordentlich gut bei dir – und diese wunderschöne Blume …» «Das ist deine Blume!» «Woher hast du denn diese wunderschöne Blume?» «Möchtest du noch ein wenig Kaffee, Onkel Ferdinand?» «Ich glaube, die Blume möchte noch ein bisschen Wasser!»

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In dem Buch, das ich gerade lese, gibt es zwei Erzählebenen; eine fantastische und eine realistische. In der Traumsequenz begreift sich der Protagonist als Minutenzeiger seines eigenen Weckers. Er steht auf halb sieben. Er hängt also kopfüber und zeigt auf die Ziffer 6. Der Stundenzeiger gleich neben ihm ist ein kleiner, dicker Mann, der ihn keines Blickes würdigt. Der Protagonist weiß, dass er seinen Wecker gestern Abend auf sieben Uhr gestellt hat. Doch nun setzt eine Problematik ein, die das «Sich von der Stelle rühren» verhindert. Selbst mit größter Kraft­ ­anstrengung gelingt es ihm nicht, sich aus dieser Position zu hieven und sich in Richtung der 12 zu drehen. Klingelte der Wecker, könnte er mich aufwecken und aus dieser misslichen Lage befreien, glaubt er zu wissen. Dann könnte auch ich wieder meinem normalen Leben nachgehen. In der Realitätssequenz ist die Hauptperson ein Wecker. Dieser hätte um sieben Uhr schellen sollen, was er aber aus Gründen, die nicht genannt werden, unterlassen hat. Statt­ dessen schaut er von einem kleinen, gegenüber dem Bett an der Wand stehenden Nachttisch aus auf einen im Tiefschlaf liegenden Philosophie-Studenten. Und für einmal sind die Rollen vertauscht; leicht erhöht wacht der Wecker über den Sinn des Lebens.

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Ich habe mir einen neuen Stift gekauft. «Damit kann man die ganze Welt schwarz malen», meinte der Verkäufer. Er hielt einen Plastikbecher mit schwarzer Tinte in seiner Hand und nippte fortwährend daran. So als brauche er einen Schluck davon, um überhaupt Text ausspre­ chen zu können. «Ich mag die Welt aber so grau wie sie ist», entgegnete ich. «Das ist ja grausam», stieß er hervor. Mehr gab es nicht zu sagen. Sein Becher war leer.

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Semi Eschmamp  

Mein erstes Buch schreib ich gleich selbst. Verlag Der gesunde Menschenversand, Februar 2017. Auszug.

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