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Sprechtexte

Ariane von Graffenried Babylon Park edition spoken script


Emmy Du geisch früeh am Morge hei. Im Schlepptou dini Marionette un es Paar müedi Bei. D Uhr bhouptet füfi, es isch fasch häu. Ds Jahrhundert erwachet viu, viu z schnäu, tigg, tagg, tigg, tagg, tigg, tagg. Ds Cabaret isch düre. Im Himmu gurre flügendi Ratte u d Glogge lüte irgendwie ärnscht. Sit paar Stung holeiet di ewigi Jugend nümm. Aagsteuti gö stumm, no haub im Troum, a d Seck. U uf emene chliine Näbeschmärzfläck, unger ere Latärne, tischelet e Junkie-Lady 32


selig ires Bsteck im Dräck u drückt es Gramm i d Bahn. Erschti Märitständ stö meh chrumm aus stramm im Haubdunkle umenang, un e Gendarm luegt emene Stadttier hingernache. E düregfrorni Trottoiramsle geischteret über e Pflaschterstei, Emmy Hennings, du loufsch früeh am Morge hei. Im Exiu isch es totestiu, u dr Mond isch es Riseluxeburgerli: Vanille-Bourbon, Champagner Deluxe oder Caramel/ Fleur de Sel. Anakondisch schliichsch mit dine Theaterbäbi über e Paradeplatz. Wit ewägg leit e Maschinischt e Sprängsatz. Es haglet Parole. D Vögu häbe scho lang dr Latz. 33


Granate pfiife dür ds Morgegraue. D Sunne geit uuf, es wird Nacht. I de Gräbe lige Gstaute ohni Müüler, ires Läbe am ene Fade – eine möögget: «Lade!» –, ohni Gsicht. Oh, Emmy, i dim Hirni tigget scho wider es Gedicht oder es Happening mit höuzige Hampumanne, tigg, tagg, tigg, tagg, tigg, tagg. Glii bisch daheim, nimmsch paar Tröpfli u lachsch stiu i dis Chüssi. Dr Tag stürzt im Fieberfroscht ii u du gheisch in es witers aabetürlechs Nüüt. Oh, Emmy, du 34


circensische Ängu, mit em Zar u dr Zarin a dr Hang u au dine Heilige a dr Wang. Du dirigiersch dis Ensemble. Was dirigiert di? Diseuse, döös no nid grad ii, bitte, tanz no chli u sing. D Manne säge, du sigsch es Ching. Aber du weisch, dass sech im Grab u im Gfängnis niemer me a eim schmiegt. Drum küssisch bis zum Tod u seisch zu dere Spinnele, wo a dr Dili grad 70 Millione Fäde dür dis Zimmer zieht: «Lieb mich von allen Sünden rein. Sieh, ich habe manche Nacht gewacht.» Itz schlafsch de grad benäblet ii, 35


u dr nächscht Morge ohni Znacht geit tigg, tagg, tigg, tagg, tigg, tagg, a dir verbi.

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Bütschelegg Sunnti Namitag, Prachtswätter zieht di bleiche Städter uf ds Land. Seechrank fahren i im Poschtouto dür sanfti Schwarzeburger Hügle. Di seligi Agglo han i hinger mer la lige. Hie obe macht d Einsamkeit sech breit, schriisst iri Flügutüren uuf u seit: «Welcome to the Kontingent.» 71


I chume a mini Gränze i dene Kontingänze uf em Längebärg. Dr Bütschubach wanderet i ds Schwarzwasser. Ds Schwarzwasser mäanderet Richtig Stadt. Im Poschi plätscheret Radio Bern1, e Wätterfrosch wär gärn chli duss u prophezeit es Tief über Europa, im Usland schneit’s. Aber hie obe schiint d Sunne, ömu für die, wo hüt hei 72


gwunne, die, wo nüüt z verlüüre hei. I dr Wirtschaft uf dr Bütschelegg warte die Verwandte. E Tamil mariniert e Söilibrate. Dr Garte vor dr Beiz isch gmähiet. I chume I chume I chume hei. Ds Ständemeer het ds Flachland gfluetet. Hingerem Huus het es Söili blüetet. Renaissance vor Barbarei. 73


Es isch Sunnti u i chume hei.

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Brüssel I sitze im ene Japaner dans la Rue Américaine z Brüssu shared plate concept between expats quand une Espagnole me raconte en anglais que quelques jeunes Espagnols émigrés meurent de froid dans les rues norvégiennes u när seit eine uf Französisch: «Fasch wi di usgsteute Afrikaner z Brüssu a dr Wäutusstellig im 58i.» I hocke im Schoss vo de Eurokrate dans les entrailles des eurocrates u nime Sprachbeder en masse, des bains de langues parce que j’adore ça obwou i se gar nid au versta di Sprache u o nid di Sprachbeder et ni les eurocrates. U während im einten Egge so gredt wird, gheit mir es usstärbends Fischli vom Stäbli et à la deuxième tentative verschwindet’s für immer i mim hedonistische Müüli while on another table corner 93


they talk about austérité, policies and frameworks, et je demande, la bouche pleine de sushi, pleine de langues, was das gnau bedüti et pourquoi on a toujours dit Merkozy et pas Sarkel. To be honest, I don’t give a shit about their answer. I just wanna be part of this round u wott Sprachbeder nä en masse, des bains de langues parce que j’adore ça, obwou i se gar nid au versta di Sprache u o nid di Sprachbeder ni les eurocrates. Ils ont quitté leur pays mais pour l’Allemand qui parle en anglais isch DDR, sini Heimat, e heilsami Erfahrig gsi, z merke, dass d Wahrheit nid wahr muess si, but he deeply believes in Europe, u i wott o draa gloube. J’ai la nostalgie de la foi et du foie gras entre mes lèvres pécheresses, aber Gänsehäus mit Metaustange z plage ghört verbotte im nöie Europa, oh yeah. 94


Though I’m not part of it, nevertheless, je me baigne dans ses langues. I nime Sprachbeder en masse, touchen ab, j’adore les bains de langues, obwou i se gar nid au versta di Sprache u o nid di Sprachbeder ni d’ailleurs les eurocrates. Churz han i mi verlore i dr Struktur vor en Auge, quand une Finlandaise dit en allemand que la face de Facebook à Bruxelles s’appelle Erika Mann. U itz fragen i mi, öb äch Facebook-Lobbyischtinne di bessere Schriftsteuere für Europa si, u merke, dass ig es zimlechs Gstürm im Gring ha u o zimlech eine a dr Chappe, alors je demande à l’assemblée, was de e gueti Eurokratin usmachi. Et un Lituanien me répond en flamand: «To think logically in several languages.» U i dänke, i däm Fau geit das no Jahr till I’m part of this shared plate concept. I tünkle roue Fisch i Sojasosse et je me demande s’il se sent comme moi dans son bain de soja and whether it would be beautiful to die out 95


for the sake of an idea, wo viu grĂśsser isch aus mini chliini Sprachlosigkeit dans cet ocĂŠan de langues.

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Coiffeur d’ailleurs Je passe par la rue de l’avenir sans but et relativement verlore i frömde Lüt u eigete Hirnregione. Je vagabonde sans sujet, sans objet, d’une seconde à l’autre, c’est-à-dire maintenant, ou je ne sais pas quand, je prends la première porte à gauche, je passe un seuil – e zimlech abverheite move –, et je me retrouve dans le cabinet d’un coiffeur albanais. Et dans le miroir sur le mur je me vois: J’ai un bordel sur la tête, le français fédéral im Muu et un frisson métaphysique 136


dans le cou. L’image bouge, les lèvres rouges simulent une rime finale. I souffliere mir: «C’est qui, là, vis-à-vis?» Et puis je le vois derrière moi dans le miroir. Il porte une moustache noire un e Fahne Dior Eau Sauvage. I mim Gring träit aus im Kreis. À la télé louft Kosova RTK 1. Je dis: «Mirëdita, bonjour. 137


Qu’est-ce que c’est, le plat du jour?» Le Figaro sourit, poli, präsentiert sis menu, es tönt chli win e garantie d’une bonne vie: «Coupe simple à vingt, avec du shampooing: trente, coupe de la barbe à la dompteuse quinze et demi.» «Vas-y, vas-y», ghören i mi un petit peu verwäge säge, «e bëj me ngut, allez hopp und hü.» «Je fais les Espagnols», il me dit patiemment, «Italiens et Somaliens, homogames, et polygames, moutons vaudois, et chats siames. 138


Je coupe même les boucles des Serbes mais pas celles des femmes – Gedankepouse – sauf celles de la mienne.» I mim Gring träit aus im Kreis. À la télé louft Kosova RTK 1. Dans le miroir nos yeux se croisent. Le coiffeur garde mon regard. Dans le miroir tout à coup mis image porte sa moustache u är mi Bob us Flouse, e Mob us Frage u i ha ds Gfüeu, är heigi ds Gfüeu, itz chönn er’s doch eventuell waage. I mim Gring träit aus im Kreis. À la télé louft Kosova RTK 1. 139


«Assieds-toi», il dit. I u mi malaise versinken i sim chaise. J’entends les ciseaux zwitschere, et je demande: «Pourquoi la vie me fait-elle si mal? Pourquoi l’homme est-il un animal? Pourquoi le monde est-il en ruines? Pourquoi je n’écris pas comme Anaïs Nin? Pourquoi j’embrasse le capital? Pourquoi, pourquoi je suis née ici? Pourquoi, dis-moi, dois-je vieillir et mourir seule, pourquoi, dis-moi?» Il se regarde dans le miroir. I luege mi aa, u är het – sans rien dire – ke Frag ohni Antwort gla. 140


Dialäktpfleeg Dr Dialäkt ligt im Spitaubett u muderet vor sech häre. Letscht Nacht het er sech notfaumässig la iiwiise, wöu er wider mau ds Gfüeu het gha, är müessi stärbe. Wo me ne nach iigehender Ungersuechig nid uf d Intensivstation bracht het, sondern in es Sächser-Zimmer uf d Überwachig, het er ds Spitaupersonau i sire lideschaftlechen Art u Wiis aapfuret u isch geng lüter worde, so dass me ihm öppis zimlech Starchs zur Beruehigung het müesse gä. Uf das abe het er ändlech d Schnure ghaute. Am Morge luegt d Sunne dür d Spitaufänschterstore. Itz isch fertig mit Tranquiliser. Für e Dialäkt gits nume no Lindeblüetetee. Aus iigfleischte Hypochonder, wo effektiv ds Gfüeu het, sis letschte Stündli heigi gschlage, isch das en Affront ohnigliiche. Derzue chunt, dass i däm SächserZimmer niemer sini Sprach redt u o niemer ihm Beachtig schänkt. Drum lütet dr Dialäkt Sturm, u churz drufabe steit e grossgwachseni dütschi Pflegere im Zimmer, chli rabiat, zimlech bestimmt u kompetänt bis a Bach abe. U si chunt a si Bettrand u luegt uf ne abe, während är scho wider aafat sürmle, är ligi im Stärbe, är sig bereits am Erstarre, ja schlimmer no, am Verstumme. Di dütschi Pflegere lächlet, striichlet em Simulant über e Chopf, flösst ihm Lindeblüetetee ii, u das schiint z würke. Dr Dialäkt isch zwar 152


geng no muff, aber är tuet zmingscht nümm umemöögge, sondern fat sech aafa erkläre. Es sig ke Iibiudig, sondern e Tatsach, dass är sech am Verändere sig, irgendwie am Verflache, wi gseit, es göng abwärts mit ihm, un es wäri doch schaad, wenn’s ne plötzlech nümm gäbti, das wäri doch e Verarmig, ähnlech wi bim Mammut, da heig me o nid ufpasst u plötzlech sig’s usgstorbe gsi. U de sig’s de äbe z spät. De müess de di breiti Masse das nid plötzlech beklage u ihm nachetruure. U drum söu uf sim Grabstei es vergässnigs Dia­ läktwort sta, so dass de o ja nume die sis Grab finge, wo ne no kennt heigi. U so eini wi si zum Bischpiu, seit er zur Pflegere, söu sech de dert uf gar ke Fau la gseh u öppe no Blueme härelege, si sigi e Frömdi u heigi ja nüüt für ne übrig, verstöng ne ja nid emau. Är hingäge sig iren i dere Situation hie totau usgliferet u, ums usnahmswiis mau i irer Sprach z säge, überhoupt nümm «Herr der Lage». U im Rede loufen am Dialäkt d Tränen abe, un es schüttlet ne regurächt vor luter Kulturpessimismus. U da passiert öppis Unerwartets. Di dütschi Pflegere setzt sech uf e Bettrand u wird ganz sanft. Si nimmt dr Dialäkt i d Arme u fat ne aafa tröschte. Si sigi doch ke Frömdi, si beidi kenni sech doch scho lang, är sig ja nid ds erschte Mau hie. U wi dr Dialäkt i irne Arme ligt, da kennt er se wider. U wi geng, wen er mit iren i Berüehrig chunt, fat er aafa stagele, wird gstabig u verlüürt aus Säubschtvertroue. Si 153


chüschelet ihm i ds Ohr, är töni doch guet u heig e gueti Couleur, är sig einewäg son e Härzige. U itz beugt si sech zu ihm abe und küsst ne lang uf ds Muu. Zmitts i di Kussszene tschaupet d Mueter ine. Borniert, bsitzergriifend u vo Verluschtängscht tribe, drängt si sech sofort derzwüsche u seit dr dütsche Pflegere aui Herrgottschand. Was ire eigentlech iifaui, derewäg uf ire Dialäkt los z ga, das sig, wi gseit, ire u si sig di Einzigi, wo wüssi, wi me ne müess pflege. U Kontakt mit so frömde Fötzle, wo ihm irgendwelchi Infusione verabreiche, sig ds Gfährlechschte überhoupt. D Mueter het geng e rötere Gring übercho u gfuuchet, si näm dr Dialäkt uf dr Steu mit hei i ires Heimetli. Dert tüeg si ne iipschliesse, so dass är ändlech mau zur Rueh chämi. Bsueche dörf ne dert niemer, si wöuge für sich si u jeden Aabe d «Musigwäue» lose. Uf das abe het si em Dialäkt mit Gwaut ds Spitaunachthemmli abzoge u ne in es mitbrachts Calida-Pischi zwunge. «So, itz machsch e breveri Gattig!», het d Muetter brüelet u probiert, dr Dialäkt us em Bett use z schriisse. I däm Momänt het di dütschi Pflegere, zackig wi si ja eigentlech isch, aafa reagiere, sech i irer ganze Grössi schützend vor e Dialäkt gsteut u mit auer Bestimmtheit gseit, dä Dialäkt blibi hie bi ire, däm göngs nid guet, är heig es massivs psychisches Problem, aber das sig ja kes Wunder mit sor e Mueter, da wärd me ja chrank. 154


Am Dialäkt isch di Situation langsam z viu worde. Är het gwüsst, är muess wägg vo dene beidne Froue, so schnäu wi müglech. Während di einti a sim Bei het zoge u di angeri a sim Arm, het er versuecht, ruehig z blibe u erklärt, es göng ihm scho viu besser, me söu sech doch bitte keni Sorge um ne mache, är chöm scho z Schlag. Es sig ja lieb, wöui ne aui pflege, aber wenn er sech’s rächt überlegi, sig’s eigentlech nid nötig. Aber di beide Froue hei nid glost u ne fasch verrisse. Da isch em Dialäkt gottseidank en aagschlagene, fluchterfahrene Albaner us em Zimmer z Hiuf cho. Grad, wo dä dr Dialäkt us de Fäng vo de beide Froue befreit het, isch e chridebleichen Oberarzt i ds Zimmer cho. Dä het erklärt, es söu au sofort ires Züg zämepacke u ds Spitau verla, es machi hüt no, ufgrund vom regionale Spitaustärbe, für immer u ewig zue.

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Ariane von Graffenried - Babylon Park