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08.04.2004 BIBLIOTHEK Christina Morhardt

Wir kamen später darauf, dass es eigentlich nur gute Künstler schaffen, auf dem Markt eine Rolle zu spielen, indem sie nicht sie selbst sind, und das schaffen sie, weil sie irgendwie aufgeräumt sind. Glück müssen sie haben, sie müssen es aber auch aushalten, und das können sie nur, indem sie die Rolle spielen und nicht wie die anderen die Rolle sind. Bei denen, die die Rolle sind, ist es zuhause voll von Müll, der nie weggeräumt wird, voll von Selbstmüll und Netzwerk. Selbstvermüllte können ihre Kunst auch nicht benennen, dafür bezahlen sie Schreiber, die darüber schreiben. Das Problem liegt darin, dass man durch den ganzen Müll gar nicht mehr kapiert, worum es ihnen eigentlich geht. Die Leute, die darüber schreiben, müssen klare Worte und Zusammenhänge aus stinkendem Gewurste heraus erfinden. Und die Leute, die die Kunst bauen, die Handwerker, sind DIE NOCH BENÖTIGTEN. Wobei! Das ist etwas anderes. Mir geht es hier nicht um materielle Umsetzung, mir geht es um geistigen Schwachsinn. Handwerk ist kein geistiger Schwachsinn. Es führt eine Form aus, die muss gegeben sein, und dann entsteht sie durch Handwerk. Mir geht es um die Versklavung von Wort und Sinnlichkeit, die den Schreibern abverlangt wird, die aus Scheiße oder lauwarmem Wasser Kunst herausformulieren sollen. Scheiße, Geld, Glaube, Identität, ich habe Aussetzer, die mir davon abraten, so zu reden, dann sperre ich den Geist ein, in die Dunkelheit, und dann schreibt man wieder, man denkt, man schreibt, weil man was kapiert, man hasst, das fängt so an, und man sitzt in seiner Hütte, von dort geht alles los. Diese Hütte ist aber nicht das Augenzwinkern, mit dem man doch gerne dabei sein möchte, sie ist das ewig Einsturzgefährdete, was den Regen und die Hitze aushält. In Texas in der Wüste ist die Hitze sehr trocken, und es gibt viele von der Natur verursachte „dust devils“. Deshalb sind dort viele

Häuser komplett aus Blech. Die Fenster sind vernagelt, damit der Sand nicht eindringen kann. Der Unterschied zu hier liegt in der Natur des Wartens. In Texas ist man ein Idiot, wenn man nicht warten kann, wenn man keine Geduld hat, stirbt man, wie eine Schlange. Ich erliege in einer Blechbox neben dem Baseballschläger, ich atme, ohne zu wissen, wohin das führt, ich rechne nicht, weil das gar nicht geht, denn vor Behauptungen, einem Text, erliege ich ständig, nachdem ich wieder aufstehe und tief Luft hole, das ist nicht Lyrik oder Wortklang, das ist, wie wenn man pinkeln muss und dann pinkelt. Ich finde auch keine schönen Worte, ich suche sie und bin ständig auf der Suche nach ihnen, aber beim Schreiben sind sie gar nicht vorhanden, denn es gibt keine Schönwortschreibe. Es gibt nur Probleme, Riesenprobleme, die sind so, wie wenn eine Schlange in Texas nicht warten kann. Ein Maler meinte mal zu mir, ein böser Text wäre dasselbe wie ein böses Bild malen. Ich finde aber gar nichts Böses daran, ich bin zu blöd dazu. Erliegen und im Erliegen atmen, vor allem Ungewissen, das muss man, ansonsten fände ich schöne Worte und würde nicht daherreden, ich könnte gar nicht schreiben, nichts, ich schreibe auch Gedichte, das tue ich aber anders, dabei kneife ich die Augen zusammen und will etwas wiedererkennen, aber und außerdem, primär, in der Hauptsache, vor allem, zuvörderst: Wie soll etwas, ohne es auszusprechen, rüberkommen? Das erst ist der „harass!“ Es MUSS IMMER Stimme haben. Durch Absätze im Geschriebenen habe ich das noch nie gelöst. Ein Tiger lockert nach der Jagd seine Muskeln und legt sich hin. Dann passiert lange gar nichts. Er spürt die Verdauung, die Temperatur und Spannung, die aus seinem Körper tritt. Er ist gar nicht beschäftigt. Ich will auch nicht beschäftigt sein. 78 | 79