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Schreib uns deine Playlist und gewinne deine Wunschmusik! FeinSinn flucht Rom – leben und lieben Sparsames Clubbing Mit Musik gegen Migräne Heft 18 ǀ Ausgabe 10/08 ǀ www.meins-magazin.de


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meins

Inhalt

Liebe Leser, in diesem Monat flucht Meins ein bisschen. Warum? Weil jeder hin und wieder mal fluchen sollte. Schließlich löst das die Aggressionen, die man so mit sich herum trägt, ein wenig. Also; jeder der das neue Heft liest, bekommt eine wunderbare Aufgabe: Vor dem Klicken auf die erste Seite, einmal bitte saftig Fluchen! Danke! Und damit man nicht mehr so viel Fluchen muss, zeigt ErkenntnisReich, wie Musik gegen Kopfschmerzen hilft (S. 27). FernSicht stellt einmal mehr weit entfernte Orte vor, die vielleicht sogar zum Fluchen einladen! So könnt Ihr ein bisschen durch Rom spazieren (S. 20) oder die Erfahrungen zweier Australien-Reisender genießen (S. 22). FeinSinn (ab S. 30) bietet ein wenig gegen und ein wenig für das Fluchen - auf jeden Fall lesen!!! Und EchtZeit, noch in den Kinderschuhen, zeigt Euch schließlich in welchen Clubs ihr nach dem Fluchen am meisten Geld sparen könnt (S. 16). Außerdem ist Meins für Euch

EchtZeit

Die meins-WG lässt die WM Revue passieren Eine Stunde Zülpicher Platz Die Beichte NRW-Ticket: Sommerfrische im Schmelztiegel Seen in Köln Sparsames Clubbing

FernSicht

20 22

Rom – leben und lieben Die Seele sitzt noch im Flugzeug

Also: schon genug geflucht? Nicht? Dann nichts wie ran ans Heft!

ErkenntnisReich

26 26 27

Medikamente gefunden Forschungsschwerpunkt "Neurotechnologie" Mit Musik gegen Migräne

Euer Simeon Buß

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Entropie Gegens Fluchen Das große meins-Mitmach-Gewinnspiel!

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Impressum

FeinSinn

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ins Theater gegangen.

06 08 10 12 14 16

Inhaltliches

Zum Schluss noch der Hinweis auf das Gewinnspiel: Flucht mit uns und entwerft eine Playlist zum Thema Fluchen! Die schönste und kreativste Playlist gewinnt einen 15 € iTunes Gutschein (S. 36).

stellv. Chefredakteur

{ Editorial

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EchtZeit


Ein Monat kann ja so furchtbar schnell vorbei sein. Besonders, wenn in diesem Monat die Fußballweltmeisterschaft stattfindet. Das denkt auch die Meins-WG und lässt das Turnier noch einmal Revue passieren: Irgendwie eine komische WM. Teilweise. Und das nicht nur, weil Deutschland mal wieder kurz vor dem Ziel raus geflogen ist - nein, es ist der Gesamteindruck. Die Favoriten waren größtenteils keine Favoriten (nicht, dass das bei manchen Mannschaften schlimm gewesen wäre) und auch die meisten afrikanischen Teams konnten nicht lange den Gastgeber spielen und haben sich viel zu früh verabschiedet. Aber jetzt ist eh alles entschieden und da die WG-eigene Zeitmaschine bisher nur auf dem Papier und als diverse Blechmodelle existiert, bleibt unseren Mitbewohnern nichts anderes übrig, als stundenlang zusammen zu hocken und zu diskutieren.

Besonders ein Thema hat höchstes Priorität: Was passiert jetzt eigentlich mit den drei Tonnen Fanartikeln, die bis 2012 ihre Schuldigkeit getan haben? Hm, gute Frage. Besonders problematisch ist dabei das Teufelsding des Jahres 2010: Die Vuvuzela. Klingt ein bisschen wie Venezuela, bietet aber viel mehr explosiven Gesprächsstoff. Und hat auch eine ganz andere Geschichte. Dass sie deshalb auch Symbolwert hat, das wird auch einer unserer WG-Jungs nicht müde all jenen zu erzählen, die die gesamte WM über ihrerseits nicht müde werden, gegen das südafrikanische Alpenhorn zu wettern. Gerade als man dachte, dass man sich seit den 50ern an diese seltsame Negermusik gewöhnt hätte, kommt der schwarze Mann mit einer neuen bösartigen Musikkreation um die Ecke. Das Hin und Her löst jedoch nicht das Hauptproblem. Wohin mit dem ganzen Krempel? Denn trotz unaufhörlicher Kritik

besitzt plötzlich die Hälfte der Meins-WG und ihres Freundeskreises eine südafrikanische Plastiktröte in schwarz-rot-goldenen Farben und hat auch keine Hemmungen sie zu benutzen. Außerhalb eines Fußballturniers wirkt die Vuvuzela, wie alle Fanartikel, dann aber doch recht seltsam. Nicht ganz geeignet für die Philharmonie oder als Prothese für rüssellose Elefanten, kann man sie höchstens für Kindergeburtstage gebrauchen. Jetzt wäre so ein Kindergeburtstag mit Kuchen, Pommes, Würstchen, Topfschlagen und Vuvuzelas natürlich mal wieder eine prima Sache. Die Meinsler erwägen kurz die Möglichkeiten einer solchen Party, bevor sie auf eine noch viel bessere Idee kommen. Warum sollte man die WM enden lassen? Gut, in Südafrika wird nicht mehr gespielt, aber das gilt noch lange nicht für den Bolzplatz um die Ecke. Und überhaupt hatten genug Länder gar keine Chance, ihr Können auf dem Rasen der die Welt bedeutet unter Beweis zu stellen. Das zumindest behaupten einige WG-Freunde aus Russland, der Türkei, Indien und Luxemburg. Ein gutes Argument und so wird schnell eine Liste gemacht, ob alle WM-wichtigen Voraussetzungen erfüllt sind. Stadien: vorhanden (der Ascheplatz der Grundschule, der Hinterhof der Meins-WG und die Pollerwiesen).

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Diverse Nationen: vorhanden, auch wenn sich die Teams am Ende recht international gestalten. Das englische Team hat lange keinen Torwart, bis sich im Keller zum Glück noch ein Besenstiel und eine Kiste Kartoffeln finden. Sponsoren: auch vorhanden (dank der starken Unterstützung durch den Kiosk um die Ecke und Ulli‘s (sic) Getränkeparadies). Fazit: Nichts steht einer weiteren erfolgreichen WM-Runde im Weg und so wird das Turnier bereits in der folgenden Woche bei Würstchen und Bier auf den Pollerwiesen eröffnet. Für unsere Meinsler, die für Deutschland an den Start gehen, beginnt der Wettbewerb durchaus erfolgreich mit zwei Treffern gegen einen russisch-griechisch-deutschen Gegner. Auch die weiteren Spiele verlaufen mehr oder weniger glänzend und fair. Und so bekommt die Meins-WG-WM bald schon ihre ersten Fans. Es hat sich herum gesprochen, dass es da eine Alternative zu Snooker und Tischtennis gibt, und so versammeln sich an den Spielorten immer mehr Freunde, Freundesfreunde und schließlich auch Passanten. Den Kommentator macht, wer noch einigermaßen stehen und sprechen kann. Zwar scheiden unsere Meinsler relativ früh aus, denn zu viel Alkohol, Essen und Fernsehen haben dann anscheinend doch nicht als Training für das Finale ausgereicht. Aber

es ist eindeutig die zweite Krönung dieses Sommers. Nicht einmal große Pausen gibt es zwischen den Spielen. Und auch nach Sonnenuntergang geht es weiter, denn es wird einfach gejubelt, getrunken und gegessen bis zum nächsten Morgen. Dann geht es mitsamt Bierkisten, Decken, Würstchen und Grills weiter zum nächsten Spielort. So lässt sich eine ganze WM an einem einzigen Wochenende spielen. Und am Ende gibt es mit dem polnisch-türkischluxemburgischen Team sogar einen Überraschungsgewinner. Eigentlich ein perfekter Abschluss an einem Sonntagabend für das Wochenende. Wenn dann nicht doch noch ein wichtiges Detail auf der WM-Checkliste gefehlt hätte. Ein Pokal wäre nämlich gut. Verdammt. Gold einschmelzen? Das ist nicht mal ansatzweise vorhanden. Und auch ein Vereinspokal, den man zweckentfremden könnte, ist gerade nicht in der Nähe. Zum Glück ist schnell eine Honigmelone xin eine Vuvuzela gesteckt und mit jeder

Menge Küchentuch umwickelt, das einfach gelb angemalt wird. Endlich kann der große Sieg gebührend gefeiert werden, obwohl er an diesem lauen Sommerabend fast schon Nebensache ist. Vielleicht ging es noch ein bisschen ruppiger und unordentlicher zu als bei der richtigen WM, aber eines ist für die Meins-WG schon klar: Ab jetzt ist jedes Jahr ein großes Turnier angesagt, vielleicht auch mehrere Male in einem Sommer. Oder im Winter. Das Wann und Wo ist ja eigentlich auch egal, solange die Stimmung passt. Und wenn 2012 und 2014 alle Stricke reißen, dann würde sich unsere WG auch bereit erklären die Nationalelf zu stellen. Irgendwie beruhigend zu wissen, dass es da draußen noch so viele junge Talente gibt, die auch was am Grill und an der Flasche können.

Felix Schledde

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ine stunde | zülpicher plat

Bisher ist noch nichts spannendes passiert und bis auf die Leute, die auf die Bahn oder die Ampel warten, hängen nur die üblichen Verdächtigen, die seit heute Morgen biertrinkend am Kirchzaun lehnen, herum. Die Reste der WM; ein paar Fahnen, Glasscherben und betrunkene Menschen findet man noch. Ansonsten ist der Zülpi wieder zur Normalität zurück gekehrt.

Die Sonne brütet über dem Zülpicher Platz. Nachdem ich eine ganze Weile damit verschwendet habe nach einem Kiosk zu suchen, das Club Mate verkauft, setze ich mich einfach auf den Boden, in den Schatten unter einen Baum, direkt neben ein Polizeiauto.

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Ein bisschen seltsam werde ich schon gemustert. Vermutlich erahnen die Leute, was ich tue, hier im Schatten mit meinem Laptop und den Augen unermüdlich auf die Straße gerichtet, immer in der Hoffnung, etwas Kurioses möge passieren. Eine Frau mit roter Hose und Brille, die Hand lässig in die Hosentasche gesteckt, mustert mich intensiv, fast abwertend. Vermutlich zählt sie mich zu der neuen Kirchzaunlehner Generation. Für die Kirchzaunlehner selbst, bin ich auch schon zur Attraktion geworden.

Immer wieder werfen sie Blicke herüber, die mir ein wenig Angst einjagen. Hin und wieder kommt einer von ihnen näher und beobachtet ganz genau was ich mache. Es ist eine interessante Erfahrung, hier zu sitzen, eigentlich beobachten zu wollen und letztlich beobachtet zu werden. Die Menschen sind es nicht gewohnt, dass jemand mit dem Laptop auf dem Boden sitzt und einfach nur in die Gegend schaut. Die Mischung aus Laptop = Arbeit und Mittags herumsitzen = nichts zu tun, scheint zu irritieren. Als ich meinen Blick hebe, sehe ich einen männlichen Nackten, möglichst ohne gesehen zu werden, das Fenster zu seiner Wohnung öffnen. Das Spannendste, das bisher passiert ist. Ist der Zülpi so langweilig geworden?

Die herumstreunenden Tauben haben mich mittlerweile als einen von ihnen akzeptiert. Sie stören sich nicht an meiner Anwesenheit, sondern picken lustig um mich herum Dreck vom Boden auf. Und dann fängt es an. Ich schaffe es gerade noch so, meinen Laptop zu zuschmeißen und in meine Tasche zu werfen. Eine Windböe fegt mich fast von den Beinen. Die Zaungäste schreien erschrocken auf, die Leute springen unter Dächer. Der Himmel öffnet sich von einer Sekunde auf die andere, riesige Tropfen, Hagelkörner fallen auf den Boden. Es tut fast weh. Fast. Endlich ist etwas los auf dem Zülpi. Die Menschen laufen umher, flüchten ohne genau zu wissen wieso. Bloß nicht nass werden ist der allgemeine Wunsch. Doch warum?

Alle die Regen abbekommen, lachen. Viele rennen kichernd durch die Gegend. Einige ziehen sich zwar die Jacken über die Köpfe; doch irgendwie finden es alle gut. Endlich passiert etwas. Endlich steht die Welt auf dem Kopf. Endlich nimmt nicht alles seinen gewohnten Gang. Freiheit. Freiheit vom Himmel, die alle Termine, jede Etikette, jede Scheu vergessen lässt. Ich steige in eine Bahn ein, die relativ leer ist und es passiert etwas, das ich in Deutschland noch nie erlebt habe. Die Menschen in der Bahn reden miteinander. Plötzlich ist etwas da, was alle verbindet. Niemand hat schlechte Laune; im Gegenteil: alle erzählen Witze, machen sich über die Deutsche Bahn lustig, die vermutlich wieder nicht fahren wird und über Saunahandtücher in ICEs.

Alle tropfen als wären sie vor kurzem komplett bekleidet in ein Schwimmbecken gesprungen. Die Ironie des Tages ist wohl, dass die Klimaanlage in der U-Bahn endlich funktioniert und zum ersten Mal seit Wochen friere ich. Dennoch. Das Gewitter hat Köln für einen kurzen Moment aus den normalen Abläufen gerissen. Endlich gab es ein Zusammengehörigkeitsgefühl außerhalb des Fußballs, jedenfalls innerhalb einer kleinen Gruppe Flüchtiger. Meine Stunde auf dem Züpi wurde zwar keine Stunde - dafür hat das Gewitter mich für einen kurzen Moment befreit. Und auch wenn der Hagel ein bisschen weh tat, im Endeffekt waren die Hagelkörner, zumindest für mich, weiße Tauben, die den Dreck vom Boden picken. Simeon Buß

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Die Beichte

Nähe und Distanz – Das Theaterstück „Die Beichte“ im Severins Burg Theater

Alles beginnt mit einem Cello. Nein, eigentlich mit dem Cellisten, der über die Bühne zu seinem Instrument schreitet. Dann ist das Licht aus. Nach kurzer Stille ziehen Töne schwerfällig und doch erhaben durch den Raum. Es folgt der erste Auftritt: ein grauhaariger Mann in einer Priesterrobe. Das Kostüm ist überflüssig. Der Gesichtsausdruck trägt die Geistlichkeit am deutlichsten nach außen. Ein ruhiges, nach innen gerichtetes Lächeln. Ungeheuerlich, irgendwie. Man traut ihm nicht, obwohl es keinen Anlass dazu vermittelt. Und trotzdem traut man ihm nie, so einem Lächeln. Der Pater schreitet über die Bühne und entzündet in dieser typischen Selbstgenügsamkeit einige Kerzen, die dort verteilt stehen, und die nun auch die restliche Ausstaffierung beleuchten. Man befindet sich augenscheinlich in einer Kirche. Das Bühnenbild ist gelungen und nutzt die Gegebenheiten des Severiner Burgtheaters in der Kölner Südstadt perfekt aus. Den hinteren Teil der Bühne bilden drei gemauerte Bögen, von denen der mittlere zu einem Beichtstuhl ausgebaut wurde. Davor stehen Kirchenbänke, die im weiteren Verlauf des Stückes unter dem Gewicht eines Schauspielers stimmungsvoll knarren werden. Für die akustische Atmosphäre sorgt der Cellist. Erst die langsame Melodie versetzt den Zuschauer von Anfang an in die Weite eines Kirchenschiffes. Bedenkt man die winzigen Ausmaße des Spielraumes, ist das nicht nur eine enorme Leistung, sondern führt auch zu einer interessanten Wirkung auf den Zuschauer. Einerseits der riesige Raum, den der Zuschauer über den Köpfen der Figuren erahnt, und der ihm die Möglichkeit zur Distanz eröffnet. Und andererseits diese direkte Nähe des Theaterkellers, welche

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die intensiven Stellen des Stückes bis zur Unbarmherzigkeit steigert. Die Inszenierung weiß diese interessante Mischung für sich nutzen. Das entrückte Lächeln des Priesters passt nur in diese Distanz und Unnahbarkeit seiner Kirche. Dass es aber nur wenige Meter vor einem aufblitzt, zerstört dann nicht die Wirkung, sondern steigert sie. Man ist nah dran an einer Person, die ansonsten mehr Institution als Mensch ist. Nah dran, während sie sich unbeachtet fühlt und die allmorgendlichen Vorbereitungen durchführt. Als der Mann alle Kerzen entzündet und den Beichtstuhl eröffnet hat, verschwindet er durch den Bühneneingang. Begleitet wird er vom Cello, das wenig später verstummt. Das Vorspiel ist beendet. Es hat seinen Zweck erfüllt. Die Kirche ist in den Köpfen der Zuschauer errichtet. Die Distanz, die der große Raum vermittelt, ist fühlbar. Plötzlich, schweres, nein, heftiges Atmen. Doch es ist nichts zu sehen. Nur das Geräusch. Es begleitet den zweiten Auftritt. Ein anderer Mann kommt durch den Zuschauereingang auf die Bühne gerannt. Auf den Schultern trägt er einen bewusstlosen Jungen. Jetzt ist der Zuschauer wieder ganz nah dran. Er versteckt ihn in einer Nische. Irrt hektisch umher. Findet mehr zufällig die Glocke, die um eine Beichte bittet. Er läutet sie, erschrickt selbst vor ihrem Klang. Der Pater kommt; „Die Beichte“ beginnt. Das Stück von Felix Mitterer wurde aus aktuellstem Anlass ins Programm des Severiner Burgtheaters genommen. Schnell stellt sich heraus, dass das bewusstlose Kind der Sohn des Mannes ist. Er hat ihn entführt. Er will ihn und sich umbringen. Aus Verzweiflung darüber, was er ihm angetan hat: Vergewaltigung. Misshandlung. Der tagespolitische Bezug ergibt sich aus dem verstrickenden Kniff des Stückes. Der Täter ist selbst Opfer. Wurde selbst vergewaltigt und misshandelt. Von dem Priester, den er jetzt für die Beichte wieder aufgesucht hat. In Rückblenden wird auch diese Geschichte der Vergangenheit erzählt und die jüngsten Meldungen über Missbrauch durch Geistliche in der katholischen Kirche werden in den Theaterscheinwerfer gerückt. Den vom rechten Weg abgekommenen Pater spielt Friedhelm Weiss auch nach der unschlagbaren ersten Szene fulminant zu Ende. Dieses perfekt getroffene Lächeln baut die Fassade der Unnahbarkeit auf, die Weiss in den weiteren Szenen langsam

bröckeln lässt. Als der Pater von seinem einstigen Opfer niedergestreckt und zu Boden gedrückt wird, zeigen die Zuschauer kein Entsetzen, das eine solche Untat gegen einen Geistlichen sonst begleiten würde. Erst auf den zweiten Blick wirkt das Bild eines Priesters, der körperlich angegriffen wirkt, befremdlich auf den Zuschauer. Der Pater ist zu einem Menschen geworden. Noch dazu zu einem Menschen, der über Jahre viel Schlimmeres angetan hat als die Gewalt, die jetzt plötzlich auf ihn zurückfällt. Letztendlich bleiben nur ein paar Knitterspuren in der Priesterrobe. Der Nachwuchsschauspieler Volkan Sazli überrascht und überzeugt gleichzeitig. Das junge Talent spielt das zwölfjährige Opfer in den Rückblenden des Stückes intensiv und konsequent. Der Schwierigkeit der Rolle begegnet Sazli damit gekonnt. Dauernd ist er in extremsten Emotionen zu sehen. Der verzweifelte Waisenjunge. Der inbrünstig Gläubige. Das verstörte Vergewaltigungsopfer. Und ständig wird seine Figur zwischen den extremsten Konstellationen hin und her gerissen. Lustspielzeug des Paters. Aber auch sein Vertrauter, sein Liebling und Schützling. Er entwickelt ein Bedürfnis nach dieser zwiespältigen Nähe. Und sieht gleichzeitig den Widerspruch zu allen, wofür sein Peiniger steht. Bedürfnis und Sünde. Selbst diese für den Zuschauer wohl verstörendste Facette bringt Sazli rüber. Die schwierigste Aufgabe wird von Jürgen Albrecht gelöst, der das erwachsene Opfer spielt und seinem Peiniger im Beichtstuhl gegenüber sitzt. In dieser Figur treffen sich alle Strahlen des Stückes wie in einem Prisma. Selbst zeitlich vereinigt die Figur Vergangenheit und Gegenwart. Sie war einmal das kindliche Opfer. Ist jetzt das erwachsene Opfer. Und gleichzeitig der neue Täter. Als zentrales Element trägt diese Figur alle Eigenschaften des Stückes in sich. Und so spiegelt sich in der Figur auch seine größte Schwäche. Es ist zu viel. Es will zu viel und ist am Ende irgendwie überladen. Dies äußert sich vor allem in den Rückblenden in die Vergangenheit. Gegen Ende des Stückes häufen sich diese Ausflüge in die Vergangenheit und werden teils schlicht nacherzählt und weder von der kindlichen noch von der erwachsenen Figur gespielt. Die Anfangs mit- oder besser: zurückreißenden Einschnitte in die Handlung verdichten sich langsam zu einer eigenen Geschichte. Sie überdichten sich zu einer ganzen Lebensgeschichte. Nicht einmal, dass die einzelnen Episoden zu grob,

klischeehaft und pathetisch gezeichnet sind – und sie kratzen ohne jeden Zweifel an dieser Grenze - Sie sind vor allem in eine andere Richtung, gewissermaßen mit einem ganz anderen Pinselstrich aufgetragen. Sie passen nicht in das bis hierhin komponierte Gesamtbild. Der Pater fällt von einer in sich ruhenden Institution zu einem mit Sünde befleckten Häuflein Mensch zusammen. Der Zuschauer wird aus der im Vorspiel aufgebauten Ferne an die Figur des Täters herangeführt. Der Übergang von Distanz zu Nähe. Beim Opfer verhält es sich nun umgekehrt. Zu Beginn des Stückes ist es uns nahe. Einmal der Waisenjunge, der in der Verzweiflung über den Unfalltod seiner Eltern in die Abhängigkeit des Paters gerät. Und der Vater, der seinen eigenen Sohn vergewaltigt hat und aus Scham und Hilflosigkeit darüber keinen anderen Ausweg sieht, als ihn und sich zu töten. Diese Unmöglichste aller Taten aber nicht übers Herz bringt und noch einmal seinem Peiniger gegenübertritt, dem er die Schuld an dieser, seiner Entwicklung gibt.

Es ist ein und dieselbe Person. Ein einziges leidvolles Schicksal an verschiedenen Stellen eines Lebens. Und so extrem dieses Schicksal auch sein mag, die Reaktionen des Opfers sind glaubwürdig, sind zu tiefst menschlich. Vielleicht gerade weil der Zuschauer so unmittelbar damit konfrontiert wird. So plötzlich so nah ist. Alles in Allem holt die Umsetzung das Möglichste aus dem Stück heraus. Die Besetzung ist super. Sazli: eine Offenbarung, um die religiöse Symbolik des Stückes zu bemühen. Und selbst Albrecht vermittelt als erwachsenes Vergewaltigungsopfer über weite Strecken der Handlung einen glaubwürdigen Charakter. Gegen Ende verliert sich das Stück dann aber unaufhaltsam in sich selbst und der Vergangenheit. Berichtet zu viel aus dem Leben des Opfers, so dass der Konflikt der Gegenwart fast in Vergessenheit gerät. Erst als der Sohn aus seiner Ohnemacht erwacht, kommt einem der eigentliche Spannungsbogen wieder zu Bewusstsein. Dass die Lösung dann nicht mehr mitreißen kann, ist wohl keine Überraschung. Das interessant angelegte Spiel mit

Nähe und Distanz hat sich leider zu weit in die Ferne gewagt. Die wirklich relevanten Szenen, welche die Zuschauer aus dem Thaterkeller in der Südstadt mitnehmen, nachdem die Kirche in ihren Köpfen demontiert wurde, stehen zu Anfang des Stückes. Unglaublich starke Auftritte der Personen. Ein unerwartet angelegter und gut gespielter Konflikt im Inneren des Opfers. Und bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Nähe zu einer mutigen Thematik. Diese Eindrücke nimmt das Publikum mit und wird sich, so viel ist gewiss, anders mit dem Thema auseinandersetzen als vor dem Stück. Wahrscheinlich intensiver. Wahrscheinlich sensibler. Also zu guter letzte doch noch: Theater das bewegt. Und ganz im Sinne des Konzeptes vom Spielhaus am Eifelplatz: Theater das bewegt, weil es sich selbst bewegt – ganz nah dran am Zeitgeschehen.

 

Moritz Heumer

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Sommerfrische im Schmelztiegel. Mit dem NRW-Ticket zur RUHR 2010 Kaum neigt sich das Sommersemester dem Ende zu, die letzten Bibliothekssitzungen und Prüfungen sind fast bewältigt, da beginnt Köln bereits in sein Grilldunst umnebeltes Sommerloch zu dösen. Erschöpft von c/o pop, Summerjam und all diesen Sommerfesten wird der unser dringender Nachholbedarf an Sommerbräune, Frischluft und Freilichtkultur völlig ignoriert. Und dann ist die Augusthitze so drückend, dass allein der Gedanke, sich jetzt in einen stickigen Regionalexpress zu setzen purer Masochismus zu sein scheint. Aber, allen eisgekühlten Versuchungen zum Trotz, schwenken wir unser NRW-Ticket und rufen in reiselustiger Sommerlaune: Raus aus der Stadt mit euch! Rein in die Hochofen-Metropole! Das mag zuerst verrückt klingen, zumal das Ruhrgebiet sich in diesem Jahr durchgehend als Kulturhauptstadt Europas feiert, aber es wird sich wohl weit und breit keine höhere Dichte an erfrischenden Ausflugszielen geben als im Schatten der zahlreichen Hochöfen, Zechen und Kokereien des gesamten Ruhrgebiets.

Nicht nur für Nordrhein-Westfalen, Deutschland und Europa, sondern weltweit ist das Ruhrgebiet als "Metropole im Werden" ein völlig neues und spannendes Projekt, aber auch schon Ergebnis moderner Städteplanung und urbaner Lebenskultur. Oft als ein Schaf so schwarz wie seine Rauchschwaden betitelt, entwickelte sich das Ruhrgebiet als Wahrzeichen der Industrialisierung wie auch seines Niedergangs. Es ist ein nicht sterbender Zeitzeuge, nie erlöschender Brennpunkt und in seiner bizarren Landschaft aus stillgelegten Kokereien und emsigen Stahlfabriken ein Kleinod der deutschen Kulturszene. Jede seiner Großstädte zählt seine eigenen Schauspiel- und Konzerthäuser, die Liste an Persönlichkeiten ist nicht kürzer als die Kölns und oft machen die besseren Bands auch eher in Dortmund Halt als in Köln. Das hörte man hier sicher nicht gerne, war doch auch die Bewerbung zur Kulturhauptstadt nicht ohne landespolitische Verwicklungen über die Bühne gegangen. Letzten Endes siegte aber das Konzept und die Motivation einer ganzen Region seine urbanen Kultur zu beweisen, so dass sich das Angebot der rund 50 teilnehmenden Städte fast überschlägt. Zwar

bekommt jeder seine Woche Rampenlicht im "Local Hero" Projekt, doch für Außenstehende ist dies kaum greifbar. Hier für spontan Begeisterte nun einige Empfehlungen und Tipps: Wer es bis dato noch nicht geschafft hat, die nunmehr historischen Bauten des Ruhrgebiets zu besuchen, der bekommt mit der RUHR 2010 nun das Programm der Extraklasse. Ob Zeche-Zollverein, Villa Krupp oder Duisburger Landschaftspark - die Stätten des Unesco-Weltkulturerbes sind derzeit nicht nur mit Führungen, Veranstaltungen und sämtlichen Kunstwerken aus dem Umland gefüllt, auch zahlreiche Touren machen Ausflüge zu den verschiedenen Standorten leichter: nach Themen, Projekten, Aktionen oder Stadtgebieten sortiert, kann man so ganz nach seinem Gustus wählen. Ob Boots- und Kanufahrten, Kunstführung, wissenschaftliche Exkursion für Städtebau, Fotosafari oder Zeitreise selbst beim Lesen wird einem bereits so schwindlig, dass man sich nach einem Sprung ins Werksschwimmbad der Kokerei Zollverein Essen sehnt. Oder einfach nur in

den kühlen Hallen der Küppersmühle durch die Sammlungen Ströher und Grothe mit ihren Werken von George Baselitz, Joseph Beuys und Sigmar Polke zu wandern. Oder wie ein Kumpel die Schächte des Bochumer Bergwerks erforschen. Wer denkt da noch ans Agrippabad? Insgesamt hält das Ruhrgebiet eine Menge für seine Besucher bereit – vieles, das überrascht – vieles, das erwartet wurde. Macht Euch selbst ein Bild und schreibt Meins über Euer Erlebnis bei der Ruhr 2010!! Wir freuen Uns auf Eure Einsendungen an Chefredaktion@meins-magazin.de. Anreise, Programm und weitere Veranstaltungshinweise unter www.ruhr2010.de

Maximiliane Koschyk

Foto: Eva Helm

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een in köln

Geheimtipp

Fühlinger See

Naturfreibad Vingst

Er hat keinen Namen, es ist offiziell verboten in ihm zu baden, eigentlich gehört er zu einem Anglerverein. Man fahre einfach mit der Linie 9 zur Haltestelle Steinweg, laufe durch einen fast paradiesischen Feldweg, klettere durch ein Loch im Zaun und schon ist man an einem unglaublich klaren, wunderbaren See. Am Wochenende ist es hier sogar relativ voll - unter der Woche aber, hat man den See mit vielleicht 50 Menschen für sich und er ist groß genug, damit diese 50 Menschen sich nicht einmal zu Gesicht bekommen müssen. Die Aussicht ist wirklich stilvoll. Die alten Grabgeräte, die an der einen Seite des Ufers stehen, verleihen dem See einen industrialistisch-historischen Flair, der See selbst ist von Bäumen umgeben, in der Ferne kann man einige Plattenbauten sehen, die in der Abendsonne glänzen. Von Meins gibt es ein „absolut empfehlenswert!“

Vermutlich der bekannteste Badesee Kölns. Einmal im Jahr wird er durch das Summerjam Festival an seine Grenzen gebracht, noch Tage danach ist der See zum Baden kaum zu gebrauchen, geschweige denn, dass sich jemand an seine Ufer legen möchte. Doch außerhalb der Summerjam Zeit bietet der Fühlinger See viel Platz zum Entspannen, Spazieren oder um einfach in das kalte Nass zu springen. Für Meins auf jeden Fall „sehenswert“, aber wg. häufiger Überfüllung und des doch hohen Bekanntheitsgrades kein SommerBade-Muss.

Wer auf gepflegte und ruhige Atmosphäre steht, dem sei das Naturfreibad Vingst ans Herz gelegt. Mit Beachvolleyballfeld, Hängematten, Grillplätzen und Kinderspielplatz sticht das Naturfreibad kostenfreie Seen natürlich aus; dafür gibt es hier Öffnungszeiten und natürlich kostet der See auch Eintritt. Der ist es aber allemal wert. Im Naturfreibad kann man sowohl chillen, als auch sportlich so richtig die Sau raus lassen. Von Meins gibt es hier ein: „Auf jeden Fall mal ausprobieren!“.

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Nachtleben. Party, Musik und Alkohol. Neben dem Campusgetümmel und der oftmals ersten, eigenen Wohnung ist die Feierkultur zentrales Merkmal des studentischen Daseins. Und das geht ganz schön ins Budget. Ein bedeutender Anteil des monatlich verfügbaren Geldes verschwindet jedes Wochenende, und gerne auch mal unter der Woche, in den Kassen der Kneipen, Kioske und Clubs. Addiert man die Kosten für Eintritt, Garderobe und die nächtliche Verköstigungen erhält man einen Betrag, der in etwa den Ausgaben für die tägliche Verköstigung eines ganzen Monats entspricht. Das Büchergeld für ein Semesters wird dabei so wie so locker in die Tasche gesteckt. Es folgen: wertvolle Tipps für den sparsamen Genuss am Beispiel der neuen Trend-Location des Kölner Nachtlebens – der Papierfabrik in Ehrenfeld. Günstig gelegen im Club-Knoten bestehend aus Underground, Werkstatt, Sensor und der Live Music Hall. Eröffnet nur wenige Stunden vor Jahresbeginn für die Auftakt-/ Sylvester-Party und seitdem fester Bestandteil des hiesigen Nachtlebens. Was neben einer neuen Station auf den studentischen Partyrouten noch etabliert wurde, sind ungewöhnlich hohe Eintrittspreise. Offenbar werden die auch bereitwillig gezahlt, denn der Laden ist in der Regel gut gefüllt. Bei den Ausmaßen der alten Lagerhalle kommen so mehrere Hundert tanz- und trinkwütige Gäste zusammen. Und die zahlen! Für (ehemals) berühmte Namen wie GrandmasterFlash. Für die angesagtesten Partyreihen Kölns, die inzwischen fast alle auch hier stattfinden. Und natürlich an der Bar, wo horrende Getränkepreise verlangt werden. Hat diese neue Macht auf dem Party-Markt ihre Berechtigung? Und verdient sie es mit dem all wochenendlichen Andrang im wahrsten Sinne des Wortes quittiert zu werden? Nein! Die Location verfehlt den abgefuckten Wir-feiern-in-den-Überbleibselnder-Industriekultur-Charme und erinnert im Auftreten eher an eine unterfinanzierte Großraumdisco. Zusätzlicher Flair-Killer: das einfallsloses Konzept, das nach dem Floor-Filler Prinzip in erster Linie darauf aus ist den Großraum auch voll zu kriegen. Mit den lieblos zusammengeworfenen Publikumsmassen kann dann nicht einmal angemessen umgegangen werden. Schlechte Luft auf den Tanzflächen und Schlangen selbst

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sparsames clubbing

vor dem Männerklo(!) sind die Folge. Ein sicherlich einträgliches Geschäftsmodell, dem an dieser Stelle mit Rücksicht auf eine anspruchsvolle Vergnügungskultur und den weniger beanspruchbaren Geldbeutel der Kampf angesagt werden muss.

nach dem dritten Besuch, macht die Polizei dann auch die WG-Party um die Ecke dicht (wenn ihr Musik auf der Straße hört: einfach mal schauen, ob die Tür offen ist und nette Leute da sind). Und dann, ja dann, hat die Stunde der Papierfabrik geschlagen.

Es wird dringend empfohlen, sich möglichst lange von der Papier(geld)fabrik fernzuhalten. Gerade Köln bietet dem Kenner genügend Möglichkeiten für Partys der spezielleren und persönlicheren Art. Aber irgendwann scheppert die schwere Metalltür vom Deutzer Gebäude9 nicht mehr im Bass (hier kommt der Industrie-Charme übrigens glänzend bzw. rostmatt zur Geltung). Irgendwann räumt auch die Kolbhallen-Besetzung die Tanzfläche, weil schon eine Nacht durchgerockt wurde (wenn D&B in Köln, dann hier). Und irgendwann, genauer gesagt

Ab 5 Uhr lohnt sich eine Auseinandersetzung mit den Türstehern, die in der Regel mit „Kein Einlass mehr!“ beginnt, sich aber nach etwas Beharrlichkeit bei einem „Viel Spaß noch!“ wiederfindet (Mädchen oft gratis; Gruppen sollten Handeln; eigentlich nie über 4 €). Umgerechnet ist das genau ein Getränk an der Bar, die man natürlich als autarker Selbstversorger tunlichst meidet. „Bring your own Booze“ erst mal ins Gebüsch und nach dem ersten Probelauf (Achtung: Rucksackkontrolle möglich!), im zweiten Anlauf einfach mit rein.

Wenn’s nicht klappt – in regelmäßigen Abständen raus auf den Schotterplatz und die diversen Mitbringsel von den umliegenden Kiosken (Venloer Straße/Gürtel) in der Morgensonne genießen. Wieder drinnen wartet dann kaltes, klares Wasser von den inzwischen schlangenfreien Toiletten und – wer hätte das gedacht – elektronische Tanzmusik. Zu der inzwischen fortgeschrittenen Stunde wird der Massengeschmack damit natürlich treffsicher bedient. Kritikwürdig daran ist dann höchstens noch die konkrete Ausprägung des meist stumpf dahin dümpelnden Minimal-Geballers. Die ordentliche Anlage gibt dem Ganzen wenigstens das gewissen Etwas (110dzb!) und zum straighten VierViertel-Beat kann sich wirklich jeder noch ein paar Stunden bewegen.

Hat man den Spaß bis 10 Uhr mitgemacht, ist sowieso alles egal und nur noch Matsch im Kopf. Wenn die Beine dann noch funktionstüchtig sind, kann man mit dem guten Gewissen wenigstens noch irgendetwas erlebt zu haben nach Hause laufen, ins Bett gehen und auch tatsächlich sofort einschlafen. Das Fazit: Die Papierfabrik hat sich erfolgreich als „letzten Alternative“ etabliert. Der durchschnittliche, sprich partysüchtige Kölner Student ist von der Schmach befreit am Montag zugeben zu müssen, dass man doch noch im Underground gelandet ist. Das UG hat das offensichtlich eingesehen und die Absturz-Nische des Kölner Nachtlebens mit der Einführung des Pfand-Systems auch offiziell aufgegeben (jetzt muss man in dem Laden wirklich zahlen!). Geht man mit

passender Einstellung – d.h. ohne eine Wahl – an die Sache ran, lohnt sich die Papierfabrik also durchaus. Auch aus finanzieller Sicht, denn länger geht’s oft nirgendwo mehr (beachte den Eintritts-Stunden-Quotienten). Gleichzeitig spart man auch an der Verpflegung des nächsten Tages, von dem meist nicht mehr viel übrig bleibt. Eine Flaschen Wasser am Bett und eine Reserve-Tiefkühlpizza ist absolut ausreichend. Gegen Dienstag ist man dann wieder einigermaßen auf der Höhe und kann sich auf den Bücherstapel stürzen. Der ist mit den Einsparungen des Wochenendes unter Umständen noch zwei, drei Lagen dicker. Bis Freitag hat man dann aber auch nicht mehr so viel Zeit. Aber das ist ein sekundäres Problem, das hier nicht näher behandelt wird. Moritz Heumer

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FernSicht Bild: Elisa Hapke


Rom - leben und lieben Wenn Außerirdische den Plan hätten die Welt auszulöschen und ich nur EINEN Versuch hätte sie davon zu überzeugen, es nicht zu tun? Ich würde sie mit nach Rom nehmen. Mit dieser Überzeugung und ein paar Pfund mehr auf den Rippen kehrte ich aus meinem Auslandssemester in der ewigen Stadt zurück. Als Tourist hatte ich Rom bis dahin schon einige Male besucht. Wie es die Legende will, hatte auch ich jedes mal über die rechte Schulter eine Münze in den Trevi Brunnen geworfen. Und? Ich hatte Glück und ich bin zurück gekehrt. Wie jede gute Legende, geht auch diese weiter.

Wirft man zwei Münzen, verliebt man sich in Rom, wirft man drei, heiratet man in Rom. Geheiratet wurde zwar nicht, aber verliebt habe ich mich in Rom, wie in keine andere Stadt. Der Unterschied zu meinen früheren Besuchen und dem Erasmussemester dort war, dass ich Rom nun in Ruhe kennenlernen konnte. Ich konnte es

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sozusagen nach meinen Speeddates, nun langsam mit Rom angehen. Wer schon einmal in Italiens Hauptstadt war, weiß wie beeindruckend seine Kulisse ist. Colosseum, Circus Maximus, Pantheon, Petersdom, Piazza Navona, um nur die bekanntesten Sehenswürdigkeiten zu nennen, tauchen so plötzlich vor einem auf, als befände man sich in einem lebensgroßen Pop-Up-Reiseführer. Es gibt an jeder Ecke etwas zu bestaunen und man kommt aus dem kulturhistorischen Wow!-Gefühl gar nicht mehr heraus. Rom schlägt einem bei fast jedem Schritt seine 3000jährige Geschichte um die Ohren, manchmal protzig und unausweichlich, manchmal unaufdringlich und leise. Hinzu kommt die Masse von Menschen, bestehend aus Einheimischen und Touristen aus allen möglichen Ländern, die sich wie Statisten in diesen Ruinen alter Zeiten tummeln. Frederico Fellini beschrieb es treffend so:

Rom ist ein riesiger Friedhof, der von Leben strotzt. Wahrscheinlich ist es diese Kombination, die dieser Stadt seinen Puls gibt und das einzigartige Lebensgefühl zwischen Multikulti- Weltstadt und La Dolce Vita

vermittelt. Mamma Roma ist, wie ich schon vermutet hatte, quirlig, fröhlich und ausgelassen, allerdings, wie ich auch feststellen musste, chaotisch, müßig und ziemlich verplant. Das Zurechtfinden in der Stadt klappt ziemlich schnell, da Rom nur zwei Metrostrecken hat, Linea A und Linea B. Die Sehenswürdigkeiten sind mit diesen zwar gut abgedeckt, nichtsdestotrotz sollte man gut zu Fuß sein. Das römische Busnetz hingegen ist nämlich nichts für Anfänger, was deshalb fatal ist, weil die Metro spät abends Feierabend macht. Nachtschwärmer müssen deshalb auf die Nachtbusse umsteigen und sich auf lange, miefige und restlos überfüllte Fahrten einstellen. Obwohl ich mit nur dürftigen Italienischkenntnissen ankam, erleichterte mir, das sich als Wahrheit herausstellende Klischee, der wild gestikulierenden und sich über jeden italienischen Sprachfetzen freuenden Italiener, den Anfang ungemein. Und da man als Erasmusstudent auch nicht lange alleine bleibt, stellte ich mich gemeinsam mit anderen der verwirrenden und anstrengenden Bürokratie. Vor allem an der Universität war alles etwas Casino drunter und drüber. Aber wie so oft lösten sich die Irrungen und Wirrungen irgendwann in gelassenes Wohlgefallen auf.

Anders als die universitären Formalitäten, waren die Freizeitaktivitäten gut und günstig organisiert. Besichtigungen, Ausgehen, Party und Ausflüge wurden massenhaft für uns Erasmusstudenten angeboten. So gab es immer einmal in der Woche einen Erasmus-Abend im Cuccagna Pub bei dem das quicklebendige Sprachenwirrwarr bis spät in die Nacht durch die kleine Seitenstraße bis auf die Piazza Navona drang. Da an diesen Events natürlich auch Italiener teilnahmen und auch oft unter den Studenten Italienisch, die einzige gemeinsame Sprache darstellte, kam ich auch hier zur Sprachpraxis. Das schöne am Italienischen ist, dass man schnell ein Niveau erreicht mit dem eine gute Konversation möglich ist. Hinzu kommt, dass das römische Gemüt offen und interessiert ist und gerne mal beim Warten auf den Bus ein Plauschchen hält. Eine italienische Studenten- WG veranstaltete für uns sogar mal eine private Erasmusparty bei sich zu Hause, mit Karaoke und allem drum und dran. Mehr Gastfreundschaft kann man sich kaum wünschen.

Im Kennenlernen der römischen Sitten und Gebräuche, kommt man an der italienischen Esskul-

tur nicht vorbei. Möchte man auch nicht. Tagsüber werden vor allem schnelle Esspressi geschlürft, Cornetti, Tramezzini oder Pizzastücke verputzt, denn erst abends gibt es bei den Römern dann das "richtige" Essen. Dieses ist dann äußerst üppig, mindestens dreigängig, wird zelebriert und dauert auch dementsprechend lange. Wer eine Diät machen möchte, sollte das nicht in Rom tun. Eine der verlockensten Versuchungen Roms waren für mich vor allem die Pasticcerie, in denen es alle möglichen Wunderwerke der Konditoreikunst gab und bei denen nur ein Blick ins kunterbunte Schaufenster genügte, um nach meinem Geld zu kramen. Was mich weniger am Leben in Rom entzückte, waren die Wohnsituationen. Es ist grundsätzlich nicht ganz so einfach ein günstiges Zimmer in Rom zu bekommen, geschweige denn ein Einzelzimmer. Sogar die meisten italienischen Studenten wohnen entweder zu Hause, in einem Studentenwohnheim oder teilen sich oft zu zweit oder zu dritt ein Zimmer in einer WG. Wahrscheinlich lag es an meinen Münzen im Trevi -Brunnen, denn beim zweiten Anlauf, klappte es. Ich hatte eine kleine

schnucklige Wohnung mit einem tollen alten Aufzug in der Nähe eines Metrohalts, die ich mit einem netten Spanier teilte. So gerne, wie die Römer Schwätzchen halten und Kaffee trinken, rufen sie auch die Carabinieri. So mussten mein Mitbewohner und ich nicht nur einmal dem Besuch den schicken Herren in Uniform die Türe öffnen. Umso mulmiger wird es einem dabei, da die Mietverhältnisse oft auch nicht so ganz offiziell sind

Aber, da heißt es dann, ruhig bleiben und römische Kontenance bewahren. Bis auf einen etwas schwer abzuschüttelnden Verehrer und einen selbstverschuldeten und leider sehr teuren Schlüsselverlust, gehört meine Zeit in Rom zweifelsohne zu den positivsten Erfahrungen und Erinnerungen die ich habe. Wem sich die Gelegenheit bietet Mama Roma, und wenn auch nur bei einem Speed-Date kennenzulernen, sollte es tun.

Bilder und Text: Sabina Filipovic

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Die Seele sitzt noch im Flugzeug Etwas nervös wurde sie dann doch; einen Monat hatte sie nur noch vor sich, gerade mal ein Zehntel ihrer gesamten Reise. Ihren Traveller-Rucksack wusste sie vollgepackt im Gepäckabteil des Flugzeugs, das sie von Neuseeland nach Brisbane, Australien fliegen würde. Es ist der vorletzte Flug bis zu ihrem finalen Rückflug nach Deutschland in vier Wochen. Die zurückliegenden neun Monate waren vor allem geprägt von einem fantastischen Freiheitsgefühl, das Kerstin so bisher nicht kannte. Wird sie das neue gewonnene Gefühl mit nach Deutschland nehmen können? Wird es in Deutschland überleben? Ortwechsel, Zeitsprung. An einem Abend

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im September 2009 am Brüsseler Platz. Unter den vielen Menschen, die den Platz im belgischen Viertel gerade zu einem der angesagtesten Treffpunkte Kölns etablieren, ist auch Kerstin. Hier möchte sie sich von ihren Freunden verabschieden. Babett, ihre beste Freundin, mit der sie in den nächsten zehn Monaten „worken and traveln“ wird, ist auch da. Die frisch diplomierten Sprachtherapeutinnen haben ihren Studienabschluss zum Anlass genommen, ihren gewohnten Alltag hinter sich zu lassen, um einmal etwas ganz anderes zu tun, bevor sie sich ins Berufsleben stürzen. Bei Kölsch und gutem Wetter kommt wie erwartet eine geradezu romantische Abschiedsstimmung auf:

die einen machen es kurz und schmerzlos, die anderen ausgiebig und tränenreich. Kerstin und Babetts Augen aber strahlen. „Wir haben uns natürlich gefragt: was werden wir erleben? Was wird die Reise mit uns machen? Aber wir haben uns genauso gefragt: was wird sich hier verändern?“ –

Hier passiert doch nichts, ihr werdet total viel erleben, aber hier bleibt alles beim Alten, war die Durchschnittsaussage des gemeinsamen Freundeskreises. Doch: weit gefehlt. Facebook sei Dank bekamen sie alle Neuigkeiten von zu Hause zwar nicht hautnah, aber wenigstens schnell und umfassend mit. „Im Grunde verging keine Woche, in der wir keine wirklich wichtigen News aus Deutschland bekamen“, sagt Kerstin, und es klingt, als hätte sie sich schon ein bisschen darüber gewundert.

Drei Hochzeiten, zwei Schwangerschaften, eine Geburt, zahlreiche neue Beziehungen und Jobwechsel auf der einen Seite; Trennungen, Wohnungseinbrüche und Krankheitsdiagnosen auf der anderen Seite haben das nähere Umfeld der beiden Reisenden umgestaltet. Zu einem Bild, in das sie sich nach ihrer Rückkehr problemlos einfinden können?

Mit derart – positiv wie negativ - schwer wiegenden Lebenseinschnitten hatten Babett und Kerstin zehn Monate lang nichts zu tun: als „Easy Living“ bezeichnet Kerstin ihre Zeit und meint damit vor allem das Nicht-Planen von Dingen. Geschehen lassen, gelassen sein.

Wenn wir diese Woche noch in Perth bleiben wollen, dann fliegen wir eben erst nächste Woche nach Bali. Wenn wir keine Lust auf das Opernhaus in Sydney haben, dann gucken wir es uns eben nicht an, auch wenn es vermutlich das bekannteste Wahrzeichen der Stadt ist. „Man darf sich das nicht so vorstellen, dass wir die ganze Zeit nur Action hatten und von Party zu Party getingelt sind. Wir sind sehr zur Ruhe gekommen und konnten uns einmal wirklich mit grundsätzlichen Dingen befassen – auf ganz positive Weise.“ Der Begriff Selbstfindung ist natürlich abgegriffen, beschreibt aber wohl genau das. Und mit dem baldigen Abflug vor Augen kam eine leise Angst auf:

lässt sich diese neue Einstellung

nach Deutschland transportieren? Zwei Wochen nach ihrer Rückkehr stehen Babett und Kerstin auf der Zülpicher Straße, Deutschland hatte vor einer Stunde Argentinien aus der WM geschmissen. Freier von Zwängen als hier und jetzt ist man in Deutschland, in dem man lebt, studiert und arbeitet, objektiv gesehen vielleicht selten: am frühen Abend bei 30 Grad auf der abgesperrten Straße, mit einem Kölsch in der Hand, umgeben von grölenden, feiernden Menschen. Doch Kerstin sagt später: „Es ist wirklich harte Arbeit, sich dieses Freiheitsgefühl hier zu bewahren. Ich muss mich immer wieder daran erinnern und in mich hineinhorchen. Man ist sofort wieder in allen möglichen Strukturen drin. Bewerbungen schreiben, Wohnung suchen, aber auch privat: plötzlich trifft man Verabredungen wieder Tage im Voraus. Man plant.“ Kerstin und Babett müssen jetzt balancieren:

vergangen, da hatten sie beide schon einen „richtigen“ Job gefunden – als Sprachtherapeutinnen. Eine Wohnung haben sie auch schon, eine WG, in die sie bald einziehen werden. Im Grunde ein großes Glück, das wissen die beiden auch. „Das Glück, das wir in Australien die ganze Zeit über hatten, geht hier erstmal nahtlos weiter“, sagt Kerstin. So richtig ausflippen vor Freude kann sie aber trotzdem nicht. Alles geht so schnell, wie sie befürchtet hatte und sie ist noch gar nicht wirklich wieder hier. „Die Seele sitzt noch im Flugzeug“, sagt sie, wohl wissend, dass das kitschig klingt. Dass es aber wahr ist, steht in diesem Moment in ihrem Gesicht. Jetzt fährt sie erstmal für ein paar Tage zu ihrer Familie in die Eifel. „Wo guckst du heute Abend das Halbfinale?“ – „Beim sechsten Geburtstag der Zwillinge meiner Schwester“, sagt Kerstin, die in ihrem Freundeskreis eigentlich dafür bekannt ist, keine Party auszulassen

Struktur und Freiheit – ist das kombinierbar?

Ich habe keine Angst mehr, irgendwas zu verpassen“, sagt sie – und lächelt.

Nur eine Woche war nach ihrer Rückkehr

Bilder und Text: Dennis Große-Plankermann

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ErkenntnisReich Foto: Denise Hoffmeister


Foto: Denise Hoffmeister

Bakterien docken mit einer Spritze an Ansatzpunk für die Entwicklung neuer Medikamente gefunden Bestimmte Erreger, wie die Bakterien der Bakterienruhr, der Lebensmittelvergiftung, von Typhus oder der Pest bauen Hohlnadeln aus Protein, um eine Wirtszelle gefügig zu machen. Zuerst haften sie sich an die Zielzellen an und injizieren dann über die selbstgebaute Spritze ihre Virulenzfaktoren (krankmachende Substanzen) in den Wirt. Wissenschaftler des Max-Planck-Institus (MPI) für Infektionsbiologie in Berlin und das MPI für biophysikalische Chemie in Göttingen haben die genaue Entstehung und die Proteinstruktur dieser Spritze im Reagenzglas nachverfolgt. Jetzt hoffen die Forscher auf einen neuen Therapieansatz. Der alte Therapieansatz, Bakterielle Infektionen mit Antibiotika zu behandeln, birgt nämlich einige Nachteile. Erstens: langes, undosiertes Anwenden kann zu antibiotikaresistenten Bakterienstämmen führen. Zweitens: Antibiotika unterscheiden nicht zwischen unseren symbiontischen Bakterien im Darm oder krankmachenden Bakterien. Das führt zu den unerwünschten Nebenwirkungen, beispielsweise bei der Verdauung. Die Max-Planck-Forscher sind sich aber darüber einig: Wer den Angriffsmechanismus eines Bakteriums genau kenne, könne Gegenmaßnamen einleiten, noch bevor die ersten Symptome auftreten. Antiinfektiva sollen die neuen, zukunftsträchtigeren Wirkstoffe heißen. Christine Willen

Foto: René Becker

Mit Musik gegen Migräne Wie sage ich es meiner Handprothese? Die Universität Bremen verstärkt den Forschungsschwerpunkt „Neurotechnologie“ Nach einem Wasserglas zu greifen, ist für die allermeisten Menschen selbstverständlich. Ohne großartig darüber nachzudenken ist das Glas in Sekundenbruchteilen in der Hand. Bei einem Organ aus Fleisch und Blut ist das auch kein Problem. Hand- und Armprothesen kommen zwar schon sehr nahe an die mechanische Präzision des menschlichen Organs heran. Bis heute ist es aber unmöglich einzelne Finger einer Handprothese in „Echtzeit“ anzusteuern. Für die Perfekten Prothesen fehlen so genannte „Bi-direktionale Neurointerfaces“. Das sind Schnittstellen für die Übertragung von Informationen von Außen an das Gehirn und umgekehrt, so dass Arm- oder Handprothesen schnell mit dem Gehirn hin und her kommunizieren könnten. Wie genau läuft die Kommunikation zwischen dem Gehirn und den Gliedmaßen? Die Sprache des Gehirns ist bis heute noch nicht richtig entschlüsselt. Mit dem Forschungsschwerpunkt „Neurotechnologie“ will die Universität Bremen die Grundlagenforschung in diesem Bereich vorantreiben. Ein wichtiger Bestandteil für diese medizinisch-technischen Untersuchungen sind Tierversuche mit Ratten und Makaken-Affen. Sie erlauben die Erforschung der Signale aus dem Gehirn und die Erprobung der Prototypen vor dem ersten Einsatz am Menschen.  Christine Willen

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ErkenntnisReich

So lerne ich besser mit Schmerzen umzugehen Ein Migräneanfall kann die Betroffenen tagelang außer Gefecht setzen. Wiederkehrende dröhnende Kopfschmerzen, manchmal begleitet von Lärm- und Lichtempfindlichkeit sind die dazugehörigen Symptome. Jetzt etabliert sich ein Therapieansatz jenseits der medikamentösen Behandlung. Mit Musik die Schmerzen leichter ertragen, lautet das neue Konzept. „Wir erwarten, dass eine Musiktherapie die Häufigkeit und Stärke der Schmerzen verringert und für ein besseres allgemeines Befinden sorgen kann“, hofft Projektleiter Prof. Dr. Thomas Hillecke, Dekan der Fakultät für Musiktherapie von der SRH Hochschule Heidelberg. In einer Musiktherapie wird das Körperbewusstsein geschärft. Dabei lernen die Patienten, ihre Schmerzen besser zu verarbeiten. Über den Einfluss einer Musiktherapie auf den Umgang mit Migräne liegen schon viele positive Ergebnisse an erwachsenen Schmerzpatienten und an Migränekindern vor. Jetzt wird diese Therapieform auch bei jugendlichen Patientengetestet. Laut einer Studie der Deutschen Migräneund Kopfschmerzgesellschaft soll jeder dritte Teenager an wiederkehrenden Kopfschmerzen leiden. Christine Willen

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FeinSinn Foto: Tanja Schuhmacher


Entropie Die Luft drückt. Zäh und schwer liegt sie auf der Stadt und auf den Feldern. Als würde man Badewasser atmen. Vor Tagen hat sich diese Glocke über die Gegend gestülpt, hat jegliche Luftbewegung zum Stillstand gebracht. Jetzt bewegt sich nur noch die stetig nach oben kletternde Anzeige des Thermometers. Sitze im Park unter einer alten Kastanie und versuche zu lesen. Das Gras der Wiese ist braun verfärbt und trocken, auf dem Wasser im nahen Kanal treibt eine schmierige Schicht aus Blütenblättern und Algen. Das Gewässer verströmt einen brackigen Geruch. Ein paar Krähen versammeln sich in einer kränklichen Platane und krächzen leise. Bin hier hin geflohen in der Hoffnung ein geringfügig kühleres Plätzchen zu finden als meine Dachkammer. Allerdings vergeblich; heute bieten auch Schatten keinen Trost. Das liegt gar nicht mal so sehr an der Sonne, unter deren Strahlen man sich vorkommt wie eine Ameise unterm Brennglas. Denn in den letzten zwei Stunden verschwindet sie immer öfter hinter fettigen Wolkenbänken, die niedrig über den Himmel kriechen und wie ein molliges Federbett wirken. Sitze da, schaffe es für den Moment ganz gut, das Schwitzen auf einen beständigen, klebrigen Film auf der Haut zu reduzieren, durch den mein Nacken unangenehm am Hemdkragen scheuert. Spüre außerdem ständig ein juckendes Kitzeln um die Mundwinkel und ich kann nicht genau sagen, ob es an den kleinen grünen Fliegen liegt, die vom Schweiß angezogen werden, oder an mikroskopischen Schnitten. Hätte aufs

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FeinSinn

Rasieren verzichten sollen heute morgen. Nehme einen Schluck aus der Wasserflasche, die körperwarme Flüssigkeit rinnt mir in die Kehle, merke es kaum. Das Wasser ist so warm wie die Luft, ist so warm wie das Blut in meinen Adern. Im Moment sind alle Unterschiede eingeebnet; ob Tag oder Nacht, im Licht oder im Schatten, in der Stadt oder im Wald: Alles hat die gleiche Temperatur, es gibt kein Entrinnen. Reptilien sind wechselwarm, weil sie ihre Körpertemperatur an die Umgebung anpassen; hier passt sich die Umgebung an unsere Körpertemperatur an. Die Entropie, der Wärmetod des Universums, ungefähr so muss sich das anfühlen. Die Atmosphäre lässt von einem Gewitter träumen, das die ersehnte Kühlung bringen könnte. Aber es kommt nicht. Kann mich nur schwer auf den Text konzentrieren, die Absätze verschwimmen vor meinen Augen. In dem Buch geht es um Mönche nach einem Atomkrieg, die in der Wüste aus verbrannten Ruinen ein Kloster aufbauen und immer wieder in die flimmernde Einöde ausziehen um Buße zu tun und sich von ausgedörrten Kakteen zu ernähren. Lasse das Buch sinken. Vor einem Monat war der erste Tag des Sommers. Da war der Himmel weit und blau, die Luft war klar und trug den Geruch von trocknender Wäsche mit sich. Die Bäume leuchteten im hellen Licht, pumpten unablässig ihre Pollen in die Luft, die in langen Prozessionen durch die Luft zogen, flockige Verwehungen formten und alles wie mit einem schimmligen Rasen überzog. Jetzt

sind diese Flocken zusammengefallen und kleben als dreckige Fladen am Boden. Sehe mich um, die Witterung hinterlässt ihre Spuren bei Mensch und Tier. Im eingedickten, diffusen Licht scheint sich alles langsamer zu bewegen. Zwei alte Hunde mit schmutzig weißen Fellen streifen schnüffelnd über das Gelände, durch ihre matten Bewegungen wirken sie dabei massiv wie Bisons. Ein Pärchen in ihren Zwanzigern liegt auf einer Decke im Gras, dösend wie Löwen in der Mittagssonne. Auf der Bank mir gegenüber sitzt bewegungslos ein alter Herr mit verschränkten Armen und pechschwarzer Sonnenbrille. Auf der Bank am Kanal hingegen, hockt ein junger Kerl in kurzen Hosen und ärmellosem T-Shirt auf der Rückenlehne, starrt auf das fast stehende Wasser hinaus. Benommenheit breitet sich in meinem siedenden Gehirn aus. Eine Amsel landet ein paar Meter von mir, ohne mich zu bemerken, reckt den Kopf um zu sichern. Hüpft ein paar Meter, dann richtet sie wieder den Schnabel zum Himmel, äugt mit blinkenden Nickhäuten umher. Sie bewegt sich vorsichtig durchs Gras und in ihrer Silhouette scheint sich etwas Saurierhaftes zu spiegeln. Dann bleibt mein Blick wieder an dem Jungen am Kanal hängen. Er sitzt nicht mehr auf der Bank sondern steht davor, sieht auch nicht mehr aufs Wasser sondern, auf die Baumreihe auf dem Hügel. Er bewegt sich sogar noch langsamer als alle anderen; Jeder Schritt, jede Drehung des Kopfes scheint das Ergebnis monatelanger Planung zu sein.

Die Krähen haben inzwischen ihren Standort in der Platane verlassen und sammeln sich im Gras um das Lager des jungen Pärchens, die beiden heben verwundert und belustigt die Köpfe; die Tiere scheinen sich Chancen auszurechnen, dass von ihrem Picknick etwas abfällt. Er wirft ihnen versuchsweise einen Brocken zu, der Trupp streitet lautstark um die Krumen, von den Bäumen her segeln ein paar weitere Artgenossen herbei. In letzter Zeit scheint es in der Stadt mehr Krähen als Tauben zu geben. Der Junge ist komisch, was macht der da? Gerade steht er mit ausgebreiteten Armen da, die Handflächen nach oben gedreht. Ein Gebet? Irgendwie führt er die ganze Zeit seltsame Bewegungsabläufe aus, man könnte ihn oberflächlich für einen dieser sonnengebräunten Esoteriker halten, die ihre Tai-Chi-Übungen immer da durchführen, wo sie am meisten Zuschauer haben. Aber nein, dafür wirkt es dann doch zu unkoordiniert, außerdem würde er dabei wohl keine Zigarette in der Hand halten. Ein dicke goldgrün glänzende Schmeißfliege fängt an um mein rechtes Ohr herumzuschwirren, dass sich mir die Nackenhaut kräuselt. Schlage genervt um mich, sie lässt sich davon kaum beeindrucken. Muss dann doch aufstehen und einmal um den Baum herumlaufen, bevor sie sich abschütteln lässt. Dabei wird mir schwarz vor Augen, als mein am Limit arbeitender Kreislauf ins Stottern gerät. Während sich dass schwarze Geflimmer langsam wieder in erkennbare

Formen verwandelt, tönt auf einmal ein helles, metallisches Geräusch über die Wiese. In der verquollenen, schläfrigen Atmosphäre wirkt es wie ein Fremdkörper. Auch der alte Mann hat jetzt den Kopf gedreht und sucht nach dem Ursprung des Geräuschs, die Krähen krächzen aufgeregt. Der Lärm stammt von dem Jungen, der jetzt am Boden kniet, und mit einem Hammer auf etwas am Boden einschlägt. Bei jedem Schlag ertönt das metallische Singen. Die beiden auf ihrer Decke werfen sich fragend Blicke zu und runzeln die Stirn. Er hat sein Werk vollendet, und begutachtet es bei Licht. Kann immer noch nicht erkennen, was es ist, er scheint aber zufrieden zu sein. Dann geht er mit langen gemessenen Schritten zum Ufer des Kanals, hält das Objekt über das Wasser, verharrt einen Moment – und lässt es dann mit einem weithin hörbaren Klatschen in den öligen Kanal fallen. Unter den misstrauischen Blicken des alten Mannes, des Pärchens und mir verlässt der Junge die Szenerie, indem er mit langen, reiherartigen Schritten sein Fahrrad neben sich herschiebt; eilig hat er es definitiv nicht. Kaum ist er weg, erhebt sich auch der alte Mann und verschwindet mit hinter dem Rücken verschränkten Händen zwischen den Bäumen. Starre auf die Stelle, an der der Junge gestanden hat. Ein Impuls der Neugier, lässt mich dorthin schlurfen, trockenes Laub zerfällt knisternd unter meinen Füßen. Am Kanal brauche ich nicht lange zu

suchen. Das Ding liegt in gerade mal dreißig Zentimeter Tiefe und hebt sich durch seinen metallischen Glanz deutlich vom Flussschlick ab. Ich hebe es aus dem lauwarmen Wasser, es ist gerade mal so groß wie ein Taschenbuch, aber ganz erstaunlich schwer. Es ist eine Platte aus einem grauen, stumpf glänzenden und schweren Metall. Vielleicht Blei. Worte in Latein sind in das Metall eingekratzt, wie auf einer Wachstafel. Ein langer rostiger Nagel steckt mitten in der Platte, ist an beiden Seiten umgebogen, damit er nicht so leicht wieder herauszuziehen ist. Drehe die Tafel um, auf der Rückseite steht noch etwas, diesmal in deutsch: Fahr zur Hölle. Drehe mich unwillkürlich um, im Gefühl, dass der Junge plötzlich hinter mir steht. Aber nein, es nichts mehr von ihm zu sehen. Der alte Mann ist weg und auch das Pärchen ist verschwunden. Bin allein im Park mit den Krähen und der Hitze. Lege die Tafel wieder ins Wasser zurück, wische mir die Finger gründlich am Gras ab, irgendwie mit einem brennenden Prickeln an den Fingerspitzen. Inzwischen ist die Sonne unter den Wolken durchgetaucht und schickt goldene Schneidbrenner von Sonnenstrahlen über die Wiesen, in deren Licht vereinzelte Säulen von flimmernden Mückenschwärmen aus den Gräsern aufsteigen. Ein Gewitter ist nicht in Sicht. Keine Erlösung, nicht heute. 

Christopher Dröge

FeinSinn

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Die FeinSinn-Playlist 2.0 Das Mitmach Gewinnspiel Gegens Fluchen! 

Simeon Buß

Ich mag den Regen, wie er sacht gegens Fenster weht, ich mag die Sonne, wie sie durch die Gläser späht, Ich mag auch den Schatten, bei über 30 Grad, und erst recht den Wind! Kennst du wen, der den Wind nicht mag? Dann zeig ihm doch die Felder, die sich sacht im Takte wiegen, zeig ihm doch die Kinder, die vergnügt, geschaukelt in der Hängematte liegen! Zeig ihm doch das Meer! wie es kräuselt und sich schäumt, zeig ihm die alte Frau auf der Bank dort, die von lauen Frühlingslüftchen träumt! Zeig ihm die grauen und die weißen Wolken, die durch den blauen Himmel fliegen, und dann, dann schau in sein Gesicht, denn da wird ein Lächeln für dich liegen!

Foto: Evelyn Laoun

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FernSicht

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Impressum

Herausgeber:

Verein zur Förderung studentischen Journalismus Köln e.V. www.vfsjk.de

ViSdP

Niels Walker

Chefredaktion:

Niels Walker (stellv. Simeon Buß)

Art Direction:

Sebastian Herscheid

Bildredaktion:

Sebastian Herscheid

Redaktion/Lektorat:

Simeon Buß, Christopher Dröge, Sabina Filipovic, Dennis Große-Plankermann, Moritz Heumer, Maximiliane Koschyk, Christiane Mehling, Felix Schledde, Christine Willen

Gestaltung/Layout:

Sven Albrecht, Sara Copray, Elisa Hapke, Sebastian Herscheid

Fotografie: Website:

René Becker, Eva Helm, Denise Hoffmeister, Evelyn Laoun, Tanja Schuhmacher

Erscheinungsweise:

monatlich

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www.meins-magazin.de

Foto: Evelyn Laoun

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