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FeinSinn feiert Erasmus in Ankara Abwehrzellen sind die schnellsten Marke Eigenbau liegt wieder im Trend KörperKultur verbiegt sich Heft 13 ǀ Ausgabe 10/02 ǀ www.meins-magazin.de


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meins

Inhalt

Laune Laune wechsel dich! Es gibt zwei Dinge, die man im Februar tun kann: In Köln bleiben oder nicht. Wer hier bleibt, kam um Karneval nicht herum. Spaß, Party und Gute Laune gehörten auf den Tisch – an allen Orten war Frohsinn. Auch die meinsRedaktion hat kräftigt gefeiert, aber nun ist ja erstmal Schluß damit und wir liefern fix noch dieses wunderschöne Heft aus. Wer aber den Schalter in seinem Kopf nicht so einfach von „Karneval“ wieder auf „emsig studieren und Hausarbeiten schreiben“ umlegen kann oder will, ist eingeladen sich zunächst auf den zarten Flügeln von FeinSinn mitragen zu lassen. FeinSinn feiert! Es rauscht durch die Adern in den Kopf, schlägt Purzelbäume und lacht sich scheckig, ab Seite 40.

LebensEcht

FernSicht

ErkenntnisReich

ZeitGeist

FeinSinn

KörperKultur

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Inhaltliches

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Ist Liebe wissenschaftlich? Valentinstag Vom Leben dan(n)eben

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Erasmus in Ankara Interview mit Carlos aus Paraguay Next Stop: San Francisco

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Chemotherapie bei Brustkrebs Abwehrzellen sind die Schnellsten Die RNA ist kein langweiliger Zwischenschritt Transitionstagebuch – Start

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Das Beste der Stadt: Subbelrather Hof - Centrum für Lebensenergien Sonderschule der Ästhetik: Fußgängerzone "Da Wanda" - Marke Eigenbau liegt wieder im Trend NRW-Ticket: Ruhr 2010 - Auf der Suche nach Industriekultur

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FeinSinn feiert - egal wann und wo One-Night-Stand Wahlparty Stell dir vor, es wäre Karneval und keiner ginge hin

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KörperKultur verbiegt sich Hochsprung nach Noten Dos & Don'ts: der Feiertagsspeck muss weg!

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Impressum

Aber der Februar kann mehr als nur Karneval. Wenn an Aschermittwoch die Laune wieder zurückschlägt zur festen Strebsamkeit der Arbeitswelt, bieten wir euch feinste Ablenkung mit Carlos, einem Studenten aus Paraguay in FernSicht. Außerdem haben wir Tickets für die große Reise mit dem Finger auf dem Globus: FernSicht fährt nach San Francisco, die Boardingkarte findet ihr auf Seite 17. ErkenntnisReich begleitet ab dieser Ausgabe Karsten. Eigentlich heißt er noch Katharina, und auf dem ersten Blick ist das „Er“ auch nicht so ganz klar. Die Reise in einen anderen Körper, wie es ist, sich als Transsexuell zu entdecken und zu leben: Das Transitionstagebuch, ab jetzt in ErkenntnisReich. Seite 24. Viel Spaß beim Lesen!  

Niels Walker



(Chefredakteur)

{ Editorial

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LebensEcht Foto: Corinna Kern


oder: Ist Liebe wissenschaftlich?

Die Romantik ist tot! Es lebe die Romantik!

Was hat die Menschheits- und Literaturgeschichte nicht für wunderbare Liebespaare hervorgebracht – Romeo und Julia, Tristan und Isolde, Tarzan und Jane, Jorinde und Joringel, Scarlett O’Hara und Red Butler… Ach, herrlich, diese Romantik, diese Leidenschaft und Hingebung, diese Tragik.

Die wollten einfach ohne einander nicht mehr sein, konnten ohne einander nicht mehr sein. Es war die einzig wahre, schicksalhafte, unsterbliche, große Liebe! Eine Liebe, die Grenzen und Kontinente überwand; die ein ganzes Leben und sogar den Tod würde überdauern können…. Moment mal, seien wir realistisch: den Tod überdauern – möglich (zwischen Himmel und Erde gibt es mehr, als man sich vorzustellen wagt). Ob sie jedoch auch das Leben überdauert hätte? Den ganz banalen Alltag, den wir restlichen sechs Milliarden 08/15Normal-Liierten seit Beginn der Menschheit mit unserem Partner so führen - tagein, tagaus, jahrein, jahraus? Fraglich. Grausam, aber wahr: vielleicht ist es gut so (für uns Romantiker), dass der Tod, bzw. William Shakespeare das frisch verliebte Paar entzweit hat. Denn: wollen wir uns wirklich vorstellen, wie Romeo und Julia nach 20 Ehejahren miteinander umgegangen wären? Eher nicht. Zwei Jahre, sechs Monate und 25 Tage - so lange dauert es im Schnitt, bis in einer Beziehung die Romantik flöten gegangen ist. Und es kommt noch schlimmer... Einer Studie des britischen Marktforschungsinstituts onepoll.com zufolge, fangen Männer im Durchschnitt bereits nach

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zweieinhalb Jahren an, Socken und Unterhosen auf dem Boden zu verteilen (70%) und den Klodeckel nach dem Stehpinkeln oben zu lassen (79%). 54 Prozent der Frauen beginnen allmählich auf Make-up zu verzichten, 61 Prozent schlüpfen grundsätzlich in Pyjama oder Jogginganzug, wenn sie nach Hause kommen. Auch mit Zärtlichkeiten sieht's nach einer Weile der trauten Zweisamkeit nicht mehr so prickelnd aus. Halten 83 Prozent der Befragten in den ersten gemeinsamen Monaten noch regelmäßig Händchen, sind es zehn Jahre später nur noch 38 Prozent. 54 Prozent der Männer und 45 Prozent der Frauen gehen fremd. Frauen in der Regel zwischen dem 3. und 10. Jahr der Partnerschaft, bei Männern liegt der kritische Zeitraum zwischen dem 3. und dem 6. Jahr. Viele Fremdgänger sind Wiederholungstäter. 17 Prozent der Männer haben ihre Lebenspartnerin schon einmal betrogen, 12 Prozent schon zweimal und 22 Prozent sogar mehrmals. Als Motiv für die Untreue gaben vier von fünf Untreuen an, in ihrer Partnerschaft sexuell unzufrieden zu sein. 85 Prozent der Frauen und 79 Prozent der Männer beschwerten sich über den häuslichen Sex. Ein möglicher Grund für die Bettflaute: Sprachlosigkeit. Nur 31 Prozent der untreuen Frauen und 25 Prozent der

Anscheinend reicht Liebe allein zum Zusammenbleiben nicht aus. In einer Langzeitstudie haben australische Wissenschaftler herausgefunden, welche Lebensumstände eine Trennung wahrscheinlich machen. Faktoren, die eine Partnerschaft tendenziell bedrohen können sind zum Beispiel die Kombination Raucher-Nichtraucher, außerdem, wenn der Mann mehr als neun Jahre älter oder zwei Jahre jünger ist als seine Frau, oder es sich bei den Ehepartnern selbst um Scheidungskinder handelt.

doch gar nicht zueinander passt. Es folgt Trennung, gefolgt von einer neuen Liebe, die aber auch nicht wesentlich anders endet. Andere raufen sich mühevoll zusammen und leben mehr schlecht als recht nebeneinander her. Dann gibt es noch die, die sich auch weiterhin bemühen das Beste aus der Beziehung zu machen. Auch bei denen ist die Zeit der romantischen Liebe zwar vorbei, denn die legendären Botenstoffe sind längst wieder aus dem Blutkreislauf verschwunden. Nicht aber die einmal geknüpften neuronalen Nervenverbindungen. Schöne Erlebnisse bleiben in der Erinnerung erhalten und verbinden ein Leben lang.

Romantische Liebe gibt es, keine Frage. Doch kann man sie ein Leben lang aufrecht erhalten? Wissenschaftler sagen Nein. Sind wir verliebt, reagiert unser Körper mit der Ausschüttung von chemischen Botenstoffen und der Verknüpfung neuronaler Verbindungen, die den Verstand benebeln und uns in einen wahren Glücksrausch versetzen - alles im Auftrag der Arterhaltung. Nach dem die Botenstoffe ihre Wirkung erzielt haben und Nachwuchs produziert worden ist, verflüchtigt sich die Romantik meist zugunsten einer zwar vertrauten, aber pragmatisch-orientierten Zweckverbindung, die auf Gewohnheit basiert.

Falls ihr Single seid, und (nach diesem Artikel noch immer) verzweifelt auf der Suche nach dem Traumprinzen oder der Traumfrau, fühlt euch getröstet: Denn Vorfreude ist die schönste Freude. Und die Liebe kommt bestimmt. (Studien belegen, dass sich der Mensch durchschnittlich 3 Mal in seinem Leben verliebt). Werdet ihr glücklich vereint – genießt die erste Verliebtheit. Wie ihr jetzt wisst, ist sie nach zwei Jahren vorbei. Bleibt eure Liebe unerfüllt oder unerwidert, wähnt euch tröstend im Olymp der großen, unsterblich Liebenden, wie Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in Casablanca, Rose und Jack in Titanic, den armen Werther…

In vielen Beziehungen reift früher oder später die Einsicht, dass man eigentlich

Foto: sven albrecht

Männer teilten dem Partner ihre sexuellen Wünsche mit.

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Valentinstag Schon wieder verpasst?

Immerhin haben wir uns damit was erspart! Die Kritiker nennen den Valentinstag argwöhnisch eine Erfindung von Fleurop und der Pralinen-Industrie. Die Mehrzahl der Christen führt den Valentinstag auf den heiligen Valentin zurück und auch Juno, Göttin der Ehe und Familie, wird oft als Ursprung des Valentinstags benannt.

Die Frage des richtigen Geschenks wird meist geschlechterspezifisch unterschiedlich angegangen. Während den meisten Frauen die Geschenkfindung keine Probleme bereitet, weil sie gerne über Wochen an liebevoll gestalteten Fotocollagen basteln oder beim Fotografen das obligatorische Aktfotoshooting gebucht haben um ihren Liebsten mit einem entsprechenden Fotokalender zu überraschen artet es für Männer meist in Stress aus. Der Mann ist sich dessen bewusst, dass es ein originelles Geschenk sein soll, welches gleichzeitig am Besten eine gewisse Kreativität erahnen lässt, dem es aber trotz allem nicht an Einzigartigkeit mangelt.

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Gegoogelt wird dann also „Valentinstag Geschenk“ - vorausgesetzt, er hat frühzeitig daran gedacht - was in 80 % der Fälle nicht der Fall sein dürfte - in der Hoffnung, in einem Onlineshop DAS Geschenk zu finden. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass er sich kurz vor dem 14. Februar in der Stadt wiederfindet und genervt durch die Läden streift, weil er shoppen hasst, ist bedeutend höher. Nachdem er dann von einer Verkäuferin eingehend bezüglich Unterwäsche beraten wurde, sich für ein sündhaft teures Set interessiert hat und sie ihm auch noch in Aussicht stellen konnte, das Ganze zu verpacken, ist die Entscheidung gefallen.

Siedendheiß fällt ihm dann jedoch ein, dass er vor dem Bezahlen einen Blick auf sein Konto werfen sollte. Da sah es ja nun vor drei Tagen schon nicht rosig aus, nachdem er die Karten für das anstehende Fußballspiel seines Lieblingsvereins bezahlt hatte. Nach Ausreden suchend warum er die Unterwäsche zurücklegen lassen muss – er lässt ja im Gegensatz zu ihr nicht alle zwei Wochen etwas mit einer selbstverständlichen Lässigkeit zurücklegen - verlässt er den Laden um sich auf den Weg zur Bank zu begeben. Zähneknirschend muss er nach Ansicht des Echtzeitkontostandes feststellen, dass er Karneval wohl nicht so ausschweifend feiern können wird wie ursprünglich geplant.

Echtzeitkontostand hin oder her, er entscheidet sich dafür, diesen Monat etwas kürzer zu treten und die Unterwäsche zu kaufen. Das mit Bedacht ausgesuchte und eigentlich budgetsprengende Geschenk kann unter Umständen am Valentinstag dazu führen, dass die Beschenkte misstrauisch wird, denn natürlich wird dem Mann nicht zugetraut, dass er Konfektions - und Körbchengröße kennt geschweige denn soviel Geschmack hat. Schnell kommt die Frage auf den Tisch, welche Frau denn bei der Auswahl geholfen habe.

Aber wenn die Männerschaft sich nun in Selbstmitleid suhlt und glaubt, dass Frau völlig stressbefreit und entspannt dem Valentinstag entgegensieht - Fehlanzeige. In freudiger Erwartung neuer Unterwäsche und den perfekten Valentinsabend immer fest im Blick, beginnt schon früh die vorbereitende Schönheitstortur. Frei nach dem Sprichwort "Wer Schön sein will muss leiden" heißt es: Von A wie Augenbrauen Zupfen, über H wie Heißwachs bis Z wie Zehennägel lackieren muss von oben bis unten das volle Programm durchgezogen werden. Auch die frisch angefressenen Weihnachtskilos sollen, so der Plan, damit die Unterwäsche dann auch passt, bitte sehr abtrainiert sein. Natürlich klappt das nicht, weil das

Hüftgold nicht so schnell runter will, wie der Valentinstag näher rückt. Zunehmend frustriert und vom Stress bestärkt resultiert aus alledem zunächst nur eines: Gereizte Stimmung und Valentinsfrust. Und alles nur, weil der 14. Februar ist. Und wer nun trotzdem zum Valentinstag etwas schenken möchte? Wie wäre es mit einem ehrlichen aufrichtigen Brief, in dem steht, wie schön es doch ist, dass man keinen festen Tag im Jahr braucht um sich zu zeigen, wie sehr man sich liebt? Franziska Röhr Foto: Sven Albrecht

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vom leben da (n) neben

Wenn ich eines aus meinen Piep-und-scheiß-zwanzig Lebensjahren gelernt habe, dann das: never say never. Als besonders frustrierend entpuppt sich diese Phrase allerdings dann, wenn ich es trotzdem tue, also „niemals wieder“ sage (und das betone ich immer besonders dramatisch), diesem „nie“ Augenblicke später naiv widerhandele, und dann in gewissen Fällen (wie diesem hier) in unschöne Erklärungsnot gerate.

Das Thema meiner vorletzten Kolumne drehte sich um die Aussage „Ich date nicht mehr“ mit allerhand Auszügen aus meiner Verabredungsvergangenheit, welche diesen Entschluss bekräftigen sollten. Und ja, irgendwie erlebe ich in diesem noch so blutjungen Jahr eine RendezvousRenaissance. Angefangen hat alles recht harmlos: auf die handelsüblichen Randbemerkungen a la „Ich hab DEN Kerl für Dich gefunden“, reagierte ich nach wie vor skeptisch, allerdings beließ ich es nicht bei meinem automatisierten Augenverdrehen mit anschließendem, sehr abrupten, Themenwechsel, sondern ließ eine Salve an Fragen folgen: Wie alt? Wie sieht er aus? Was macht er beruflich? Hat er seine letzte Beziehung schon verdaut? War er schon mal in einer geschlossenen Anstalt? Also das, was man eben so wissen muss. Nicht, dass ich ernsthaft interessiert gewesen wäre, aber mein Scheiß-beinahe-dreißigstes Lebensjahr pitscht mir in meine wachsenden Tränensäcke, weswegen sich wohl ein natürlicher Nur-nicht-alleine-sterben-Gedanke in mir breit macht. Ich wollte „niemals“ verkuppelt werden, doch plötzlich erschien mir die Vorstellung, dass Freunde vielleicht ein besseres Gespür für potentielle Liebe hatten als ich, gar nicht mehr so abwegig. Natürlich wurde bisher nichts daraus. Während ich dies hier schreibe, ertappe ich mich bei einem mitleidigen Lächeln. Das ist ja doch ziemlich traurig. Nichtsdestotrotz war ich neulich aus, mal wieder so richtig

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Foto: Corinna Kern

wild und dreckig feiern. Alles ganz spontan, wir sind ja jung, alles mit verschwitzten Klamotten, alles mit viel Alkohol und keiner Nahrungsaufnahme zuvor (ich wollte „niemals“ wieder saufen, ohne vorher gegessen… usw.). Ich tobe über die Tanzfläche, knutschte beiläufig mit einer Freundin rum, trank Unmengen an Wodka-Energy, fiel mindestens fünf „Ehemaligen“ um den Hals, und auch einmal auf den Boden, als meine ohnehin stark beeinträchtigte Balance kurzzeitig ganz aussetzte. Irgendwann hüpfte ich unrhythmisch, da sich zwar alle Indie-Lieder gleich anhören, ich aber nie eines wieder erkenne, vor dem DJ-Podest, flirtete mit der Plattenmeisterin, ich war richtig gut drauf, und stellte überrascht fest, dass da gleich zwei junge Herren versuchten, mit mir Kontakt aufzunehmen. Kurz entschlossen drehte ich dem nicht-ganz-so-Hübschen meinen klitschnassen Rücken zu und flirtete mit dem anderen, auch bekannt als: das Unterhemd. Die ersten zwei Minuten fühlte ich mich fabelhaft, jung, begehrenswert, sexy, und hochinteressant. Als der Smalltalk beendet war, küssten wir uns, das war sogar nett, machten mal kurz Pause, quatschten, gerieten dabei ein bisschen aneinander, küssten uns wieder, ich gab ihm meine Nummer (wollte ich „nie wieder“ machen, wenn ich einen im Tee hab), erzählte ihm, wo ich arbeite (kam „NIE“ in Frage), wir küssten uns wieder, hörten auf, diskutierten ein wenig heftiger und verließen die Party schließlich, um gemeinsam Döner zu essen.

Das heißt: Er aß, ich kostete. Als ich dann am nächsten Tag völlig verkatert auf meiner Couch vegetierte, rief er an. Ich dachte, na ja, „denken“ ist in diesem Zusammenhang vielleicht das falsche Wort… ich halluzinierte, dass dies meine Chance war, aus einer völlig belanglosen Partyknutschnummer etwas Großes heraus zu holen. Das tun doch andere, normale Leute auch, nicht wahr?! Also nahm ich ab und strengte mich an, so richtig sympathisch zu klingen, mit „Wie geht’s?“ und „Wie war Dein Arbeitstag bisher?“ und all den anderen, netten, höflichen Fragen. Stunden später, und immer noch betrunken, wankte ich zur Arbeit. Auf dem Weg dorthin überkam mich ein ungutes Gefühl. Hatte ich ihm tatsächlich angeboten mich dort zu besuchen? Kurze Zeit darauf gab mir seine Anwesenheit die Antwort. Mit einer Mischung aus Aufregung, Distanz und, ja, auch ein wenig Abscheu, setzte er sich an einen der Tische. Im ca. dritten Satz ließ er verlauten, dass er das Café schon kenne, es aber nie besucht hatte, weil es einfach nicht seinem Stil entspräche (Noch immer lächelte ich tapfer). Zwischen dem Gästebetrieb und den Spülmaschinengängen klapperten wir gegenseitig unsere Vita ab. Er erinnerte sich noch daran, was ich gestern erzählte, ich hatte keine Ahnung. Doch, eine! Nämlich die, dass dieses Treffen ganz schön in die Hose ging. Nachdem ich ihm mitteilte, dass ich auch hin und wieder als Lifestyle-Journalist tätig sei, verdrehte er die Augen und sagte: „Uuh, Lifestyle, das

interessiert mich ja so gar nicht!“. Wenige Minuten später beendeten wir den kläglichen Restversuch einer Unterhaltung. Im Hinausgehen rief er mir noch zu, dass ich mich ja bei ihm melden könne, wenn ich wolle. Ich konnte den Gedanken „Never, Darling!“ nicht unterdrücken, schenkte ihm aber dennoch mein süßestes Lächeln. So langsam glaube ich das mit der Beziehungssuche zu verstehen: Die Ansprüche reduzieren, nicht zu rigoros sein, alle Möglichkeiten offen halten. Man weiß ja schließlich nie, was am scheiß-dreißigsten Geburtstag erst alles passiert. Marcel Doganci

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Ausblick von An覺tkabir von: Jasmin Dienstel

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Erasmus in Ankara

Der Löwenweg

Ständig die Frage „Wie gefällt dir Ankara?“ Meine Antwort darauf war stets: „Sehr gut.“ Und dann kam auch schon die nächste Frage: „Warst Du noch nie in Istanbul?“ Diese beiden Fragen wurden mir während meines einsemestrigen Aufenthalts in Ankara ständig gestellt. Anscheinend halten die Türken nicht so viel von ihrer eigenen Hauptstadt. Und zum damaligen Zeitpunkt war ich tatsächlich noch nie in Istanbul gewesen, doch das änderte sich später. Im Nachhinein kann ich verstehen, dass alle so begeistert von der Metropole am Bosporus sind. Im Gegensatz zu Ankara ist hier nämlich das Meer vor der Tür und das ist es, was man an der Türkei so liebt. Doch Ankara hat mir trotzdem sehr gut gefallen, auch wenn ich dafür oftmals von meinen Kommilitonen kopfschüttelnd angesehen wurde. Sicher, in Ankara gibt es nicht so viel zu sehen, bis auf das Atatürk-Mausoleum. Aber es ist eine relativ überschaubare Stadt und mit ca. 4,4 Millionen Einwohnern um ein vielfaches kleiner als Istanbul. Dafür aber auch nicht so erdrückend. Und immerhin ist Ankara der Ausgangspunkt der modernen Türkei. Im Mausoleum Anıtkabir (Grabdenkmal) liegt der Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk begraben. Ein 1923 Meter langer Weg führt zum Mausoleum. Die Zahl ist deshalb so bedeutsam, weil sie sich auf das Jahr der Staatsgründung der Türkei bezieht. Ankaras Landschaft ist überwiegend

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karg. Die Stadt an sich ist sehr abwechslungsreich. Es gibt eher traditionelle Stadtteile, die einem ein „typisches Bild“ der Türkei vermitteln, durch hupende Taxis, viele hektische Menschen und Straßenhändler mit Simit (einem Sesamring). Und es gibt wirklich tolle Stadtteile in Ankara, die ziemlich europäisch anmuten und in denen man ganz toll essen, trinken und feiern kann. Mit Cocktails war’s allerdings nicht immer so gut bestellt, aber die türkischen Barkeeper mixen einem alles zusammen, was man ihnen vorschlägt – ein echtes Plus. Mein Lieblingsstadtteil war Bestepe mit der yedinci caddesi (die siebte Straße). Dort gab es viele Cafes und Bars – ein beliebter Treffpunkt für Studenten. Außerdem sehenswert ist auch der AtakuleFernsehturm, in dem sich ein drehendes Restaurant befindet, von dem aus man einen tollen Ausblick über die Stadt hat. Als ich mein Auslandssemester absolvierte, war die Başkent Universität (Başkent bedeutet übrigens Hauptstadt) ziemlich neu im Erasmus Programm. Deshalb hatte die Hochschule noch nicht so viel Erfahrung mit Gaststudenten. Trotzdem – oder gerade deshalb – wurde ich auf die typisch türkische herzliche Art empfangen. Da es eine private Uni, mit relativ wenigen Studierenden ist, war stets ein enger persönlicher Kontakt gegeben und ich wohnte direkt auf dem Campus in einem Studentenwohnheim. Im Gegensatz zu hiesigen Sitten, nimmt man es in der Türkei etwas genauer, so war beispielsweise das Wohnheim unterteilt in Männer und Frauen und keinem der beiden Geschlechter war es gestattet, sich in den Trakt der anderen zu begeben. Höchstens unter Aufsicht

– falls mein Internet wieder mal nicht funktionierte. Dafür gab es aber jede Menge Annehmlichkeiten im Studentenwohnheim: Zwei Restaurants, einen Waschsalon, ein Internetcafe, einen Fernsehraum (mit jeder Menge türkischer Programme) und auch einen Supermarkt. Eins hätte ich beinah vergessen: Ein medical center, für die kleinen und großen Krankheiten. Auf dem Campus war alles vertreten, was man zum Leben brauchte – einziger Nachteil, wer nicht bis Mitternacht aus der Stadt zurück war, musste auch in der Stadt übernachten. Dafür gab es aber einen extra Bus-Shuttle-Service, eigens für die Studenten eingerichtet. Überall in der Stadt, wo das Logo der Uni an Bushaltestellen angeschlagen war, brachte der Bus die Studenten zurück zum Unigelände. Wenn man mit dem Taxi zurückfuhr, was in der Türkei nichts Ungewöhnliches ist, musste man sich am Eingang einer Sicherheitskontrolle unterziehen – denn Unbefugte haben keinen Zutritt zum Campus. Ebenfalls auf dem Gelände untergebracht waren eine Moschee und eine kleine Kaserne. Vor letzterer standen bereits morgens früh Soldaten, direkt gegenüber der Bushaltestelle. Dort habe ich mal den halben Sonntagmorgen verbracht, weil der Bus einfach nicht kam. Man nimmt es halt hier manchmal nicht so genau mit den Fahrplänen. Da ich zu diesem Zeitpunkt die einzige Austauschstudentin war, wollte man mich ständig dazu überreden, einem Interview mit dem Universitäts- Radiosender teilzunehmen. Ich habe es jedoch erfolgreich geschafft, mich darum zu drücken. Wie bereits erwähnt, ist die

türkische Gastfreundschaft berüchtigt. Überallhin wurde ich eingeladen, egal ob von Kommilitonen oder Dozenten. Alle waren immer sehr freundlich und haben sich beinahe rührend um mich gekümmert. Neben allen Vorteilen gab es aber auch ein ziemlich strenges und umfangreiches Lernpensum. Während ich es hier in der Uni gewohnt war, Seminare zu besuchen und irgendwann am Ende eine Hausarbeit zu schreiben, musste ich mich in Ankara ganz schön umgewöhnen. Dort waren mehrere Tests, Referate und Reportagen nötig um ein Seminar zu bestehen. Ich bekam sogar extra Privatunterricht in Türkisch, damit ich den Seminarinhalten wenigstens teilweise folgen konnte. Denn die Seminare waren, anders als vorher angekündigt, zum größten Teil auf Türkisch. Bei einem dreistündigen Kurs, wie es in der Türkei üblich ist, die Konzentration beizubehalten, besonders wenn man nur einen Bruchteil versteht, ist gar nicht so einfach. So blieb aber oft genug Zeit, sich über andere Dinge Gedanken zu

machen. Insgesamt ist das System auch schulischer aufgebaut als in Deutschland. Die Seminare sind viel kleiner, es gibt weniger Vorlesungen und mehr kleinere Veranstaltungen. Zumindest war das in der Başkent Universität so. Dafür war der persönliche Kontakt stärker im Vordergrund. Die Dozenten kannten alle Studenten mit Namen – was in einer deutschen Universität beinahe undenkbar ist. Und dadurch, dass viele Studenten direkt auf dem Campus wohnten, war der ganze Betrieb auch nicht so anonymisiert, wie man es von deutschen Hochschulen gewohnt ist. Neben all den schönen Erinnerungen an die Türkei habe ich auch ein „Bus-Trauma“ zurückbehalten: Ich war nämlich insgesamt 18 Stunden in einem türkischen Bus mit einer defekten Heizung „gefangen“. Der Grund für die lange Busfahrt lag an dem starken Verkehrsbetrieb an einem der nationalen Feiertage. Wir waren unterwegs in Richtung Çanakkale, einer Provinz im

Nordenwesten der Türkei, in der sich auch das antike Troja befindet. Das war allerdings nicht der Grund der Reise: Çanakkale war der Austragungsort der Schlacht von Gallipolli während des Ersten Weltkriegs. Auch bekannt als die Dardanellenschlacht. Von der Halbinsel wurde eine Invasion auf die damalige Hauptstadt Istanbul geplant. Trotz starker Verluste auf allen Seiten, siegten die Osmanen. Heute befinden sich auf der Halbinsel zahlreiche Gräber und Gedenktafeln, die an die Gefallenen erinnern. Zu erreichen ist die Halbinsel mit einer Fähre. Der Ausflug war insgesamt sehr interessant, die Menschenmassen, die zu den Feierlichkeiten gekommen waren, beeindruckend. Und ich habe damals sogar den türkischen Premierminister gesehen. Überschattet wurde das alles nur von der unendlich langen Busfahrt. Diese Fahrt habe ich aber durch einen anschließenden Strandurlaub in Fethiye gut verarbeitet. Text und Bilder: Jasmin Dienstel

Anıtkabir, das Atatürk-Mausoleum

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Interview

Carlos ist 29 und kommt aus Paraguay. Seit drei Jahren wohnt er nun in Köln und studiert den Bachelorstudiengang Banking and Finance an der Fachhochschule Köln.

Meins: Lebst du gerne in Köln?

Meins: Wie gefällt dir die Stadt?

Meins: Denkst du, dass dir dein Studium in Deutschland etwas bringt?

Carlos: Ja, sehr. Vor allem wegen der netten Leute. Außerdem ist hier viel los und Köln ist eine internationale Stadt, was mir sehr gefällt. Gerade am Anfang, als ich noch kein Deutsch gesprochen hab, war es sehr hilfreich, dass hier viele Menschen spanisch sprechen, nicht nur Muttersprachler, sondern auch Deutsche. Damit hab ich auch leicht Kontakt zu Deutschen bekommen.

Carlos: Die Stadt ist toll. Die Architektur ist zwar hässlich, aber die Stadt hat eine interessante und vor allem lange Geschichte. Köln hat viel zu bieten und die Leute sind ziemlich unternehmungslustig und die Bars immer voll. Die Stadt ist zwar klein und überschaubar, aber trotzdem hat man hier alles was man braucht. Ich bin sehr zufrieden gerade hier zu leben.

Carlos: Das Studium gibt mir auf jeden Fall schon mal die Möglichkeit in Deutschland zu arbeiten. Das Studium ist außerdem im Ausland gut angesehen Es ist ja heutzutage sowieso wichtig Fremdsprachen zu beherrschen. und man lernt meiner Meinung nach durch ein Studium die Sprache viel besser, als man wenn man nur irgendwo arbeiten würde. Natürlich habe ich dadurch auch Einschränkungen, dass ich deutsch nicht wie ein Muttersprachler beherrsche. Ich muss mehr lernen als meine Kommilitonen, dafür kann ich nach jeder bestandenen Klausur umso stolzer sein.

Meins: Was wirst du an deinem Leben in Köln vermissen, wenn du mal nicht mehr hier bist?

Carlos: Die Braustelle in Ehrenfeld! Sie haben so ein leckeres selbstgebrautes Bier und die Atmosphäre gefällt mir. Außerdem werde ich die FH vermissen, die netten Leute dort und die Freunde, die ich gefunden habe. Und natürlich Karneval. Das gibt es zwar in Paraguay auch, aber man kann es eigentlich nicht vergleichen. Die Züge gefallen mir in Paraguay zwar viel besser, da sie bunter sind und sie Leute tanzen und singen, aber hier finde ich es toll, dass sich einfach jeder verkleidet.

Meins: Was wirst du gar nicht vermissen?

Carlos: Das Wetter natürlich. Es ist einfach schrecklich. Auch mit dem deutschen Essen kann ich nicht viel anfangen. Kartoffeln mit Kräuterquark finde ich ziemlich langweilig und warum isst man eigentlich Kohlrabi?!

Meins: Wie wirst du Köln beschreiben, wenn du nach Paraguay zurückgehst?

Carlos: Ich werde vom Dom erzählen und seiner ganzen Geschichte. Außerdem von der guten Infrastruktur, die es hier und in ganz Europa gibt. Und natürlich von den Leuten.

Meins: Findest du es schade, so weit weg von deiner Heimat zu sein?

Carlos: Nein, ich wollte immer schon weit weg gehen. In Spanien zum Beispiel ist ja noch die Sprache gleich. Hier ist alles komplett anders. Das sollte jeder einmal erlebt haben. Und diese Erfahrungen werde ich immer überall hin mit nehmen können. Natürlich vermisse ich meine Familie und Freunde, aber meine Mutter wohnt jetzt in Madrid. Das ist ja quasi nebenan.

Interview geführt von: Sarah Kaes

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Next Stop:

San Francisco ...und jetzt? Mit der Fähre nach Alcatraz, mit dem Rad über die Golden Gate Bridge und eine Fahrt mit dem Cable Car sollten schon drin sein – so liest man es zumindest in jedem Reiseführer. Hat man diese Punkte abgehakt, ist man den meisten San Franciscanern wohl einiges voraus, denn die wenigsten der Einwohner haben das TouriPflichtprogramm schon selbst mitgemacht. Ganz im Gegenteil, sie zählen auf die Touristen, die ihnen dann davon erzählen sollen. San Francisco, übrigens von Touristen, aber nie von Einheimischen auch Frisco oder San Fran genannt, ist trotz der Lage in Kalifornien ganz und gar nicht warm. Die Temperaturen steigen kaum über 24 Grad Celsius, fallen dafür aber auch nie unter 0 – und die Sonne zeigt sich, trotz Wind und Nebel eben doch öfter als im deutschen Durchschnitt. Dennoch, Marc Twains Zitat trifft es auf den Punkt: Der kälteste Winter meines Lebens war ein Sommer in San Francisco.

Was ist es dann, wenn nicht sommerliche Temperaturen und die Top Sehenswürdigkeiten, was die Bewohner an ihrer Stadt fasziniert, sie reihensweise zu Green Card Bewerbern macht und die Mietpreise in die Höhe treibt?

Es ist eindeutig San Franciscos Freak Factor! lDas erste Bild von der Stadt, als ich voll bepackt mit meinen Koffern den Bahnhof verließ, war eine etwa 50köpfige RadfahrerKolonne, nackt bis auf die Pudelmütze. Sinn und Zweck dieser nudistischen Demonstration war das friedliche protestieren für mehr Fahrradwege. Welcome to San Francisco! Diese Stadt ist liberal und grün (Recycling ist hier eine Religion!!), trendy, multikulti und manchmal total abgefuckt! Und mehr als alle Sehenswürdigkeiten ist es genau das, was San Francisco so faszinierend macht. Kein Stadtteil gleicht dem anderen und oft trennt nur eine einzige Straße ganze Welten voneinander. Jedes Viertel hat seinen Charme und gute Gründe für einen Besuch. Die alte Goldgräberstadt ist kleiner als man denkt – gerade 2 Stunden Fußweg trennen den Westen vom Osten (es ginge schneller, wenn die meisten Straßen nicht so verdammt steil wären). Aber von der Größe

sollte man sich nicht täuschen lassen – die Stadt komprimiert eine unerwartete Vielfalt. San Francisco ist bekannt für seine Bay im Osten: Sonnenbadende Seelöwen, Skater und Touristen verbringen die meiste Zeit hier entlang der Piers. Der Mittelpunkt des Geschehens ist eindeutig Fisherman’s Wharf (Pier 39). An sommerlichen Tagen tummeln sich hier reihenweise Kameraträger, um den Shrimp-Kutter Bubba Gump, bekannt aus dem Streifen „Forrest Gump“, Alcatraz aus der Ferne oder die sonnenhungrigen Seelöwen zu fotografieren. Tipp: Eine lokale Delikatesse und ein absolutes Muss für Seafood-Liebhaber ist die Clam Chowder, eine cremige Krabbensuppe, die aus einer SauerteigHalbkugel gelöffelt wird und die man am Pier in so ziemlich jedem Restaurant bestellen kann. Hier kann man parallel zum Suppe Löffeln den Teller aus Sauerteig mitessen. Läuft man weiter südlich auf die Bay Bridge zu, ragt das Ferry Building hervor, dass seit 1898 jahrzehntelang als Tor in die Stadt diente, heute aber mehr Marktplatz für Delikatessen und Träger dicker Geldbeutel ist. Samstags treffen sich hier die lokalen Farmer und bieten das in Kalifornien sehr beliebte „Organic Food“ zu horrenden Preisen an.

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Tipp: Wer weniger Wert auf Schickimicki, aber mehr auf faire Preise legt und trotzdem frische Bioware kaufen will, steht am besten samstags gegen 8 Uhr morgens auf und fährt in den Süden der Stadt zum Farmers Market am Allemany Boulevard. Da kreuzen dann ab und zu freilaufende Hühner den Weg und die Buden sind mehr oder minder provisorisch zusammengenagelt, dafür zahlt man hier nur die Hälfte und trifft die Einwohner beim Wocheneinkauf. North Beach ist das Bella Italia der East Bay. Pizza, Pasta, Gelati und Vino, dazu noch „Ciao Bella!“ rufende Italiener machen das Bilderbuch-Klischee von Italien perfekt. Man sollte sich von dem Namen nicht in die Irre führen lassen, es gibt keinen Beach in North Beach! Dafür findet man hier eine der schönsten Aussichten auf die Bay Bridge und San Francisco, wenn man denn bereit ist, auf den Telegraph Hill hinauf zum 64 Meter hohen Coit Tower zu klettern. Tipp: Ein absolutes Muss für alle Knoblauchliebhaber ist “The Stinking

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Rose“ an der Columbus Avenue. Dieses mehrfach ausgezeichnete, mit tausenden von Knoblauchzehen dekorierte Restaurant ist erschwinglich und vor allem bekannt für eine Zutat: Knoblauch en masse. Das Menü bleibt seiner Linie treu, bis hin zur Knoblauch-Eiscreme als Dessert. Im Süden von North Beach gesellt sich zu dem Pizzaduft aus dem Holzofen der Geruch nach frischem Dim Sum und der Anblick aufgespießter Hühnerkrallen. China meets Italy, krasser könnte der Kontrast nicht sein. Bunte Drachenlampions, Mah Jongg, chinesische Tempel und gebogene Dächer (letzteres wohl der touristischen Erwartungen zuliebe) füllen das Bild von Chinatown. Es gibt keinen Stadtteil in San Francisco, der so belebt und dich besiedelt ist wie dieser. Tipp: Die Fortune Cookie Factory auf der Ross Alley produziert ca. 200.000 handgemacht Glückskekse pro Jahr. Man kann den Arbeiterinnen dabei zu schauen, wie geschickte und flinke Hände die Zukunft

in einen frisch gebackenen Teig legen und zu Keksen zusammenfalten. Ein Schritt durch das Dragon Gate und man verlässt China in Richtung Realität. Das Shoppingparadies und Hotelzentrum der Stadt mit dem Union Square im Zentrum, im allgemeinen Downtown genannt, erstreckt sich bis zum Financial District. Ein Wolkenkratzer reiht sich an den nächsten und Geschäftsleute mit großen Sonnenbrillen und kleinen Handys hasten durch die Straßen des Bankenzentrums. Tipp: Was selbst viele Einwohner nicht wissen: Auf den Hochhäusern befinden sich oft wunderschöne Dachgärten, frei zugänglich für die Öffentlichkeit und mit einem grandiosen Blick über die City. Hier kann man mit einem Knopfdruck auf den Fahrstuhl dem Lärm der Großstadt entfliehen. Den krassen Kontrast zum Finanzzentrum bietet The Haight im Osten der Stadt. Statt Banknoten regiert hier noch der

antikapitalistische Spirit des Summer of Love. Wenn man die Haight-Street entlang läuft, wird man von bonbonfarbenen viktorianischen Häusern, Buddha-Figuren, Glasvorhängen förmlich erschlagen – und ein permanenter Hauch von Marihuana liegt in der Luft. Einmal im Jahr, zur Haight Street Fair, tummeln sich Hunderte von Hippies und Punks auf den Straßen und lassen vermuten, dass der berühmte Nebel San Franciscos doch nur eine dicke MarihuanaQualmwolke über Haight-Ashbury ist. Tipp: Im Sommer ist der riesige Golden Gate Park westlich der Haight the place to be! Hier gibt es neben Museen, dem japanischen Teegarten und der California Academy of Science jeden Tag ein Geldbeutel schonendes Angebot an Gratis-Konzerten, Sportangeboten oder einfach die Möglichkeit, sonnenhungrigen Picknickern beim Chillen zuzuschauen. Und nicht wundern, wenn man an jeder Ecke ein Weed-Angebot zugeflüstert bekommt - die Polizei toleriert dies mehr als Alkohol in der Öffentlichkeit

In Richtung Süden, vorbei an den Zwillingshügeln Twin Peaks vorbei, die dank der fantastischen Aussicht wohl zu den beliebtesten Plätzen für Heiratsanträge zählen, ragt sie hervor, die gigantische Regenbogenflagge des Castro Viertels am Harvey Milk Plaza. The Castro, auch bekannt als “Gay Capital of the World“ hat eine mehr als 60prozentige homosexuelle Bevölkerung und beherbergt viele der angesagtesten Cafes und Szene-Bars der Stadt. Von da einmal über den Mission Dolores Park laufen und schon ist man in Mexico – gefühlt zumindest. Taquerias, bunte Wandmalereien und viele lateinamerikanische Geschäfte prägen das Bild der Mission. Und egal wie tief der Rest von San Francisco im Nebel versinkt, die Mission sonnt sich. Je weiter man in Richtung Nordwesten geht, desto höher die Mieten und desto teurer die Läden. Der Gipfel ist Marina, für wohlbetuchte San Franciscaner ein

beliebtes Wohnviertel. Und von hier ist es auch nicht mehr weit bis zum Wahrzeichen Nr.1, der Golden Gate Bridge. Die 1,6 km lange Brücke hält einen traurigen Rekord: Mit bisher etwa 2100 Selbstmördern ist sie der populärste Ort für Suizide. Makaber ist, dass selbst wenn sich ein potenzieller Selbstmörder entscheiden würde, eins der zahlreichen Notruf-SeelsorgeTelefone zu benutzen, er aufgrund der lauten Windgeräusche und des hohen Verkehrsaufkommens nichts verstehen würde. Wenn man dann aber die Golden Gate Bridge in Richtung Sausalito passiert, lohnt sich ein Blick zurück auf die Skyline San Franciscos: Wer weiß, wie lange die Stadt der Liberalität, der Hügel und steilen Straßen noch von dem nächsten Erdbeben verschont bleibt.

Text und Fotos: Dominika Dudzik

FernSicht

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Foto: Corinna Kern

ErkenntnisReich Foto: Ely Weinzetl

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ErkenntnisReich

ErkenntnisReich

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ErkenntnisReich forscht:

Die RNA ist kein langweiliger Zwischenschritt Der Mechanismus in der Proteinbiosynthese wird zurzeit gründlich überarbeitet.

Abwehrzellen sind die Schnellsten

Foto: Ely Weinzetl

Chemotherapie bei Brustkrebs erfolgreich anwenden Unter bestimmten Bedingungen scheint eine Chemotherapie die größten Heilungschancen zu verzeichnen. Eine Chemotherapie wirkt am Besten, wenn das Immunsystem der Patientin im Bereich des Tumorgewebes bereits aktiv ist. Die Arbeitsgruppe um Professor Carsten Denkert vom Institut für Pathologie am Campus Charité Mitte in Berlin untersuchte 1000 Tumorgewebeproben, die vor Therapiebeginn entnommen wurden. Diese Proben wurden auf die Anwesenheit von Abwehrzellen untersucht. Wenn im Tumorgewebe vermehrt Abwehrzellen vorhanden waren, hat die Chemotherapie bei etwa 40 Prozent der Patientinnen den Brustkrebs zerstört. Eine komplette Heilung durch Chemotherapie ohne diese Abwehrzellen im Tumorbereich war

dagegen nur bei drei bis sieben Prozent der Patientinnen möglich. Dieses Ergebnis hilft individueller auf jede Patientin einzugehen, um die optimale Therapie zu finden. "Wir können dann Chemotherapien gezielter einsetzen und unnötige Nebenwirkungen vermeiden", sagt Herr Denkert. Der Forscher hofft, durch die Kombination von Chemo- und Immuntherapie den Brustkrebs noch besser zu bekämpfen, Denn Brustkrebs ist keine Seltenheit: Jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens daran. Christine Willen

Abwehrzellen (auch weiße Blutkörperchen oder Leukozyten genannt) machen Krankheitserregern, körperfremden Strukturen oder fehlerhaften Zellen das Leben schwer. Leukozyten schützen unsere Gesundheit, indem diese Übeltäter ausfindig gemacht und zerstört werden. Dabei kommt es auf jede Sekunde an. Abwehrzellen bewegen sich 100-mal schneller als alle anderen Zelltypen – egal auf welchem Untergrund. "Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass sich Leukozyten immer mit der gleichen Geschwindigkeit bewegen, egal ob sie auf rutschigem oder griffigem Substrat wandern", sagt Michael Sixt, Forschungsgruppenleiter am MPI für Biochemie in Martinsried bei München. Abwehrzellen folgen einem Lockstoff, der von den Krankheitserregern freigesetzt wird. Auf direktem Weg, ohne Umschweife nehmen sie die Verfolgung auf. Das geht nur mit speziellen Zellankern, so genannten Integrinen auf der Zelloberfläche der Leukozyten. Ähnlich wie bei Spikes an Rädern oder Schuhen ermöglichen Integrine eine gute Haftung auf jeder Oberfläche. Und nicht nur das: Befindet sich eine Zelle mit einer Hälfte auf rutschigem und mit einer Hälfte auf griffigem Untergrund, ist das auch kein Problem. Denn dann passt sich das Zellskelett entsprechend lokal an – ähnlich wie bei einem Differentialgetriebe. "Die Wanderungsrichtung bestimmt somit ausschließlich der Lockstoff und dieser hält sich in seiner Ausbreitung genauso wenig an Gewebegrenzen und Unebenheiten wie der wandernde Leukozyt selbst", schlussfolgert der Mediziner. Damit sind Abwehrzellen die wagemutigsten und schnellsten Flitzer in unserem Körper.

Der Weg von der Erbinformation, der so genannten DNA (Desoxyribonukleinsäure), über die RNA (Ribonukleinsäure) bis hin zu den aminosäurehaltigen Proteinen in der Zelle wird umfassender reguliert: Bisher ging man davon aus, dass die RNA lediglich eine einfache Kopie der DNA ist, um damit die lebenswichtigen Proteine zu codieren. Bei Bakterien und Pflanzen konnte nachgewiesen werden, dass die RNA sogar regulatorische Funktionen übernimmt. „Die bisherigen Arbeiten weisen das enorme Potenzial von RNA in vielen zellulären Prozessen nach. Ich bin mir sicher, dass

dieses Potenzial in allen Lebewesen sehr viel stärker genutzt wird, als bisher angenommen.“, verkündet Andreas Wächter vom Zentrum für Molekularbiologie der Pflanzen (ZMBP) der Universität Tübingen.

Woher kommt dieser Sinneswandel? Erst jetzt hat man erkannt, dass der RNA-Einzelstrang bestehend aus vier verschiedenen Bausteinen, räumliche Strukturen ausbilden kann. Diese dreidimensionalen Faltungen der RNA ermöglichen die Interaktion mit anderen Molekülen und mit sich selbst. Wächter stellt die klassische Genetik in Frage:

„Man ging bisher davon aus, dass die RNA nur eine passive Rolle spielt und alle Entscheidungen von Proteinen getroffen werden. Eine sehr elegante Lösung wäre hingegen, wenn die RNA selbst diesen Prozess beeinflussen kann, ohne erst den Umweg über Proteine zu gehen.“ Genau das scheint der Fall zu sein. Die RNA ist ein schnelles und effizientes Mittel zur Regulation der zahlreichen Auf- und Abbauprozesse in einer Zelle.

Christine Willen

Foto: Ely Weinzetl

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Du hast eine Vorstellung, wie es ist Transsexuell zu sein? Dann brauchst du das hier ja nicht lesen. Oder doch? Katharina hat dunkle Haare, die sie teilweise grün gefärbt hat. Sie trägt schwere Stiefel und schwarze Klamotten. Ich verorte sie irgendwo in der Gothicszene. Aber ich hab‘ mit meinen ersten drei Sätzen schon einen schweren Fehler gemacht: Katharina möchte Karsten sein. Deshalb sage ich ab jetzt „er“ anstelle von „sie“. „Bei Transsexuellen zählt in der Anrede nicht das derzeitige biologische Geschlecht, sondern das Wunschgeschlecht“ sagt Karsten und rührt in seinem Tee. Willkommen im Tagebuch eines Transsexuellen Mannes.

Transitionstagebuch – Start

Karsten. Der Einfachheit halber? Jeder Transsexuelle Mensch muss sich einen neuen Namen aussuchen, den er dann sein Leben lang trägt. Nur selten vergeben die Eltern bei der Geburt einen Unisexnamen. Karsten liegt nah an Katharina, ist aber klar als ein männlicher Name wahrnehmbar. Und Karsten fängt mit einem „K“ an, genauso wie Katharina. Das macht schon mal die Unterschrift einfacher: K. Nachname. Immer K. Katharina gibt es nicht mehr, es soll jetzt Karsten sein. Aber bis es wirklich Karsten sein wird, ist es ein langer Weg und da man in Deutschland mit seiner Unterschrift nicht einfach machen kann, was man möchte, ist es ab jetzt erstmal K.

Foto: Ely Weinzetl

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Außerdem habe ich das dort [im Ausland] auch schon gemacht, da ich es meinen Freunden dort schon erzählt hatte.“ Was ist denn dort passiert, dass aus ihr ein er wird? Seit wann wusste er es denn schon? – Die Grundannahme, dass ein Transsexueller Mensch eines Tages aufwacht und sich denkt „Hey, eigentlich habe ich das falsche Geschlecht!“ ist aus den Köpfen der CIS nicht rauszubekommen, so Karsten. CIS? CIS, das sind die Menschen, die ihr biologisches Geschlecht akzeptieren und auch leben. Also normale Menschen? „Normal“, wieso denn normal? Was bitteschön ist denn normal? Der Wunsch auf ein selbstbestimmtes Leben mit einem selbstbestimmten Geschlecht oder ein Leben in dem man sich seinem biologischen Geschlecht zwangsweise unterordnet? Und was ist mit intersexuellen Menschen? Karsten redet sich ein wenig in Rage. Ok, der Begriff „normal“ ist ab jetzt gestorben. Also CIS. CIS ist ein grammatikalisches Präfix, genauso wie TRANS. CIS ist das Gegenteil von TRANS. Während Trans immer bedeutet, dass etwas gegenüber liegt, liegt alles was Cis ist, auf dieser Seite. In Karstens Vokabular ist CIS schon ein gefestigter Begriff für alle Menschen, die nicht transsexuell sind. Ungeachtet dessen, was diese Menschen mit ihrer Sexualität dann anfangen, ob sie hetero oder homo sind.

Karsten hat darum gebeten nicht mehr Katharina genannt zu werden.

Bei der Ansprache eines Transsexuellen respektiert man das Zielgeschlecht.“

Aber warum denn überhaupt? Karsten hat sich mir gegenüber am Anfang des Semesters geoutet, wie auch dem Rest des Kurses gegenüber, den wir zusammen besuchen. Dozenten, Professoren und Kommilitonen – alle hat Karsten angesprochen und darum gebeten jetzt nicht mehr Katharina genannt zu werden. Dabei beließ er es auch erstmal, die Erklärung schwirrte allen sofort im Kopf herum.

Der Umgang mit einem transsexuellen Mann erscheint zunächst nicht einfach, zumindest nicht, wenn man sich politisch korrekt verhalten möchte. Ich sage transsexueller Mann und nicht transsexuelle Frau, da man im Umgang mit transsexuellen Menschen stets das Zielgeschlecht respektiert. Somit ist Karsten ein transsexueller Mann, obwohl er biologisch noch eine Frau ist. Das klingt zunächst nach einem Regelwerk, dabei muss man nur einmal darüber nachdenken, wie man sich selbst fühlen würde.

Katharina ging für ein Auslandsjahr in den fernen Osten und kam wieder als Karsten. „Es ist einfacher das Outing zusammen mit der Wiederankunft in Deutschland anzusetzen, da ich eh meinen Freundeskreis reaktivieren und neu aufbauen musste.

Und warum nun das ganze? Karsten sagt, es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass es einen Tag gab, ab dem unumstößlich feststeht transsexuell zu sein. Also gut. Aber ab wann weiß man es denn?

Festzustellen, dass die eigene Sexualität von der Heteronormativität der Gesellschaft abweicht ist ein schleichender Prozess. Es ist so, als wäre es ein Leck in der Wand des eigenen Ich. Ab und an tropft es durch die Wand hinein. Mit Ausreden, Ausflüchten und Entschuldigungen versucht man zunächst diese Löcher zu stopfen und die schöne Wand, auf der der Einklang zwischen einem selbst und dem vorgelebten Rollenbild der Gesellschaft um einen ruht, in Schuss zu halten. Doch immer wieder leckt es, die Löcher wollen nicht dicht bleiben, immer wieder dringt etwas hindurch. Also gut, hinter dieser Wand verläuft ein Wasserrohr, das wird es sein. Vielleicht muss man nur an dieses Rohr herankommen um zu merken, was denn da leckt. Dann kann man es einmal reparieren und es hört auf zu lecken. Doch beim vorsichtigen Kratzen an der Wand, an der Fassade der eigenen geschlechtlichen Identität wird klar, dass dort mehr hinter steckt. Hinter dieser Fassade, die einfach schon immer da war, befindet sich mehr. Es tropft inzwischen nicht mehr, es hat sich schon ein nicht enden wollender Rinnsaal gebildet. Die Ausreden, Erklärungen und kleinen Notlügen reichen nicht mehr, um diesen Rinnsaal zu stoppen. Er weitet sich aus und bald wird klar, dass es gar keine Wand ist hinter der etwas lauert in einem undichten Wasserrohr. Es ist ein Damm. Ein Damm der so vieles von einem selbst aufgestaut hat und darauf wartet zu brechen. Die Architektur der Prägung der Normativität kann den Damm nicht mehr genügend stützen, bis er schließlich bricht und das Wasser sich den Weg ins Freie sucht. Dieser Dammbruch ist das Outing, der Moment, an dem ein transsexueller Mensch an seine Freunde und Kollegen herantritt und es jedem erzählt. Wann aber das Wasser zu tropfen begann, das kann Karsten nicht sagen. „Es war schon immer da.“ Es gibt also nur einen Tag, an dem der Entschluss feststeht von nun an das Leben umzubauen, sich seinem innersten Wunsch hingeben zu wollen und nicht mehr Frau oder Mann zu sein, sondern Mann oder Frau. Diesen Zeitpunkt kann mann meistens bestimmen. Das Gefühl anders zu sein, dass lässt sich jedoch nicht datieren – aber es ist da, und es ist stark.

Niels Walker

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Foto: Eva Helm


Das Beste der Stadt

Subbelrather Hof - Centrum für Lebensenergien Der Erbauer des urig-kölschen bis himmelschreiend eicherustikalen Subbelrather Hof in Neuehrenfeld hätte es sich wohl zu Lebzeiten nicht träumen lassen, seine Wirtschaft zu "Centrum für Lebensenergien" zu küren.Im Gegenteil. Offenbare Pleite und längerer Leerstand zeugten bis vor kurzem gerade von mangelnder Energie. Ziemlich genau bis diese Kneipe von einer Kölner Brauerei unter dem Motto "Eigene Kneipe" verlost wurde. Und ziemlich genau bis Bleibtreuboy und Powerfun, ihres Zeichens DJs und Personal Trainer des 'Team Rhythmusgymnastik' diesen Wettbewerb mit viel Lebensenergie für sich entschieden und das Centrum im November 2009 neu eröffneten: Mit pinken Wänden, Schneewittchensitzkissen, Mariokart und Leinwand mit "Die Schöne und das Biest". Mit Massagesessel, türkischem Abend jeden Dienstag und Kopfhörerdisco an den Wochenenden.

Subbelrather Hof - Centrum für Lebensenergien. Täglich ab 19 Uhr, Subbelrather Str. 109, 50823 Köln. KVB: Linie 5 Gutenbergstr. www.subbelratherhof.de

Mit Spielzeugautomat, per Greifarm ansteuerbar. Natürlich mit regelmäßigen Fitnesseinheiten unter fachkundiger Anleitung der Rhythmusgymnasten und Hinweisschildern, die direkt aus der ergotherapeutischen Praxis zu stammen scheinen. Nur nebenbei und quasi selbstverständlich erwähnt das frische Kölsch und die breite Auswahl an Schnäpsen, samt unschlagbar grünem Waldmeisterlikör. So grauenerweckend sich die Einrichtungsgegenstände zwischen Pink, Glitzer, Eiche und Kacheln beißen, so durchmischt sind Publikum und Musik, so sinken Indies, Hiphopper, Elektros und hie und da Herr- und Damschaften jenseits der Fünfzig in Bierbank oder Massagestuhl zum Vorglühen, stummem Tanzen, Massieren oder Versacken. Gesundheitsbewusster Absturz: Wo sonst wäre das in Köln möglich? Niklas Wandt

Sonderschule der Ästhetik

Fußgängerzone

Weihnachten inklusive den dazugehörigen Einkäufen ist schon wieder über einen Monat her, doch der Schock sitzt noch immer tief. Menschenmassen zwischen engen Häuserwänden aufeinander losgelassen. Ein einiziges Strömen und Rempeln, allenthalben Körperkontakte mit Zeitgenossen, die man am liebsten noch nicht einmal ansehen möchte. Völlig unvermittelt verlangsamen sie ihren sowieso schon lethargisch anmutenden Schritt. Sie bleiben gelockt durch hell erstrahlende Schaufesnterauslagen oder gleich völlig unmotiviert mitten im Weg stehen. Sie weichen Entgegenkommenden nicht aus, scheinen diese noch nicht einmal wahrzunehmen. Mütter preschen vor, den Kinderwagen wie einen Rammbock vor sich, die unbegrenzte Rücksichtnahme der Mitmenschen schlichtweg verlangend, quer zu allen Bewegungen. Kein Gefühl für einen wie auch immer gearteten Fluß, für das flinke, geschmeidige Manövrieren durch sich plötzlich auftuende Lücken zwischen den Wänden aus dunklen Rückseiten. Nichts als unbeholfenens, spastisches Zucken, Aufeinanderprallen, Angeschoben werden. Eine rumpelnde, stockende, kaputte Riesenmaschine. Es hat so rein garnichts von einer Zahl mündiger Menschen, die rational einer Tätigkeit - Einkaufen - nachgehen. Das hier ist eine Horde kleiner Kinder. Unsicher, ein wenig eingeschüchtert und doch vom Spektakel des Konsums und ihrer selbst dermaßen unwiderstehlich hingerissen, wildgeworden. Fußgängerzone: das ist Krieg. Hier wird der Mensch des Menschen Wolf und ich für einige Stunden zum Menschenfeind. Felix Grosser

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"Da Wanda" – Marke Eigenbau liegt wieder im Trend

Individuelle Kleidung und Unikate müssen nicht teuer sein. Wem industrialisierte Massenware zu unkreativ ist, findet bei DaWanda.de mit Sicherheit das Richtige. Versteht sich der Online-Marktplatz doch entsprechend seinem Namen - DaWanda – ein afrikanischer Frauenname - bedeutet „Die Einzigartige - als eine Anlaufstelle für Menschen, die die Besonderheit von Unikaten zu schätzen wissen.

Mehr Infos unter: www.DaWanda.de

DaWanda ist ein relatives junges Unternehmen mit regem Zulauf. Im Dezember 2006 ging der Marktplatz für Unikate und Selbstgemachtes online. „Wir sind sehr stolz auf die Entwicklung unseres Marktplatzes. Wenige Wochen nach unserem Start, konnten wir 250 Hersteller mit 1.500 Produkten, 1.200 Mitglieder und 200.000 Page Impressions registrieren. Mittlerweile bieten 50.000 Hersteller 650.000 Produkte an. Wir verzeichnen über 420.000 Mitglieder und sechzig Millionen Page Impressions im Monat“ sagt Claudia Helming, Gründerin und Geschäftsführerin der DaWanda GmbH.

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Der Erfolg lässt sich unter anderem wohl auf das breit gefächerte Angebot zurückführen. Dabei reicht das Angebot auf DaWanda von Mode, Laptoptasche und Kissen über Graffiti-Kunst, aufwändig restaurierten Möbelstücken bis hin zur individuell gestalteten Gesetzestexttasche für den Juristen. Viele der Kleidungsstücke werden sogar nach Maß angefertigt. Vorbei also mit den elenden Einheitsgröße, bei denen die Ärmel zu kurz und der Pullover zu lang ist. Aus verschiedensten Materialien und in unterschiedlichen Preisklassen finden sich immer wieder neue außergewöhnliche Produkte. Aber auch wer selbst kreativ sein möchte findet in der Kategorie „Material“ von der Perle, über Wolle bis zum außergewöhnlich gemusterten Stoff alles Notwendige. Pro Minute geht ein Schmuckstück über die virtuelle Ladentheke und alle drei Minuten landet eine Tasche im Warenkorb – kreiert von Kreativen aus ganz Deutschland. Die Kreativität und der Spaß am Basteln und Entwerfen steht für die kreativen

Köpfe im Vordergrund – nichts desto trotz entwickelt sich aus dem Hobby nicht selten ein lukrativer Neben – oder Haupterwerb. DaWanda wird für einige Hersteller zum beruflichen Standbein oder ermöglicht den Wiedereinstieg wie der alleinerziehende Mutter Elisabeth Stoll „elisa“ aus Hamburg: „Ich habe, nachdem ich diesen Traum schon aufgegeben hatte, durch DaWanda wieder die Perspektive als Designerin arbeiten zu können und Erfolg zu haben. Mein ganzes Familienleben hat sich verändert. Ich arbeite jetzt hauptsächlich zu Hause und bin so für meine Kinder ansprechbar. Meine Tätigkeit reicht, um meine kleine Familie allein zu ernähren. Ich habe entdecken können, wie viel in mir steckt.“

Die Intention von Dawanda fasst Geschäftsführerin Claudia Helming, die im Berliner Firmensitz selbst 244 DaWanda Produkte beherbergt, prägnant zusammen: „Mir ist wichtig, dass unser Konzept die Kreativität in Deutschland weiter fördert. Handwerk ist etwas Schönes und Schützenswertes. Wir bieten den Kreativen Raum diese Künste weiterzuentwickeln“. Und dieses Konzept überzeugt auch die Käufer. Begeistert stellt Stephanie Decker, Studentin und regelmäßige DaWanda-Käuferin aus Münster fest: „Das Preis – Leistungsverhältnis stimmt und die Sachen sind immer von bester Qualität. Auch die Bezahlung läuft immer unproblematisch und die Sachen sind schnell verschickt. Wenn ich mal keine Idee für ein Geburtstagsgeschenk habe, finde ich hier garantiert etwas Passendes – auch für Männer“.

In der Tat verirren sich noch nicht viele Männer in den Online-Marktplatz. So sind nur 10 % der DaWanda – Nutzer männlich. Allmählich finden jedoch auch die Männer Gefallen an dem individuellen Design. „Eigentlich wollte ich nur die Tasche kaufen von der meine Freundin mir wochenlang vorgeschwärmt hat, aber als ich mich dann umgesehen habe, habe ich für mich direkt noch zwei T-Shirts bestellt und bin seitdem begeistert“ erzählt Christoph Anschütz, Student aus Köln. Neben der Einzigartigkeit und Individualität der Produkte zählt aber auch der rege Austausch innerhalb der Community zu den Erfolgsfaktoren. So wird der Anonymität zwischen Käufer und Verkäufer abgeschworen. Interessenten können mit den Herstellern oder anderen potentiellen Käufern in Kontakt treten und ihre Lieblingsprodukte loben und weiterempfehlen. „Social Commerce“ nennt sich diese neue Form des Handelns, die den persönlichen kreativen Austausch möglich macht. Nicht nur innerhalb der eigenen Community ist das Unternehmen um Förderung der kreativen Leistung bemüht. In regelmäßigen

Handarbeits- und Designkursen gibt DaWanda sein Wissen auch über das Portal hinaus an Kinder weiter, die wenig Perspektiven im Leben haben. Gemeinsam mit der Jugend- und Kindereinrichtung DIE ARCHE wurde das langfristige Projekt „Du schaffst es!“ ins Leben gerufen, um Kinderarmut in Deutschland zu bekämpfen. Die Idee und Umsetzung von DaWanda wurde von den Kunden auch entsprechend gewürdigt. In Untersuchungen des deutschsprachigen Startup-Monitors der ethority GmbH & Co.KG wurde das Unternehmen mehrfach zum beliebtesten Startup der Internetnutzer gewählt. Franziska Röhr

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NRW-Ticket

RUHR.2010 Auf der Suche nach der Industriekultur – ein Besuch im

Das Ruhrgebiet ist Kulturhauptstadt 2010. Unter dem Motto „Kultur durch Wandel – Wandel durch Kultur“ beteiligen sich zahlreiche Künstler, Initiativen und Institutionen, „Industriekultur“ neu zu definieren, Identität zu stiften und die Vielfalt und Schönheit der Region an Ruhr, Lippe und Emscher national wie international zugänglich zu machen. Vom konventionellen Museum über Theaterinszenierungen und digitalen Kunstausstellungen zu kreativen Ideen im Web 2.0 – das Spektrum der Möglichkeiten, um die strukturelle und kulturelle Entwicklung des „Kohlenpotts“ vom Industrie- zum Dienstleistungsraum mit-zuerleben, ist breit und vielfältig. Was aber ist Industriekultur? Wie passen Industrie und Kultur überhaupt zusammen?

Wir suchen die Antwort Schon von weit ragt der DoppelbockFörderturm von Schacht XII wie ein gigantisches Relikt aus rotem Stahl in den grauen Himmel. Wie ein stolzer Wächter schaut er über das Gelände der alten Zeche, die 1847 von dem Industriellen Franz Haniel gegründet wurde. Der Turm, der früher bis zu 12.000 Tonnen Steinkohle täglich aus den Stollen beförderte, ist mindestens so hoch wie eine Dorfkirche.

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Knapp 150 Jahre hat er hunderttausende Arbeiter und ihre Familien aus Polen, Italien, Pommern oder Schlesien zusammengeführt, ihnen schwerste Arbeit, aber auch Gemeinschaft und Solidarität beschert. Seit 1986 ist die Zeche stillgelegt. Seither hat sich der Standort zu einem Symbol für den Strukturwandel im Ruhrgebiet und den Ausdruck der industriellen Moderne entwickelt. Wo früher die Kumpel zur Schicht in der Grube antraten, strömen jetzt Künstler, Kreative und Kulturinteressierte auf das Gelände des Zollvereins. Nicht mehr Loren und Schaufeln sondern Ölfarbe auf Leinwand und Cappuccino mit Milchschaum findet man in den Hallen und Schachtanlagen. Die „Kulturlinie“ 107 bringt täglich hunderte von Fahrgästen vom Essener Hauptbahnhof zu jener „schönsten Zeche der Welt“, die seit 2002 zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt und Ankerpunkt der Europäischen Route der Industriekultur ist. Vor knapp zwei Wochen hat hier die Eröffnungsfeier zur Kulturhauptstadt RUHR.2010 stattgefunden. In der alten Kohlenwäsche des Zollvereins wurde aus diesem Anlass das Ruhr Museum eröffnet, dessen Ausstellung zur Natur, Kultur und Geschichte des Ruhrgebiets mit einer eindrucksvollen architektonischen

Konzeption und über 6.000 Exponaten nicht nur ein Zentrum für Kreativwirtschaft ist, sondern auch zum Verständnis der Besonderheit dieser Region beitragen will. Der Eingang in die Kohlenwäsche und das Museum führt über eine Rolltreppe in die oberste von drei Ebenen des Gebäudes. Dort angekommen fällt der Blick sofort auf gewaltige Maschinen, die sich vom Boden bis zur Decke strecken. Zwischen den stählernen Rippen der Anlagen lockt ein Besuchercafé zum wärmenden Umtrunk. Es ist ziemlich kalt. In die Ausstellungsräumlichkeiten gelangt man wiederum über eine Treppe, deren neonorange leuchtende Geländer fließendem Stahl nachempfunden sind. Der Besuch beginnt in der Gegenwart. Schwere Kohletrichter bilden hier eine Art Allee, die im Einklang mit der modernen Ausstellungsarchitektur dem Raum eine besondere Atmosphäre von Zeitlosigkeit verleiht. Auf weiß erleuchteten Wänden erzählen Fotografien Geschichten von der Städtelandschaft, dem Alltag, der ethnischen Vielfalt, den Freizeitmöglichkeiten, den Geräuschen und Wohnsiedlungen im heutigen Ruhrgebiet. Warum sind die Städte des „Kohlenpotts“

nicht wie andere gewachsen? Wie gestalten die Menschen ihre Freizeit in einem Meer von Industrieanlagen? Warum bedeutet Fußball hier das halbe Leben? Welche Ethnien, Menschen, Religionen treffen hier aufeinander und wie verstehen sie sich? Die Antworten, die man findet, sind erstaunlich und unerwartet.

Geräusche verwandelt wird. Mit den Erfindungen der Dampfmaschine und der Telegrafie vor über 200 Jah-ren beginnt die Phase der Industriegründungen, und so auch, nach einem Prolog über die Entstehung der Kohle, die Geschichte des Ruhrgebiets auf der untersten, der 6-MeterEbene des Museums.

Auf der zweiten Ebene des Museum flaut die anfängliche Begeisterung etwas ab. Der Besucher reist weit zurück in den „kulturellen Speicher“ der vorindustriellen Zeit des Ruhrgebiets. In den dunklen Räumen und fahl beleuchteten Vitrinen zeugen Gesteinsarten und Fossilien von einer Zeit, die Jahrmillionen zurück liegt, dem Karbon. Vor etwa 320 Millionen Jahren entstanden die später abgebauten Steinkohleflöze aus abgestorbenen zusammengepressten pflanzlichen Substanzen. Damals lag das Ruhrgebiet noch am Äquator. Auch alte Werkzeuge und Gemälde aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit sind zu sehen. In der ganzen Halle schwingt ein dumpfes Rauschen, das an laufende Maschinen, Dampf oder Wasser erinnert. Ich vermag nicht zu sagen, woher es kommt. Vielleicht ist es auch nur die Lüftung, die von meiner Phantasie unter Einfluss der Umgebung in andere

Hunderte von Originalobjekten veranschaulichen die Entstehung der Industriekultur und ihre Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert: Von den Anfängen der Industrialisierung bis zu ihrer Hochphase nach der Reichsgründung, vom Einfluss des Imperialismus im Kaiserreich bis zu den beiden Weltkriege, vom Wiederaufbau bis heute. Informationstafeln zu historischen Eckpunkten innerhalb der Zeitabschnitte und zahlreiche Filmprojektionen ergänzen die Ausstellung. Bei der enormen Fülle an Exponaten ist es teilweise etwas schwierig, aus den geschichtlichen Informationen die kulturellen Besonderheiten des Ruhrgebiets herauszufiltern. Dennoch bleiben mir einige Dinge im Gedächtnis. Zum Beispiel die so genannten „Henkelmänner“, praktische Konstruktionen aus aufeinander gestapelten Aluminiumdosen, in denen die Kumpel ihr Mittagessen mit in die Zeche nahmen. Oder auch ein Heft mit Tagebucheinträgen

von Grubenarbeitern, die die gefährlichen Bedingungen in den Schächten schildern. Die Ausstellung hinterlässt bei mir einen bleibenden Eindruck. Nicht nur die kreative Symbiose von alt und neu, von stählernen Industrieanlagen und modernem Ausstellungsdesign konnte mich begeistern. Auch das stereotype Bild vom Ruhrgebiet als schmutzigem naturarmem Städtechaos voller Autobahnen und ohne kulturelle Anreize ist gewichen. Ich sehe die Region und ihre Ge-schichte nun mit anderen Augen. Kultur ist nicht nur Oper, Literatur, Weihnachten oder Wissenschaft. Kultur ist eine Lebens- und Organisationsform, die, durch viele äußere wie innere Einflüsse geprägt, über lange Zeit entsteht. Die Reichweite und die Dynamik des Einflusses der Industrie auf die Kultur des Ruhrgebiets, aber auch unserer ganzen Gesellschaft, ist enorm: Zeiteinteilung, Gemeinschaftsgefühl, Freizeitgestaltung, Schönheitsideale, all diese Dinge sind unmittelbar und wechselseitig mit der industriellen Struktur und ihrer Entwicklung verbunden. „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ – bei mir hat’s funktioniert.

Text und Fotos: Eva Helm

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Doppelbock-Fรถrderturm der Zeche Zollverein

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Ruhr 3 Eingang zur Kohlenw채sche

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Treppen Auf und Abgang im Ruhr Musem. Geländer sind fließendem Stahl nachempfunden.

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FeinSinn Foto: Maiko Henning


FeinSinn feiert - egal, wo und warum

Foto: Ely Weinzetl

Feiern heißt zu singen, zu tanzen und zu trinken. Vom Soziologen Norbert Elias stammt die primär gesetzte Unterscheidung Alltag – Festtag, die das Feiern als Gegenstück zum Alltag festlegt. Auch die Strukturierung des Lebensweges in verschiedene Abschnitte kann ein Grund zum Feiern sein. Der Kölner feiert bekanntlich am Liebsten an Karneval. Beim Feiern wird der Kopf ausgeschaltet. Durch das Schlüpfen in eine andere Rolle werde dies erleichtert. Dies unterstütze man, indem man sich kostümiert, so Helga Resch, ihres Zeichens "Karnevals-Knigge"-Autorin. In diesem stellt sie die kölsche Feierkultur dar, die nicht nur auf die "Fünfte Jahreszeit" beschränkt ist. Zum guten rheinischen Feierton gehöre, nie allein oder zu zweit zu feiern, sondern sich direkt mit einer ganzen Gruppe zu verabreden. Unnötigen Ballast, der den

FeinSinn

Umfang von Schlüssel und Geld übersteigt, solle man zu Hause lassen. Auch das Hecheln von Termin zu Termin beim Feiern sei dem karnevalistischen Treiben nicht zuträglich. Nachdem man eine Lokalität auf Feiertauglichkeit hin überprüft hat, sei man gut beraten, direkt an der Theke vorzusprechen und seine Gruppe mit Bier zu versorgen. Nicht in Köln gebräuchlich sei es, nur für sich selbst zu bestellen. Doch auch, falls die mitgebrachte Gruppe sich nicht als Kulmination der Sympathie entpuppt, gibt es eine Lösung: Einfach kurz die Lokalität verlassen und frische Luft schnappen, denn dort stehen vielleicht nettere Leute herum. Mittlerweile ist die Gruppe, die sich im Inneren der Kneipe aufhält, vielleicht schon etwas freundlicher geworden. Die verbrüdernde Bierseligkeit wird auch im Song der kölschen Urgesteinsband Bläck Fööss besungen: "Drink doch eine met, stell dich net esu aan. / Do steis he de janze

Zick eröm./ Häs de och kei Jeld, dat es janz ejal./ Drink doch met und kümmer dich net dröm." In dem Lied werden wirtschaftliche Unterschiede sowie soziale Isolation durch das Feiern überbrückt. Interessant erscheint angesichts dieser Regeln zum Feiern des kölschen Karnevals das katalanische Sprichwort "Com més serem, més riurem" (Je mehr wir sein werden, desto mehr gibt es zu lachen). Ein Äquivalent existiert auch im Russischen und im Englischen ("the more, the merrier"), nicht aber im Deutschen. Je nach Partyformat muss man hier die genaue Anzahl mitgebrachter Personen angeben, wenn man sie als Eingeladener denn mitbringen darf. Auch die Uhrzeit ist ein Faktor, der von Land zu Land variieren kann. In Südafrika gibt es zum Beispiel Grillparties am späten Nachmittag, bei denen gegessen, getanzt und getrunken wird, während man in unseren Gefilden beim Grillen meist eher

mehr oder weniger brav zusammen sitzt und sich beim Grillfleischwenden dem Plausch hingibt. Dafür reicht eine südafrikanische Party nicht bis zum Morgengrauen, sondern die Teilnehmer gehen gegen 1 Uhr wieder nach Hause. In Spanien fängt dann die Party erst an, besonders wenn ausgegangen wird. Auch zum Beispiel auf Bali beginnt ein gemeinsamer Feier-Abend früher, da es auch früher dunkel wird. Unterschiede zwischen den Arten zu feiern sind jedoch allgemein schwierig einzugrenzen, da sie gerade in den traditionellen Festen, die von jung und alt gefeiert werden, bestehen. In der ehemaligen Sowjetunion waren offizielle Feiertage nicht, wie in vielen europäischen Ländern, religiösen Ursprungs, sondern politisch motiviert. Dies diente sogar zur Verdrängung oder zum Ersatz religiöser Festtage. Einige von diesen

bestehen auch nach Ende des Sozialismus weiter, wie zum Beispiel der "Internationale Tag der Frau", der 8. März in der Slowakei. Dieser Festtag wurde von der Bevölkerung akzeptiert, obwohl es sich dabei um eine Erfindung des kommunistischen Regimes handelte. Nach der Wende lebten in allen postsozialistischen Ländern gemeinsam die Feiertage "unterdrückter und verschwiegener" Ethnien wieder auf, und widerlegten somit die Existenz des "einheitlichen sozialistischen Staates", so Dorota Simonides. Im Falle Bulgariens

werden, gemäß Klaus Roth, Feiertage, die, wie der Valentinstag, nach der Wende ins Land kamen, "synkretistisch mit konkurrierenden Feiertagen verbunden". Dieser Synkretismus charakterisierte auch das Zusammenlegen von vorchristlichen Feiern mit kirchlichen Festtagen wie beispielsweise der Wintersonnenwende, die als Feier der Geburt Christi das germanische Julfest am 25. Dezember kirchlich uminterpretierte. Die Sommersonnenwende hingegen, in vielen vorchristlichen Religionen ein fester Bestandteil, wurde im Zuge der Christianisierung mit dem Fest Johannes' des Täufers zusammengelegt. In Lateinamerika haben die Festtage je nach Land und Gebiet die verschiedensten ethnischen Ursprünge, weisen jedoch eine religiöse Sinngebung auf, die mit einer Säkularisierung einhergeht. Der Vermischung von Festbräuchen besteht hier, nach einem Artikel von Richard Nebel, aus indigenen, afrikanischen Traditionen und dem Kulturgut der Einwanderer aus Spanien, Portugal, Italien, Frankreich und Ländern Asiens. Auch hier versuchten Regierungen in manchen Fällen, religiöse Feiern abzuschaffen, die dann aber von den religiösen Gemeinschaften, die in der Tradition der Missionsgemeinden standen, weiter durchgeführt wurden. Das Feiern verbindet nicht nur bestimmte nationale, religiöse und ethnische Gruppen, das Bedürfnis dazu ist international und macht einen unabdingbaren und höchst interessanten Aspekt jeglicher Kultur aus. Deshalb: Loss' mer fiere!  

Iris Sygulla Foto: Maiko Henning

FeinSinn


One-Night-Stand Foto: Maiko Henning

Mit Dir angefangen, fremdgegangen, weggelangen, mitgehangen, mit likörerhitzten Wangen. Mit Dir aufgefangen, ausgegangen, weit gelangen, hart gehangen, mit Berauschten, die laut sangen. Mit Dir ungefangen, fort gegangen, fehl gelangen, taub gehangen, mit verschwendetem Verlangen. Mit Dir gefangen, gegangen, gelangen, gehangen, ohne Schmerz und Reue, nur mit mir – und Bangen. Marcel Doganci

FeinSinn

Kranz, den eine kleine Blonde gerade an ihm vorbei trägt. Zehn Minuten später hat uns immer noch niemand rausgeschmissen. Jan und Hendrik arrangieren geistreiche Limericks mit den Magnetbuchstaben an der Kühlschranktür, während Tom sich bei einer hochgewachsenen Schwarzen mächtig ins Zeug legt. So langsam kann ich auch entspannen, lehne mich in den Türrahmen des Wohnzimmers und nutze die Gelegenheit, mich ein wenig bei unseren unfreiwilligen Gastgebern umzusehen. Da hängt zum Beispiel ein Typ auf dem Sofa, der wohl schon den ein oder anderen getrunken hat, denn seine Augenlider öffnen sich nur alle paar Minuten, was ihn scheinbar bereits große Anstrengung kostet. Bis jemand zufällig einen Aschenbecher mit einem Joint vor ihn hinstellt und ein Funke des Erkennens in seinen glasigen Pupillen aufblitzt. Er beugt sich mühsam vor und greift wie in Zeitlupe nach der Tüte, aber bevor er sie erreichen kann, stellt jemand anders ein Flasche Bier daneben. Er stutzt, seine Hand wandert rüber zu der Flasche, er zögert. Mit ausgestrecktem Arm verharrt er in seiner Position, die Hand zittert zwischen den Verlockungen hin und her, man sieht es in seinem Gesicht arbeiten. Überwältigt von der Auswahl lässt er die Hand sinken und greift sich ans Kinn, um tiefsinnend die dargereichten Rauschmittel zu betrachten. Ich kann mir ganz gut vorstellen, wie er sich fühlt. „Hey du… tut mir leid, ich kenn dich nicht, über wen bist du denn hier?“ „Hm?“ Ich drehe mich um, vor mir steht offensichtlich der weder besonders betrunkene noch amüsierte Gastgeber. Bei einem Blick über seine Schulter sehe ich, dass Jan und Hendrik inzwischen unter den entsetzten Blicken der anderen Gäste dazu übergegangen sind, die Magnetbuchstaben in die Tzatziki-Schüssel zu werfen. „Na klar, das war doch der… aber wir wollten sowieso gerade gehen.“, stammele ich herum. Wir gehen also, kurz bevor es zur Eskalation kommen kann. Während wir kichernd die Treppe runterstolpern, denke ich darüber nach, dass es keinen Spaß macht von einer Party geschmissen zu werden, dass mir das schon viel zu oft passiert ist und zwar immer, wenn ich mit diesen Idioten unterwegs bin und, dass wir uns endlich mal unserem Alter entsprechend benehmen sollten. Aber heute noch nicht.

Wahlparty

One-Night-Stand

Wenn Tom betrunken ist, wird er zum Nahkampf-Redner. Dann beugt er sich immer so ein Stück vor und spricht besonders laut, dass man den Döner riechen kann, den er vor fünf Minuten hinuntergeschlungen hat. Wenn er sich dabei aufregt, kann es auch feucht werden, so wie jetzt. „Sag mal, das kann ja wohl nicht sein, dass die ganzen Läden hier schon dicht machen, oder? Es ist ja noch nicht mal halb fünf!“ Rechtschaffen empört glotzt er die Vergnügungsmeile runter, wo die Leuchtschilder der dicht gepackten Kneipen eines nach dem anderen verlöschen. Nach kurzer Diskussion mit Jan und Hendrik setzen wir uns notgedrungen in Bewegung, um eine weitere Bleibe mit Alkoholausschank zu finden, um diese denkwürdige Nacht ausklingen zu lassen. Dabei schlägt mir Hendrik im Laufen auf die Schulter und stellt die Frage, von der ich eigentlich klar gemacht hatte, dass ich sie heute nicht hören wollte. „So… den Master hast du in der Tasche… Und jetzt? Schon eine Idee, was du damit anstellen willst?“ „Ich arbeite dran. Frag mich noch mal in zwei Wochen.“, gebe ich zurück. Tatsächlich ist es mir völlig schleierhaft, was ich damit anfangen soll. Sechs Jahre lang habe ich auf den Abschluss hingearbeitet, aber weiter als bis zu dem Punkt hab ich noch nie gedacht. Ab hier beginnt unerforschtes Gebiet. „Besser in drei.“ Wenn man Zickzack läuft, kommt man nicht so schnell voran, dafür sieht man mehr von der Gegend. Zum Beispiel eine offenstehende Haustür und helles Licht im dritten Stock, aus dessen offenen Fenstern laute Musik und Stimmengewirr dringen. Ich bekomme nicht ganz mit, wer als erster die Treppen hochsteigt, aber ich lauf einfach mal hinterher, und schon stehen wir inmitten einer ausgelassenen Privatparty, deren Höhepunkt vielleicht zwei Stunden zurückliegt. Zu Tom rübergebeugt zische ich ihn an. „Hey… kennst du hier jemanden?“ „Quatsch“, flüstert er zurück, nachdem er mit strahlendem Lächeln die Umstehenden begrüßt hat. „Hab die Leute noch nie gesehen.“ „Lasst uns wieder abhauen. Wenn einer merkt, dass wir hier nicht hin gehören, wird es doch nur unentspannt.“, druckse ich nervös herum. Aber da bin ich der Einzige, die anderen haben die Ruhe weg. „Ach komm, guck dich mal um. Hier merkt niemand mehr was“, meint Jan und nimmt sich ein Bier aus dem

Foto: Maiko Henning Text: Christopher Dröge

FeinSinn


Stell Dir Vor Es Wäre Karneval Und Keiner Ginge Hin!

Seine Schritte führen ihn auf den Zülpicher Platz zu. Die Bahnen fahren. Er kann es immer noch nicht fassen. Bahnen! An Karneval! Es ist wirklich friedlich. Keine Schlägereien, keine geworfenen Flaschen, keine pöbelnde Masse. Nur Studenten auf dem Weg in die Uni, Leute beim Shoppen oder auf dem Weg nach Hause. Er weiß nicht mehr, was er machen soll. Leise beginnt er zu singen. „Met ner Pappnas gebore dr Dom en dr Täsch, han mir uns jeschwore: Mer jon unsre Wääch. Alles wat mer krieje künne, nemme mer och met, weil et jede Augenbleck nur einmol jitt...“ Passanten schauen ihn verstimmt an. Jetzt fängt der Idiot auf offener Straße an zu singen. Schnell gehen sie kopfschüttelnd weiter, um bloß nicht in der Nähe des letzten Karnevalisten zu sein. Ihm ist es egal. Er versucht zur zweiten Strophe anzusetzen. Doch seine Stimme versagt. Traurig schlägt er die Kapuze nach hinten, setzte die Yoda Maske ab. Das Laserschwert wirft er unachtsam in den nächsten Mülleimer. Die Passanten atmen auf. Das Gespenst Karneval ist vorbei.

11. Februar 2015

Foto: Maiko Henning

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FeinSinn

Das Laserschwert an seiner Seite hat schon vor Stunden den Geist aufgegeben. Er wandelt allein durch die Straßen. Der schwarze Mantel baumelt ihm traurig um die Fußgelenke. Langsamen Schrittes betritt er einen Kiosk auf der Zülpicher Straße. Gelangweilt schiebt der Besitzer ihm einen Becher Kölsch über die Theke. Draußen hat es wieder zu regnen begonnen. Kaum jemand ist auf den Straßen. Niemand ist verkleidet. Er nippt an seinem Bier. Der schale Geschmack will heute nicht so wirklich zur Geltung kommen. Kölsch, das an Karneval auch noch gut schmeckt. Kein gepanschtes Zeug wie in den letzten Jahren, kurz nachdem die Becher eingeführt wurden. Widerlich. Er verlässt den Kiosk, geht in den Regen. In den Kneipen ist ganz normaler Betrieb. Punkrock hat die Karnevalsmusik abgelöst. Ein paar echte Punks stehen an der Ecke und betteln. Immerhin einige Wenige, die auch verkleidet sind. Auch, wenn sie es nicht so meinen.

Nur am Rand steht eine Person mit einer Spraydose. „Stell Dir vor es wäre Karneval und keiner ginge hin!“, steht an der Wand neben ihr. „Ich habe einen Traum!“, flüstert sie. „Und eines Tages... wird es kein Karneval mehr geben!“ Dann lacht sie böse, schlägt die Kapuze über den Kopf und macht sich auf den Weg zur nächsten freien Wand. 

Simeon Buß

Er wacht auf. Der Wecker zeigt ihm das Jahr 2010 an. Mit einem tiefen Seufzer lässt er sich zurück in die Laken fallen. Karneval, es gibt dich noch. Er springt aus dem Bett, öffnet den Kühlschrank, macht das erste Bier auf. Mit Bier unter die Dusche, danach in die Verkleidung. Yoda schaut ihn aus dem Spiegel an. Das Laserschwert funktioniert. Als er am Zülpicher Platz ankommt, gehen seine letzten Sorgen flöten. Die Bahnen fahren nicht, die Masse pöbelt wie eh und je, alle sind sich einig: heute wird gesoffen, gesungen und auf keinen Fall allein geschlafen. Wildfremde Menschen stecken sich die Zungen in die Hälse. Es wird getatscht, leichtverkleidete Frauen schreien gespielt empört auf, wenn ihnen jemand an den Hintern greift. Der Karnevalist lacht. Er drückt der nächstbesten Frau einen Butz auf die Wange, stürzt das nächste Bier hinunter und schwankt an eine Hauswand, um sich zu erleichtern. Er freut sich schon auf die Kneipen, in denen laut Karnevalslieder gespielt werden. Eine Gruppe neben ihm stimmt „Viva Colonia“ an, er fällt mit ein, verhaspelt sich, aber allen ist es egal; denn: heute ist sowieso alles egal. Bald werden die Toiletten verstopft, die Scheiben schweißgetränkt und die Menschen hagelvoll sein. Alles ist egal!

FeinSinn

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KรถrperKultur

Foto: Julia Katharina Brand


KörperKultur verbiegt sich: Es werde Licht- warum Yoga für einen klaren Kopf sorgt und fit hält!

Unter dem Begriff Yoga konnte sich noch vor ein bis zwei Generationen kaum jemand etwas vorstellen. „Mit verklärtem Gesichtsausdruck und zum Lotussitz verknoteten Beinen meditieren“ war meist die einzige Assoziation derer, die nicht gerade Indologie studierten, der Bhagvan-Sekte oder der Esoterik-Ecke angehörten.

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1953 eröffnete in Stuttgart die allererste deutsche Hatha-Yoga-Schule, doch erst Ende der 90er Jahren begannen sogenannteYoga-Lofts wie Pilze aus dem Boden zu schießen. In Köln befinden sich mindestens sieben, allein im Stadtzentrum, und Yoga steht auf dem Kurs-Plan fast eines jeden Fitness-Studios. Mit der ursprünglichen Yoga-Philosophie haben die zahlreichen Angebote jedoch meist nicht mehr allzu viel gemeinsam. Die Gruppe der Yogis und Yoginas, falls man sie so nennen kann, lässt sich heute nicht mehr als soziale Randerscheinung von versponnenen Esoterikern und Althippies charakterisieren, sondern setzt sich zusammen aus

Sport hält fit und lässt Körper und Seele entspannen Der

Studenten, Angestellten, Menschen aller Schichten und Berufsgruppen, die nach Feierabend ins Yoga-Zentrum eilen, um dort in anderthalb Stunden den Stress und Leistungsdruck ihres Alltags zu kompensieren versuchen.

Ein bis zwei Mal pro Woche sollte man für diesen Effekt jedoch mindestens zum YogaCenter pilgern, oder in fortgeschrittenem Stadium, es sich auf der Gummi-Matte in den eigenen vier Wänden bequem machen. Denn ohne Fleiß kein Preis. Die wohltuende Wirkung offenbart sich zwar bereits nach der ersten Yogastunde (nicht selten begleitet von einem dicken Muskelkater an Körperstellen, von denen man bis dato nicht ahnte, dort Muskeln zu besitzen) - die Tiefenwirkung auf Geist und Körper stellt sich jedoch deutlich spürbar frühestens nach einigen Monaten ein – regelmäßiges Praktizieren vorausgesetzt. Während der Anfänger sich in einer bizarr anmutenden Körperverrenkung befindet, die sogenannten Asanas meist noch als masochistische Quälerei empfindet und sich fragt, wofür er sich das überhaupt gerade antut, führt der nach ein bis zwei absolvierten Kursen nunmehr leicht Fortgeschrittene Yogi die anfänglich gefühlte Leibes-Folter nicht mehr mit schmerzverzerrtem Gesicht, sondern einem geradezu entrückten inneren Lächeln aus. Was aber ist es, das Yoga im Vergleich zu herkömmlichen Gymnastik- und AerobicKursen so effektiv und populär macht? Den Stellungen „Asanas“, geht zunächst eine fünfminütige Phase der Tiefenentspannung durch gezieltes An- und Entspannen aller Muskelgruppen voran, gefolgt von verschiedenen Atemübungen, die die Lebensgeister wecken und in Einklang bringen sollen. Danach beginnt das Praktizieren der Asanas – Stellungen, die man teilweise noch aus dem Turnunterricht der Grundschule kennt, wie beispielsweise die klassische Kerze, den Kopf- und Handstand, das Rad oder die Brücke. Wer in seiner Freizeit nicht gerade Ballett oder rhythmische Sportgymnastik betreibt, wird schnell feststellen, dass diese scheinbar simplen Übungen damals doch irgendwie leichter fielen, und beginnt, sich gar gänzlich eingerostet zu fühlen.

Yoga macht glücklich Dass Yoga etwas für Spinner und seine glücksverheißende, bewusstseinserweiternde Wirkung ja doch recht zweifelhaft sei, traut sich heute, frontiert mit der enormen Anzahl aller Yoga-Begeisterten, kaum einer mehr zu behaupten – erst recht nicht, wer es selber einmal ausprobiert hat. Stars, Sternchen, Models und andere Objekte der allgemeinen Bewunderung, befragt nach dem Geheimrezept ihrer ewigen Jugend und Schönheit, verkünden beharrlich, sie praktizierten schlicht und einfach täglich Yoga. Auch wenn aus einem hässlichen Entlein nach einer einzigen Yogastunde noch kein graziler Schwan und aus einer 100 KiloFrau keine gelenkige Bohnenstange wird – Yoga wirkt tatsächlich. Yoga lehrt nicht nur den Weg des Abtauchens ins selige Nirwana der Selbstvergessenheit, sondern hilft, ganz realitätsbezogen, den Anforderungen des täglichen Lebens durch aktives Entspannen und Loslassen-Üben mit größerer Distanz und Gelassenheit zu begegnen. Darüber hinaus macht Yoga gelenkig, sorgt für eine aufrechte Körperhaltung, man bekämpft und beugt Rückenschmerzen vor, stärkt die gesamte Muskulatur, trainiert Gleichgewichtssinn, Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit.

Doch nicht entmutigen lassen, denn: Übung macht den Meister!

Training ist wichtig

Regelmäßiges

Die Asanas werden für zwei bis fünf Minuten gehalten. Dabei kommt es darauf an, möglichst regungslos zu verharren, während man sich bewusst auf eine tiefe Atmung konzentriert und versucht, die dadurch gewonnene Energie in die gerade strapazierte Körperregion zu lenken, auf dass sie dort ihr Wohl entfalte. In Yoga-Zentren sollen nicht nur den Körper, sondern auch das Gemüt zu regeneriert werden und im Geiste vor sich hin gesprochene Mantras und Affirmationen das Unterbewusste positiv beeinflussen. Auf jede Stellung folgt eine einminütige Ganzkörperentspannung in der sogenannten „Totenstellung“. Die in der Regel anderthalb bis zweistündige Yogastunde wird mit einer abschließenden Tiefenentspannung und zehnminütiger Meditation beendet. Das Geheimrezept des Yogas besteht also, physisch gesehen, in der Kombination aus körperlicher Anstrengung, bei gleichzeitiger, bewusster Tiefenatmung und darauf folgender, gezielter Entspannung der beanspruchten Muskeln. Gepaart mit Meditation - dem Versuch der Befreiung des Kopfes von all seinen, sich meist ungefragt auftuenden Gedanken, über die wir doch weitaus weniger Herr sind, als wir zu glauben meinen, wird aus banaler Leibesertüchtigung Yoga – die Philosophie des Lebens in Einklang von Körper und Geist. Mehr Informationen über die verschiedenen Yogastile und Richtungen findet ihr im Internet, beispielsweise auf : www.yoga-vidya.de www.satyananda-yoga.de www.koelnyoga.de

Julia Katharina Brand

Foto: Julia Katharina Brand

KörperKultur

KörperKultur

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Hochsprung nach Noten An der Kölner SpoHo verleihen Lieblingssongs den Leichtathleten Flügel – und begeistern das Publikum. „Hochsprung mit Musik“ ist ein ungewöhnliches Sportereignis, das auch Turnhallenhasser begeistert. Der lange, drahtige Athlet trippelt mit seinen roten Turnschuhen auf der Stelle, bewegt sich zu den in diesem Moment anklingenden Gitarrenriffs und hebt die Arme. Das Publikum antwortet ihm mit rhythmischem Klatschen. Sein Körper strafft sich, die Muskeln an den Armen treten deutlicher hervor und er beginnt zu laufen. Erst etwas vorsichtig, dann mit immer dynamischeren, fast sprungartigen Schritten. Kurz vorm Absprung steigert er das Tempo noch einmal, dreht sich in einer geschmeidigen Wendung mit dem Rücken zur Latte und hebt vom Boden ab. Einen Moment später liegt der Springer auf der Matte, die Zuschauer jubeln und klatschen zu „Fly Away“ von Lenny Kravitz, denn das 2 m über dem Boden angebrachte Holz hat nicht einmal gezittert.

Dafür wackelt das World High Jump Center der Kölner Sporthochschule. Kein Platz ist mehr frei in der Halle und der Moderator verspricht eilig, nächstes Jahr weitere Tribünen aufzubauen. Denn die um die 1500 Zuschauer besetzen sogar die Gänge. Viele, die sonst keine erklärten Hochsprung-Fans sind, begeistern sich für die Mischung aus Musik und Leichtathletik. Auch WDR Lokalzeit und center.tv berichten über „Hochsprung mit Musik“. Dieses Jahr haben 13 Springer aus 7 Nationen, wie Belgien, Ägypten, Griechenland und Botswana, ihre persönlichen Motivationshymnen mitgebracht und lassen sich vom Publikum dazu anfeuern. Sportlich gesehen ist der musikalisch begleitete Wettkampf eher unspektakulär und dient der Vorbereitung. Die Athleten, von denen vier an der SpoHo trainieren, stehen am Anfang der Saison und müssen sich wieder einschätzen. Einige stehen mit 17 Jahren ohnehin am Beginn ihrer Karriere. Ein Springer hat höchstens sieben bis neun Versuche, bevor seine Leistungskurve sinkt. Daher darf er in einem Wettkampf manche Höhen auslassen und muss sich vorher überlegen, welche er erreichen könnte. Für jede Höhe hat er drei Versuche.

1,90 Meter ist die der ersten Latte, der sich die Sportler stellen müssen. Ein buntes Modellflugzeug zieht die aktuelle Zahl auf einem Banner über die Köpfe der gut gestimmten Menge. Jede Runde zieht der Flieger 5, später 3 cm mehr hinter sich her. Eike Onnen und ein weiterer Springer bitten bei einem 3. Versuch darum, die Musik auszustellen. Die ungewohnte Wettkampfsituation und laute Beschallung erschweren das Konzentrieren. Onnen schafft mit und ohne Musik 2,18 m und landet damit auf dem 3. Platz. Ein weiterer SpoHo-Athlet, der Botswaner Kagelo Kgosiemang, gewinnt zum zweiten Mal mit 2,21 m (Weltrekord bei den Männern: 2,45 m), dicht gefolgt von Dimitrios Chondrokoukis. Motivierend wirkende Musik steigert nachweislich die körperliche Leistungsfähigkeit, belegen psychologische Studien – wenn sie Teil des gewohnten Trainingsprogramms sind. Musik gilt daher bei der Olympiade auch als Dopingmittel. Übrigens: Auch zwischen eurem letzten Radarportrait und den neuen Autoboxen besteht ein Zusammenhang… Bei diesem Wettkampf geben die Springer zu Beats von den Black Eyed Peas, Red Hot Chili Peppers, White Stripes und Disco Boys richtig Gas. Rockige und technoide, schnelle Nummern sind hochsprungtauglich. Die Leistungssportler gewähren den Zuschauern nicht nur einen Einblick in ihren Musikgeschmack, sie verraten bei der Performance zu ihrem Song auch viel über ihre Fähigkeiten als Entertainer. Zudem verbindet die Musik Athleten und Fans, da die körperliche Spannung auch für den Zuschauer sinnlich erfahrbar wird. Die Disziplin und das strenge Pfeifen des Kampfrichters gehen in den Bässen und dem Klatschen der Zuschauer unter und lassen einen scheinbar angestaubten Turnbeutel-Sport im neuen Licht erscheinen. Hochsprung, du lebest hoch!

Anne Wellmann

Fotos: Kenny Beele

KörperKultur

KörperKultur


Dos & don'ts: Der Feiertagsspeck muss weg! von Kathrin Mohr

Zu Fuß gehen, obwohl es kalt ist. Die gute Vorsätze für's neue Jahr umsetzen und sich im Fitnessstudio anmelden.

Tanzen, egal ob im Club oder im Vereindas hebt die Laune bei miesem Wetter und verbrennt Kalorien.

Den Alkoholkonsum der Festtage drosseln.

KörperKultur KörperKultur

Weniger essen- hilft immer noch besser als jede aufwendige Diät.

Mit Hunger einkaufen gehen, sonst landen die reduzierten Weihnachtssüßwaren doch im

Einkaufswagen.

An Familienfesten teilnehmen, denn die sind Schuld daran, dass der Speck da ist.

Hungern, denn der allseits bekannte Jo-Jo-Effekt macht sich spätestens zu Karneval bemerkbar.

Mehr rauchen, um den Appetit zu bekämpfen, der Start des Fitnesstrainings fällt sonst erstmal

flach.

Jeden Tag auf die Waage steigen, das macht ungeduldig und frustriert wegen der möglicherweise langsamen Fortschritte unnötig.

KörperKultur


Impressum

Herausgeber:

Verein zur Förderung studentischen Journalismus Köln e.V. www.vfsjk.de

ViSdP

Niels Walker

Chefredaktion:

Niels Walker

Art Direction:

Sebastian Herscheid

Bildredaktion:

Corinna Kern

Redaktion/Lektorat:

Julia Brand, Simeon Buß, Veronika Czerniewicz, Jasmin Dienstel, Marcel Doganci, Christopher Dröge, Dominika Dudzik, Sabina Filipovic, Felix Grosser, Eva Helm, Sarah Kaes, Ivanka Klein, Christiane Mehling, Kathrin Mohr, Lara Petri, Johanna Regenhard, Franziska Röhr, Iris Sygulla, Anne Wellmann, Christine Willen, Niklas Wandt

Gestaltung/Layout:

Sven Albrecht, Sara Copray, Elisa Hapke, Sebastian Herscheid, Elisabeth Weinzetl

Online:

Karin Hoehne

Fotografie: Leitung d. Ausbildung:

Sven Albrecht, René Becker, Julia Brand, Kenny Beele, Jasmin Dienstel, Dominika Dudzik, Alexander Graeff, Maiko Henning, Eva Helm, Corinna Kern, Elisabeth Weinzetl

Website:

www.meins-magazin.de

Erscheinungsweise:

monatlich

56

StaatsKunst Impressum

Kathrin Mohr


meins-magazin 13  

meins feiert

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