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Mitmach-Gewinnspiel!

FeinSinn wünscht und siegt Endzeitszenario Bienensterben? Lima – eine Stadt voller Kontraste Heft 17 ǀ Ausgabe 10/07 ǀ www.meins-magazin.de


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meins

Inhalt

Meins wünscht und siegt, Warum zwei Themen, mag sich so mancher Leser in diesem Monat fragen. Meins hat zwar schon gefeiert, vertuscht, gelacht, geflüstert, geträumt oder auch geliebt, doch noch nie hatte das Meins-Magazin zwei Themen. Nun, die Antwort ist einfach, ein bisschen schön und ein bisschen traurig. Meins befindet sich im Wandel, Meins verändert sich. Meins wächst, Meins kämpft und irgendwie beisst Meins sich durch. Die Gründe für den Wandel sind vielfältig. Zum einen wurde das Heft in den letzten Monaten ein wenig dünner - viele Autoren hatten Stress mit dem Studium oder fanden einfach keine Zeit mehr. Wir haben nun zwei Ressorts gestrichen, um dem entgegen zu wirken. Nachdem StaatsKunst schon vor einigen Ausgaben aufgegeben werden musste, verlässt uns nun, zumindest temporär, auch Körperkultur. Außerdem gehen, hoffentlich temporär, zwei Menschen, die dieses Heft gegründet, entworfen und geprägt haben. Zum einen ist das unser LebensEcht Kolumnist, Marcel Doganci, der im Leben eine Station weiter springen will und auch unser Chefredakteur, Niels Walker, den das Studium gnadenlos an den Schreibtisch fesselt.

LebensEcht

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Vom Leben dan(n)eben Wie die meins-WG Kohle brauchte und sich auf Jobsuche machte... festival contre la racisme Klischees über das Jura-Studium Fotostrecke: Aufkleber

FernSicht

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Lima – eine Stadt voller Kontraste Erasmus in Sevilla

ErkenntnisReich

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Endzeitszenario Bienensterben? Die Wissenschaft wünscht sich... Mehr Freiheit! Wieviel Rauchst du? – Die Gene bestimmen es! Ja oder Nein – wie entscheide ich mich richtig? Stromversorgung aus 100% erneuerbaren Energien bis 2050? Transitionstagebuch, Teil 3

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Ein Wunschgedicht Make Noise Das große meins-Mitmach-Gewinnspiel!

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Impressum

FeinSinn

Besonders der Abgang unseres Chefredakteurs gab der Redaktion zu denken. Meins denkt; so zu sagen. Und Meins hat sich eine Denkpause genommen, um zu beraten, wie und ob wir weitermachen können. Wir können, Meins kann. Nachdem dieser Monat der Denkpause uns einige gute Ideen bescherte, sind wir froh das neue Heft präsentieren und für die kommende Ausgabe so einiges ankündigen zu können: Zuallererst das Erscheinungsdatum. Wir erscheinen von nun an am 10. des Monats. Warum? Uns gefällt der 10. ziemlich gut und da die meisten Magazine am 1. erscheinen, tanzen wir einmal mehr aus der Reihe, und kommen am 10. So hat jeder am Anfang des Monats etwas, worauf er sich noch freuen kann. Außerdem können wir ankündigen, dass zwei unserer Ressorts ein bisschen in einander verliebt sind. Wir gratulieren LebensEcht und ZeitGeist zu ihrem Entschluss sich zusammen zu tun. In der nächsten Ausgabe erwartet Euch dann mit EchtZeit ein Ressort, das Kultur und studentisches Leben in sich vereint. Jetzt aber genug von uns - lest lieber das Magazin!

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Inhaltliches

{ Editorial

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Foto: Denise Hoffmeister

LebensEcht


Für Rolltreppen und ein Zuhause Ich vermeide es für gewöhnlich Rolltreppen zu benutzen. Das liegt nicht daran, dass ich so unglaublich bewegungsgeil bin – ich würde mich am liebsten durch’s Leben tragen lassen – sondern schlicht an der Tatsache, dass ich so gut wie keinen Sport mache und mir gern vormache, dass auch Treppen steigen bestimmt gut für Gesundheit, Energieverbrauch und so ist.

Ich unterbrach diese Regel allerdings jedes Mal, wenn ich mich auf die Suche nach einer Bleibe für mich und meine zwei Mitbewohnerinnen machte. Der Erfahrung nach ist der Kölner Wohnungsmarkt einfach ein Arschloch, was mich zu der Überzeugung bringt, dass sich dieser psychische Stress nur durch Verzicht unnötiger körperlicher Ertüchtigung kompensieren lässt. Da gibt es tatsächlich Vermieter, die plötzlich 200 Euro mehr Kaltmiete verlangen, wenn sie erfahren, dass es sich um eine WG handelt Andere warten mit einem als „charmant“ bezeichneten Höllenloch auf, oder erwarten, dass man innerhalb der nächsten 24 Stunden umzugsbereit ist. Kündigungsfristen, hallo? Es ist jedes Jahr das gleiche Procedere und wäre ich ein etwas stetigerer Charakter, würde ich bestimmt nicht so häufig meinen Standort wechseln. Ein Zuhause zu finden, ist einfach sauschwer und ich hab genug davon, nach einem zu suchen. Wieso läuft die Suche nach einer Wohnung

überhaupt so beschissen, wenn ich eigentlich nichts anderes möchte als weit weg zu gehen? Fort von der verfickten Verantwortung für die Katzen und ihrem weinenden Miauen vor meiner verschlossenen Tür, denn ihre Krallen bohren sich nicht nur in das lackierte Holz sondern auch in mein Gewissen. Tiere sind Menschen wohl doch nicht so unähnlich: auch sie fühlen sich von dem angezogen, was sie im Grunde nicht haben können. Ich will weg von der Pflicht, Miete zu bezahlen oder Schulden abzuarbeiten. Ich verlange, dass mein Vater sofort sein Versprechen erfüllt und ich mir um so etwas wie Geld Zeit meines Lebens tatsächlich nie mehr Sorgen machen muss. Mich lautlos aus der Umklammerung von Menschen lösen, die ich in Wirklichkeit nicht halten kann, noch jemals zu halten vermochte und manchmal auch nicht halten will. Mit schnellen Schritten meiner Erinnerung entrinnen, die am härtesten von allen zupackt, mich mit diamantenen

Wurzeln am Weitermachen hindert. Vor der Kolumne fliehen, diesen Worten hier, weil ich sie nicht mehr reflektieren möchte, mir die Geduld fehlt zu überlegen, ob das, was ich schreibe, vielleicht doch zu persönlich ist. Nicht mehr rechtfertigen wollen, da ich mich einzig für die Erklärung meiner Selbst bewege, ständig im Kreis laufe, stattdessen aber endlich einmal stehen bleiben und tolerieren will, dass ich es weder mir noch der ganzen Welt jemals Recht machen kann. Meine Furcht vor Hass, Missverständnis, manchmal sogar nur Antipathie, ruhen lassen. Sein-lassen. Ich wechsele gern und oft mein Umfeld in dem Bestreben meine Situation zu verändern. Gelungen ist mir das nie, aber es ist ähnlich wie beim Glauben an Gott: einmal damit angefangen, lässt sich die viel gerühmte Hoffnung schwer verlieren. Hoffnung auf etwas, das wirklich Sinn macht. Das birgt Gefahren, denn wenn man der

Hoffnung willen weiter hofft, verlernt man los zu lassen. Ich verbanne schief gelaufene Liebe sehr schnell aus meinem Leben, aber konserviere sie stetig in meinem Herz, eben weil ich nicht aufhören kann zu hoffen. Ähnlich verhält es sich mit der Freiheit. Aus Gelüsten nach ihr erwächst sehr schnell ein Zwang, der im Grunde jeglicher Freiheit entbehrt. Wenn ich nur der Freiheit willen frei sein will, habe ich nie mehr erreicht, als der Sicherheit ein Häkchen zu halten und der Einsamkeit eine Einladung in Schönschrift zu schicken, denn wirklich frei bist Du immer nur allein. So positiv konnotiert diese Begriffe auch sind, treiben sie nicht nur an, sondern halten auch fest. Wenn Du ein Mensch bist, der hoffen und frei sein muss, weil Dich das eben ausmacht, stehst Du auf eine merkwürdige Weise immer still während Du Dich bewegst. Vor ein paar Tagen habe ich fieberhaft überlegt, über was ich in meiner nächsten

Kolumne schreiben kann. Manchmal ist sogar das banalste Szenario eine Inspiration. Als ich auf dem Weg zu einem potentiellen neuen Zuhause, wie immer zeitlich knapp, die Rolltreppe zur U-Bahn hinunter fuhr, blieb diese plötzlich stehen, was mich für einen Moment überraschte, weil mir das noch nie zuvor passierte. Ich war überrascht von dem Gefühl einer plötzlich stehen bleibenden Rolltreppe unter meinen Füßen. Es dauerte eine Weile zu registrieren, dass ich still stand mit nichts in der Hand, in meinen Gedanken, das mich hätte davon abhalten können, einfach weiter zu gehen. Es dauerte eine Weile einzuordnen, dass ich nun alleine weiter laufen musste. Ein langer, verwirrter Augenblick, bevor ich endlich losging, mit weiten und trotzdem langsamen Schritten und hin und her gerissen von der Vorstellung, dass etwas nicht in Ordnung sein konnte. Schließlich ist es nicht normal, dass Rolltreppen einfach stehen bleiben. Vielleicht war es gefährlich, vielleicht auch völlig

bedeutungslos, ich dennoch hin und her gerissen zwischen der Lust, dass etwas unter meinen Füßen explodieren könnte, und der Furcht, dass ich dann sterben müsste. Mit jeder Stufe, die ich nahm, wurde ich ruhiger, besonnener, dann endgültig vernünftig. Es würde nichts geschehen. Verwirrte Blicke auf der anderen Rolltreppe folgten meinen Bewegungen, die mir selbst wie in Zeitlupe erschienen. Ich ging einfach weiter. Weitergehen ist immer ein befreiendes Gefühl und macht Hoffnung auf die Ankunft. Als ich auf den Bahnsteig trat, blickte ich auf die elektronische Anzeige der KVB. „Wegen eines Wagenschadens hat die Linie 18 fünfzehn Minuten Verspätung“. Während der Wartezeit liefen die anderen an mir vorbei, hin und her, so als gäbe es im Halbdunkel etwas zu sehen, das sie noch nicht kannten. „Zeit und mehrere Herzschläge tot schlagen“, dachte ich, während ich meins einfach abstellte… und stillstand. Marcel Doganci

Foto: Corinna Kern

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Wie die Meins-WG Kohle brauchte und sich auf Jobsuche machte....

Da ist es wieder, das neue Semester. Ungefähr so heiß ersehnt wie der Beginn des Dritten Weltkrieges oder ein Comeback von Cher. Nicht nur, dass zweieinhalb Monate unbegrenzter Freiheit zur Zeitverschwendung mit einem Schlag vorbei sind. Nein, ganz nebenher steigen auch wieder alle erdenklichen Kosten. Die waren auch während der Ferien nicht ganz gering, aber irgendwie wird einem im universitären Dunstkreis das Geld auf tausend Arten aus der Tasche gesaugt. Auch die Meins-WG sieht sich mal wieder dem monetären Genozid gegenüber und erwägt ihre Möglichkeiten: •

Nie, nie, niemals wieder das Haus verlassen. Die Tür verrammeln, Strom und Heizung abstellen (klingt doch plausibel im Sommer) und ab sofort nur noch von Meditation und dem seltsamen Bewuchs in den Blumenkästen leben. Durch den Flaschenpfand in der Wohnung reich werden. Arbeit suchen!

Eine schwere Wahl, die einer Entscheidung harrt. Jetzt. Sofort. Nachdem die WG drei Stunden lang alle alternativen Wörter für Geld gesammelt und beschlossen hat, dass Penunzen eindeutig zu wenig gebraucht wird, macht sie sich an eine Evaluation. Hierbei werden in weiser Voraussicht zunächst nur die Punkte Eins und Zwei in Betracht gezogen. Da jedoch niemand den Schlüssel zum Heizungskeller hat und der Flaschenpfand auf besonders bestechende Art zwei komplette Wohnungswände ziert, drängt sich Punkt Drei immer stärker auf. Das hat unserer WG gerade noch gefehlt. Erst Uni und jetzt auch noch arbeiten? Eigentlich hat keiner der WG-Bewohner große Lust sein Herzinfarkt-Risiko um gefühlte 200 Prozent zu steigern, aber verhungern soll ja noch schlimmer sein. Deswegen greifen sie beherzt zu Zeitung und Internetverbindung, um sich in den nächsten Tagen durch zahlreiche Angebote zu klicken, Bewerbungen zu schreiben und ihren Lebensläufen ominöse Sprachkenntnisse hinzu zu fügen, von deren Existenz sie bis vor Kurzem selbst nichts wussten.

Dabei entschließen sie sich für verschiedene Karrierewege. Die Meinslerin fand Pandas und obdachlose Babys in Drittweltländern schon immer süß und entscheidet sich deshalb, Unterschriften für wohltätige Organisationen zu sammeln. Einer ihrer männlichen Mitbewohner macht es ihr gleich und will sein Geld als Promoter für diverse Firmen verdienen, indem er Menschen mit kostenlosen Kugelschreibern und Abonnements zu Leibe rückt und sie zwingt seltsame Spiele zu spielen. Wgler Nummer Drei, weder sonderlich altruistisch noch sadistisch veranlagt, hat schon immer den Kaffee in der WG gekocht und fängt deshalb in einem der unzähligen Szenecafés an. Mit Kaffee zu plempern und Geld dafür zu kriegen scheint fair. Damit sind alle drei ab jetzt vor allem mit einem beschäftigt: Laufen. Wie man es dreht und wendet, will es einfach nicht richtig erscheinen; denn entweder wollen die Leute rein gar nichts von einem oder viel zu viel. Schnell wird unseren Wglern klar, dass all ihre Befürchtungen gegenüber der Arbeit begründet waren. Trotzdem versuchen sie es wacker weiter und besonders die Meinslerin legt sich ordentlich ins Zeug. „Hey...hi. Hast du ein paar Minuten Zeit? Wir sind von ...“ „Uh, neee,is gerade ganz schlecht. Ich bin schon drei Stunden zu spät zur Vorlesung, außerdem kann ich nichts unterschreiben, weil mein Kulli nur Türkis schreibt.“ Das geht geschlagene sechs Stunden so weiter und auch unser tapferer Promoter hat inzwischen eingesehen, dass so nicht das große Geld zu machen ist. Seit einer gefühlten Ewigkeit schleicht er sich jetzt bereits an die Leute in den Straßen und auf dem Campus an und wirkt dabei immer verzweifelter. Eigentlich will er der Allgemeinheit doch nur den Gewinn eines neuen Fahrrades in Aussicht stellen, wenn sie bei seiner Gewinnaktion mitmachen. Dass sein eigenes Fahrrad in der Zeit, in der er mit seinem Glücksrad über das Uni-Gelände

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gehetzt ist, gestohlen wurde, wird er erst am Ende des frustrierenden Tages feststellen. Und auch Nummer Drei kann inzwischen keinen Kaffee mehr sehen. Der Stress ist zu groß und das Trinkgeld dann meistens doch zu klein. Außerdem drohen seine Arbeitszeiten mit seinen Schlafzeiten zu kollidieren. Den Part haben vorher immer die Partys übernommen, aber genau die zwingen ihn nun zu diesen extremen Maßnahmen. Nach einem solchen Arbeitstag bleibt einem gar nichts anderes übrig, als am Abend vollkommen gefrustet nach Hause zu schlurfen und sich zur letzten Ruhe auf die WGCouch zu betten. Gut, dass es allen drei Meinslern so ergeht, denn jetzt können sie sich wenigstens gegenseitig ihr Leid klagen, während sie bei vegetarischen Dosenravioli, Bier und noch mehr Bier vor dem Fernseher hängen. „Reiche Eltern müsste man haben...oder ein fettes Erbe. Viel Geld für irgendeinen Scheiß kriegen. Egal, Hauptsache reich.“ Die anderen beiden stimmen dem Meinsler murrend zu und geben doch heimlich die Hoffnung noch nicht komplett auf, tatsächlich eines Tages im Geld schwimmen zu können. Vielleicht wäre Versicherungsbetrug auch eine durchaus attraktive Alternative. Die ganze Theorie nützt aber gar nichts und so müssen sie auch in den nächsten Wochen für ihr Geld laufen, reden und nerven was das Zeug hält. Manchmal haben sie dabei sogar erfolgreiche Tage, wenn es ein besonders großes Trinkgeld gibt oder sich tatsächlich einige barmherzige oder dumme Menschen finden, die Geld für diverse Spenden locker machen. Weil die Jobs dennoch zu viel Stress und zu wenig Gehalt bringen, kommt die WG bald wieder ins Grübeln. Lohnt sich die Arbeit wirklich? So langsam fordert auch die Uni ein bisschen mehr Aufmerksamkeit und sowieso wird doch alles viel zu hektisch. Aber wo soll das Geld herkommen, wenn sie ihre Jobs an den Nagel hängen? Die Eltern um noch mehr Geld anpumpen, will keiner von ihnen.

„Vielleicht sollten wir doch Flaschenpfand sammeln. Wir machen das im ganz großen Stil. Ich könnte uns morgen Taschenlampen und Alditüten besorgen ...“ „Ach, das ist doch genauso stressig wie den ganzen Tag auf der Straße zu stehen und Leute zu bequatschen. Außerdem müssten wir mal unsere Wände streichen, wenn sich der Pfand da nicht mehr stapelt.“ „Und wenn wir eine Zeitmaschine bauen, um in der Zukunft unsere Flaschen für Unsummen als antik zu verscherbeln?“ An und für sich eine grandiose Idee, aber leider braucht man zum Bau einer Zeitmaschine neben wissenschaftlichem Genie vor allem eines: Geld. Womit die Meinsler wieder am Ursprung ihres leidigen Themas ankommen und erkennen müssen, dass sie einfach keinen Ausweg aus dem Rad der kapitalistischen Konsumgesellschaft finden. Eine harte Erkenntnis und sie könnten dort auf dem Sofa, in ihrer Bier und Chips und Fernseher-Welt in totalem Selbstmitleid und Resignation zerfließen. Aber zum Glück wäre die Meins-WG nicht die Meins-WG, wenn sie nicht allem noch etwas Gutes abgewinnen könnte. Denn eigentlich ist doch alles gar nicht so schlimm. Immerhin steht der Sommer vor der Tür und wer will da schon in einem stickigen Büro ohne Bewe-

gungsfreiheit sitzen? Und die Uni kann auch noch ein bisschen warten, denn schließlich konnte sie das auch schon, als noch keiner von ihnen zur fleißig arbeitenden Masse gehörte. Also sehen die Meinsler erst einmal von einer Kündigung ab und lassen den Tag stattdessen etwas langsamer angehen. Kaffee wird sowieso viel seltener verschüttet, wenn man langsam geht und aus den unzähligen nicht unterschriebenen Spendeformularen kann man auch mal was Schönes falten. Das gibt weniger Trinkgeld und noch weniger Spenden, aber das Geld kommt trotzdem rein. Und in der gesparten Zeit kann unsere WG weiter in Ruhe Pfand ansammeln und sich Gedanken über die Blaupausen zu einer Zeitmaschine machen. Nur zur Vorsicht. Denn man braucht neben Kohle ja auch noch Pläne im Leben

Felix Schedde

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festival contre la racisme Menschen tanzen, es ist schwül, alle hoffen auf einen lauen Sommerregen. „Turbostaat“ gibt auf der Bühne vorm Philosophikum alles. Dann fängt es wirklich zu regnen an. Im Rahmen des „festival contre le racisme“ gibt es an der Uni Livemusik. Umsonst und draußen. Meins hat sich gedacht: Da müssen wir hin, denn: Wann gab es an der Uni schon das letzte Mal etwas für lau? Aber fangen wir doch am Anfang an. Und der war am Montag, den 7. Juli. Das Festival hat bereits in den Tagen zuvor noch mehr geboten als nur Musik. So wurde am Montag über die „Pro-Bewegungen“ in NRW referiert, am Dienstag danach gab es einen Vortrag von Kerstin Reichel über „Gedenkstättenarbeit im Wandel der Zeit“ und am Abend des gleichen Tages noch las Thomas Gsella, ehemaliger Chefredakteur der Titanic, aus einigen seiner Bücher. Doch das Konzert ist wohl die am besten besuchte Veranstaltung im Rahmen des Festivals. Nicht nur wegen des zunächst schönen Wetters, sondern auch wegen des

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guten LineUps kommen die Leute aus allen Richtungen. Neben „Turbostaat“, spielten auch „The Indelicates“ und „the toten Crackhuren im Kofferraum“ Das „festival contre le racisme“ kommt ursprünglich aus Frankreich. Dort setzte der französische Studentenverband „UNEF“ die Idee des „Fesitvals gegen Rassismus“ bereits 1995 in die Tat um. Seit sieben Jahren organisiert der „freie zusammenschluss von studentInnenschaften“ (fzs) und der „Bundesverband Ausländischer Studierender“ (BAS) das Festival auch in Deutschland. So heißt es auf der Webseite: „In der Woche vom 07. bis 12. Juni 2010 möchte der „freie zusammenschluss von studentinnenschaften“ Studierendenvertretungen, Initiativen und Gruppen animieren und unterstützen, bundesweit dezentral an der jeweiligen Hochschule eine Veranstaltungswoche gegen Rassismus, Diskriminierung, Xenophobie und Sexismus auszurichten.“

In Köln selbst fand das Festival in diesem Jahr zum sechsten Mal statt. Um ein bisschen mehr über die eigentlichen Planungen und Abläufe in Köln zu erfahren, hat Meins Sebastian Schröder, den AStA Referenten für Politische Bildung und Kultur interviewt. Eine seiner Aufgaben ist es das Festival zu organisieren. Meins: Hallo Sebastian. Erst einmal zu Dir. Wie alt bist Du, was machst Du so? Sebastian: Ich bin 31 Jahre alt, studiere im 18. Semester Philosophie, Germanistik und Anglistik. Meins: Wie bist Du dazu gekommen das Festival zu organisieren? Sebastian: Ich bin im AStA Referent für Politische Bildung und Kultur. Da gehört es zu meinen Aufgaben, derartige Veranstaltungen zu organisieren. Hinzu kommt, dass es nicht nur mir, sondern allen am AStA beteiligten Gruppen ein großes Anliegen

ist, an der Uni deutlich zu machen, dass Rassismus und andere Formen der Ausgrenzung hier nichts zu suchen haben. Meins: Seid Ihr denn mit dem Ablauf zufrieden? Sebastian: Ja, sehr. Wir haben gerade bei den Vortragsveranstaltungen spannende, z.T. auch kontroverse Diskussionen unter den Studis angeregen können. Schön ist auch, dass alle Veranstaltungen friedlich abliefen, d.h. keine Rechtsextremen oder andere Gruppierungen da waren, die stören wollten.

amüsiert. Bei den inhaltlichen Vorträgen waren es natürlich ein paar Leute weniger, nichtsdestotrotz fanden wir alle Veranstaltungen sehr erfolgreich. Meins: Seit wie vielen Jahren findet das Festival nun mittlerweile in Köln statt? Sebastian: Das Festival hat jetzt zum sechsten Mal in Köln stattgefunden. Im Laufe der Zeit hat es sich natürlich weiter entwickelt und ist von unterschiedlichen Leuten organisiert worden. Das Team, das 2010 verantwortlich war, ist allerdings völlig neu. Meins: Wie wird das Festival finanziert?

Meins: Wie viele Teilnehmer hattet Ihr ungefähr? Sebastian: Pauschal kann man das nicht beantworten. Beim Konzert waren am Ende, als Turbostaat gespielt haben, knapp 2000 Leute auf dem Platz, Titanic-Autor Thomas Gsella hat immerhin fast 200 Zuhörer

Sebastian: Das Festival wird aus den finanziellen Mitteln des AStA getragen. Alle Studis zahlen ja mit ihrem Semesterbeitrag einen Anteil für die Studierendenschaft. Das Studierendenparlament entscheidet dann, wofür welche Summe zur Verfügung steht.

Meins: Gibt es das Festival nächstes Jahr wieder? Braucht Ihr noch Hilfe, falls eventuell einer unserer Leser mitmachen möchte? Sebastian: Prinzipiell ist das natürlich eine Entscheidung der jeweiligen AStA-Koalition. Und da bin ich natürlich kein Hellseher, der voraussagen kann, wer die im nächsten Jahr bildet. Meine Hochschulgruppe, UFO - die Fachschaftsliste, wird sich jedoch genauso dafür einsetzen wie die Unabhängigen und die Jusos, mit denen wir zusammenarbeiten. Insofern ist es schon sehr wahrscheinlich, dass es das festival contre le racisme wieder gibt. Helfende Hände sind natürlich immer gern gesehen; wer daran interessiert ist schreibt einfach eine E-Mail an pbk@asta. uni-koeln.de.

Bildquelle: fzs

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Jura Klischee Nr. 1: Segelschuhe ohne Boot in der Nähe, die Ärmel des über die Schultern gelegten Pullovers vermeintlich lässig auf Brusthöhe verknotet, dazu wahlweise Accessoires wie die Ray Ban-Sonnenbrille oder Perlenkette. Das ist wohl das klassische Klischeebild der Juristen – eine Gruppe bestehend aus Timberland-Tristan, Perlen-Paula, BarbourBoris und Longchamp-Laura eben. Und was machen die so? Klischee Nr. 2: Sie lernen den ganzen Tag Paragraphen auswendig! Nein, das machen Sie nicht. Es geht viel mehr um die Anwendung von Normen und Gesetzen und die Auslegung derselben. Kein Jurastudent muss einen Paragraphen auswendig lernen, denn die Gesetzestexte dürfen stets in den Klausuren mitgeführt und benutzt werden. „Im Grundstudium geht’s ums Überleben, merken Sie sich das“ sagte ein Professor in einer der ersten Vorlesungen. Recht sollte er behalten. Die ersten vier Semester sind dem

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Grundstudium gewidmet. In den drei großen Bereichen Öffentliches Recht, Strafrecht, Zivilrecht müssen Klausuren geschrieben und Hausarbeiten verfasst werden. Das fünfte und sechste Semester ist dem Schwerpunkt gewidmet. Es besteht also die Möglichkeit die Kenntnisse in bestimmten Bereichen entsprechend der persönlichen Präferenzen zu vertiefen. Je nach Uni stehen für Vertiefung verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, die vom Steuerrecht bis zum Strafrecht reichen. Anschließend bereit man sich ca. zwei Semester auf das erste Staatsexamen vor. Das Studium wird im Idealfall nach 8-9 Semestern mit der ersten juristischen Prüfung (erstes Staatsexamen) abgeschlossen. Ist das Examen bestanden, besteht die Möglichkeit, die Verleihung des Hochschulgrades „Diplom-Jurist“ zu beantragen. Nach dem man zwei Staatsexamen wird die Ausbildung mit dem juristischen Vorbereitungsdienst fortgesetzt, dieser dauert zwei Jahre. Im Laufe dieser Zeit lernt man die Tätigkeit in verschiedenen Bereichen kennen. Man durchläuft Stationen bei

Gericht, der Staatsanwalt, in der Verwaltung etc.). Parallel besucht man Arbeitsgemeinschaften, in denen einem praktische Fähigkeiten näher gebracht werden, wie das Verfassen von Urteilen oder Anklageschriften.Am Ende des Referendariats ist erneut eine Staatsprüfung abzulegen (2. Staatsexamen) mit deren Bestehen man Volljurist ist und alle typischen juristischen Berufe ergreifen kann. Klischee Nr. 3: Das ist doch total trocken? Eine Lanze für das Studium zu brechen und zu behaupten, alles wäre so spannend wie ein Hakan Nesser Krimi wäre wohl zu patriotisch. Jedes Studium hat Fächer deren Spannungskurve der eines Rosamunde Pilcher Romans gleicht. Trotzdem zählt Jura zu den anwendungsorientiertesten Fächern. So kommt bei der WG-Party die Frage auf, wie man nun aus dem Zeitungsabo wieder rauskommt, wie man den Fitnessstudiovertrag vorzeitig kündigen kann, ob es Beamtenbeleidigung wirklich gibt und man erntet großes Staunen wenn man das Mysterium „Mundraub“ auflöst.

Sich in Wort und Schrift verständlich äußern zu können, Gedanken präzise und strukturiert darzulegen sind Fähigkeiten, die das Jurastudium ungemein erleichtern. Präzises Arbeiten und Spaß an der Sprache ist elementar, schließlich muss ein Jurist die Worte stets auf ihre mögliche Bedeutung hin deuten und die eigenen Worte mit Bedacht wählen. Gleichzeitig muss man in der Lage sein, abstrakt zu denken. Stets zu beachten ist auch die Tatsache, dass der Beruf des Juristen nicht immer einer der beliebtesten Berufe ist, schließlich gehört es unter Umständen zum Beruf Regelverstöße zu sanktionieren. Wer sich für den Beruf entscheidet muss also damit rechnen, nicht immer und überall mit offenen Armen empfangen zu werden. Während des Studiums ist zudem sehr viel Fleiß, ein gutes Gedächtnis, Ehrgeiz und genügend Selbstdisziplin gefragt. Gute Noten sind während des Studiums rar gesät und durch Niederlagen darf man sich nicht schnell entmutigen lassen. Franziska Röhr

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Fotos: Denise Hoffmeister

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Bild: Jens L端bbers

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Lima - eine Stadt voller Kontraste Mittlerweile bin ich schon ein paar Tage hier, habe Leute kennen gelernt, das Nachtleben erkundet und doch einiges Kurioses erlebt. Zum Beispiel den Verkehr in Lima Ich wohne seit 4 Tagen in einem Hostel, im Zentrum Mirafloes, einem Districto Limas. Man muss dieses Ballungszentrum schon in Districtos aufteilen, wobei einige sicher die Größe Hamburgs haben. Kurz gesagt, ich war noch nie in einer 10 Mio. Stadt. Ebenfalls neu für mich sind der Lärmpegel und der ständige Geruch von verbranntem Benzin. Es gibt keine Verkehrs entlastenden Straßenbahnen, keine Metro oder ein verdichtetes Fahrradverkehrsnetz. Jedes Auto ist gleichzeitig Taxi und wenn dir das zu teuer ist, fährst du eben mit den Carros, kleinen Bussen für acht bis zehn Personen. Miraflores, so hatte man mir gesagt, wäre ein sicherer Ort in Lima. Im Vergleich zu anderen Districtos ist Miraflores auf jeden Fall übersichtlich, sauber und modern. Der direkte Strandzugang hatte mir zusätzlich Ansporn gegeben, hier einzuchecken.

Oder auch die Stadt selbst Morgens, nach dem Frühstück, setze ich mich meistens für eine Weile in den Park und mache Pläne für den Tag. Heute warte ich auf Joan. Er ist Peruaner und betätigt sich hier als Strassen(schrott)verkäufer. Natürlich ist er nicht, wie versprochen, um 11 da; Aber die Jungs die sich zu mir gesetzt haben und mir vor den Augen der Guardia Policia Marihuana

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FernSicht

verkaufen wollen, unterhalten mich solange. Auch Angela, ein Mädel aus Amerika, das im gleichen Projekt arbeitet, kommt gerade vorbei. Es ist ihr erster Tag hier und sie will in die Stadt gehen. Als Joan dann endlich kommt, entschließen wir uns zusammen die Stadt von ihm zeigen zu lassen. Nach einer hektischen Taxifahrt und ein bisschen Siteseeing sind wir bald in Chinatown gelandet. Von dort aus machen wir uns, angeführt von Joan, auf den Weg zum “Cerro San Cristobal”. Von diesem Hügel aus kann man ganz Lima sehen. Als wir den Bus erreichen, kommen wir an einer alten spanischen Kolonialkirche vorbei. Von hier führt uns der Weg weiter durch die Vororte, die sich am Fuß des Hügels befinden. Das ist die andere Seite der Stadt. Kinder spielen im Dreck, nennen uns schreiend “Gringos! Gringos!” und werfen Steine nach dem Bus, in dem wir sitzen. Wir sollen die Fenster geschlossen halten und keine Fotos machen, sagt man uns. Oben angekommen erwartet uns, auch wenn man von den 450 Metern Höhe aufgrund der verschmutzten Luft das Ende der Stadt nicht sehen kann, ein unglaublicher Ausblick. Joan fragt, ob wir Lust haben zu tanzen und Cerviche zu essen. Wir nicken und folgen ihm aus dem Bus. Drei Blocks zu Fuß und wir befinden uns in einem riesigen Saal. Am Rand sind Tische und Stühle aufgebaut und in der Mitte tanzen Leute. Es spielt eine Band, die Stimmung ist klasse; sehr authentisch, sehr südamerikanisch. Alles tanzt, alles bewegt sich und die Kellner servieren “Franca”-Bier und Cerviche. Für uns das Selbe, versuche ich dem Kellner verstehen zu geben. Der Saal, die tanzenden Alten und Jungen, die Band, einfach alles erinnert irgendwie an eine Hochzeit. Dann kommt auch schon das Cerviche. Angela, als Vegetarierin, bleibt überraschender Weise ziemlich cool. Ich kenne da so andere Vegetarier, die hätten den Tisch gewechselt, bei dem Anblick von rohen Krabben, Tintenfischstücken mit Tentakeln und einem ganzen Hummer oben drauf. Joan kann ich ansehen, wie sehr er diesen Anblick liebt und ohne auch nur ein Wort zu verlieren, stürzt er sich darauf. Ob sie Lust hat zu tanzen, frage ich Angela kurz darauf und wenig später, ein oder zwei Songs nach Modern Talking, stehen wir beide auf der Tanzfläche und der ganze Saal starrt und grinst uns an. Die Leute rufen uns etwas zu, was ich nicht verstehe und klatschen in die Hände. Nach vier Songs bin ich fertig, aber Angela hat keine Möglichkeit, eine Pause zu machen. Die Peruaner stehen Schlange. Irgendwann gibt sie mir ein Zeichen und ich weiß Bescheid, dass wir jetzt gehen sollten. Auf dem Weg nach draußen, an all den Tischen vorbei rufen die Leute wieder, lächeln und versuchen uns zum Tanzen zu animieren. Auf der Strasse verabschieden wir uns von Joan und wenig später sitzen wir zur Rush-hour hinten in einem Taxi und rauchen Zigaretten, obwohl man sich den teuren Qualm bei der Luft echt sparen kann. Rush-hour in Lima bedeutet 20min. stehen, 100m fahren und wenn du nicht mithupst und mitdrängelst, dann kommst du gar nicht weg. Zurück in Miraflores, fällt mir ein, dass ich mich vor 20 Minuten mit Yaki im Park gegenüber der Strasse treffen wollte. Yaki ist 30 Jahre und wohnt seit 3 Jahren in Lima. Eigentlich kommt sie aus dem Süden. Sie arbeitet in einem Kinderwaisenheim. Ich habe sie im Park vor 2 Tagen kennengelernt. Ich verabschiede mich von Angela und suche Yaki im Park. Zum Glück ist sie noch da. Wir machen uns auf den Weg in einen Park der Wasserspiele. Sehr interessante Springbrunnen, mit Farbspielen und klassischer Musik untermalt.

Nachtleben in Lima- “Über meinen Verhältnissen und unter meinem Niveau” 2 Stunden später bin ich endlich im Hostel. In der Bar treffe ich Angela, eine andere Amerikanerin und ihre Freunde, 4 Chilenen. Sie schmieden Pläne für die Nacht. Ich fühle mich bettreif, doch haben wir erst 8 Uhr abends. Eine kalte Dusche und ich bin wieder dabei. Die Chilenen scheinen gut drauf zu sein und Angela ebenfalls, also ab nach “Barranco”, einem Nachbarviertel. Nach ein paar Bier in einer wirklich coolen Bar, mit dem Namen “Joanito’s” landen wir in einer Disko. Hier gebe ich meine letzten Soles aus. Danach wollen die Jungs noch in eine andere Disko. Als wir das Taxi verlassen, frage ich Ruben, einen der Chilenen, wo in dieser Wohnsiedlung eine Disko sein soll. Er schaut mich an und zeigt dann ganz lässig auf ein Haus. Ein Haus, wie viele in dieser Gegend, denke ich mir, aber wo ist hier die Disko? Am Gartenzaun angekommen öffnet plötzlich ein für Peruaner ziemlich großer Bursche das Gatter und verweist auf den Hinterhof. Angela, die 4 Chilenen und ich folgen dem Weg.

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Die Haustüre steht offen und der lange Korridor führt direkt durch eine Küche, an einem Boxsack vorbei zu einer Treppe. Von hier aus hört man Musik und kann erahnen, dass da oben noch einiges mehr zu sehen ist. Und was da zu sehen ist! Es ist als ob das Treppenhaus Omas Wohnbereich im Erdgeschoss von der Großraumdisko “Razzmatazz��� im 1. Stock trennt. Oben angekommen hämmert der Beat durch die Ohren, man sieht Mädels leicht gekleidet, gefolgt von Goldkettchen in Hawaiihemdchen. Ich setze mich in einem weißen Raum, vor einem weißen Tisch, auf ein weißes Sofa und denke mir die Farbe weiß- ja das passt zu allem hier. Überall Spiegel an den Wänden. Die Tische sind klein und auf jedem steht ein Eimer mit Eis neben ‘ner Flasche Ballantaines. Die Chilenen sind verschwunden. Ich sitze neben Angela, die gleich von 4 Peruanern angequatscht und bearbeitet wird. Sie schenken ihr und mir immer wieder neu ein, glauben wir wären Freunde, Freunde für wenigstens einen Abend und trinken Whiskey auf Eis. Jeder trinkt Whiskey auf Eis. Auch das Hawaiihemd links neben mir mit seinen weit aufgerissenen Augen. Ich denke mir nur, was für eine Fassade, welch falscher Ruhm. Ich spiele das Spiel mit, gebe mich wie sie, stoße mit ihnen an und bin doch der Einzige hier, der weiß, dass er diesen Standart nicht mitgehen kann oder will. Egal denke ich mir, solange der Whiskey kalt ist vor allem umsonst. Angela, geht, umgeben von den vier Peruanern, tanzen, während ich mich von dem Hawaiihemd abfüllen lassen muss und als Dankeschön dafür seine Lebensgeschichte höre. Er sei ein guter Freund des Präsidenten, erzählt er. Als Angela von der Tanzfläche kommt, machen wir Anstalten nach Hause zu gehen. Es ist 6 Uhr morgens und sie sieht noch müder aus, als ich mich fühle. Auf der Straße bekomme ich noch einmal einen starken Eindruck davon, wie nahe die unterschiedlichen Schichten in diesem Land zusammenleben. Kaum aus der Welt des Glitzers, der schönen Frauen und des guten Whiskeys heraus, fragt mich ein vielleicht Sieben jähriger Junge mit seiner vermutlich jüngeren Schwester an der Hand, ob ich ihm 40 Cent geben kann, da sie beide Hunger haben. Ich bin zwar total voll, meine Taschen aber sind leer. So machen wir uns mit schlechtem Gewissen auf dem Weg zum Hostel. Nach einem langen Tag auf den Weg ins warme Bett, mit einem Dach über dem Kopf in einem Land, in dem dies manchmal nicht selbstverständlich ist.

Bilder und Text: Jens Lübbers

Erasmus in Sevilla

Als Erasmus-Student in Sevilla ist man einer unter vielen. Schon bei der Wohnungssuche kämpft man mit Tausenden um ein WGZimmer. Und auch wenn man sich am Anfang geschworen hat, auf jeden Fall mit Spaniern zusammenzuwohnen, findet man sich sehr wahrscheinlich plötzlich in einem Haus voller Franzosen, Italienern und Belgiern wieder. L‘auberge espagnole eben. In der Uni geht es dann so weiter. Man steht mit anderen Austauschstudenten in langen Schlangen, um sich anzumelden. Man besucht mit ihnen spezielle Sprachkurse für Erasmus-Studenten und geht mit ihnen zu Begrüßungsveranstaltungen, ErasmusParties und internationalen Abenden. Überhaupt fühlt man sich an der Uni sehr aufgehoben, man kann problemlos jeden Kurs besuchen und wenn es doch mal Schwierigkeiten gibt, führt der Satz „Soy estudiante de Erasmus“ zur Lösung (fast) aller Probleme. Zu Schwierigkeiten kommt es zunächst eher beim Zusammenkommen der vielen unterschiedlichen Nationalitäten; und zwar zu Sprachverwirrungen. Denn manchmal fragt man sich, was für eine Sprache man da gerade spricht und ob das noch im Entferntesten mit Spanisch zu tun hat. Diese kleinen Anflüge der Verzweiflung relativieren sich aber, wenn man dann einen Sevillano vor sich hat und merkt, dass man von ihm nun wirklich kein Spanisch lernen kann

Andalusien ein bisschen wie das Bayern von Spanien. Die meisten Klischees des Landes, wie Stierkampf und Flamenco, haben ihren Ursprung in dieser Region und werden in ihrer Hauptstadt weiterhin rege aufrechterhalten. Genauso stolz wie seine Brauchtümer, wirkt auch die Stadt und ihre Bewohner. Auch der alte Glanz der einst so bedeutenden Stadt, die durch den Fluss Guadalquivir der Hafen zur Neuen Welt wurde, ist nach wie vor zu spüren. In der Nähe vom Flussufer liegt die ehemalige königliche Tabakfabrik, ein prunkvolles Gebäude, das wie eine Festung von einem tiefen Wassergraben umgeben ist und heute die Universidad de Sevilla beherbergt. Wenn man der von Orangenbäumen gesäumten Hauptstraße weiter in die Stadt folgt, erreicht man die Kathedrale, eine der größten Kirchen der Welt. Die Giralda, der heutige Kirchturm und das Wahrzeichen der Stadt, war eigentlich das Minarett der früheren Moschee und ist damit eins der vielen Überbleibsel der langen maurischen Herrschaft. Gleich daneben befindet sich das Archivo de Indias, indem Dokumente der spanischen Kolonialzeit gesammelt sind, die einem die damalige Bedeutung der Stadt vor Augen führen. Auch jenseits des Prunks und Glanzes gibt es in Sevilla kleine Schätze zu entdecken, zum Beispiel die Tapasbars. Sie sind meistens bunt gefliest, voll und laut.

Denn für Andere, selbst für andere Spanier, ist der andalusische Dialekt oft unverständlich.

Man steht dicht gedrängt und trinkt Bier oder isst Tapas an der Theke und versucht sich gegen die unglaubliche Geräuschkulisse durchzusetzen.

Trotzdem sollte man natürlich nicht vor der Kontaktaufnahme mit den Bewohnern Sevillas zurückschrecken und sich trotz des ganzen Erasmus-Trubels Zeit nehmen, um die Stadt kennenzulernen. Nicht nur wegen der Verständigungsschwierigkeiten wirkt

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FernSicht

Wenn die Luft nachts angenehm kühl ist, stehen die Menschen mit ihrem Bier dann auch auf den Plätzen vor den Bars und

unterhalten sich. Meist wird es so laut, dass ein Neuling denkt, er höre schon das Rauschen des Flusses bevor er um die Ecke biegt. Dadurch, dass das Trinken auf der Straße seit ein paar Jahren in Spanien verboten ist, haben sich aber die riesigen Trinkgelage verringert. Tagsüber kann man sich stundenlang in einem der vielen Straßencafés auf der Alameda de Hercules die Zeit vertreiben, Leute beobachten und auch noch im Winter die Sonne genießen. Ansonsten ist der Winter in Sevilla für einen deutschen Erasmus-Studenten nicht sehr angenehm. Es gibt keine Heizung und nachts bläst der kalte Wind durch die nicht isolierten Fenster.

Wer ein Jahr bleibt, kann sich aber freuen, denn im Februar ist schon wieder alles vorbei und der Frühling beginnt. Wohnen kann man am besten im alten Stadtkern, der zwar ziemlich groß ist; zur Not kommt man zu Fuß dennoch überall hin. Sonst gibt es nur Busse oder Stadtfahrräder. Die einzige Straßenbahnlinie ist zu vernachlässigen. Sie hat vier Stationen und klappert im Schneckentempo die Sehenswürdigkeiten ab. Als typischer Erasmus-Student geht man aber am besten direkt zu einem der Flohmärkte von Sevilla und kauft sich ein gebrauchtes Fahrrad. Das wird einem dann im besten Fall erst gegen Ende des Semesters geklaut und dann an den nächsten glücklichen Erasmus-Student weiterverkauft. Und es wird ihn während einer unvergesslichen Zeit begleiten.

Text: Sarah Kaes

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ErkenntnisReich Foto: RenĂŠ Becker


Endzeitszenario Bienensterben?

Warum das Sein oder nicht Sein der Biene wichtig für uns ist. Im Jahr 2006 gibt es in den USA die ersten Meldungen von einem akuten Verschwinden von Abermillionen von Bienen. Kurz darauf beobachtet man auch in Asien und ganz Europa ein massives Bienensterben. 2007 verschwinden allein in Kroatien innerhalb von nur 48 Stunden 5 Millionen Bienen. Ursache des Massensterbens? Ungeklärt. Vermutungen wie Pestizide und Erreger als Ursachen werden geäußert, aber auch wilde Spekulationen die Handystrahlen oder Ufos als ursächlich ansehen machen die Runde. Die Mystik des Sachverhalts verstärkend, wird in diesem Zusammenhang auch immer wieder auf das vermeintliche Einstein Zitat verwiesen. "Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben". Es klingt wahrlich wie der Stoff, aus dem apokalyptische Filmfantasien à la Roland Emmerich gemacht sind. Aber was heißt das nun?

Eine Welt ohne Honig?

Foto: René Becker

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Eine Welt ohne Honig wäre zwar schade, aber das ist nicht der Grund, weshalb sich weltweit Wissenschaftler aller Fachrichtungen vermehrt dem Thema widmen. Die Biene bevölkert schon länger als der Mensch die Erde und wurde vor ca. 8000 Jahren zum Partner des Menschen. Als effizientestes bestäubendes Insekt der Welt, stellt die Biene ein wichtiges

Bindeglied im Ökosystem wie in der gesamten menschlichen Ernährung dar. Sie sorgt für die weltweite Bestäubung von mehr als 90 verschiedenen Kulturfrüchten und Gemüsearten und ist somit für etwa 30% unserer Nahrung von Bedeutung.

Die Ökonomie der Biene Nicht nur Imker registrieren hohe wirtschaftliche Verluste. Wie französische und deutsche Wissenschaftler erstmals berechnet haben, sind durch das Bienensterben circa 10% der weltweiten Agrarproduktion und somit etwa 150 Milliarden Euro in Gefahr. Schätzungen des Nationalen Institutes für Agrarforschung (INRA), des Zentrums für Wissenschaftliche Forschung (CNRS) aus Frankreich und des Helmholtz Zentrum für Unweltforschung (UFZ) zufolge, würden Schäden von 190 bis 310 Milliarden Euro pro Jahr entstehen, wenn die Bestäubung durch Insekten wie der Biene fehlen würden

Das millionenschwere Summen im Central Valley Das Paradebeispiel für die "Bienenökonomie" ist die Mandel aus Kalifornien. Etwa 80% der weltweiten Mandelproduktion findet im Central Valley Kaliforniens statt. Der Bundesstaat erwirtschaftet damit mehr Geld als mit Trauben und Wein. Durch Windbestäubung allein würden die Mandelbäume im Central Valley 10 kg Mandeln pro Hektar erzeugen, durch den Einsatz der Bienen werden 700 kg pro Hektar erzeugt. Allerdings benötigt man dafür die Hälfte aller Bienen der USA.

Der Exportschlager Mandel ufert somit in der größten Tiermigration der Welt aus, bei der 36 Milliarden Bienen von A nach B gebracht werden.

CCD - "Colony Collapse Disorder" Ein Verlust von etwa zehn Prozent der Bienenvölker im Winter ist laut Professor Tautz der Universität in Würzburg normal. Nicht jedoch die weltweiten Einbußen der Imker aufgrund des Phänomens des Bienenvolk-Kollapses (CCD) von 30% bis 80%. Kennzeichnend für dieses Phänomen ist das plötzliche Zugrundegehen ganzer Bienenvölker. Das Phänomen ist allerdings nur ein Symptom, die Ursachen so global und vielfältig wie das Bienensterben selbst. Eine der Hauptursachen die Wissenschaftler diagnostizieren konnten, ist die sogenannte Varroa- Milbe. Durch die internationale Kreuzung von Bienen, vor allem in den 1980er Jahren, breitete sich dieser Parasit von Asien schnell weltweit aus. Allerdings sind nicht die Milben das Problem, sondern die Viren und Bakterien, die sie an die Bienen weitergeben und somit das Immunsystem der Bienen schwächen. Hinzu kommt, dass Bienen laut dem Genetiker Gene Robinson der Universität Illinois, der 2006 half das Bienengenom zu analysieren, weniger Gene für Immunität und Entgiftung besitzen als andere Insekten die genetisch dekodiert wurden und somit Krankheitserregern und Giften hilflos ausgesetzt seien. Ebenso wurde nachgewiesen, dass Pestizide eine tragende Rolle beim plötzlichen Bienentod spielen. Vor allem die Neonicotinoide, einer Gruppe

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von hochwirksamen Insektiziden, zeigten sich für Bienen toxischer als gedacht. So vergiftete 2008 eine Pestizidwolke eines Maisfeldes in Süddeutschland 330 Millionen Bienen. Ursache war das Pestizid PonchoPro, welches den Landwirten vom Hersteller Bayer CropScience empfohlen und bis dahin als unbedenklich eingestuft wurde. Mittlerweile ist es verboten, da die Untersuchungen vom Landwirtschaftlichen Technikzentrum Augustenberg Karlsruhe, sogar ergaben, dass die Bienen starben, obwohl der ermittelte Wert 75% unterhalb des tödlichen Schwellenwertes lag. Fälle wie diese zeigten sich auch in weiteren Teilen Europas. Neben diesen verweisen Forscher als weitere Ursachen des BienenvolkKollapses auf zunehmend fehlende Nahrungsgrundlagen durch Monokultur, weitere Krankheitserreger und Gifte, schlechte Wetterbedingungen, sowie Stress durch den Transport der Stöcke über lange Entfernungen hinweg. Auch die international

Tiergesundheitsorganisation OIE ist davon überzeugt, dass die Ursachen des mysteriösen Massensterbens vielfältig und nicht auf einzelne Faktoren zurückzuführen sind.

Das Problem mit der Problemlösung Klar ist nun, dass das Bienensterben nicht den Ufos in die Schuhe geschoben werden kann, sondern leider, wie so oft, durch das Eingreifen des Menschen in die Natur verursacht wurde. Da mittlerweile einige der Hauptfaktoren für das mysteriöse Bienensterben enträtselt wurden, bleibt allerdings weiterhin unklar, ob diese beseitigt werden können. Zwei Wissenschaftler die eine Ursache und eine Lösung des CCD gefunden haben, sind die Bienenforscher Jeff Pettis und Dennis vanEngelsdorp. Sie untersuchten die Wechselwirkung von Erregern und Pestiziden und fanden heraus, dass selbst nicht nachweisbare Mengen von Neonicotinoiden

das Immunsystem der Bienen schwächen. Die Lösung wäre somit einfach, man müsste nur die Chemikalien beseitigen um die Bienen zu retten. Das Problem an der Sache ist allerdings, wie man den Einsatz dieser Pestizide kontrollieren sollte, wenn man sie in verendeten Bienen nicht einmal nachweisen kann? Wenn die Kontrolle einer milliardenschweren Agrarindustrie, die hinter der Biene steht nicht möglich ist, sollte man ihr vielleicht vertrauen? Biologen gehen davon aus, dass sich die Biene evolutionstechnisch von selbst regenerieren könnte, wenn sie genügend Zeit bekäme und die weltweite Landwirtschaft massiv umstrukturiert werden würde. Allerdings darf bezweifelt werden, ob diese zwei Forderungen an eine Agrarindustrie, die sich schon auf eine Bienenfreie Welt vorbereitet und an mechanischen Bestäubungstechniken arbeitet sowie an Roboterbienen experimentiert, realistisch sind. Sabina Filipovic

Die Wissenschaft wünscht sich... Ein Kommentar von Christine Willen

Was kann man sich in der heutigen Wissenschaft wünschen?

vorweg: Zu einem wahnwitzigen Cocktail aus Konkurrenzdenken, zu halbgaren Forschungsergebnissen und vielleicht sogar zu Wissenschaftsbetrug!

nicht so gut mit der Thematik auskennen. Denn Kommunikation zwischen den verschiedenen Fachjournalen, um schwarze Schafe aufzudecken, gibt es kaum.

Eigentlich ist die Wissenschaft ein wunderbares Feld. Der unvergleichliche Reiz besteht darin etwas „Neues“ zu entdecken. Diese Neuheiten kommen der Menschheit zugute, sei es in der Erforschung von erneuerbaren Energien oder in der Entwicklung neuer Medikamente. Oder man verfolgt das Prinzip „Das ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“, wie es zum Beispiel im Bereich der Grundlagenforschung in der Physik oder in der Biologie der Fall ist. Das oben genannte Zitat aus Goethes Faust war zumindest mein persönliches Leitmotiv ein Studium der Biologie anzutreten. Hört sich vielleicht etwas zu naiv an? War es auch.

„Show and Shine“ ist Alles in der Wissenschaft

Wissenschaftler sind doch vernunftbegabte und intelligente Wesen, oder etwa nicht?

Der Status quo Denn das unvoreingenommene Forschen war gestern. „Gute“ Forschungsergebnisse sind von Vorteil. Denn es kommt darauf an, möglichst schnell, möglichst viel und in möglichst „guten“ Fachzeitschriften zu publizieren. Das Wichtigste dabei ist der so genannte Impact-Factor. Der ImpactFactor gibt die Wahrscheinlichkeit an, mit der man von anderen Wissenschaftlern zitiert wird, wenn man in bestimmten Heften publiziert. Je höher der ImpactFactor eines Fachmagazins, desto größer sind die Karrierechancen für den Wissenschaftler. „Show and Shine“ lautet also die Zauberformel mit dem man alle potentiellen Geldgeber anlocken kann. Wozu führt das Ganze? Ich nehme es gleich

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mehr Freiheit!

Neulich war ich auf einem Vortrag der hieß: „Scientific Writing: A Survival Guide“ Hier sollte veranschaulicht werden, wie die Fachzeitschriften mit dem eingereichten Manuskript umgehen. Die Editoren sind häufig selbst Wissenschaftler (oder ehemalige) und sozusagen Experten auf diesem Gebiet. Sie beurteilen, ob die eingereichten Forschungsergebnisse wirklich relevant sind. Die Forschungsergebnisse sollten neu und selbstverständlich mit rechten Dingen zusammengetragen sein. Als der Vortragende ein wenig aus dem Nähkästchen plauderte, wurde deutlich: Manchmal werden die Abbildungen mit Photoshop etwas schöner gemacht, nur damit die Ergebnisse eindeutiger erscheinen. Allerdings sind die Grenzen zwischen etwas klarerer Darstellung und handfester Manipulation fließend. Verblüffend viele Jungwissenschaftler wollten wissen, wie häufig denn Datenmissbrauch auftreten würde und mit welchen Konsequenzen ein Wissenschaftler dann zu rechnen hätte. Das Schlimmste was einem passieren kann: Das Manuskript wird abgelehnt. So manch ein Forscher kann sich nun denken: Kein Problem, denn schließlich gibt es noch viele andere Fachjournale, wo ich mein Glück versuchen kann. Da sitzen dann andere Editoren, die vielleicht nicht so genau hinsehen oder sich vielleicht auch

Die Editoren der Fachjournale müssen sich auf den soliden Menschenverstand der Wissenschaftler verlassen. Alle Wissenschaftler sind doch vernunftbegabte und intelligente Wesen, die rein objektiv ihre Daten präsentieren möchten. Von wegen! Wie wir ja alle selber wissen, hängt der Nabel der Welt vom Geld ab. „Getting funded“ heißt das notwendige Übel. Universitäten, und andere Geldgeber, wie zum Beispiel das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) oder die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) beurteilen die Qualität eines Wissenschaftlers unter anderem nach dem Impact-Factor seiner Publikationen. Der Leistungsdruck unter den Wissenschaftlern ist deshalb immens hoch. Wissenschaftler sind auch nur Menschen, die gerne Erfolg haben möchten. Lob und Annerkennung gibt es aber erst, wenn die Daten publikationsreif sind. Das mag so manch einen schwachen Wissenschaftler dazu verleiten ein wenig an seinem Datensatz zu schrauben. Dieses Ringen nach Publikationen des Geldes wegen stellt ein echte Gefahr für die wissenschaftliche Moral dar. Ich wünsche mir von daher für die Wissenschaft ein freies und unvoreingenommenes Forschen und das die Arbeit eines Wissenschaftlers nicht nach dem Impact-Factor beurteilt wird. Christine Willen

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Transitionstagebuch, 3

Stromversorgung aus 100% erneuerbaren Energien bis 2050?! Das ist kein schnödes Wunschdenken, sondern durchaus realisierbar. „Deutschland kann im Jahr 2050 zu hundert Prozent klimaschonend mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt werden.“, prophezeit Martin Faulstich vom Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) im deutschen Bundestag. Dabei stützt er sich auf Modellberechnungen des deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln. Die wesentlichen Ergebnisse dieser Berechnungen sind, dass das Potential an erneuerbaren Energien sogar den eigentlichen Strombedarf in Europa um ein Vielfaches übersteigt. Deutschland und Europa müssten dafür eine enge Zusammenarbeit mit Skandinaviens Wasserkraft und Pumpspeicherpotentialen eingehen. Der Ausbau von Netzen und Speichern innerhalb Deutschlands und in der EU sei in diesem Zusammenhang die größte Herausforderung. Olav Hohmeyer, Energieexperte des SRU betont dabei ausdrücklich: „Für die Übergangszeit sind weder Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke noch neue Kohlekraftwerke erforderlich.“ Ganz im Gegenteil: Das dauerhafte Nebeneinander von konventioneller und wachsender erneuerbarer Stromerzeugung würde das System ineffizient und unnötig teuer machen. Diese Ergebnisse und mehr Informationen darüber können unter www.umweltrat.de herunter geladen werden.

Sex mit dem falschen Geschlecht

Christine Willen

Wie viel rauchst du? Gene bestimmen wie oft wir zur Zigarette greifen. Wer hat nicht schon mal an einer Zigarette gezogen, nur um zu wissen, ob es einem gefällt? Der erste Griff zur Zigarette hängt stark vom sozialen Umfeld ab, ob Familienmitglieder, Freunde oder Arbeitskollegen rauchen. Ist der erste Schritt getan, übernehmen Gene die Herrschaft über das Suchtverhalten. Sie bestimmen, ob wir zu Genussrauchern, Gelegenheitsrauchern oder sogar Kettenrauchern werden. So lautet das Ergebnis einer Studie in der Weltweit 41 150 Menschen aus 20 Bevölkerungsgruppen teilgenommen haben. „In dieser Studie konnte nun erstmals nachgewiesen werden, dass die Anzahl der gerauchten Zigaretten pro Tag durch bestimmte Variationen in den Genen der Nikotinrezeptoren beeinflusst wird“, erläutert Hans-Jörgen Grabe von der Universität Greifswald. Mit diesen neuen Erkenntnissen, erhoffen sich die Forscher schneller Medikamente zu entwickeln, die gezielt an den Nikotinrezeptoren im Gehirn ansetzen, um die Suchtanfälligkeit zu mindern. Denn bisher ging man davon aus, dass das Suchtverhalten durch bestimmte Enzyme in der Leber beeinflusst wird. „Der Beginn des Rauchens ist jedoch vielmehr von psychosozialen als von genetischen Faktoren abhängig. Dies bedeutet, dass der primären Rauchprävention auf jeden Fall die größere Bedeutung zukommt, um zukünftig die fatalen gesundheitlichen Folgen des Rauchens effektiver einzudämmen“, so Grabe. Christine Willen

Karsten sieht noch so gar nicht wie ein Mann aus. Ich werde das Gefühl aber nicht los, dass mir gegenüber Katharina sitzt. Da schießt es mir auf einmal durch den Kopf: Mit wem hat ein transsexueller Mensch eigentlich Sex? Karsten, also vorher Katharina, rührt in seinem Kaffee. Er hat seinen Wunsch nach dem anderen Geschlecht nicht abgelegt, ganz im Gegenteil. Die neue Therapeutin ist netter und verständnisvoller als der ehemalige Therapeut (siehe „meins liebt“). So gesehen läuft es ganz gut zur Zeit. Karstens Körper ist noch ganz Frau, klar so schnell geht das nicht. Er nimmt ja auch noch keine Hormone. Aber eine Frage beschäftigt mich seit einiger Zeit: Wenn ich mein Geschlecht wechseln will, von welchem Geschlecht fühle ich mich dann angezogen? Es ist ja ein Unterschied, ob man sich von einem Geschlecht angezogen fühlt, es also sexuell begehrt oder, ob man sich zu einem Geschlecht hingezogen fühlt, also dieses Geschlecht sein will und eigentlich ist, obwohl dem gerade nicht so ist. Es klingt ein wenig paradox. Transsexuelle Menschen wissen wohl als einzige auf der Welt beides: nämlich, wie es ist ein Mann oder eine Frau zu sein. Ich versuche mich in die Lage und in Karsten hineinzudenken. Wenn ich jedes Geschlecht an meinem eigenen Körper selbst schon erlebt habe, mit welchem habe ich dann Sex? Also aus meiner Sicht? Bin ich beim Sex dann ein Mann oder eine Frau? Unabhängig davon wie es aktuell nun zwischen meinen Beinen bestellt ist, es geht um die Kopfsache. Gibt es zum Beispiel transsexuelle Männer, die dann schwul sind? Also ihren Körper zu einem Mann verwandelt haben und dann mit Männern schlafen als Mann? Aber gehen wir erstmal einen Schritt zurück: Ich bin noch mit meinem „alten“ Geschlecht ausgestattet. So wie Karsten eben mit weiblichen Geschlechtsteilen. Hat er dann Sex mit Männern oder mit Frauen? „Uff, das ist schwierig!“, sagt Karsten und lehnt sich zurück. „Sex ist eigentlich das Komplizierteste überhaupt. Versuch mal als Mann Sex zu haben aber ohne Schwanz!“ Zack, stimmt! Karsten beschreibt, wie er, salopp gesagt, eine Frau abgeschleppt hat. Er selber ist aber noch mit einem Frauenkörper ausgestattet. „Die dachte halt, dass ich lesbisch bin, aber das bin ich ja nicht!“ Die Nummer endete in der Katastrophe. Wie soll ich auch Sex als Mann haben, ohne ein Mann zu sein? Wie soll ich meinen Sexpartner dazu bringen mich als Mann wahrzunehmen, obwohl ich Brüste habe und zwischen den Beinen nichts hängt? Wie soll ich mich im Bett als Mann verhalten, wenn ich noch nicht mal ein Kondom überstreifen kann, weil ich nichts habe um ein Kondom drüberzustreifen! Ich sehe Karsten an. „Das mit dem Sex lasse ich ehrlich gesagt erstmal, das ist viel zu kompliziert. Zu denken man sei ein Mann, aber kein Mann zu sein, das ist so ziemlich… ich weiß nicht!!“ Karsten keucht, der Gedanke muss heftig für ihn sein. „Ich kann doch nicht mit meinem Körper Sex haben, wenn ich doch gerade meine sexuellen Merkmale gar nicht haben will!“ Karsten trinkt den Kaffee aus. „Ich muss los, zu meiner Therapeutin.“ Ich wünsche ihm ein ruhigeres Gespräch als mit mir. Niels Walker

Ja oder nein - Wie entscheide ich mich richtig? Wer hat nicht schon mal an einer Zigarette gezogen, nur um zu wissen, ob es einem gefällt? Der erste Griff zur Zigarette hängt stark vom sozialen Umfeld ab, ob Familienmitglieder, Freunde oder Arbeitskollegen rauchen. Ist der erste Schritt getan, übernehmen Gene die Herrschaft über das Suchtverhalten. Sie bestimmen, ob wir zu Genussrauchern, Gelegenheitsrauchern oder sogar Kettenrauchern werden. So lautet das Ergebnis einer Studie in der Weltweit 41 150 Menschen aus 20 Bevölkerungsgruppen teilgenommen haben. „In dieser Studie konnte nun erstmals nachgewiesen werden, dass die Anzahl der gerauchten Zigaretten pro Tag durch bestimmte Variationen in den Genen der Nikotinrezeptoren beeinflusst wird“, erläutert Hans-Jörgen Grabe von der Universität Greifswald. Mit diesen neuen Erkenntnissen, erhoffen sich die Forscher schneller Medikamente zu entwickeln, die gezielt an den Nikotinrezeptoren im Gehirn ansetzen, um die Suchtanfälligkeit zu mindern. Denn bisher ging man davon aus, dass das Suchtverhalten durch bestimmte Enzyme in der Leber beeinflusst wird. „Der Beginn des Rauchens ist jedoch vielmehr von psychosozialen als von genetischen Faktoren abhängig. Dies bedeutet, dass der primären Rauchprävention auf jeden Fall die größere Bedeutung zukommt, um zukünftig die fatalen gesundheitlichen Folgen des Rauchens effektiver einzudämmen“, so Grabe. Christine Willen

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Ein Wunschgedicht Der Frühling war auf einmal da. Ich wollt nen Maibaum, das war klar! Doch wer konnt' es ganz klar nicht wissen? Der Prinz mit Pferd und güld'nem Haar. „Oh, möchtest Du mich recht beglücken, Auch Deinen Hals mit Küssen schmücken, dann kill die Birke, hau sie ab! Denn, hättest Du auch Zeit zum Pflücken entspricht es doch dem Brauche nicht. Und auch: es ist gar liederlich den Baum zu sehn so völlig nackt. Denn das ist nicht genug, so schnapp Dir albern buntes Krepppapier der Euroshop fast schenkt es Dir! Dann vor dem Fenster aufgerichtet, -hab ich mich aus dem Bett geschichteterfreut er mich, und nicht zu knapp.“ So dachte ich sehr still, sehr hier. „Und dieser Baum gehört nun mir?“ Vernehme ich mich dümmlich fragen und plötzlich sanfte Zweifel plagen mich ob so viel schönen Scheins. Die Szene spielt sich vor mir ab, ich sah mich sogar selbst dort stehn, dann kann es sich bloß handeln um der Leser ahnt es - ich war dumm! Na klar, es kam im Traume vor dass Prinz dem Mädchen, also mir, samt Bäumchen seine Liebe schwor. Und jetzt gewahr ich, wach zu sein! So lass ich nun das Bett allein und pirsch' mich schnell zum Fenster vor seh's Fahrrad unten, Tür, Hof, Tor. Ich ärgre mich. Denn eines fehlt: Das ist der Baum, das Buntpapier. Dafür ein Schwarm von Taubentier trohnt wohlig gurrend auf nem Schild. Bald ist es Sommer und deshalb nützt er doch nichts, der Pessimismus. Den Wunsch von als ich 14 warich kann ihn nicht mehr unterschlagen, und deshalb, so wird mir nun klar, muss ich den Wunsch dem Prinz vortragen, im nächsten Jahr!

Iris Sygulla

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Make Noise Die Fußballwelt eint das Entsetzen Südafrika reißt ihr Gehör in Fetzen Hornissen aus der Hölle Der Fan würgt am Gewölle Und sehnt sich dabei stur Nach europäischer Kultur

Man mokiert sich wie sonor es dröhnt Wie es die Falten aus dem Hirn föhnt Die Wand von meterdicken Schallmauern Lässt Kenner mit Niveau erschauern Nord und West winden sich im Schmerz von vierhundertsechsundvierzig Hertz

Wie zivilisiert ist auch in frohem Mut Der beseelte Europäer und sein Liedgut Die Käsefresser und die Inselaffen Die wir sonst ja eher hassen Wenn im Stadion ihre Weisen klingen Weiß man, die können schön singen Und darum dreht es sich doch nur Um die einzig wahre Sportkultur

Doch wie sehr man auch klagt:„Das geht nicht so!“ Unbeeindruckt davon: Die Trompeten von Jericho Der Turbinenschwarm gerät nur kurz ins Stocken Und fährt dann fort mit Trommelfelle rocken Stößt das Inferno aus des Hornes Rachen Ihr Weißbrote, was wollt ihr machen? Nehmt`s in Kauf Ist die Stimmung auch versauter Passt mal auf Das geht noch lauter Christopher Dröge

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Die FeinSinn-Playlist 2.0 Das Mitmach Gewinnspiel

Herausgeber:

Verein zur Förderung studentischen Journalismus Köln e.V. www.vfsjk.de

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Chefredaktion:

Niels Walker (stellv. Simeon Buß)

Art Direction:

Sebastian Herscheid

Bildredaktion:

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Redaktion/Lektorat:

Simeon Buß, Marcel Doganci, Christopher Dröge, Sabina Filipovic, Sarah Kaes, Jens Lübbers, Christiane Mehling, Franziska Röhr, Felix Schledde, Iris Sygulla, Christine Willen

Gestaltung/Layout:

Sven Albrecht, Sara Copray, Elisa Hapke, Sebastian Herscheid, Nina Schäfer

Fotografie: Website:

René Becker, Denise Hoffmeister, Corinna Kern, Jens Lübbers,

Erscheinungsweise:

monatlich

www.meins-magazin.de

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