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WEIN Unter Wissenschaftlern gilt eine Aussage als richtig, solange sie nicht widerlegt ist. Nach dem gleichen Motto behaupteten Schweizer Winzer aus Visperterminen im Wallis jahre­ lang, ihre auf 1 150 Metern gelegenen Wein­ berge seien die höchsten Europas. Das ging so lange gut, bis die spanische Bodega B ­ arranco Oscuro in Alpujarra, Andalusien, sich aus 1 368 Metern zu Wort meldete. Es reichte nicht: Wenig bekannt, aber doch ­vorhanden ist ein Weinberg in der Sierra de Gadór bei Fondón, ebenfalls Andalusien, wo die Bodega Pago del Vicario auf 1 500 Metern unter ande­ rem Pinot Noir kultiviert. Höher, das schien nun klar, geht es in Europa nicht. Doch halt: Auf ­Teneriffa kümmern ein paar alte Reben noch auf etwa 1 800 Metern.

»Die Argentinier

haben allen Grund, Besonderheiten von Höhenlagen hervorzuheben«

Für die meisten südamerikanischen Länder ist das schon ganz ordentlich. Uruguay beispiels­ weise ist weit davon entfernt. Die höchste Erhebung des flachen Landes erreicht nicht einmal 500 Meter. Etwas höher klettern die Reben in Brasilien. Im Anbaugebiet Planalto Catarinense des Bundesstaates Santa Catarina gelten die Höhenlagen als Besonderheit. Die Weinberge wachsen hier auf mindestens 900 Metern, im Vale do Rio do Peixe auf 1 100 Metern und bei Sāo Joaquim auf 1 400 Metern Höhe. Auf relativ kühlen Lagen mit Basalt­ böden kultivieren etwa drei Dutzend Wein­ güter unter anderem Sauvignon Blanc und Pinot Noir. Doch die Gewächse der Weingüter wie Hiragami oder Santo Emílio sind in Deutschland leider nicht vertreten. Über solche Höhenangaben können die Bo­­­­­­li­­­­ vianer freilich nur müde lächeln. Weinbau be­­­­ ginnt dort erst auf 1 700 Metern und erreicht problemlos 2 400 Meter, in Einzelfällen auch mehr. Dabei geht es um rund 3 000 Hektar bolivianischer Gesamtfläche, 80 Prozent davon im Tal von Tarija. Damit stellt das kleine Wein­ land Bolivien einen Rekord auf: Es ist weltweit das Weinland mit den im Schnitt ­höchsten Weinbergen. 3 000 Hektar entspricht der Reb­­ flä­­­­­che des Rheingau. Ein Teil der Trauben­­­­­­­­­ produktion fließt allerdings in die Herstellung von Singani, einem klaren Weinbrand und Nationalgetränk der Bolivianer. Sie hören es nicht gerne, wenn man sagt, es sei nicht anders als der peruanische Pisco. Was an Trauben übrig bleibt, verarbeiten ­lokale Erzeuger zu Wein, der jedoch so gut wie gar nicht exportiert wird. Die bekanntesten

Bodegas dürften Campos de Solana, La Con­ cepción und Casa Grande sein. Dem deutschen Weinfreund nützt das zunächst wenig, denn der einzige mitteleuropäische Importeur für Wein aus Bolivien, der Schweizer Tesoros ­Bolivianos, hat vor einiger Zeit seine Tätigkeit beendet. Schade, denn die konturiert-­ fruch­ ­ tigen und farbkräftigen Weine wären als ­Spe­­­­­zialität durchaus interessant. Südameri­ kaner, die auf großer Höhe Wein erzeugen, sind überzeugt davon, dass dünnere Luft, starke Temperaturschwankungen zwischen ­ Tag und Nacht und erhöhte Sonnenstrahlung die Weinqualität beeinflussen. Davon ganz besonders überzeugt sind die Argentinier, die nun allen Grund dazu haben, die Besonderheiten der Höhenlagen herauszu­ streichen. Wein wächst in Argentinien auf fast allen Höhenlagen zwischen 250 und 3 100 Metern, tendenziell aber eher oben als unten. Gut, die letzte Zahl ist eine Spielerei des Schweizer Weinmagnaten Donald Hess, der einfach den Weltrekord halten will und mit einiger Mühe einen drei Hektar kleinen Wein­ berg in dieser Höhe durchzubringen versucht. Die Weinregion Salta/Cafayate jedoch verfügt über mehrere angesehene Bodegas und etwa 2 000 Hektar Reben zwischen 1 800 und 2 200 Metern in monumentaler Felsenlandschaft. Hess’ Bodega Colomé mit ausgezeichnetem, fruchtintensivem Malbec und sehr gutem ­Torrontés sowie einem Restaurant und einem Kunstmuseum mit Arbeiten von James Turell auf 2 200 Metern Höhe ist eine Reise wert. Na ja, eine Reise ist auch nötig, denn das zauber­

MEDAILLEN-HITS Diese Weingüter haben mit ihren Weinen beim internationalen Weinwettbewerb MUNDUS VINI Gold abgeräumt: El Porvenir de Cafayate Noroeste, Argentinien 2013 Bodega Porvenir Laborum Malbec Finca Rio Seco www.elporvenirdecafayate.com Salentein Family of Wines Cuyo, Argentinien 2010 Salentein Primus Malbec www.bodegasalentein.com Salentein Family of Wines Cuyo, Argentinien 2011 Salentein Numina Gran Corte www.bodegasalentein.com Salentein Family of Wines Cuyo, Argentinien 2011 Salentein Numina Cabernet Franc www.bodegasalentein.com Sociedad Vinícola Miguel Torres S.A. Valle Central, Chile 2011 Manso de Velasco Cabernet Sauvignon www.migueltorres.cl

Nicolas Catena erforschte Wachstumsbedingungen in Höhenlagen

hafte Refugium im Niemandsland ist nur über 100 Kilometer Schotterpiste zu erreichen. Guten Malbec und Torrontés aus Salta expor­ tieren auch die beiden großen, direkt in Cafa­ yate gelegenen Weingüter Etchart und Michel Torino (El Esteco) sowie die wenig entfernten Familienbetriebe El Porvenir und das Michel Rolland-Projekt San Pedro de Yacochuya. Be­­­­ son­­­ders die Torrontés Riojano, eine sehr aro­ matische Sorte, die an eine Mischung aus Muskateller und Gewürztraminer erinnert, gilt als große Stärke der Region um das indianischkolonial anmutende Städtchen Cafayate. Nir­ gends duftet sie feiner nach Muskat, Orangen­ schale und reifen Trauben als hier. Selbst ambitionierte Weingüter aus der 1 500 Kilo­ meter entfernten Region Mendoza beziehen die Trauben für ihren besten Torrontés aus Salta. Spitzenerzeuger für diese Rebsorte sind deshalb nicht nur Etchart und Colomé, son­­­­­­­ dern auch die Mendoza-Bodegas Dominio de Plata, Monteviejo und Zuccardi. Torrontés wurde übrigens nicht von Spanien nach Argentinien gebracht. Dort gibt es zwar eine Rebsorte gleichen Namens, sie hat aber nichts mit der argentinischen zu tun. Vielmehr han­ delt es sich in Salta um eine echte autochthone argentinische Sorte, eine natürliche Kreuzung aus den im Andenland weit verbreiteten ­Muscat de Alexandria und Listán Prieto. Wer hoch hinauf will, muss in Argentinien allerdings nicht in das kleine Anbaugebiet bei Salta ausweichen. In Mendoza, der mit Ab­­­ stand wichtigsten Weinregion Argenti­niens, ziehen die Reben sich von etwa 600 bis 1 500 Meter Höhe. Dabei geht es jedoch nicht um einzelne, kleine Flächen wie in Bolivien, son­

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MEININGERS WEINWELT  

MEININGERS WEINWELT ist eine Special-Interest-Zeitschrift für Weinkenner und Einsteiger. Die Zielgruppe wünscht sich Informationen, die sie...

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