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José war in seinem Denken sehr logisch geprägt, er glaubte an die Vernunft. Dazu gehörte auch sein Blick über den Inselhorizont hinaus. Er übersetzte Voltaire, der in Spanien verboten war. Die Inquisition drohte sein Leben zu gefährden. Um sich nicht in Gefahr zu begeben, wurde er Hauslehrer des Sohnes von Marqués de Santa Cruz. Jung verstarb sein Schüler. Nun war er wieder ohne feste Verpflichtungen. Danach begann die Zeit der Reisen, die so wichtig für die Erweiterung des persönlichen Horizontes sind. José Viera y Clavijo reiste mit Marqués de Santa Cruz durch Europa: Paris, Rom, Venedig, Wien. Eine besondere Station seiner Reisen: Bei einem Landsmann, dem spanischen Botschaftssekretär Domingo Iriate Nieves-Ravallo,1739 ebenfalls auf Teneriffa geboren, quartierte er sich ein. Dieser war in Staatsdiensten und verantwortlich für Übersetzungen. Das war eine Zeit für Clavijo mit völlig neuen Eindrücken, einem Leben in völlig neuen Dimensionen. In den Glas-

häusern des Botanikers Jaquin fand er den Drachenbaum und Pflanzen seiner Heimat wieder. Schönbrunn mit Menagerie, exotischen Tieren, wie Elefanten und Rhinozerossen. Ungewohntes erregendes Nachtleben, sogar Schlittenfahrten und Mozart im Theater und Konzert. Im Hintergrund der aufwendigen Reisen stand aber die angestrebte Hochzeit seines noch unbeweibten Gönners mit der Gräfin Marianne von WaldsteinLichtenstein. In Rom besorgte sich José die päpstliche Erlaubnis zum Besitz von verbotenen Büchern. Paris liebte er sehr, er blieb dort fast ein Jahr und lernte Voltaire, Condorect und d`Alembert

kennen. Konferenzen über Chemie, Physik, Naturwissenschaften zogen sein Interesse an. Eine Folge seiner späteren intensiven Beschäftigung mit Naturwissenschaften. 1770 wurde Viero y Clavijo für den spanischen König Carlos III. interessant. Er erhielt am Hofe eine Anstellung. Damit blieb ihm viel Freiraum um „Die Geschichte der Kanaren“ fortzusetzen. Mit der Tochter des Präsidenten der Königlichen Akademie Spaniens ging er als Lehrer auf Reisen.1774 veröffentlichte er das Reisetagebuch „Viaje a la Mancha“.1777 wurde er zum Mitglied der Historischen Akademie ernannt. Dabei machte er Bekanntschaft mit Botanikern, Geistlichen, Politikern und Dichtern. Clavijo fand jedoch nach den vielen Reisen nicht mehr das gewohnte Flair in Madrid vor. Das politische Klima wurde zu heiß. Das von der Obrigkeit bestimmte Weltbild am Kaiserhof engte die Erkundung der weiten Welt ein. Er zog sich wieder auf die Kanaren zurück. Ein geistliches Amt war die solideste Basis. Diesmal wurde es Las Palmas auf Gran Canaria. Später,1782, erhielt er die Weihe zum Archediakon, also die stellvertretende Stellung des Bischoffs von Fuerteventura. Mit der Berufung verließ er endgültig Madrid. Schwerpunkt war jetzt zwar immer noch seine Mitgliedschaft in der königlichen Akademie. Aber vorrangig konzentrierte er sich auf sein literarisches Werk und seine Übersetzungen und seine Tätigkeit als Lehrer an der Schule San Marcial. 1799 verfaßte er sein „Diccionario de historia natural de las islas Canarias“. 13 Bände enthält dieses Werk – eine einzige Liebeserklärung und Hymne an seine zauberhafte Heimat. 1800 erschien seine sehr interessante Betrachtung des Hütehundes der Guanchen: „El nuevo can mayor o constelación canaria“. Da werden Gedankengänge angeregt. Woher kommt der Name der Kanaren? Vom Lateinischen „canus“? Vom kanarischen Hund, mit seiner spezifischen Rasse, dem Bardino?

1813, am 21. Februar, starb José Viera y Clavijo. In Las Palmas fand er in der Kathedrale 1860 seine letzte Ruhestätte, dort, wo er seine höhere Weihe empfing. Sein Denkmal in seiner Heimatstadt Los Realejos, dicht vor der Kirche, erinnert an den großen Aufklärer, der nichts von mystischen Erscheinungen, wie der Jungfrau von Candelaria und übernatürlichen Erklärungen hielt.

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gegangenen Atlantis folgte er nicht, für ihn gab es einen Zusammenhang zum afrikanischen Kontinent in der historischen Entwicklung. Alexander von Humboldt übernahm bei seinem Aufenthalt auf Teneriffa viele Erkenntnisse der Erforschung von Flora, Fauna und geologischen Strukturen, die er schon bei Clavijo vorfand.

Seine geistigen Werke sind für uns von unschätzbarem Wert. Neben naturwissenschaftlichen Schriften und Lyrik, verfasste er Lehrgedichte für seine Schüler zur Veranschaulichung von Experimenten: Der Luftballon (Al globo aerostático), die vier Teile des Tages (Las cuartos partes del dia), sechs Gesänge über die Lüfte (Los aires fijos). Ferner eine neoklassische Tragödie : „La vida de Santa Genoveva“, aber auch einen Schelmenroman über das Leben vom noticioso Jorge Sargo und Übersetzungen von Theaterstücken aus der Barockzeit, die längst in Vergessenheit geraten waren. Doch ein kleiner Einwurf: Es gibt keine Parallelen zu Goethes Drama „Clavigo“. Zwar hieß auch der Held José, jedoch y Fajardo. Ein berühmter Don Juan in Madrid, seine Liebesbeziehung zu der Schwester des Schriftstellers Beaumarchais beeinflusste Goethe. Für uns ist heute José Viera y Clavijo ein großer Geist, der seiner Zeit voraus eilte. Ein Mensch, der beharrlich an die Vernunft appellierte. Er beeinflusste die intellektuelle Explosion im 18.Jhd. Es entstanden politisch-wissenschaftliche Fördervereine auf den Inseln, die „Reales Sociedades“. Sie sollten den wirtschaftlichen Fortschritt in Bewegung bringen. Doch in La Gomera und La Palma lösten sie sich bald auf. Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure suchten ihre Zukunft in Lateinamerika und in Spanien, wanderten aus, um ihre technisch revolutionären Ideen in die Tat umzusetzen und der Zukunft den Weg zu weisen. All diesen kreativen Schöpfern ebnete Viera y Clavijo den Weg. Er ist ein Leitfaden und Vorrausdenker auch für unsere heutige Zeit. Adelgund Renelt 15

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