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GESUNDHEITSRATGEBER

Diabetes Euro 5,00

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MITWIRKENDE

© MedUni Wien/Matern

WISSENSCHAFTLICHE LEITUNG: Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer Präsidentin der Österreichischen Diabetes Gesellschaft; Klinische Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, Univ.-Klinik für Innere Medizin III, Medizinische Universität Wien

© Foto Stanger

WISSENSCHAFTLICHER BEIRAT: Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Sabine Hofer Department für Pädiatrie 1, Medizinische Universität Innsbruck

Prim. Univ.-Prof. Dr. Raimund Weitgasser Privatklinik Wehrle-Diakonissen, ­Kompetenz-Zentrum Diabetes, Salzburg; Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg

Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Susanne Kaser Univ.-Klinik für Innere Medizin I, ­Medizinische Universität Innsbruck

Ass.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Yvonne Winhofer-Stöckl Klinische Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, Univ.-Klinik für Innere Medizin III, Medizinische Universität Wien

Prim. Univ.-Prof. Dr. Bernhard Ludvik 1. Medizinische Abteilung, ­Krankenanstalt Rudolfstiftung, Wien

Redaktion: Mag. Nicole Gerfertz-Schiefer Wir danken allen Mitwirkenden und dem wissenschaftlichen Beirat für die Unterstützung und den Einsatz. IMPRESSUM: Herausgeber und Medieninhaber: MedMedia Verlag und Mediaservice GesmbH, 1070 Wien‚ Seidengasse 9 / Top 1.1. Projektleitung: Alexandra Hindler. Layout und Grafik: creativedirector.cc lachmair gmbh. Lektorat: Mag. Andrea Crevato. Druck: Ferdinand Berger & Söhne GmbH, 3580 Horn. Coverfoto: 1) Rawpixel.com – Fotolia.com, 2) Spectral-Design – Fotolia.com, 3) Robert Kneschke – Fotolia.com, 4) Robert Kneschke – Fotolia.com. Fotos: shutterstock.com, stock.adobe.com. Die gesetzliche Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz finden Sie unter www.medmedia.at/home/impressum. Alle Texte in „Diabetes verstehen“ wurden nach bestem Wissen recherchiert. Irrtümer sind vorbehalten. Trotz sorgfältiger Prüfung übernehmen Verlag und Medieninhaber keine Haftung für drucktechnische und inhaltliche Fehler. Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird jeweils nur die männliche Form der Bezeichnung von Personen ( z.B. der Patient ) verwendet, damit ist aber sowohl die weibliche als auch die männliche Form gemeint. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt, verwertet oder verbreitet werden.

2 Diabetes verstehen 2018


INHALT

Diabetes verstehen SEITE EDITORIAL4 DIABETES – WAS IST DAS?6 

Verschiedene Diabetestypen9

Diabetes bei Kindern14

DIAGNOSE: DIABETES AUF DER SPUR22 RISIKOFAKTOREN32 THERAPIE DES ­DIABETES40

Lebensstilmaßnahmen42

Medikamentöse Therapie52

FOLGEERKRANKUNGEN68 SONDERSITUATIONEN BEI DIABETES78 KONTROLLTERMINE82

Diabetes verstehen 2018 3


EDITORIAL

© MedUni Wien/Matern

Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer Präsidentin der Österreichischen Diabetes Gesellschaft, Klinische Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, Univ.-Klinik für Innere Medizin III, Medizinische Universität Wien

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, Diabetes mellitus ist eine häufige Erkrankung und die Zahl der Betroffenen steigt ständig. Sie kann in verschiedenen Erscheinungsformen auftreten und jeder Typ verlangt eine individuelle, passgenaue Behandlung. Allen Formen des Diabetes gemeinsam ist der hohe Blutzuckerspiegel, der unbehandelt zu schweren Komplikationen führen kann. Aktuell sind in Österreich mehr als 600.000 Menschen daran erkrankt. Dazu kommen noch viele Betroffene, die zwar bereits erkrankt sind, aber noch nichts von ihrer Erkrankung wissen. Denn Diabetes wird oftmals erst (zu) spät erkannt – manchmal erst dann, wenn bereits Folgeerkrankungen aufgetreten sind. Diese könnten jedoch durch eine frühzeitige Diagnose und den rechtzeitigen Therapiebeginn verhindert werden. Diabetes ist eine chronische Erkrankung. Um den Alltag mit der Erkrankung erfolgreich meistern zu können, müssen sich die Betroffenen ihr ganzes Leben lang mit der Krankheit auseinandersetzen. Lebensstiländerungen spielen bei der Therapie eine wesentliche Rolle! Um Diabetes gut in den Alltag zu integrieren, kann Wissen einen wesentlichen Beitrag leisten – Wissen um Ursachen, Risikofaktoren, Vorbeugung und Behandlung der Erkrankung. Genau zu diesem Zweck wurde der Gesundheitsratgeber „Diabetes verstehen“ ­verfasst. Er soll Sie, liebe Leserinnen und Leser, dabei unterstützen, die Krankheit Diabetes besser zu verstehen. Zudem liefert er wesentliche Informationen über die Therapiemöglichkeiten sowie praktische Ernährungs- und Bewegungstipps. Wie bei allen Ratgebern der Reihe „Gesundheit verstehen“ wurden die Texte ­gemeinsam mit wissenschaftlichen Experten erstellt und im übersichtlichen FrageAntwort-Modus aufgebaut. Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre! Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer 4 Diabetes verstehen 2018


EDITORIAL

Mag. pharm. Christian Wurstbauer Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, Diabetes ist zwar dank moderner Medikamente sehr gut behandelbar, dennoch kommt es oft zu Folgeschäden. Dies liegt vor allem daran, dass Diabetes bei vielen Betroffenen lange Zeit nicht erkannt wird, da die Krankheit anfangs nur Allgemeinsymptome, wie z.B. Müdigkeit, verursacht, die von vielen nicht ernst genommen werden. Wir Apothekerinnen und Apotheker nehmen daher in der Früherkennung eine wichtige Rolle ein. Bereits diagnostizierte Diabetiker suchen häufig Beratung in der Apotheke, denn zum Diabetesmanagement können wir mit unserer fachlichen Kompetenz einen wertvollen Beitrag leisten. Die Apothekerinnen und Apotheker sind behilflich beim Umgang mit Blutzuckermessgeräten und Insulinspritzen, machen auf eventuelle Wechselwirkungen bzw. Nebenwirkungen zwischen den Diabetesmedikamenten und anderen Arzneimitteln sowie Nahrungsergänzungsmitteln aufmerksam. Ein Ratgeber wie der vorliegende, der wichtige Informationen über die Krankheit Diabetes für Gefährdete, Betroffene und Angehörige zusammenfasst, stellt eine wertvolle Unterstützung für unsere Beratung an der Tara da. Denn je besser Sie informiert sind, umso erfolgreicher gestaltet sich Ihre Therapie. Ich freue mich daher sehr, Ihnen hiermit bereits die 7. aktualisierte Auflage dieses beliebten Patientenratgebers „Gesundheit verstehen“ ans Herz legen zu dürfen. Ihr Mag. pharm. Christian Wurstbauer

Diabetes verstehen 2018 5


DIABETES – WAS IST DAS? Immer mehr Menschen leiden an der „Zuckerkrankheit“.


Blick: Auf einen

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Wie häufig ist Diabetes? In Österreich wird die Anzahl der Diabetiker auf rund 600.000 geschätzt. Wobei man davon ausgeht, dass dazu noch weitere rund 200.000 Betroffene kommen, die nichts von ihrer Erkrankung wissen. Denn die Zuckerkrankheit entwickelt sich meist schleichend und zeigt anfangs keine typischen Symptome. Experten rechnen damit, dass die Zahl der Diabetiker in den nächsten Jahren weiter ansteigen wird.

Wie kommt es zu Diabetes? Die durch die Nahrung aufgenommenen Kohlenhydrate werden im Mund durch den Speichel gespalten und auf die eigentliche Verdauung vorbereitet. Die weitere Zerlegung der Kohlenhydrate nimmt im Darm ihren Lauf. Sind die Kohlenhydrate nun in einfache Zucker, wie z.B. Glukose, zerlegt, können sie über die Darmschleimhaut ins Blut aufgenommen werden. Jetzt steigt der Blutzuckerspiegel bei allen Menschen steil an. Insulin sorgt dann für den Transport der Glukose aus

dem Blut hin zu jenen Körperzellen, wo sie gebraucht wird. In der Folge sinkt der Zuckergehalt im Blut wieder. Wird zu wenig Insulin produziert oder reagieren die Körperzellen unempfindlich auf das Hormon Insulin, so findet dieser Transport nicht oder nur in ungenügendem Ausmaß statt und es bleibt zu viel Zucker im Blut zurück. Der Zucker schädigt die Blutgefäße und führt daher zu gefährlichen Folgeerkrankungen (siehe ab Seite 68).

Welche Formen von Diabetes gibt es? Die meisten Patienten sind von Typ-1-Diabetes oder Typ-2-Diabetes betroffen. Daneben gibt es noch den Gestationsdi­ abetes („Schwangerschaftsdiabetes“) sowie einige seltene Formen der Zuckerkrankheit. Bei den Erwachsenen überwiegt Typ-2-Diabetes, während die meisten Kinder unter 14 Jahren unter Typ 1 leiden. Mehr dazu im Kapitel „Verschiedene Diabetestypen“ ab Seite 9.

Wofür brauchen wir Glukose? Glukose – der chemische Name für Traubenzucker –ist der wichtigste Energielieferant im Körper. Vor allem Muskulatur und Gehirn sind auf Glukose angewiesen. Glukose erhalten wir aus zwei Quellen: 1. Über die Nahrung: Zugeführte Kohlenhydratmoleküle werden durch die Verdauung in Glukose umgebaut. Abhängig von der Art der Kohlenhydrate erfolgt diese Umwandlung langsam oder schnell. Die Umwandlung von Kohlenhydraten aus Vollkornprodukten (Mehrfachzucker) erfolgt langsamer und benöDiabetes verstehen 2018 7


Diabetes, was ist das? tigt weniger Insulin als die Umwandlung von Haushaltszucker oder Weißmehlprodukten. Näheres dazu im Kapitel „Ernährung“ ab Seite 45. 2. Aus der Leber: Diese produziert selbst ebenfalls eine gewisse Menge an Glukose, vor allem in der Nacht sowie bei vermehrter sportlicher Betätigung.

Was ist Insulin? Insulin ist DAS blutzuckersenkende Hormon (= Botenstoff) unseres Körpers. Es wird in den sogenannten Langerhansoder Betazellen der Bauchspeicheldrüse gebildet. Insulin regt die Zellen an, Glukose aus dem Blut aufzunehmen. Anschließend bauen die Zellen den Zucker in Energie um. Dadurch kommt es zu einer Normalisierung des Blutzuckerspiegels.

Wie bemerke ich, dass ich Diabetes haben könnte? Im Anfangsstadium meist gar nicht bzw. durch vermehrte Müdigkeit und Leistungsschwäche. Ist die Krankheit weiter fortgeschritten, kann sie zu folgenden

Gegenspieler des Insulins Insulin hat zahlreiche „Gegenspieler“, deren Aufgabe es ist, den Blutzucker zu erhöhen, wenn der Körper Energie in Form von Glukose benötigt. Zu diesen kontrainsulinären Hormonen gehören Glukagon, Kortisol und das Wachstumshormon. Deshalb wird im Falle einer schweren Unterzuckerung Glukagon notfallmäßig unter die Haut oder in den Muskel gespritzt. Diabetiker sollten über die richtige Anwendung der Injektion informiert sein.

8 Diabetes verstehen 2018

Insulin aus der Bauchspeicheldrüse transportiert Glukose zu den Körperzellen. Symptomen führen: häufiges Wasserlassen, starker Durst, Sehstörungen, gestörte Wundheilung, Mundtrockenheit und nächtliche Wadenkrämpfe, ungewollter Gewichtsverlust (bei Insulinmangel). Bei Patienten mit Typ-1-Diabetes entwickeln sich die Symptome schneller, und zwar bereits im Laufe einiger Tage bis weniger Wochen, und können rasch ein lebensbedrohendes Ausmaß annehmen. Die Symptome bei Typ-2-Diabetes entstehen im Gegensatz dazu weitaus langsamer über einen viel längeren Zeitraum (bis zu zehn Jahre). Anfangs haben Betroffene nur wenige bis gar keine Beschwerden und bemerken daher ihre Krankheit nicht. Tipp: Selbst wenn Sie keine Beschwerden haben, sollten Sie einmal im Jahr Ihren Blutzucker bestimmen lassen. Denn die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass Typ-2-Diabetes meist fünf bis sieben Jahre zu spät und häufig erst infolge von Spätkomplikationen, wie z.B. Herzinfarkt, entdeckt wird.

Was versteht man unter Prädiabetes? Dies ist eine Vorstufe der Zuckerkrankheit, die bereits mit einem erhöhten Risiko für schwerwiegende Folgeerkrankungen einhergeht. Näheres über Prädiabetes lesen Sie ab Seite 38.


VERSCHIEDENE DIABETESTYPEN Was passiert bei Typ-1-Diabetes?

Blick: Auf einen

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TYP-1-DIABETES Was sind die Ursachen von Typ-1-Diabetes? Das Entstehen der Autoimmunerkrankung Typ-1-Diabetes wird durch bestimmte Erbfaktoren, Umwelteinflüsse und durchgemachte Virusinfektionen begünstigt. Rund 10% der an Diabetes Erkrankten sind davon betroffen. Die genauen Ursachen für die Fehlsteuerung der körpereigenen Abwehr sind bisher nicht bekannt. Vermutet wird, dass manche Bakterien oder Viren den Zellen der Bauchspeicheldrüse so ähnlich sind, dass der Körper nicht nur die eingedrungenen Bakterien oder Viren angreift, um sie unschädlich zu machen, sondern sich auch gegen die körpereigenen Inselzellen der Bauchspeicheldrüse richtet.

Die Insulin produzierenden Zellen (Betazellen) in der Bauchspeicheldrüse werden von der eigenen Immunabwehr zerstört. Es wird also kein Insulin produziert, wodurch es zu einem absoluten Insulinmangel kommt. Typ-1-Diabetiker müssen Insulin „künstlich“ zuführen.

Wann tritt die Erkrankung auf? Da Typ-1-Diabetes meist schon im Kindes- und Jugendalter auftritt, wurde er lange Zeit auch als „Jugenddiabetes“ (juveniler Diabetes) bezeichnet. Es gibt aber auch eine Sonderform, den sogenannten LADA-Diabetes („Latent Autoimmune Diabetes in Adults“), der erst im Erwachsenenalter auftritt.

Gibt es bei Typ-1-Diabetes geschlechtsspezifische Unterschiede? Ja. Bei Frauen im gebärfähigen Alter schwanken die Blutzuckerwerte häufiger und stärker als beim Mann, da der Menstruationszyklus und Hormonumstellungen Einfluss auf die Blutzuckerwerte haben. Mehr Informationen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden ab Seite 79.

Familiäres Risiko für Typ-1-Diabetes • Ein Elternteil ist Typ-1-Diabetiker => Risiko des Kindes: 3–5% • Beide Elternteile sind Typ-1-Diabetiker => Risiko des Kindes: ca. 20% Insgesamt sind aber nur 10% aller Personen mit Typ-1-Diabetes erblich vorbelastet, bei den restlichen 90% ist die Entstehung des Diabetes ohne familiären Hintergrund. Diabetes verstehen 2018 9


Verschiedene Diabetestypen

TYP-2-DIABETES Wie entsteht Typ-2-Diabetes? Über 90% der an Diabetes Erkrankten leiden unter Typ-2-Diabetes. Dieser Typus tritt meist erst nach dem 40. Lebensjahr auf. Er wurde früher auch „Alters­ diabetes“ genannt; diese Bezeichnung sollte allerdings nicht mehr verwendet werden, da bereits Kinder und Jugendliche daran erkranken können. Typ-2-Diabetes entsteht durch eine fortschreitende Abnahme der Insulinausschüttung als Folge einer jahrelangen Insulinresistenz.

Dabei unterscheidet man zwei Ursachen: • Insulinresistenz bei übergewichtigen Patienten: Meist im Zusammenhang mit bauchbetonter Fettansammlung, hohem Blutdruck und Fettstoffwechselstörung werden die Rezeptoren, an denen das Insulin wirken soll, unempfindlich. Man spricht von einer Insulinresistenz. Das Insulin kann also den Zucker nicht aus dem Blut in die Körperzellen schleusen, weil die Zellen nicht darauf reagieren. Die Folge: Der Zucker bleibt im Blut zurück und der Blutzuckerspiegel steigt. Dadurch werden die Betazellen angeregt, zur vermeintlich nötigen Blutzuckersenkung ständig weiter Insulin zu produzieren. Diese permanente Überproduktion, die bis zum Zehnfachen des Normalen betragen kann, führt im Laufe der Zeit zur Erschöpfung und damit zum Versagen der Bauchspeicheldrüse. Daraus kann sich nach Jahren allmählich auch ein absoluter Insulinmangel entwickeln. 10 Diabetes verstehen 2018

• Insulinsekretionsstörung als notwendige Komponente bei normalgewichtigen Patienten: Hier liegt eine vererbte Schwäche der körpereigenen Insulinproduktion vor. Es kommt zu einer verminderten Ausschüttung (Sekretion) dieses Hormons.

Ist Typ-2-Diabetes erblich? Zum Teil ja. Als ganz wesentliche Risikofaktoren kommen Übergewicht (siehe Seite 33) und Bewegungsmangel (siehe Seite 35) hinzu. Außerdem erhöht ein sehr niedriges (­ < 2,5 kg) oder eher hohes (> 4,5 kg) G ­ eburtsgewicht die spätere ­Diabetesneigung. Die Statistik zeigt, dass mit z­ unehmendem Alter die Wahrscheinlichkeit, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, steigt.


Verschiedene Diabetestypen

Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes • Alter ≥ 45 Jahre • großer Bauchumfang (Männer > 102 cm, Frauen > 88 cm) • zu hoher Blutdruck (im Mittel ≥ 130/80 mmHg) • Fettstoffwechselstörung (Triglyzeride ≥ 150 mg/dl; HDL-Cholesterin bei Männern < 40 mg/dl, HDL-Cholesterin bei Frauen < 50 mg/dl) • Nüchternblutzucker ≥ 100 mg/dl • vorangegangener Schwangerschaftsdiabetes oder Geburt eines Kindes mit > 4,5 kg Körpergewicht • erbliche Faktoren • Lebensstil (Bewegungsmangel, unausgewogene Ernährung, Rauchen, Stress)  erz-Kreislauf-Erkrankungen (Herzinfarkt, •H Schlaganfall, periphere Gefäßerkrankungen) • Depression Mehr dazu ab Seite 32.

2-Diabetes im Kinder- und Jugendalter vorzubeugen, ist daher die Umstellung der Lebensgewohnheiten der Kinder ein wesentlicher Beitrag!

SCHWANGERSCHAFTSDIABETES Wie kommt es zu S­ chwangerschaftsdiabetes? Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes) entsteht während der Schwangerschaft und verschwindet zumeist unmittelbar nach der Geburt wieder. Ungefähr jede siebente Schwangere entwickelt ab dem Beginn des zweiten Schwangerschaftsdrittels einen Schwangerschaftsdiabetes. Dieser zählt damit insgesamt zu den häufigsten schwangerschaftsbegleitenden Erkrankungen.

Wichtiger Hinweis: Bewegungsmangel und Übergewicht sind zwar wesentliche Faktoren in der Entstehung eines Typ2-Diabetes, aber nicht der einzige. In vielen Fällen spielt die Vererbung eine wichtige Rolle. Es ist daher falsch, Diabetiker als „faule Dicke“ abzutun, die an ihrer Krankheit selbst schuld sind!

Wieso kommt es bei Kindern und Jugendlichen zunehmend zu ­Typ-2-Diabetes? Die Hauptrisikofaktoren für Diabetes Typ 2 bei Kindern sind Übergewicht, Bewegungsmangel, hoher Konsum von Süßigkeiten und gesüßten Limonaden sowie familiäre Veranlagung. Um TypDiabetes verstehen 2018 11


Verschiedene Diabetestypen Risikofaktoren sind Übergewicht, ein Alter über 30 Jahren und erbliche Vorbelastung. Merkbar ist der Gestationsdi­ abetes für die Betroffene im Regelfall nicht; nachgewiesen werden kann er durch den oralen Glukosetoleranztest, den jede Schwangere zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche durchführen lassen sollte.

Welche Folgen drohen? Im Falle eines schlecht behandelten Schwangerschaftsdiabetes wird das Baby zu groß und es kann bei der Geburt zu Komplikationen kommen. Zudem hat das Kind unmittelbar nach der Geburt ein hohes Risiko für Unterzuckerung

Bewegung ist auch bei Schwangerschaftsdiabetes eine wichtige Maßnahme.

(Hypoglykämie) und später für die Entwicklung eines Diabetes. Obwohl der Diabetes bei der Mutter nach der Geburt zumeist verschwindet, bleibt sie besonders diabetesgefährdet. Daher müssen Frauen nach einem Schwangerschaftsdiabetes engmaschig kontrolliert werden und sollten Übergewicht durch richtige Ernährung und viel Bewegung vermeiden.

Wie wird Schwangerschaftsdiabetes behandelt? Zunächst wird eine Lebensstiländerung mit ausgewogener Ernährung sowie Bewegung empfohlen. Wenn dadurch die Blutzuckerwerte nicht in den Zielbereich gesenkt werden können (wiederholt 1-Stunden-Wert > 140 mg/dl nach der Mahlzeit; Nüchternwert > 90–95 mg/dl), muss eine Insulintherapie eingeleitet werden. Diese wird im Verlauf der Schwangerschaft regelmäßig angepasst.

Was sollten Diabetikerinnen, die schwanger werden, beachten? Frauen mit Diabetes müssen eine Schwangerschaft planen und bei Kinderwunsch ihren betreuenden Diabetologen sowie ihren Gynäkologen informieren. Denn Diabetes der Mutter führt zu einem erhöhten Risiko für Komplikationen in der Schwangerschaft sowie zu Folgekomplikationen beim Kind. Diabetikerinnen sollten Verhütungsmaßnahmen erst beenden, wenn der HbA1cWert unter 7% liegt, besser noch nahe bei 6%. Zudem ist es gerade für Frauen mit Diabetes wichtig, ein Folsäurepräparat einzunehmen (spätestens ab dem Zeitpunkt der Empfängnis). Ab der 24. 12 Diabetes verstehen 2018


Ausgewogene Ernährung kann helfen, den Blutzuckerspiegel in den Griff zu bekommen.

Schwangerschaftswoche kommt es durch die Schwangerschaftshormone bei allen Schwangeren bis zur Geburt zu einem Anstieg der Blutzuckerwerte. Deswegen muss die Insulintherapie laufend engmaschig angepasst werden. Für alle Schwangeren mit Diabetes gilt: Der mütterliche Blutzucker passiert ungehindert die Plazenta. Blutzuckerspitzen der Mutter können daher beim Kind eine vermehrte Insulinausschüttung auslösen. Dies kann zu ungünstigen Folgen – darunter überproportionales Wachstum, Unterzucker nach der Geburt und Stoffwechselprobleme (Übergewicht, Diabetes) im späteren Leben des Kindes – führen. Bei Schwangeren mit Diabetes ist zudem das Risiko für die Entwicklung eines Schwangerschaftsbluthochdrucks oder einer Schwangerschaftsvergiftung (Präeklampsie) höher als bei Schwangeren ohne Diabetes. Eine gute Zusammenarbeit zwischen Diabetologen und Geburtshelfer sorgt

dafür, dass die Entwicklung des Kindes unauffällig verläuft und die Geburt optimal geplant werden kann. Wichtiger Hinweis: Auf jeden Fall sollten Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes bzw. frischgebackene Mamas, die Diabetikerinnen sind, stillen. Dies senkt beim Kind das Risiko, Übergewicht und Diabetes zu entwickeln.

SELTENE DIABETESFORMEN Neben Typ-1- und Typ-2- sowie Schwangerschaftsdiabetes gibt es noch weitere Formen der Zuckerkrankheit, die jedoch sehr selten auftreten, z.B. angeborene monogenetische (nur ein Gen betreffende) Schädigung der Betazellen oder der Insulinwirkung (MODY), Krankheiten der Bauchspeicheldrüse, hormonell bedingte Erkrankungen oder medikamentös verursachter Diabetes. Diabetes verstehen 2018 13


DIABETES BEI KINDERN

Blick: Auf einen schulpflich­

nd 1.600 ich gibt es ru etes. Pro Jahr • In Österre b it Typ-1-Dia tige Kinder m 50–300 Neudiagnosen d2 kommen run r dazu. uchen für ih n Kinder bra e n die e ff le o u tr h e c b S  ie •D t in der n e m e g a n a ehrern/ Krankheitsm achsenen/L rw E n vo g n Unterstützu Betreuern. eraden Klassenkam r e d g n ru lä Kind das  ie Aufk •D s betroffene a d ss a d , rt ent heimlich verhinde tesmanagem e b ia D e ig d notwen muss. durchführen

Wie kommt es zu Diabetes mellitus Typ 1? 95% der betroffenen Kinder sind Typ1-Diabetiker (siehe Seite 9) und müssen lebenslang Insulin zuführen. Am häufigsten erkranken Kinder im Volksschulund Jugendalter, manche aber auch im Alter von unter 5 Jahren. Die Ursachen für Typ-1-Diabetes sind nach wie vor unklar, eine Kombination aus erblicher Veranlagung und Umwelteinflüssen wird vermutet. Ein geringer Teil der Jugendlichen leidet an Typ-2-Diabetes (siehe Seite 10). Ungesunde Ernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel sowie genetische Faktoren können die Entstehung begüns14 Diabetes verstehen 2018

Betroffene Kinder müssen regelmäßig ihren Blutzucker messen. tigen. Bei dieser Form der „Zuckerkrankheit“ ist eine frühzeitige Diagnose oft schwierig. Eine tief greifende Änderung der Ernährungsgewohnheiten und des Lebensstils sowie eine ausreichende medikamentöse Behandlung sind notwendig, um eine gute Stoffwechseleinstellung bei Jugendlichen mit Typ-2-Diabetes zu erreichen.


Diabetes bei Kindern

Woran erkenne ich, dass mein Kind an Diabetes leiden könnte? Die typischen Anzeichen sind Durst­ gefühl, häufiges Urinieren, Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Gewichtsverlust, Sehstörungen, Leistungs- und Konzentrationsschwäche. Bei Kleinkindern ­können das Wiederauftreten von nächtlichem Einnässen sowie immer wiederkehrende Pilzinfektionen im Windelbereich ein Hinweis auf Diabetes sein. Zudem klagen die Kinder oft über Kopf- oder Bauchschmerzen. Wichtiger Hinweis: Wenn Sie diese Symptome bei Ihrem Kind bemerken, sollten Sie so rasch wie möglich einen Arzt aufsuchen, um einen eventuell vorliegenden Diabetes abklären zu lassen.

Wie erfolgt die Diagnose? Der Arzt wird den Zucker im Harn kontrollieren und mittels Fingerstich den Blutzucker bestimmen. Ist das Ergebnis positiv, so wird er Ihr Kind umgehend an eine Kinderabteilung mit Erfahrung in der Behandlung von Kindern mit Diabetes zur stationären Therapieeinstellung überweisen. Die oben genannten Symptome, Glukoseausscheidung im Harn sowie erhöhte Blutzucker- und HbA1c-Werte bestätigen die Diagnose. Eine Insulintherapie – eine intensivierte Basis-Bolus-Therapie mit Insulinpen oder eine Insulinpumpentherapie (siehe dazu auch Seite 58) – ist für die kleinen Patienten lebensnotwendig. Gemeinsam mit dem Kind, den Eltern und dem Diabetesteam wird entschieden, welche Therapieform individuell am besten geeignet ist.

Einen wesentlichen Anteil am Erfolg der Diabetestherapie hat die umfassende ­Diabetesschulung. Diese findet altersgerecht im Krankenhaus statt und beinhaltet zusätzlich auch eine ausführliche Ernährungsberatung. Oft ist es notwendig, neben Kind und Eltern auch weitere Betreuungspersonen zu schulen, wie Großeltern, Kindergartenpersonal, Lehrpersonen etc.

Wie wird Diabetes bei Kindern b­ ehandelt? Die Behandlung besteht in der lebenslangen Zufuhr von Insulin. Das fehlende Insulin wird mittels Insulinpen oder Insulinpumpe subkutan (= unter die Haut) zugeführt. Die Insulinmenge muss jeweils auf die aufgenommene Nahrung abgestimmt und berechnet werden und wird mehrmals täglich ins Fettgewebe unter die Haut gespritzt.

Auch Kleinkinder können an Typ-1-­ Diabetes erkranken.

Diabetes verstehen 2018 15


Diabetes bei Kindern Zahlreiche Parameter, wie körperliche Aktivität, Krankheitsstadium, Lebensalter, Wachstum und Pubertät, beeinflussen den Insulinbedarf. Insulin und körperliche Anstrengung senken den Blutzucker, Kohlenhydrate (z.B. Zucker, Obstsäfte, Brot) erhöhen ihn. Durch regelmäßige Messung des Blutzuckers wird überprüft, ob die Behandlung erfolgreich ist oder mehr bzw. weniger Insulin verabreicht werden muss. Neuerdings werden zum Überwachen des Blutzuckers auch kontinuierliche Messsysteme angeboten. Für dieses intensive Diabetesmanagement ist insbesondere bei jüngeren Kindern die Hilfe der Eltern bzw. von betreuenden Erwachsenen notwendig.

Was passiert, wenn der Blutzuckerspiegel zu hoch ist? Hohe Blutzuckerwerte sind Ausdruck eines Insulinmangels. Akute Anstiege des Blutzuckers können im Rahmen einer falschen Berechnung der zugeführten Kohlenhydrate auftreten (postprandiale Glukose-Peaks), im Rahmen einer Erkrankung (Fieber, Infekte), aber auch im Rahmen von Stressreaktionen. Bei Erkennen zu hoher Blutzuckerwerte soll eine entsprechende Korrektur nach einem individuellen Korrekturfaktor durchgeführt werden – der Arzt bespricht dies gerne mit Ihnen. Bleiben Blutzuckerwerte über einen längeren Zeitraum über dem Normbereich bestehen, so erhöht sich das Risiko einer metabolischen Entgleisung. Die diabetische Ketoazidose („Übersäuerung“) ist ein gefürchteter Notfall in der pädiatrischen Diabetologie und 16 Diabetes verstehen 2018

sollte tunlichst vermieden werden. Diese schwere Stoffwechselentgleisung kann sowohl im Rahmen der Diagnosestellung als auch bei bereits bekanntem Diabetes auftreten. Typische Anzeichen einer Ketoazidose sind starker Durst, häufiger Harndrang, Dehydrierung (trockene Lippen, trockene Schleimhäute), starke Müdigkeit, tiefe, schwere Atmung, Übelkeit und Erbrechen. In diesen Fällen ist eine ärztliche Konsultation dringend notwendig!

Was passiert, wenn der Blutzuckerspiegel zu niedrig ist? Eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) äußert sich durch eines oder mehrere der folgenden Anzeichen, die von Kind zu Kind variieren können: • Schwitzen • Blässe • Schwäche • Zittern • ungewohnte Unaufmerksamkeit und Zerstreutheit • Müdigkeit • Heißhunger • krakelige Schrift • vorübergehende Sehstörung • Herzklopfen • Sprachstörung • Taubheitsgefühl im Mund mit metallischem Geschmack • Schwindel • Kopfschmerzen • Übelkeit • Verwirrtheit • plötzliche Wesensänderung (z.B. Aggressivität, Alberei, Weinerlichkeit, besonders starke Anhänglichkeit) • bei schwerer Unterzuckerung auch


Diabetes bei Kindern

Bei Bewusstlosigkeit: Stabile Seitenlage und Notarzt rufen!

Krämpfe und neurologische Ausfälle bzw. Bewusstlosigkeit

chen Momenten Ausdruck der Unterzuckerung sein.

Was sollte bei Unterzuckerung des Kindes unternommen werden?

Das Kind ist bewusstlos – wie r­ eagiere ich?

Wenn Erwachsene (Eltern, Lehrer) bei einem Kind Unterzuckerungsanzeichen bemerken, müssen sie das Kind ruhig, aber bestimmt auffordern, den Blutzucker zu messen und sofort etwas Zuckerhaltiges zu essen oder zu trinken. Gut dafür geeignet sind Traubenzucker oder zuckerhaltige Getränke wie Obstsaft, Limonade etc. Jedes Kind mit Diabetes sollte immer entsprechende zuckerhaltige Nahrungsmittel bei sich haben (Traubenzucker, flüssiger Traubenzucker). Eine ungewöhnlich aggressive Ablehnung vonseiten des Kindes kann in sol-

Bei einer schweren Hypoglykämie kann es zu Bewusstlosigkeit mit oder ohne Krampfanfall kommen. In diesem Fall heißt es: • Kind in die stabile Seitenlage bringen • Notarzt rufen • Bei Bewusstlosigkeit KEINESFALLS Flüssigkeit oder feste Nahrung einflößen – das Kind kann sich verschlucken und unter Umständen ersticken! • Ruhe bewahren und beim Kind bleiben, bis der Notarzt kommt • Wer darin geschult ist, sollte – sofern ein Notfall-Kit mit Glukagon vorhanDiabetes verstehen 2018 17


Diabetes bei Kindern den ist – sofort eine Spritze mit Glukagon verabreichen.

Wodurch kommt es zu einer H ­ ypoglykämie? Eine Hypoglykämie ist Ausdruck eines zu hohen Insulinspiegels oder einer zu starken Insulinwirkung. Wenn das Kind zu wenig isst oder eine Mahlzeit trotz Insulingabe vergisst, kann der Blutzucker zu tief absinken. Körperliche Anstrengung senkt den Blutzucker während und nach sportlicher Aktivität, daher muss sowohl vor als auch während und nach der Sportausübung eine Blutzuckerkontrolle erfolgen.

Wie sollte man ein diabeteskrankes Kind ernähren? Kinder mit Diabetes benötigen eine kohlenhydratberechnete Kost auf Basis einer ausgewogenen, gesunden Ernährung. Einseitige Diäten oder die Zufuhr von Spezialnahrungsmitteln sind weder erforderlich noch sinnvoll. Die zugeführten Kohlenhydrate werden berechnet, wobei 12 g Kohlenhydrate als 1 Broteinheit (BE) bezeichnet werden. Üblicherweise wird bei der Therapieplanung und -einstellung der Bolus-Faktor individuell festgelegt, d.h. jeder Diabetespatient sollte wissen, wie hoch sein Insulinbedarf pro gegessener Broteinheit (Insulin pro BE; z.B. 1 E Insulin pro 1 BE) ist. Gelegentlich können kohlenhydratfreie Snacks (BE-freie Kost) als hungerstillende Jause ohne Insulingabe hilfreich sein. Dafür geeignet sind: • rohes Gemüse wie Karotten, Tomaten, Paprika, Gurken 18 Diabetes verstehen 2018

• Ei, Käse, Wurst (in Maßen) • ungezuckerte Früchtetees • zuckerfreie Bonbons oder zuckerfreier Kaugummi

Wie lässt sich verhindern, dass der Blutzucker beim Sport zu tief absinkt? Sportliche Aktivität erhöht die Insulinsensitivität und aktiviert insulinunabhängige Glukosetransporter. Dies kann zu Hypoglykämien während und bis zu einige Stunden nach sportlicher Aktivität führen. Eine Anpassung der Insulindosis vor Belastung (z.B. Reduktion der Insulinmenge für die Mahlzeit vor und nach dem Sport, Reduktion der Basalinsulindosis oder Reduktion der temporären Basalrate bei Pumpentherapie) kann das Hypoglykämierisiko bei Sport reduzieren. Diese und ähnliche Maßnahmen können nach körperlicher Belastung fortgeführt werden, um Späthypoglykämien nach sportlicher Betätigung zu reduzieren. Neben einer Reduktion der Insulindosis kann auch die Zufuhr zusätzlicher Broteinheiten vor Unterzuckerungen schützen. Die Gabe von 1–2 BE, ohne dafür Insulin zu spritzen, kann vor, während oder nach dem Sport ein Absinken der Blutglukose verhindern. Blutzucker-

Wichtig für Lehrer: Alle Lehrer sollten mit den Anzeichen einer Unterzuckerung vertraut sein (siehe Seite 61) und wissen, wie sich Hypoglykämien beheben lassen. Ein Depot für Traubenzucker in der Schulklasse kann viel Aufregung und Stress verhindern.


Diabetes bei Kindern

Eine gesunde Jause ist für Kinder mit ­Diabetes besonders wichtig. messgerät und Traubenzucker sollten bei körperlicher Aktivität stets griffbereit sein.

Was ist im Kindergarten/in der Schule zu beachten? Betreuungspersonen in Kindergarten und Schule sowie Mitschüler sollten über die Diabeteserkrankung informiert werden. Nur durch Wissensvermittlung und Schulung können Unsicherheiten und Ängste im Umgang mit und in der Betreuung von Kindern mit Diabetes abgebaut werden. Mit dem Bildungs­ ­ reformgesetz 2017 wurde eine lang er-

wartete Änderung in das Schulunterrichtsgesetz (SchUG) aufgenommen. Zuvor bedeutete jede medizinische Hilfestellung, die das Lehrpersonal bei Kindern durchführte, ein persönliches Haftungsrisiko, da man sich im rechtsfreien Raum bewegte. Durch die neue Regelung (§ 66b SchUG) wurde die medizinische Hilfestellung durch Lehrer definiert, womit diese Tätigkeiten nun unter die Diensthaftung fallen. Es ist wesentlich, dass Kinder mit Diabetes in der Schule inkludiert und keinesfalls ausgeschlossen werden. Dies beinhaltet auch die Teilnahme an Wandertagen, Ausflügen, Landschulwochen etc. Wenn ein Kind beispielsweise zum Insulinspritzen von der Lehrerin aus der Klasse geschickt wird, kann es sich dadurch aus der Gruppe ausgeschlossen fühlen. Ob eine Messung oder Medikamentengabe im Klassenzimmer stattfindet oder das Kind sich wohler fühlt, dies in einem intimeren Rahmen durchzuführen, sollte Entscheidung des Kindes sein. An Schulen, in denen Kinder mit Typ-1-Diabetes die Möglichkeit haben, ihr Diabetesmanagement ungehindert durchzuführen, ist deren psychische und physische Verfassung besser als an Schulen, in denen diese Form der Inklusion nicht stattfindet.

Was sollten die Klassenkameraden wissen? Diabetes sollte vor den anderen Kindern weder verheimlicht werden, noch sollte man eine große Sache daraus machen. Informieren Sie die Kinder je nach Alter sachlich, um Verständnis zu wecken, aber Mitleid zu vermeiden. Diabetes verstehen 2018 19


Diabetes bei Kindern müssen sofort die Lehrpersonen informiert werden, um dem betroffenen Kind durch die Zufuhr von Zucker zu helfen.

Dürfen Kinder mit Diabetes an Ausflügen und Klassenfahrten teilnehmen?

Gerade beim Sport sollte Traubenzucker immer griffbereit sein.

Wichtige Informationen für die Mitschüler: Der Körper des betroffenen Kindes • produziert kein Insulin, daher muss dieses mehrmals täglich durch Insulinspritzen zugeführt werden. • Diabetes ist nicht ansteckend! • Damit man weiß, ob es dem Kind mit Diabetes gut geht, muss der Blutzucker oft gemessen oder mit kontinuierlichen Messmethoden überprüft werden. Diese kontinuierlichen Systeme sind am Körper des Kindes fixiert und sichtbar. • Manchmal fühlt sich ein Kind mit Diabetes komisch, redet wirres Zeug, ist zittrig und schwitzt – dies sind Zeichen einer Unterzuckerung. In diesem Fall 20 Diabetes verstehen 2018

Grundsätzlich können diabetische Kinder an allen Unternehmungen der Klasse teilnehmen. Allerdings muss das Kind mit dem Messen des Blutzuckers und der Verabreichung von Insulin gut vertraut sein. Eine intensive Kommunikation zwischen Kind, Eltern, Lehr- und Betreuungspersonen ist von besonderer Wichtigkeit, wenn Kinder im Klassenverbund unterwegs sind. Eine genaue Absprache hinsichtlich des Diabetesmanagements ist unerlässlich.

Wie verhindere ich, dass mein Kind zum Außenseiter wird? • Packen Sie Ihr Kind trotz aller notwendigen Vorsorgemaßnahmen nicht in Watte. • Fördern Sie seine Selbstständigkeit bei den notwendigen Maßnahmen wie Blutzucker messen und Insulin spritzen. • Erklären Sie den Klassenkollegen auf einfache Weise, was im Körper eines Diabetikers vorgeht und dass kein Kind mit Diabetes Schuld an seiner Erkrankung hat. • Arbeiten Sie gemeinsam mit Ihrem Kind an der Diabetesakzeptanz. Je besser Diabetes akzeptiert und in den Alltag integriert wird, desto weniger soziale Einschränkungen wird Ihr Kind aufgrund des Diabetes erfahren.


Diagnose: Diabetes auf der Spur

DIAGNOSE: ­DIABETES AUF DER SPUR

Hoher Blutzucker wird oft durch einen Zufallsbefund entdeckt.


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Wie wird Diabetes diagnostiziert? Die Diagnose von Diabetes erfolgt anhand einer Messung des Blutzuckerspiegels (Glukosekonzentration im Blut). Die Höhe des Blutzuckers kann entweder durch Selbstmessung mit einem Blutzuckermessgerät festgestellt werden oder durch Blutabnahme aus der Vene und nachfolgende Bestimmung im Labor. Für die Erstdiagnose wird der Arzt Blut aus der Vene im Labor untersuchen lassen. Für die Verlaufskontrolle ist jedoch die regelmäßige Selbstmessung unverzichtbar.

Wann wird die Diagnose Diabetes gestellt? Bei Gesunden liegt der durchschnittliche Nüchtern-Blutzuckergehalt zwischen 70 und 100 mg/dl. Werte zwischen 101 und 125 mg/dl befinden sich im Graubereich und sollten Anlass für einen Arztbesuch bzw. für die Einleitung von Lebensstilmaßnahmen sein.

Die Diagnose „Diabetes mellitus“ kann gestellt werden, wenn der Nüchtern-­ blutzucker, gemessen aus venösem Blut (d.h. bei einer Blutabnahme aus der Vene), ≥ 126 mg/dl beträgt. Nüchtern sein bedeutet, dass acht bis zehn Stunden zuvor keine Nahrung aufgenommen wurde – auch gesüßte Getränke zählen dazu, während Wasser und ungesüßter Tee problemlos getrunken werden können. Bestehen typische Diabetessymptome, wie häufiges Wasserlassen, starkes Durstgefühl und extreme Müdigkeit, ­sowie ein venöser Blutzuckerspiegel von ≥ 200 mg/dl, ist ebenfalls die Diagnose Diabetes zu stellen. Wichtiger Hinweis: Ein gesunder Mensch – ohne Diabetes – entwickelt keinen Blutzucker ≥ 200 mg/dl. Eine Diabetesabklärung ist daher angezeigt, sobald nur einmal ein zu hoher Blutzucker auffällt (z.B. bei einer Blutabnahme im Rahmen einer Gesundenuntersuchung). Bei hohem Diabetesrisiko (Übergewicht, erbliche Belastung) sollte die Blutabnahme um den Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c) erweitert werden.

Die Diagnose Diabetes erfolgt anhand eines der folgenden Kriterien: • N  üchternblutzucker ≥ 126 mg/dl oder • 2-Stunden-Blutzuckerwert nach Gabe von 75 g Glukose (OGTT) ≥ 200 mg/dl oder • HbA1c ≥ 6,5% (48 mmol/mol) oder • typische Symptome plus venöser ­Blut­zucker ≥ 200 mg/dl

Diabetes verstehen 2018 23


Diagnose: Diabetes auf der Spur

Regelmäßiges Blutzuckermessen spielt bei Diabetes eine wichtige Rolle.

Wieso wird Diabetes oft erst so spät entdeckt? Der Grund ist denkbar einfach: Diabetes tut nicht weh. Beobachtungen in der Klinik zeigen noch immer, dass ein Drittel der manifesten Diabetiker nichts von seiner Erkrankung weiß. Diabetes wird durchschnittlich erst fünf Jahre nach Erstmanifestation der Erkrankung entdeckt. Zu diesem Zeitpunkt bestehen oft schon Folgeschäden.

Warum muss man den Zucker im Blut nüchtern und nach dem Essen messen? Der Blutzucker schwankt stark, die Werte variieren je nach Tageszeit und Abstand zu einer Mahlzeit. Daher misst man den Nüchternblutzucker (der Pa­ tient hat mindestens acht Stunden nichts gegessen), den Blutzucker zwischen den Mahlzeiten (Zufallsblutzucker) und den Langzeit-Blutzucker, dem Durchschnittswert der vergangenen Wochen, der als HbA1c-Wert bezeichnet wird.

Was sagt der HbA1c-Wert aus? Warum ist eine frühzeitige Diagnose so wichtig? Auf lange Sicht schädigt ein zu hoher Zuckerspiegel im Blut die Gefäße und führt daher zu gravierenden Folgeschäden wie Augenschäden, Niereninsuffizienz, koronare Herzerkrankung (Verengung der Herzkrankgefäße durch Atherosklerose), Schlaganfall, PAVK („Schaufensterkrankheit“), diabetischem Fuß und Nervenschädigungen. Ein rechtzeitiger Therapiebeginn kann diesen Folgeschäden vorbeugen! 24 Diabetes verstehen 2018

Dieser „Blutzucker-Langzeitwert“ spiegelt die durchschnittliche Blutzuckerkonzentration der letzten zwölf Wochen wider. Beim HbA1c handelt es sich um einen Anteil des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin (Hb), das je nach Höhe des Blutzuckers „verzuckert“ wird. Da die Lebensdauer der roten Blutkörperchen, die das Hämoglobin transportieren, zwölf Wochen beträgt, verändert sich der HbA1c-Wert nach Ablauf dieser Zeitspanne komplett. Bei einem HbA1c von ≥ 6,5% (48 mmol/ mol) liegt Diabetes mellitus vor.


Diagnose: Diabetes auf der Spur Ein HbA1c zwischen 5,7% und 6,4% (39–46 mmol/mol) zeigt ein erhöhtes Diabetesrisiko, einen sogenannten Prä­ diabetes (siehe Seite 38), an.

Wann kommt der orale Glukosetoleranztest (OGTT) zum Einsatz? Bei unklarem Befund – Blutzuckermessung oder HbA1c – oder zum Nachweis einer gestörten Glukosetoleranz zieht man diesen Zuckerbelastungstest heran. Nach achtstündigem „Fasten“ wird morgens der Nüchternblutzucker bestimmt und anschließend eine Lösung mit 75 g Glukose getrunken. Nach weiteren zwei Stunden, in denen sich der Patient nicht allzu viel bewegen sollte, wird erneut Blut aus der Vene abge-

nommen und die Blutzuckerkonzentration bestimmt.

Welche Werte sind sonst noch von Bedeutung? Blutdruck und Blutfette. Denn beide stellen bei erhöhten Werten zusätzliche Risikofaktoren für die Folgeerkrankungen von Diabetes dar. Nicht nur zu viel Zucker im Blut schädigt die Gefäßwand, sondern auch ein hoher Druck in den Arterien. Sind außerdem die Blutfettwerte erhöht, so lagert sich überschüssiges Cholesterin an der Gefäßwand ab. In erster Linie spielt hier der LDL-Cholesterinwert eine Rolle. Näheres über die Risikofaktoren Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörung lesen Sie ab Seite 35.


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Zucker messen mit dem FreeStyle Libre Sensor und der FreeStyle LibreLink App1

Wie funktioniert das FreeStyle Libre System? Das FreeStyle Libre System befreit Diabetiker vom routinehaften Stechen2 in den Finger zur Ermittlung der Blutzuckerwerte. Es besteht aus zwei Komponenten: Der FreeStyle Libre Sensor wird an der Rückseite des Oberarms bis zu 14 Tage lang getragen. Über einen kleinen Fühler, welcher unter die Haut eingeführt wird, misst der Sensor den Glukose­wert in der Zwischenzellflüssigkeit. Mit dem FreeStyle Libre Lesegerät können die Glukosewerte des Sensors sekundenschnell gescannt werden. Der FreeStyle Libre Sensor lässt sich auch einfach mit dem Smartphone1 scannen. Ein Scan zeigt den aktuellen Glukosewert, ei26 Diabetes verstehen 2018

nen Trendpfeil sowie die Verlaufskurve der letzten acht Stunden. Vorteile der FreeStyle LibreLink App Mit vielen gleichen und noch mehr Funktionen des FreeStyle Libre Lesegeräts3, 4 hat man die Freiheit, seinen Diabetes überall und jederzeit mit dem iPhone oder AndroidSmartphone1 zu überwachen. Die App ist in 26 Sprachen verfügbar und bietet optional eine Sprachausgabe, die den aktuellen Glukosewert sowie den Trend vorliest. Mahlzeiten, I­nsulindosen oder sportliche Aktivitäten können jederzeit als Notizen hinzugefügt werden und unterstützen bei der Interpretation

des Glukoseprofils.


haltensweisen vornehmen, um ihren Diabetes besser zu managen. Weitere Informationen unter: www.freestyle-diabetes.at  ie FreeStyle LibreLink App ist mit NFC-fähigen Smartphones (Android 5.0 D oder höher sowie iPhone 7 und höher ab iOS 11) kompatibel. Eine zusätzliche Prüfung der Glukosewerte mittels eines Blutzuckermessgeräts ist erforderlich bei sich schnell ändernden Glukosespiegeln, wenn die Glukosewerte in der Gewebeflüssigkeit die Blutzuckerwerte eventuell nicht genau widerspiegeln oder wenn das System eine Hypoglykämie oder eine anstehende Hypoglykämie anzeigt oder wenn die Symptome nicht mit den Messwerten des Systems übereinstimmen. 3 Die FreeStyle LibreLink App und das FreeStyle Libre Lesegerät haben ähnliche Funktionen, die jedoch nicht identisch sind. Eine zusätzliche Prüfung der Glukosewerte mittels eines Blutzuckermessgeräts ist erforderlich bei sich schnell ändernden Glukosespiegeln, wenn die Glukosewerte in der Gewebeflüssigkeit die Blutzuckerwerte eventuell nicht genau widerspiegeln oder wenn die FreeStyle LibreLink App eine Hypoglykämie oder eine anstehende Hypoglykämie anzeigt oder wenn die Symptome nicht mit den Messwerten der FreeStyle LibreLink App übereinstimmen. 4 Der FreeStyle Libre Sensor überträgt Daten an das FreeStyle Libre Lesegerät, mit dem er aktiviert wurde, oder an die FreeStyle LibreLink App, mit der er aktiviert wurde. Ein Sensor, der mit dem FreeStyle Libre Lesegerät aktiviert wurde, überträgt auch Daten an die FreeStyle LibreLink App, vorausgesetzt, der Sensor wird mit der FreeStyle LibreLink App innerhalb einer Stunde nach seiner Aktivierung gescannt. 5 LibreView wird von Newyu, Inc., entwickelt und vertrieben. 1

2

Diabetes verstehen 2018 27

ADC-2018-A-0016, Oktober 2018

Analyse der Glukosewerte ganz einfach mit LibreView5 Für die Auswertung der Daten steht die ­kostenlose, cloudbasierte Anwendung LibreView zur Verfügung. Benutzer der FreeStyle LibreLink App haben es einfach: Die gescannten Daten werden direkt in LibreView sichtbar. Anwender des FreeStyle Libre Lesegeräts können ihre Daten mittels PC und Ladekabel in LibreView hochladen und ebenso wert­volle Berichte einsehen. Das „Ambulante ­Glukose Profil“ (AGP) ist eine benutzerfreundliche, visuelle Darstellungsweise des typischen Tagesverlaufes der Glukosewerte. Daraus lassen sich Trends und Muster ableiten. Auf dieser Grundlage können Menschen mit Diabetes gemeinsam mit ihrem Diabetesteam notwendige Änderungen in ihrer E­ rnährung und anderen Ver-


Diagnose: Diabetes auf der Spur (siehe Seite 54). In der Diabetesschulung werden Sie über das Wesen der Erkrankung, die Möglichkeiten der Behandlung, die richtige Ernährung und Lebensstiländerung, die Vermeidung von Folgeerkrankungen und die Blutzucker-Selbstkontrolle informiert. Nach drei Monaten kontrolliert der Arzt die vereinbarten Zielparameter. Sind diese erreicht, trägt die Therapie bereits Früchte. Wurden sie nicht erreicht, muss die Behandlung angepasst werden. Hinweis: Vielleicht bietet Ihr Hausarzt auch das Betreuungsmodell „Therapie Aktiv – Diabetes im Griff“ an. Dieses Programm offeriert österreichweit eine kompetente Diabetesbetreuung unter der Schirmherrschaft des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger und der Österreichischen Diabetes Gesellschaft. Informationen finden Sie unter www.therapie-aktiv.at. Auch der Blutdruck sollte regelmäßig selbst kontrolliert werden.

Was sollte nach der Diagnose „Typ-2-Diabetes“ passieren? Nach der gesicherten Diagnose eines Typ-2-Diabetes sollte der Arzt ein Beratungsgespräch durchführen. Dabei werden gemeinsam mit dem Patienten Zielwerte (für Blutdruck, Blutzucker und HbA1c sowie Blutfettwerte) vereinbart. Die Erreichung dieser Zielwerte erfolgt durch eine nachhaltige Lebensstilmodifikation (siehe Seite 42) sowie eine medikamentöse Therapie mit Metformin

Warum ist die Blutzucker-Selbst­ kontrolle so wichtig? Das Wissen über die Höhe des Blutzuckers ist deswegen so wichtig, weil es dem Betroffenen Aufschluss darüber gibt, wie Nahrungsaufnahme, körperliche Aktivität und medikamentöse Behandlung den Blutzucker beeinflussen. Die Ergebnisse der Selbstkontrolle helfen dem Patienten, mit der Erkrankung im täglichen Leben umzugehen.

Welche Möglichkeiten der BlutzuckerSelbstmessung gibt es? Die regelmäßige Selbstmessung des Blutzuckers dient zur Bestimmung des Glukosegehalts im Blut, sodass in der

28 Diabetes verstehen 2018

14519


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Diagnose: Diabetes auf der Spur Folge die Insulingabe entsprechend angepasst werden kann. Für diese Verlaufskontrolle gibt es transportable Blutzuckermessgeräte. Die modernen Geräte zur Selbstmessung sind einfach, rasch und diskret zu bedienen. Die verschiedenen Messmethoden: Optische Messung: Ein Blutstropfen aus der Fingerspitze wird auf einen Teststreifen aufgebracht. Der im Blut enthaltene Zucker reagiert mit den chemischen Stoffen auf dem Teststreifen. In der Folge wird der Blutzuckerwert auf dem Messgerät angezeigt. Amperometrische Messung: Ein Blutstropfen wird auf den Teststreifen aufgebracht, wo sich ein Enzym befindet, das mit dem Blutzucker reagiert. Dadurch wird ein Kontakt zwischen Elektroden hergestellt und vom Gerät über die Messung des zeitlichen Verlaufs der Stromstärke die Blutzuckerkonzentration errechnet. Kontinuierliche Glukosemessung im Subkutangewebe: Hier ist keine Blutentnahme nötig, sondern das Gerät misst über einen Sensor, der ins Unterhautfett-

gewebe platziert und mittels Pflaster an der Haut fixiert wird, kontinuierlich die Zuckerkonzentration in der Gewebsflüssigkeit.

Warum ist eine regelmäßige Messung des HbA1c wichtig?

Der HbA1c-Wert spiegelt die mittlere Blutzuckereinstellung während der vergangenen zwölf Wochen wider. Er ist sozusagen das „Blutzuckergedächtnis“. Der Wert ist damit unabhängig von momentanen Blutzuckerschwankungen. Er stellt eine gute Kontrolle für Arzt und Patient dar, ob die Werte über einen längeren Zeitraum im angestrebten Bereich liegen. Kurzfristig anberaumte Blitzdiäten können zudem die Aussagekraft des Wertes nicht trüben. Darüber hinaus dient er als Maß für die Wirksamkeit einer blutzuckersenkenden Substanz und den Einfluss auf die Entwicklung der diabetischen Spätschäden. So konnten zahlreiche Studien beweisen, dass ein HbA1c-Wert < 7% das Risiko für die Entwicklung von Augen- und Nierenschäden deutlich senkt.

Im Beratungsgespräch werden die Z­ ielwerte festgelegt. 30 Diabetes verstehen 2018


Diagnose: Diabetes auf der Spur Blutwerte, die bei Diabetikern regelmäßig kontrolliert werden sollten: Wert

Messeinheit

Was sagt der Wert aus?

Wie oft? (Normwerte – individuelle Vereinbarungen sind maßgebend)

Normwert/ pathologisch

Zielwert in der ­Diabetestherapie

Blutzucker nüchtern

Milligramm pro Deziliter (mg/dl)

Zuckergehalt im Blut

nach individueller Vereinbarung mit dem Arzt

70–100

nach individueller Vereinbarung mit dem Arzt

Blutzucker (Glukose) postprandial

mg/dl

Zuckergehalt im Blut nach dem Essen

nach individueller Vereinbarung mit dem Arzt

bis 130

nach individueller Vereinbarung mit dem Arzt

Blutdruck

mmHg

Druck des Blutes in einem Blutgefäß

täglich

120/80

140/90 bzw. 125/75 bei Nierenerkrankung

Prozentsatz des roten Blutfarbstoffes (Hämoglobin), der mit „Zucker“ beladen ist

alle 3 Monate

bis 5,6%

individuell ver­­ einbart, in der Regel unter 7%

unter 47,5% mmol/mol

Zuckerhämoglobin 1. HbA1c

2. SI-Wert

Prozentwert %

mmol/mol

„Zuckergedächtnis“

38,8 mmol/mol

Glukose­ toleranz

mg/dl

liefert Hinweise auf die Fähigkeit des Körpers, eine definierte­ Menge an Blutzucker abzubauen

nach zwei Stunden unter 140; eine gestörte Glukose-­ toleranz liegt vor bei 140–199, Diabetes bei > 200

Triglyzeride

mg/dl

Neutralfette im Blut

mindestens einmal jährlich

unter 150

unter 200

Cholesterin (LDL)

mg/dl

„ungünstiges“ Cholesterin

mindestens einmal jährlich

unter 130

in der Primärprävention < 100; in der Sekundärprävention < 70

Cholesterin (HDL)

mg/dl

„günstiges“ Cholesterin

mindestens einmal jährlich

über 60

über 60

Warnhinweis für Insulinmangel

bei Bedarf

negativ

negativ

Funktionsfähigkeit der Nieren

mindestens einmal jährlich

unter 30

Ketonkörper Mikroalbumin

mg/24 Std.

Albumin-­ Kreatinin-Ratio

mg/g

Diabetes verstehen 2018 31


Risikofaktoren

RISIKOFAKTOREN Wie kann ich Diabetes vorbeugen?

32 Diabetes verstehen 2018


Blick: Auf einen es nicht Typ-1-Diabet ch si nd re äh W isiko für t, kann das R ss lä en d ei m ­ver erden. es reduziert w et b ia -D -2 p Ty icht. Sie Übergew • Reduzieren Leben. egung in Ihr ew B ie S en g • Brin druck und Sie Bluthoch n el d an eh B  • . hohe Blutfette

Welche Risikofaktoren können ­Diabetes Typ 2 auslösen? Man unterscheidet bei Typ-2-Diabetes zwischen Risikofaktoren, die man beeinflussen kann, und solchen, die unbeeinflussbar sind. Zu Letzteren zählen Vererbung und Alter. Beeinflussbar oder behandelbar sind jedoch die Risiko­ faktoren Bauchumfang, Übergewicht, Bewegungsmangel, Fettstoffwechsel­ störung und Bluthochdruck. Ein Hochrisikofaktor für die Entwicklung eines Diabetes ist Prädiabetes, eine Vorstufe der Zuckerkrankheit. Wichtiger Hinweis: Ab dem 45. Lebensjahr sollte mindestens alle drei Jahre eine Screening-Untersuchung durchgeführt werden, um Diabetes rechtzeitig zu erkennen.

Welche Rolle spielt die Vererbung? Das persönliche Risiko steigt abhängig von der Anzahl der an Diabetes erkrank-

ten Familienmitglieder. Das heißt jedoch nicht, dass man dann auf jeden Fall ­zuckerkrank wird, sondern es ist nur die Veranlagung dafür vorhanden. Das Risiko bei ungünstiger genetischer ­ ­Konstellation kann durch einen gesunden Lebensstil und Reduktion der beeinflussbaren Risikofakturen verringert werden.

• Risikofaktor BAUCHUMFANG Wo liegt das Risiko? Bauchfett löst Entzündungsprozesse im Körper aus, schädigt die Gefäße und wirkt sich negativ auf den Blutzuckerspiegel aus. Ab wann ist der Bauchumfang zu groß? Als Grenzwerte gelten 88 cm bei Frauen und 102 cm bei Männern. Optimal wären Werte bis 80 cm bei Frauen bzw. bis 94 cm bei Männern. Was kann ich dagegen tun? Abnehmen und Bewegung machen! Durch allgemeine Gewichtsreduktion nimmt auch der Bauchumfang ab. Bewegung unterstützt das Abnehmen und verbessert den Zuckerstoffwechsel in der Muskulatur.

• Risikofaktor ÜBERGEWICHT Wo liegt das Risiko? Je mehr Kilo ein Mensch auf die Waage bringt, desto unempfindlicher werden die Andockstellen für Insulin. Das heißt, das Insulin verliert seine Wirkung an Diabetes verstehen 2018 33


Risikofaktoren den Zellen, Glukose wird nicht aus den Gefäßen weitertransportiert, sondern bleibt im Blut. Außerdem benötigt eine größere Körpermasse mehr Insulin. Ab wann ist dick zu dick? Ab einem BMI von 25 spricht man von Übergewicht, ab einem BMI von 30 bereits von Fettleibigkeit (Adipositas) Grad 1. Warum fällt Übergewichtigen das Abnehmen so schwer? Bei Übergewichtigen konnte man eine deutlich geringere Wirkung des Hormons Insulin im Gehirn nachweisen, als dies bei schlanken Menschen der Fall ist. Es können also auch die Nervenzellen im Gehirn gegen das Hormon resistent werden. Die logische Konsequenz ist, dass das damit verbundene mangelnde Sättigungsgefühl das Gehirn weiter nach Nahrung verlangen lässt.

Wie nehme ich am besten ab? Indem Sie Ihre Ernährung auf kalorienreduzierte, gesunde Kost mit einem hohen Anteil an Gemüse und Salat, mageren Milchprodukten und vollwertigem Getreide umstellen, dafür aber weniger (tierische) Fette, Fleisch, Wurst, fetten Käse und Zucker zu sich nehmen. Enorm unterstützt wird die Gewichtsreduktion durch regelmäßige Bewegung, die zudem ihrerseits einem Diabetes vorbeugt. Was nützt es, ein paar Kilo zu verlieren? Jedes abgebaute Kilo wirkt sich zumeist günstig auf den Blutzuckerspiegel aus. Eine Gewichtsreduktion von 7% des Ausgangsgewichts hat bereits einen sehr deutlichen Effekt. Was ist, wenn ich trotz Lebensstilmodifikation nicht ausreichend abnehme? Auf keinen Fall sollten Sie resignieren! Lassen Sie sich von einem Ernährungs-

Selbsttest: Bin ich übergewichtig? Ihr BMI*

Ihr Bauchumfang Sie sind ein Mann

Eine bauchbetonte Fettverteilung („Apfelform“) ist mit einem höheren Diabetesrisiko verbunden als die „Birnenform“. 34 Diabetes verstehen 2018

Sie sind eine Frau

18,5–24,9 kg/m2

bis 94

bis 80

25–29,9 kg/m2

95–102

81–88

30 kg/m2 oder mehr

mehr als 102

mehr als 88

Werte im grünen Bereich: Sie haben kein ­Gewichtsproblem! Werte im gelben Bereich: Eine mäßige Gewichtsverringerung ist angezeigt und wird Ihren Blutzucker sehr schnell positiv beeinflussen. Werte im roten Bereich: Abnehmen ist notwendig. Machen Sie aber keine Crashdiäten, sondern lassen Sie sich von einem Ernährungswissenschafter beraten. * So errechnen Sie Ihren Body-Mass-Index: BMI = Körpergewicht in kg : (Körpergröße in m)2


Risikofaktoren Außerdem unterstützt Bewegung den Abbau von Übergewicht.

Gesunde Kost mit viel Gemüse und Salat hilft beim Abnehmen. berater informieren, suchen Sie sich einen Bewegungscoach. Denn je länger die Fettleibigkeit anhält, desto höher ist das Risiko für diverse Erkrankungen – und auch dafür, frühzeitig zu versterben. Ein möglicher Ausweg, wenn sich die Lebensstilmodifikation nicht ausreichend auf eine Gewichtsreduktion auswirkt, ist ein chirurgischer Eingriff (Magenband, Magen-Bypass, Sleeve-Magen).

• Risikofaktor BEWEGUNGSMANGEL Wo liegt das Risiko? Da Bewegung den Stoffwechsel ankurbelt, bauen Bewegungsmuffel weniger Blutzucker ab. Außerdem fördert Bewegungsmangel Übergewicht, einen weiteren Risikofaktor für Diabetes. Wie wirkt sich Bewegung aus? Regelmäßige körperliche Aktivität fördert den Transport von Glukose und deren Einbau in die Körperzellen. Daher bleibt weniger Zucker im Blut zurück.

Welche Bewegungsformen sind geeignet? Flottes Gehen, Nordic Walking, Radfahren, Laufen, Wandern, Tanzen, Langlaufen, Schwimmen etc. Aber auch kleine Bewegungseinheiten im Alltag, wie z.B. Stiegensteigen statt Liftfahren oder mit dem Rad statt mit dem Auto ins Büro fahren, bringen einen positiven Effekt. Wie oft und wie lange soll ich mich bewegen, um Diabetes vorzubeugen? • 150 Minuten pro Woche körperliche Aktivität mittlerer Intensität (z.B. zügiges Gehen), am besten jeden zweiten Tag • 2x wöchentlich zusätzlich Krafttraining • Weniger Zeit im Sitzen verbringen!

• Risikofaktor BLUTHOCHDRUCK Wo liegt das Risiko? Bluthochdruck erhöht vor allem die Gefahr für Folgeschäden eines Diabetes enorm. Je höher der Druck innerhalb einer Arterie ist, umso mehr wird die innere Gefäßwand geschädigt. An den schadhaften Stellen können sich sogenannte „Plaques“ bilden und die Arterie einengen (Atherosklerose). Diese Einengung wird durch die Ablagerung von Blutfetten an den Gefäßwänden noch verstärkt. Finden sich im Blut dann auch überhöhte Konzentrationen von Blutzucker, so lagert sich dieser Zucker ebenfalls an den Gefäßwänden ab. Diabetes verstehen 2018 35


Risikofaktoren Diese dreifache Belastung beschleunigt die Gefäßverengung und letztlich einen Gefäßverschluss, der zu Herzinfarkt und Schlaganfall führen kann, enorm. Wann spricht man von Bluthochdruck? Ein optimaler Blutdruck liegt < (unter) 120 mmHg systolisch und < 80 diastolisch, ein normaler bei 120–129/80–84 mmHg und ein hochnormaler bei 130– 139/85–89 mmHg. Ein Blutdruck ab einem Grenzwert von 140/90 mmHg sollte behandelt werden. Bluthochdruck Grad 1 liegt bei 140– 159/90–99 mmHg vor, Grad 2 bei 160– 179/100–109 und Grad 3 bei über 180/110 mmHg. Der empfohlene systolische Zielblutdruck in der Therapie beträgt für 18- bis 65-Jährige < 130 mmHg. Für über 65-Jährige wurde er auf 130–140 mmHg systolisch festgelegt. Wie messe ich meinen Blutdruck richtig? Kontrollieren Sie Ihren Blutdruck regelmäßig. 30 Messungen immer zur selben Tageszeit ergeben einen aussagekräftigen Durchschnittswert. Daher ist es wichtig, die Werte bei jeder Messung schriftlich festzuhalten. Es gibt auch Blutdruckmessgeräte, die die Werte speichern. Zwischendurch sollte zusätzlich immer wieder eine Messung beim Hausarzt erfolgen. Wie kann ich gegensteuern? Mit Lebensstilmaßnahmen und Medikamenten. Zu den Lebensstilmaßnahmen zählen Abbau von Übergewicht, Umstellung auf gesunde, salzreduzierte Ernäh36 Diabetes verstehen 2018

Bewegung ist auch gut für den Blutdruck. rung, Reduktion des Alkoholkonsums, Stressabbau und mehr Bewegung. Wird dadurch der Blutdruck nicht ausreichend gesenkt, ist eine medikamentöse Behandlung notwendig.

• Risikofaktor BLUTFETTE Wo liegt das Risiko? Zwei Arten von Blutfetten sind gefährlich: LDL-Cholesterin und Triglyzeride. LDL-Cholesterin, auch bekannt als „schlechtes“ Cholesterin, kann sich bei einem Überangebot an den Wänden der Blutgefäße ablagern und zu Atherosklerose führen – Gefäßverengung ist die Folge. Besonders gefährlich ist die Kombination mit ebenfalls gefäßschädigenden Faktoren wie Bluthochdruck und erhöhtem Blutzucker. Triglyzeride wiederum werden wie der Blutzucker durch Insulin aus dem Blut in die Gewebszellen transportiert. Erhöhte Werte können daher mit Insulinmangel oder verminderter Insulinwirkung in Zusammenhang stehen.


Risikofaktoren mehrfach ungesättigten Fettsäuren aufweisen. Durch diese Maßnahmen kann das LDL-Cholesterin bis zu einem gewissen Grad gesenkt werden. Ist dies nicht ausreichend, sind Medikamente (Lipidsenker) notwendig. Erhöhte Triglyzeridwerte hingegen können durch Verzicht auf Alkohol und Zucker sowie durch vermehrte Bewegung sehr effektiv gesenkt werden. Nur in seltensten Fällen sind hier Medikamente notwendig.

Zielwerte Bei den meisten Typ-2-Diabetikern gelten folgende Zielwerte: • LDL-Cholesterin < 70 mg/dl • Nicht-HDL-Cholesterin < 100 mg/dl (Nicht-HDL-Cholesterin = Gesamtcholesterin minus HDL-Cholesterin) Hinweis: Die Zielwerte für LDL-Cholesterin gelten bei Triglyzeridwerten < 200 mg/dl. Bei Triglyzeridwerten > 200 mg/dl sollte das sogenannte Nicht-HDLCholesterin (Gesamtcholesterin – HDLCholesterin) als Zielparameter verwendet werden. Was kann ich selbst tun? Achten Sie auf eine gesunde Ernährung mit geringem Fettanteil. Es sollten so wenig tierische Fette wie möglich konsumiert werden (Vorsicht: Auf versteckte Fette achten!). Greifen Sie vor allem zu pflanzlichen Ölen mit ungesättigten Fettsäuren. Es ist zudem auch der Konsum von Nüssen zu empfehlen, da diese einen sehr hohen Anteil an einfach und

Wann sollte das LDL-Cholesterin medikamentös gesenkt werden? Ob und in welchem Ausmaß lipidsenkende Medikamente nötig sind, hängt vom individuellen kardiovaskulären ­Risiko des Patienten ab. Bei Personen mit kardiovaskulären Vorerkrankungen, Typ-2-Diabetikern und Typ-1-Diabetikern mit Mikroalbuminurie (siehe Seite 74) muss sofort eine lipidsenkende Therapie eingeleitet werden, wenn der LDLCholesterinwert höher als 70 mg/dl ist. Welche Medikamente kommen zur Cholesterinsenkung zum Einsatz? Statine: Sie stellen die Basis der LDLsenkenden medikamentösen Therapie dar. Statine hemmen die Cholesterinsynthese in den Zellen und bremsen die Bildung von LDL-Cholesterin in der Leber. Je nach Substanz und Dosis ist mit Statinen eine LDL-Senkung von 30–60% möglich. Bei unzureichender LDL-Senkung durch Statine kommen Cholesterinresorptionshemmer oder PCSK9-Inhibitoren als zusätzliche Therapie zum Einsatz. Diabetes verstehen 2018 37


Risikofaktoren

• Risikofaktor METABOLISCHES SYNDROM Was versteht man unter einem ­metabolischen Syndrom? Das metabolische Syndrom (auch: Insulinresistenz-Syndrom) beschreibt eine Kombination verschiedener Faktoren (siehe Kasten), deren gemeinsamer Ursprung eine Insulinresistenz ist. Bauchbetontes Übergewicht, erhöhte Blutfette, Bluthochdruck und erhöhter Blutzucker stellen bereits einzeln ein Risiko dar – die Kombination mehrerer Risikofaktoren jedoch potenziert die Gefahr.

Wie kann ich gegen das metabolische Syndrom vorgehen? • Bei Übergewicht: Bewegung, Gewichtsabnahme oder in Ausnahmefällen Medikamente • Bei erhöhten Blutfetten: Bewegung, Gewichtsabnahme, fettarme Diät, entsprechende Medikamente (Lipidsenker)

Teufelskreis „Metabolisches Syndrom“ Die WHO definiert als Hauptmerkmale des ­metabolischen Syndroms folgende Faktoren:

Risikofaktor

Grenzwert

Bauchbetontes ­Übergewicht

Männer über 94 cm Frauen über 80 cm

Hohe Blutfettwerte

Triglyzeride über 200 mg/dl

Bluthochdruck

über 130/85 mmHg

Nüchternblutzucker

über 100 mg/dl

Eiweiß (Albumin im Harn) Inulinresistenz

38 Diabetes verstehen 2018

• Bei Bluthochdruck: Bewegung, Gewichtsabnahme, salzarme Ernährung, entsprechende Medikamente (Antihypertensiva)

• Risikofaktor PRÄDIABETES Wo liegt das Risiko? Prädiabetes ist eine Vorstufe der Zuckerkrankheit, die mit einem deutlich erhöhten Diabetesrisiko einhergeht. Zudem stellt bereits Prädiabetes eine Gefahr für Folgeschäden dar. Prädiabetes kann mittels Bestimmung des HbA1c-Wertes sowie durch einen Zuckerbelastungstest (siehe Seite 25) festgestellt werden.

Wann spricht man von Prädiabetes? Bei folgenden Werten: • Nüchternblutzucker (venöses Blut): zwischen 100 und 125 mg/dl •B  lutzuckerkonzentration zwei Stunden nach Gabe von 75 g Glukose (oraler Glukoseintoleranztest; siehe Seite 25): zwischen 140 und 199 mg/dl • Zucker-Langzeitwert HbA1c: zwischen 5,7 und 6,4% Wichtiger Hinweis: Die Diagnose Prä­ diabetes ist nicht nur ein Hochrisikofaktor für Diabetes, sondern bietet auch die Chance, der Entwicklung dieser Krankheit rechtzeitig entgegenzuwirken! Auf Fast Food lieber verzichten!


BUCHTIPP

DIABETES – Vorsorgen, rechtzeitig erkennen und richtig behandeln

© MedUni Wien/Matern

von Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer und Ass.-Prof. Dr. Yvonne Winhofer-Stöckl

Rund 600.000 Menschen in Österreich – 8% der Bevölkerung – haben Diabetes. Als Haupt­ursachen gelten ein Mangel an Bewegung, ungesunde Ernährung, Rauchen, Stressfaktoren und vor allem bauchbetontes Übergewicht. Das Gefährliche an Diabetes: Er entsteht schleichend und viele Betroffene erfahren davon erst, wenn bereits eine gefährliche Folgeerkrankung wie Herzinfarkt, Schlaganfall, eine Verminderung der Sehfähigkeit oder der Nierenfunktion eingetreten ist.

In diesem Ratgeber der Reihe „Gesundheit. Wissen.“ erklären MedUni-Wien-Ex­ pertinnen für Diabetes auf wissenschaftlicher Basis, wie man Diabetes durch frühzeitige ­ ­Lebensstiländerungen entgegensteuern, aber auch, wie man lange gut und fit mit dieser ­Erkrankung leben und ihre Symptome besser deuten kann. Dazu gibt es viele hilfreiche, praxisorientierte Tipps zu Ernährung, Trainings- und Diätplänen, außerdem Fakten zu medikamentöser Therapie, vermeidbaren Folgeerkrankungen und zum generell besseren Verständnis der Erkrankung. Diabetes verstehen 2018 39


Therapie des ­Diabetes

THERAPIE DES ­DIABETES Mit Lebensstilmaßnahmen und modernen Medikamenten lässt sich die Krankheit heute gut behandeln.

40 Diabetes verstehen 2018


Was sind die Zielwerte einer D ­ iabetestherapie? HbA1c

Lange Zeit galt ein HbA1c-Wert von < 7,0% als definiertes Ziel. Heute wird dieser Zielwert individuell festgelegt. Ansonsten gesunde Patienten mit kurzer ­Diabetesdauer können einen HbA1c-Wert von < 6,5% als ambitioniertes Ziel für sich festlegen, vor allem, wenn sie Medikamente einnehmen, die keine Hypogly­ kämien (Unterzuckerung) auslösen. Für folgende Patientengruppen gilt ein HbA1c-Wert von bis zu < 8,5% als akzeptabel: • höheres Lebensalter • mehrere Erkrankungen • wiederholte Hypoglykämien (Unterzuckerung) • gestörte Hypoglykämie-Wahrnehmung • kurze Lebenserwartung • lange Diabetesdauer • fortgeschrittene mikro- und makrovaskuläre Komplikationen (ab Seite 69)

Blutzuckerwerte • Nüchtern- oder präprandialer Blutzucker (d.h. vor dem Essen): maximal 130 mg/dl, ideal unter 110 mg/dl (in der Schwangerschaft: < 95 mg/dl) • Postprandialer Blutzucker (d.h. 2 Stunden nach dem Essen): maximal 180 mg/dl (in der Schwangerschaft: < 140 mg/dl)

Blutdruck Bei Diabetikern liegt der Zielblutdruck bei < 140/90 mmHg.

Besteht bereits eine Nierenerkrankung mit erhöhter Eiweißausscheidung oder handelt es sich um sehr junge Patienten, sollte ein Zielblutdruck von < 130/80 mmHg angestrebt werden.

Blutfette Bei den Blutfetten werden zwei Gruppen unterschieden: die Triglyzeride und das Cholesterin, das nochmals in das „gute“ HDL- und das „schlechte“ LDL-Cholesterin unterteilt wird. Zu viel „schlechtes“ Cholesterin im Blut fördert das Risiko für Atherosklerose und damit für Herzinfarkt und Schlaganfall. Da das Herz-Kreislauf-Risiko bei Diabetikern generell erhöht ist, müssen die Blutfette regelmäßig kontrolliert und eventuell medikamentös behandelt werden. Bei den meisten Typ-2-Diabetikern gelten folgende Zielwerte (siehe auch Seite 37): • LDL-Cholesterin < 70 mg/dl • Nicht-HDL-Cholesterin < 100 mg/dl (Nicht-HDL-Cholesterin = GesamtCholesterin minus HDL-Cholesterin) Diabetes verstehen 2018 41


LEBENSSTIL­MASSNAHMEN Blick: Auf einen en haben sstiländerung lauf Ihrer • Duch Leben hkeit, den Ver en. ss Sie die Möglic flu in ositiv zu bee ­Erkrankung p r guten Mitarbeit ist zu großer • Eine aktive n vo es Diabetes Einstellung d Bedeutung. Bewegung ist eine unerlässliche Säule der Diabetestherapie.

Was sind die wesentlichen Lebensstilmaßnahmen für Diabetiker? Lebensstilmaßnahmen wie gesunde Ernährung, bei Bedarf Gewichtsreduktion sowie körperliche Aktivität zählen nicht nur zu den effizienten Vorbeugemaßnahmen, um das Auftreten von Diabetes zu verhindern (siehe ab Seite 32), sondern stellen auch eine wichtige Säule in der Behandlung des Typ-2-Diabetes dar.

Bewegung Wieso profitieren Diabetiker von Bewegung? Sowohl Personen mit erhöhtem Diabetesrisiko als auch Patienten mit Prädiabetes (ein Vorstadium der Krankheit; siehe Seite 38) bzw. Patienten mit bereits 42 Diabetes verstehen 2018

manifestem Typ-2-Diabetes profitieren enorm von regelmäßiger körperlicher Bewegung. Auch bei Typ-1-Diabetikern können positive Effekte festgestellt werden. Körperliche Aktivität verbessert die Insulinempfindlichkeit und trägt somit dazu bei, der Insulinresistenz (siehe Seite 10 und Seite 38) entgegenzuwirken. Dabei wirkt sich jede Form der körperlichen Bewegung positiv aus.

Wie wirkt sich Bewegung auf den Blutzucker aus? Bei Diabetikern wird der Stoffwechsel durch körperliche Bewegung günstig beeinflusst: Die Zellen reagieren empfindlicher auf das Insulin und damit verbessert sich die Blutzuckereinstellung.


Lebensstilmaßnahmen

Jeder Schritt zählt! • Erledigen Sie so viele Wege wie möglich zu Fuß, z.B. um Besorgungen zu machen oder um zum nächsten Termin zu gelangen. • Auch Spaziergänge sind empfehlenswert. • Besorgen Sie sich einen Schrittzähler (ist sogar bei manchen Mobiltelefonen integriert). Dieses einfache Hilfsmittel kann motivieren, noch mehr zu gehen. Zumindest 8.000 Schritte pro Tag wären das Ziel. • Verzichten Sie auf Lift und Rolltreppe, nehmen Sie die Stiegen. • Auch Garten- und Hausarbeit ist ein gutes Bewegungsprogramm.

Zudem kann regelmäßige körperliche Aktivität das Herz-Kreislauf-Risiko verringern. Darüber hinaus unterstützt Bewegung das Abnehmen und wirkt damit einem weiteren Risikofaktor entgegen.

Welche Art von Bewegung ist e­ mpfehlenswert? Ausdauertraining kombiniert mit Krafttraining.

heit der Blutgefäße wird positiv beeinflusst, Kalorien werden verbrannt und die Kondition wird verbessert.

Wie oft und wie lange soll ich meine Ausdauer trainieren? Von der Österreichischen Diabetes Gesellschaft werden pro Woche insgesamt 150 Minuten Ausdauerbewegung bei mittlerer Intensität empfohlen. Die 150 Minuten sollten auf mehrere Tage aufgeteilt werden, am besten auf drei Tage die Woche mit jeweils einem Tag Pause dazwischen. Mittlere Intensität bedeutet, dass Sie sich während der Bewegung noch unterhalten, aber nicht mehr singen können. Untrainierte können mit einer Mindesttrainingsdauer pro Einheit von 10 Minuten starten. Ziel ist die allmähliche Steigerung über ein paar Wochen auf mindestens 30 Minuten Training fünfmal pro Woche; das kann in der Regel auch von untrainierten Personen nach sechs Wochen erreicht werden. Wichtig sind Konsequenz und Regelmäßigkeit. Bei starkem Übergewicht beginnen Sie am besten mit regelmäßigen, anfangs kurzen Spaziergängen. Je nachdem, wie belastbar Sie sich fühlen, können Sie früher oder später mit einer Ausdauersportart starten.

Was bringt Ausdauertraining?

Mit welcher Herzfrequenz sollte ich trainieren?

Durch Ausdauersportarten wie Radfahren, Wandern, Nordic Walking, Schwimmen, Langlaufen, Tanzen, aber auch flottes Spazierengehen wird das HerzKreislauf-System gestärkt, die Gesund-

Der Trainingspuls muss individuell festgelegt werden, am besten durch einen Arzt mittels Belastungs-EKG (Ergome­ trie), bei dem die maximale Herzfrequenz bestimmt wird. Diabetes verstehen 2018 43


Lebensstilmaßnahmen

Welche positiven Effekte hat ­Krafttraining? Krafttraining dient dem Muskelaufbau, ist aber auch für die körperliche Fitness sehr wichtig: Krafttraining stärkt nicht nur den Körper durch Steigerung der Muskelmasse und verbessert Figur und Haltung – je mehr Muskelmasse Sie zulegen, desto einfacher nehmen Sie auch ab. Denn starke Muskeln verbrauchen selbst in Ruhe mehr Energie.

Wie oft und wie lange soll ich meine Kraft trainieren? Zusätzlich zum Ausdauertraining sollten Sie zumindest zweimal wöchentlich Krafttraining absolvieren. Für Unerfahrene empfiehlt es sich, an einem speziellen Trainingsprogramm für Diabetiker teilzunehmen bzw. den Fitnesstrainer zu informieren, dass Sie Diabetiker sind.

Anleitung trainieren. Dasselbe gilt für das Hanteltraining mit Zusatzgewichten.

Was sollten Diabetiker vor Trainingsbeginn beachten? Diabetiker sollten sich erst vom Arzt grünes Licht geben lassen, bevor Sie sich sportlich betätigen. Vor allem bei fort­geschrittener Veränderung des Augenhintergrunds, bei Herz- oder Gelenkerkrankungen sowie bei Bluthochdruck sind Art und Intensität der körperlichen Aktivität mit dem behandelnden Arzt abzusprechen. Aber auch Anfänger und Wiedereinsteiger über 35 Jahren sowie Personen mit Risikofaktoren, wie erhöhten Blutfetten oder starkem Überge-

Warum ist Muskeltraining so wichtig? Wer Gewicht verliert, ohne Bewegung zu machen, büßt einiges an Muskelmasse ein. Je weniger Muskelmasse, desto kleiner der Grundumsatz – das heißt, der Körper hat seinen Energiebedarf zurückgeschraubt. Wer nun schnell abnimmt, indem er Muskel- statt Fettmasse abbaut, und dann wieder beginnt, „normal“ zu essen, hat rasch die verlorenen Kilos wieder oben.

Sind Übungen an Kraftmaschinen auch für ältere Personen geeignet? Kraftmaschinen sind für alle Altersgruppen geeignet. Da es bei ihrer Benützung ganz besonders auf den richtigen Bewegungsablauf ankommt, sollten Sie vor allem am Anfang nur unter fachlicher 44 Diabetes verstehen 2018

Neben der Ausdauer sollte auch die Kraft trainiert werden.


wicht, bedürfen einer ärztlichen Untersuchung und Beratung, ehe sie „loslegen“.

Worauf müssen Diabetiker beim Sport achten? • Vorher unbedingt den Blutzucker ­messen. • Ist der Wert zu niedrig, einen kleinen kohlenhydrathaltigen Snack (z.B. Vollkornweckerl) essen. • Kein Training bei Unterzuckerung! • Insulinbehandelte Diabetiker sollten vor dem Training weniger Insulin spritzen, da Bewegung den Blutzucker senkt. • Bei hohem Blutzuckerwert über 250 mg/dl auf Sport verzichten! • Nach sehr langer Sportausübung (ausgedehnte Wanderung) hält die blutzuckersenkende Wirkung noch längere Zeit an. Daher an diesem Tag vor dem Schlafengehen noch einmal den Blutzucker messen und bei niedrigem Wert eine Kleinigkeit essen. • Achten Sie bei Sportschuhen darauf, dass diese keine Druckstellen verursachen. • Ständige Begleiter beim Sport sollten sein: Traubenzucker oder Orangensaft gegen Unterzuckerung, kleiner Snack, zuckerfreie Getränke, Blutzuckermessgerät und Diabetikerausweis.

Mehr Tipps für Ihr Bewegungsprogramm bietet die Bewegungsbox der Österreichischen Diabetes Gesellschaft. Zu bestellen unter: www.bewegungsbox.at

Eine ausgewogene Ernährung ist für Diabetiker besonders wichtig.

Ernährung Warum ist die Ernährung für ­Diabetiker so wichtig? Die Ernährung hat Einfluss auf Blutzucker, HbA1c, Blutfette, Blutdruck und Körpergewicht. Die Ziele einer ausgewogenen Ernährung bei Diabetikern sind daher einerseits eine Normalisierung des Blutzuckers,Vermeidung von Blutzuckerspitzen und Unterzuckerung sowie eine Normalisierung des Körpergewichts und des Bauchumfangs (mehr über das Risiko von Übergewicht und Bauchumfang im Kapitel „Risikofaktoren“, ab Seite 32).

Tipps rund ums Essen: • Besonders wichtig ist das Frühstück am Morgen, um dem Körper die nötige Energie zuzuführen. • Essen Sie langsam. • Auswahl und Häufigkeit der Mahlzeiten sollten in einer Diätberatung individuell festgelegt werden. • Zwischen den einzelnen Mahlzeiten sollten mindestens fünf Stunden liegen. Diabetes verstehen 2018 45


Lebensstilmaßnahmen

Welche Ernährung wird für Diabetiker empfohlen? Die Ernährung sollte auf Basis einer gesunden Mischkost erfolgen, die reich an Ballaststoffen ist und arm an tierischen Fetten. Bei Übergewicht steht die Gewichtsreduktion im Vordergrund, die durch Kalorienreduktion erreicht werden kann. Auf zuckerhaltige Getränke sollte verzichtet werden.

Wie sollte die tägliche Nahrung z­ usammengestellt sein? ➔ Kohlenhydrate Kohlenhydrate sind wichtige Lieferanten von Glukose (Zucker), die das Gehirn und die Skelettmuskulatur mit Energie versorgt. Ideale Quellen sind Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte und Obst mit hohem Ballaststoffanteil, die den Blutzucker nach dem Essen nur langsam ansteigen lassen und für ein längeres Sättigungsgefühl sorgen. Folglich tragen sie zur Verminderung der postprandialen Hyperglykämie (überhöhte Blutzuckerspiegel nach dem Essen) bei. Grundsätzlich unterscheidet man drei Arten von Kohlenhydraten: 1. Einfachzucker, die nur aus einem Molekül bestehen. Sie müssen nicht gespalten werden und gelangen deshalb sofort ins Blut. Sie stellen daher bei Unterzuckerung eine wichtige Notfallmaßnahme dar. Dazu gehören Traubenzucker (Glukose) und Fruchtzucker (Fruktose). 2. Zweifachzucker: Bestehen aus zwei Bausteinen und müssen im Darm ge46 Diabetes verstehen 2018

Ballaststoffe tun Ihrem Zuckerstoffwechsel und Ihrem Darm gut. spalten werden. Sie werden relativ rasch ins Blut aufgenommen, lassen den Blutzucker ebenso rasch ansteigen und sättigen nur kurze Zeit. Sie sind z.B. in Marmelade, Honig, Mehlspeisen und gezuckerten Limonaden enthalten. 3. Mehrfachzucker: Bestehen aus sehr vielen Zuckerbausteinen, die im Verdauungsapparat in lauter Einzelzucker zerlegt werden müssen, bevor sie ins Blut gelangen. Der Körper wird dadurch langsam und gleichmäßig mit Energie versorgt, der Blutzucker steigt nur langsam an und bleibt weitgehend konstant. Der wichtigste Vertreter dieser Zucker ist Stärke (in Brot, Teigwaren, Kartoffeln etc.). Wichtiger Hinweis: Komplexe Kohlenhydrate sind zu bevorzugen, da sie lang-


Lebensstilmaßnahmen samer resorbiert (aufgenommen) werden und der Blutzuckerspiegel dadurch weniger schnell sowie weniger stark steigt. Dadurch wird weniger Insulin benötigt. ➔ Ballaststoffe Ballaststoffe sind ein Schutzfaktor, den Sie über das Essen aufnehmen können. Diese Nahrungsfasern sind schwer verdauliche Kohlenhydrate und andere organische Verbindungen, die den Dünndarm unverdaut passieren. Dadurch verursachen sie keinen Blutzuckeranstieg. Im Dickdarm verändern sie die Beschaffenheit des Stuhls und die Zusammensetzung der Darmbakterien. Dadurch wirken sich ballaststoffreiche Nahrungsmittel nicht nur schonend auf Ihren Zuckerstoffwechsel aus, sondern auch auf Ihre Darmgesundheit.

Zu den ballaststoffreichen Lebensmitteln gehören Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst und Vollkorngetreideprodukte. ➔ Fette Wie viel Fett konsumiert werden darf, hängt vom individuellen Energiebedarf ab. Pro 1.000 kcal Energiebedarf sollte man nicht mehr als 35–45 g Fett zu sich nehmen. Der Fettbedarf sollte in erster Linie durch ungesättigte Fettsäuren gedeckt werden. Die Zufuhr gesättigter Fettsäuren (tierische Fette) soll weniger als 10% der Gesamtenergiemenge ausmachen. Generell sind pflanzliche Fette den tierischen vorzuziehen. Günstige tierische Fettquellen sind Tiefseefische (Omega-3-Fettsäuren), wie z.B. Lachs, Hering, Makrele und Thunfisch. Hochwertige pflanzliche Fette liefern z.B. Oliven-, Raps-, Distel- oder Sonnenblumenöl.

Gute Lieferanten für Omega-3-Fettsäuren sind u.a. Lachs, Nüsse und Avocados. Diabetes verstehen 2018 47


Lebensstilmaßnahmen

Tipp: Achten Sie auf versteckte Fette in Lebensmitteln! Diese „verstecken“ sich beispielsweise gerne in Wurst, Fleisch, Käse, Süßspeisen, Knabbergebäck und Fertiggerichten. ➔ Eiweiß (Proteine) Eiweiß ist ein lebenswichtiger Baustoff für den Körper, ein Übermaß kann jedoch die Nieren belasten. Daher sollte die Proteinzufuhr auf 10–20% des täglichen Energiebedarfs begrenzt sein. Eiweiß findet sich in tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln. Da viele tierische Proteinquellen auch gesättigte Fettsäuren enthalten, sind magere Fleischsorten wie Putenfleisch, Huhn, mageres Rind- und Schweinefleisch sowie Fisch zu bevorzugen. Auch Milch und Milchprodukte (Joghurt, Käse, Mol-

Trinken Sie ausreichend! • Mindestens 1,5–2 Liter am Tag • empfehlenswert: Leitungswasser, Mineralwasser, ungezuckerter Pfefferminz-, Kräuter- oder Früchtetee, mit Süßstoff gesüßte Limonaden (Light-Getränke) • Gesüßte Getränke mit Wasser verdünnen

ke, Topfen) sind Träger von tierischem Eiweiß – hier sollten Sie vor allem zu fettarmen Produkten greifen. Pflanzliche Eiweißquellen sind vor allem Hülsenfrüchte, Nüsse, Vollkorngetreide, Kartoffeln und Soja.

Gibt es Einschränkungen beim Salzen? Die Zufuhr sollte vor allem bei Diabetikern mit Bluthochdruck auf maximal 6 g pro Tag beschränkt werden. Beim Salzen bzw. Nachsalzen ist auch zu beachten, dass in vielen Lebensmitteln bereits Salz enthalten ist.

Sind Süßspeisen erlaubt?

Greifen Sie bei Milch und Milchprodukten zu fettarmen Produkten. 48 Diabetes verstehen 2018

Süßspeisen sind nicht grundsätzlich verboten, allerdings sollten sie nur in kleinen Mengen genossen werden (hin und wieder maximal 50 g). Erlaubt ist aber nur Zucker in verarbeiteter Form, also beispielsweise in Mehlspeisen. Denn die


darin enthaltenen Ballaststoffe und Fette verzögern die Zuckeraufnahme im Darm und „glätten“ so das Blutzuckerprofil. In isolierter Form (im Kaffee, in gesüßten Limonaden etc.) sollte Zucker jedoch vermieden werden.

Sind Süßstoffe eine Alternative zu Zucker? Grundsätzlich ja, allerdings nur Zuckerersatzstoffe. Diese sind frei von Kalorien und Broteinheiten und lassen den Blutzuckerspiegel nicht ansteigen. Dazu gehören z.B. Saccharin, Thaumatin, Aspartam, Stevia etc. Zuckeraustauschstoffe stellen keine wirkliche Alternative dar. Wie Haushaltszucker enthalten sie Kalorien und in größeren Mengen lassen sie auch den Blutzuckerspiegel ansteigen. Zu den Zuckeraustauschstoffen zählen Fruktose, Sorbit, Xylit, Mannit und Isomalt.

Dürfen Diabetiker Alkohol trinken? Da Alkohol bei Einnahme bestimmter Medikamente die Gefahr für Unterzuckerung erhöht, sollten Diabetiker ihren Alkoholkonsum auf ein Glas Wein (= 1/8 l) oder Sekt pro Tag (Frauen) bzw. zwei Gläser täglich (Männer) begrenzen. Wer ein weiteres Glas trinken möchte, sollte Kohlenhydrate dazu essen. Es ist jedoch zu beachten, dass Alkohol viele Kalorien enthält und somit den Risikofaktor Übergewicht fördert.

Was ist der „Glykämische Index“? Kohlenhydrate sind unsere wichtigste Energiequelle. Um Kohlenhydrate in Energie umzuwandeln, wird Insulin benötigt. Ein Maß für den jeweiligen Blut-

Süßspeisen in kleinen Mengen sind ab und zu erlaubt. zuckeranstieg nach dem Verzehr eines bestimmten kohlenhydrathaltigen Lebensmittels ist der glykämische Index, kurz GI. Der GI eines Nahrungsmittels informiert darüber, ob dieses den Blutzuckerspiegel heftig in die Höhe treibt oder den Stoffwechsel langsamer ablaufen lässt und damit weniger Insulin benötigt wird. Für den Blutzuckeranstieg spielt allerdings nicht nur der GI eine Rolle, sondern auch die Zubereitungsart, die Essensmenge sowie die gleichzeitige ­ Aufnahme von Fett oder Eiweiß.

Rechnen in Broteinheiten – wann ist das notwendig? Mit der Zufuhr von Kohlenhydraten wird das Blutzuckerverhalten direkt beeinflusst. Fette und Eiweiß erhöhen den Blutzucker kaum. Als Broteinheit wird jene Menge eines kohlenhydrathaltigen Nahrungsmittels angegeben, in der 12 g verfügbare Kohlenhydrate enthalten sind. Diabetes verstehen 2018 49


Lebensstilmaßnahmen 1 Broteinheit (BE) = 12 g Kohlenhydrate: Eine genaue Kalkulation der Kohlenhydratmenge (BE-Berechnung) ist nur bei einer Insulintherapie notwendig, bei der die Menge des zu spritzenden Insulins nach der Menge der aufgenommenen Kohlenhydrate berechnet werden muss. Der Kohlenhydratbedarf richtet sich nach dem Körpergewicht und den persönlichen Ernährungsgewohnheiten. Diabetiker müssen Insulinwirkung und Kohlenhydratzufuhr sorgfältig aufeinander abstimmen. Daher sind Menge und

Verteilung der Broteinheiten mit dem Arzt und/oder Diabetesberater zu besprechen.

Warum ist eine Normalisierung des Körpergewichts wichtig? Eine Umstellung der Ernährung, vermehrte körperliche Aktivität und Reduktion des Körpergewichts können nicht nur der Entstehung von Diabetes vorbeugen, sondern auch eine bereits bestehende Diabeteserkrankung positiv beeinflussen.

Ziele einer Lebensstiländerung Body-Mass-Index (BMI)

optimal: 18,5 kg/m2 bis 25 kg/m2

Bauchumfang

Männer: unter 102 cm Frauen: unter 88 cm

Bewegung

3–7x pro Woche 30–60 Minuten Ausdauertraining (insg. mind. 150 Minuten); zusätzlich 2–3x pro Woche 30 Minuten Krafttraining

Rauchen

Stopp!

Kohlenhydrate

Kohlenhydratquellen mit hohem Ballaststoffanteil sind zu bevorzugen. Dazu gehören Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, verschiedene Obstsorten – aber Achtung: Bei Obst auf den Zuckergehalt achten!

Fett

Neben der Beschränkung der Zufuhr ist auch die Fettqualität zu beachten.

Proteine

Magere Fleischsorten, Fisch und pflanzliche Eiweißquellen sollten bevorzugt werden.

Vitamine und Spuren­ elemente

Lebensmittel, die reich an Vitaminen und Spurenelementen sind, bevorzugen.

Salz

Die Salzzufuhr sollte auf maximal 6 g pro Tag beschränkt werden.

Alkohol

Alkohol sollte auf einen geringen bis moderaten Konsum reduziert werden.

50 Diabetes verstehen 2018


Lebensstilmaßnahmen

Wie kann ich erfolgreich abnehmen? Die Normalisierung des Körpergewichts sollte langfristig und nachhaltig sein. Von Blitzdiäten, die einen hohen Gewichtsverlust in kurzer Zeit versprechen, sollte man absehen. Eine Ernährungsumstellung ist hingegen der richtige Weg. Hierzu sollten Sie eine Ernährungsberatung in Anspruch nehmen. Auch ein Bewegungsprogramm (siehe Seite 42) sollte Teil Ihres Abnehmprozesses sein – und fixer Bestandteil Ihres Lebens werden.

Was bringt es, 10 Kilo abzunehmen? Eine Reduktion des Körpergewichts um etwa 10 kg kann ...

• das Gesamtcholesterin, • die Triglyzeride, • bestehenden Bluthochdruck und • das Risiko für Typ-2-Diabetes (dafür reichen auch schon ca. 5 kg) senken. Zudem kann der Verlauf einer bestehenden Diabeteserkrankung positiv beeinflusst werden.

Mehr Tipps für Ihr Ernährungsprogramm bietet die Ernährungsbox der Österreichischen Diabetes Gesellschaft. Zu bestellen unter: www.ernaehrungsbox.at

Ernährungstipps LIEBER ...

STATT …

Vollkornmehl, Vollkornbrot, Vollkornteigwaren, Vollkornspaghetti (al dente gekocht)

raffiniertes Weißmehl und Weißmehlprodukte, Semmelknödel, Weißbrot, Semmeln, Baguette

Vollkornmüsli ohne Zucker

gezuckertes Müsli, Cornflakes

Naturreis, Wildreis (al dente gekocht)

Rundkornreis (weich gekocht)

Kartoffeln in der Schale gekocht, Pellkartoffeln, Ofenkartoffeln

gebratene Kartoffeln, Chips, Püree, Pommes frites

Frisches Obst

Kompott aus der Dose, Konfitüre, Marmelade

Heimisches Obst nach Saison

exotisches Obst

Öl (sparsam) und Essig oder Zitronensaft

fertiges Salatdressing

Schokolade mit mindestens 70% Kakao

Milchschokolade

Schinken, Prosciutto

Wurst, Wurstwaren

Höchstens 1/8 Liter Rotwein täglich

1 Glas Bier (hat aufgrund des beträchtlichen Malzzuckergehalts einen sehr hohen glykämischen Index) Diabetes verstehen 2018 51


MEDIKAMENTÖSE THERAPIE Blick: Auf einen

sdurch Leben litus lässt sich te el en m am es ik et b ed ia • D oderne M m d un en stilmaßnahm andeln. sehr gut beh Antidiabetika nt mit oralen in eg b ie p ra mit GLP• Die The Kombination in l el tu en ev iese nicht (OAD), en. Erzielen d st ni o g A rto wird eine 1-Rezep hte Wirkung, sc ün ew g ie mehr d ie eingeleitet. Insulintherap sollte der töse Therapie en (Alter, en am ik ed m • Die Patient Situation des ediindividuellen rechen auf M p ns A , en g un Begleiterkrank epasst werden. ) ang kamente etc. Die medikamentöse Therapie wird individuell erstellt.

Warum ist es so wichtig, Diabetes zu behandeln? Unabhängig davon, ob es sich um Typ1-Diabetes oder Typ-2-Diabetes handelt, besteht das Ziel der antidiabetischen Therapie in erster Linie darin, durch eine gute Blutzuckereinstellung Folgeerkrankungen (siehe ab Seite 68) zu vermeiden und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten.

Welche Faktoren beeinflussen den Zuckerstoffwechsel? Großen Einfluss haben die Nahrungsmenge, die Nahrungszusammensetzung und vor allem der Anteil und die Art der 52 Diabetes verstehen 2018

zugeführten Kohlenhydrate. Nimmt ein Diabetiker zu schnell zu viele Kohlenhydrate zu sich, hat dies einen gefährlichen Anstieg des Blutzuckers zur Folge und kann nur durch die Verabreichung von Insulin normalisiert werden. Auch die Psyche ist beteiligt: Stress im Beruf, in der Partnerschaft oder andere Sorgen, Probleme etc. können über das vegetative Nervensystem zu Blutzuckerschwankungen führen. Körperliche Aktivität hat eine deutlich blutzuckersenkende Wirkung. Alle diese Faktoren muss ein Diabetiker bei seiner Insulintherapie berücksichtigen.


Medikamentöse Therapie

Wird jeder Diabetes gleich behandelt? Da Typ-1-Diabetes und Typ-2-Diabetes verschiedene Ursachen haben, sind auch die Therapien unterschiedlich.

Typ-1-Diabetes

Bedarf einer externen Insulinverabreichung bei guten Blutzuckerwerten. Diese Phase tritt typischerweise drei bis sechs Monate nach der Diagnose auf und dauert etwa drei bis sechs Monate an. Nahezu alle Betroffenen werden im Anschluss an diese Phase wieder insulinpflichtig.

Wie wird Typ-1-Diabetes behandelt? Bei Typ-1-Diabetes besteht ein absoluter Mangel an Insulin, die Therapie erfolgt daher durch Zufuhr dieses Hormons mittels Insulinpräparaten. Diese Insulinbehandlung muss lebenslang durchgeführt werden. Mehr über die verschiedenen Formen der Insulintherapie lesen Sie ab Seite 56. Um eine möglichst erfolgreiche Umsetzung der Insulintherapie zu erreichen, ist eine entsprechende Schulung des Diabetikers unerlässlich. Typ-1-Diabetiker müssen regelmäßig mit einem Blutzuckermessgerät ihren Blutzucker selbst bestimmen.

Typ-2-Diabetes Wie wird Typ-2-Diabetes behandelt? Die Basistherapie ist der Sockel, auf dem die gesamte Diabetestherapie aufbaut. Sie beinhaltet Abnehmen im Fall von Übergewicht, die qualitative Änderung der Ernährungsgewohnheiten sowie die konsequente Ausübung einer regelmäßigen Sportart. Begleitend zu den Allgemeinmaßnahmen wird eine medikamentöse Therapie begonnen und je nach Bedarf gesteigert.

Was versteht man unter der „­ Honeymoon-Phase“? Darunter versteht man eine vorübergehende Erholung der Insulinproduktion. Nach der Diabetesdiagnose müssen ­häufig höhere Insulindosen verabreicht werden, was in vielen Fällen zu einer ­vorübergehenden Abnahme des Insulinbedarfs führt. Die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse erholen sich und arbeiten – vorübergehend – wieder. Dies ist die sogenannte „Honeymoon-Phase“ des Typ-1-Diabetikers: Es kommt zu einem niedrigen und unter Umständen sogar kurzfristig fehlenden

Übergewicht reduzieren bzw. vermeiden ist eine wichtige Grundlage der Therapie. Diabetes verstehen 2018 53


Medikamentöse Therapie

Welche Medikamente gibt es für die Behandlung des Typ-2-Diabetes? Am Anfang der Diabetestherapie kommen orale Antidiabetika (OAD) und injizierbare Medikamente (GLP-1-Re­ zeptor-Agonisten) zum Einsatz. Diese Medikamente enthalten ­ verschiedene Wirkstoffe, die über unterschiedliche Mechanismen den Blut­ zucker senken, indem sie die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse erhöhen und/oder die Aufnahme von Glukose in die Muskel- und Fettzellen verbessern. Kann trotz Einnahme eines oder mehrerer OADs der Blutzuckerspiegel nicht im Zielbereich gehalten werden, ist dies ein Anzeichen für einen zunehmenden Insulinmangel, der mit OADs nicht mehr ausgeglichen werden kann. Jetzt ist der Zeitpunkt für eine Insulintherapie (siehe Seite 56) gekommen.

Welche oralen Antidiabetika gibt es? Metformin – Therapie der ersten Wahl Bei Metformin beruht die blutzuckersenkende Wirkung primär auf der Verminderung der Zuckerneubildung und der Verbesserung der Insulinempfindlichkeit, ohne dass ein erhöhtes Risiko für Unterzuckerung entsteht. Auch wurden positive Effekte, wie eine Verringerung des Herz-Kreislauf-Risikos bei übergewichtigen Diabetikern, beschrieben. Metformin kann als Monotherapie ebenso wie in Kombination mit anderen Diabetesmedikamenten verabreicht werden. Die Wirkung setzt innerhalb von zwei Stunden nach der Einnahme ein und hält zwölf Stunden an. Wird Metformin nur einmal täglich eingenommen, sollte dies 54 Diabetes verstehen 2018

Es stehen Medikamente zum Schlucken zur Verfügung. abends erfolgen (bessere Wirkung und Verträglichkeit). Als Nebenwirkungen sind Übelkeit, Erbrechen und Durchfall möglich. Bei fortgeschrittener Einschränkung der Nierenfunktion oder schweren Lebererkrankungen darf Metformin nicht eingesetzt werden. DPP-4-Hemmer (Gliptine) & GLP-1-Rezeptor-Agonisten Diese als Inkretin-basierte Therapien zusammengefassten Wirkstoffe entfalten ihren Effekt durch eine Steigerung des sogenannten Inkretin-Effekts. Dieser beschreibt folgenden Vorgang: Nimmt ein Nicht-Diabetiker Glukose über die Nahrung auf, wird deutlich mehr Insulin ausgeschüttet, als wenn die Glukose über die Vene zugeführt wird. Bei Typ-2-Diabetikern kann dieser Effekt vermindert sein. Das wichtigste Inkretin ist das Glucagonlike Peptide 1 (GLP-1). Die Freisetzung von GLP-1 nach Nahrungszufuhr erhöht die Insulinausschüttung, vermindert den Spiegel von Glukagon, einem Gegenspieler von Insulin, verzögert die Magenentleerung und führt zu einem rascheren Sättigungsgefühl.


Medikamentöse Therapie Es gibt zwei Möglichkeiten, den Inkretin-Effekt zu verstärken: 1. DPP-4-Hemmer (auch Gliptine genannt) verhindern durch Hemmung des Enzyms Dipeptidyl-Peptidase-4 den raschen Abbau bestimmter Hormone (Inkretine), die im Darm nach der Nahrungsaufnahme gebildet werden und die Insulinausschüttung fördern. Es sind zahlreiche Wirkstoffe erhältlich (Alogliptin, Sitagliptin, Vildagliptin, Saxagliptin und Lina­ gliptin), auch in Kombination mit Metformin. Diese Medikamente verursachen keine Hypoglykämien und sind gewichtsneutral. 2. GLP-1-Rezeptor-Agonisten: Diese Moleküle wurden den körpereigenen Inkretinen nachgebaut und werden – im Gegensatz zu den „klassischen“ OADs, die alle in Tablettenform zum Schlucken zur Verfügung stehen – mittels Pen ins Fettgewebe injiziert. Folgende Substanzen zählen zu den GLP-1-Rezeptor-Agonisten: Exenatid, Exenatid LAR, Liraglutid, Lixisenatid, Dulaglutid und Semaglutid. GLP-1-RezeptorAgonisten senken nicht nur den Blutzucker, sondern verringern auch das Körpergewicht. Zudem ist ihr Einsatz mit einem verminderten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. An Nebenwirkungen finden sich Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und ein höherer Puls. SGLT-2-Hemmer (Gliflozine) Diese blutzuckersenkenden Substanzen (Dapagliflozin, Canagliflozin, Empagliflozin) hemmen die Rückaufnahme von Glukose in der Niere und führen so zu

einer verstärkten Ausscheidung der Glukose mit dem Harn. Dies senkt den Blutzuckerspiegel und fördert gleichzeitig den Kalorienverlust. Auch der Blutdruck wird positiv beeinflusst. Eine mäßige Gewichtsreduktion ist eine (oft erwünschte) Nebenwirkung. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind genitale Pilz­erkrankungen (v.a. Scheidenpilz bei Frauen) und Harnwegsinfekte. Bei Patienten mit fortgeschrittener Niereninsuffizienz und wiederholten Harnwegsinfekten dürfen SGLT-Hemmer nicht eingesetzt werden. Auch bei Diabetikern mit ausgeprägtem Insulinmangel (Typ1-Diabetes, LADA-Diabetes) sollte diese Substanzklasse nicht eingesetzt werden. SGLT-2-Hemmer konnten einen positiven Effekt auf das Überleben bei Patienten mit Diabetes und bestehender Herzerkrankung zeigen. Sulfonylharnstoffe und Glinide Die Sulfonylharnstoffe (Glimepirid, Gliclazid, Glibenclamid, Tolbutamid, Carbutamid, Glipizid, Gliquidon) und die Glinide (Repaglinid, Nateglinid) entfalten ihre Wirkung über eine Steigerung der Insulinausschüttung aus den Betazellen der Bauchspeicheldrüse. So wird ein gesteigerter Insulinbedarf, beispielsweise nach einer Mahlzeit, gedeckt. Die Insulinausschüttung erfolgt aber auch ohne Nahrungsaufnahme – daher kann es bei unregelmäßigem Essen oder Auslassen einer Mahlzeit zu Unterzuckerung kommen. Für Personen mit hohem Risiko sind diese Substanzen daher nicht geeignet. Neben Unterzuckerung gehört Gewichtszunahme zu den Nebenwirkungen. Diabetes verstehen 2018 55


Medikamentöse Therapie Glitazone (Pioglitazon) Pioglitazon zählt zur Klasse der Glitazone und steigert die Insulinempfindlichkeit. So wirkt es der Insulinresistenz entgegen. Der Wirkstoff Pioglitazon zeichnet sich außerdem durch eine Senkung des kardiovaskulären Risikos aus. Eine Studie hat gezeigt, dass bei Patienten, die bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hatten, das Risiko für ein neuerliches Auftreten dieser Ereignisse deutlich reduziert werden konnte. Als Nebenwirkungen können Flüssigkeitseinlagerungen und Knochenbrüche bei Frauen mit hohem Osteoporoserisiko nach der Menopause auftreten. Kontraindiziert sind Glitazone bei Herzschwäche und Lebererkrankungen (ausgenommen Fettleber). Frauen in der Menopause wird von der Einnahme von Pioglitazon abgeraten. Pioglitazon steht in Kombinationspräparaten mit Metformin oder Gliptinen zur Verfügung.

Basalinsulintherapie Auch langsam wirkendes Insulin (= Basalinsulin) kommt zusätzlich zur oralen Therapie zum Einsatz. Geeignet ist diese sogenannte basal unterstützte orale Therapie (BOT) für Diabetiker mit hohem Nüchternblutzucker, beginnendem Sekundärversagen sowie als Vorbereitung auf eine Insulintherapie bei Typ-2-Diabetes. Die BOT wird zusätzlich zu den oralen Antidiabetika einmal täglich verabreicht.

Welchen Vorteil haben Kombinationen? Wird der Zielwert durch ein einziges Medikament nicht erreicht, kommen ­ Kombinationen zum Einsatz. Kombiniert 56 Diabetes verstehen 2018

werden dann neben den Lebensstilmaßnahmen Metformin und ein Medikament aus einer der anderen Substanzgruppen (duale Therapie) oder Metformin und ­zwei Wirkstoffe anderer Substanzgruppen ­(Tripeltherapie).

Ab wann kommt die Insulintherapie zum Einsatz? Beim Typ-2-Diabetiker besteht ein relativer Insulinmangel, der in einen absoluten Insulinmangel übergehen kann. Kann trotz oraler Therapie mit meist zwei oder mehr Substanzen oder Einsatz eines GLP-1-Rezeptor-Agonisten das HbA1c-Ziel nicht erreicht werden („Sekundärversagen“), ist die Einleitung einer Insulintherapie erforderlich. Natürlich werden auch jene Patienten mit Insulin behandelt, die orale Antidiabetika aus verschiedenen Gründen nicht einnehmen können. Zudem kann es in manchen Situationen notwendig sein, auch nicht insulinpflichtige Diabetiker vorübergehend mit Insulin zu behandeln. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn die orale Therapie aus einem bestimmten Grund nicht eingenommen werden kann, wenn der Blutzuckerspiegel aufgrund einer Infektionskrankheit stark ansteigt oder auch im Zeitraum rund um eine Operation bzw. während der Schwangerschaft.

Warum brauchen auch Typ-2-­ Diabetiker Insulin? Während Typ-1-Diabetiker das Hormon Insulin ein Leben lang von außen zuführen müssen, weil sie unter einem absoluten Insulinmangel leiden, ist dies bei Typ-2-Diabetes normalerweise erst nach


Medikamentöse Therapie

Bin ich bereits schwer krank, wenn ich Insulin brauche?

Insulin muss mittels Spritze z­ ugeführt werden.

langer Krankheitsdauer der Fall. Insulin wird dann benötigt, wenn die Betazellen in der Bauchspeicheldrüse erschöpft sind und kein oder zu wenig Insulin produzieren. Es dauert bei einer bestehenden Diabeteserkrankung im Schnitt zehn Jahre, bis Insulin zugeführt werden muss. Durch eine gute Einstellung (HbA1c im Zielbereich) und das konsequente Durchführen der Lebensstilmaßnahmen (Ernährung, Bewegung, Gewicht) kann dieser Zeitpunkt jedoch deutlich nach hinten verschoben oder ganz vermieden werden.

Entgegen dem eigenen Empfinden ist man bei einer Umstellung auf eine Insulintherapie nicht automatisch schwer krank. Der Schweregrad des Diabetes wird mehr von akuten Blutzuckerschwankungen, Unterzuckerungen und Folgeerkrankungen bestimmt als von der Frage, ob Sie „nur“ Tabletten nehmen oder „schon“ Insulin spritzen. Grundsätzlich sollte heutzutage eine schlechte Blutzuckereinstellung bei einem Diabetiker nicht geduldet werden, ehe eine Therapieanpassung erfolgt. Außerdem können bei zeitgerechter Umstellung auf Insulin die Zielwerte leichter erreicht werden, als wenn zu lange zugewartet wird.

Wie läuft die Umstellung ab? Im Grunde kommt es zu Beginn zu keiner „Umstellung“, sondern zu einer Erweiterung der bisherigen Behandlung mit oralen Antidiabetika durch Insulin. Das heißt, es wird – meist abends – ein Basalinsulin mit verzögerter Wirkung gespritzt und die oralen Antidiabetika werden weiterhin meist unverändert eingenommen.

Was bewirkt eine Insulinbehandlung?

Welche Vorteile hat die Insulintherapie?

Wie das körpereigene Insulin transportiert auch das von außen zugeführte Insulin Zucker aus dem Blut in die Körperzellen und ermöglicht die Aufnahme von Glukose in den Muskel. Daher bleibt weniger Zucker im Blut zurück und der Blutzuckerspiegel sinkt. Außerdem verringert Insulin die Glukose-Neuproduktion in der Leber.

Für den Betroffenen bestehen die Vorteile darin, dass er einerseits die gewohnte Therapie fortsetzen kann und andererseits durch das verabreichte Insulin die gleichmäßige basale Versorgung mit Insulin sichergestellt wird. Dies wirkt sich vorteilhaft auf den gesamten Organismus aus. Statt mit Basalinsulin zu beginnen, kann auch mit einmal Mischinsulin Diabetes verstehen 2018 57


Medikamentöse Therapie zum Abendessen (Fixmischung aus kurzwirksamem Insulin und Basalinsulin) gestartet werden. Dies hat den Vorteil, dass damit der Blutzuckeranstieg durch das Abendessen ebenfalls abgefangen wird. Voraussetzung dafür ist, dass man abends eine kohlenhydrathaltige Mahlzeit zu sich nimmt.

Welches Insulin ist für mich das richtige? Nach der Wirkdauer unterscheidet man: • Kurzwirksame Insuline (prandiale Insuline) zur Abdeckung der Mahlzeit: werden stets prandial – also zum Essen bzw. unmittelbar davor – verabreicht. Die Wirkung tritt nach zehn Minuten ein. • Langwirksame Insuline (Basalinsuline) zur Abdeckung des von Mahlzeiten unabhängigen Insulinbedarfs (Basisbedarf): haben eine Wirkdauer von 12–14 Stunden. • Mischinsuline: Fertigmischung aus einem kurz- und einem langwirksamen Insulin. Mischinsuline sind sehr praktisch, erfordern jedoch eine regelmäßige Nahrungsaufnahme und ermöglichen wenig Flexibilität.

Welche Formen der Insulintherapie gibt es? • Konventionelle Insulintherapie: Zweibis dreimal täglich wird zu den Hauptmahlzeiten ein Mischinsulin gespritzt. Voraussetzung sind regelmäßige Mahlzeiten, die einigermaßen gleichmäßig verteilt sein sollten. • Konventionell-intensivierte Insulintherapie: Basal- und Essensinsulin werden hierbei unabhängig voneinan58 Diabetes verstehen 2018

der gespritzt (Basalinsulin ein- bis zweimal täglich, Essensinsulin zu den Mahlzeiten). • Funktionelle Insulintherapie (FIT) oder Basis-Bolus-Insulintherapie (BBIT): wird auch Basis-Bolus-Therapie genannt und ist die Königsdisziplin der Diabetestherapie. Eine festgelegte Basalinsulinmenge wird ein- bis zweimal täglich gespritzt. Diese Menge wird so berechnet, dass es auch in der Zeit zwischen den Mahlzeiten zu einem Anstieg oder Abfall des Blutzuckers kommt. Zu den Mahlzeiten wird das Essensinsulin gespritzt, das entsprechend der geplanten Kohlenhy­ dratmenge (Broteinheiten – BE; siehe Seite 49) berechnet wird. Mit dieser Insulintherapie ist es für Diabetiker möglich, ihre Mahlzeiten flexibel zu wählen. Allerdings ist eine Schulung erforderlich. • Insulinpumpentherapie: Bei dieser Form der funktionellen Insulintherapie wird nur ein kurzwirksames Insulin über eine Pumpe abgegeben. Dabei gibt die Pumpe das Insulin in kleinen Mengen kontinuierlich ab – das deckt den basalen Insulinbedarf im Fastenzustand, sprich, zwischen den Mahlzeiten. Zu den Mahlzeiten errechnet der Diabetiker dann seinen Essensinsulinbedarf und gibt in die Pumpe ein, wie viel sie abgegeben soll.

Welche Nebenwirkungen treten auf? Die häufigste Nebenwirkung der Insulintherapie ist die Unterzuckerung (Hypoglykämie; mehr dazu auf Seite 61). Eine solche liegt vor, wenn der Blutzucker unter 70 mg/dl sinkt. Eine Unter-


Medikamentöse Therapie zuckerung tritt ein, wenn mehr Insulin als Glukose vorhanden ist, das heißt, wenn zu viel Insulin gespritzt oder zu wenig gegessen wurde. Eine weitere Nebenwirkung ist die Gewichtszunahme. Sie kann jedoch verhindert werden, wenn die Lebensstilmaßnahmen (Ernährung und Bewegung; siehe ab Seite 42) eingehalten werden.

Insulinpumpen werden ständig am Körper getragen.

Welche Stellen sind für die I­njektionen geeignet? Zu den Mahlzeiten ist es am wirksamsten, in das Bauchgewebe (3 cm Abstand zum Bauchnabel) zu injizieren, da hier das Insulin am schnellsten vom Blut zum Wirkort transportiert wird, was vor allem für kurzwirksame Insuline von Bedeutung ist. Vor dem Zubettgehen wird der Oberschenkel empfohlen, da das Insulin aus diesem Bereich weitaus langsamer aufgenommen wird. Es sollte auf keinen Fall immer an derselben Stelle gespritzt werden, da es sonst lokal zu einer Vermehrung des Unterhautfettgewebes kommt und das Insulin dann unvorhersehbar aufgenommen wird.

Warum ist eine Insulintablette nicht möglich? Da Insulin ein Eiweißkörper ist, würde es – als Tablette verabreicht – durch die Verdauungssäfte in Magen und Darm in seine Bestandteile zerlegt werden. Es würde also gar nicht erst in die Blutbahn gelangen. Aus diesem Grund führt kein Weg am Spritzen vorbei.

Welche Vorteile haben Pens? Zu den Vorteilen zählen die überall mögliche, unauffällige und unkomplizierte

Handhabung, das einfache Ablesen der eingestellten Dosis auch für ältere oder sehbehinderte Personen, der Wegfall von Luftblasen, die beim Aufziehen des Insulins in der Spritze entstehen können, sowie die ultradünnen Nadeln. Es gibt auch Fertigpens – hier ist das Insulin ­bereits im Pen vorgefüllt, wodurch der Vorgang des Patronenwechselns entfällt. Manche Pens bieten eine Erinnerungsfunktion, die anzeigt, wann und wie viel Insulin verabreicht wurde.

Insulinpumpe – was ist das? Dabei wird ein permanentes, kleines Infusionsgerät – nicht schwerer als 300 Gramm – ständig am Körper getragen, um dem Körper über einen Katheter mit einer unter der Haut liegenden Nadel rund um die Uhr im Schnitt alle drei Minuten Insulin zuzuführen. Man muss also nicht ständig neu stechen, sondern gibt durch das Betätigen von Knöpfen am Gerät die benötigte Menge Insulin ein. Zu den Mahlzeiten wird entsprechend mehr Insulin freigesetzt. Der KaDiabetes verstehen 2018 59


Medikamentöse Therapie theter wird alle zwei bis drei Tage gewechselt. Als Vorteil ist eine stabilere Stoffwechseleinstellung durch die fein abgestimmte Dosierungsmöglichkeit anzusehen, sodass die Patientenzufriedenheit trotz der Notwendigkeit, die Pumpe stets am Körper tragen zu müssen, sehr groß ist. In mehreren Studien wurde festgestellt, dass bei Insulinpumpenträgern die Anzahl schwerer Hypoglykämien deutlich gesenkt werden kann.

Selbstkontrolle Neben Lebensstilmaßnahmen und der medikamentösen Behandlung ist die regelmäßige Kontrolle der Blutzuckerwerte eine wichtige Säule in der Behandlung von Diabetes. Hier einige Tipps dazu:

teln oder leicht massieren, damit Blut hineinfließt. Teststreifen mit trockenen Fingern 7.  entnehmen. Abgelaufene Teststreifen nicht mehr verwenden! Aufbewahrung in sauberen Dosen oder Schatullen, Schutz vor Luftfeuchtigkeit.

Wie oft messe ich meinen Blutzucker? Die Häufigkeit der Messungen hängt von der Therapieart ab.

Welche sind die häufigsten Fehler bei der Blutzuckermessung? Neben einer falschen Reinigung der Hände zählt die falsche bzw. Nichtcodierung von Blutzuckermessgeräten zu den häufigsten Fehlerquellen. Dies führt unweigerlich zu einem verfälschten Blutzuckerwert.

Wie messe ich den Blutzucker richtig? 1. Blutzuckermessgerät, Teststreifen, Stechhilfe mit Lanzette, Tagebuch und Kugelschreiber bereitlegen. 2. Hände mit warmem Wasser und Seife waschen, sorgfältig abtrocknen. Ein Desinfektionsspray ist nicht notwendig. 3. Kräftiges Drücken zur Blutgewinnung vermeiden – dies verfälscht das Ergebnis! 4. Stechen an der seitlichen Fingerkuppe ist weniger schmerzhaft (keine Hornhaut). 5. Empfehlenswert: Mittel-, Ring- oder kleinen Finger stechen, da diese im Alltag seltener benötigt werden. 6. Vor dem Stechen die Hand ausschüt60 Diabetes verstehen 2018

Wie oft Sie Ihren Blutzucker messen müssen, wird individuell festgelegt.


Medikamentöse Therapie

Wie funktioniert die kontinuierliche Blutzuckermessung? Bei der kontinuierlichen Glukosemessung (engl.: Continuous Glucose Monitoring – CGM) wird ein kleiner Katheter als Sensor im Unterhautgewebe platziert, der alle fünf Minuten die Zuckerkonzentration im Gewebe misst. Via Bluetooth oder über einen dünnen Schlauch ist dieser an ein Messgerät angeschlossen. Alle 7–14 Tage muss der Katheter gewechselt werden. CGM erspart Stiche in den Finger und ist vor allem für Patienten mit einer funktionellen Insulintherapie oder einer Insulinpumpe geeignet. Zudem kann eine Warnung im Falle niedriger oder hoher Blutzuckerwerte erfolgen. Eine neue Methode stellt die sogenannte Flash-Glukosemessung dar. Über einen

Sensor, der alle 14 Tage vom Patienten an der Hinterseite des Oberarms gesetzt wird, kann ständig die Gewebsglukose abgelesen werden. Man erspart sich somit das Stechen, allerdings erfolgt keine Warnung vor Hypoglykämien.

Was mache ich im Krankheitsfall? Bei Unsicherheiten ist es sinnvoll, den behandelnden Arzt zu kontaktieren. Dies gilt vor allem im Krankheitsfall, wenn die Insulindosis aufgrund einer Insulin­ unempfindlichkeit gesteigert werden muss. Insulin darf niemals vollständig abgesetzt werden, auch wenn Sie nichts essen können! In diesem Fall muss die Dosis – in Absprache mit dem Arzt – angepasst werden. Wird kein Insulin mehr injiziert, kann es rasch zu lebensbedrohlichen Entgleisungen des Blutzuckers kommen!

Welche Akutkomplikationen können auftreten? Zu den Akutkomplikationen bei Diabetes gehören jene Situationen, in denen der Blutzucker in bedrohlichem Ausmaß zu niedrig (Unterzucker/Hypoglykämie) oder zu hoch (hyperglykämische Entgleisung) ist.

Was versteht man unter einer H ­ ypo­glykämie? Hypoglykämie (umgangssprachlich „Hypo“ genannt) bedeutet Unterzuckerung. Es handelt sich dabei um eine nicht ungefährliche Komplikation bei der Behandlung eines Diabetes mellitus. Die Ursache ist ein Überangebot an Insulin bei gleichzeitigem Mangel an Glukose. Diabetes verstehen 2018 61


Medikamentöse Therapie Von einer Hypoglykämie spricht man, wenn der Blutzuckerwert unter 70 mg/dl sinkt. Eine Hypoglykämie kann leicht oder schwer ausgeprägt sein. Leichte Hypoglykämie: Bei einer leichten Hypoglykämie spürt der Patient die Symptome und ist imstande, selbst Gegenmaßnahmen (Zufuhr von Traubenzucker oder eines zuckerhaltigen Getränks) zu ergreifen. Schwere Hypoglykämie: Hier ist die Handlungsfähigkeit eingeschränkt und kann bis zur Bewusstlosigkeit gehen, die Hilfe Dritter ist notwendig. Möglicherweise muss der Patient im Krankenhaus behandelt werden.

Welche Ursachen hat eine H ­ ypoglykämie? • Zu hohe Dosis von Insulin oder blutzuckersenkenden Medikamenten • Zu niedrige Zufuhr von Zucker (Kohlenhydraten) bei gleich bleibender Insulin- oder Tablettendosis • Körperliche Aktivität: Bleibt die Insulin- oder Tablettendosis dabei gleich, kann es zu einer Hypoglykämie kommen. • Zu großer Abstand zwischen Insulinzufuhr und Essen: Kohlenhydrathaltige Mahlzeiten werden verspätet oder gar nicht eingenommen. • Alkohol • Lange Diabetesdauer mit Schädigung der Nerven (Neuropathie)

Wie gefährlich sind Hypoglykämien? Eine gute Blutzuckereinstellung ist die Voraussetzung für eine gute Lebensqualität trotz Diabetes. Dabei ist die Unterzuckerung der entscheidende Sicher62 Diabetes verstehen 2018

heitsparameter. Die Häufigkeit und die Gefährlichkeit von Unterzuckerung werden jedoch oftmals unterschätzt. Vor allem schwere Hypoglykämien sind als Alarmzeichen zu werten; mit ihnen steigt sowohl das Risiko für Mikro- und Makroangiopathien sowie für Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-bedingten Komplikationen als auch das Gesamt­ sterberisiko. Auch leichte Hypoglykämien, die mitunter gar nicht bemerkt werden, dürfen nicht unterschätzt werden, da sie Folgeschäden verursachen können. Zudem ist das Risiko, dass sich aus einer leichten eine schwere Unterzuckerung entwickelt, groß!

Gibt es weitere Risikofaktoren für schwere Unterzuckerungen? Ja, dazu zählen: • Hypoglykämien in der Vorgeschichte • ein HbA1c-Wert unter 6,0% • eine schlechte Nierenfunktion • unangepasstes Verhalten (z.B. Alkoholkonsum, Sport ohne entsprechende Therapieanpassung)

Erste Anzeichen einer Unterzuckerung: • H  eißhunger • K onzentrationsstörungen • Z ittern • U nruhe • S chweißausbruch Mit steigender Unterzuckerung kommen weitere Symptome hinzu, die bis zur Bewusstlosigkeit führen können!


Medikamentöse Therapie Wichtiger Hinweis: Mit einer auf den einzelnen Betroffenen individuell abgestimmten Diabetestherapie lässt sich das Hypoglykämierisiko deutlich senken.

Bei welchen Blutzuckerwerten muss man aufpassen? • 90 mg/dl: Normal – Vorsicht! • 80 mg/dl: Noch normal – jetzt kann es kritisch werden! • 70 mg/dl: Symptome treten auf. • 60 mg/dl: Die Hirnleistung ist beeinträchtigt. • 50 mg/dl: Jetzt wird es gefährlich!

Was ist eine Hypoglykämie-­ Wahrnehmungsstörung? Wenn Diabetes längere Zeit besteht, kann es sein, dass Patienten die Warnsymptome nicht mehr so intensiv wahrnehmen wie zu Beginn der Erkrankung. Dies ist dann der Fall, wenn bereits eine Störung des Nervensystems vorliegt. Die Hypo-Wahrnehmung nimmt mit der Dauer der Erkrankung und häufigen Hypoglykämien ab, was durch gezielte Schulungen und konsequente Vermeidung von Hypoglykämien bzw. durch regelmäßige Blutzuckermessungen verhindert werden kann. Liegt der Blutzucker unter 70 mg/dl und es treten keine Symptome einer Unterzuckerung auf, so besteht vermutlich eine HypoglykämieWahrnehmungsstörung.

Dosis der oralen Antidiabetika adaptiert werden. Auch ist es im Falle einer Insulintherapie sinnvoll, Zwischenmahlzeiten einzuhalten, um starke Schwankungen der Blutzuckerwerte zu vermeiden. Beim Sport ist darauf zu achten, dass die erforderliche Reduktion der Insulindosis nicht unterschätzt und die Kompensation des erhöhten Energieverbrauchs mit zusätzlichen Kohlen­ hydraten berücksichtigt wird (siehe Seite 45).

Moderne Geräte erleichtern die B­ lutzuckermessung.

Wie kann man einen Hypo vermeiden? Um einer Unterzuckerung vorzubeugen, sollte man eine engmaschige Blutzuckerkontrolle durchführen und die Werte protokollieren. Danach kann gemeinsam mit dem Arzt die Insulindosis oder die Diabetes verstehen 2018 63


Medikamentöse Therapie

Wer tut was bei Unterzuckerung? Bei leichter Unterzuckerung kann der Patient selbst handeln: Er kann dem Körper rasch Traubenzucker zuführen. Durch ein bis zwei Stück Traubenzucker (entspricht 10–20 g Glukose oder 1½ Plättchen = 1 BE) schnellt der Blutzuckerwert innerhalb kurzer Zeit wieder in die Höhe. Auch Fruchtsäfte und Cola (Achtung: keine „Light“-Produkte!) erzielen den gewünschten Effekt. Deshalb gilt: Lieber gleich handeln als unnötig abwarten! Denn ab einem bestimmten Zeitpunkt kann der Betroffene aufgrund von Verwirrtheit, Krampfanfällen oder Bewusstlosigkeit nicht mehr selbst reagieren und ist auf Hilfe von außen angewiesen, die vielleicht nicht richtig instruiert oder nicht vor Ort ist. Tritt Bewusstlosigkeit ein, können Angehörige, die mit Diabetes vertraut sind, Erste Hilfe leisten. Der bewusstlose Diabetiker muss in die stabile Seitenlage gebracht werden. ACHTUNG: Niemals versuchen, einem Bewusstlosen Flüssigkeit einzuflößen, oder ihm Zucker in den Mund stecken, da sonst Erstickungsgefahr besteht! So vorhanden und wenn der Angehörige entsprechend unterwiesen ist, kann Glukagon in das Unterhautfettgewebe oder die Muskulatur (z.B. Gesäß, Oberschenkel) des Betroffenen injiziert werden. Glukagon ist der Gegenspieler des Insulins, der zu einem raschen Anstieg des Blutzuckers führt, indem Zucker aus Le64 Diabetes verstehen 2018

Bei Unterzuckerung hilft Traubenzucker.

ber und Muskeln freigesetzt wird. Wenn der Patient wieder zu Bewusstsein kommt, muss er seinem Körper unbedingt noch zusätzliche Glukose in Form von Traubenzucker oder Fruchtsäften zuführen, um ein erneutes Abfallen des Blutzuckerspiegels zu verhindern, denn die Glukagonwirkung hält nur kurzfristig an. Falls keine Glukagonspritze vorhanden ist oder sich der Außenstehende nicht auskennt, sollte der Notarzt verständigt werden. Dieser kann dann Glukose intravenös verabreichen. Bis zum Eintreffen professioneller Hilfe (z.B. Notarzt oder Rettung) sollte man den bewusst­ losen Patienten in die stabile Seitenlage bringen und in jedem Fall bei ihm ­bleiben.


Hilfe Therapie aus der desApotheke ­Diabetes Wichtiger Hinweis: Jeder Diabetiker sollte stets seinen Diabetikerausweis, ein entsprechendes Armband, einen Diabetes-Notfallanhänger oder eine SOSKapsel tragen, damit im Notfall die richtige Behandlung erfolgen kann. Zur Behandlung von Hypoglykämien muss jeder Diabetiker, der Insulin spritzt oder Sulfonylharnstoffe einnimmt, Traubenzucker mit sich führen.

Was ist eine hyperglykämische E­ ntgleisung? Lassen sich die Blutzuckerwerte trotz Aufnahme der Medikamente nicht akut senken, spricht man von einer hypergly­ kämischen Entgleisung. Sie muss zumeist ärztlich behandelt werden. Beim Typ-1-Diabetiker kann es bei einer hyperglykämischen Entgleisung zu einer diabetischen Ketoazidose (Übersäue­ rung) kommen. Diese stellt einen akuten, lebensbedrohlichen Zustand dar, der eine rasche medizinische Versorgung erfordert. Anzeichen dieses Zustands sind stark erhöhte Blutzuckerwerte (Blutglukose) und Ketonkörper in Urin und Blut.

Frühe Anzeichen einer B­ lutzuckererhöhung: • K raftlosigkeit • Müdigkeit • Niedergeschlagenheit • vermehrter Durst und trockener Mund • vermehrtes Wasserlassen • Sehstörungen • Juckreiz der Haut

Hilfe aus der Apotheke Gibt es Vitamine und Mineralstoffe, die für Diabetiker geeignet sind? Es gibt einige Nahrungsergänzungsmittel, die immer wieder mit Diabetes in Verbindung gebracht werden. Diese ersetzen auf keinen Fall die vom Arzt verordnete Therapie! Vor der Anwendung bitte immer mit Ihrem behandelnden Arzt sprechen! Vitamin C: Eine hohe Blutzuckerkonzentration kann die Aufnahme von Vitamin C in die Zellen hemmen. Die möglichen Folgen eines Vitamin-C-Mangels sind Müdigkeit, Schwäche, Infektanfälligkeit u.a. Zink: Diabetiker weisen häufiger einen Zinkmangel auf als Nicht-Diabetiker. Ein Zinkmangel schwächt allgemein das Immunsystem. Typische Anzeichen für einen Zinkmangel sind Appetitlosigkeit, erhöhte Infektanfälligkeit, verzögerte Wundheilung und Haarausfall. Bei Verdacht auf Zinkmangel sollten Sie mit Ihrem Arzt sprechen. Magnesium: Muskelkrämpfe können aufgrund eines Magnesiummangels entstehen, sie können aber auch Folge zu hoher Blutzuckerwerte sein. Kommt es bei Diabetikern zu Muskelkrämpfen, sollten sie ihre Werte besonders sorgfältig kontrollieren. Nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt kann gegebenenfalls auch ein Magnesiumpräparat eingenommen werden.

Wie kann man Durchblutungs­ störungen vorbeugen? Diabetiker weisen ein erhöhtes Risiko Diabetes verstehen 2018 65


Hilfe aus der Apotheke für Atherosklerose („Gefäßverkalkung“) und in der Folge für Durchblutungsstörungen auf. Denn erhöhte Blutzuckerwerte, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen zählen neben dem Rauchen zu den wichtigsten Risikofaktoren für Gefäßverkalkung. Die Folgeschäden von Durchblutungsstörungen sind vielfältig, dazu gehören beispielsweise die sogenannte „Schaufensterkrankheit“ (periphere arterielle Verschlusskrankheit – PAVK) sowie Herzinfarkt und Schlaganfall (siehe ab Seite 69).

So können Sie Durchblutungs­ störungen vorbeugen: • mit dem Rauchen aufhören (siehe Seite 80) • ausreichend Bewegung machen (siehe Seite 42) • sich ausgewogen und möglichst fettarm ernähren (siehe Seite 45) • Übergewicht abbauen (siehe Seite 50) • Risikokrankheiten wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Diabetes entsprechend behandeln lassen (siehe Seite 70)

Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) tragen – in ausreichend hoher Dosierung – zu einer normalen Herzfunktion sowie zur Aufrechterhaltung eines normalen Blutdrucks und eines normalen Triglyzeridspiegels im Blut bei. Eine weitere Omega-3-Fettsäure, die Alpha-Linolensäure, kann zur Aufrechterhaltung eines normalen Cholesterinspiegels im Blut beitragen. Knoblauch: hat einen positiven Effekt auf den Blutdruck, eventuell auch in geringem Maße auf den Cholesterinspiegel. Tibetische Medizin: In der tibetischen Medizin gibt es Kräuterrezepturen, die einen durchblutungsfördernden Effekt aufweisen und bei Beschwerden in den Armen und/oder Beinen, wie z.B. Wadenkrämpfen, Kribbeln, Ameisenlaufen, Schwere und Spannungsgefühl in Armen und Beinen sowie „Einschlafen“ der Hände und Füße, eingesetzt werden können. Dies wird u.a. auf die darin enthaltenen sekundären Pflanzenstoffe (z.B. Flavonoide, Tannine) zurückgeführt.

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Was kann ich sonst noch für meine Durchblutung tun? In der Apotheke stehen verschiedene Präparate zur Verfügung, die dazu beitragen können, Gefäßverkalkung und Durchblutungsstörungen entgegenzuwirken. Auch hier gilt, dass diese auf keinen Fall die vom Arzt verordnete Therapie ersetzen und vor der Anwendung immer Rücksprache mit dem ­behandelnden Arzt gehalten werden sollte! 66 Diabetes verstehen 2018

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Arterienverkalkung: Risiko für den ganzen Körper Die Blutgefäße sind ein stark verzweigtes System in unserem Körper, das sauerstoffreiches und -armes Blut durch Venen, Arterien und viele kleine Gefäße transportiert. Dieses System sorgt dafür, dass alle Regionen unseres Körpers durchblutet werden. Gesunde Blutgefäße

Risikofaktoren für das Auftreten von Durchblutungsstörungen: > > > >

Diabetes mellitus arterielle Hypertonie metabolisches Syndrom Arteriosklerose

Arteriosklerose – Gefahr durch Verstopfung

Zur Behandlung der Folgen leichter Durchblutungsstörungen PADMA CIRCOSAN ist ein traditionelles pflanzliches Arzneimittel nach den Prinzipien der ganzheitlichen Tibetischen Medizin. Aufgrund langjähriger Erfahrung wurden die pflanzlichen Inhaltsstoffe so aufeinander abgestimmt, dass sie sich optimal ergänzen. PADMA CIRCOSAN wird angewendet als Therapie oder Begleittherapie bei Folgen von Durchblutungsstörungen, nachdem eine schwerwiegende Erkrankung ausgeschlossen wurde.

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Arteriosklerose entsteht durch eine chronische Entzündung in den Wänden von Blutgefäßen, es kommt zur Verengung der Arterien durch Ablagerungen. Eine große Rolle spielt dabei das sogenannte „schlechte“ Cholesterin LDL (low density lipoprotein). Die Folge: die Durchblutung funktioniert nicht mehr.

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FOLGE­ ERKRANKUNGEN Diabetes kommt selten allein.


Welche Blutgefäße sind betroffen?

Blick: Auf einen efäße der kleinen G g un ig äd ch • Eine S ugen­ ker kann zu A nz und durch Blutzuc fiz iereninsuf ie N , en ng ku erkran en. igungen führ Nervenschäd Gefäße g der großen un ig äd ch S e • Ein zinfarkt und laganfall, Her ch S g ufi hä t ha e. PAVK zur Folg d Depressiolstörungen un ua ex S h uc A  • Verbindung. it Diabetes in nen stehen m

Warum ist Diabetes gefährlich? Diabetes selbst spürt man kaum. Doch lange Krankheitsdauer und schlechte Blutzuckereinstellung schädigen die Gefäße zunehmend und können fatale Folgen haben. Diese reichen von Augenerkrankungen wie Netzhautschäden über Durchblutungsstörungen der Beine, Fußamputationen und den sogenannten „diabetischen Fuß“ bis zum Schlaganfall und Herzinfarkt.

Was kann ich selbst tun? Die Behandlung der Grunderkrankung Diabetes mellitus ist das A und O der Prävention. Die wichtigsten Maßnahmen sind eine ideale Blutzucker- sowie eine gute Blutdruck- und Blutfetteinstellung. Diese Ziele erreichen Sie einerseits durch Lebensstilmaßnahmen, andererseits durch Medikamente (mehr dazu auf Seite 40).

Sowohl die großen als auch die kleinen Blutgefäße können betroffen sein. Erkrankungen der kleinen Blutgefäße nennt man mikrovaskuläre Erkrankungen, Erkrankungen der großen Blutgefäße werden als makrovaskuläre Erkrankungen bezeichnet.

Makrovaskuläre ­Erkrankungen Makrovaskuläre Erkrankungen ... • können jeden treffen, allerdings kommen sie beim Diabetiker wesentlich häufiger vor als bei Nicht-Diabetikern. • führen zu Atherosklerose (Gefäßverkalkung) sowie Gefäßverschlüssen.

Welche sind die häufigsten m ­ akrovaskulären Erkrankungen? Gefäßverengungen sind die häufigste Komplikation beim Diabetes mellitus, denn sie treten mit höherer Wahrscheinlichkeit öfter, früher und stärker als beim Nicht-Diabetiker auf. Resultat einer unbehandelten, fortschreitenden Verengung sind Angina Pectoris, Herzinfarkt, Schlaganfall und Beingefäßerkrankungen.

Bin ich als Diabetiker stärker ­gefährdet, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden? Ja! Ein Diabetiker, der zuvor keinerlei Gefäßerkrankung hatte, ist ebenso gefährdet, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, wie ein Nicht-DiabeDiabetes verstehen 2018 69


Folgeerkrankungen tiker nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Weitere Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall sind Rauchen, Bluthochdruck, mangelnde Bewegung, Übergewicht sowie zu hohe LDLCholesterinwerte.

Diabetes stellt ein Risiko für Herzinfarkt dar.

Wie äußert sich ein Herzinfarkt? Bei anhaltenden Schmerzen hinter dem Brustbein mit Ausstrahlung in den linken Arm oder auch in andere Körperbereiche sollten Sie einen Notarzt rufen! Allerdings treten bei Patienten mit Diabetes, insbesondere bei Frauen, häufig auch nur unspezifische Symptome wie Übelkeit mit und ohne Erbrechen, Schwäche, Kurzatmigkeit, Schmerzen im Oberbauch oder im Hals-/Kieferbereich auf.

Wie macht sich ein Schlaganfall bemerkbar? Typische Anzeichen sind Sprachstörungen, Schwächung bis zur Lähmung einer Körperhälfte, Sehstörungen, Koordinationsstörungen, Desorientiertheit und/ oder Verwirrtheit – je nachdem, welcher Hirnbereich betroffen ist. Rufen Sie bei solchen Symptomen sofort einen Notarzt!

Was ist die periphere arterielle V­ erschlusskrankheit? Sind von der Gefäßverengung jene Blutgefäße betroffen, die die Beine versorgen, spricht man von der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, abgekürzt PAVK. Diese macht sich zu Beginn durch die sogenannte „Schaufensterkrankheit“ bemerkbar, bei der im Laufe des Gehens meist krampfartige Schmer-

zen, üblicherweise in den Waden, auftreten, die sich in Ruhe rasch bessern. Bei Fortschreiten der PAVK treten die Schmerzen auch in Ruhe auf. In letzter Folge führt die Unterversorgung zum Absterben von Gewebe und trägt so zur Entstehung des diabetischen Fußes bei (siehe dazu auch Seite 75).

Was kann ich tun, um mein kardiovaskuläres Risiko im Griff zu haben? Diabetes-Betroffene sollten ihre Blutfettwerte – dazu zählen HDL- und LDLCholesterin sowie Triglyzeride – mindestens einmal im Jahr überprüfen lassen. Denn erhöhte Cholesterinwerte können Atherosklerose („Gefäßverkalkung“) und daraus entstehende HerzKreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen. Da Menschen mit Diabetes ohnehin ein höheres kardiovaskuläres Risiko als Stoffwechselgesunde aufweisen, ist es von besonderer Bedeutung, dass sie ihre

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Blutzucker

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Folgeerkrankungen Cholesterinwerte im Bereich der Zielwerte halten (siehe „Zielwerte“; Seite 41). Zudem sollten Sie auch Ihren Blutdruck unter dem empfohlenen Zielwert halten (siehe Seite 41). Denn die Folgen von Bluthochdruck sind ebenfalls schwerwiegend. Herzkranzgefäße, Gefäße im Gehirn, Beingefäße sowie die feinen Gefäße in den Nieren und Augen sind unmittelbar betroffen. Tipps für Lebensstiländerungen, die dabei helfen, Ihre Cholesterin- und Blutdruckwerte zu verbessern bzw. zu halten, finden Sie ab Seite 42.

reich der menschlichen Netzhaut mit der größten Dichte von Sehzellen) sind seltener, aber nach längerer Krankheitsdauer auch bei rund einem Drittel der Patienten feststellbar.

Warnzeichen Mögliche frühe Symptome sind Sehverschlechterung, verschwommen Sehen und „Rußregen“ vor den Augen (Glaskörperblutung). Bei derartigen Symptomen unbedingt einen Augenarzt aufsuchen und auf die Diabeteserkrankung hinweisen!

Mikrovaskuläre ­Erkrankungen Mikrovaskuläre Erkrankungen ... • betreffen ausschließlich Diabetiker. • Dazu zählen Schädigungen an den Augen (diabetische Retinopathie), den Nieren (diabetische Nephropathie) und im Nervensystem (Neuropathie).

Wie gefährlich ist Diabetes für meine Augen? Augenschäden, vor allem Schäden der Netzhaut, gehören zu den häufigsten Folgeerkrankungen eines (schlecht eingestellten) Diabetes. Nach ungefähr 20 Jahren Krankheitsdauer sind bei den meisten Patienten zumindest leichte Formen einer diabetischen Augenveränderung, insbesondere der Netzhaut, feststellbar. Besonders gefährlich ist die proliferative diabetische Retinopathie. Veränderungen an der Makula (= Be72 Diabetes verstehen 2018

OCT-Bild eines gesunden Auges (oben) und eines Auges mit diabetischem Makulaödem (unten) im Vergleich. Die Schwellung ist deutlich erkennbar.


Folgeerkrankungen

Was versteht man unter einem M ­ akulaödem? Wenn aus den geschwächten Gefäßen Flüssigkeit, Eiweiß und Fette austreten, schwillt die Netzhaut an. Eine Schwellung (Ödem) im Bereich der Makula, dem Ort des schärfsten Sehens, führt zu einer Sehverschlechterung, die durch eine Brille nicht mehr korrigiert werden kann.

Wie wird ein Makulaödem behandelt? Mit speziellen Injektionen direkt in den Augapfel kann ein Makulaödem heute sehr gut behandelt werden. Diabetiker sollten sich regelmäßig einer Augenkontrolle unterziehen.

Was ist eine Retinopathie? Retinopathie bezeichnet eine Schädigung der Netzhaut (Retina) im Auge. Die diabetische Retinopathie schreitet langsam und oft unbemerkt fort. Sie kann bis zur Erblindung führen. Ein erhöhter Blutzuckerspiegel beim Diabetiker schädigt die Gefäßwand der kleinen Blutgefäße der Netzhaut. In der Folge kommt es zu Durchblutungsstörungen der Netzhaut. Außerdem werden die Gefäße durchlässiger, was Schwellungen und kleine Einblutungen in die Netzhaut begünstigt. Wichtiger Hinweis: Eine Retinopathie kann bereits vorliegen, wenn der Patient noch keine Sehbeeinträchtigung bemerkt. Daher sind regelmäßige Untersuchungen (mindestens einmal jährlich) beim Augenarzt für Diabetiker enorm wichtig!

Muss ich zur Augenkontrolle, auch wenn mein Blutzucker gut eingestellt ist? Mindestens einmal im Jahr ist eine Augenuntersuchung beim Facharzt erforderlich – unabhängig davon, wie Ihr Zucker eingestellt ist. Der Arzt entscheidet dann, ob häufigere Kontrollen notwendig sind.

Diabetische Nierenerkrankung – was ist das? Bei der diabetischen Nephropathie, so der Fachausdruck, handelt es sich um eine fortschreitende Erkrankung der Nieren infolge eines Diabetes. Sie bezeichnet unter anderem die Gefäßverengung der kleinsten Kapillaren in den Nieren, die durch einen langsamen Verlust der Filterwirkung der Nieren gekennzeichnet ist. Damit können schädliche Abbauprodukte nicht mehr aus dem Körper abtransportiert werden und Giftstoffe sammeln sich im Blut. Das bedeutet, dass bei fortgeschrittener diabetiDiabetes verstehen 2018 73


Folgeerkrankungen scher Nierenerkrankung das Blut regelmäßig mittels Fremdhilfe (Dialysegerät) „gewaschen“ werden muss. Über ein Viertel der jährlich neu hinzukommenden Dialysepatienten ist Diabetiker. Erstes Symptom einer diabetischen Nierenerkrankung ist eine erhöhte Eiweißausscheidung, die erst dann auffällig wird, wenn der Patient Ödeme bekommt, seine Beine anschwellen und großflächig Wassereinlagerungen im Körper auftreten. Der Nachweis von Albumin im Harn ist ein wichtiger Hinweis, ob und in welchem Ausmaß eine diabetische Nephropathie vorliegt (Werte zwischen 30 und 300 mg/24 Stunden = Mikroalbumi­ nurie, d.h. beginnende Nierenerkrankung; Werte über 300 mg/24 Stunden = Makroalbuminurie, d.h. fortgeschrittene Nierenerkrankung).

ebenfalls wichtige Präventivmaßnahmen.

Wie äußert sich eine diabetische Nervenschädigung? Eine Neuropathie bezeichnet die Erkrankung der Nerven im Organismus, also eine Schädigung der Nerven. Der Entstehung liegen mehrere Faktoren zugrunde; Hauptursache ist ein über längere Zeit erhöhter Blutzucker. Die häufige diabetische sensomotorische Polyneuropathie tritt meist symmetrisch an beiden Beinen auf. Vornehmlich in der Nacht sind im Anfangsstadium unangenehmes Kribbeln und Schmerzen in den Füßen über die Fußsohle bis hin zur Wade charakteristisch. Später kommt der Ver-

Wichtiger Hinweis: Eine regelmäßige Kontrolluntersuchung des Harns mit Bestimmung der Eiweißausscheidung und der Filterleistung sowie der Nierenblutwerte ist wesentlich, um eine beginnende Schädigung möglichst frühzeitig zu erkennen und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Kann ich eine diabetische N ­ ephropathie verhindern? Vorbeugen können Sie durch eine gute Blutzucker- und Blutdruckeinstellung, das Vermeiden von Tabakprodukten und durch eine Beschränkung der Eiweißzufuhr aus der Nahrung. Auch sollte nur wenig Kochsalz verwendet werden. Ausreichend Bewegung und regelmäßige Gewichtskontrollen sind ­ 74 Diabetes verstehen 2018

Diabetiker sollten regelmäßig ihren Harn untersuchen lassen.


lust des Gefühls für Kälte oder Hitze in den Füßen hinzu. Auch Berührungen werden nur mehr schwach wahrgenommen. Dies birgt ein erhöhtes Verletzungsrisiko: So erleiden Betroffene beispielsweise mitunter Verbrennungen durch Wärmekissen, weil sie eine verminderte Hitzeempfindung haben. Bei weiterem Fortschreiten der Erkrankung wird ein Verlust der Muskelkraft (Schwäche der Zehenhebung, Fußhebung) beobachtet. Eine Schädigung der Nerven der Beine tritt zumeist in Kombination mit dem diabetischen Fußsyndrom auf. Bei der autonomen Neuropathie liegt eine Störung der Nerven vor, welche die inneren Organe versorgen. Von den häufig unspezifischen Symptomen können alle Organsysteme betroffen sein, wie z.B. Magen-Darm-Trakt (Magenentleerungsstörungen), Herz (Verringerung der Herzfrequenzvariabilität), Sexualorgane (erektile Dysfunktion) und Blase (Entleerungsstörungen). Dramatisch ist diese Störung vor allem im Zusammenhang mit dem Herzen (kardiale autonome Neuropathie = KADN), da hier der Betroffene das Ausmaß nicht rechtzeitig bemerkt. Vereinfacht gesagt, bedeutet dies eine Frequenzfixierung auf einem höheren Herzfrequenzlevel, die mit permanent höherem Herzschlag verbunden und nicht variabel ist. Die Variabilität dient unter anderem dazu, das Herz bei Anstrengung zu schützen; dies ist im Falle der KADN nicht gegeben. Wichtiger Hinweis: Beim Typ-1-Diabetiker sollte spätestens fünf Jahre nach Erstbefund eine Untersuchung auf Nervenschädigungen erfolgen, beim Typ-

Ein diabetischer Fuß kann zu Infektionen führen. 2-Diabetiker unmittelbar nach der Erstdiagnose. Wenn keine Hinweise auf eine Nervenschädigung vorliegen, sollte in der Folge einmal jährlich ein Screening auf Nervenschädigungen durchgeführt werden.

„Diabetischer Fuß“ Chronische, schlecht heilende Wunden und Geschwüre an den Füßen (= diabetisches Ulkus) werden oft unweigerlich mit Diabetes in Verbindung gebracht. Dies hat mehrere Gründe: Einerseits werden die feinen Nervenenden an den Füßen durch die erhöhten Blutzuckerwerte geschädigt. Dadurch werden Hitze, Kälte, Druckstellen und kleine Verletzungen zunehmend schlechter wahrgenommen, weil das Schmerzempfinden verringert ist. Andererseits werden auch die Blutgefäße geschädigt und weniger durchblutet, was zu einer schlechteren Wundheilung führt.

Warum sind Druckstellen so gefährlich? Druckstellen im Schuh werden durch die verringerte Sensibilität zu spät gespürt. Dies kann leicht zu Blasen, HühnerauDiabetes verstehen 2018 75


Folgeerkrankungen gen oder Schwielen führen. Durch die zusätzlich herabgesetzte Infektabwehr beim schlecht eingestellten Diabetiker infizieren sich diese Stellen oft, offene Wunden sind die Folge. Da die Wundheilung durch die Schädigung der Blutgefäße und die Unterversorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen gestört ist, heilen diese Wunden kaum. Sie können schließlich sogar eine Infektion am Knochen hervorrufen; dies kann eine Amputation erforderlich machen.

Regelmäßige Fußuntersuchungen sind wichtig.

Muss ich mit jeder Druckstelle zum Arzt? Wenn Sie vermehrtes Taubheitsgefühl oder Kribbeln in den Füßen spüren oder ungewöhnliche, länger als sonst anhaltende Rötungen feststellen, auch wenn es Bagatellverletzungen sind, sollten Sie zum Arzt gehen. Ansonsten werden jährliche Kontrolltermine empfohlen.

Wie kann ich meine Füße pflegen? Es ist wichtig, die Füße täglich zu untersuchen, trockene Haut mit fetthaltigen Salben (nicht jedoch die Zehenzwischenräume!) zu pflegen und kleinste Verletzungen umgehend zu versorgen. Tägliches Füßewaschen mit vorsichtigem Abtrocknen, vor allem auch der ­Zehenzwischenräume, ist sehr wichtig. Positive Auswirkungen auf die Durchblutung haben tägliche Fußgymnastik und Bewegung der Beine. Tipps: •A  uf richtiges Schuhwerk achten! Holen Sie hier geschulte Beratung ein. Schuhe kaufen sollten Sie besser am Nachmittag, da die Füße im Laufe des 76 Diabetes verstehen 2018

Tages anschwellen und Sie damit den Kauf von zu kleinen Schuhen vermeiden. Tragen Sie neue Schuhe zu Beginn lediglich ein bis zwei Stunden pro Tag. • Bei der Fußpflege sollten Sie auf geschultes Personal achten und auf Ihren Diabetes hinweisen. • Nicht barfuß herumlaufen – Verletzungsgefahr! • Keine Wärmeflaschen zum Füßewärmen verwenden, da auch die Wärmesensibilität reduziert ist. • Nicht rauchen, da dies die Beindurchblutung beeinträchtigt! Wichtiger Hinweis: Ist ein diabetisches Ulkus aufgetreten, kann dieses – rechtzeitig erkannt – unter ärztlicher Anweisung wieder zum Abheilen gebracht werden. Dies erfordert jedoch viel Geduld und Konsequenz.

Was bedeutet es, wenn ich häufig unter Pilzinfektionen leide? Dafür könnten zwei Gründe ausschlaggebend sein: das durch die Grunderkran-


Folgeerkrankungen kung geschwächte Immunsystem und die Tatsache, dass sich Hefepilze von Zucker ernähren. Häufige Pilzinfektionen können daher Zeichen für eine schlechte Einstellung der Blutzuckerwerte sein. In diesem Fall sollte also nicht nur die Pilzinfektion behandelt, sondern auch die Blutzuckereinstellung überprüft werden.

Wieso kommt es bei Diabetes zu Sexualstörungen? Sowohl bei Männern als auch bei Frauen mit Diabetes treten häufiger Sexualstörungen auf als bei Menschen ohne Zuckerkrankheit. Die Ursachen dafür lieBei Sexualstörungen: Reden Sie mit Ihrem Arzt! Hilfe ist möglich.

gen in einem veränderten Hormonspiegel (niedriges Testosteron beim Mann), Durchblutungsstörungen, psychischen Problemen sowie in diabetischen Nerven- und Gefäßschädigungen im Genitalbereich. Bei Diabetikerinnen kommt es oftmals zu verminderter Libido, Erregungs- und/ oder Orgasmusstörungen sowie zu Schmerzsymptomen. Diabetiker sind im Schnitt dreimal so häufig von erektiler Dysfunktion bzw. Potenzproblemen betroffen wie Nicht-Diabetiker. Scheuen Sie sich nicht, mit Ihrem Arzt über solche Probleme zu reden. Er wird die Ursachen ermitteln und entsprechende Therapien einleiten.

Gibt es einen Zusammenhang zwi­schen Diabetes und Depression? Ja, der Zusammenhang zwischen Depression und Typ-2-Diabetes ist in vielen Studien beschrieben. Menschen mit Diabetes haben ein doppelt so hohes Risiko, an Depressionen zu erkranken, wie jene ohne Zuckerkrankheit. Dies kann einerseits auf die körperlichen und psychischen Probleme, die bei Diabetes auftreten, zurückgeführt werden. Andererseits wird zudem vermutet, dass Depression und Diabetes gemeinsame Risikofaktoren haben, wie z.B. Übergewicht und chronischen Stress. Wichtiger Hinweis: Bei über längere Zeit gedrückter Stimmung, Niedergeschlagenheit, Stimmungsschwankungen oder Ähnlichem sollten Sie mit Ihrem Arzt sprechen. Depression ist eine Krankheit – und sie kann behandelt werden! Diabetes verstehen 2018 77


Sondersituationen bei Diabetes

SONDERSITUATIONEN BEI DIABETES Woran Sie als Diabetiker auch denken sollten

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Blick: Auf einen s en besonder iker ist Rauch et b ia D ür  F • gefährlich. besondere erfordern eine lins. • Flugreisen su ichtlich des In Planung hins ge genen sind eini in er ik et b ia D erheiten • Bei ifische Besond ez p ss ht ec hl sc zu beachten. Bei Frauen nach der Menopause muss die Therapie oftmals angepasst werden.

Geschlechtsspezifische Unterschiede Gibt es bei Diabetes geschlechts­ spezifische Unterschiede? Ja. Es kommt aufgrund von Diabetes nicht nur zu verschiedenen Problemen bezüglich Kinderwunsch und Schwangerschaft (siehe Seite 12), sondern auch andere geschlechtsspezifische Besonderheiten treten auf. So kann es bei Frauen rund um den Eisprung und vor der Menstruation zu stärkeren Blutzuckerschwankungen aufgrund der hormonellen Veränderungen kommen. Auch Blutzuckerschwankungen nach der Menopause aufgrund der Hormonumstellung sind möglich. In diesen Fällen ist eine individuelle Anpassung der Insulintherapie erforderlich. Zudem wurde in Studien beobachtet, dass Frauen schwerer ihre Zielwerte für

HbA1c, Blutdruck, LDL-Cholesterin und Gewicht erreichen als Männer; dies gilt besonders für Frauen nach der Menopause. Hier sind eine entsprechende Schulung und die Anpassung des therapeutischen Programms erforderlich.

Ist das Herz-Kreislauf-Risiko bei ­Frauen mehr erhöht als bei Männern? Ja. Frauen mit Diabetes weisen ein höheres relatives Risiko für Herz-KreislaufErkrankungen auf als Männer mit Zuckerkrankheit. Das heißt, dass der Risikoanstieg bei Frauen mit Diabetes höher ist als bei Männern im Vergleich zu nicht-diabetischen Gruppen gleichen Geschlechts. Daher sollten Frauen auch bei unspezifischen Symptomen (siehe Seite 70) an die Abklärung einer koronaren Herzkrankheit denken. Diabetes verstehen 2018 79


Sondersituationen bei Diabetes

Was ist bei den Medikamenten zu beachten? SGLT-2-Hemmer (siehe Seite 55) sind grundsätzlich auch für Diabetikerinnen ausgezeichnete Medikamente, die das ­Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen vermindern können. Doch bei häufigen Harnwegsinfekten (worunter Diabetikerinnen oftmals leiden) ist Vorsicht geboten, da der Wirkmechanismus von SGLT2-Hemmern zu vermehrtem Harnzucker führt, wodurch das Risiko für bakterielle Infektionen erhöht wird. Bei älteren Diabetikerinnen sollte, vor allem wenn bereits Osteoporose besteht, aufgrund des erhöhten Risikos für Knochenbrüche der Wirkstoff Pioglitazon (siehe Seite 56) vermieden werden. Zudem führen ACE-Hemmer bei Frauen häufiger zu Husten und anderen Nebenwirkungen. Hier kann auf andere ­Medikamente, die das Renin-Angiotensin-System blockieren (AT-RezeptorBlocker) zurückgegriffen werden. Die Cholesterinsenker (Power-Statine), die die Cholesterinbildung verringern, sind zwar bei Diabetikerinnen und Diabetikern gleich effektiv, Frauen neigen jedoch häufiger zu Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten als Männer. Die Medikamentenklasse der PCSK9-Hemmer (siehe Seite 37), die die Aufnahme von LDL-Cholesterin in die Leberzellen vermindern, kann hier von Vorteil sein und auch kombiniert werden.

Rauchen Warum sollten Menschen mit ­Diabetes nicht rauchen? Selbstverständlich ist Rauchen für jeden 80 Diabetes verstehen 2018

Menschen gesundheitsschädlich. Das Risiko für Krebs- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird sowohl durch Aktiv- als auch durch Passivrauchen erhöht. Gerade Diabetiker, die ohnedies ein erhöhtes ­Risiko für Durchblutungsstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben, sollten daher besser ihre Finger von Glimmstängeln lassen. Denn Rauchen – und das gilt auch für Passivrauchen – kann eine bereits bestehende Diabeteserkrankung verschlechtern und die Entstehung von Folgeerkrankungen begünstigen. Auch für die Entstehung von Diabetes ist Rauchen ein Risiko­faktor. Wichtiger Hinweis: Wenn Ihnen der Rauchausstieg schwerfällt, sollten Sie mit Ihrem Arzt darüber sprechen! Es gibt verschiedene Maßnahmen, die bei der Entwöhnung unterstützen können. In der Apotheke stehen beispielsweise Nikotinersatzpräparate zur Verfügung.

Impfen Gibt es besondere Impfempfehlungen für Diabetiker? Bei Diabetikern ist das Infektionsrisiko durch Grippeviren oder PneumokokkenBakterien erhöht; zudem kommt es zu schweren Krankheitsverläufen bei diesen Erregern. Dies kann auch gut eingestellte Diabetiker betreffen. Für Insulin spritzende Diabetiker, die an Influenza erkranken, ist es zudem sehr schwierig, den Blutzuckerspiegel unter Kontrolle zu halten. Meist brauchen sie viel mehr Insulin als sonst – dies gilt auch bei einer Pneumokokken-Infektion. Die Ständige


Sondersituationen bei Diabetes Impfkommission (STIKO) am RobertKoch-Institut empfiehlt Diabetikern daher die Grippe- und die PneumokokkenImpfung. Wichtiger Hinweis: Die Influenza-Impfung muss jährlich aufgefrischt werden; die Pneumokokken-Impfung alle sechs Jahre.

Operationen Was sollten Diabetiker bei einer O ­ peration beachten? Wenn eine Operation erforderlich ist, sollten Sie mit dem behandelnden Arzt die Anpassung Ihrer Diabetestherapie besprechen. Vor der Operation sollte die Einstellung des Blutzuckerspiegels opti-

Für Diabetiker dringend empfohlen: Influenza- und Pneumokokken-Impfung

miert werden, damit der Heilungsprozess bestmöglich verläuft. Eine Therapie mit Metformin sollte rund um eine Operation vermieden und erst postoperativ bei unauffälliger Nierenfunktion wieder begonnen werden. Auch bei Untersuchungen mit Kontrastmittelgabe sollte die Einnahme von Metformin kurzzeitig unterbrochen und erst nach einer Nierenfunktionskontrolle wieder aufgenommen werden. Operationen und Kontrastmittelgabe können nämlich zu einer Verschlechterung der Nierenfunktion führen, wodurch das Nebenwirkungsrisiko von Metformin steigt.

Flugreisen Was müssen Insulin spritzende ­Diabetiker bei Flugreisen beachten? Vor einem Flug sollten Sie auf jeden Fall mit Ihrem Arzt reden und sich eine Bestätigung ausstellen lassen, dass Sie eine Insulintherapie benötigen. So riskieren Sie keine Probleme, wenn Sie einen Pen mit ins Flugzeug nehmen wollen. Ein Diabetikerausweis mit Notfallhinweisen auf Englisch ist ebenfalls anzuraten. Es empfiehlt sich, das Insulin im Handgepäck mitzuführen. Besprechen Sie die Menge des benötigen Insulins mit Ihrem Arzt! Bei längeren Flugreisen muss der Spritzrhythmus der Zeitumstellung angepasst werden, auch hier berät Sie Ihr Arzt gerne. Für den Fall einer Unterzuckerung sollten Sie zudem Traubenzucker dabei haben. Beachten Sie außerdem, dass Insulinvorräte und die Teststreifen für die Blutzuckermessung vor Hitze und Kälte geschützt werden müssen! Diabetes verstehen 2018 81


Kontrolltermine

Kontrolltermine

Was soll wann überprüft werden?

Monatliche Kontrollen

• Körpergewicht • Blutdruck • Blutzucker nüchtern und 90–120 Minuten nach den ­Mahlzeiten • Häufigkeit von Unterzuckerungen

Vierteljährliche K ­ ontrollen

• HbA1c • Fußinspektion • bei beginnender Nierenfunktionseinschränkung: Harnalbumin und glomeruläre Filtrationsrate/Albumin-Kreatinin-Ratio

Jährliche Kontrollen

• EKG • Netzhautveränderungen • Blutfette (LDL- & HDL-Cholesterin, Triglyzeride) • Harnalbumin • Sensibilität und Durchblutung der Füße • Überprüfung der Nieren • Überprüfung auf Vorliegen einer Depression • Zahnstatus, Mundhygiene

Bei Diagnosestellung z­ usätzlich

• Gefäßuntersuchungen • Überprüfung der Herz-Kreislauf-Funktion • Schilddrüsenfunktionsuntersuchung • Überprüfung der Leberfunktionsparameter • Hörtest (v.a. bei älteren Patienten)

Selbstkontrolle

• Blutzucker-Selbstmessung nüchtern und 90–120 Minuten nach den Mahlzeiten • Blutdruck • Gewicht • Fußpflege/-inspektion

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