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Slum in Mumbai, Indien. Foto: Reuters

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medico international

GERECHTIGKEIT IST GLÜCK Die psychosozialen Folgen globaler Ausgrenzung und Gewalt

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eltweit nimmt die Summe der psychischen Erkrankungen und Belastungen zu – insbesondere Depressionen, Angststörungen und Sucht. Dies betrifft zunehmend die armen und ärmsten Länder dieser Erde, in denen es gleichzeitig am wenigsten Hilfsangebote gibt. Faktoren wie Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit, rapide soziale Umbrüche, gefährliche und stressreiche Lebensbedingungen sowie das Risiko der Gewalt erhöhen nachweislich die Anfälligkeit, psychisch zu erkranken. Dies gilt besonders in Gesellschaften mit einem hohen Grad an Ungleichheit. Gleichzeitig verschärfen sich durch psychische Erkrankungen Armut, Ungleichheit und Ausgrenzung. Ungleichheit macht krank

Zugleich gibt es ein neues Phänomen. Der Zusammenhang zwischen struktureller und direkter Gewalt ist enger geworden, aber gleichzeitig unsichtbarer. Der Politikwissenschaftler Peter Lock spricht von der Veralltäglichung kriegerischer Gewalt als Regulativ neoliberaler Globali-

sierung, die auf der einen Seite extreme Einkommenskonzentrationen und auf der anderen Seite sich ausbreitende Strukturen sozialer Apartheid produziert hat. In dieser Schattenökonomie entwickelt sich für die Verlierer_innen der Globalisierung eine soziale Realität, die durch Überlebenskonkurrenz des ‚Survival of the Fittest’, soziale und sexualisierte Gewalt, Straflosigkeit, Entsolidarisierung und Empathieverlust sowie durch soziale Kälte geprägt ist. Diese subjektive Lebenswirklichkeit bedeutet für viele Menschen, die soziale Realität als privates Scheitern zu erfahren. Sie erleben sich isoliert als Versager_innen, erleben familiäre Gewalt und Konflikte als persönliche Unfähigkeit, sind mit psychischer Krankheit, Drogen- und Alkoholmissbrauch konfrontiert und haben Vertrauen in sich und die Welt verloren. Was bedeutet Hilfe in solchen Kontexten? Und was ist hilfreich und was nicht? Der Begriff von psychischen Krankheiten wie z.B. Trauma oder Depression ist von den


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gesellschaftlichen Bedingungen und den jeweiligen kulturellen Deutungsmustern, unter denen er geprägt wird, nicht zu trennen. Die Globalisierung von biomedizinischen Kategorien wie PTSD (Posttraumatische Belastungsstörung) oder Depression, die Sprache und Erklärungsmodell des Westens durchsetzt, geht einher mit der Privilegierung von Expert_innenwissen und den Vermarktungsinteressen von Psychopharmaka und anderen Therapieprodukten. Medikalisierte Störungsdiagnosen individualisieren das Leiden, sie verhindern die Diskussion über Ursachen, Zusammenhänge und politische Verantwortung und verstärken das Gefühl des privaten Scheiterns. Sinani Theaterstück von jungen Männern gegen Gewalt. Foto: Sinani 2011

ist die Folter – die Störungen sind eine normale menschliche Reaktion auf nicht normale unmenschliche Erfahrungen. Für die Überlebenden war die Anerkennung des unermesslichen Leids und die Entprivatisierung der traumatischen Folgen eine Voraussetzung, um wirkliche Hilfe annehmen zu können. medico unterstützte diese Ansätze und begann eine Auseinandersetzung mit psychosozialer Arbeit, die immer beides im Blick hat: die Entprivatisierung krankmachender Erfahrungen durch die Schaffung von öffentlicher Diskussion über soziale und politische Ursachen und den Respekt vor dem konkreten Leid der Betroffenen, denen Hilfe gebührt. medico mischte sich ein in die Debatte um die psychiatrische Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörungen, die genau diesen Zusammenhang ausblendet, kritisiert Therapieangebote, die den politischen, sozialen und kulturellen Kontext ignorieren und die lokale Professionalität entmündigen und sucht den Austausch mit Projektpartnern, die eigene, engagierte Konzepte entwickeln. Rekonstruktion des Sozialen

Rückeroberung von Handlungsfähigkeit Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt medico international die Frage, wie den individuellen, sozialen und politischen Auswirkungen massiver Ausgrenzungs- und Gewalterfahrungen begegnet werden kann, wie Gewaltüberlebende und psychisch Kranke ihre Würde und Handlungsfähigkeit zurückgewinnen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden können. Unser Engagement begann mit der Arbeit mit aus der Haft entlassenen Folteropfern in Chile, mit den Versuchen engagierter chilenischer Therapeut_innen der Organisation ILAS, den Folterüberlebenden psychosoziale Hilfe zukommen zu lassen. Schon bald wurde klar, dass es zentral ist, die Betroffenen nicht zu pathologisieren, sie nicht als krank zu betrachten, auch wenn die Folter massive gesundheitliche Störungen zur Folge hatte. Denn krank

Dabei hat sich psychosoziale Hilfe weit über Therapie hinaus entwickelt. Traumatische Erfahrungen in Kontexten extremer Armut und Ausgrenzung erfordern Hilfe für Veränderungsprozesse, die alle Bedürfnisse wahrnimmt und ganzheitlich organisiert ist: Die südafrikanische Organisation Sinani, die mit marginalisierten, gewaltgeprägten Gemeinden arbeitet, begann die Auswirkungen von Armut und Gewalt auf das Gemeinwesen systemisch zu betrachten, die sowohl die Individuen als auch die sozialen Beziehungen und Selbsthilfekräfte massiv beeinflussten: ‚Disempowerment’ – Ohnmacht, Fragmentierung – Spaltung von sozialen Beziehungen, Problemkreisläufe und ethische Korrumpierung von sozialen Werten sind dabei Stichworte. Ausgehend davon entwickelte Sinani Unterstützungsangebote, die solche Dynamiken verändern können. Im Zentrum steht der Aufbau und die Weiterbildung von gemeindeorientierten Strukturen, um der Fragmentierung und Zerstörung von Gemeinschaft entgegenzuwirken und Selbsthilfesysteme zu stärken, aber auch um sichere, stabile Orte zu schaffen, in denen Heilung stattfinden kann. Das können Frauengruppen, junge Männer, Gemeindeführer_innen oder Gesundheitsarbeiter_innen sein. Statt mit Individuen wird mit Strukturen und Multiplikatoren auf verschiedenen Systemebenen gearbeitet, die nach dem Kaskadenprinzip die eigenen Erkenntnisse und Fähigkeiten an andere weitergeben.


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Das Thema ‚Trauma’ wird dann bearbeitet, wenn es auftaucht: Oft in Form von Gruppenkonflikten, extremen emotionalen Reaktionen von Mitgliedern, plötzlichem Misstrauen und Aggressionen unter den Teilnehmenden, Gruppendynamiken des Missbrauchs und der Ausgrenzung. Dann versuchen die Sinani-Kolleg_innen einen Dialog über die Hintergründe zu initiieren und über psychische Folgen von Gewalterfahrungen aufzuklären, der individuelles Verständnis und Wertschätzung untereinander fördert. Je nach Situation gibt es weitere Einzelgespräche, Gruppentreffen und Therapieangebote. Die medico Projektpraxis zeigt, dass psychosoziale Arbeit hilfreich sein kann, wenn es ihr gelingt, geschützte Räu-

me zu schaffen und zu verteidigen. Hier erfahren Menschen Empathie und Solidarität, hier können sie reflektieren und Heilungsprozesse ausprobieren. Ziel solcher Arbeit ist es, Menschen zu ermöglichen, sich an persönlichen und sozialen Veränderungsprozessen wieder beteiligen zu können. Solche Orte des Heilens sind im Wesentlichen von Beziehungen geprägt, die eine psychosoziale Haltung ausdrücken: Empathie, Würde, Vertrauen, Respekt und Solidarität. Eine Haltung, die auch die Anerkennung der Komplexität und Verantwortung bedeutet, die Hilfe mit sich bringt. Usche Merk Fachreferentin für psychosoziale Arbeit, medico international

Von medico international geförderte Projekte im psychosozialen Bereich Partner:

Kurzinfo und Projekte:

Action pour le changement (APC) - Haiti

Von der haitianischen Schriftstellerin Yanick Lahens 2008 gegründet, bietet der Verein 'Action pour le Changement' (APC) mit mobilen Bibliotheken Kindern und Jugendlichen, die Opfer des Erbebens vom 12. Januar 2010 geworden sind, in den bis heute existierenden Camps die Möglichkeit, eine Auszeit von ihren schwierigen Lebensbedingungen und der Tristesse des Lageralltags zu finden. Das von medico international unterstützte Projekt wird derzeit von mehr als 1.400 Kindern und Jugendlichen in drei Camps genutzt.

Asociación Campesina para el Desarollo Integral Nebajense (ASOCDENEB) - Guatemala

Die guatemaltekische Organisation wurde von Betroffenen der staatlichen Repression der 1980er Jahre gegründet. Sie unterstützt Opferkomitees und lokale Selbsthilfegruppen, die die gewaltvolle kollektive Geschichte in ihren Gemeinden aufarbeiten. Mit ihrer Erinnerungsarbeit, aber auch mit konkreten materiellen Forderungen helfen sie das kollektive Trauma zu überwinden.

Association Malienne des Expulsés (AME) - Mali

Die AME ist eine seit 1996 bestehende Selbsthilfeorganisation von und für abgeschobene Migrant_innen in Bamako. Die Organisation kümmert sich vorrangig um Abgeschobene und Abgewiesene u.a. aus Europa, dem Maghreb etc., die am Flughafen von Bamako, an der algerisch-malischen oder der mauretanisch-malischen Grenze ankommen. Sie leistet medizinische Nothilfe, aber auch psychosoziale und juristische Beratung, Gesundheitshilfe, arbeitet an einkommensschaffenden Maßnahmen und gewährleistet Aufklärung über das EU-Grenzregime.

Association des Réfoulés d'Afrique Centrale au Mali (ARACEM) - Mali

Die ARACEM ist eine 2006 gegründete Selbsthilfeorganisation abgewiesener Migrant_innen zumeist zentralafrikanischer (Kamerun, Republik Kongo, Demokratische Republik Kongo, Tschad, Zentralafrikanische Republik und Gabun) Herkunft. Im Vordergrund ihrer Arbeit steht die unmittelbare humanitäre Hilfe für Abgewiesene und Transitmigrant_innen mit Unterkunft, Verpflegung, medizinischer und psychosozialer Unterstützung, sowie der Kampf gegen Xenophobie und Ausgrenzung in Mali.

Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer e.V. (BAFF) - Deutschland

Die BAFF ist der Dachverband der Behandlungszentren für Opfer von Menschenrechtsverletzungen und politischer Verfolgung. medico international unterstützt regelmäßig die Fachtagung der BAFF.


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Centro Ecuménico Antonio Valdivieso (CEAV) - Nicaragua

Das CEAV entstand in den 1980ern als eine Art Think Tank der befreiungstheologischen Bewegung. Vor dem Hintergrund der gewaltvollen Vergangenheit Nicaraguas, welche sich in Form multidimensionaler psychosozialer Wunden in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat, begreift das Zentrum psychosoziale Arbeit als wesentliches Werkzeug für die Entwicklung des Landes. Das von medico international geförderte Projekt richtet sich an Jugendliche. Hier sollen die Fähigkeiten von jugendlichen Vertreter_innen von lokalen Organisationen, vermittelt über einen psychosozialen Ansatz, gestärkt werden und so die notwendige soziale Transformation gefördert werden.

Corporación de Promoción y Defensa de los Derechos del Pueblo (CODEPU) - Chile

CODEPU leistet Unterstützung für die Überlebenden der Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur in Chile, insbesondere für diejenigen, die aufgrund der mangelhaften Aufarbeitung noch keine „Wiedergutmachungsleistungen“ erhalten haben: Folteropfer, politische Gefangene, Menschenrechtsverteidiger etc. CODEPU arbeitet in der psychosozialen Beratung von Opfern von Menschenrechtsverbrechen, in Bildungsinitiativen über das Thema Menschenrechte, in der Recherche, Dokumentation und Veröffentlichung von Menschenrechtsverstößen, und sie begleitet Opfer schwerwiegender Menschenrechtsverletzungen juristisch.

Culture and Free Thought Association (CFTA) - Palästina/Gazastreifen

Die Basisorganisation CFTA kämpft in Gaza für die Rechte von Frauen. Das Feld der Aktivitäten, die die Organisation bereitstellt, reicht von Gesundheitszentren über Kulturzentren für Kinder und Jugendliche bis hin zu Büchereien und einem Kreditzentrum für Frauen. Mit ihrer Arbeit bietet CFTA Frauen, die sich in der patriarchalen Gesellschaft in Gaza oftmals nicht gut bewegen können, einen Raum sich auszutauschen und Probleme, z.B. im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt, mit professioneller Hilfe zu bearbeiten. medico international unterstützt CFTA bei ihrer medizinischen und psychosozialen Kampagne zur Frühmedico fördert die einzigen Kurse zur Früherkennung von Brustkrebs im Gazastreifen. Foto: CFTA diagnose von Brustkrebs.

Equipo de Estudios Comunitarios y Acción Psicosocial (ECAP) - Guatemala

ECAP widmet sich seit seiner Gründung 1996 der psychosozialen Arbeit im Rahmen der Aufarbeitung der Diktatur. Ziel ist die Aneignung der Geschichte und die Friedenssicherung in Post-Konflikt-Situationen. Konkret bietet das Team psychosoziale Betreuung für Familienangehörige von Opfern des gewaltsamen Verschwindenlassens und außergerichtlicher Hinrichtungen sowie eine psychosoziale Begleitung für Opfer von Menschenrechtsverletzungen, die an Gerichtsprozessen beteiligt sind. Zudem leistet die Organisation Lobby- und Sensibilisierungsarbeit gegenüber relevanten nationalen Instanzen.

Gays and Lesbians of Zimbabwe (GALZ) - Simbabwe

GALZ setzt sich als Organisation mit ca. 500 Mitgliedern seit 1990 für die Rechte von LGBTI people (lesbian, gay, bisexual, trans- and intersex) in Simbabwe ein, die dort einer starken staatlichen und gesellschaftlichen Repression ausgesetzt sind. GALZ bietet seinen Mitgliedern zum einen einen Schutzraum zum Austausch und stellt Infomaterial und Bücher bereit. Zum anderen finden hier von Diskriminierung und Repression aufgrund ihrer sexuellen Identität Betroffene juristische als auch medizinisch-psychologische Hilfe. Zudem engagiert sich GALZ im Bereich des juristisch-politischen Lobbying und der Öffentlichkeitsarbeit. Indem sich GALZ im Rahmen von Menschenrechtsarbeit verortet, setzt sich die Organisation auch innerhalb der Zivilgesellschaft für die Anerkennung von sexuellen Minderheiten ein.

Internationale Juristenkommission Sektion Zentralame-

Die Internationale Juristenkommission ist eine transnationale NGO mit Sitz in Genf. Mitglieder der Kommission besuchen u.a. Gerichtsverfahren in aller Welt und überprüfen diese auf Verhältnismäßigkeit mit internationalem Recht. Bei dem von medico international geförder-


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rika/ Oficina de la CIJ en América Central - Guatemala

ten Projekt in Guatemala geht es darum, in Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Anwaltsbüro 'Bufete de Derechos Humanos' durch internationale Prozessbeobachtung und Schulung von Anwält_innen und Menschenrechtsaktivist_innen gegen Straffreiheit anzutreten und die Demokratisierung der Justiz voranzutreiben. Fortschritte auf diesem Gebiet dienen vorallem der Verteidigung der Interessen der Landgemeinden – sei es bei der Bearbeitung des Kriegstraumas oder bei der Verteidigung ihrer Interessen gegenüber den Minen- und Wasserenergieprojekten etc.

Internationale Solidarität und Kultur Austausch, Kassel-Berlin (ISKA e.V.) - Deutschland/Guatemala

Seit 2010 veranstaltet die Organisation ein jährliches Filmfestival in Guatemala-Stadt mit einem Schwerpunkt auf den Themen des gewaltsamen Verschwindenlassens und der Erinnerungsarbeit. Ausgangspunkt für die Idee war die erfolgreiche Präsentation des Films „La Isla – Archive einer Tragödie“ im April 2010. medico international unterstützte zudem die Präsentation des gleichen Filmes in Deutschland.

KHANZAD Soziales und kulturelles Frauenzentrum (HAUKARI e.V.) Irak/Kurdistan

Über den deutschen Projektträger Haukari e.V. unterstützt medico international die Arbeit von Khanzad im Norden des Irak. Mittelpunkt der Aktivitäten von KHANZAD ist das 1996 als Begegnungs- und Bildungsstätte gegründete soziale und kulturelle Frauenzentrum in Sulaimania. Ein Schwerpunkt der Arbeit ist die Beratung vor allem von Frauen und Jugendlichen in Krisen-und Gewaltsituationen, sowie gegenüber häuslicher Gewalt und Praktiken der Genitalverstümmelung. Ein weiterer Arbeitsbereich ist die Versorgung und psychosoziale Betreuung von inhaftierten Jugendlichen, Fortbildungen des Gefängnispersonals im Umgang mit Konflikten und Depression unter den Jugendlichen sowie die Arbeit mit den Angehörigen der Inhaftierten. Darüber hinaus macht KHANZAD Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit zur Situation von Frauen und den Umgang mit Gewalt.

Khulumani Support Group - Südafrika

Die Khulumani Support Group ist eine Selbsthilfeorganisation von Überlebenden und Angehörigen von Menschenrechtsverletzungen während der Apartheid. Mit ihren 60.000 Mitgliedern ist die Organisation mittlerweile zu einer Referenz in Südafrika geworden, wenn es um den Umgang mit den Opfern des Apartheid-Regimes geht. Zum Gruppenalltag gehört die psychosoziale Unterstützung wie die praktische Bewältigung des Alltags. Gleichzeitig kämpfen die Khulumanimitglieder mit Kampagnen und Öffentlichkeitsaktionen für die Aufklärung von ungeklärten Fällen, Strafverfolgung von Tätern sowie Entschädigung und soziale Gerechtigkeit. Vor einem New Yorker Gericht haben sie eine Entschädigungsklage gegen multinationale Konzerne, darunter auch die deutschen Firmen Daimler und Rheinmetall, eingereicht, die von der Apartheid profitierten. Nach jahrelangen Kämpfen und Kampagnen, die auch von medico und anderen internationalen Organisationen unterstützt wurden, haben sie einen ersten Sieg mit einem EntschäMpho Masemola auf der Jahreshauptversammlung der digungsangebot von General Daimler AG in Berlin, Mai 2010. Foto: Khulumani Motors 2012 errungen.

Kurdistan Health Foundation (KHF) (HAUKARI e.V.) Irak/Kurdistan

Kurdistan Health Foundation (KHF) ist seit 1991 mit mobilen Gesundheitsteams in der gesundheitlichen und sozialen Aufklärung der Bevölkerung in entlegenen ländlichen Regionen engagiert. Die Teams der KHF haben ihre gesundheitlichen Aufklärungsprogramme zu den Themen Gewalt gegen Frauen und Kinder, Zwangsverheiratung und Genitalverstümmelung erweitert und haben in der Pishder-Region, wo Genitalverstümmelung weit verbreitet ist und es eine hohe Zahl von Ehrenmorden und Selbstverbrennungen unter Frauen gibt, spezielle Aufklärungskampagnen zu familiärer Gewalt und Geschlechterverhältnissen durchgeführt.


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Movimiento Migrante Mesoamericano (MMM) - Mexiko

MMM ist eine mexikanische Gruppe, die sich für die Rechte von Migrant_innen einsetzt. Während zunächst mexikanische Migrant_innen in den USA im Fokus der Gruppe standen, zentriert sich die Arbeit seit 2005 auf die Transmigration durch Mexiko. Seit 2008 fungiert MMM, mit Unterstützung von medico international, als „Gastgeber“ und Organisator der Karawanen Angehöriger verschwundener Migrant_innen aus Zentralamerika. Neben der konkreten Suche, stellt die Karawane für die Angehörigen eine Erfahrung von Solidarität dar, die der Selbstermächtigung der Betroffenen beiträglich ist. Mit Lobby-, Medienund Menschenrechtsarbeit und der konkreten Begleitung von Transmigrant_innen auf dem Weg durch Mexiko sowie der Dokumentation individueller Erfahrungen, setzt sich MMM zudem dafür ein, dass die Menschenrechte der Migrant_inProtestaktion des medico-Partners Karawane der Migranten in Saltillo (Mexiko), November 2011. Foto: Reuters nen gewahrt werden.

Mine Detection Center (MDC) - Afghanistan

Neben dem Schwerpunkt auf der Räumung von Minen bietet das MDC in Kabul eine psychosoziale Beratung für Frauen durch eine professionelle Psychologin an. Diese richtet sich, da sie kostenlos ist, insbesondere an arme Frauen. Die politisch-legale Situation und die spezifische Auslegung des Islams in Afghanistan führen zu einer besonderen Verletzlichkeit von Frauen und zu einem weitgehenden Ausschluss vom öffentlichen Leben, welcher auch den Zugang zu Programmen wie diesem extrem einschränkt. Die Eingliederung der Beratung in ein allgemeines Gesundheitszentrum ermöglicht es Frauen die Beratung anonym und unter dem Vorwand einer medizinischen Untersuchung wahrzunehmen. Zentrale Themen sind Depression, häusliche Gewalt und andere familiäre Probleme.

Nashed Association - Libanon

Entstanden aus politisch aktiven palästinensischen Student_innengruppen setzt Nashed sich für die Stärkung palästinensischer Jugendlicher im 'Ein El Hiweh Flüchtlingscamp' in Libanon ein. Ziel ist es durch Aktivitäten, wie regelmäßige Treffen mit Jugendlichen aus anderen Lagern, Veranstaltungen zu Themen, wie z.B. 'Jugendliche und Gesellschaft' aber auch dem arabischen Frühling, sowie durch den Einsatz von künstlerischen Mitteln, wie etwa Kurzgeschichten oder -filmen, die Selbstorganisation von Jugendlichen zu stärken und ihre Partizipation in politischen Entscheidungsprozessen und der gesellschaftlichen Entwicklung innerhalb der palästinensischen (Lager-)gesellschaften zu fördern. Mit Tätigkeiten wie dem Girls Club und dem Girls Parliament werden zudem gezielt Mädchen- und Frauenrechte gestärkt und durch die Einbindung insbesondere der Mütter Lösungsangebote für familiäre (Gewalt-)Probleme bereitgestellt.

Network of Ex-Asylum Seekers Sierra Leone (NEAS) - Sierra Leone

Das NEAS ist eine Selbsthilfegruppe von aus Deutschland abgeschobenen Sierra Leoner_innen. Ein wesentliches gemeinsames Interesse der Gruppe ist es, ihre Erfahrungen und ihre Sicht der Dinge öffentlich zu machen, um sich gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung zu wehren und als Menschen, denen Unrecht angetan wurde und wird, sichtbar zu werden – sowohl in Sierra Leone als auch in Deutschland. Die Aufklärungsarbeit der Gruppe beinhaltet zum einen den gewaltvollen Abschiebungsprozess und zum anderen die subjektiven Lebensrealitäten von Menschen, die nach Abschiebungen in ihrem Herkunftsland wieder einen Platz finden müssen und gleichzeitig transnationale familiäre Beziehungen im Abschiebeland aufrechterhalten wollen. Gleichzeitig bedeutet die Gruppe für ihre Mitglieder eine psychosoziale Sträkung aufgrund der Erfahrung gegenseitiger Solidarität.

Popular Aid for Relief and Development (PARD)

Der langjährige Projektpartner von medico international, PARD, widmet seine Arbeit seit Jahren den Palästinenser_innen, die in den informellen Siedlungen in Südbeirut und im Südlibanon, außerhalb der offiziellen Flüchtlingslager leben. Schwerpunkte sind die Ge-


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- Libanon

währleistung einer präventiven und medizinischen Basisversorgung einerseits sowie Bildungsprojekte zum Empowerment der Gemeindemitglieder andererseits. medico international unterstützt derzeit insbesondere ein Projekt zur Stärkung der politischen und sozialen Menschenrechte von palästinensischen Kindern, Jugendlichen und Frauen. Durch den Aufbau von Frauen- und Jugendkommitees soll deren Einfluss auf lokale Entscheidungsprozesse gestärkt, Geschlechterdiskriminierung reduziert und die Kommunikation mit den libanesischen Nachbarn verbessert werden. Gleichzeitig geht es bei der Schaffung dieser Strukturen darum das Selbstbewusstsein der Akteur_innen zu stärken und durch gezielte Arbeit mit Kindergruppen bereits frühzeitig geschlechterdemokratische Einstellungen und Praxen zu fördern.

Pro Búsqueda – Asociación Pro Búsqueda de Niñas y Niños Desaparecidos - El Salvador

Pro Búsqueda engagiert sich bei der Suche nach während des Bürgerkriegs verschwundenen und entführten Kindern. medico international unterstützt den psychosozialen Arbeitsbereich der Organisation. Die Mitarbeiter_innen bieten eine psychologische Begleitung bei dem langwierigen und schmerzhaften Suchprozess sowie bei der Wiederzusammenführung der Familien für die gleichermaßen traumatisierten Familienangehörigen und Wiedergefundenen.

Sinani - KwaZulu Natal Programme for Survivors of Violence - Südafrika

Seit Gründung 1995 hat die südafrikanische Organisation Sinani ein Konzept gemeindeorientierter Arbeit in konfliktgeprägten Regionen entwickelt, das friedensfördernde, ökonomische, gesundheitliche und psychosoziale Maßnahmen nicht nur addiert sondern integriert, um die Gemeinden dabei zu unterstützen, soziale, politische und persönliche Veränderungen umzusetzen. medico international unterstützt deren Arbeit auf verschiedene Weise: über Pilotprojekte mit jungen Männern und Gemeindeführern zur Gewaltprävention, mit psychosozialer Unterstützung für Kinder und Pflegeeltern in von HIV betroffenen Familien, mit der Entwicklung von Fortbildungsprogrammen und mit Menschenrechtsarbeit.

The Freedom Theatre (TFT) - Palästina/Westbank

Das Freiheitstheater nutzt Theater als eine Waffe zum Erreichen von sozialer und politischer Veränderung. Den Bewohner_innen des Flüchtlingslagers Jenin in der Westbank werden unterschiedliche Möglichkeiten eröffnet, eigene Fähigkeiten zu entfalten und das Selbstvertrauen aufzubauen, das sie brauchen, um ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen wird ein geschützter Raum geschaffen, in dem sich Phantasien entwickeln und andere Realitäten vorgestellt werden können.

Women Against Violence (WAV) - Israel

Als Palästinenserinnen in Israel kämpfen die 'Frauen gegen Gewalt' gegen eine doppelte Unterdrückung: Auf der einen Seite gegen die Vormacht der Männer innerhalb der arabischpalästinensischen Minderheit in Israel, auf der anderen gegen die Ausgrenzung der arabisch-palästinensischen Minderheit durch die jüdische Mehrheit. Die Verzahnung dieser doppelten Unterdrückung drückt sich in der Verstärkung patriarchaler Strukturen durch die staatliche Ausgrenzung von Palästinenser_innen in Israel aus. Mit dem Halfway House gründeten die Frauen eines der ersten Frauenhäuser im Nahen Osten. Betroffene erhalten Schutz, psychosoziale Unterstützung, persönliche Beratung und Begleitung in juristischen Angelegenheiten.

Zimbabwe Exiles Forum (ZEF) - Südafrika/Simbabwe

Neben der Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit zu Menschenrechtsverletzungen in Simbabwe und verschiedenen Versuchen, diese vor regionale Gerichte zu bringen, hat sich das in Pretoria/Südafrika ansässige ZEF seit 2008 auch mit den xenophoben Ausschreitungen gegen afrikanische Migrant_innen, besonders aus Simbabwe, beschäftigt. Ziel des ZEF ist es zudem, durch die psychosoziale Betreuung von Exil-Simbabwer_innen in Südafrika deren Selbstbewußtsein zu stärken und zur Überwindung erlebter Traumata beizutragen. Durch Vernetzung, Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit engagiert sich ZEF sowohl gegen Abschiebungen und repressive Migrationspolitik als auch gegen xenophobe Einstellungen und Verhaltensweisen.

Zochrot - Israel

Zochrot bedeutet auf hebräisch "sich erinnern". In diesem Sinne setzt sich die israelische Initiative für die Erinnerung und Anerkennung der palästinensischen Geschichte der Nakba, des Verlustes der Heimat 1948, in der israelischen Öffentlichkeit ein. Gleichzeitig entwickelt die Organisation konkrete Strategien für eine mögliche Rückkehr der Palästinenser_innen, mit dem Ziel eines friedlichen Zusammenlebens.


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Seit mehr als 40 Jahren setzt sich medico international für das Menschenrecht auf Gesundheit ein. 1997 wurde die von medico initiierte Internationale Kampagne zum Verbot von Landminen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

TRAUMATOURISMUS Projektion und Markt

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ie WHO schätzt, dass 75-85% der Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen in Entwicklungsländern keinen Zugang zu öffentlichen Versorgungsstrukturen haben. Die meisten werden, wenn überhaupt, von traditionellen Heilern behandelt. Wie allerdings sinnvolle Hilfe aussehen kann, ist Gegenstand von heftigen Debatten. Psychisches Leid ist nicht nur von sozialen und politischen Faktoren beeinflusst, sondern als Krankheitsbild von den jeweiligen kulturellen Deutungsmustern und Vorstellungen abhängig. Hier hat die US-amerikanische Psychiatrie mit der DSM-Diagnostik die Deutungshoheit. Biomedizinische und medikalisierte Krankheitsbilder und Hilfsangebote widersprechen jedoch nicht nur häufig den Vorstellungen und Erwartungen der Betroffenen. Sie individualisieren das Leiden durch einen engen Symptomkatalog und definieren es in Pathologien, die mehr den Marktinteressen von Psychopharmaka und anderer Therapieprodukte zu entsprechen scheinen, als der Sorge um angemessene Hilfe. Manche Zahlen sprechen Bände: In Pakistan und Indien hat der Umsatz von Antidepressiva in den letzten Jahren massiv zugenommen, die meisten davon werden in privaten Apotheken und Arztpraxen verkauft, die sich besonders an die Armen richten. Auch Gewalt- und Katastrophenopfer wecken das Interesse von Experten aus dem Ausland. Immer wieder werden sie Versuchsobjekt von neuen Therapiemethoden und neurobiologischen Studien. Die Frage, welche Hilfe sich die Betroffenen wünschen würden, rückt in den Hintergrund. Das Thema Trauma scheint, kombiniert mit der Idee schneller traumatherapeutischer Hilfe, geradezu eine Entlastungsstrategie für die mitleidenden Beobachter_innen in gesicherten Lebensverhältnissen zu sein.

Nach dem Tsunami 2005 erlebten die betroffenen Länder was der Autor Ethan Watters als die größte, internationale psychologische Intervention aller Zeiten bezeichnete. Schon zwei Wochen nach dem Unglück waren Hunderte von Therapeuten vor Ort, die nur im Weg waren, weil sie die Sprache nicht sprachen und nicht wussten, was sie tun sollten. Trotzdem schien es, als ob jeder, der irgendetwas mit Trauma zu tun hat, vor Ort sein wollte und überall wurden Zahlen publiziert, dass mindestens 15% - manche sprachen gar von 90% - der Überlebenden posttraumatische Störungen entwickeln würden. Darunter auch die Pharmafirma Pfizer, die sofort ein Symposium organisierte, auf dem sie das neue Antidepressiva Zoloft anpries, das Wut und „emotionalen Aufruhr“ beseitigen würde. Mit der ‚Volksarmee’ von Traumatherapeuten kamen auch die Forscher, wie z.B. die Neuropsychologen der Konstanzer Universität, die kurz nach dem Unglück eine Studie über posttraumatische Störungen (PTSD) bei Kindern präsentierten, obwohl selbst das DSM-Manual erst von PTSD spricht, wenn Symptome länger als vier Wochen anhalten. All diese Studien und Interventionen waren vollkommen abgetrennt von lokalen Narrativen über die Bedeutung und Auswirkungen des Tsunami. Der Medizinanthropologe Arthur Kleinman nennt das Dehumanisierung. „Die meisten Katastrophen dieser Welt passieren nicht in der westlichen Welt. Und dennoch mischen wir uns ein. Wir nehmen ihnen ihr kulturelles Narrativ weg und zwingen ihnen unseres auf. Das ist ein drastisches Beispiel dafür wie Menschen entmenschlicht werden.“ Vielleicht ist es die eigene postmoderne Verunsicherung des Westens, deren Projektionen die psychosoziale Hilfswelle seit den 1990er Jahren zur Folge hat. Ganz im ergebnisorientierten Sinne neoliberalen Denkens wird dabei nach der Kraft sozialer Beziehungen und ihren unberechenbaren, manchmal auch befreienden Wirkungen nicht mehr gefragt.

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