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PRIMARE IN PENSION | DR. CLAUDIO GRAIFF

AKTUELL

lichkeiten für eine Therapie bzw. eine Kombination von Therapien entscheiden. Das Verhältnis zum Patienten hat sich von Grund auf verändert. In den Siebzigern hat man den Patienten als Person völlig aus den Augen verloren, sich nur auf den Organismus und sein Problem konzentriert. Ich war dem gegenüber immer sehr skeptisch eingestellt. Unser Körper ist ein Zusammenspiel, man kann nicht zwischen Körper, Seele und Geist unterscheiden. Danach wurde der Kranke in den Mittelpunkt gestellt. Auch das war nicht richtig, auf diese Weise wurde der Patient entmündigt. Alles drehte sich um ihn, aber er hatte nichts mitzureden. Chance: Ideal wäre die goldene Mitte… Dr. Graiff: Genau. Arzt und Patient müssen ein Bündnis schließen, in Beziehung zueinander treten, um die Behandlung gemeinsam anzugehen. Um diese Krankheit zu behandeln, braucht es höchstes klinisches Können, einen Spezialisten, der dem Patienten zuhört und auf seine Bedürfnisse eingeht und einen Patienten, der bereit ist, seine Verantwortung zu übernehmen. Ein Arzt ist mehr als nur ein „Techniker“, ein guter Arzt sollte auch eine gute Allgemeinbildung haben, sich auskennen in Philosophie, Literatur, Wissenschaften und Kunst... Chance: Und was zählt am meisten in der Beziehung Arzt – Patient? Dr. Graiff: Die menschliche Nähe, die Ehrlichkeit. Es muss eine parithetische Beziehung sein, asymmetrisch nur in Bezug auf das medizinische Wissen. Echte Empathie heißt, dass man dem Patienten auch nein sagen kann und er versteht es. Chance: Ihre Generation hat die klinische Onkologie entwickelt, und Sie waren der erste Primar dieser Abteilung. Dr. Graiff: Ja, es stimmt, ich habe meinen Beitrag geleistet zur modernen Onkologie, ebenso wie diese Abteilung. Wir haben gemeinsam nach neuen Wegen gesucht. Unser Team ist Teil einer internationalen Gruppe und was wir gemeinsam vorangetrieben haben, steht heute in Lehrbüchern, die die Geschichte der Onkologie geschrieben haben. Chance: Sie haben an wichtigen Forschungen mitgearbeitet? Dr. Graiff: Heutzutage ist Forschung an das Testen gewisser Produkte gebunden.

Der Eingang der Abteilung für Onkologie im Krankenhaus Bozen

Für mich besteht echte Forschung aus dem Umsetzen von Hypothesen. Wir haben immer danach getrachtet, an unabhängigen Studien mitzuarbeiten und nicht an jenen, die von der Pharmaindustrie vorangetrieben werden. Wir haben uns fern gehalten von „Moden“, vom „me too“. Forschung ist nicht Dash kontro Dixan. Marketing darf nicht der Motor der Forschung sein. Chance: Erinnern Sie sich noch, wann Sie das erste Mal an den Beruf des Arztes dachten? Dr. Graiff: Nein, aber mir kommt ein Foto von mir in den Sinn: Ich war drei oder vier Jahre alt und ging in den Kindergarten in der Venedigerstraße und hörte mit einem Plastikstetoskop ein anderes Kind ab. Chance: …und die Entscheidung für die Onkologie? Dr. Graiff: Im zweiten Jahr Medizin habe ich ein Praktikum in einem Forschungslabor gemacht. Das hat mich damals begeistert. Danach war mir klar, dass ich klinisch tätig sein möchte. Ich habe immer danach getrachtet, meine Arbeit mit dem notwendigen Ernst wahrzunehmen und war immer darum bemüht, nicht zu vergessen, dass jeder neben seinem Verstand auch ein Herz hat.

Chance: Und die Arbeit in diesem schwierigen Bereich hat sie nie belastet? Menschlich oder psychisch? Dr. Graiff: Nein, ich glaube meine starke Motivation und meine humanistische Grundhaltung, meine Kultur haben mir immer geholfen, ein Gleichgewicht zu wahren. Chance: Was nehmen Sie mit aus all diesen Jahren Onkologie mit? Dr. Graiff: Ich habe sehr viele Menschen und ihre Lebensgeschichte kennengelernt, und viele von ihnen treffe ich immer noch hin und wieder! Ich habe mich von ihnen aufgenommen gefühlt und ich habe sie aufgenommen. Mir bleibt die Erinnerung an einige Behandlungen, die besonders gut gelungen sind und die Erinnerung an außergewöhnliche Gelegenheiten, um Kenntnisse bezüglich Ethik und Verantwortung zu vertiefen. Chance: Welches Bild würde ihrem Beruf, ihrer Tätigkeit entsprechen? Dr. Claudio Graiff: Wir sind jeden Tag im Schützengraben, immer an der Front.

DEZEMBER 2017 | NR. 3

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Die Chance 2017-3  

Die Zeitschrift der Südtiroler Krebshilfe - Dezember 2017

Die Chance 2017-3  

Die Zeitschrift der Südtiroler Krebshilfe - Dezember 2017

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