Standortanwalt-Report: VIENNA green economy

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Interview

Immobilien: Klimaschutz als integraler Bestandteil

© Reinhard Lang

Der Verein der Österreichischen Projektentwickler (VÖPE) ist jung, aber ein volkswirtschaftliches Schwergewicht. Die im Verein organisierten Mitgliedsunternehmen schaffen 100.000 Arbeitsplätze und tragen 9,7 Mrd. Euro jedes Jahr zum Bruttoinlandsprodukt bei – Tendenz steigend. Sie entwickeln Immobiliengroßbauprojekte, ganze Stadtteile entstehen durch ihre Planung und Ausführung. Wohnbau ohne den Klimaschutz ist heute schon fast undenkbar, in ein paar Jahren unmöglich und unfinanzierbar. Wo der Schuh drückt und welche Entwicklungen im Immobilienbereich zu erwarten sind, erklärt VÖPE-Präsident Erwin Soravia im Interview. von Christian Wenzl

Erwin Soravia Präsident VÖPE

Herr Soravia, der Verein der Österreichischen Projektentwickler ist noch recht neu. Wer sind ihre Mitglieder und welche Ziele hat der Verband? Wir haben die VÖPE Ende 2019 mit dem Ziel gegründet, unserer spezifischen Branche eine gemeinsame Stimme zu geben, um so von den Stakeholdern besser gehört und in Entscheidungsprozesse eingebunden zu werden. Es ist uns gelungen, uns als Lebensraumentwickler so zu positionieren, dass wir als direkter Ansprechpartner in für uns relevante Themen eingebunden und unsere Positionen und Expertise einbringen können. Darüber hinaus geht es uns darum aufzuzeigen, was wir für die österreichische Bevölkerung tun: Wir schaffen qualitativ hochwertige Wohn- und Arbeitsräume, Bildungs- und Freizeitinfrastruktur. Wir sichern knapp 100.000 Arbeitsplätze und tragen 9,7 Mrd. Euro zum BIP bei. Die Verantwortung, die unsere Branche für die Gesellschaft übernimmt, wollen wir auch nach außen tragen. Welche großen Trends zeichnen sich beim ökologisch wertvollen Immobilienbau ab? Was hat sich da in den letzten Jahren getan? Wir befinden uns mitten in einem riesigen Umbruch. Zur Erreichung - 114 -

der europäischen Nachhaltigkeitsziele, zu denen wir Lebensraumentwickler uns bekennen, orientiert sich die ganze Branche in Richtung ökologischer Bauweise. Das geht vom verstärkten Einsatz nachhaltiger Baumaterialien wie Holz über ökologisch wertvolle Energienutzung bis hin zur Begrünung. Auch bei der Finanzierung von Projekten wird die Nachhaltigkeit – nicht nur die ökologische, sondern auch die soziale – von Immobilienprodukten essenziell sein. Vor allem stellen wir fest, dass eine ökologische Bauweise auch bei Auftraggebern und Endnutzern verstärkt nachgefragt wird. Niederösterreich verzeichnete 2020 ein all-time-high bei Baugenehmigungen. Viele Wiener zieht es aufs Land. Im Garten sitzt es sich besser, wenn der nächste Lockdown kommt. Ist Wien fürs Eigentum mittlerweile unattraktiv oder zu teuer geworden? Unattraktiv ganz bestimmt nicht, aber die Entwicklung der Grundstückspreise in Wien der letzten Zeit ist tatsächlich signifikant. Das verteuert die fertigen Immobilien maßgeblich, und viele Menschen sehen sich nach Alternativen um. Immer mehr Kolleginnen und Kollegen engagieren sich daher verstärkt im niederösterreichischen Umland. Das stellt Raumordnung und Baubehörden vor neue Herausforderungen – hier muss in

Zukunft viel stärker zwischen den Bundesländern der Ostregion zusammengearbeitet werden. Wir sollten Wien nicht mehr als Stadt denken, sondern als Metropolregion, auch in der Governance. Die Wiener Bauordnung soll novelliert werden. Ziel ist, Neubauten in bestehenden Siedlungen zu erschweren. Die Projektentwickler können damit nicht glücklich sein? Nein, und da sind wir uns, wie die Stellungnahmen zeigen, komplett einig mit den anderen Interessensvertretungen. Die Wiener Landesregierung hat sich in ihrem Regierungsprogramm die Themen „Leistbares Wohnen“ und „Klimaschutz“ auf ihre Fahnen geheftet. Die nun geplante Beschränkung der Bebaubarkeit innerhalb der Bauklasse I ist aus unserer Sicht ein Schritt in die falsche Richtung, da sinnvolle Verdichtung erschwert oder gar verunmöglicht wird. Locker bebaute Einfamilienhausgebiete im gut erschlossenen städtischen Raum sind nicht mehr state of the art - darüber besteht in der öffentlichen Debatte weitgehend Einigkeit. Das Einfamilienhaus mit Garten ist im Vergleich zur smarten Wohnung in der Stadt eine Klimasünde. Braucht es hier Anreize oder gar Verbote, um nicht in die Klimafalle zu tappen?