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POLITIK | Ärzte und Patienten zeigen der Gesundheitspolitik die Gelbe Karte  R Seite 18

Chefsache | Patienten als Litfaßsäule sind das beste Marketing für die Praxis  R Seite 26

Sprechstunde | In der JVA Glasmoor sitzt nur der Gefängnisarzt hinter Gittern  R Seite 28

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Magazin rund um das ärztliche Leben

GOLFEN

luss Nach Praxissch en geht es aufs Gre Seite 30

die Medizin wird weiblich

Multitasking zwischen Praxis Und Familie


EDITORIAL.

Liebe Leserinnen und Leser,

I Foto: Miriam Quentin

n diesem Monat sind Sie zur Bundestagswahl und als Schleswig-Holsteiner auch zur Landtagswahl aufgerufen. Die vergangenen Wochen waren geprägt von einem Wahlkampf, der für das Gesundheitswesen wenig Handfestes zu bieten hatte. Ein gestohlener Dienstwagen der Bundesgesundheitsministerin und die Entlassung der schleswig-holsteinischen Landesgesundheitsministerin, die zusammen mit den anderen SPD-Ressortchefs vorzeitig gehen musste, beherrschten die Schlagzeilen mehr als Sachthemen. Für das wirtschaftliche Überleben der Praxis war es wichtiger zu erfahren, was die Honorarreform in Euro und Cent unter dem Strich gebracht hat. Bundesweit sollen gegenüber 2008 zwar fast zwei Milliarden Euro mehr in die Gesamtvergütung geflossen sein, aber die Umverteilung hat riesige Dimensionen angenommen. Fest steht inzwischen, dass die Praxen im Norden von diesem Zuwachs nur unterdurchschnittlich profitieren. In Schleswig-Holstein hat jeder zweite niedergelassene Arzt weniger Honorar erhalten als im Vorjahresquartal. Damit haben sich nicht alle, aber viele Befürchtungen bestätigt. Die hohe Unsicherheit in den Praxen hatte am 15. Juli zu einer Demonstration in Kiel geführt. Erstmals war es schleswig-holsteinischen Ärzteverbänden gelungen, Patienten zu mobilisieren, um ihrer Sorge um die künftige Gesundheitsversorgung Ausdruck zu verleihen. Die Bilder dieser eindrucksvollen Demonstration finden Sie in dieser Ausgabe von Scio genauso wie den Hausbesuch bei einem niedergelassenen Kollegen, der dem Kassenarztsystem den Rücken gekehrt hat. Dr. Gerald Müller ist nicht etwa in einem Alter, in dem er seine beruflichen Aktivitäten langsam einschränken könnte, sondern erst

scio. Magazin für das ärztliche Leben

Mitte 40. Sein Kollege Dr. Hans Köhler dagegen ist dem Kassenarztsystem fast sein ganzes Berufsleben hindurch treu geblieben, hat sich aber Jahrzehnte lang ein Zubrot als Gefängnisarzt verdient. Auch nach Abgabe seiner kassenärztlichen Zulassung hat Köhler diese Aufgabe nicht abgegeben. Scio durfte ihn bei seiner Sprechstunde in der Justizvollzugsanstalt Glasmoor beobachten. Fester Bestandteil in Scio sind die Ratschläge von Experten in der Rubrik Chefsache. Doch es müssen nicht immer die externen Fachleute sein, von denen man als Praxisinhaber lernen kann. Der Hamburger HNO-Arzt Dr. Hans-Jürgen Juhl beschreibt in diesem Heft, wie das Ärztenetz Hamburg Nordwest mit einer virtuellen Rezeption den Patienten einen Mehrwert bietet, ohne dass die einzelne Praxis oder das Netz hohe Summen investieren mussten. Die Idee ist verblüffend einfach umgesetzt und zeigt, wie Netze ihren Mitgliedern auch für die Praxisorganisation wertvolle Unterstützung bieten können. Das Beispiel unterstreicht, was wir schon in unserer Erstausgabe berichtet haben – Netze tragen in vielfältiger Form dazu bei, dass Arztpraxen eine unverzichtbare Stütze des deutschen Gesundheitswesens bleiben. Wenn Sie weitere Anregungen zu diesem oder den anderen Scio-Themen haben – rufen Sie uns an, mailen oder schreiben Sie uns.

Wir freuen uns auf Ihre Reaktionen, Ihr

Dirk Schnack

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inhalt. scio. Ausgabe  III  | MMIX

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Editorial.

Seite 3

BLICKWINKEL. Schweißperlen für den Protest.

Seite 6

Schnittstelle. Nachwuchs für das Netzland.

Seite 8

TITELTHEMA. Die Medzin wird weiblich. Frauen entdecken die ambulante Medizin. Fragen an Dr. Doris Hartwig-Bade. Scio-Expertentipp.

Seite 10 Seite 12 Seite 15

POLITIK.

Telefonterror durch Kundenbetreuer. Ärzte und Patienten verwarnen die Gesundheitspolitik. Qualität und Persönlichkeit sind wichtiger als wirtschaftliche Größe. Konflikte wird es immer geben.

Seite 17 Seite 18 Seite20 Seite 21

»Wir stimmen die Arbeitszeiten ab. Und wenn ein Kind krank ist, kann das jeder nachvollziehen. Das ist bei männlichen Kollegen oft anders, wie man hört.« Dr. karin grabs, Hausärztin in Hamburg

R Frauen holen auf

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Noch überwiegt die Anzahl der männlichen Kollegen in den Praxen – aber schon die Studentinnenzahlen zeigen, dass der Arztberuf in Deutschland künftig weiblich dominiert sein wird.

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INHALT.

Hausbesuch. Ausstieg aus dem System brachte die Freude am Beruf zurück.

Seite22

MEINUNG. Die Gesundheitswirtschaft – Segen oder Fluch für die Versorgung.

Seite24

Chefsache. Machen Sie den Patienten zur Litfaßsäule. Mehrwert durch virtuelle Rezeption.

Seite26 Seite27

Sprechstunde. Beim Gefängnisarzt sind alle Patienten gleich.

Seite28

Praxisschluss. Golffieber!

Seite30

Nachgehakt. Ihre Patientenunterlagen:Verschollen im Behördendschungel.

Seite33

Cartoon. Nicht lustig.

Seite34

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R IMPRESSUM Herausgeber: mediageno Verlags GmbH

Grafik: LayoutDeluxe | Felix Bittmann, Arndtstraße 21, 22085 Hamburg

Geschäftsführung: Miriam Quentin (V.i.S.d.P.)

Druck: Druckhaus Leupelt GmbH & Co.KG, Heideland-Ost 24, 24941 Jarplund-Weding

Redaktionsleitung: Dirk Schnack (d.schnack@mediageno.de)

Bezug: Einzelheft, 6 Euro. Arztpraxen in Hamburg und Schleswig-Holstein wird die Zeitschrift kostenlos zugestellt.

Redaktionelle Mitarbeiter dieser Ausgabe: Carl Culemeyer, Daniela Stohn, Petra Perleberg, Dr. Jürgen Juhl, Ingmar Behrens und Jörg Wohlfromm (Fotos) Anschrift von Verlag und Redaktion: mediageno Verlags GmbH Bahnhofstraße 1–3 23795 Bad Segeberg Telefon: 04551 – 99 99-13 Fax: 04551 – 99 99-282 E-Mail: kontakt@mediageno.de

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Bankverbindung: Volksbank Raiffeisenbank Neumünster, BLZ 21290016, Kontonummer 53265320 Erfüllungsort und Gerichtsstand: Bad Segeberg An allen Beiträgen und Abbildungen steht der mediageno Verlags GmbH das ausschließliche oder einfache Nutzungsrecht sowie das Verwertungsrecht i. S. d. UrhG zu.

scio. – Magazin für das ärztliche Leben er-

scheint alle zwei Monate. Namentlich gekennzeichnete Beiträge und Leserbriefe geben nicht immer die Meinung des Herausgebers wieder; sie dienen dem freien Meinungsaustausch. Anzeigen und Fremdbeilagen stellen allein die Meinung der dort erkennbaren Auftraggeber dar. Der Verlag haftet nicht für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fotos. Die Redaktion behandelt jede Einsendung sorgfältig. Die Redaktion behält sich die Auswahl der Zuschriften sowie deren sinnwahrende Kürzung ausdrücklich vor. Die Zeitschrift, alle Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Mit Ausnahme der gesetzlich zugelassenen Fälle ist eine Verwertung ohne Einwilligung des Herausgebers strafbar. Wenn aus Gründen der Lesbarkeit die männliche Form eines Wortes genutzt wird, ist hiermit auch die weibliche Form gemeint.

R Sie möchten mit einer Anzeige in Scio auf sich aufmerksam machen? Unter der E-Mail-Adresse anzeigen@mediageno.de und der Telefonnummer 04551 – 99 99-13 nehmen wir gern Ihren Auftrag entgegen. Wir unterstützen Sie auch bei der Ideenfindung und Gestaltung für Ihre ausdrucksstarke Werbung. Weitere Informationen im Internet unter www.mediageno.de. 5


BLICKWINKEL.

Schweißperlen für den Protest Es war der größte Protest von Ärzten und Patienten, den Kiel in den vergangenen Jahren erlebt hat. An einem heißen Sommertag waren am 15. Juli rund 3.000 Menschen durch die Kieler Innenstadt gezogen, um der Gesundheitspolitik die Gelbe Karte zu zeigen. foto | Jörg Wohlfromm Für die Anliegen der Ärzte und Patienten war der Tag ein großer Erfolg. Für die Organisatoren vom Kieler Praxisnetz, der Ärztegenossenschaft und den anderen beteiligten Verbänden steckte ein enormer Aufwand dahinter. Seit Monaten wurde geplant. Aus Bettlaken wurden 16 großflächige Banner und Plakate gefertigt. Für die Begleitung des Protestzuges wurden 100 Helfer mit gelben Warnwesten, Demonstranten mit 500 Ratschen und 4.000 Trillerpfeifen ausgestattet. Und im Vorwege wurden die Gelben Karten von Patienten unterschrieben, von denen schließlich 60.000 Stück am Landeshaus an die inzwischen entlassene Gesundheitsministerin Gitta Trauernicht 6

übergeben werden sollten. Die Hausärzte Matthias Seusing, Wolfgang Schulte am Hülse, Anästhesist Andreas Rinck (durch die Gelbe Karte verdeckt), RPN-Mitarbeiterin Julia Fransson und Dr. Peter Sühring (von links) hatten schwer an den Karten zu tragen, die sie vor dem Landeshaus auftürmten. Trauernicht verweigerte übrigens nicht nur an diesem Tag ihr Kommen, sondern fühlte sich auch nicht als Adressatin der Karten. Die Verwaltung des Landtages wollte deshalb die Kosten für die Entsorgung der Karten den Protestorganisatoren in Rechnung stellen – die Ärzte setzten sich juristisch gegen dieses Ansinnen zur Wehr. Weitere Fotos und Bericht auf Seite 18. III | MMIX


BLICKWINKEL.

scio. Magazin f체r das 채rztliche Leben

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Schnittstelle.

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as Pharmaunternehmen Medac investiert rund 18 Millionen Euro in einen neuen Standort in Tornesch. Das in Wedel ansässige Unternehmen legte im Juli den Grundstein für ein neues Forschungs-, Labor- und Logistikgebäude. Von hier aus will Medac seine Stellung im deutschen und internationalen Markt ausbauen. Medac stellt Arzneimittel für die Onkologie, Urologie und Autoimmunerkrankungen sowie diagnostische Testsysteme her und liefert weltweit in 75 Länder. In den vergangenen Jahren verzeichnete das Unternehmen nach Angaben ihres Geschäftsführers Jörg Hans jährlich einen Wachstumssprung zwischen zehn und 15 Prozent. Im abgelaufenen Geschäftsjahr betrug der Umsatz 202 Millionen Euro. Rund die Hälfte davon erwirtschaftet Medac im Inland. Künftig will das Unternehmen auch in den wichtigsten Pharmamärkten der Welt, den USA und

Foto: medac

Pharma made in Schleswig-Holstein

Japan, aktiv werden. Das neue Werk soll im Spätsommer 2010 in Betrieb genommen werden. In einer späteren Ausbaustufe könnten bis zu 120 Mitarbeiter am neuen Standort arbeiten, von denen allerdings viele aus dem Haupthaus in Wedel wechseln werden. Das 1970 gegründete Unternehmen beschäftigt weltweit rund 600 Mitarbeiter, davon rund 90 Prozent in Deutschland.

Nachwuchs für das Netzland

Sana schluckt die Regio Kliniken

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ie unter niedergelassenen Ärzten wegen ihrer expansiven MVZ-Politik umstrittenen Regio Kliniken wechseln den Besitzer. Der Pinneberger Kreistag hat entschieden, dass die private Klinikkette Sana Dreiviertel der Anteile für einen Preis von 2,5 Millionen Euro vom kommunalen Träger erwerben kann. Der Entscheidung war ein heftiges Tauziehen zwischen mehreren privaten Klinikbetreibern um die Regio Kliniken vorausgegangen. Sana verpflichtete sich, die drei Krankenhäuser in Pinneberg, Elmshorn und Wedel sowie ein Hospiz zu erhalten und 35 Millionen Euro in die Standorte zu investieren. Um eine Überschuldung der defizitären Regio Kliniken zu verhindern, stellt Sana zunächst 25 Millionen Euro als Kapitaleinlage zur Verfügung. Der neue Eigentümer verzichtet fünf Jahre lang auf Kündigungen von Personal in der Patientenversorgung. Trotz dieser Zusagen musste Sana am Standort Wedel kurz nach Bekanntwerden der Übernahme eine bittere Pille schlucken. Das Urologenteam um Dr. Tobias Pottek, das ein viel beachtetes Kooperationsmodell mit niedergelassenen Urologen in der Region aufgebaut hatte, wechselte zum 1. September zum Asklepios Westklinikum Rissen. Pottek sieht hier die Chance auf eine überregionale Zentrumsbildung. Auf die Möglichkeit, zu einem anderen Klinikträger zu wechseln, hatten die neun im Netzwerk niedergelassenen Urologen Schleswig-Holstein (NUSS) schon vor der Übernahme für den Fall hingewiesen, dass der neue Träger Abteilungen verlagert.

Hamburger Genossen diskutieren Annäherung

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und 100 Ärzte aus Lübeck und Umgebung haben einen weißen Fleck auf der Netzkarte von Schleswig-Holstein geschlossen. Das neu gegründete Lübecker Ärztenetz hat sich zum Ziel gesetzt, die beruflichen, wirtschaftlichen und sozialen Interessen der Praxisinhaber zu wahren und zu fördern. Dazu möchte der Verbund Qualität, Effizienz und Effektivität der medizinischen Versorgung verbessern und sich für eine leistungsgerechte und kalkulierbare Honorierung der Praxen einsetzen. Auch die Kommunikation der Praxen untereinander und mit anderen Akteuren aus dem regionalen Gesundheitswesen soll

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verbessert werden. Als Rechtsform wählten die Ärzte aus der Hansestadt den Verein. Jeder niedergelassene Arzt kann unabhängig von seiner Fachrichtung Mitglied werden. Zum Gründungsvorstand wählten die Mitglieder den Allgemeinmediziner Dr. Sven Soecknick. Er wird die Geschäfte des Vereins bis zur ersten ordentlichen Mitgliederversammlung am 10. September führen. In Schleswig-Holstein sind rund 1.000 niedergelassene Ärzte in einem Netz organisiert. Viele versprechen sich davon eine wirksame regionale Interessenvertretung und ein geschlossenes Auftreten etwa gegenüber Krankenhäusern und Krankenkassen.

Nach der Öffnung der Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein für andere Regionen und der dafür vorgenommenen Umwidmung in Ärztegenossenschaft Nord diskutieren die Hamburger Genossen über einen Zusammenschluss. Dr. Udo Heuer, Aufsichtsratsvorsitzender der Ärztegenossenschaft Hamburg, hatte bereits auf der Generalversammlung in Rendsburg signalisiert, dass er eine Fusion nicht ausschließt. Vor der Bundestagswahl und der anschließend zu erwartenden Weichenstellungen für das Gesundheitswesen erwartet Heuer allerdings keine Entscheidung. Auf Nachfrage von Scio sagte Heuer, dass es noch Diskussionsbedarf gebe. Eine Mitgliederversammlung, die über diese Frage entscheiden müsste, wird erst im kommenden Jahr stattfinden. III | MMIX


FOTO: Marienkrankenhaus Hamburg

Schnittstelle.

ZNA-Vorreiter feierte Jubiläum Die Zentrale Notaufnahme (ZNA) des Marienkrankenhauses war in den 80er Jahren ein Novum in Hamburg – inzwischen besteht sie seit 25 Jahren und ZNAs haben sich auch an anderen Standorten längst etabliert. Die Patientenzahl in der ZNA des Marienkrankenhauses ist von anfangs 8.000 auf inzwischen 30.000 im Jahr angestiegen. In Spitzenzeiten fahren die Rettungswagen fast im Minutentakt das Marienkrankenhaus an. Über die sogenannten „Bitte Stören-Karten“ geben viele Patienten an, dass sie sich dort gut aufgehoben fühlten. Geschäftsführer Werner Koch betonte zum Jubiläum die Bedeutung der ZNA als Aushängeschild der Klinik: „Für viele Hamburger Bürger waren wir in den vergangenen 25 Jahren die erste Anlaufstelle. Unsere ZNA prägt somit sehr stark das Bild unseres Hauses.“ Zur Eröffnung der ZNA 1984 hatten andere Krankenhäuser noch getrennte Aufnahmebereiche, aufgeteilt in einen chirurgischen und einen internistischen Teil. Im Marienkrankenhaus dagegen war jede Fachabteilung des Hauses auch in der Notaufnahme vertreten. Heute stehen dort elf Räume inklusive Schockraum mit Überwachungseinheiten zur Verfügung.

Hand Trauma Center im Hamburger Elim Die Klinik für Handchirurgie im Diakonie-Klinikum Elim darf sich als einziges Krankenhaus in Hamburg „Hand Trauma Center“ nennen. Voraussetzung für diesen Titel der Federation of European Societies for Surgery of the Hand (FESSH) ist eine Notfallversorgung rund um die Uhr an jedem Tag im Jahr. Gefordert ist außerdem, innerhalb eines Jahres 730 Verletzungen operativ zu behandeln. Die Klinik für Handchirurgie muss von drei Chirurgen mit abgeschlossener Zusatzausbildung zum Arzt für Handchirurgie besetzt sein. Jeder dieser Fachärzte hat zusätzlich seine mikrochirurgische Fähigkeit nachgewiesen und musste innerhalb eines Zeitraumes von drei Monaten 24 Patienten nach Verletzungen behandelt haben – fünf davon unter Einsatz optischer Vergrößerungsverfahren und mit der Notwendigkeit, Blutgefäße und Nerven wiederherzustellen. Nach Angaben des Diakonie-Klinikums gibt es bundesweit nur acht Kliniken mit diesem Titel. Die nächste befindet sich in Bremen. In der FESSH sind alle medizinischen Fachgesellschaften für Handchirurgie in Europa zusammengeschlossen. Sie legen einheitliche medizinische Standards fest. Die Klinik für Handchirurgie im Elim operiert jährlich mehr als 3.000 Patienten. Schwerpunkt ist die elektive Handchirurgie.


TITELTHEMA. Die Medizin wird weiblich. Medizin zwischen Praxis, Familie und Freizeit: Ärztinnen kämpfen dafür, dass die Rahmenbedingungen dies zulassen.

Die Arztpraxen werden attraktiv:

Frauen entdecken die ambulante Medizin text | Daniela Stohn

foto s | Jörg Wohlfromm

Bei den Studienanfängern stellen Frauen die Mehrheit, auch bei den Berufseinsteigern liegen sie vorn. In den Kliniken klagen viele Ärztinnen über familienfeindliche Arbeitsbedingungen und geringe Aufstiegsmöglichkeiten. Die Niederlassung wird für Medizinerinnen dagegen immer attraktiver.

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ls Familienministerin Ursula von der Leyen Anfang der 90er Jahre als Assistenzärztin an der Frauenklinik Hannover arbeitete und in dieser Zeit Mutter wurde, war das Klima in der Medizin alles andere als familienfreundlich. Sätze wie: „Wir haben Sie zum Arbeiten eingestellt und nicht zum Kinderkriegen“, musste sie sich anhören. Seitdem ist Deutschland zwar familienfreundlicher geworden – nicht zuletzt dank Ursula von der Leyen. Trotzdem stoßen Ärztinnen bei der Ausübung ihres Berufes immer noch an Grenzen. Sie stürzen sich nach dem Medizinstu-

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dium in die Klinikarbeit, doch wenn das erste Kind da ist, folgt meist der Karriereknick. Denn wie soll eine geregelte Betreuung organisiert werden, wenn man nachts arbeiten oder in der eigenen Praxis neben der Sprechstunde noch die Buchhaltung auf die Reihe bekommen muss? Und wenn der Chef keine Rücksicht nimmt, wenn ein krankes Kind zu Hause wartet? „Die Rahmenbedingungen in Kliniken und Praxen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, stimmen noch immer vielfach nicht“, stellt Dr. Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, fest. „Sie erschweren es Ärztinnen, im gewünschten Ausmaß ärztlich tätig zu sein oder reduzieren ihre Karrierechancen.“ Dennoch schreitet die Feminisierung der Medizin in Deutschland unaufhaltsam voran: 61 Prozent der Erstsemester im Fach Humanmedizin waren im Wintersemester 2007/2008 weiblich, so das Statistische Bundesamt. Das liegt zum einen an den besseren Abiturnoten der Mädchen, die Einfluss auf die Vergabe der Studienplätze haben, und zum anderen am Imageverlust des Arztberufes: Er hat vor allem bei Männern an Attraktivität eingebüßt; denn das Einkommen ist bei hohem Arbeitsaufwand nicht mehr mit Gehältern in der freien Wirtschaft vergleichbar. Die NiederlassungsmögIII | MMIX


TITELTHEMA. Die Medizin wird weiblich. Der Anteil der Praxisinhaberinnen, hier Dr. Doris Hartwig-Bade bei einer Untersuchung in ihrer Lübecker HNO-Praxis, wird in den kommenden Jahren stark zunehmen. Bei den Berufseinsteigern stellen Frauen mit rund 58 Prozent bereits die Mehrheit.

«Die Rahmenbedingungen in Kliniken und Praxen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, stimmen noch immer vielfach nicht.» Dr. Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes

lichkeiten und die freie Entfaltung sind beschränkt und die gesellschaftliche Anerkennung hat nachgelassen – alles eher männliche Kriterien der Berufswahl. Was bleibt, sind das soziale Engagement und der menschliche Umgang – Gründe, die eher Frauen bei ihrer Berufswahl beeinflussen, wie die amerikanische Entwicklungspsychologin Susan Pinker in Studien belegt hat. Bei den Berufseinsteigerinnen stellen Ärztinnen mit 57,9 Prozent bereits ebenfalls die Mehrheit. Insgesamt sind laut Bundesärztekammer 43 Prozent aller Ärzte weiblich, Tendenz steigend. Auch der Anteil von Frauen unter den Niedergelassenen steigt in Deutschland seit 2003 kontinuierlich, auf 38,6 Prozent im Jahr 2008. Aber: In der Forschung und in den leitenden Positionen der Krankenhäuser sind Frauen noch immer stark unterrepräsentiert. Und: Rund 10.000 Medizinerinnen, schätzt der Deutsche Ärztinnenbund, üben ihren Beruf nicht aus, weil sie keine familienkompatiblen Stellen fänden. Diese gut ausgebildeten Ärztinnen werden bald fehlen, um die medizinische Versorgung sicherzustellen. Nach Schätzungen der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung scheiden bis zum Jahr 2015 74.449 scio. Magazin für das ärztliche Leben

der derzeit noch in Praxen und Krankenhäusern tätigen Ärztinnen und Ärzte aus Altersgründen aus. Für die große Zahl von meist männlichen Ärzten, die in den Ruhestand gehen, rücken viele Ärztinnen nach. Schon in wenigen Jahren dürften Frauen bei berufstätigen und niedergelassenen Ärzten in der Mehrheit sein, schätzen Experten. „Wenn die ärztliche Leistung nicht wieder entsprechend anerkannt und honoriert wird, haben wir bald nur noch Frauen in der Medizin, weil sie eher dazu neigen, sich ausnutzen zu lassen als Männer“, meint die in Lübeck niedergelassene Dr. Doris Hartwig-Bade, stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohrenärzte e.V. (Interview Seite 12). Damit nicht ganze Fachbereiche oder Landstriche ausbluten, müssen also Arbeitsbedingungen geschaffen werden, die sich an den Bedürfnissen der Frauen orientieren. Aber was wollen die Ärztinnen überhaupt? Eine Umfrage des Marburger Bundes aus dem Jahr 2007 zur beruflichen Situation seiner Mitglieder zeigt den Einfluss tradierter Rollenbilder: Während für 27 Prozent der Ärztinnen, aber nur 19 Prozent der Ärzte eine Reduzierung der Arbeitszeit „am wichtigsten“ war, hielten 35 Prozent der Männer, aber nur 30 Prozent der

R Info Der Deutsche Ärztinnenbund hat Checklisten „Studieren mit Kind“ und „Die familienfreundliche Niederlassung“ erarbeitet. Diese Checklisten sind auf der Homepage des DÄB unter www.aerztinnenbund.de abrufbar, ebenso wie eine Liste mit Kliniken, die Kinderbetreuung anbieten.

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TITELTHEMA. Die Medizin wird weiblich.

«Wenn unsere Arbeit weiter so schlecht bezahlt wird, haben wir bald nur noch Ärztinnen in der Medizin.»

Scio: Sie sind seit 25 Jahren niedergelassen. Was hat sich in dieser Zeit für Ärztinnen verändert? Hartwig-Bade: Die Situation ist deutlich besser geworden, auch wenn unser Beruf mit Familie noch immer nicht optimal vereinbar ist. Es fehlen ausreichend Kinderbetreuungsmöglichkeiten und Kollegen und Vorgesetzte, die Rücksicht auf Familien nehmen. Aber: Die Ehemänner packen heute mehr mit an, was Ärztinnen entlastet. Es gibt mehr Ganztags- und Hortangebote für Kinder als früher. Und standesrechtliche Organisationen wie zum Beispiel die Kassenärztlichen Vereinigungen sind Frauen gegenüber offener geworden. Ich musste mir damals noch anhören, Frauenpraxen seien Hobbypraxen. Heute werben einige Fachgruppen wie die Chirurgen sogar aktiv um Ärztinnen, weil ihnen der Nachwuchs ausgeht. Das war früher undenkbar! Für welche Wege entscheiden sich die Ärztinnen? Das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz hat den Medizinerinnen neue Optionen eröffnet. Sie haben jetzt mehr Möglichkeiten: Sie können in der Klinik arbeiten, sich in einer Praxis oder einem MVZ in Teil- oder Vollzeit anstellen lassen, selbst eine Niederlassung übernehmen oder sich sogar eine Zulassung teilen. Die Teilzulassung ist jedoch nach wie vor die Ausnahme, denn wenn ein Partner aussteigt, fällt die Teilzulassung an die KV zurück. Jede Ärztin muss letztendlich selbst entscheiden, welcher Weg ihr liegt. Eine eigene Praxis erfordert natürlich mehr Einsatz, bietet Frauen aber Vorteile: Sie können ihre Arbeitszeiten selbst bestimmen und sind ihr eigener Chef. Deshalb entscheiden sich auch immer mehr Frauen dafür. Sie engagieren sich seit vielen Jahren in der Standespolitik. Warum sind Frauen auf diesem Gebiet nach wie vor unterrepräsentiert? Es ist eine Zeitfrage, und wer Beruf und Familie vereinbaren muss, hat nicht mehr viel Zeit übrig. Deshalb bin ich auch meistens die einzige Frau bei standespolitischen Veranstaltungen. Ich habe keine Kinder, mich hat die Arbeit im Berufsverband immer sehr interessiert, auch wenn ich oft abends und am Wochenende dadurch sehr eingebunden bin. Aber es hat sich gelohnt: Als Vizepräsidentin des Berufsverbandes der HNO-Ärzte kann ich viel bewegen, auch wenn der Weg dorthin mühsam war. Ich appelliere oft an meine Kolleginnen, sich mehr in der Standespolitik zu engagieren, denn die Rahmenbedingungen für Ärztinnen wären besser, wenn Frauen ihre Ansprüche auf den richtigen Ebenen äußern würden. Was muss passieren, damit die Medizin frauenfreundlicher wird? Ich sehe das so: Die ärztliche Leistung muss wieder entsprechend anerkannt und honoriert werden, sonst haben wir bald nur noch Frauen in der Medizin. Es liegt leider in der Natur der Frauen, sich ausnutzen zu lassen und sozialen Aspekten mehr Priorität einzuräumen als finanziellen und der Anerkennung der eigenen Leistung. Wenn die Bevölkerung in Zukunft sowohl Ärzte als auch Ärztinnen haben möchte, muss unsere Arbeit wieder anständig bezahlt werden. 12

Foto: Daniela Stohn

Dr. Doris Hartwig-Bade (58) arbeitet als niedergelassene Hals-Nasen-Ohrenärztin in Lübeck und ist stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohrenärzte e.V.

Frauen eine höhere Vergütung für vordringlich. Noch deutlicher lagen die Werte bei der Frage auseinander, wie wichtig Ärztinnen und Ärzten ein familienfreundliches Krankenhaus ist. 46 Prozent der Frauen sagten: „am wichtigsten“. Nur 24 Prozent der Männer teilten diese Auffassung. „Es arbeiten mehr Frauen im Arztberuf heute, und das tut der Medizin gut“, meint Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Ärztekammer Hamburg. „Sie arbeiten allerdings eher Teilzeit als Männer und möchten Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Während früher 60 bis 80 Stunden die Woche selbstverständlich waren, wollen Ärztinnen und auch Ärzte heute nicht mehr ausschließlich für den Beruf leben. Ihnen ist an einem Gleichgewicht zwischen Arbeit, Leistung und Freizeit gelegen. Der Trend geht deshalb Richtung Teilzeitstellen und flexibleren Arbeitsmöglichkeiten.“ Großes Manko seien noch immer die Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder. Und auch Teilzeitstellen sind noch in der Minderheit: 60,2 Prozent der Ärztinnen arbeiteten laut Bundesärztekammer 2007 40 Stunden und mehr, nur 14,2 Prozent weniger als 21 Stunden pro Woche.

«Frauen arbeiten allerdings eher Teilzeit als Männer und möchten Familie und Beruf unter einen Hut bringen.» Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Ärztekammer Hamburg

Eine Umfrage des Deutschen Ärzteblattes ergab 2007, dass der Vereinbarkeit von Familie und Beruf am Arbeitsplatz in der ambulanten Medizin mit 74 Prozent deutlich bessere Chancen zugesprochen werden als im Krankenhaus (14 Prozent). „Gerade in Gemeinschaftspraxen mit flexibler gestaltbaren Sprechstunden und gleichgesinnten Kolleginnen fühlen sich Ärztinnen mit Kindern gut aufgehoben“, meint auch Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes. „Sie können ihre Arbeits- und Urlaubszeiten besser an Schule und Ferien anpassen und das Kind notfalls auch mal mitnehmen.“ Laut Marion Grosse, betriebswirtschaftliche Beraterin der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein, haben III | MMIX


TITELTHEMA. Die Medizin wird weiblich.

«Frauen mussten damals deutlich besser sein als die männlichen Kollegen, um in der Klinik ernst genommen zu werden.» Dr. Andrea Müller-Scheven, Hamburg Blankenese

Dr. Andrea Müller-Scheven (links) und Dr. Helga Beltermann (Mitte), hier mit Praxismitarbeiterin Nicole Kluthen, haben flexible Arbeitszeiten, keine Vorgesetzten und vertreten sich gegenseitig – diese Möglichkeiten hatten sie in der Klinik nicht.

R Noch dominieren die Männer, aber die Zahl der Ärztinnen steigt

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12.707 5.655 (44,5%) 1.396

Schleswig-Holstein Anzahl der Ärzte und Ärztinnen insgesamt: Anzahl der Ärztinnen: Niedergelassene Ärztinnen:

14.657 6.074 (41,4%) 1.383 (Quelle: Landesärztekammern, Stand: 31.12.2008)

einem gesperrten Gebiet – je nachdem, welches Modell am besten zur Lebenssituation passt. Dr. Andrea Müller-Scheven und Dr. Helga-Beltermann führen seit 1996 gemeinsam eine internistische Hausarzt-Praxis in Hamburg-Blankenese. „Frauen mussten damals deutlich besser sein als die männlichen Kollegen, um in der Klinik ernst genommen zu werden“, erinnert sich Müller-Scheven (53). Nach zehn Jahren Klinikarbeit entschied sich die zweifache Mutter für die Niederlassung in einer Praxisgemeinschaft: „Mit den ständigen Wochenend- und Nachtdiensten und der Familie, das ging einfach nicht mehr.“ Heute ist die Internistin sehr zufrieden mit dieser Entscheidung: Flexible Arbeitszeiten, keine Vorgesetzten mehr, gegenseitige Vertretungsmöglichkeiten, das findet sie ideal. Ihre Sprechstunden hat sie sukzessive aufgestockt, von drei Vormittagen und einem Nachmittag auf Vollzeit, seit ihre Kinder volljährig

12.08.2009

10:28 Uhr

„MVZ, § 116 B UND IV – W IE GEHT ES

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GEMEINSAM ?“

Wir möchten die bestehenden Möglichkeiten der stationären und ambulanten Verzahnung nutzen, um den Patienten gemeinsam mit professionellen Partnern ein weiteres Plus an Qualität der Vorsorge, Diagnose, Therapie und Nachsorge anzubieten.

Machen Sie sich unter www.marienkrankenhaus.org gerne ein Bild von uns. Zu den Möglichkeiten von Kooperationsarztmodellen informiert Sie unser Ärztlicher Direktor, Dr. med. Eberhard Thombansen, gerne unter der Rufnummer 040 / 25 46 -13 01.

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BE/SPECIAL

Ärztinnen bei der Niederlassung oftmals andere Ansprüche als ihre männlichen Kollegen: „Ihnen ist neben der geregelten Arbeitszeit der Standort wichtig. Für viele kommt eine Praxis auf dem Land nicht in Frage, weil die Arbeitsbelastung überdurchschnittlich, die Schulsituation nicht immer optimal und die Vereinbarkeit von Job und Familie nicht gegeben ist.“ Aber auch die Unsicherheit über noch zu erwartende Änderungen der gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen sei ein wichtiger Faktor. Oft hört Grosse Fragen wie: Soll ich ein ungekündigtes Anstellungsverhältnis für eine Niederlassung aufgeben? Wie kann ich mich organisieren, um genug Zeit für die Familie zu haben? „Die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren für Ärztinnen jedoch erheblich verbessert und ermöglichen zahlreiche flexible Arbeitszeitmodelle“, beruhigt Grosse. „Der ambulante Bereich ist daher für Frauen mittlerweile sehr attraktiv.“ Das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz bietet seit 2007 eine Vielfalt neuer Tätigkeitsprofile im ambulanten Sektor: Ärzte können seitdem wählen, ob sie angestellt in einer Praxis oder in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) arbeiten möchten, als Selbstständige in einer Einzel- oder Gemeinschaftspraxis, mit geteilter oder Vollzulassung oder im Jobsharing mit Option der späteren Zulassung auch in

Hamburg Anzahl der Ärzte und Ärztinnen insgesamt: Anzahl der Ärztinnen: Niedergelassene Ärztinnen:


TITELTHEMA. Die Medizin wird weiblich. Geteilte Zulassung und geteiltes Risiko: Dr. Britta Lieker (links) und Dr. Simone Krahnstรถver sind seit zwei Jahren in einer Gemeinschaftspraxis niedergelassen. Wenn eine von ihnen ausscheidet, hat die andere den ersten Zugriff auf die Teilzulassung.

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TITELTHEMA. Die Medizin wird weiblich.

R Scio-Expertentipp von Dr. Ulrike Bös vom Deutschen Ärztinnenbund Ärztinnen, die sich niederlassen wollen, sollten die Freiberuflichkeit gut planen und organisieren, indem sie:

sind. Nur der wirtschaftliche Druck sei immens: „Man muss es aushalten können, erst mal vier Gehälter bezahlen zu müssen, bevor für einen selbst etwas übrig bleibt.“ Die Kinderärztin Dr. Catrina Lawin-Mosecker (45) ist vor einem Jahr in eine Gemeinschaftspraxis im Ärztehaus Wedel eingestiegen. Die Mutter von drei Kindern (6 bis 13 Jahre) arbeitet dort gemeinsam mit zwei männlichen Kollegen. „Es ist ein Spagat“, gibt sie zu. „Gerade in der Kinderheilkunde wollen wir lange Öffnungszeiten für die Patienten anbieten, sodass wir abends oft erst spät zu Hause sind.“ Trotzdem findet sie: „Es lohnt sich, denn die Arbeit ist sehr erfüllend. Und da ich beruflich anerkannt werden will, möchte ich in unserer Praxis neben meinen Kollegen keine Sonderrolle beanspruchen.“ Frauen wählen aus Gründen der Vereinbarkeit mit der Familie im Arztberuf andere Fachrichtungen als ihre männlichen Kollegen. Von den 6.074 Ärztinnen in Schleswig-Holstein arbeiten 18,4 Prozent als Internistinnen/Allgemeinmedizinerinnen, 5 Prozent als Gynäkologinnen, 4,4 Prozent in der Anästhesiologie. Von den 5.655 Ärztinnen in Hamburg arbeiten die meisten als Internisten/Allgemeinmediziner (16,7 %), in der Anästhesiologie (5,9 %) und Gynäkologie (5,7 %). Fächer, die mit hohem und unplanbarem Arbeitsaufwand verbunden sind wie die Chirurgie, sind dagegen bei Frauen eher unbeliebt. Dr. Britta Liecker und Dr. Simone Krahnstöver (beide 40) haben sich vor zwei Jahren entschieden, in eine Gemeinschaftspraxis in Lübeck einzusteigen und sich eine Zulassung zu teilen, weil eine Niederlassung mit vollem zeitlichen Einsatz und dem unternehmerischen Risiko für die beiden Fachärztinnen für Innere Medizin keine Lösung war. Von Teilzulassungen machen bislang meist Kliniken Gebrauch, wenn sie in Medizinischen Versorgungszentren Arztstellen besetzen. Niedergelassene Ärzte nutzen diese Möglichkeit eher selten, weil die Teilzulassung im Falle des Ausfalls eines Partners an die KV zurückfällt. „Wir haben mit der Teilzulassung nur gute Erfahrungen gemacht“, sagt Liecker. „Die Arbeitszeiten sind mit 22 bis 25 Stunden pro Woche geregelt, wir können unsere Arbeit in Ruhe erledigen und haben genug Zeit für unsere Kinder. Auch das enge ArztPatientenverhältnis ist sehr positiv.“ Mit der KV haben sie vereinbart, dass im Falle des Ausscheidens eines Partners der andere die freie Teilzulassung zuerst übernehmen darf. Beide Ärztinnen arbeiten vier Vormittage, haben eine feste Nachmittagssprechstunde pro Woche und betreuen jeweils rund 400 Patienten. Wichtig ist den beiden befreundeten scio. Magazin für das ärztliche Leben

Dr. Ulrike Bös ist niedergelassene Gynäkologin in Staufen (Baden-Württemberg) und Mentorin beim Deutschen Ärztinnenbund

R verschiedene Finanzierungsangebote bei mehreren Banken einholen und diese vergleichen; R sich vorab über Preise für Arztsitze bei der Kassenärztlichen Vereinigung oder der Ärzte- und Apothekerbank informieren, um keine überteuerte Praxis zu übernehmen; R sich mit Kolleginnen vernetzen, zum Beispiel über die Regionalgruppen des Deutschen Ärztinnenbundes, um sich mit ihnen über Erfahrungen in der Selbstständigkeit austauschen zu können und Fehler zu vermeiden; R sich über die Regionalgruppen des Deutschen Ärztinnenbundes eine Mentorin suchen, die sie während der Einstiegsphase beratend begleitet; R sich rechtzeitig fortbilden zu den Themen Praxismanagement und BWL, zum Beispiel über die Bezirks- und Landesärztekammern, Berufsverbände, Kassenärztliche Vereinigungen, Medizinberatungsfirmen, Banken oder Pharmafirmen; R sich bei Kollegen und Grafikdesignern informieren, welche Außendarstellung sinnvoll ist (Flyer, Internetauftritt, Anzeigen); R sondieren, ob es Kooperationsmöglichkeiten wie Gemeinschaftspraxen oder Praxisgemeinschaften gibt, die ökonomische Vorteile bieten und flexibler sind.

«Wir haben mit der Teilzulassung nur gute Erfahrungen gemacht. Die Arbeitszeiten sind mit 22 bis 25 Stunden pro Woche geregelt, wir können unsere Arbeit in Ruhe erledigen und haben genug Zeit für unsere Kinder. Auch das enge Arzt-Patientenverhältnis ist sehr positiv.» Dr. Britta Liecker, Lübeck

Medizinerinnen, dass sie langfristig eine Wachstumsperspektive haben. Liecker: „Wenn unsere Kinder groß sind, wollen wir auch wieder mehr arbeiten, wenn sich die Möglichkeit einer vollen Zulassung ergibt.“ Dr. Ann-Kathrin Wettstaedt (39) arbeitet seit einem Jahr in der hausärztlichen Praxis Grabs/Hinz/Grabs in HamburgWinterhude als angestellte Allgemeinmedizinerin. „Eine eigene Zulassung kommt nicht in Frage, weil ich ohne wirtschaftlichen Druck Teilzeit arbeiten möchte“, sagt die zweifache Mutter. Sie hat es gut getroffen mit ihrem Arbeitsplatz in der Frauenpraxis: Karin Grabs (63), die die Praxis seit 1989 führt, hat 2001 ihre Tochter Christiane Hinz (40, zwei Kinder) und 2006 ihre Tochter Stefanie Grabs (35, ein Kind) in die Gemeinschaftspraxis aufgenommen. „Wir sind ein Familienbetrieb, in dem nur Frauen arbeiten, und das wirkt sich sehr positiv aufs Arbeitsklima aus“, sagt Karin Grabs. „Wir stimmen die Arbeitszeiten ab, sodass genug Zeit für die Kinder bleibt. Und wenn ein Kind krank ist, kann das jeder nachvollziehen. Das ist bei männlichen Kollegen oft anders, wie man hört.“ Auch die sieben Arzthelferinnen haben Kinder. Alle Angestellten wurden über Bekannte empfohlen oder sind mit den Praxisinhaberinnen befreundet. 15


TITELTHEMA. Die Medizin wird weiblich.

Wir stimmen die Arbeitszeiten ab, so dass genug Zeit für die Kinder bleibt. Und wenn ein Kind krank ist, kann das jeder nachvollziehen. Das ist bei männlichen Kollegen oft anders, wie man hört.“ Dr. Karin Grabs, Hausärztin in Hamburg

25 bis 30 Stunden pro Woche arbeiten Christiane Hinz und Stefanie Grabs im Durchschnitt. Drei Ärztinnen sind immer vormittags zur Sprechstunde da. Nachmittags wechseln sich die Schwestern ab: Eine betreut die Kinder, die andere arbeitet. „Problematisch war nur, dass wir nach einem halben Jahr wieder arbeiten gehen mussten, sonst wäre die Zulassung an die KV zurückgefallen“, sagt Christiane Hinz. „Ich wäre gerne länger zu Hause bei meinen Kindern geblieben.“ Die Wände in der Praxis sind in fröhlichem Grasgrün gestrichen. Karin Grabs summt lächelnd ein Lied vor sich hin. „Ich bin aus Idealismus Ärztin geworden, mir ging es nie ums Geld, eher um den Spaß an der Arbeit, den Umgang mit Menschen“, sagt sie. Ihren Töchtern hat sie diesen Enthusiasmus weitergegeben. Und sie ist froh, dass sie sich um eine Nachfolge keine Gedanken machen muss und ihre Patienten in guten Händen weiß. Vielleicht ist diese Frauenpraxis beispielhaft dafür, wie Frauen die Medizin verändern werden. DÄB-Präsidentin Dr. Astrid Bühren: „Wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass weibliche Ärzte ihre Patienten besser therapieren: Sie sind deutlich zugewandter, fürsorglicher und empathischer und bereichern die Medizin, indem sie die zunehmend 16

erforschten Geschlechtsunterschiede in der Medizin berücksichtigen und leitlinientreuer behandeln. Frauen nehmen sich zehn Prozent mehr Zeit für die Anamnese als Männer und sind dadurch gründlicher bei der Diagnose. Sie legen weniger Wert auf moderne Technologie. Die sprechende Medizin wird durch sie wieder mehr Bedeutung bekommen.“ Trotzdem – oder gerade wegen dieser weiblichen Stärken – ist sie der Meinung, dass sich Ärztinnen dafür einsetzen müssen, dass ihre verantwortungsvolle Tätigkeit auch entsprechend honoriert wird. Bühren: „Nur dann können sie es sich leisten, sich für den Haushalt Hilfe zu holen, um mehr Zeit für die medizinische Versorgung zu haben.“

Dr. Christiane Hinz und Dr. Ann-Kathrin Wettstaedt arbeiten zusammen mit Dr. Karin Grabs (Foto ganz oben, von links) in einer Gemeinschaftspraxis. In dem Familienbetrieb arbeiten nur Frauen – das hat positive Auswirkungen auf das Arbeitsklima, sagen die Praxisangestellten.

III | MMIX


Politik.

Telefonterror durch Kundenbetreuer

Mai 2009: Der Kundenbetreuer teilt der Patientin mit, dass der MDK sie nicht für arbeitsfähig hält. Er zeigt sich erstaunt, dass sie das Ergebnis nicht kennt und äußert sich befremdet, dass ihr von einer Reha abgeraten wurde. Zwei Tage später ruft er erneut an, um der Patientin wegen der Verzögerung bei ihrem behandelnden Orthopäden das ATRIO-Med in Hamburg zu empfehlen. Begründung: Dort gebe es Snacks und Getränke für TK-Versicherte und kaum Wartezeiten. Die Patientin informiert sich über die Einrichtung Gesetzlich versicherte Patienten in Deutschland und lehnt u. a. wegen der längeren Anfahrt ab. Stattdessen sucht sie einen gelten als kassentreu, auch wenn die Kranken- anderen Orthopäden auf. Noch im gleichen Monat fragt der Kundenbetreuer nach, ob Frau S. im ATRIO-Med gewesen sei. Frau S. verneint, verweist kassen manchmal mit ihnen umspringen, als auf die längere Anfahrt und auf ihr Recht auf freie Arztwahl. Sie informiert wären sie nicht von deren Beitragszahlungen den Daueranrufer, dass sie sich einen Termin bei einem anderen Orthopäabhängig. Die Erfahrungen einer Patientin den geholt hat. Daraufhin erklärt der Kundenbetreuer in drohendem Tonfall, dass „die Dinge langsam mal in Gang kommen müssten“. Es gehe nicht sind sicherlich nicht die Regel – aber so an, dass sie Monate auf einen Arzttermin warte. Und er fragt, was sie denn haarsträubend, dass sie sich über ihren Arzt tue, um ihren Gesundheitszustand zu verbessern. Nach Beendigung des Gean Scio gewandt hat. sprächs erleidet die Patientin eine Schmerzattacke. Später beschwert sie sich bei der Vorgesetzten über den forschen Kundenbetreuer und dass sie das Getext | Dirk Schnack fühl habe, von ihm zum Blaumacher abgestempelt zu werden. Derzeit wartet Frau S. auf die Bewilligung ihrer Rehamaßnahme, damit sie wieder arbeitsZwei Vorfälle Ende vergangenen Jahres wird Frau S. noch lange in fähig wird. Eine ihrer ersten Maßnahmen wird dann ein Kassenwechsel sein. Erinnerung behalten: Am 25. November wurden bei ihr schwere Bandscheibenvorfälle diagnostiziert. Einen Tag später kündigte ihr Die TK setzt speziell geschulte Mitarbeiter nach eigenen Angaben ein, um der Arbeitgeber wegen der Erkrankung – was wegen der geringen Versicherte über besondere Versorgungsangebote wie etwa das ATRIO-Med Mitarbeiterzahl auch rechtens war. Was darauf folgte, hätte sie einer zu informieren. „Dies geschieht in der Regel dann, wenn sich aus einem Kundengespräch ergeben sollte, dass die Versicherten aus unterschiedlichen gesetzlichen Krankenkasse in Deutschland niemals zugetraut. Gründen – wie zum Beispiel der Terminvergabe – nicht zufrieden sind“, teilte Januar 2009: Ein Kundenbetreuer aus dem Servicezentrum Kranken- die Kasse hierzu mit.  geld der Krankenkasse in Münster fordert sie telefonisch auf, ihren Orthopäden zu veranlassen, die an ihn gestellten Anfragen zur Person zu beantworten. Zugleich beschwert er sich bei der Patientin über die Telefonanlage der Praxis. Februar 2009: Der gleiche Kundenberater behauptet der Patientin gegenüber, die TK habe von ihr die Nachricht erhalten, dass sie wieder gesund und arbeitsfähig sei. Die Patientin erklärt, dass es sich um eine Verwechslung handeln müsse, da sie erstens nicht arbeitsfähig sei und zweitens keine Nachricht an die TK geschickt habe. Der Kundenbetreuer fordert daraufhin erneut von der Patientin, dass diese ihren Arzt zur Beantwortung der an ihn gestellten Fragen auffordert. März 2009: Der Kundenbetreuer teilt der Patientin am 30. März mit, dass ihr Krankengeldbezug Anfang April ende. Begründung: Der MDK habe entschieden, dass sich ihr Gesundheitszustand soweit verbessert habe, dass sie sich bei der Arbeitsagentur arbeitssuchend melden könne. Für Frau S. bedeutet das: Sie ist zwar nicht arbeitsfähig, soll aber auch kein Krankengeld mehr erhalten. April 2009: Einen Tag vor dem vermeintlichen Ende des Krankengeldbezuges trifft das Schreiben mit der entsprechenden Mitteilung ein. Die Patientin legt umgehend telefonisch Widerspruch ein und erklärt, dass sie die Unterlagen vom Orthopäden persönlich besorgen wird. Daraufhin räumt der Kundenbetreuer ein, dass die ärztlichen Unterlagen doch vorliegen – die Angaben aber angeblich nicht ausreichen. Die Patientin überzeugt sich persönlich beim Arzt, dass die Anfrage beantwortet ist. Der ungehaltene Arzt gibt ihr zu verstehen, dass ihre Anfrage nicht anders als andere MDK-Anfragen beantwortet worden sei. Ende des Monats wird die Patientin vom MDK einbestellt. Sie erfährt nur, dass das Ergebnis an die TK übermittelt werde. Im Verlauf der Untersuchung erklärt ihr der Arzt allerdings, dass er sie noch nicht für fähig halte, eine ambulante Reha durchzustehen. scio. Magazin für das ärztliche Leben

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POLITIK.

Ärzte und Patienten verwarnen die Gesundheitspolitik Erstmals ist es Ärzten im Norden gelungen, dass Patienten wegen der gefährdeten ambulanten Versorgung mit ihnen gemeinsam auf die Straße gehen. Die Demonstration am 15. Juli in Kiel wurde zu einem Schulterschluss von Ärzten und Patienten. text | Dirk Schnack fotos | Jörg Wohlfromm

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ie Farbe Gelb beherrschte an diesem Mittwoch die Kieler Innenstadt und die Treppe vor dem Landeshaus. Sie war als Zeichen für die letzte Warnung gemeint, die Rahmenbedingungen für die ambulante wohnortnahe Versorgung nicht weiter zu verschlechtern. Bei den Politikern kam die Warnung an. Die gesundheitspolitischen Experten der Landtagsfraktionen von CDU, SPD, FDP und den Grünen stellten sich den Demonstranten – im Gegensatz zu der an diesem Tag noch amtierenden Gesundheitsministerin Gitta Trauernicht. Wessen gesundheitspolitischen Konzepte die Protestler bevorzugen, ließ sich am Geräuschpegel festmachen. Heiner Garg von der FDP erhielt lauten Beifall, während die Reden von Angelika Birk (die Grünen) und Jutta Schümann (SPD) im Protest untergingen. Dr. Klaus Bittmann von der Ärztegenossenschaft Nord machte den Abgeordneten deutlich, dass Ärzte und Patienten ihr Abstimmungsverhalten bei gesundheitspolitischen Entscheidungen genau beobachten – und vor der Roten Karte nicht zurückschrecken. 18

III | MMIX


POLITIK.

Matthias Seusing, Dr. Klaus Bittmann, Dr. Wolfgang Keil, Sabine Petersen von Schulterschluss (mit Megafon) und Dr. Ingeborg Kreuz (von links) sprachen zu den rund 3.000 protestierenden Ärzten und Patienten in Kiel. Sie kündigten an, die Entscheidungen der Politiker in der Gesundheitspolitik genau zu verfolgen.

scio. Magazin für das ärztliche Leben

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POLITIK.

«Qualität und Persönlichkeit sind wichtiger als wirtschaftliche Größe» Arztpraxen und Krankenhäuser in Hamburg werden künftig Hand in Hand arbeiten. Davon ist Professor Fokko ter Haseborg überzeugt – denn ohne enge Kooperationen kann sich nach Auffassung des Vorsitzenden der Hamburgischen Krankenhausgesellschaft (HKG) in einem so hart umkämpften Gesundheitsmarkt wie in Hamburg kein Erfolg einstellen. Im Gespräch mit Scio erläutert ter Haseborg, weshalb er die Chancen für eine Zusammenarbeit positiv beurteilt. text | Dirk Schnack

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amburg im Sommer 2008: Heftiger als in jedem anderen Bundesland wird über den Paragrafen 116 gestritten. Auf der einen Seite die Krankenhäuser, die Leistungen auf den ambulanten Bereich ausdehnen und ihre Marktanteile sichern wollen. Auf der anderen Seite Praxisinhaber, die um ihre Patienten fürchten, und einen Wettbewerb, der nicht mit gleich langen Spießen geführt werden kann. Zeitgleich läuft in Schleswig-Holstein scheinbar ein Lehrstück für die Metropole ab. Denn im Nachbarland einigen sich die Beteiligten fast geräuschlos auf Absprachen, wo und in welchem Umfang die Kliniken Leistungen nach dem umstrittenen Paragrafen anbieten. Hamburg im Sommer 2009: Professor Fokko ter Haseborg, Vorsitzender der HKG, beschreibt auf dem zehnten Hamburgischen Krankenhaustag die Notwendigkeit von Kooperationen zwischen Kliniken und Praxen. „Wir laden Sie ausdrücklich ein, die Mauern fallen zu lassen und mit uns zusammen neu und unkonventionell zu denken“, sagt ter Haseborg in Richtung niedergelassene Ärzte. Zugleich geht der Vorstandschef des Albertinen-Diakoniewerks kritisch mit der Selbstverwaltung ins Gericht. „Wäre die Gesetzgebung nicht schon längst mutiger vorangeschritten, wenn wir unsere Innovationsfreude in der Versorgung vor Ort auch in den politischen Gremien stärker einbinden würden?“ fragt ter Haseborg.

«Wir laden Sie ausdrücklich ein, die Mauern fallen zu lassen und mit uns zusammen neu und unkonventionell zu denken.» Prof. Fokko ter Haseborg

R ZUR PERSON Professor Dr. Fokko ter Haseborg ist Betriebswirt und Fachmann für Marketing. Seit 1996 ist er Vorstandsvorsitzender des Albertinen-Diakoniewerks sowie Geschäftsführender Direktor des Albertinen-Krankenhauses und des Albertinen-Hauses – Zentrum für Geriatrie. Unter seiner Ägide hat sich das Albertinen zu einem der wichtigsten Träger in der Hamburger Kliniklandschaft entwickelt. Der 59-Jährige hat neben Betriebswirtschaft auch Mathematik und Informatik studiert und als Direktor das Institut für Handel und Marketing an der Universität Hamburg geleitet. Seit zehn Jahren ist ter Haseborg im Vorsitz der Hamburgischen Krankenhausgesellschaft, alternierend als Erster oder Zweiter Vorsitzender. 20

«Hochspezialisierte Praxen gestalten die Versorgung mit, die sind auf Augenhöhe mit den Krankenhäusern.» Prof. Fokko ter Haseborg

„Man muss das Funktionärsverhalten von der realen Versorgung trennen“, erläuterte ter Haseborg im Gespräch mit Scio. Denn besonders in der Diskussion um den Paragrafen 116 b hat er beobachtet, dass viele Praxen die Situation weit weniger dramatisch beurteilten als etwa die KV. „Hochspezialisierte Praxen gestalten die Versorgung mit, die sind auf Augenhöhe mit den Krankenhäusern“, sagte ter Haseborg. Nachdem sich die Entrüstung über den 116 b gelegt hat, sieht der HKG-Vorsitzende viele Ansätze, wie Krankenhäuser und Praxen in der Hansestadt kooperieren und beide davon profitieren können. Ein Beispiel ist die onkologische Schwerpunktpraxis am Lerchenfeld, die gerade Kooperationsvereinbarungen mit zwei Asklepios Kliniken in Hamburg getroffen hat. Ein anderes Beispiel ist die Facharztklinik Hamburg, in der zahlreiche niedergelassene Ärzte als Belegärzte tätig sind. Ter Haseborg verweist auch auf die vielfältigen Vereinbarungen zur integrierten Versorgung. „Die Zusammenarbeit beginnt nicht erst, sondern hat zum Teil langjährige Tradition“, steht für ter Haseborg fest. Er sieht Hamburg sogar in einer Vorreiterrolle: „Wir sind bundesweit vorneweg.“ Denn schon die hohe Dichte an Krankenhäusern und Arztpraxen macht aus seiner Sicht Kooperationen unausweichlich. So sollten sich auch alle Beteiligten offen zeigen für die Möglichkeiten nach dem Vertragsarztrechtsänderungsgesetz, das etwa zur einen Hälfte die Anstellung in einer Klinik und zur anderen Hälfte eine Tätigkeit im ambulanten Bereich erlaubt. Die von den niedergelassenen Ärzten immer wieder ins Feld geführten unterschiedlichen Wettbewerbsbedingungen werden nach Beobachtung ter Haseborgs zum Teil überbewertet. Entscheidend für Erfolg im Gesundheitswesen ist aus seiner Sicht nicht wirtschaftliche Größe einer Einrichtung, sondern die Qualität ihrer Leistung und die Persönlichkeit des Leistungserbringers. Bei der Suche nach Partnern sind diese Kriterien den Krankenhäusern nach seiner Einschätzung wichtiger als Umsatzzahlen: „Die Chemie zwischen den Partnern muss stimmen.“ 

III | MMIX


Politik.

«Konflikte wird es immer geben.» Mit einer kämpferischen Rede setzte sich Dr. Thomas Maurer aus Leck an die Spitze des Hausärzteverbandes in Schleswig-Holstein. Im Scio-Interview mit Dirk Schnack verrät Maurer, weshalb die Hausärzte künftig eine gewichtigere Rolle in der regionalen Gesundheitspolitik anstreben.

R ZUR PERSON Dr. Thomas Maurer ist 52 Jahre alt und seit 1992 im nordfriesischen Leck niedergelassen. Er arbeitet in Gemeinschaftspraxis mit Dr. Karl Rabe und Dr. Heidrun Mumm zusammen. Maurer ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Vor seiner Niederlassung hat er als Marinestabsarzt in Kiel und als Assistenzarzt in Niebüll gearbeitet und in Frankfurt studiert. Standespolitisch ist Maurer bislang vorwiegend in seiner Funktion als KV-Kreissstellenleiter in Erscheinung getreten. Dem Vorstand des Hausärzteverbandes gehört er seit drei Jahren an. Seine Freizeit verbringt Maurer am liebsten mit seiner Frau und seinen zwei französischen Bulldoggen.

R INFO Vorstand Hausärzteverband Neben Dr. Thomas Maurer zählt auch sein Vorgänger Nicolay Breyer (Schwabstedt) und der zweite Stellvertreter Dr. Stefan Jost (Handewitt) zum engsten Führungskreis des Verbandes. Breyer war nach zwölf Jahren an der Spitze des Verbandes nicht wieder angetreten, um künftig mehr Zeit für ein Fernstudium zu haben. Jost, der neben Dr. Henning Mayerhoff (Schönberg) auch für den Chefposten kandidiert hatte, setzte sich in der Wahl um den zweiten Stellvertreterposten gegen Dr. Hanns-Ulrich Hermann (Neumünster) durch. Schatzmeister bleibt Dr. Sven Warrelmann (Norderstedt), Schriftführer Michael Sturm (Hohn). Beisitzer sind Katrin Berger (Schleswig) und die kommissarische KV-Vorsitzende Dr. Ingeborg Kreuz (Flensburg).

Scio: Herr Maurer, Sie haben bei Ihrer Wahlrede klar Stellung «Wir brauchen in der Tat nicht nur bezogen: Hausärzte müssen in den Gremien der ärztlichen KörAktivisten für den Vorstand, sondern gerade perschaften mehr Verantwortung übernehmen. Dazu gehört in erster Linie mehr Engagement ihrer Mitglieder. Wie wollen Sie auch die Unterstützung durch die Verbandsmitgliedschaft möglichst vieler Ihre Kollegen motivieren? Maurer: Motivation erfordert klare Ziele. Wir wollen die Hausärzte.» hausarztzentrierte Versorgung. Wir wollen die Trennung Dr. Thomas Maurer der hausärztlichen und fachärztlichen Vergütung. Wir wollen Hausarztverträge mit einer planbaren Vergütung ohne ständige EBM-Reformen. Die aktuelle gesundheitspolitische Mir geht es um hausarztzentrierte Versorgung. Da ist es nicht Landschaft gibt uns diese Chance. Das sollte Motivation die Frage, ob es Konflikte geben wird – die wird es geben müssen. Vielmehr ist die Frage, wie wir mit diesen unvergenug sein. meidlichen Konflikten umgehen werden. Für den HausärzteBei den Vorstandswahlen in Rendsburg wurde deutlich, wie verband kann ich sagen, dass wir konstruktiv mit Konflikten notwendig besonders das Engagement der jungen Kollegen ist. umgehen. Wir sind nicht nur konfliktfähig, wir sind auch Es gab zwar viele Kandidaten, aber kaum neue Gesichter. Im konsensfähig. Je breiter wir uns aufstellen können, desto neuen Vorstand sitzen denn auch fast nur alte Bekannte – eine besser. Wir werden aber auch den Alleingang nicht scheuen, Runderneuerung sieht anders aus. Schreckt das nicht junge Kol- wenn hausärztliche Interessen anders nicht durchzusetzen sind. legen ab, sich bei Ihnen zu engagieren? Ich kann dem so nicht folgen. Zwei von sieben Mitgliedern sind neu im Vorstand. Mit Katrin Berger haben wir eine jun- Wie verträgt sich die klare Abgrenzung zu den Körperschaften ge Kollegin ganz neu für den Vorstand gewinnen können. mit ihrer Position als KV-Kreisstellenleiter und der erneuten Sven Warrelmann und ich sind erst seit 2005 überregional Wahl der kommissarischen KV-Vorsitzenden Dr. Ingeborg berufspolitisch engagiert. Das zeigt doch, dass man keine 20 Kreuz in den Vorstand des Hausärzteverbandes? Jahre Funktionärstätigkeit braucht, um bei uns mitgestalten Die KV ist bis in hohe und höchste Positionen reich gesegnet mit Vorständlern aus Berufsverbänden, Genossenschaft, Ärzzu können. tekammer und PVS. Mir ist nicht erinnerlich, dass das jemals Brauchen Sie nicht zunächst mal eine breite Unterstützung an kritisch hinterfragt wurde. Nur wenn der Hausärzteverband der Basis? Mit rund 600 Mitgliedern hat der Landesverband in ins Spiel kommt, wittert man Interessenkonflikte. Ich nehme Schleswig-Holstein doch reichlich Potenzial nach oben – wa- für mich, genau wie die anderen Kolleginnen und Kollegen, rum zeigen so viele Allgemeinmediziner Ihrem Verband noch in Anspruch, meine Positionen innerhalb wie außerhalb der KV zu vertreten. Das ist übrigens in unserer Satzung als Aufdie kalte Schulter? Wir brauchen in der Tat nicht nur Aktivisten für den Vor- gabe des Vorstandes ausdrücklich vorgesehen. stand, sondern gerade auch die Unterstützung durch die Ver- Das gleiche gilt selbstverständlich auch für Frau Dr. Kreuz. bandsmitgliedschaft möglichst vieler Hausärzte. Hier sind die hausärztlichen Internisten und Kinderärzte ausdrücklich Ihr Vorgänger und jetziger Stellvertreter Nicolay Breyer hat für mit angesprochen. Um diese Unterstützung werden wir uns die Vertragsverhandlungen zur hausarztzentrierten Versorgung intensiv bemühen. Unser klares Programm wird uns dabei die Ärztegenossenschaft als Partner ausgewählt. Bleibt es dabei? helfen. Die Hausärzte werden sehen, dass ihre Interessen am Wir haben mit der Genossenschaft in grundsätzlichen Fragen eines Hausarztvertrages Übereinstimmung erzielen könbesten im Hausärzteverband aufgehoben sind. nen. Durch unser gemeinsames Verhandeln haben wir einen In Ihrer Wahlrede haben Sie die Hausärzte nicht nur in den guten Vertrag mit der BKK Nord schließen können. Das ist Mittelpunkt gestellt, sondern auch erkennen lassen, dass Sie mit eine stabile Basis für eine weitere Zusammenarbeit. EntscheiFachärzten, KV und Genossenschaft eine Menge Konfliktpoten- dend für zukünftige Verhandlungen werden aber immer Inzial sehen. Müssen sich die anderen Arztgruppen und Verbände halte sein. Wir werden dabei niemanden ausschließen, der uns hilft, hausärztliche Interessen zu vertreten.  nun auf Alleingänge des Verbandes einstellen?

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HAUSBESUCH.

Ausstieg aus dem System brachte die Freude am Beruf zurück Der Hamburger Allgemeinmediziner Dr. Gerald Müller hat seine Praxis für den Neustart komplett umorganisiert – es war die beste Entscheidung seines Lebens. text | Petra Perleberg

foto s | Jörg Wohlfromm

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entierte, hochqualifizierte Medizin anzubieten. An seinem Praxisstandort haben sich in den vergangenen Jahren die Krankheiten geändert. Stress, Burn-out, psychosoziale Probleme, der Wunsch, die Leistungsfähigkeit zu erhalten – das sind die Themen, die seine Patienten mit in die Praxis bringen. „Mit ganzheitlichen Konzepten aus der Neural- und der Hypnotherapie lassen sich gute Erfolge im gesundheitsorientierten Stress-Management erzielen“, so Müller. „Und dem Patienten ist damit mehr gedient, als mit einer weiteren Überweisung durch das Gesundheitssystem zu irren.“

ine spätklassizistische Stadthausvilla aus dem 19. Jahrhundert, davor ein aufwändig geschmiedetes Eingangsportal unter historischen Leuchten, das in eine vergangene herrschaftliche Zeit einzuladen scheint. Dieser erste Eindruck setzt sich fort, wenn man die Praxisräume von Dr. Gerald Müller am Hallerplatz betritt. Eichenparkett, Stuckdecken und weiße Flügeltüren schaffen ein besonderes Ambiente. Im Wartezimmer klingt klassische Musik. Schwere braune Ledersessel, ein großer originaler Kachelofen und Bücherregale vermitteln Clubatmosphäre in der Nähe des Rothenbaums.

«Weg von einer defizitären Kassenmedizin habe ich nun wieder viel mehr Freude an meiner Arzttätigkeit.» Das ist der Wirkungsraum des bekennenden Hamburgers. Neben der Atmosphäre unterscheidet sich aber noch mehr von anderen Arztpraxen. Aus den vergangenen Jahrhunderten hat sich Müller etwas ganz Besonderes bewahrt: Zeit. Denn Müller hat Ende 2007 seine Kassenzulassung zurückgegeben und betreibt seine Praxis seitdem ausschließlich für Privatversicherte und Selbstzahler. Damit ist er ein Exot. Zwar gibt es in Hamburg neben 3.654 niedergelassenen Ärzten mit Kassenzulassung auch 520 Ärzte, die reine Privatpraxen betreiben. In der Regel erfolgt die Rückgabe aber – anders als bei Müller – aus Altersgründen. Damit Müller mit einer rein privatärztlichen Praxis überleben kann, war eine grundsätzliche Neuorganisation der Praxis erforderlich. Gut 1 ½ Jahre nach diesem Schritt resümiert der Facharzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren und Akupunktur den Start in diese neue Phase: „Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Weg von einer defizitären Kassenmedizin habe ich nun wieder viel mehr Freude an meiner Arzttätigkeit. Und mein psychosomatischer Schwerpunkt kann langfristig auch nur so funktionieren. Ich habe nun wieder deutlich mehr Zeit für meine Patienten. Kein gehetzter Arzt kann gute Psychosomatik anbieten.“ Für Gerald Müller ist der Ausstieg aus dem KV-System eine logische Konsequenz: „Eine Kassenmedizin ist heute als Einzelpraxis nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben. In den Jahren zwischen 2002 und 2007 haben 60 % der GKVVersicherten nur 13 % des Umsatzes gebracht. So kann man den heutigen Ansprüchen der Patienten nicht gerecht werden.“ Kollegen, die sich für sein Modell interessieren, rät er, Nischen im System zu besetzen und eine zuwendungsori22

R ZUR PERSON Dr. Gerald Müller (46) studierte in Hamburg, St. Diego und Los Angeles. Er promovierte 1993 und ist Facharzt für Allgemeinmedizin. Niedergelassen ist er seit 16 Jahren. Er ist verheiratet, hat eine elfjährige Tochter und liebt die rasanten Sportarten: Motorrad, Ski und Snowboard. Mit Kraftsport und dem Rad hält er sich selber über das Jahr fit. Seine Website: www. muellerhamburg.de

Für den 46-Jährigen steht fest, das Gesundheitssystem muss sich ändern. „Die Tendenz zur Industrialisierung der Medizin und eine 08/15-Leitlinienmedizin gehen am Bedarf vorbei.“ Und Müller ist nicht nur einer, der redet, sondern der macht. Deshalb engagiert er sich auch politisch im Landesfachausschuss Gesundheit der CDU, nachdem seine Bemühungen im Hartmannbund in Richtung eines kollektiven Ausstiegs aus dem Kassensystem (Korbmodell) nicht zum gewünschten Erfolg führten. „Diese Arbeit habe ich dann gelassen und habe individuell und selbstverantwortlich für mich mit der Rückgabe der Kassenzulassung gehandelt. Wenn man von bestimmten Ansichten überzeugt ist, dann muss man eben auch mit einem entsprechenden Agieren vorangehen. Anders wird man das System nicht verändern.“ Natürlich haben viele Kollegen sehr skeptisch diesen Schritt Clubatmosphäre in der Arztpraxis. Hier wartet man fast gerne, aber es gibt kaum noch Wartezeiten.

III | MMIX


HAUSBESUCH.

«Ein gehetzter Arzt kann keine gute Psychosomatik anbieten.»

Konzentriert und mit Ruhe ist das Team in der Praxis Müller engagiert tätig. Das Handy muss ausgeschaltet werden, kann aber auch zum „Sitting“ am Empfang abgegeben werden.

verfolgt. Viele aber auch interessiert. Diesen bietet Müller heute in einem Netzwerk ganz praktische Beratungsleistung zur Praxisneuorganisation und Wirtschaftlichkeit an. Die grundlegende Neuorganisation seiner eigenen Praxis führte zu deutlichen Kostenreduzierungen von vormals 160.000 Euro im Jahr auf nun unter 100.000 Euro jährlich. So gibt es nun zwei große Sprechzimmer und einen Funktionsraum. Die weiteren Räumlichkeiten sind untervermietet an eine Psychotherapeutin, eine Physiotherapeutin und einen Orthopäden mit dem besonderen Schwerpunkt Rheumatologie. Müller selbst hat rigoros alle seine Finanzierungen umstrukturiert, Absicherungen überprüft und Anlagen verändert. Nach nunmehr 18 Monaten in seiner Privatpraxis konnte er den Selbstzahlerumsatz deutlich erhöhen. Heute weiß er, dass er das richtige Konzept gewählt hat. Das erste Quartal 2009 brachte so viel Umsatz wie das erste Halbjahr 2008. Müller setzt dabei auf virales Marketing: „Die Mundzu-Mund-Propaganda zeigt sich als effektivstes Werbeinstrument. Anzeigen haben wenig Resonanz gebracht.“ Er

scio. Magazin für das ärztliche Leben

stützt dieses Marketing durch eine transparente Website, die natürlich auch nicht mit den Preisen für die Selbstzahlerleistungen hinterm Berg hält. Seine Patienten empfehlen ihn nicht zuletzt weiter, weil er Ruhe mitbringt, nicht gehetzt wirkt und weil es so gut wie keine Wartezeiten gibt – und das bei reduzierten Sprechzeiten. Er öffnet seine Praxis Montag bis Freitag jeweils vormittags und am Dienstag und Donnerstag auch nachmittags. Von der östlichen Philosophie fasziniert, arbeitet Müller ein Drittel als Hausarzt, ein Drittel als Schmerztherapeut und das weitere Drittel besetzen die sonstigen Naturheilverfahren. Auch seine besonderen Schwerpunkte Neuraltherapie nach Huneke und Akupunktur, die Regulationsdiagnostik mit der Kinesiologie und dem VegaCheck, Hypnotherapie, Homöopathie und Phytotherapie, Eigenblutbehandlung und Thymustherapie sowie die Chelattherapie als nichtoperative Behandlung der Arteriosklerose stehen unter einer Prämisse: Er lässt sich Zeit für seine Patienten. 23


MEINUNG.

Die Gesundheitswirtschaft – Segen oder Fluch für die Versorgung? Die „Konjunkturlokomotive Gesundheit“ hat längst Fahrt aufgenommen. Politiker haben das wirtschaftliche Potenzial des Gesundheitswesens in Deutschland erkannt und loben es als krisenunabhängige Stütze der Volkswirtschaft. Umstritten bleibt, wie viel Wettbewerb das Gesundheitswesen verträgt.

Natürlich ist Gesundheit keine Ware, aber gleichwohl ein riesiges Geschäft. 260 Milliarden werden zur Zeit jährlich für sie ausgegeben und 4,4 Millionen Menschen sind bei den Medizinanbietern, den Industrie- und Serviceunternehmen sowie den Krankenversicherern der Gesundheitswirtschaft beschäftigt – mit steigender Tendenz. Deshalb ist diese Trendbranche seit geraumer Zeit in aller Munde. Während noch vor einigen Jahren allein schon die Wortkombination Gesundheit und Wirtschaft breite Abwehrreaktionen auslöste, werden heute mehr und mehr die Chancen dieses Wirtschaftszweiges ernsthaft diskutiert. Entscheidender Treiber der veränderten Wahrnehmung ist der so kaum erwartete Wandel der Rolle des Patienten im Marktgeschehen. Während wir es vor wenigen Jahren noch weitgehend mit einem expertendominierten Anbietermarkt zu tun hatten, normalisiert sich der Gesundheitssektor allmählich auch auf der Nachfrageseite. Dazu hat die enorme Verbreitung der Nutzung des Internets ganz wesentlich beigetragen. Heute gibt es eine Fülle von Informationsmöglichkeiten bei diversen Portalbetreibern. Daneben stehen auch traditionelle Kommunikationsformen, wie Broschüren und Medienberichte sowie persönliche Beratungen, zur Verfügung. Zudem sind die Menschen bereit, auch private Finanzmittel für Gesundheitsleistungen auszugeben. Hier stehen wir erst am Anfang 24

Von mehr Wettbewerb profitieren alle – auch Patienten und Ärzte. einer dynamischen Entwicklung, da bisher das private Engagement der Bürger für ihre Gesundheit eher problematisiert wurde. Das Gesundheitssystem wird aber in den kommenden Jahren den gleichen Weg gehen, der durch die Rentenpolitik des vergangenen Jahrzehnts vorgezeichnet ist. Die gesetzlichen Versicherungen werden in Zukunft für die gesundheitlichen Grundleistungen aufkommen. Darüber hinausgehende Zusatzangebote werden privat, auch über entsprechende Versicherungen, finanziert werden. Angesichts der tiefgreifenden Veränderungen auf der Nachfrageseite sind die Anbieter der Gesundheitswirtschaft gut beraten, sich positiv auf die neuen Herausforderungen einzustellen. Für die Nutzer, also die Patienten, ist ausschließlich die Lösung, also eine Dienstleistungs-Produkt-Kombination, von Interesse. Nicht mehr die Institution, die Praxis beziehungsweise das Krankenhaus oder die Arztpersönlichkeit allein sind die Auswahlkriterien der Patienten oder ihrer Krankenkassen. Die Medizin als Behandlungslösung rückt ins Zentrum des Gesundheitsmarktes. Markenmedizin setzt strukturierte Prozesse bei der Erstellung von Behandlungslösungen voraus. Eine erfolgreiche Systempartnerschaft zwischen den verschiedenen Akteuren aus Industrie, Service und Medizin ist dazu das Stichwort. Die Integration zunächst völlig konträr auftretender Erfahrungswelten erfordert die Unterstützung der Mitwirkenden

durch Befreiung von belastendem „bürokratischen“ Aufwand. Die Bewältigung der komplexen Logistik in der Gesundheitswirtschaft auf Basis moderner IT-Strukturen ist der zentrale Schlüssel für das Gelingen der Idee wettbewerbsfähiger Gesamtprozesse. Der Wandel von der Institutionen- zur Prozessorientierung erfordert ein „Zusammenrücken“ der Angebotsstrukturen auf dem Gesundheitsmarkt. Deshalb entwickeln sich in letzter Zeit immer mehr Orte mit umfassenden Gesundheitsangeboten aller Art. Die Stichworte dazu sind: Facharztkliniken, Ärztehäuser, Medizinische Versorgungszentren, Diagnostik-Center, Spezialkliniken, Patientenhotels, Wellnesscenter, Tagungszentren, Gesundheitsmalls. Je nach Lage entstehen künftig so mit einem unterschiedlichen Angebotsportfolio ausgestattete Gesundheitscenter. Wer heute den notwendigen Paradigmenwechsel verlangsamt, behindert die Hebung der Produktivitätsreserven und gefährdet das Ziel, gute Medizin zu bezahlbaren Preisen zu erreichen. Deshalb sind innovative Gesundheitsanbieter und Krankenversicherer sowie Industrie- und Serviceunternehmer gleichermaßen gefordert, initiativ zu werden. Es gilt, der Politik Mut zu mehr Wettbewerb zu machen, um die notwendigen gesetzgeberischen Schritte zu wagen. Davon profitieren alle – auch Ärzte – und Patienten sowieso.

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Foto: PRIVAT

Prof. Heinz Lohmann ist Geschäftsführender Gesellschafter der LOHMANN konzept GmbH und Präsident des Gesundheitswirtschaftskongresses in Hamburg.

«Aktive Gesundheitswirtschaft bedeutet gute Medizin zu bezahlbaren Preisen.»


MEINUNG. Das Gesundheitswesen als Branche, Patienten als Kunden, Ärzte als Unternehmer – diese Einstellungen gehen vielen Ärzten zu weit. Für Wettbewerb sehen sie im Gesundheitswesen nur begrenzt Raum. Dennoch drängen Kapitalgesellschaften in die ambulante Versorgung. Im stationären Sektor setzen sich die privaten Träger immer deutlicher gegen die kommunalen Träger durch. In vielen Regionen wäre ohne privatwirtschaftliches Engagement Gesundheitsversorgung gar nicht möglich. Dennoch:

die Vorbehalte vieler Praxisinhaber bleiben bestehen. Ist die Gesundheitswirtschaft für die Versorgung in Deutschland tatsächlich unverzichtbar – oder einfach nur ein gigantisches Geschäftsfeld, in dem Großinvestoren noch höhere Renditen abschöpfen als in anderen Branchen?

R Schreiben Sie uns Ihre Meinung Redaktion Scio, mediageno Verlags GmbH Bahnhofstr. 1–3, 23795 Bad Segeberg E-Mail: kontakt@mediageno.de

Foto: KVSH

Dr. Ingeborg Kreuz ist kommissarische Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein. Zuvor war Kreuz niedergelassene Hausärztin.

Schleswig-Holstein ist nach Expertenangaben das Bundesland, dessen Wirtschaft am meisten von der Gesundheit geprägt ist. Einen großen Anteil daran haben die rund 5.100 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten, die in ihren Praxen mehr als 20.000 Menschen beschäftigen. Sie sind damit ein wichtiger Teil des schleswig-holsteinischen Gesundheitswesens, das im Übrigen auch deshalb scheinbar reibungslos funktioniert, weil die Ärzte in den Praxen unendlich viele unbezahlte Überstunden leisten. Worum geht es den Ärzten und Psychotherapeuten unseres Landes, welche Rolle spielen sie in einem System, das zunehmend von Wettbewerb geprägt ist? Niedergelassene Ärzte sind in der Regel selbstständige Unternehmer, die mit ihrer Praxis eine kleine mittelständische Firma führen. Das kann aber nicht bedeuten, dass sie sich damit widerstandslos den Gesetzen des Marktes unterwerfen müssen. Im „Ulmer Pa­pier“, einem Grundsatzpapier der deutschen Ärzteschaft, verabschiedet auf dem Deut­schen Ärztetag 2008 in Ulm, wird daran erinnert, dass das ärztliche Handeln keine beliebige Dienstleistung ist: „Gute Medizin ist kein Industrieprodukt, sondern eine individuelle Dienstleistung, deren Ergebnis maßgeblich von der Interaktion zwischen den beiden Akteuren Patient und Arzt bestimmt wird – basie­rend auf dem Vertrauen des Patienten in den Arzt sowie der Empathie des Arztes für den Patienten.“ scio. Magazin für das ärztliche Leben

R Info Die Gesundheitswirtschaft gilt als einer der größten Teilbereiche der deutschen Volkswirtschaft. Rund 4,4 Millionen Menschen arbeiten im Gesundheitswesen. Damit sind mehr als zehn Prozent aller deutschen Arbeitsplätze im Gesundheitswesen angesiedelt – Tendenz steigend. Das Umsatzvolumen in diesem Sektor wird je nach Betrachtungsweise unterschiedlich angegeben. Fakt ist, dass das Volumen deutlich über 200 Milliarden Euro liegt und mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Zum Vergleich: Die Automobilindustrie macht inklusive ihrer Zulieferer weniger als zehn Prozent des BIP aus. Große Umsatzträger im deutschen Gesundheitswesen sind neben Arztpraxen Krankenhäuser, Pharmaindustrie und Medizintechnik.

«Das Gesundheitssystem ist keine Industrie.» Praxisinhaber können sich nicht widerstandslos den Marktgesetzen unterwerfen. Diesen Besonderheiten, die das Arzt-Patienten-Verhältnis auszeichnen, wird die Tätigkeit des freiberuflichen Haus- und Facharztes gerecht. Denn die Freiberuflichkeit des Arztes bedeutet mehr, als nur selbstständiger Unternehmer zu sein. Sie garantiert vor allem ein hohes Maß an Unabhängigkeit. Durch diese Unabhängigkeit können sich die niedergelassenen Ärzte auf ihren Beruf – auf die Behandlung von kranken Menschen – konzentrieren. Dieses ärztliche Handeln ist frei von Weisungen eines Arbeitgebers, der andere Interessen verfolgt und dessen Handeln einer ande­ren ökonomischen Rationalität unterliegt.

«Es darf nicht nur um den niedrigsten Preis und die billigste Leistung gehen.» Dr. Ingeborg Kreuz

Wettbewerbliche Elemente im Gesundheitswesen sind zu begrüßen, insbesondere dann, wenn dadurch die Versorgung der Patienten nachweisbar verbessert wird. Doch eine ambulante medizinische Versorgung, die sich nur nach Wettbewerbskriterien organisiert, wäre weder im Interesse einer ärztlichen Tätigkeit, bei der der Patient im Mittelpunkt steht, noch im Interesse der Pati­enten selbst. Dabei geht es nicht um den Schutz der niedergelassenen Ärzteschaft vor dem vermeintlich rauen Wind des Wettbewerbs. Die freie Arztwahl und die Tatsache, dass im System

des Kollektivvertrags jeder gesetzlich Versi­ cherte jeden Vertragsarzt als „seinen“ Arzt wählen kann, geben dem Patienten die Freiheit, unter den Ärzten auszuwählen. Dieses Recht auf freie Arztwahl gilt bisher uneingeschränkt, es sei denn, der Patient selber schränkt dieses Recht durch die Teilnahme an besonderen Versorgungsverträgen – zum Beispiel Verträgen zur hausarztzentrierten Versorgung – ein. Es darf nicht nur um den niedrigsten Preis und die billigste Leistung gehen. Ziel muss sein, dass eine flächendeckende und gerechte medizinische Grundversorgung für alle Bürger erhalten bleibt und der Zugang dazu nicht erschwert wird. Das bewährte Handeln des freiberuflichen Arztes gerät unter Druck, wenn durch die neuen gesetzlichen Möglichkeiten verstärkt Anbieter in den Markt drängen, denen es nicht um die wirtschaftliche Unabhängig­keit im Interesse des Patienten geht, sondern um Marktanteile, neue Unternehmensfelder und letztendlich Gewinnmaximierung. Aus dem vertrauensvollen Arzt-PatientenVerhältnis darf kein Arzt-Kunden-Verhältnis werden. Unser Gesundheitswesen ist eben keine Gesundheitswirtschaft oder Industrie, Ärzte sind keine Kaufleute und Patienten keine Kunden. Gesundheit und Krankheit dürfen nicht zu einer beliebigen Ware, Di­ agnose und Therapie nicht zum Geschäftsgegenstand werden. 25


Machen Sie den Patienten zur Litfaßsäule Praxismarketing sollte einem Gesamtkonzept folgen, in dessen Mittelpunkt die Kommunikation mit dem Patienten steht.

Ingmar Behrens (42) ist Geschäftsführer von Image Marketing GmbH in Kiel.

Stellen Sie sich einen Patienten vor, der mit seinen Beschwerden in eine überfüllte Arztpraxis kommt, in der er von gestressten Mitarbeiterinnen freudlos begrüßt und auf eine mehrstündige Wartezeit eingestimmt wird. Der Blick auf das triste Wartezimmer löst Fluchtreflexe aus. Wer trotzdem bleibt, hat offensichtlich gute Erfahrungen mit der Behandlung gemacht oder keine Alternative. Darauf aber sollte sich kein Praxisinhaber verlassen. Warum kommt ein Patient ausgerechnet in Ihre Praxis? Natürlich weil Sie ein guter Arzt sind. Der Patient kann dies zwar nicht als Fachmann beurteilen, aber er bildet sich trotzdem eine Meinung. Wenn er Sie nicht für einen guten Arzt hielte, würde er einen Kollegen von Ihnen konsultieren. Gute Medizin ist also für jede Praxis eine Grundvoraussetzung, damit Patienten überhaupt kommen. Das bedeutet aber zugleich, dass Ihnen die gute Medizin nicht als Unterscheidungskriterium gegenüber anderen Praxen hilft. Womit können Sie sich abgren-

Die Kompetenz von mehr als 1.000 Operationen im Jahr. Deutschlands führende Prostatakrebs-Klinik. Weitere Informationen finden Sie unter www.martini-klinik.de oder rufen Sie uns an unter 040/74 10 513 13.

zen, sich als unverwechselbar darstellen? Dafür ist eine Marketingstrategie erforderlich, die sich nicht auf einen Wasserspender in der Ecke des Wartezimmers beschränkt. Praxismarketing sollte ganzheitlich und nachhaltig konzipiert sein. Ziel sind zufriedene Patienten, die im Idealfall zu Hause sitzen und wie eine Litfaßsäule jedem, der es hören will – oder auch nicht –, erzählen, wie gut Ihre Behandlung war. Alle Marketinganstrengungen sollten sich daher in erster Linie auf die Kommunikation zwischen Patient und Praxis richten. Das fängt mit der Telefonzentrale und scheinbar banalen Details an: Ist die Mitarbeiterin freundlich, herrscht Ruhe im Hintergrund? Habe ich als Anrufer das Gefühl, dass ich störe oder dass ich im Mittelpunkt des Interesses stehe? Das setzt sich fort an der Anmeldung und im Wartezimmer: Wirkt es hier eher muffig oder modern und gemütlich? Wie eng sitze ich neben anderen Patienten, die ihre Beschwerden röchelnd weitergeben? Passt das Wartezimmerfernsehen in die Gesamtatmosphäre? Sie halten solche Fragen für zweitrangig? Sicher, die Behandlung ist wichtiger. Aber bedenken Sie: Oft ist das Wartezimmer der Raum, in dem sich Ihr Patient am längsten aufhält. Eine Stunde Warten und zehn Minuten beim Doktor – das ist das erlebte Verhältnis. Sorgen Sie also für eine angenehme und professionelle Stimmung in allen Bereichen – das umfasst Sauberkeit und Ordnung bis hin zur Kommunikation der Angestellten untereinander und mit dem Patienten. Schauen Sie auch einmal ehrlich auf Ihren Schreibtisch im Behandlungsraum. Was steht da so alles und vermittelt das einen professionellen Eindruck? Ein großer Stapel Papiere, die unerledigt warten und Sie zwischen drin hektisch am Telefon – kein Patient hat dabei das Gefühl, mit seinen Beschwerden im Mittelpunkt zu stehen. Der Alltag verhindert oft, dass Ihre guten Absichten umgesetzt werden. Um so wichtiger ist das Gesamtkonzept. Darin könnten zum Beispiel folgende Module eingebaut werden: • Medizinischer Lehrpfad: Patienten lernen in Ihrem Wartezimmer gesundes Sitzen. Ein Hersteller medizinischer Sitzbälle könnte Ihnen Probeexemplare zur Verfügung stellen. Daneben könnten Sie einen Bürostuhl platzieren und demonstrieren, wie ein solcher Stuhl rückengerecht eingestellt wird. Die Patienten bekommen Gelegenheit, alles auszuprobieren und werden mit schriftlichem Informationsmaterial versorgt. • Multimedia: Videoinstallationen, normales TV oder Wartezimmerfernsehen können den Patienten die Wartezeit verkürzen, die nicht gerne lesen. Beim Fernsehen sollten Sie aber unbedingt auf einen voreingestellten Sender bestehen – sonst ist Streit unter Patienten nicht ausgeschlossen, die auf ihre Lieblingsserien auch im Wartezimmer nicht verzichten wollen. • Die Praxis als Galerie: Gibt es in Ihrer Nähe Künstler oder Handwerker, die ihre Arbeit einem größeren Publikum präsentieren möchten. Ihre Praxis ist ein natürlicher Begegnungsort mit regelmäßiger Publikumsfrequenz. So schaffen Sie Vorteile für alle: Patienten sind abgelenkt, der Künstler erhält Publikum und Ihre Praxis eine besondere Note. • Duft-Marketing: ein Trend aus dem Handel, der auch in Arztpraxen Einzug hält. Kaum wahrnehmbare Düfte steuern Emotionen und bauen Ängste ab. Ohne die typischen Desinfektionsgerüche verliert eine Praxis eine für manchen Patienten abschreckende Wirkung. Wichtig ist der Unterschied zur Raumbeduftung, die vom Patienten wahrgenommen wird. Duft-Marketing zielt auf das Unterbewusstsein. Es gibt weitere Möglichkeiten. Aber: Einzelmaßnahmen bewirken wenig, manchmal sogar das Gegenteil. Sie laufen Gefahr, dass Sie Ihre Patienten enttäuschen. Stellen Sie sich zum Beispiel eine tolle Homepage vor, die mehr verspricht, als die Praxis halten kann. Wichtig ist, dass die Marketingmaßnahmen zur Praxis und ins Gesamtkonzept passen. 26

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Foto: FDP Schleswig-Holstein

CHEFSACHE.


CHEFSACHE.

Was können Medizinische Versorgungszentren (MVZ), was wir im Praxisnetz nicht auch können? Wer mit Patienten darüber spricht, wird schnell feststellen, dass wir wenig Wettbewerbsnachteile haben. Doch einen Punkt gibt es, den in Einzel- oder Gemeinschaftspraxen niedergelassene Ärzte sehr ernst nehmen sollten: MVZ bieten den Patienten Koppeltermine an. Um mehrere Arztbesuche und längere Wartezeiten zu umgehen, können Patienten verschiedene Facharzttermine hintereinander kombiniert an einem Tag bekommen. In den Praxen dagegen werden Überweisungen ausgestellt, mit denen der Patient zum nächsten Arzt gehen muss und dort einen neuen Termin erhält. Ist ein weiterer Arztbesuch nötig, fallen oftmals noch einmal einige Wochen Wartezeit an – für kranke Menschen ein echter Nachteil, den wir im Ärztenetz Hamburg Nordwest seit Kurzem ausgleichen können, ohne unter einem Dach arbeiten zu müssen. Wir haben eine virtuelle Rezeption geschaffen. Teilnehmende Praxen bieten ihren Patienten damit Termine aus einer Hand und ersparen ihnen damit Wartezeiten und unnötige Wege. So funktioniert die virtuelle Rezeption: Wenn ein Patient einen neuen Termin benötigt, können der Arzt, die Mitarbeiterin an der Rezeption oder die Geschäftsstelle des Ärztenetzes per Computer auf ein Programm zugreifen, in das alle beteiligten Praxen regelmäßig freie Sprechstundenzeiten einspeisen. Für das Einwählen benötigt die teilnehmende Praxis ein Passwort, das am Bildschirm eingegeben wird. Dann sucht man aus der Eingabemaske die gewünschte Fachgruppe aus und erhält eine Übersicht über die teilnehmenden Kollegen. Nach Auswahl eines Kollegen werden die freien Zeiten aufgelistet. Dann kann der Wunschtermin noch am Bildschirm mit dem Patienten abgesprochen werden, bevor dieser das Arztzimmer oder die Praxis verlassen hat. Beispiel: Nach einem Besuch beim Hausarzt empfiehlt dieser die Abklärung bei einem Kardiologen. Der Allgemeinmediziner öffnet an seinem Arbeitsplatz das Terminprogramm und bietet dem Patienten drei verschiedene, noch offene Sprechzeiten bei seinem kardiologischen Kollegen aus dem Praxisnetz an. Der ausgewählte Termin wird sofort belegt und damit für weitere Buchungen aus anderen Praxen geblockt. Der Kardiologe wiederum erfährt nur, dass sein Terminkalender für diese Zeit besetzt ist und aus welcher Praxis ihm ein Patient überwiesen wird. Den Namen des Patienten erfährt er aus Datenschutzgründen erst, wenn dieser in der Praxis erscheint.

Mehrwert durch virtuelle Rezeption Dr. Hans-Jürgen Juhl ist niedergelassener HNO-Arzt in Hamburg-Eidelstedt und Vorsitzender des Ärztenetzes Hamburg Nordwest.

Vernetzte Ärzte können ihren Patienten ohne Zeitverlust Anschlusstermine in anderen Praxen bieten.

R INFO Ärztenetz Hamburg Nordwest Im Ärztenetz Hamburg Nordwest sind über 170 Mitglieder, darunter rund 150 niedergelassene Haus- und Fachärzte aller Fachgruppen aus 93 Praxen, vertreten. Zu den Mitgliedern zählen auch vier Krankenhäuser, Apotheken, Therapeuten und andere Gesundheitsberufe aus dem Hamburger Nordwesten. Über eine Geschäftsstelle wird der Betrieb des Netzes organisiert. Als Unterorganisation dienen dem Netz ärztliche Gesundheitszentren an zentralen Plätzen in Othmarschen, Blankenese, Eidelstedt und Stellingen. Weitere Zentren, die die wohnortnahe Versorgung gewährleisten, sind geplant. Scio_4c_95x125 09.04.09 12:56 Seite 1

Foto: PRIVAT

«Je mehr Praxen sich an der virtuellen Rezeption beteiligen und je mehr Termine sie anbieten, desto mehr Auswahl steht den Patienten zur Verfügung.» Je mehr Praxen sich an der virtuellen Rezeption beteiligen und je mehr Termine sie dem Pool anbieten, desto mehr Auswahl steht den Patienten zur Verfügung. Mit steigender Beteiligung verbessert sich also der Service für die Patienten – und die Wettbewerbsfähigkeit der Netzpraxen gegenüber einem MVZ steigt. Auch für die Verhandlungen mit Krankenkassen kann die virtuelle Rezeption helfen. Die Voraussetzungen für eine virtuelle Rezeption sind schnell erfüllt. Der Praxisverbund muss sich ein Programm für den Terminpool erstellen lassen und dafür über einen IT-Dienstleister Serverkapazitäten kaufen oder mieten. Für unsere Praxen hat die Entwicklung rund 100 Euro je Praxis gekostet. In einem weiteren Schritt planen wir die Einbindung von Krankenhäusern. Deren Case-Manager erhalten dann die Möglichkeit, noch während der stationären Behandlung die Nachsorge in den Praxen mit Terminen zu planen. Die Bedeutung der Praxisverbünde steigt mit jedem Teilnehmer. Denn schnelle Termine bei einem Augenarzt oder einem Kardiologen werden immer stärker zu einem Wettbewerbsvorteil, den Praxen im Netz nutzen können. scio. Magazin für das ärztliche Leben

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Sprechstunde.

Vom Schwarzfahrer bis zum Mörder: Beim Gefängnisarzt sind alle Patienten gleich Als Arzt im Gefängnis zu arbeiten, muss nicht gefährlich sein. Dr. Hans Köhler vertraut seiner Menschenkenntnis – und seinen Mitarbeitern. text | Dirk Schnack

foto s | Jörg Wohlfromm

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enn Dr. Hans Köhler zur Arbeit ins Gefängnis fährt, denkt er nicht an hohe Mauern, Stacheldraht und Sicherheitsschlösser, sondern an sein Hobby. Der leidenschaftliche Jäger hatte direkt neben der Justizvollzugsanstalt Glasmoor Jahre lang 200 Hektar gepachtet. Inzwischen jagt Köhler im Segeberger Staatsforst, die Patienten in Glasmoor aber versorgt er bis heute. Der 69-Jährige ist der einzige nicht verbeamtete Gefängnisarzt in Hamburg. Zwei Mal pro Woche kommt Köhler nach Glasmoor. Das frühere Gut bei Norderstedt erinnert von außen kaum an ein Gefängnis. Vor den Fenstern hängen keine Gitterstäbe, sondern Gardinen. Statt eines Sicherheitszauns begrenzt eine Thuja-Hecke das Gelände. Und die einzigen Gitter in der JVA sollen keinen Aus-, sondern einen Einbruch verhindern. Sie schützen die Fenster des Arztzimmers, in dem die Medikamente verwahrt werden. In Glasmoor herrscht offener Vollzug und entsprechend gelten lockere Sicherheitsbestimmungen. „Wer hier abhaut, ist dumm. Erstens wird er ohnehin gefasst und zweitens anschließend wieder in den normalen Vollzug gesteckt“, sagt Köhler. Die meisten Insassen haben das verstanden und halten sich an die Regeln. Damit das auch im Sprechzimmer auf der Krankenstation so bleibt, assistiert der Justiz28

Gitter sind in der JVA Glasmoor nur im Arztzimmer von Dr. Hans Köhler angebracht – um die Medikamente vor Einbrechern zu schützen.

vollzugsbeamte Erich Maser Köhler. Im Gegensatz zum früheren niedergelassenen Arzt Köhler ist Maser jeden Tag in Glasmoor. Der ausgebildete Krankenpfleger strahlt mit Körper, Gestik und Stimme Autorität aus. Wenn Köhler morgens eintrifft, haben Maser oder einer seiner beiden Kollegen dem Arzt schon die für diesen Tag erforderlichen Krankenakten auf den Tisch gelegt. Heute liegen nur rund zehn grüne Akten vor Köhler, in Stoßzeiten können dies bis zu 40 am Vormittag sein. Nachdem sich Köhler einen kurzen Überblick verschafft hat, holt Maser den ersten Patienten des Tages ins Sprech-

zimmer. Die Anrede „Herr“ und ein „Bitte“ sind hier selbstverständlich, den Patienten wird nicht weniger Respekt entgegengebracht wie in einer Arztpraxis. Der erste Patient ist ein Neuzugang. Er ist nicht krank, sondern muss nur die vorgeschriebene Eingangsuntersuchung absolvieren. Blutdruck messen, Abhorchen, ein kurzes Gespräch. Eine lange Operationsnarbe nach einer Milzruptur, ein muskulöser Oberkörper und Tätowierungen lassen zunächst auf einen Kriminellen schließen. Doch der Häftling sitzt nur für ein paar Tage ein, weil er die verhängte GeldstraIII | MMIX


Sprechstunde.

fe nach wiederholtem Schwarzfahren nicht gezahlt hat - mit hoher Wahrscheinlichkeit wird Köhler den Mann nie wiedersehen. Ein ganz anderes Kaliber ist der junge Mann mit Zopf und Goldkettchen. Er ist häufig zu Gast beim Arzt, fragt immer wieder nach Überweisungen und damit nach Möglichkeiten, sich aus dem abgeschiedenen Glasmoor entfernen zu können. Maser ist sicher, dass der Mann auch vom Gefängnis aus als Zuhälter tätig ist und verweist auf dessen getunte Edelkarosse auf dem Parkplatz. Doch Köhler hört sich in aller Ruhe an, von welchen Beschwerden der Patient berichtet und entscheidet dann unabhängig von den Begleitumständen. „Weswegen jemand

„Weswegen jemand hier einsitzt, interessiert mich überhaupt nicht. Bei mir ist jeder Patient gleich.“ Dr. Hans Köhler

hier einsitzt, interessiert mich überhaupt nicht. Bei mir ist jeder Patient gleich“, sagt Köhler. Das gilt auch für den ungeduldigen Serben, für den die von Köhler empfohlene weiterführende Behandlung schleppend verläuft. Wegen eines erkrankten Operateurs musste ein Eingriff bei dem Häftling verschoben werden. Köhler hört sich die Beschwerden ruhig an und versichert ihm, dass dies keine gesundheitliche Beeinträchtigung bedeutet: „Sie müssen Geduld haben.“ Eine halbe Stunde später wird deutlich, dass der Mann diese nicht aufbringt. Ein Abteilungsleiter erkundigt sich bei Köhler, weil sich der Häftling bei ihm über die vermeintlich schleppende Behandlung beschwert hat. Köhler verweist auf seine ärztliche Schweigepflicht und versichert, dass dem Patienten keine gesundheitlichen Nachteile entstehen. Der Abteilungsleiter ist zufrieden. Persönlich nimmt Köhler solche Beschwerden nicht, dafür ist er zu lange im Geschäft. Seit 1980 betreut er die Gefängnispatienten. Die Justizbehörde wollte den in Norderstedt niedergelassenen Arzt damals unbedingt engagiescio. Magazin für das ärztliche Leben

ren, weil sie sich von ihm die gleiche effiziente Arbeitsweise erhoffte wie in der Praxis. Köhler zögerte anfangs, weil er neben der Praxis vielfach engagiert war. Als er schließlich die angrenzende Jagd zur Pacht angeboten bekam, willigte er ein. Bereut hat er den Entschluss nie. Auch nicht, als sein Verantwortungsbereich auf die Abschiebehäftlinge erweitert wurde. Köhler hatte zu entscheiden, ob medizinische Gründe eine Abschiebung verhinderten oder nicht. Damit stand er eine Zeit lang im Visier militanter Gruppen, die unter anderem eine Demonstration vom Gefängnis bis zu Köhlers Praxis in Norderstedt organisierten. Doch Köhler ließ sich selbst von Sprüchen wie „KZ-Arzt“ nicht beirren: „Ich habe meine Entscheidungen immer nur aus ärztlicher Sicht getroffen.“ Das galt auch für die schweren Fälle in Glasmoor. Millionenbetrüger und Mörder haben dort die letzte Phase ihrer Haft abgeleistet und Köhlers ärztlichen Rat benötigt. Angst hatte er nie – Köhler hat sich immer auf seine Menschenkenntnis verlassen und mit seinem besonnenen Verhalten versucht, Provokationen zu vermeiden. Auch Patienten, die mit einem ausgeprägten Anspruchsdenken in seine Sprechstunde kommen – ein Phänomen, das er im Gefängnis häufiger beobachtet als in der Praxis – können ihn nicht aus der Ruhe bringen. Er bemüht sich, in jedem Fall objektiv zu bleiben. 29 Jahre Tätigkeit im Knast sind aber auch an ihm und an seiner Einstellung zu den Mitmenschen nicht spurlos vorübergegangen. „Schwere Verbrecher wirken im Gespräch meist ganz nor-

mal, sind Menschen wie Du und Ich“, berichtet Köhler. Manchmal ertappt er sich dabei, dass er bei sympathischen Menschen außerhalb des Gefängnisses überlegt, was diese wohl auf dem Kerbholz haben könnten. Während der Sprechstunde blendet er solche Gedanken aus. Der schwere Alkoholiker neben seinem Schreibtisch bekommt seine ärztliche Hilfe unabhängig von seiner Vorgeschichte genauso wie der Depressive und der Patient mit Bluthochdruck. Es sind die üblichen, aus der hausärztlichen Praxis bekannten Erkrankungen, mit denen sich Köhler in Glasmoor beschäftigen muss. Mit einem Unterschied: „Es gibt mehr Simulanten“, ist zumindest Maser überzeugt. Köhler und er sind ein eingespieltes Team, das seit nunmehr 19 Jahren zusammen arbeitet. Obwohl die beiden bei unterschiedlichen Meinungen auch mal rauere Töne wechseln, herrscht eine vertrauensvolle Atmosphäre. Maser hat Köhler längst zu seinem Hausarzt auserkoren und Köhler weiß, dass ohne Maser und seine Kollegen eine gute ärztliche Versorgung im Gefängnis schwer möglich wäre. Auch für das Zeitmanagement ist die Unterstützung wertvoll. Während Köhler es zu genießen scheint, sich ohne Zeitdruck ausgiebig mit den Patienten zu beschäftigen, drückt Maser schon mal aufs Tempo. Und er ist unverzichtbar für die administrativen Fragen. Köhler kann sich im Gefängnis auf die gesundheitlichen Probleme seiner Patienten konzentrieren. Ob das so bleiben wird, ist fraglich. In der Justizbehörde wird derzeit überlegt, Glasmoor zu schließen.

R ZUR PERSON Dr. Hans Köhler, Jahrgang 1940, ist seit 1980 auf Honorarbasis als Gefängnisarzt in Glasmoor tätig. Ärzte in Schleswig-Holstein kennen ihn aus seinem Jahrzehnte langen Engagement in der Standespolitik. Köhler gehörte viele Jahre dem ehrenamtlichen KV-Vorstand an, unter anderem als zweiter Vorsitzender. In der Ärztekammer ist er Abgeordneter, Vorsitzender des Finanzausschusses und im Vorstand der Akademie. In seinem Heimatort Norderstedt organisiert er seit Jahren den Notdienst und war maßgeblich daran beteiligt, dass im Krankenhaus Nord die einzige KV-übergreifende Anlaufpraxis für Hamburg und Schleswig-Holstein eingerichtet wurde. Von 1976 bis 2007 war Köhler am Glashütter Markt in Norderstedt niedergelassen. 29


PRAXISSCHLUSS.

Golffieber! Golf, ein Sport für Schnösel, die in albernen karierten Hosen über den Rasen laufen und Bälle durch die Gegend schlagen? Die Zeiten sind lange vorbei. Golf ist auf dem Weg zum Volkssport. Was die Sportart so reizvoll macht, was Anfänger brauchen und wie man den richtigen Platz findet.

«Die Technik ist sehr anspruchsvoll, man ist in der Natur, nicht an feste Zeiten gebunden und kann bis ins hohe Alter spielen.» Dr. Marc Koch, Orthopäde

text | Daniela Stohn

R Die richtige Ausrüstung Hölzer, Eisen, Softspike-Schuhe – was ist für den Golf-Neuling wichtig, was nur Geldschneiderei? Anfangs reichen Turnschuhe und bequeme Kleidung. Für die ersten Stunden auf der Driving Range stellt der Golf Pro meist Leihschläger zur Verfügung. Erst wenn man sich für Golf als regelmäßige Freizeitbeschäftigung entschieden hat und den Schwung konstant durchführen kann, sollte man sich eine eigene Ausrüstung zulegen. Die gibt es für ein paar hundert Euro. Empfehlenswert ist es, verschiedene Schlägermarken zu testen. Fragen Sie Ihren Golf Pro – er kennt Ihren Schwung am besten. Ein kompletter Schlägersatz (ab 300 Euro) umfasst 14 Schläger – Hölzer für den Abschlag und weite Schläge, Eisen für das Spiel auf den Fair30

ways, einen Putter für das kurze Spiel auf dem Grün. Die Nummerierung von eins bis neun ist ein Hinweis auf die Länge des Schafts sowie Neigung und Größe des Kopfes, entsprechend der angestrebten Flugbahn des Balles. Viele Einsteiger entscheiden sich zunächst für einen halben Schlägersatz. Die Golftasche sollte zur Ausrüstung passen: Je mehr Schläger, desto größer. Vorteilhaft sind leichte Tragetaschen mit eingebautem Ständer, der beim Hinstellen automatisch aufklappt. Große Bags bieten mehr Platz und werden in der Regel auf einen Trolley geschnallt und über den Platz gezogen. Der Golfer trägt in der Regel nur einen Handschuh an der linken Hand (bei Rechtshändern), wahlweise aus Stoff oder Leder. Er vermeidet Blasen auf den Fingern und in der Handfläche. Golfschuhe machen Sinn, sobald es über den Platz geht. Softspikes

reduzieren die Rutschgefahr und schonen die Grüns, Wege und Böden im Clubhaus. Anfänger sollten möglichst viele Bälle günstig erwerben. Denn viele Bälle landen zunächst im Wasser oder unauffindbar irgendwo in der nächsten Hecke. Ein Golfschirm ist wichtig für den Notfall und passt in speziell angebrachte Halterungen der Golftasche. Mit dem Golfhandtuch können Sie auf der Runde ihre Schläger säubern. Ansonsten hängt es an einem Ring, der an der Golftasche befestigt wird. Ein Marker für die Markierung des Balles auf dem Grün, eine Pitchgabel zum Ausbessern des Bodens und Tees gehören ebenfalls ins Bag. III | MMIX


PRAXISSCHLUSS.

Gemäßigte, gelenkschonende Bewegung an der frischen Luft, Abschalten vom Alltag, Kontakte knüpfen – die wohltuende Wirkung des Golfsports auf Körper und Geist wird gern unterschätzt.

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r liegt einfach da, im Gras. Klein ist er, mit Noppen, und er lässt uns viel Zeit zum Schlagen. Am besten auf das kurz gemähte Fairway, nicht in die Büsche oder die Gewässer an den Seiten. Trifft man ihn richtig, also in der Mitte, spürt man den Aufprall kaum. Da ist nur dieses wunderbare, satte Geräusch. Pling! Vielleicht ist es dieser Ton, der Menschen beim Golf in einen anderen Geisteszustand versetzt und sie süchtig macht nach mehr. Oder der ständige Wechsel zwischen Euphorie und Frustration, zwischen Entspanntheit, Ruhe und angeregten Gesprächen. Sicher ist: Golf ist auf dem Weg zum Volkssport. Es hat sein elitäres Image verloren, neben den traditionellen Clubs gibt es heute überall öffentliche Golfanlagen, bei denen keine Mitgliedschaft mehr nötig ist, wo in Jeans gespielt werden darf und ein lockerer Umgang gepflegt wird. 575.176 Golfer und mehr als 700 Plätze gibt es inzwischen in Deutschland, davon 63 Anlagen mit 51.000 Mitgliedern in Schleswig-Holstein (www.gvsh.de) und 22 Clubs mit 22.000 Mitgliedern in Hamburg (www.golfverband-hamburg.de). Dass auch Ärzte gerne zum Schläger greifen, ist nicht nur ein Klischee. In Bad Kissingen findet einmal jährlich die Deutsche Ärzte-Golfmeisterschaft statt (www.aerzte-golf.de). Was Mediziner an dieser Sportart fasziniert? „Die Technik ist sehr anspruchsvoll, man ist in der Natur, nicht an feste Zeiten gebunden und kann bis ins hohe Alter spielen“, meint der Orthopäde Dr. Marc Koch, der in einer überörtlichen Gemeinschaftspra-

R Das richtige Training Golfneulinge brauchen zunächst eine Art Führerschein, die sogenannte Platzreife. Sie besteht aus einem praktischen und einem theoretischen Teil. Die Theorie beinhaltet die Etikette, also das richtige Verhalten auf dem Platz. In der praktischen Prüfung müssen meist neun Löcher in einer bestimmten Schlagzahl gespielt werden. Anfängern bieten sich viele Möglichkeiten zum Einstieg, angefangen vom Dreistunden-Schnupperkurs über private Stunden bei einem Pro bis zum mehrwöchigen Kompaktkurs mit Prüfung. Empfehlenswert ist die DGV-Platzreife, die Standards festlegt und von fast allen Clubs angeboten wird (www.golf.de/dgv/platzreife). Wer die Platzerlaubnis geschafft hat, muss sich entscheiden: Trete ich einem privaten Golfclub oder dem Verein clubfreier Golfer bei? Oder spiele ich nur auf öffentlichen Golfplätzen, die keine Zugangsvoraussetzungen oder Mitgliedschaften verlangen, dafür aber in der Regel etwas einfacher sind? Wenn Sie regelmäßig Golf spielen wollen, lohnt sich meist eine Vollmitgliedschaft in einem Golfclub. Informieren Sie sich zunächst, welche Anlagen es in Ihrer Nähe gibt. Wichtig bei der Wahl des Golfclubs: Er sollte nicht zu weit entfernt sein – 50 Prozent der Mitglieder des Deutschen Golf Verbandes fahren weniger als 20 Kilometer. Das Konzept sollte zu Ihnen passen. Möchten Sie lieber einen traditionellen Club oder einen Golfclub für jedermann, in dem es lockerer zugeht? Beliebt im Norden sind laut Internetplattform Pointoo die Golfclubs Falkenstein in Hamburg-Rissen, Husumer Bucht an der Nordsee, St. Dionys, Fehmarn, Gut Haseldorf und Gut Kaden. Der GC Budersand auf Sylt wurde gerade vom Golf Magazin zum „Besten neuen Golfplatz 2009“ gewählt. Nach einer Vorauswahl schauen Sie sich das Clubgelände an. Gefällt Ihnen der Platz? Werden Sie freundlich empfangen? Erkundigen Sie sich nach den Aufnahmebedingungen und fragen Sie nach Probemitgliedschaften, um das Gelände und den Club zunächst richtig kennenzulernen, bevor Sie über einen Eintritt entscheiden. Auch ein Gespräch mit einem Mitglied kann hilfreich sein. Ein weiteres Kriterium sind die Kosten. Nicht nur der Jahresbeitrag ist entscheidend, sondern auch die Aufnahmegebühr und eine ausgeglichene Finanzlage des Clubs.

«Eine Runde Golfen bringt sie für etwa fünf Stunden raus an die frische Luft. Das allein ist bereits gesund.»

FOTOS: istockphoto.com

Anders Ahlbom, schwedischer Forscher

scio. Magazin für das ärztliche Leben

Suchen Sie eine günstige Alternative zu einer Vollmitgliedschaft in einem Golfclub, können Sie entweder auf den 220 öffentlichen Plätzen spielen, die meist aus Driving Ranges, Kurzplätzen und 9-Lochanlagen bestehen (Plätze unter www.golf.de). Nachteil: Sie haben keinen Clubausweis, der Voraussetzung für das Spielen in vielen Golfclubs ist. Die Alternative: Sie werden Mitglied in der Vereinigung clubfreier Golfspieler e.V. (VcG). Dort zahlen Sie 195 Euro Jahresgebühr für einen Mitgliedsausweis und Handicap-Verwaltung und beim Spielen in den verschiedenen Golfclubs dann zusätzlich Greenfees zwischen 18 und 60 Euro (www.vcg.de). Eine weitere Möglichkeit ist eine Fernoder Gastmitgliedschaft, die viele Clubs auf Anfrage bieten. Als Fernmitglied zahlen Sie weniger, weil Ihr Wohnort nicht in der Nähe des Golfplatzes liegt, bekommen aber einen DGV-Ausweis. Auf anderen Anlagen können Sie dann gegen Greenfee spielen. Die Initiative „Hamburg spielt Golf“ bietet zum Beispiel Fernmitgliedschaften in Kooperation mit unterschiedlichen Golfclubs für 249 Euro an (www.hamburg-spielt-golf.de). 31


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PRAXISSCHLUSS.

Mal schnell auf einer Driving Range Abschlagen üben oder einen ganzen Tag auf dem Golfplatz verbringen: Moderner Golfsport ist vielseitig und kann in jeder Lebenslage ausgeübt werden.

Luft, wo sie sechs bis sieben Kilometer zu Fuß zurücklegen. Das allein ist bereits gesund. Außerdem profitieren sie von positiven sozialen und psychologischen Nebenaspekten“, sagt der schwedische Forscher Anders Ahlbom. Eine 18-Loch-Runde kostet den Körper rund 1.100 Kalorien. Sie ist auch für Menschen mit Bluthochdruck geeignet, weil die niedrige, aber konstante Belastung ideal für Herz und Kreislauf ist. Der Fettstoffwechsel wird angeregt und der Cholesterinspiegel gesenkt. Bei einem korrekten Abschlag werden 124 von insgesamt 434 Muskeln angespannt, das ist Training von Kopf bis Fuß. Geselligkeit, Entspannung und Bewegung in der Natur sind außerdem gut fürs Gehirn und ein Ausgleich für alle, die beruflich gestresst sind. Dr. Thomas Pledt (Handicap 26), Sportmediziner mit eigener Praxis in Uetersen, spielt seit zwölf Jahren Golf und ist Mitglied im Golfpark Weidenhof in Pinneberg. Er schätzt an der Sportart, „dass man gegen sich selbst spielt und dabei so gut entspannen kann“. Einmal pro Woche schafft er es mit seiner Frau auf den Platz, bei der Wahl der Urlaubsziele spielen schöne Golfplätze eine wichtige Rolle. „Und als Sportmediziner muss ich sagen: Golfspielen ist sehr gesund. Man kann bis ins hohe Alter spielen, auch mit künstlichen Gelenken.“

xis in Neumünster und Kiel praktiziert. Vor zwei Jahren hatte er auf Anregung eines Kollegen hin zum ersten Mal einen Schläger in der Hand. Seitdem ist er Mitglied in der Vereinigung clubfreier Golfer (VCG) und probiert an den Wochenenden verschiedene Plätze aus. „Leider komme ich zu wenig zum Golfspielen“, bedauert er. „Mit zwei Kindern und einem zeitintensiven Beruf fehlt mir oft die nötige Zeit.“ Auch vorgabenwirksame Turniere hat er bislang noch nicht gespielt – sein Handicap stagniert bei 54. Ob jung, alt, sportlich oder untrainiert – mehr als jede andere Sportart eignet sich Golf für jedermann und hat viele positive gesundheitliche Effekte. Wer Golf spielt, lebt länger: Wissenschaftler des Karolinska Instituts in Stockholm fanden bei einer Untersuchung von 300.000 schwedischen Golfern heraus, dass Golfen die Lebenserwartung um fünf Jahre hebt. „Eine Runde Golfen bringt sie für fünf Stunden raus an die frische

«Golfspielen ist gesund. Man kann bis ins hohe Alter spielen, auch mit künstlichen Gelenken.» Dr. Thomas Pledt, Sportmediziner

R Fortbildung und Golfen

Ärzte beim Putten – beim Turnier des Lubinus-Clinicums wird Golfen mit einem guten Zweck verbunden

FOTOS: LUBINUS CLINICUM

Golfen ist auch ein wichtiges Thema auf Fortbildungen. Denn die zunehmende Zahl an Golfspielern führt dazu, dass immer mehr Ärzte mit den spezifischen Beschwerden konfrontiert werden. Theorie und Praxis verknüpfte die sportmedizinische Veranstaltung des Lubinus Clinicums auf Gut Uhlenhorst. Nach Vorträgen über das Golfen unter sportmedizinischen Gesichtspunkten machten 31 Neulinge ihre ersten Erfahrungen mit dem Sport in einem Schnupperkurs, 36 schon Golf erfahrene Ärzte nahmen am Turnier teil. Die Preisträger in der Kategorie HCP 26,5–54 waren Dr. Eike Frahm, Havighorst, GC, mit 39, Dr. Ingrid Mehnert, Uhlenhorst, mit 44 und Hans Friedrichs, ebenfalls Uhlenhorst, mit 49 Stableford-Punkten. In der Kategorie HCP bis 26,4 trugen sich Dr. Wolfgang Lohmann, Schloss Breitenburg, mit 38, Manfred Schmid, Uhlenhorst, mit 41 und Susanne Girke, Lohersand GC, mit 43 Stableford-Punkten in die Siegerliste ein. „Nearest to the pin“ lag bei den Damen Susanne Girke, bei den Herren Dr. Jochen Pinker, Am Donner Kleve, GC. Birgit Allerding und Dr. Knut Gilgen, beide Uhlenhorst, war der „longest drive“ vorbehalten. Das Kurzplatzturnier gewann Jürgen Weißer vor Dr. Claus Hudemann. Erfreulicher Nebeneffekt: Die Teilnehmer spendeten zugunsten der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGZRS) insgesamt 3.200 Euro. Der Termin für die nächste Fortbildung/Turnier-Kombination steht bereits: Es ist der 5. Juli 2010.

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NACHGEHAKT.

Verschollen im Behördendschungel – retten Sie ihre Patientenunterlagen! Das Landesamt für soziale Dienste (LAsD) fordert regelmäßig Berichte oder Unterlagen von niedergelassenen Ärzten an, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Für die Patienten geht es um viel: Rentenbescheide, Schwerbehindertenausweise und andere Einstufungen, die Richtung weisend für das weitere Leben sind. Der Umgang des Amtes mit den Patientenunterlagen entspricht nach Erfahrungen unseres Kolumnisten Carl Culemeyer aber nicht der Bedeutung dieser Entscheidungen – sie bleiben schon mal wochenlang im Behördendschungel verschollen. Für Scio legte er diesen Umgang unter die Lupe. text | Carl Culemeyer foto | Jörg Wohlfromm

Der Fall Es geht um Patienten mit zahlreichen gesundheitlichen Problemen, über die sich in den Praxen in aller Regel bereits dicke Stapel mit Unterlagen angesammelt haben. Damit das Landesamt seine Begutachtung vornehmen kann, schickt die Praxis alle Originalunterlagen zur zuständigen Außenstelle des LAsD nach Schleswig. In mehreren Fällen folgten darauf Erinnerungsschreiben, Telefonanrufe, Mahnschreiben und schließlich ein letztes Schreiben mit Erinnerung an den behandelnden Arzt, endlich die dringend benötigten Unterlagen an das Amt zu schicken. In einem Fall schickte das gleiche Amt, das der Praxis eine solche ultimative letzte Aufforderung ins Haus stellte, am selben Tag die gesuchten Unterlagen selbst an den Patienten zurück.

R ZUR PERSON Carl Culemeyer ist Landarzt in Ascheffel in den Hüttener Bergen (Schleswig-Holstein). Neben seiner Praxis engagiert sich der Allgemeinmediziner seit Jahren in der Standespolitik. Für Scio kümmert sich Culemeyer regelmäßig um typische Ärgernisse, die den Praxisinhabern die Arbeit erschweren.

scio. Magazin für das ärztliche Leben

Sich über Behörden zu beklagen, gehört in Deutschland ja fast zum guten Ton. Ein ganz spezieller Fall aber ist nach unseren Erfahrungen das Landesamt für soziale Dienste (LAsD). Das rühmt sich auf seiner Homepage, „mit etwa 370 Mitarbeitern die größte Verwaltung im Geschäftsbereich des Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren des Landes Schleswig-Holstein zu sein“. Nicht nur das. Das LAsD schafft es immer wieder, dass unsere Vorurteile, gegen die wir im Zusammenhang mit Behörden tapfer ankämpfen, zu neuer Pracht erblühen. Ihre Nachfragen zu Patientenbeschwerden sind natürlich berechtigt, denn für die Patienten beeinflussen die Entscheidungen des Amtes das gesamte künftige Leben. Entsprechend genau wollen es die Schleswiger wissen. Wer als Arzt einen Bericht dazu abfasst, muss den Patienten einbestellen und noch einmal eingehend untersuchen. Das dafür gezahlte Honorar wurde gerade von 16 auf stolze 21 Euro erhöht – zu wenig für eine Untersuchung. Kopien der oft sehr dicken Akten erfordern viel Zeit, die wir nicht haben. Deshalb schicken wir in unserer Praxis die Patientenunterlagen nach Schleswig. Häufig genügt das, oft genug aber stellen wir fest, dass im Amt niemand etwas über den Verbleib dieser sensiblen

«Sein Vertreter wusste von nichts. Und die Akten tauchten nie wieder auf.» Akten weiß. Ich erinnere mich an eine Akte, die wir dem Amt im vergangenen Sommer zur Verfügung stellten. Das Amt forderte trotzdem fleißig weiter die Unterlagen an. Obwohl sie längst im Besitz der Unterlagen waren, gab es immer weiter Erinnerungsschreiben bis hin zur Androhung einer gerichtlichen Anordnung. Da war mir ein persönliches Erscheinen in der Kreisstadt doch lieber. Ich hoffte, so etwas über den Verbleib der Unterlagen unseres Patienten zu erfahren. So wichtig, wie es die Androhungen im Schreiben des Amtes vermuten ließen, war die Sache dann aber wohl doch nicht. Der zuständige Mitarbeiter war bei meinem Erscheinen zufällig nicht da. Sein Vertreter wusste von nichts. Und die Akten tauchten nie wieder auf. Auch in einem anderen Fall gab es einen wochenlangen Schriftverkehr, obwohl unsere Praxis die geforderten Patientenakten längst zugeschickt hatte. Diesmal übertraf sich das Amt selbst: am gleichen Tag, an dem das dritte (!) Erinnerungsschreiben an unsere Praxis herausging, schickte es die von uns geforderten Unterlagen an den Patienten zurück. Eine Zeit lang haben wir die Akten deshalb nur noch per Einschreiben verschickt. Das LAsD erstattete uns trotzdem nur die Gebühren für den ,einfachen Postweg‘ – also einen Bruchteil. Wer will hier eigentlich Auskunft von wem? Uns reicht es: Das Landesamt kann die erforderlichen Unterlagen künftig per Fax gegen Kostenerstattung bekommen. Wenn das nicht gewünscht ist, darf ein Mitarbeiter des Amtes die Unterlagen bei uns in der Praxis persönlich einsehen – nach Voranmeldung. Damit die Akten dort bleiben, wo sie hingehören: In Obhut des Arztes. 33


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Foto: Joscha Sauer

NICHT LUSTIG

Cartoon.

R ZUR PERSON Joscha Sauer Er kann rabenschwarz, hintergr端ndig, absurd und manchmal auch herrlich sinnfrei: Joscha Sauer zeichnet seit neun Jahren bekloppte Yetis, lebensm端de Lemminge und schr辰ge Gestalten aus der Medizin. Die Humorperlen des geb端rtigen Frankfurters gibt es in Buchform beim Carlsen-Verlag und unter www.nichtlustig.de.

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Scio. Ausgabe III/IX  

3. Ausgabe von Norddeutschland innovativstem Ärztemagazin - Titelthema: Frauen erobern die Arztpraxen

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