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MLZ

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Januar 2005

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Buchtips

Promotion Die medizinische Doktorarbeit – immer mehr Studenten fertigen im oder kurz nach dem Medizinstudium ihre Doktorarbeit an. Damit auch Ihr auf diesem Weg die obligaten Steine mühelos aus dem Weg rollt, empfehlen wir Euch das Buch von Weiß und Bauer. Von der Themenfindung über Statistik und Literaturrecherche bis hin zum erfolgreichen Abschluß werden alle wichtigen Punkte angesprochen. Promotion Weiß, Bauer Georg Thieme Verlag – 19,95 EUR ISBN 3-131-27212-0

Psychosoziale Medizin Im Studium oft belächelt, im späteren ärztlichen Alltag wichtiger denn je: Die psychologischen und sozialen Aspekte der ärztlichen Tätigkeit – vor allem die Arzt-Patient-Beziehung sowie die Wechselwirkungen zwischen Patient und Familie – sind Kern dieser umfassenden Darstellung. Die klar strukturierte, lesefreundliche Gestaltung und viele Fallbeispiele erleichtern die Vorbereitung auf die Prüfung. Psychosoziale Medizin Buddeberg Springer Verlag – 39,95 EUR ISBN 3-540-00875-6

Allgemeine und spezielle Pathologie Es ist ohne Zweifel das Standardwerk für die Pathologie. Durch zahlreiche Quervernetzungen auch mit klinischen Bezügen geht es weit über den Pathologie-Saal hinaus. Der Riede ist ein Muß für alle Studenten, die nicht nur wissen möchten wie, sondern auch warum Krankheiten entstehen. Mehr als 1.700 Abbildungen untermauern den aussagekräftigen Text dieses Buches der Sonderklasse. Allgemeine und spezielle Pathologie Riede, Schaefer, Werner (Hrsg.) Georg Thieme Verlag – 79,95 EUR ISBN 3-136-83305-8

Humangenetik Zahlreiche Bilder, klar konzipierte Übersichten, knappe Merksätze und ein umfassendes Glossar machen dieses Werk zu einem idealen Lehrbuch. Auf die Darstellung genetischer Syndrome und Krankheitsbilder mit erblicher Komponente ebenso wie auf alle Aspekte der genetischen Beratung und pränatalen Diagnostik haben die Autoren besonderes Gewicht gelegt. Humangenetik Tariverdian, Buselmaier Springer Verlag – 39,95 EUR ISBN 3-540-00873-X

Buchtips im Web Welches Buch für welches Fach? Lieber ein schmales Kompendium oder doch den dicken Wälzer? Im Fachbuchbereich bei MEDI-LEARN findet Ihr viele Buchtips, zahlreiche Buchrezensionen und Links zu Probekapiteln. Schaut doch vor dem Buchkauf einfach auf den Webseiten vorbei unter: www.medi-learn.de/literatur

Kurz vor der Klausur: Lernen im Waschsalon von Yvonne Bernsdorf

D

er Wecker klingelt. 7.00 Uhr, ein ganz normaler Uni-Tag, die erste Vorlesung um 8.15 Uhr. Verschlafen startet der Tag. Irgendwann der Gang zum Schrank, ein blinder Griff ins Wäschefach... tastend und suchend weicht schlagartig die Müdigkeit! Der Blick auf die gegriffene Eroberung läßt alle Alarmlichter aufleuchten! In der Hand halte ich eins der gut gehüteten „Schätzchen“, Erinnerungen an präpubertäre Zeiten. Eine rosa Unterhose mit Rüschensaum und verwaschenem Blumendruck, womöglich auch noch mit Loch. Sämtliche Szenarien erscheinen vor meinem geistigen Augeetwa ein möglicher Unfall, daraufhin eine Krankenhauseinweisung und mittendrin „ich“ selbst, stehend in einem Röntgenraum mit eben dieser bezaubernden Unterhose... Was für ein Alptraum! Spätestens bei dieser Vorstellung überzeugen alle Argumente; das, was lange verdrängt wurde, wird nun unumgehbar – es ist Zeit für den von mir so „geliebten“ Waschtag. Ein paar Stunden später geht alles geübt von der Hand. Mit meiner schweren Reisetasche betrete ich den Salon, die Wäsche ist natür-

WAS FÜR EIN ALPTRAUM! UND SPÄTESTENS BEI DIESER VORSTELLUNG ÜBERZEUGEN ALLE ARGUMENTE... lich schon zu 40° und 60° vorsortiert, zwei Maschinen wie meistens. Nachdem die Gebühr eingeworfen, das Wäscheprogramm eingestellt und schlußendlich der Startknopf gedrückt worden ist, geht es schwerfällig zur dortigen Sitzbank. Ein paar vergriffene Zeitschriften fordern zum Lesen auf, aber ich enthalte mich der Verlockung, herausgepackt wird stattdessen das gesunde „geistige“ Pausenbrot – der Herold – tief im Unterbewußtsein ruft die schon recht bald anstehende Innere-Medizin-Klausur. Vor dem Studium war mir die Einrichtung „Waschsalon“ nur aus dem Fernsehen bekannt. Ich entsinne mich an eine Werbung für eine sogenannte „Hosentaschenpizza“, in der völlig idyllisch ein attraktiver, im Waschsalon auf seine Wäsche wartender Italiener eine nicht minder attraktive Italienerin kennenlernt. Das übrige ergibt sich – waschende, rumpelnde Maschinen, wenig Worte, wenig Wäsche… soweit die Werbung. Die Realität lernte ich im Studium kennen, als ich den Vertrag für ein Zimmer unterschrieb, welches über keine Waschmöglichkeit verfügte. Heutzutage wird der Waschsalon auch „Waschcenter“ genannt. Mein nächster Salon befindet sich in der Nähe des Bahnhofs, gegenüber davon eine Eisdiele, ein Kiosk, eine Apotheke und das Haus eines berühmten historischen Theologieprofessors, so berühmt, daß mir der Name wieder entfallen ist. Nicht gerade sehr einladend befinden sich in der Mitte des Raumes zwei Reihen à acht Maschinen auf jeder Seite. Auf der linken Seite sind die Trockner-Trommeln, auf der rechten zwei Schleudern.

Foto: www.photocase.de, Tobias Prohl

Beim Eintritt in das Center schaut man direkt auf den Automaten, ein Waschgang kostet seit Anfang des Jahres 3,50 Euro (wegen der steigenden Unkosten, wie ein Zettel daneben freundlich erklärt). Die Bank, auf der ich mich niedergelassen habe, befindet sich auf der Seite zur Straße hin. Mit dem Rücken zu ihr gewandt, fange ich an, mich der „Rheumatoiden Arthritis“ zu widmen. Der Marker ist bereits gezückt und griffbereit in der Hand. Die Maschinen rumpeln. Die Farben im Center sind „dezent“ gehalten, klar und unmißverständlich. Der Boden ist weiß gekachelt, die Maschinen sind in einem kräftigen Orange, die Informationstafeln in einem unübersehbaren Wiesengiftgrün dazwischen verschönern einige Kunstblumen und eine mit Mahagoniholz geränderte Wanduhr das Ambiente im Neonlicht, aus den Lautsprechern tönt leise das Radio. „Summer moved on“ von a-ha, aber das nehme ich schon gar nicht mehr wahr, völlig versunken widme ich mich meinem Rendezvous, dem Herold. Die neue Umgebung aktiviert mein Gehirn (das habe ich zumindest aus einem Lernseminar mal mitgenommen), und ich fühle mich voll aufnahmebereit. Ich beginne zu lesen. „Die Rheumatoide Arthritis ist per definitionem eine chronisch- entzündliche Systemerkrankung“… Ein Bus hält vor der Haltestelle des Salons, die Tür öffnet sich, es ist früher Abend, der Salon beginnt sich allmählich zu füllen. Ein junger Mann, scheinbar auch Student, pirscht vorsichtig mit einem schweren Reiserucksack auf dem Rücken durch den Raum. Ein wenig skeptisch oder vielmehr orientierungslos begutachtet er die Maschinen, den Blick krampfhaft nach oben zu den lustig bebilderten Tafeln gerichtet – ein Neuling! Irgendwann hat er es geschafft, die erste Maschine ist mit Wäsche gefüllt, der nächste Gang führt zum Automaten, das Fragezeichen über seinem Kopf ist unübersehbar. Doch die Bewährungsprobe ist bestanden, spätestens hier bietet man als Routinier seine Hilfe an, wenn nicht von

selbst ein „Entschuldigung, wie geht das denn?“ kommt. Aber die Charaktere sind verschieden: Dem Studenten wird geholfen, eine Mutter mit Kleinkind nimmt sich seiner an. Im Nu ist auch er mit dem Geheimnis des Waschens vertraut. Die Maschine startet. Der Student geht raus und zündet sich eine Zigarette an – alles gar nicht so leicht. Ich lese im Buch weiter. Ich habe mich bis zur Klinik vorgearbeitet. „1. Unspezifische Allgemeinsymptome... Abgeschlagenheit... nächtliches Schwitzen... Beim Nachdenken spüre ich plötzlich, wie die Bank nachgibt. Ich blicke auf und registriere nun „meine Gesellschaft“: Ein

BEIM NACHDENKEN SPÜRE ICH PLÖTZLICH, WIE DIE

BANK NACHGIBT...

etwas untersetzter, nicht sehr gepflegt aussehender Mann mit einer großen Zahnlücke grinst mich an. „Lassen Sie sich durch mich nicht stören...“ Ich lächle zurück und mein Blick geht wieder Richtung Buch. Doch keine drei Wörter weiter steigt ein störender, aber mir von irgendwo her vertrauter Geruch in meine Nase, er vermischt sich mit dem Geruch von Schweiß und abgetragener Kleidung. Reflexartig verzieht sich meine Miene und meine Augen gehen gedankenartig zur Türe, ob man diese nicht öffnen könne. Ich versuche mich zu konzentrieren, doch nun nehmen meine Ohren auch noch ein Knistern und Schmatzen wahr... allmählich erahne ich die Vertrautheit jenes Duftes. Ich blicke nun doch zu meinem Nachbarn auf, und siehe da, auf mein olfaktorisches Erinnerungsvermögen ist Verlaß. Ich ertappe ihn bei einem genüßlichen Biß in einen Döner – die Hälfte fällt raus, ein Finger wird abgeleckt. „Sie müssen sich auch mal einen Döner beim Orient-Grill holen! Eins müssen wir den Muselmännern lassen: Döner machen können sie wie Kinder!“ Ein grollendes Gelächter entfährt ihm, am Bart sehe ich ein wenig von der Paprikasauce. Auch diesmal lächle ich höflich gequält.

Entschlossen widme ich mich wieder dem Herold – schließlich habe ich mir das Ziel gesetzt, mit dem Kapitel heute noch fertig zu werden. Und es klappt – die Umwelt um mich herum vergessend, geht es weiter im Text, den wichtigen Aussagen verpasse ich einen gelben Anstrich – Gewissensberuhigung. Ein grau unterlegter Kasten zeigt mir ein „Merke“! auf. „Die Hände sind die Visitenkarte des Rheumatikers.“ Die Hände sind die Visitenkarte eines Rheumatikers – ich lasse diesen Satz durch meinen Kopf wandern. Wie sehen die Hände der Leute im Waschsalon aus? Sind sie tatsächlich eine Visitenkarte? Mein Blick fängt an zu wandern. Schielend versuche ich, die Hände meines Dönernachbarn zu begutachten. Er hat Pranken, weit ausladende Pranken, der Handrücken ist stark behaart. Die Hände sind verschwielt, die Fingernägel schwarz und ungesund. Auf dem rechten Handgelenk entdecke ich eine Tätowierung: L O V E. Er scheint einen harten Job zu haben. Mein Blick schweift weiter, die Hände der Mutter sind von der Ferne nicht gut zu sehen. Sie faltet inzwischen ein Bettlaken, ihr kleiner Sohn umklammert ihr Bein und quäkt. Ich höre ein energisches „Johnson, nein!“ Ihre Hände arbeiten flink, sie hat feine Hände. Ihre Fingernägel hat sie lackiert, ein intensives Pink, nein, jetzt erkenne ich richtig, sie hat zwei Farben benutzt. Ein paar der Nägel schimmern nämlich auch türkis. Wer ist noch alles im Salon? Mein Blick wandert weiter auf die gegenüber liegende Seite des Salons. Erst jetzt erkenne ich eine mir alte Vertraute, die Frau mit der „rosaroten Bonbonjacke“ (so habe ich sie insgeheim getauft) ist mal wieder da. Sie hat wie immer ihre zwei Einkaufswagen voll Wäsche dabei. Das meiste davon sind Handtücher. Ich frage mich häufig, was sie mit so vielen Handtüchern macht. Ihr Blick ist stets grimmig, sie meidet den Kontakt. Ihre krause Dauerwelle ist stets die gleiche. Die Frau mit der rosaroten Bonbonjacke ist eine sehr geschäftige Dame, sie mag es nicht, still zu sitzen. Kaum Fortsetzung auf Seite 9

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MEDI-LEARN Zeitung 01/2005  

Die MEDI-LEARN Zeitung im Printformat. Sie enthält auf 12 Zeitungsseiten News und Informationen für Medizinstudenten und Jungärzte und ersc...

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Die MEDI-LEARN Zeitung im Printformat. Sie enthält auf 12 Zeitungsseiten News und Informationen für Medizinstudenten und Jungärzte und ersc...

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