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Die Zeitung für Medizinstudenten und junge Ärzte

ZEITUNG

Digitaler Nachschlag der Ausgabe 05/09 November / Dezember 2009 ∙ In Kooperation mit dem Georg Thieme Verlag ∙ www.medi-learn.de

Digitaler Nachschlag

Marbella - Traumatologie

Medizinstudium mit 3,0?

Gefühle steuern Gedächtnis

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Hospital Costa del Sol: Das klingt fast wie ein Hotel aus dem Reisekatalog. Doch für für Marcel Glaas heißt es in diesem Fall: An die Arbeit. Sein Bericht aus der Traumatologie-Famulatur in Spanien.

Eine glatte Drei ist nicht gerade die ideale Voraussetzung für die Aufnahme eines Medizinstudiums. Wichtig ist, die Wartezeit sinnvoll zu nutzen. Beispielsweise mit einer medizinischen Ausbildung.

Gefühle bleiben uns oft noch Jahre später in guter Erinnerung. Forscher der Universität Basel ermittelten, was die „emotionale Information“ steuert. Ziel: neue Therapiestrategien zur Behandlung von Gedächtnisstörungen.

Mehr als nur eine historische Beziehung? Anthropologie und Medizin von Helen Kroening

Die Lehre vom Menschen. Schon der Name drückt die Nähe zur Medizin aus

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ls ich im letzten Jahr meines Anthropologiestudiums entschied, mich für ein Zweitstudium in Humanmedizin zu bewerben, erschien es mir kein so überraschender oder unlogischer Schritt zu sein. Schließlich hatten wir Anthropologen uns unter anderem mit der Erfor-schung des menschlichen Körpers befasst. Auch wir hatten am Anatomieunterricht teilneh-men müssen, um Knochen und Muskeln benennen zu können. Auβerdem mussten wir uns mit Genetik auseinandersetzen und Physiologie sowie etwas Biochemie lernen. Wenn die Definition von Anthropologie aufgrund der griechischen Wurzeln des Wortes ei-gentlich „Wissenschaft vom Menschen“ lauten müsste, warum stieβ ich dann bei den Medi-zinern immer wieder

sowohl auf Bewunderung als auch auf Verwunderung oder Ungläubigkeit – und auf die Frage, weshalb ich denn so radikal die Fachrichtung gewechselt hätte?

Kein Sinneswandel

Schon in meinem Vorstellungsgespräch hatte man sich so sehr gewundert, dass man mich aufforderte, genau zu erklären, wie ich denn zu diesem „Sinneswandel“ gekommen sei. Als ich dann auch während meiner klinischen Ausbildung mehrmals gefragt wurde, wo der Zusammenhang zwischen meinem ersten Studiengang und der Medizin liege, kam ich zu dem Schluss, dass für viele die Parallelen vielleicht doch nicht so offenkundig waren. Da mir mein Anthropologiewissen jedoch beim

Medizinstudium immer wieder zu Gute kommt, kann ich weiterhin nur beteuern, dass die Fächer für mich nicht nur Gemeinsamkeiten auf-weisen, sondern einander auch ergänzen. Natürlich bin ich in dieser Hinsicht befangen, aber vielleicht wird es mir ja gelingen, auch andere davon zu überzeugen.

Was ist Anthropologie?

Wo immer man auf Unverständnis stöβt, ist dies meist auf Vorurteile oder sogar Unwissen-heit zurückzuführen. Somit könnte man das Kopfschütteln, dem ich so oft begegne, eventuell durch etwas Aufklärung beseitigen, denn auch wenn viele die Definition von Anthropologie kennen, sind sich nicht alle bewusst, was genau ein Studium in dieser Fachrichtung beinhaltet und

welche Relevanz es für Humanmedizin haben kann. Obwohl man sich unter anderem mit Altertumsgeschichte und der Vergangenheit beschäftigt, gehört zum Anthropologiestudium auch ein Verständnis gegenwärtiger Verhältnisse und, wenn man einen Schritt weiter geht, ein Blick in die Zukunft. Des Weiteren lässt sich die Anthropologie in zwei Untergruppen teilen, nämlich in soziale und in biologische oder physische Anthropologie. Zum sozialen Zweig zählen Ethnographie und Kulturgeschichte, zum physischen die zahlreichen biologischen Fächer wie Primatologie, Genetik, Osteologie oder Evolutionstheorie. Auch wenn die soziale Anthropologie auf den ersten Blick für die Medizin weniger nützlich scheint, spielt sie doch eine wichtige Rolle. Vor allem, wenn man später als Arzt in anderen Ländern tätig sein möchte. Ohne das Bewusstsein anderer Kulturen oder das Wissen, was bei verschiedenen Bevölkerungen Brauch und Sitte ist, wird man sich leicht über manche Traditionen und Rituale wundern und eventuell sogar Schwierigkeiten haben, sich den dortigen Bestimmungen anzupassen oder die Erwartungen der Einheimischen zu erfüllen. Und sollte man sich aus Unkenntnis unsittlich verhalten, wird es dem Verhältnis zwischen Arzt und Patienten wohl eher schaden als nützen. Auβerdem könnte es sicher von Vorteil sein, etwas über Naturvölker und ihre aus dem Pflanzen- und Tierreich gewonnenen Heilmittel zu lernen – nicht nur für die Behandlung der Patienten heute, sondern auch für die Forschung.

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Mehr als nur eine historische Beziehung Fortsetzung von Seite 1

Anatomie-Vorkenntnisse

Bei der „physischen“ Anthropologie ist es schon einfacher, die Parallelen zur Humanmedizin zu ziehen; trotzdem scheint es den einen oder anderen Arzt doch noch zu überraschen, wenn man als Medizinstudentin von seinen Vorkenntnissen als Anthropologin profitieren kann. Natürlich ist zu erwarten, dass man sich mit Knochen und Muskeln durch die Osteologie- und Paläopathologiekurse schon recht gut auskennt; schlieβlich gehören zum Anthro-pologieexamen meist nicht nur das Benennen sämtlicher Strukturen, sondern auch prakti-sche Aufgaben wie die Rekonstruktion eines Skeletts aus einzeln ausgegrabenen Bruchstücken, die man logischerweise dann auch erkennen und korrekt zuordnen können muss. We-niger bekannt ist sicherlich, dass man Anatomie zwar nicht in so vielen Details lernen muss wie die Medizinstudenten, aber dass auch Aufsätze über innere Organe und Systeme sowie Physiologie, Biochemie und Parasitologie verlangt werden. So lernt man beispielsweise, welche Rolle Hämoglobin spielt und wie sich die Bewohner der Anden an den dort herrschenden Sauerstoffmangel angepasst haben. Oder man erfährt mehr über den weiblichen Hormonhaushalt und wie die !Kung San der Kalahariwüste durch jahrelanges Stillen bemerkenswerterweise gleichzeitig ihre Kinder ernähren und ohne moderne Verhütungsmittel Überbevölkerung vermeiden.

schen Mensch und Affe, sondern auch Verhaltensweisen und soziale Beziehungen erforscht. Psychologie und auch psychiatrische sowie neurologische Erkrankungen lassen sich viel leichter verstehen, wenn man schon etwas über Tierverhalten oder die Entwicklung der Sprache gelesen hat. Auβerdem lernt man durch ein Anthropologiestudium so einiges über Genetik, und zwar auf Populations- sowie makroskopischen und molekularen Ebenen. Durch Geschichte und Anthropologie lassen sich sogar die heutige Verbreitung gewisser Krankheiten und das geogra-phische Muster der Blutgruppen erklären. Die Beziehung zwischen Sichelzellanämie und Malariaresistenz mag einigen bekannt sein. Aber wie viele Mediziner haben schon von dem Verhältnis zwischen den ABO-Blutgruppen und anderen Infektionskrankheiten wie Syphilis oder Beulenpest gehört? Sicherlich kommt für manche Anthropologen die sich immer höher schraubende Zahl der Diabeteskranken nicht gerade überraschend. Schon vor

über 40 Jahren hatte man ja die Theorie aufgestellt, dass es genetische Veranlagungen gab, die einigen Bevölkerungen (z.B. den Nauruern) ermöglichte, durch gewisse Anpassungen des Insulin-stoffwechsels und Glukosehaushalts Hungersnot zu überleben, aber bei moderner Ernährung und Lebensweise zu Diabetes führen könnten.

Interesse für den Menschen an sich

Einige der anderen anthropologischen Studienthemen erscheinen vielleicht eher interessant als relevant, aber wer sich für Humanmedizin begeistert, der sollte sich doch auch wenigstens etwas für den Menschen an sich interessieren. Eigentlich kann man den gesunden (und den kranken) modernen Menschen nur dann verstehen, wenn man die Evolutionsgeschichte kennt. Der menschliche Körper hat sich über Jahrtausende an die Umwelt anpassen müssen, und solche Veränderungen haben in der Anatomie, Physiologie und Genetik ihre Spuren hinterlassen. Viele der an Appendizitis leidenden Patienten fragen den Chirurgen, weshalb wir denn einen Blinddarm haben, wenn er doch keine Funktion erfüllt und nur Ärger bedeutet.

Verhalten erforscht

Selbstverständlich kann man die Evolution des Menschen nur dann verstehen, wenn man etwas über den Bau und die Funktionen des Körpers weiβ. Dazu gehört ebenfalls, sich mit Primatologie und komparativer Anatomie auseinanderzusetzen. In der Primatologie werden nämlich nicht nur die körperlichen und genetischen Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede zwi-

Anthropologische Kenntnisse können im Mediziner-Beruf hilfreich sein

Ein Anthropologe würde da entgegnen, dass der Appendix ein evolutionäres Űberbleibsel ist, und vielleicht sogar erklären, wie die natürliche Selektion ein Organ, das wahrscheinlich doch einen Beitrag zum Immunsystem leistet, nicht gänzlich beseitigt.

Beitrag für die Medizin

Durch die Anthropologie lassen sich auch die Verbreitung bestimmter Krankheiten und die Unterschiede zwischen Bevölkerungen erklären. Aufgrund der vielen Parallelen lässt sich Wissen übertragen, das für die Medizin wichtig sein kann. Hinzu kommt, dass man sich durch Beschäftigung mit der Anthropologie Fähigkeiten aneignen kann, die einem als Arzt ebenfalls zu Gute kommen, und das sowohl in theoretischer als auch praktischer Hinsicht. Wenn man bedenkt, wie viele berühmte Mediziner sich ebenfalls der Anthropologie und der Evolutionsforschung gewidmet haben, wird einem schnell bewusst, welchen Beitrag das Fach für die Medizin leisten kann, und warum ein vorhergehendes oder anschließendes Anthropologiestudium für einen interessierten Mediziner durchaus Vorteile bringt. Als Arzt und Vater der Evolutionstheorie hätte Charles Darwin vermutlich die gleiche Meinung vertreten.


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Auf Station an der Sonnenküste Famulatur in der Traumatologie Marbella von Marcel F. Glaas

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ie Idee, eine Famulatur im spanischsprachigen Ausland zu machen, bestand schon lange, sodass ich alles in Ruhe planen konnte. Die Famulatur habe ich selbst organisiert, ohne den BVMD, da mir die Wahrscheinlichkeit, in Spanien angenommen zu werden, aufgrund der hohen Bewerberzahl zu gering erschien. Ich mailte direkt an die Universität Málaga, die eine Erasmus-Partner-Uni der Universität Düsseldorf ist. Dort wurden mir dann die Namen einiger Lehrkrankenhäuser genannt, unter anderem der des „Hospital Costa del Sol“ in Marbella. Meine Bewerbung dort habe ich ebenfalls per Mail verfasst, natürlich auf Spanisch, mit einem Lebenslauf und einem „Letter of Recomendation“ meiner Uni, gerichtet an den Chefarzt der Traumatologie. Die Zusage für den August 2009 kam schon wenige Tage später. Sie enthielt eine Art Vertrag, den ich von meiner Uni ausfüllen lassen sollte. Darin enthalten war unter anderem, dass ich kein Geld bekomme, wohl aber über das Krankenhaus versichert bin und weiteres. Allerdings wollte meine Universität diesen Vertrag nicht unterschreiben, sodass ich auf die Hilfe der

Spanier angewiesen war. Nach einigen Telefonaten erklärten sich die Spanier zum Glück bereit, auf diesen „Convenio“ zu verzichten. Eine eigene Versicherung habe ich dann über die Deutsche Ärzteversicherung abgeschlossen. Jetzt stand der Famulatur nichts mehr im Weg!

Festland-Mallorca

Marbella ist sozusagen das Mallorca auf dem Festland: Es gibt sehr viele deutsche Urlauber, sodass an vielen Ecken zumindest auch Deutsch verstanden wird. Im Krankenhaus sollte man allerdings nicht davon ausgehen, sondern gute Sprachkenntnisse mitbringen. Gesprochen wird hier Castellano – das allerdings sehr nuschelig und schnell. Wenn ich etwas nicht verstand, wurde es einfach noch einmal gesagt. Zwar nicht weniger schnell, aber sehr freundlich. Wenn gar nichts mehr hilft, verstehen viele auch Englisch oder Deutsch. Verlassen sollte man sich darauf allerdings nicht. Je besser man die Sprache beherrscht, desto mehr hat man natürlich selbst von der Famulatur und desto mehr darf man auch praktisch machen. Empfehlen kann ich auch das Buch „Spanisch für Mediziner“ aus dem Thieme-Verlag, das auch in organisatorischen Fragen und der Bewerbung gute Hilfe leistet.

Die erste Woche wohnte ich in einem Ferien-Apartment, was allerdings in diesem Fall für vier Wochen zu teuer geworden wäre. Generell muss man in Marbella auf seine Finanzen achten, da dies, wie erwähnt, ein Touristenort ist. Danach hat sich erfreulicherweise eine spanische Ärztin bereit erklärt, mich als Untermieter bei sich in der Wohnung aufzunehmen. Das war natürlich toll, weil ich so direkte Anbindung an Einheimische hatte und morgens oft mit ihr ins Krankenhaus fahren konnte. Das Krankenhaus liegt am Stadtrand von Marbella und ist ohne eigenes Auto recht mühsam zu erreichen. Busse fahren zwar schon morgens, aber es gibt keinen offensichtlichen Fahrplan, sodass man immer viel zu früh an der Haltestelle stehen muss. Das Wohnheim im Krankenhaus war zu dieser Zeit wegen Umbauarbeiten geschlossen, da das Krankenhaus im Moment auf die doppelte Größe erweitert wird.

Zugang zu jeder OP

Um viertel nach acht begann jeder Morgen mit dem gemeinsamen Kaffee in der Cafeteria des Krankenhauses. Bei einem herrlichen Meerblick konnte ich hier eine Viertelstunde wach werden, bevor alle Ärzte gemeinsam um halb neun zur Frühbesprechung, der „sesión“, eintrafen. Wie in Deutschland be-

richtet hier die Nachtschicht von den Neuaufnahmen und den OPs des Vortages. Freitags folgt eine Art Fortbildung, bei der die Assistenzärzte, die „residentes“, Vorträge zu unfallchirurgischen Operationstechniken halten. An normalen Wochentagen beginnen im OP zwischen neun und halb zehn die ersten Operationen. Hier war es selbstverständlich, dass sich der Student bei jeder Operation, sofern sie ihn interessiert, waschen und mit am Tisch stehen darf. Natürlich mit wechselnd starker Beteiligung an der Operation. Das Spektrum der Operationen in der Traumatologie ist breit, sodass man von einer Hüftprothese über den Achillessehnenabriss bis zur Wirbelkörperfraktur alles sehen kann. Die meiste Zeit meiner Famulatur war ich also im OP und habe relativ wenig Patientenkontakt auf der Station gehabt. Das wäre in anderen Fachrichtungen vielleicht anders gewesen. Wenn man darum bittet, darf man auch viele Sachen mal selbst durchführen, zum Beispiel Nähen, Blasenkatheter legen oder Verbände machen. Trotzdem muss man sagen, dass man bei einer Famulatur in Spanien eher visuell lernt und Spanisch übt, als dass man viele praktische Fähigkeiten erwirbt.

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Beliebtes Ziel der Deutschen: In Marbella machen nicht nur viele Urlaub, manche haben sogar ihren Lebensmittelpunkt hierhin verlegt


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Famulatur in der Traumatologie Fortsetzung von Seite 3

Das liegt auch daran, dass die spanischen Medizinstudenten in ihrer Ausbildung erst als Assistenzarzt praktische Erfahrungen machen. Vorher wird das somit auch nicht von ihnen erwartet. Auch ein zweitägiger Ausflug in die Gynäkologie, den ich interessehalber machen wollte, war kein Problem. Sofort wurde ich auch dort wieder sehr freundlich aufgenommen und man erklärte mir viel. Als besonders angenehm wird mir das Arbeitsklima im Gedächtnis bleiben, das wesentlich entspannter als in Deutschland ist. Es herrscht ein freundlicher, respektvoller Umgang sowohl zwischen den Ärzten untereinander und den Schwestern – ja sogar zwischen Chirurgen und Anästhesisten. Eine hierarchische Ordnung ist kaum zu bemerken, da sowieso alle in Spanien „per du“ sind. Sogar mit den Patienten wird sehr freundlich und locker umgegangen, oft werden sie geduzt. Auch nach der Arbeit, die hier übrigens auch für die Ärzte

pünktlich um 15 Uhr endet, geht man gelegentlich noch ein Bier am nahegelegenen Strand trinken.

Mojitos in Tarifa

Während meiner Famulaturzeit stand der jährliche Betriebsausflug der Traumatologen nach Tarifa an, auf den ich dann einfach

mitgenommen wurde. Tarifa liegt sozusagen einmal um die „Gibraltar-Nase“ von Spanien herum am Atlantik. Über die Einwohner von Tarifa sagt man, dass sie durch den permanenten Wind, der dort herrscht, wunderlich geworden seien. In jeden Fall ein Eldorado für Surfer und Kiter. Der Wind, der die Palmen rauschen lässt und von seichter Lounge-Musik am Pool unterlegt wird, macht die Sonne erträglich. In den vielen giftgrünen Sofas im Garten wurde der ein oder andere Mojito getrunken, bevor wir um zehn Uhr zum Abendessen aufbrachen. Das Abendessen läuft in Spanien, abgesehen davon, dass man auch erst um halb drei morgens fertig ist, anders ab als in Deutschland. Es werden viele kleinere Gänge serviert, die man dann auf seinen Teller lädt. Am Ende wird die Rechnung – rund 500 Euro – durch die Anzahl der „Teilnehmer“ geteilt. Fertig. Für mich war das allerdings irrelevevant, weil die Gruppe darauf bestand mich einzuladen. Widerrede

zwecklos. Danach begann eine spanische Partynacht, von der wir uns am nächsten Tag am Strand erholen mussten. Dazu wurde großzügiges Picknick eingekauft. Gazpacho, eine kalte spanische Gemüsesuppe, kannte ich zwar schon vorher, aber ich wusste nicht, dass sie hier auch mit Eiswürfeln am Strand als Erfrischung genossen wird. Und das tut in der Hitze wirklich gut, vor allem, wenn es sonst nur Cola und Bier gibt!

Einblicke und Sonne gesammelt

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich eine erlebnisreiche, beeindruckende Famulatur in Marbella gehabt habe. Fachlich habe ich sehr viel gesehen, wenn auch nicht immer alles selbst machen können. Mein Spanisch konnte ich wieder auffrischen und verbessern und ich habe einen guten Einblick in den Arbeitsalltag in einem spanischen Krankenhaus bekommen. Ich habe Sonne getankt, viele nette Menschen kennen gelernt und unglaublich viel Gastfreundschaft erlebt. Und von letzterer können wir Deutschen uns noch ein Scheibchen abschneiden…

Dem Tod mit Respekt begegnen Momentaufnahmen aus dem Präparationskurs Fortsetzung aus der MEDI/LEARN Zeitung 05/09

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iese Einsicht erleichterte mir meine Arbeit wesentlich, denn ich arbeitete mit dem Bewusstsein, den Körper, die leere Hülle, die Schlangenhaut zu präparieren und nicht mehr den Menschen, der er einst gewesen war. Das war aber kein Grund, ihn weniger zu respektieren, sondern nur eine Erleichterung, da ich wusste, ich tat ihm nicht mehr weh. Wohin ist seine Seele gegangen? Irgendwann wurde der Körperspender schließlich umgedreht und ich konnte ihn mir genauer anschauen. Die spitzen Gesichtszüge, den leicht geöffneten Mund, die vielen Totenflecke, die abgemagerten, versteiften Finger. Bei

der vorderseitigen Präparation hatte ich oft das Gefühl, der Mann würde mich aus seinen halbgeöffneten, trüben, blauen Augen bei meiner Arbeit beobachten. Vollkommen unbeweglich schauten mich diese Augen an, mit einem dichten Schleier über ihnen.

mochte. Ich stellte mir vor, sie würde neben uns schweben und sich alles mit ansehen, was wir ihren sterblichen Überresten antaten. Was dachte sie? Hatte der Mann sich so seinen Dienst für die Wissenschaft vorgestellt?

Ich stellte mir vor, seine Seele würde neben uns schweben, sich alles mit

In solchen Momenten kam ich zu mir. Landete mitten in der Realität, knallte mit beiden Füßen hart auf dem kalten Boden des Präpsaals auf und mein Schutz, meine Wand war weg. Ich blickte mich um und hatte das Gefühl, als würde ich alles zum ersten Mal sehen. Entsetzen wie im schrecklichsten Horrorfilm schlich sich in meinen Kopf und lähmte

ansehen

Der Ausdruck war weder vorwurfsvoll noch aufmunternd, sondern einfach nur müde, müde vom Leiden, müde vom Leben. Ich fragte mich, wo seine Seele wohl sein

Horror-Realität

meine Glieder. Vom Tisch tropfendes Fett, abgeschnittene Körperteile, eine komplett abgezogene Haut in der Luft, ein geöffneter Schädel, von überall her starre, kalte Augen und der Tod, der mich unbeweglich aus ihnen anstarrte. Das Geräusch der Knochensäge schnitt durch meine Ohren und meine Haare richteten sich auf. Scharf, grausam, ohne jegliches Mitleid schlugen sich die Zähne in den Knochen, zerbissen das scheinbar harte Material problemlos und spuckten die Reste aus. Der Formalingeruch und etwas anderes, Schreckliches, Süßlich-Saures kroch in meine Nase.

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Dem Tod mit Respekt begegnen Momentaufnahmen aus dem Präparationskurs Fortsetzung aus der MEDI/LEARN Zeitung 05/09

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eine Knie wurden weich und fingen an zu zittern. Ich schaute umher, sah gewohnte Gesichter, die fast schon meine zweite Familie waren. Eng arbeiteten wir zusammen, uns aneinander reibend, wie Krähen oder Geier um einen Leichnam kämpfend, in einer schwarzen Wolke über dem Toten hängend. Niemand schien etwas zu merken. Ich schloss die Augen und würgte die aufsteigende Übelkeit mit dem Wunsch herunter, aus dem Raum zu gehen, zu laufen, zu fliegen. Die Maske der Gleichgültigkeit war wieder aufgesetzt, der Maskenball konnte weitergehen.

Letzte Anzeichen des Lebens

noch bieten konnte und die mit dem Rinnsal davon flossen.

Vom Mensch zum Präparat

Nach und nach hatte der Körperspender alles Menschliche verloren und wurde mehr und mehr zu einem Präparat. Nur noch das von uns verschonte Gesicht erinnerte daran, dass er mal so ausgesehen hatte wie wir. Im Laufe der Präparation entdeckten wir zahlreiche Anomalien an fast allen Organen: Herzvergrößerung, Koronarkrankheit, Nierenzysten, Hernien, eine fehlende Gallenblase, einen Port, einen großen Teil des Darms, der wegen des Krebses entfernt worden war, eine so verkalkte Aorta, dass es über-

haupt unklar war, wie er gelebt hatte, und ein sehr ungewöhnliches Pankreas... welche Leiden dieser Mann hatte! Die Unübersichtlichkeit seines Bauchraumes war auch der Grund für die Aussage unseres Professors, dieser Körperspender sei für unsere Prüfung nicht geeignet: „Wir werden ihn auseinandersägen müssen.“ Seine Anweisung an den Hausmeister: „Einmal die Hüfte abtrennen und dann bitte noch mal längs eine Teilung.“ Uns versicherte er: „Keine Angst, Sie werden es erst sehen, wenn Sie morgen wiederkommen.“ Der warme Arm meiner besten Freundin streifte meinen. Täuschte ich mich oder zitterte sie wirklich? Wie ungewohnt war ein Gefühl der Wärme, des Lebens in diesem Raum. Meine Augen begegneten den ihren. Noch blauer als sonst waren sie, noch riesiger. Die schwarzen Wimpern flogen ein paar Mal wie Schmetterlingsflügel auf und ab und zwischen ihnen blitzte ein winziger, glitzernder Tropfen auf.

Irgendwann kamen wir zu den Organen und diese weitere Dimension meiner neuen Welt war noch faszinierender als alles andere davor. Am meisten begeisterte mich das Herz, das solch eine riesige Arbeit verrichtet hatte. Es war größer, als ich es mir vorgestellt hatte, doch trotzdem viel z u klein, um als Pumpe für einen ganzen Körper zu fungieren. Wenn man auf die linke Kammer drückte, pulsierte die Aorta, als ob es doch noch ein Zurück gäbe, als hätte der Tod doch nicht gesiegt. Aber dann kamen die Reste des Lebens in Form von dunklem, geronnenem Blut in riesigen Klumpen aus den Gefäßen und dem Herzen zum Vorschein. Kamen zum Vorschein, wurden von uns herausgekratzt und entsorgt. So war jede Hoffnung dahin. Manchmal rieselte sogar noch frisches Blut aus kleinen angeschnittenen Gefäßchen und wir verstummten alle und schauten uns mit Traurigkeit und Ehrfurcht diese allerletzten Anzeichen des Lebens an, die dieser Körper uns Mehr als nur eine Nummer: Der Präparationskurs widmet sich auch dem Menschlichen

Auseinandersägen? Die Frage blieb mir unausgesprochen im Halse stecken.

Wortlos, lautlos

Am folgenden Tag schien die Ankündigung vergessen zu sein. Doch die sauber abgetrennten Körperteile, die aus dem Bauchraum halt- und leblos heraushängenden Darmschlingen riefen alles wieder in Erinnerung. Keiner sagte ein Wort. Keiner erwähnte es. Ein Tabu mehr in unserem Leben. Ich präparierte lautlos, ich würgte genauso wortlos mein Essen herunter. Ich ging nach Hause und lernte weiter. Alles wie immer. Alles ohne ein einziges Wort.

In jener Nacht suchten Mal Alb-

mich zum ersten

träume heim

Abstumpfung. Am nächsten Morgen wachte ich mit zusammengebissenen Zähnen auf. Meine Hände taten weh, ich konnte die Finger nicht auseinander kriegen – sie waren die ganze Nacht zu Fäusten geballt gewesen. Tiefe Abdrücke meiner Nägel prägten die Handflächen. Mein Bett war schweißnass, meine Augen waren geschwollen und brannten immer noch. In jener Nacht hatten mich zum ersten Mal seit Anfang des Präparationskurses Albträume heimgesucht.

Die Gefühle bewahren

Als wir schließlich den Totenschein bekamen, war ich entsetzt über die kühle Gleichgültigkeit, mit der die Pathologin über „unseren“ Mann schrieb: „Ein alter Mann mit Schlafanzugsjacke bekleidet...“, als sei er ein Objekt wäre, nur irgendwer, einer von vielen, ohne Identität, ohne Namen. Ich war wütend. Wütend auf diese ungerechte, gleichgültige Welt, auf die Pathologin und auf mich, dass ich diese ewige Maske trug und nichts sagte, obwohl doch so viel in mir drin war. Nur wenn ich dieses Mitgefühl für meine Mitmenschen bewahren konnte, würde ich eine gute Ärztin werden.

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Momentaufnahmen aus dem Präparationskurs Fortsetzung von Seite 5

Und dies würde schwer sein, denn alles, was man sieht, tötet sie ab, diese Menschlichkeit, und man wird zu einem maskierten Roboter voller Gleichgültigkeit und Leere.

Dankbarkeit zeigen

Als wir am letzten Semestertag noch einmal wie am Anfang um unseren Körperspender herum standen, dieses Mal, um uns von ihm zu verabschieden, nahm ich bewusst meine Maske ab. Ich sah ihn wieder als Menschen und

nicht als Präparat. Ich ließ bewusst das Gefühl der Trauer und des Schmerzes für ihn zu. Doch nicht nur diese Gefühle erfüllten mich beim Anblick dieses zerstückelten, zersägten Körpers, beim Blick der an die Ellenbogen angelegten Füße. Nein, auch ein Gefühl von großer Dankbarkeit. Ich dankte diesem Mann, der sich uns so vollkommen geöffnet hatte, für all das Wissen, das ich mit solcher Begeisterung erworben hatte, für jede Minute, in der ich Struktur für

Struktur mehr benennen konnte und in der mir mein eigener Körper immer bekannter wurde.

Erwachsener geworden

Am Anfang des Semesters hatte ich einen Fremden begrüßt und am Ende dieser paar Monate stand ich vor dem Abschied von jemandem, der mir sehr nah gekommen war, der mir eine neue, faszinierende Welt eröffnet und mich zu einem anderen Menschen gemacht hatte – durch sein ei-

genes Leben, das ich zwar nicht kannte, dessen Spuren gleichwohl an seinem Körper und an seiner Entscheidung, sich uns zu spenden, zu verfolgen waren. Ich trat mit langsamen Schritten aus dem Raum und blickte mich noch mal an der Schwelle um. Ein letzter schweifender Abschiedsblick durch den leeren Präpsaal. Wie erwachsen ich geworden war. Als ob ein ganzes Leben in diesen wenigen Monaten gelebt worden wäre.

Ein langer Atem zahlt sich aus! Medizin studieren mit 3,0 … von Ines Pilz

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ls ich 2001 mein Abitur machte, wusste ich bereits vier Jahre, dass ich unbedingt Arzt werden wollte. Nur leider bin ich auch Realist und mir fiel es nicht schwer festzustellen, dass ich mit meinem Abi-Schnitt von 3,0 keine Chance hatte, einen Studienplatz zu bekommen. Nichts desto trotz bekam die ZVS Post von mir und eine Bewerbung auf den heiß begehrten Studienplatz. Die Antwort der ZVS: Rang 10.009 auf der Warteliste. Da konnte ich mir ausrechnen, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, bis ich einen Studienplatz bekomme.

An die Ärzte geheftet

Da ich diese Zeit nicht ungenutzt verstreichen lassen wollte, bewarb

ich mich um eine Ausbildung zur Krankenschwester. Diese bekam ich auch. Es sollte aber nicht lange dauern, bis ich unzufrieden wurde und mehr wollte. Ich heftete mich zunehmend an die Ärzte auf Station, welche mir auch bereitwillig alles erklärten. So konnte ich neben den „Basics“, die man als Krankenschwester macht und lernt (Blutabnahmen, Blutdruck messen, Katheter legen, Magensonden legen usw.) darüber hinaus gehende Fertigkeiten erlangen: Ich eignete mir das Flexülen legen an, das Kathetern von Männern, das Punktieren von Aszites, Liquor- und Pleuraergüssen unter Assistenz, sowie den Weg von der Aufnahme des Patienten bis zur Diagnosestellung. Nach dem Abschluss meiner Aus-

Der Hörsaal: Um hier lauschen zu dürfen, wartet mancher jahrelang

bildung und sechs Wartesemestern dachte ich, es sei geschafft. Aber so sollte es nicht sein. Ich bekam wieder eine Absage. Doch mein Rang auf der Warteliste sank auf 4.307. Ich rechnete mir aus, dass ich dann wohl nach acht langen Semestern dran sein müsste. Das Jahr überbrückte ich in meinem gelernten Beruf auf einer Station für Frührehabilitation/Intensivpflege neurologisch erkrankter Patienten.

Schwierige Zeiten

All das war nicht immer einfach, denn zu dieser Zeit ging es auch meinem Vater sehr schlecht. Er war an Prostatakrebs erkrankt und musste immer wieder zu Bestrahlung und Chemotherapie. Im August 2005 dachte ich dann: Jetzt ist es soweit. Aber die ZVS enttäuschte mich erneut. Wo kamen denn all die Leute her, die Ärzte werden wollen? Es war echt deprimierend. Und der ein oder andere hätte wahrscheinlich auch aufgegeben. Aber nicht ich. Da musste ich jetzt durch! Also ging ich weiterhin fleißig meinen Diensten nach. Doch schon ab Ende Mai 2006 sollte sich einiges in meinem Leben ändern. Und es kam, wie es irgendwann zwangsläufig kommen musste: Mein Vater verließ mich

im Juni. Der Krebs hatte gesiegt. Es folgten einige Wochen, in denen ich krank und zu Hause war. Ich kümmerte mich um eine vernünftige Beerdigung, räumte die Wohnung aus, verteilte das Erbe und alles, was noch zu erledigen war.

Zusage!

Am 12. August 2006 – und glaubt mir, diesen Tag werde ich mein Leben lang nicht vergessen – öffnete ich den Briefkasten. Zusage! Das war die beste Entschädigung, welche ich für die lange Zeit des Wartens bekommen konnte. So schnell wie meine Kündigung an meinem damaligen Arbeitsplatz auf dem Tisch lag, konnte ich nicht ZVS sagen. Nun bin ich Studentin im 7. Semester, habe mein Studium bisher souverän gemeistert, alles beim ersten Mal bestanden und arbeite an meiner experimentellen Doktorarbeit. Ich habe nicht eine Sekunde bereut, meinen unbefristeten Arbeitsvertrag gekündigt zu haben und kann nur jedem ans Herz legen, diesen Schritt zu gehen, wenn er merkt, dass er noch weiter kommen möchte. Lasst euch nicht entmutigen, wenn ihr in einer Gruppe von Abiturienten steht, die sich darüber austauscht, dass sie ja einen Schnitt von „nur“ 1,3 haben. Auch mit 3,0 ist alles möglich. Man braucht nur einen langen Atem.


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Als Flying Doctor in den Alpen unterwegs Eine Woche mit dem Flieger unterwegs Fortsetzung aus der MEDI-LEARN Zeitung 05/09

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bwohl es mitten in der Nacht war und ich mich immer noch sehr müde fühlte, konnte ich mich dem Charme Tallinns nicht entziehen. Der Flughafen modern, die Menschen freundlich und die Altstadt wunderschön erhalten, machte alles einen sehr angenehmen Eindruck. Die Ausstattung des Krankenwagens war exzellent und es schien, als ob neben den eigenständigen Bemühungen Estlands auch die ein- oder andere europäische Unterstützung ein gutes Gesamtwerk vollbracht hatte. Der Rückflug war ereignislos und erlaubte weitere kurze Schlafphasen im Wechsel mit meinem Pfleger. Um vier landen wir in London-Warwick, dort übernimmt ein Rettungswagen unseren Patienten. Vor uns liegen mindestens 12 Stunden Pause. Ein Folgeauftrag steht bislang nicht an, so dass wir nach einem FeierabendBier um fünf erschöpft in die unbeschreiblich bequemen Kissen des Hilton Warwick senken.

Ab in den Süden!

Der 11. Februar, ein sonniger Tag. Gegen 14 Uhr verdichten sich die Gerüchte um einen Transfer von Teneriffa (Kanaren) nach Parma (Italien). Wir machen uns also auf den Weg zum Flughafen, und nur einen Kaffee später gibt man uns die endgültige Bestätigung. Das Wetter ist umgeschlagen, es ist kalt, windig und es beginnt zu regnen. Höchste Zeit, der Sonne entgegen zu fliegen! Und: Offenbar erwartet uns der Patient erst am nächsten Tag, was uns neben einer vernünftigen Übernachtung auch einige freie Stunden auf Teneriffa beschert! Zum Zeitpunkt unserer Landung auf Teneriffa (21 Uhr) ist es natürlich schon wieder dunkel. Die Patienteninfo: Ein 74-jähriger Italiener mit heftiger Lumbago bei bekanntem Bandscheibenvorfall L3/L4. Er sei wohl wieder auf dem Weg der Besserung, auch er ist in einem Hotel. Ob allerdings der Transport in lie-

gender Position für den Patienten erträglich ist, muss sich erst noch zeigen.

ständlichen Dankesrede entnehmen. Leben im Zeitraffer Es folgt der kurze Flug von Parma zurück nach Wien. Nach einer etwas langwierigen Landeprozedur sind wir um 21 Uhr wieder „zu Hause“. Die Temperaturen sind mit minus zwei Grad doch ziemlich frisch und der starke Wind intensiviert die Kälte. 10 Stunden zuvor lag ich noch

erstmals die Stadt Wien zu erkunden. Bei der Gelegenheit besuchte ich auch gleich einmal die Zentrale unserer Firma. Nach einem leckeren Essen – Wiener Schnitzel zum Abschied – fliege ich am Samstagmittag mit einem – aus meiner neuen Sicht nun großräumig wirkenden – Airbus A330-200 zurück nach Münster-Osnabrück.

Ein kurzes Bad in den Wellen des Atlantiks

erfrischenden

Damit es am Folgetag zügig losgehen kann, wird die Maschine am Abend betankt. Unseren Piloten zufolge sollten wir die Nacht in einem der schönsten Hotels auf der Insel verbringen, der „Villa Cortés“. Sie haben definitiv nicht übertrieben. Gegen neun erwache ich im Paradies. Zwitschernde Vögel, untermalt von sanftem Meeresrauschen, ein lauwarmer Wind und die aufgehende Sonne lassen die zurückliegenden Anstrengungen vergessen. Draußen erwarten mich ansteigende Temperaturen bis 26 Grad. Da bis zum geplanten Abflug um 1300 noch einige Stunden zur freien Verfügung bleiben, mache ich mich zu einem kleinen Spaziergang entlang der Strandpromenade auf. Ein kurzes Bad in den erfrischenden Wellen des Atlantiks rundet den Aufenthalt ab.

Sprachwirrwarr

Unser Patient ist in schlechterem Zustand, als die Aussage „He´s staying in a hotel“ vermuten ließ. Es dauerte Minuten, bis er sich auf den Stretcher gelegt hatte. Um ihm die etwa vierstündige Flugzeit so angenehm wie möglich zu gestalten, polstern wir hier und da etwas nach, und mit einer zusätzlichen Kurzinfusion plus 2,5g Novamin sollte es dann auch recht angenehm für ihn werden. Pünktlich um zwei verabschieden wir uns von Teneriffa und treffen mit leichter Verspätung um 18.30 Uhr in Parma ein. Die Übergabe an den italienischen Krankenwagen: kommunikativ aber weitgehend unverständlich, Englisch hilft uns kaum weiter. Letztendlich ist das Ehepaar aber offensichtlich zufrieden mit der Repatriierung: „Vi ringraziamo“ und „multo buona“ kann ich der mir ansonsten unver-

Rücktransport eines Patienten mit dem Flugzeug

am Strand von Teneriffa. Ein Leben im Zeitraffer. Es stehen keine weiteren Ambulanzflüge an. Das ist mir ehrlich gesagt ganz recht. So spannend und aufregend die vergangenen Tage waren, so anstrengend und erschöpfend waren sie auch. Und deshalb nutzte ich den Freitag, um auszuschlafen und

Neben Mozartkugeln hatte ich viele spannende Eindrücke und neue Erkenntnisse in meinem Gepäck. Obwohl wir uns aus medizinischer Sicht nie wirklich aus europäischen Verhältnissen entfernt hatten, konnte ich einen Eindruck jenseits des Tellerrandes gewinnen. Das war die Europareise allemal wert!

IMPRESSUM Herausgeber: MEDI-LEARN, ISSN 1860-8590 Elisabethstraße 9, 35037 Marburg/Lahn Tel: 04 31/780 25-0, Fax: 04 31/780 25-29 E-Mail: redaktion@medi-learn.de, www.medi-learn.de Redaktion: Jens Plasger (Redaktionsleitung), Christian Weier (V.i.S.d.P.), Trojan Urban, Dr. Marlies Weier, Dr. Lilian Goharian, Dominika Sobecki, Dr. med. Dipl.-Psych. Bringfried Müller, Thomas Brockfeld Lektorat: Jan-Peter Wulf und Thomas Trippenfeld Layout & Graphik: Kristina Junghans Berichte: Ines Pilz, Marcel F. Glaas, Daniel Lüdeling, MA Reto Caluori (idw), Helen Kroening, Olga Kogan Bildnachweis: www.photocase.com, www.istockphoto.com, www.sxc.hu, www.pixelquelle.de, Artikelautoren, www.flickr.com, David Cotterrell Erscheinungsort: Marburg Der digitale Nachschlag erscheint zu jeder MEDI-LEARN Zeitung als Ergänzung, die du dir als PDF auf der MEDI-LEARN Seite herunterladen oder online anschauen kannst. Er beinhaltet Fortsetzungen von Artikeln aus der aktuellen Zeitung sowie weitere interessante Artikel und Berichte rund um die Medizin. Dein Artikel bei MEDI-LEARN? Wir freuen uns über die Zusendung von Erfahrungs­berichten und anderen Artikeln und belohnen die Autoren mit Fachbüchern. Alle weiteren Infos findest du unter www.medi-learn.de/artikel. Dieser Digitale Nachschlag ist Teil der MEDI-LEARN Zeitung. Die bisherigen Ausgaben findest Du unter: www.medi-learn.de/ MLZ-Online


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MLZ

November/Dezember 2009

Digitaler Nachschlag

Wie Gefühle unser Gedächtnis steuern Auf dem Weg zu neuen Therapiestrategien von MA Reto Caluori, Universität Basel (idw)

A

n die Hochzeit, einen schönen Urlaub, aber auch an einen Unfall können wir uns oft noch Jahre später sehr gut erinnern. Hingegen werden alltägliche, gefühlsneutrale Geschehnisse nur oberflächlich abgespeichert und schneller vergessen. Dieser gedächtnisfördernde Effekt von Emotionen ist biologisch sinnvoll. So brennen sich erlebte Gefahrensituationen tief in unser Gedächtnis ein und können dadurch eher vermieden werden. Dieser Effekt von Gefühlen auf das Gedächtnis ist aber nicht bei allen Menschen gleich stark ausgeprägt. Wissenschaftler der Universität Basel haben für dieses Phänomen einen molekularen Mechanismus beschrieben.

Emotionale Information

fMRI-Aufnahme eines Mandelkerns mit genetisch bedingter erhöhter Aktivität

Die Professoren Dominique de Quervain und Andreas Papassotiropoulos von der Universität Basel hatten entdeckt, dass eine genetisch verankerte Variante eines bestimmten Rezeptors (alpha-2B-adrenerger Rezeptor), der als Andockstelle für den Botenstoff Noradrenalin dient, dazu beiträgt, dass man sich besonders stark an emotionale Information erinnert. Die Forscher fanden zudem heraus, dass dieselbe Rezeptorvariante auch für die Stärke von quälenden Erinnerungen an traumatische Erlebnisse bei der posttraumatischen Belastungsstörung mitverantwortlich ist. Allerdings blieb bisher unklar, wie diese genetische Variante zu einem besseren emotionalen Gedächtnis führt.

Erhöhte Aktivität des Mandelkerns

In der aktuellen Untersuchung studierten die Wissenschaftler

den zugrunde liegenden Mechanismus. Dr. Björn Rasch untersuchte dazu die Hirnaktivität von gesunden Versuchteilnehmern, während diese sich emotionale Bilder anschauten. Die Rezeptorvariante, die mit einem gesteigerten emotionalen Gedächtnis einherging, führte zu einer erhöhten Aktivität des Mandelkerns (Amygdala), einer Hirnstruktur, die wichtig ist für die Verarbeitung und Abspeicherung emotionaler Information. Dieser genetisch verankerte Mechanismus führt also über eine erhöhte Aktivität im Mandelkern dazu, dass man sich beispielsweise besonders gut an erlebte Gefahrensituationen erinnert und sie dadurch künftig besser vermeiden kann. Der Preis, den man für diesen positiven Effekt zu bezahlen hat, könnte allerdings sein, dass sich auch schlimme traumatische Erlebnisse tiefer ins Gedächtnis eingraben und so in Form quälender Erinnerungen weiter existieren.

Neurobiologische Mechanismen

Die aktuelle Studie fand im Rahmen des Projekts „Neurobiologische Mechanismen des menschlichen Gedächtnisses“ statt, das von Papassotiropoulos und de Quervain geleitet wird. Das Projekt umfasst mehrere Tausend Versuchsteilnehmer und Patienten aus Europa, den USA und Afrika. Zu den Zielen

des Projektes gehören die Identifizierung von neurobiologischen und molekularen Mechanismen des menschlichen Gedächtnisses und die gezielte Entwicklung neuer Therapiestrategien zur Behandlung von Gedächtnisstörungen. Mehr Informationen: www.brainscience.ch/unibas-dcn. html

Digitaler Nachschlag 05/2009  
Digitaler Nachschlag 05/2009  

Zusätzlich zur eigentlichen Zeitung bieten wir euch zudem seit der Ausgabe 04/2005 den sogenannten Digitalen Nachschlag: nicht alle Artikel...

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