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Die Zeitung für Medizinstudenten und junge Ärzte

ZEITUNG

Digitaler Nachschlag

Digitaler Nachschlag der Ausgabe 05 5/05 ∙ Dezember 2005 ∙ In Kooperation mit dem Georg Thieme Verlag ∙ www.medi-learn.de

Ein kleiner Schnitt

Krawatte statt Birkis

Pionier-PJ in Siegburg

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Doch an heikler Stelle: Für Vasektomie-Eingriffe benötigen Urologen viel Fingerspitzengefühl. Und zwar auch, was die Seele des Patienten betrifft.

Auf der Insel arbeiten Mediziner im feinen Zwirn. Welche Erkenntnisse Lena Tomaschütz dort noch gesammelt hat, verrät sie euch in ihrem Famulaturbericht.

Offener Umgang mit Komplikationen Fehlerkultur als Frühwarnsystem von Anna Julia Voormann

Csaba Losonc zählte zu den ersten PJlern am neuen Lehrkrankenhaus der Uni Bonn, dem Klinikum Siegburg. Persönliches Fazit: empfehlenswert.

auch, dass in nur knapp sieben Prozent der Fälle die Vorwürfe zutrafen. In den chirurgischen Fächern ist damit die Quote dieser „bejahten Behandlungsfehler“ unterdurchschnittlich.

Kommunikationsdefizit verhindern

Fehler passieren überall – wichtig ist wie man damit umgeht

D

ie Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCh) setzt sich für einen offenen Umgang mit Komplikationen und Behandlungsfehlern in Krankenhäusern ein. Eine funktionierende „Fehlerkultur“ zeige Schwächen im System frühzeitig auf und erhöhe die Patientensicherheit, bekräftigt Generalsekretär Professor Dr. med. Hartwig Bauer. Die Fachgesellschaft erwägt, ein freiwilliges Meldesystem einzuführen.

D

as kennt man: Man sitzt in einem stehenden Zug und blickt aus dem Fenster, während der Zug auf dem Nachbargleis anfährt. Einen kurzen Moment weiß man nicht, welcher der beiden Züge sich bewegt – einen kurzen Moment empfindet man Schwindel. Eine harmlose Situation, doch das Gleichgewichtssystem kann auch krankhaft gestört sein. Wie aber funktioniert dieses System? Wo verarbeitet das Gehirn Gleichgewichts-Informationen? Und auf welchen Bahnen gelangen diese Informationen dorthin?

In Deutschland erfassen Rechtsmediziner jährlich etwa 40.000 Vorwürfe von Behandlungsfehlern. In Fällen mit Todesfolge treffen sie am häufigsten die Chirurgie – verglichen mit anderen Fachgebieten bei nahezu einem Drittel. Dies ergab eine aktuelle Studie des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Bonn im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS). Sie zeigte aber

Eine komplikationsfreie Chirurgie werde es nie geben, sagt Professor Bauer: „Die Null-Fehler-Attitüde darf deshalb nicht länger die Regel sein.“ Entscheidend sei es, mögliche Komplikationen zu reduzieren und Fehler zu vermeiden. Aufsehen erregende Fälle wie etwa die Amputation eines gesunden Beines würden häufig als Versagen eines Einzelnen angesehen. Doch in der Regel haben sie vielfältige Ursachen: Kommunikationsprobleme, Überlastung, Mangel an qualifiziertem Personal oder fehlende Ausrüstung führten erst in der Summe zum Schaden. Sichere Chirurgie braucht sichere Ressourcen. „Dies gilt in besonderem Maße für die ‚Ressource Arzt‘“, sagt Professor Bauer. Denn ein Kommunikationsdefizit – die größte Fehlerquelle – lässt sich nur verhindern, wenn Ärzte Zeit haben

Schwindel erregende Bahnen im Gehirn Zentrale Schaltstelle identifiziert von Petra Giegerich

Bildgebende Verfahren klären auf

Was im Gehirn passiert, wenn es dem Menschen schwindelt – dieser Frage sind Forscher des Universitätsklinikums Mainz zusammen mit Münchner Kollegen nachgegangen. Mit speziellen bildgebenden Ver-

fahren haben sie die Gehirnaktivität während des Schwindelempfindens „beobachtet“ und so eine zentrale Schaltstelle des Gleichgewichtssystems im menschlichen Gehirn ausgemacht. Ist die linke oder rechte Seite dieser Schaltstelle – im Fachjargon posterolateraler Thalamus – durch einen Schlaganfall

mit Mitarbeitern und Patienten zu sprechen. Indem der behandelnde Arzt den Patienten umfassend aufklärt, stärkt er das Vertrauensverhältnis. „Viele Behandlungsfehlervorwürfe ließen sich vermeiden, wenn sich Patienten durch ihren Arzt ausreichend beachtet und ernst genommen fühlten“, so Bauer. Die DGCh schlägt unter anderem freiwillige, anonyme Meldesysteme für Fehler und unerwünschte Ereignisse im Sinne eines „Critical Incident Reporting“ vor. Dies zeigt Schwächen auf, bevor diese sich zu Komplikationen ausweiten. Grundlegend seien transparente Abläufe – vor allem auch an Schnittstellen, vollständige Dokumentation und klare Arbeitszeiten. Nicht ausreichend trainierte Chirurgen würden selbst zum Risikofaktor. „Von einer ‚Fehlerkultur‘ sind wir noch weit entfernt“, so Professor Bauer. Doch um aus Fehlern zu lernen, müsse man sie nicht selbst machen. Für einen offenen Umgang sei es notwendig, dass alle Beteiligten ihre Denkweise änderten und somit eine neue Fehlerkultur geboren wird. Weitere Informationen findet ihr unter: www.dgch.de

„lahm gelegt“, ist der Zugang zur Großhirnrinde auf dieser Seite blockiert. Die Bereiche des menschlichen Großhirns, die zum Gleichgewichtssystem gehören, werden nicht mehr aktiviert, da die Gleichgewichtsinformation dort nicht mehr ankommt. Die Ergebnisse der Studie sind jetzt in der Septemberausgabe der renommierten Zeitschrift „Brain“ erschienen. Fortsetzung auf Seite 2


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Digitaler igitaler Nachschlag

Schwindel erregende Bahnen im Gehirn Zentrale Schaltstelle identifiziert Fortsetzung von Seite 1

Künstlicher Schwindel

Das menschliche Gleichgewichtssystem besteht aus den eigentlichen Gleichgewichtsorganen im Innenohr, aber auch das Sehen und Fühlen spielen eine wichtige Rolle. Wenn alle drei Sinnessysteme die gleiche Information an das Gehirn melden, ist alles bestens – der Mensch im Gleichgewicht. Liefern die Systeme aber unterschiedliche Informationen, ist das Gehirn verwirrt – dem Menschen ist schwindelig. Was dabei passiert, erkunden Forscher der Neurologischen Klinik und der Klinik für Nuklearmedizin des Universitätsklinikums Mainz mit funktionell bildgebenden Verfahren – sie schauen dem Gehirn quasi beim Arbeiten zu. Mit der Positronen-Emissions-Tomographie – kurz PET – können sie dabei besonders gut verfolgen, welche Anteile des Gehirns unter bestimmten Bedingungen gerade aktiv sind. „Auf diese Weise haben wir in den letzten Jahren diejenigen Regionen in der linken und rechten Hälfte des menschlichen Großhirns identifiziert, die zum Gleichgewichts-

system gehören“, erklärt Prof. Marianne Dieterich, Direktorin der Neurologischen Klinik. „Dazu haben wir bei gesunden Probanden einen ‚künstlichen Schwindel‘ erzeugt und mittels PET beobachtet, welche Teile in der linken und rechten Gehirnhälfte daraufhin zu arbeiten beginnen.“

Posterolateraler Thalamus ist Schaltstelle

In ihrer jetzt veröffentlichten Studie wollten die Forscher herausfinden, wie das Gleichgewichtssystem im Kopf verschaltet ist, auf welchen Bahnen also Reize von außen zu den entsprechenden Bereichen in der Großhirnrinde gelangen. Einen Verdacht hatten sie schon: Sie vermuteten eine bestimmte Region im Thalamus – den posterolateralen Thalamus – als zentrale Schaltstelle. Also untersuchten sie insgesamt acht Patienten mit der PET. Vier von ihnen hatten eine Durchblutungsstörung im linken posterolateralen Thalamus erlitten, vier im rechten. Ergebnis: In der Hirnhälfte, in der der Thalamus

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verletzt war, kamen kaum noch Informationen in den entsprechenden Bereichen des Großhirns an. Die Vermutung hatte sich also bestätigt: Die Informationsbahnen des menschlichen Gleichgewichtssystems verlaufen in der Tat hauptsächlich über den posterolateralen Thalamus. Fällt diese zentrale Schaltstelle in einer Hirnhälfte aus, können keine Informationen mehr an das Großhirn auf dieser Seite weitergeleitet werden. Die gesunde Seite kann hier offenbar in der Akutphase auch nicht aushelfen. Um das Gleichgewichtssystem zu aktivieren, haben die Forscher auch in der aktuellen Studie zunächst einen „künstlichen Schwindel“ induziert – genau wie zuvor bei den gesunden Probanden: Dazu spülen sie einen äußeren Gehörgang etwa 50 Sekunden lang mit warmem Wasser. Aufgrund dieses Wärmereizes meldet das Gleichgewichtsorgan im gespülten Ohr eine Information an das Gehirn - das Gleichgewichtssystem wird aktiviert. „Diese Methode nutzen wir auch zur Diagnosefindung bei Patienten, die über Schwindelbeschwerden klagen“, sagt Dr. Sandra Bense, Assistenzärztin an der Neurologischen Klinik und Mitautorin der Studie. „So können wir beurteilen, ob das Gleichgewichtsorgan im Innenohr überhaupt, und wenn ja, wie stark auf äußere – hier künstliche – Gleichgewichtsreize reagieren kann.“

Abhängig von der Händigkeit

Noch etwas Interessantes haben die Forscher in der aktuellen Studie herausgefunden. Welche Bereiche im Gehirn aktiv sind, wenn das Gleichgewichtssystem arbeitet, hängt auch von der Händigkeit ab: Bei gesunden Rechtshändern sind Bereiche in der rechten Hirnhälfte stärker aktiv als in der linken. Dieses Ungleichgewicht findet sich auch bei Patienten mit Verletzungen im posterolateralen Thalamus wieder. Demnach ist das Gleichgewichtssystem zwar auf beiden Seiten im Gehirn – also quasi doppelt – angelegt. Für die Verarbeitung von Gleichgewichtsinformationen scheint aber eine Seite stärker verantwortlich zu sein. Dass der Thalamus die zentrale Schaltstelle für viele Informationen ist, die von außen zur Großhirnrinde gelangen, ist der Wissenschaft schon seit längerem bekannt. Seit den siebziger Jahren weiß man in Kreisen der Forscher auch, dass bei Tieren Gleichgewichtsinformationen über den posterolateralen Thalamus an die Großhirnrinde weitergegeben werden. Beim Menschen war das bisher nicht klar, doch die Ergebnisse der aktuellen Studie zeigen diesen Sachverhalt eindeutig.


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Digitaler igitaler Nachschlag

Das Nähen ist Studentenjob! Chirurgie-Tertial in Houston, Texas von Nadja Schneider

Den Anfang von Nadjas Bericht habt ihr bereits in der MLZ 05 lesen können. Hier nun die spannende Fortsetzung:

E

s ist außerdem wichtig zu wissen, dass in Houston die „elective rotations“ in etwa so sind wie die Block-Kurse bei uns. Ein Student ab dem 3. Semester Medical School assistiert also zwei bis vier Wochen dem Arzt eines bestimmten Fachgebietes und muss darüber auch Buch führen. Genauso wird man dann auch behandelt. Deswegen muss man den Ärzten höflich erklären, dass man quasi in seinem „final year“ ist und dass das PJ für uns eher so etwas ist wie das erste Jahr der Facharztausbildung in Amerika. Tut man das nicht, kann es passieren, dass man oft nur zuschaut und einem ein junger, unerfahrener Arzt erklärt, was der Unterschied zwischen Pleuraerguss und Lungenödem ist! Der Tag beginnt in den amerikanischen Krankenhäusern ein wenig früher als bei uns: Die Assistenzärzte in der Facharztausbildung („Residents“) machen oft schon um 4:30 Uhr morgens die erste Visite! Es reichte für mich aber aus, um sechs oder sieben Uhr zur Vorlesung vor Ort zu sein und danach mit den „Residents“ und dem Oberarzt („Attendant“) Visite zu machen. Um acht Uhr beginnen meistens die OPs. Aber aus der Acht-Uhr-OP wurde oft eine ElfUhr-OP und die Dreizehn-Uhr-OP fand entsprechend um 16:30 Uhr statt. Irgendwie verbrachte man sehr viel Zeit mit Warten und es blieb eigentlich auch immer Zeit für eine Mittagspause! Oftmals gab es mittags noch eine Fortbildungsveranstaltung mit Buffet, also haben auch die Ärzte ihre Pausen gerne in dieser Zeit eingelegt. Die Studenten sind übrigens nicht in die OPs mit eingeplant, weder zum „Hakenhalten“ noch zum Zusehen! Dadurch ist man am Tisch manchmal überflüssig und darf entweder am Fußende oder jenseits der

„Blut-Hirn-Schranke“ neben dem Anästhesisten stehen. Wer das nicht besonders lehrreich findet, darf auch abtreten oder gehen. Es lohnt sich allerdings zu bleiben, denn selbst, wenn ich während der ganzen OP nichts machen durfte oder brauchte: Nähen ist Studentenaufgabe!

WER KNOTEN ODER

INTRAKUTAN NÄHEN KANN, DARF DAS HIER MACHEN

Wer knoten und intrakutan nähen kann, kann das hier eigentlich immer machen. Es ist durchaus möglich, die Assistenzärzte schon am Anfang der OP zu fragen, ob man am Ende zumachen darf. Hin und wieder durfte ich alle Schichten nähen und auch eröffnen. Und im Gegensatz zu Deutschland hat sich niemand beschwert, wenn es länger gedauert hat, weil die Studentin genäht hat. Wenn kein anderer Assistent da ist, dann operiert der Oberarzt auch mit einem alleine. Alles in allem schien nicht so ein großer Wind darum gemacht zu werden, wer nun wie viel, was und wann operiert.

nen förmlich darauf zu vertrauen, dass ihr Arzt und ihre Uniklinik uns schon richtig ausbilden werden. Später stellte man dann alle Patienten, die man gesehen hatte, dem Oberarzt vor, ist noch mal gemeinsam rein gegangen und hat das weitere Vorgehen mit den Patienten besprochen. Niemals hieß es „Wir haben hier noch eine Studentin – wie war noch mal Dein Name? Hätten Sie etwas dagegen, wenn die Studentin mal mit zuguckt?“

Spezielle Gebiete kennen gelernt

Mein Fazit: PJ in Amerika macht Spaß. Je nachdem, wie sehr man sich einbringt und wie früh man bereit ist, aufzustehen, lernt man mehr oder weniger und hat ein mehr oder weniger anstrengendes Leben. Ich habe bei fast jeder OP nähen dürfen, nie einen Haken halten müssen (nur manchmal den Sauger), keine einzige Braunüle gelegt und keine einzige Blutentnahme gemacht. Ob ich mehr oder weniger gelernt habe, als ich es in Deutschland getan hätte, ist schwer zu sagen. Dadurch, dass man seine Rotationen selber wählen darf, lernt man sehr

le als Assistenzarzt zu bekommen, dann fünf Jahre harte Facharztausbildung. Gut, wenn man dort irgendwann seinen Facharzt gemacht hat, verdient man auch wesentlich mehr Geld als hier. Diese Entscheidung ist jedem selbst überlassen. Aber vielleicht habe ich mit der Schilderung meiner Eindrücke ja ein paar Denkanstöße geben können!

Weitere Informationen Anschub für die eigene Motivation, Erweiterung des Horizonts, Sammeln wichtiger Erfahrungen: All das bietet der Auslandsaufenthalt. Gerade im Vorfeld einer Famulatur oder eines PJ-Aufenthaltes im Ausland sind Informationen sehr wichtig. Besonders hilfreich sind die von Kommilitonen. In unserem Forum Auslandserfahrungen unter www.medi-learn.de/DNS3 findet ihr eine Vielzahl an nützlichen Informationen.

IMPRESSUM Herausgeber: MEDI-LEARN, ISSN 1860-8590, Bahnhofstraße 26b, 35037 Marburg/Lahn Tel: 04 31/780 25-0, Fax: 04 31/780 25-29 E-Mail: redaktion@medi-learn.de, www.medi-learn.de Redaktion: Jens Plasger (Redaktionsleitung), Christian Weier (V.i.S.d.P.), Trojan Urban, Marlies Lehmkuhl, Lilian Goharian, Peter Wollny, Dr. med. Dipl.Psych. Bringfried Müller, Thomas Brockfeld Lektorat: Jan-Peter Wulf Layout & Graphik: Stephanie Landskron Berichte: Anna Julia Voormann, Csaba Losonc, Lena Tomaschütz, Antje Pfütze, Julia Jacobs, Nadja Schneider, Petra Giegerich, Jan-Peter Wulf, Christian Weier, Jens Plasger

An manchen Tagen war nachmittags noch Polyklinik-Sprechstunde. Das hat mir besonders viel Spaß gemacht. Die Patienten werden in ein Untersuchungszimmer gesetzt und ihre Akte an die Tür gehängt. Man kann sich also kurz informieren, weshalb der Patient da ist, hineingehen, mit ihm plaudern, eine Anamnese und Untersuchen machen und eventuell auch schon mal ein paar Fragen beantworten. Es ist nie ein Problem gewesen, wenn man sich den Patienten als Medizinstudent vorgestellt hat. Sie schie-

spezielle Gebiete der Chirurgie (und sehr extreme Dinge) kennen, aber es fehlen dann natürlich die allgemeinen Dinge. Doch Arzt in den USA sein? Ich weiß nicht. Bis dahin muss man als Ausländer einen sehr langen, steinigen Weg gehen: USMLE Step 1 und 2, bessere Ergebnisse in den Tests, um auch als Ausländer eine Stel-

Anzeigenbetreuung: Christian Weier, Olbrichtweg 11, 24145 Kiel Tel: 04 31/780 25-0, Fax: 04 31/780 25-29 E-Mail: christian.weier@medi-learn. de – Es gilt die Anzeigenpreisliste 02 2/2005. Bildnachweis: istockphoto.com, photocase.com, Artikelautoren Dein Artikel bei MEDI-LEARN? Wir freuen uns über die Zusendung von Erfahrungsberichten und anderen Artikeln und belohnen die Autoren mit Fachbüchern. Alle weiteren Infos findest du unter www.medi-learn.de/artikel.


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Digitaler igitaler Nachschlag

Kleiner Schnitt an heikler Stelle Prometheus Kasuistik: Vasektomie von Julia Jacobs (Via Medici)

D

ie Sterilisation beim Mann ist eine problematische Operation. Nicht wegen der OP-Technik, sondern vor allem wegen der Ängste, mit denen die Vasektomie verbunden ist. Lesen sie, wie viel Fingerspitzengefühl ein Urologe für diesen Eingriff braucht – auch für die sensible Seele seines Patienten. „Der Nächste bitte.“ Als Famulant bei Dr. Meißner mimt Philipp ab und zu auch mal die freundliche Arzthelferin. Auf den Patienten, der jetzt kommt, ist er besonders gespannt: Herr Pfennig will sich über eine Sterilisation beraten lassen. Philipp weiß noch nicht viel über diese Operation. Er stellt sich vor, dass er selber einmal vor so einem Eingriff stehen könnte und bekommt starkes Herzklopfen. Ähnlich geht es wohl Herrn Pfennig. Philipp und der Urologe Dr. Meißner sehen ihm an, dass er sich am liebsten hinter seiner zweijährigen Tochter Emma verkriechen würde, die fröhlich auf seinem Schoß sitzt. Zum Glück ergreift seine Frau Grete energisch als Erste das Wort: „Ich bin jetzt 36 und mit der Pille bekomme ich Migräneanfälle“, erzählt sie. „Für ein weiteres Kind reicht das Geld aber hinten und vorne nicht. Deshalb wollte ich mich nach der Geburt unseres dritten Kindes sterilisieren lassen.“ Sie guckt kurz ihren Mann an, der sich aber immer noch hinter Emma versteckt. Entschlossen fährt Frau Pfennig fort: „Der Gynäkologe riet uns, erst zu Ihnen zu gehen. Er meinte, dass eine Sterilisation bei Männern sehr viel einfacher sei als bei Frauen.“ „Es freut mich, dass Sie beide hier sind.“ Dr. Meissner lächelt Herrn Pfennig aufmunternd zu. „Am besten erkläre ich Ihnen kurz, wie eine Sterilisation durchgeführt wird. Danach können Sie mir dann alle Fragen stellen, die Ihnen durch den Kopf gehen und werde sie dann beantworten.“

Verschlungene Wege

Der Urologe legt einen Aufklärungsbogen mit einer bunten Zeichnung auf den Tisch, die Philipp sich in der Kaffeepause schon mal genauer angeguckt hat. Aus dem Präp-Kurs weiß er noch, dass bei einer Sterilisation der Samenleiter, Ductus deferens, durchtrennt wird. Auf der Abbildung sieht man, dass der Ductus deferens die Nebenhoden mit der Harnröhre verbindet. Von der Hinterseite des Nebenhodens zieht er im Skrotum bis zum äußeren Leistenring. Als Teil des Samenstrangs tritt er von dort durch den Leistenkanal ins kleine Becken. Auf seinem weiteren Weg liegt der Ductus deferens retroperitoneal und kreuzt auf der Rückseite der Harnblase noch den Harnleiter, bevor er sich zur „Ampulla ductus deferentis“ erweitert. Danach vereinigt er sich mit dem Ausführungsgang der Samenblase, zieht als „Ductus ejaculatorius“ durch die Prostata und mündet schließlich in die Harnröhre. Während alle die verschlungenen Pfade des Samenleiters betrachten, fragt sich Philipp, an welcher Stelle man den Ductus kappt. Als könne er Gedanken lesen, erklärt Dr. Meissner in diesem Moment: „Für die Sterilisation durchtrennen wir Ihren Samenleiter direkt hier, oberhalb des Hodens.“ Der Urologe zeigt auf den Ductus deferens, bevor dieser am äußeren Leistenring in den Leistenkanal eindringt.

DIE OP ERFOLGT IN LOKALANÄSTHESIE UND DAUERT KEIN 30 MINTUEN „An dieser Stelle müssen wir nur durch die Haut schneiden, und Sie brauchen deswegen nur eine Lokalanästhesie. Der ganze Eingriff wird nicht länger als 30 Minuten dauern.“ Herr Pfennig macht immer noch ein sorgenvolles Gesicht: „Werde ich mich danach denn noch wie ein ganz normaler Mann fühlen?“, fragt

er. „Kann ich durch die Operation nicht impotent werden?“ Er betrachtet skeptisch die anatomische Zeichnung. „Eine Sterilisation ist keine Kastration“, beruhigt Dr. Meissner ihn. „Ihr Hormonhaushalt bleibt völlig unverändert. Sie werden die gleiche Freude am Sex haben wie bisher.“ Herr Pfennig gibt sich nicht zufrieden: „Aber wie ist es mit dem Samenerguss, wenn Sie den Gang, der das Sperma leitet, durchtrennen?“, will er wissen. „Sie werden keinen Unterschied merken, da die Menge der Samenflüssigkeit fast unverändert bleibt“, erklärt Dr. Meissner. „Spermien machen nur 2–3 Prozent des Ejakulats aus. Die restliche Flüssigkeit wird nicht von den Hoden, sondern von der Samenblase und der Prostata gebildet. Beide geben ihr Sekret über andere Wege in die Harnröhre ab. Das funktioniert auch nach dem Eingriff.“ Emma fällt es schwer, weiter still zu sitzen. Sie fasst ihren Vater an die Nase und kräht: „Jaa, Papa.“ Alle müssen lachen. Aber Herr Pfennig gibt noch nicht auf: „Ist der Eingriff bei meiner Frau wirklich so viel komplizierter?“ „Ja, das ist er“, antwortet Dr. Meissner geduldig. „Bei Frauen werden zur Sterilisation die Eileiter durchtrennt. Diese liegen im Bauchraum, und der Gynäkologe muss eine Bauchspiegelung machen, um an sie heranzukommen. Dazu müsste Ihre Frau eine Vollnarkose erhalten. Das Risiko für diesen Eingriff ist viel größer als bei der Vasektomie“, schließt der Urologe. Herr Pfennig lehnt sich zurück und entspannt sich sichtlich. „Emma hat Recht“, sagt er. „Wann könnte

ich den Eingriff machen lassen?“ „Zwei Wochen Zeit zu überlegen haben Sie noch“, antwortet Dr. Meissner. „Diese Bedenkzeit ist gesetzlich vorgeschrieben.“ Er erklärt dem Paar noch das Vorgehen nach der Operation. Herr Pfennig wird sich am Tag danach schon wieder um seine Software-Firma kümmern können. Die Rate der Nebenwirkungen bei der Vasektomie ist sehr gering. In seltenen Fällen kann es zu Infektionen und Blutergüssen an der OP-Stelle kommen. Nur auf den Verhütungsschutz müssen die beiden noch warten: Erst nach 15–20 Ejakulationen befinden sich keine Spermien mehr im Ejakulat. Um ganz sicher zu gehen, wird Herr Pfennig einige Zeit nach der OP eine Spermaprobe abgeben. Zum Glück ist der Eingriff aber nur bei einem von 1.000 Patienten nicht erfolgreich.

Kurz und schmerzlos

Zwei Wochen später ist Philipp gespannt auf die erste Sterilisation, bei der er dabei sein wird. Dr. Meissner gibt Herrn Pfennig ein paar Erklärungen und spritzt ihm lokal Lidocain zur Anästhesie. Danach wendet er sich an Philipp: „Leider kann ich dir keine Naht zum Nähen anbieten, da ich eine minimalinvasive OP-Technik verwende.“ Er zeigt dem Studenten eine scharfe Moskito-Klemme. „Hiermit durchtrennen wir die Skrotalhaut“, erklärt er. „Das geht schneller, und die Infektionsrate ist geringer.“ Er nimmt den Samenstrang, der durch die Skrotalhaut sichtbar ist, mit Fortsetzung auf Seite 4


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Zeigefinger und Daumen so in die Hand, dass sich die Haut darüber spannt. „Der Ductus deferens hat drei Muskelschichten zur Peristaltik“, erklärt er dazu. „Man kann ihn gut als harte Struktur im Samenstrang fühlen.“ Philipp tastet und findet den Samenleiter sofort. Dr. Meissner bohrt nun mit einer Moskito-Klemme ein Loch in die Haut über dem Ductus. Mit der Spitze des Moskitos zieht er den Samenleiter durch das kleine Loch ins Freie und hält ihn dann mit einer Ringzange. Er schneidet ihn in der Mitte durch und zeigt Philipp die Enden. „Diese beiden dürfen auf keinen Fall wieder zusammenwachsen“, betont er. „Dafür trenne ich ein Stück aus der Mitte heraus und veröde die Enden mit einem Koagulationsgerät. Zudem

vernähe ich das distale Stück. So stelle ich sicher, dass es nach einer Bewegung nicht wieder in der Nähe des proximalen Endes liegt. Mit den drei Schritten brauche ich als Urologe keine Angst vor einer nicht gewollten Schwangerschaft zu haben.“ Nachdem er die wenigen Handgriffe durchgeführt hat, legt Dr. Meissner beide Enden wieder unter die Haut. Er wartet einen Moment, um sicher zu sein, dass keine Blutung auftritt. Dann verbindet er die Punktionsstelle mit einem sterilen Verband. Herr Pfennig hält tapfer still, und Philipp kann die gleiche Prozedur auf der anderen Seite nochmals verfolgen. Eine Frage kommt ihm dabei in den Sinn: „Ist es möglich, diese Operation rückgängig zu machen,

„ „W

Der Teddy aus dem Schaufenster

eihnachtsgeschenke für“ steht ganz oben auf dem weißen Blatt Papier, das gerade mit einem Namen durch eine eilige Hand gefüllt wird. Dong, Dong, Dong. Hermann schaut vom Papier auf durch das Fenster zur Kirchturmuhr hinüber. Schon drei Uhr? Das wird spät, denkt sich Hermann. Das bunte Treiben und der Duft nach Glühwein locken die Menschen noch auf den Marktplatz, trotz der Kälte. Er steht auf und zieht sich seine alte, schlapprig braune Hose zurecht, die von Gummihosenträgern an seinem schmalen Körper gehalten wird.

VORSICHT GENAU, KANTE AUF KANTE… Vorsichtig genau, Kante auf Kante, knickt er den Zettel und legt den Füllfederhalter zurück in den Holzkasten auf dem Schreibtisch. Er nimmt den Zettel und steckt ihn in die schwarze Tasche. Letztes Jahr zu Weihnachten hat er sie von seiner Tochter bekommen und seine alte Tasche nach 20 Jahren weggeworfen. Im Flur zieht er die warmen Hausschuhe aus und schlüpft in seine dicken Winterschuhe. Er nimmt die flickenbesetzte dicke Jacke vom Haken und zieht sie sich über. Kurz betrachtet er sich im Spiegel. „Ein Loch!“ stellt er mit einem Blick fest. „Das muss Doro nachher gleich stopfen, dann hält

falls man sich doch noch mal ein Kind wünscht?“ „Im Prinzip ja“, antwortet Dr. Meissner. „Dieser Eingriff heißt Vasovasostomie. Man verbindet dabei die Enden des Samenleiters wieder miteinander. Allerdings sind danach nur die Hälfte der operierten Männer auch wieder fruchtbar.“ Der Urologe erzählt, dass dies weniger ein chirurgisches, sondern ein immunologisches Problem sei. Nach der Vasektomie stauen sich die Spermien im Hoden an und können so über die Blut-Hoden-Schranke gelangen. Darauf bildet der Körper so genannte Antisperma-Antikörper. Diese töten nach der Vasovasostomie die Spermien ab. Als Philipp nach der OP seine Handschuhe auszieht, muss er doch ein bisschen über sich selber

Drei kleine Nasen und ihre Wünsche von Antje Pfütze

das auch noch, denn einen neuen Mantel brauche ich noch nicht.“ Er nimmt den Schlüssel vom Schrank und zieht die Tür hinter sich zu. Schneeflocken tanzen leicht durch die kalte Luft. An den Buden leuchten die Lichterketten rot, gelb und grün. Weihnachtsmusik erklingt aus allen Ecken. Hermann schaut nach links und rechts. Warum müssen die Leute eine Stunde vor Ladenschluss noch Geschenke kaufen? Gut, dass ich meine Geschenke schon seit vier Wochen habe. Nur noch eines fehlt. Hastig drängelt er sich durch warme braune oder graue Jacken und Mäntel in Richtung Kaufhaus. Vor dem großen weihnachtlich geschmückten Schaufenster drücken sich drei kleine bunte Skianzüge ihre Nasen platt.

DIESER ANBLICK KINDERHERZ HÖHER SCHLAGEN…

LÄSST JEDES

Eine kleine süße Stimme erklingt: „Mama, Teddy will“ und zeigt auf das Schaufenster. Darin sitzt inmit-

grinsen. Männer können solche Angsthasen sein! Der Gedanke an eine Vasektomie wird bei ihm jedenfalls kein Herzklopfen mehr auslösen.

Prometheus LernAtlas mit Konzept Obwohl man schon jahrelang in seinem Körper lebt, bleiben bestimmte anatomische Strukturen „terra incognita“. Wenn wissbegierige Medizinstudenten diese Regionen entdecken möchten, hilft ihnen Prometheus! Der LernAtlas der Anatomie ist nicht nur beim Pauken auf das nächste Testat ein Muss. Finden Sie mit Prometheus heraus, wie Ihr Körper funktioniert! Weitere Infos über den LernAtlas gibt es unter: www.thieme.de /prometheus

dy“, sagte sie traurigen Herzens darauf. „Na gut, mein Kind. Mal schauen was der Weihnachtsmann so bringt.“ Hermann betritt das Kaufhaus, nimmt seine schwarze, schneebedeckte Wollmütze ab und kämpft sich zielstrebig durch die engen Regale der Spielwarenabteilung zu den Puppen durch. Seine Hand greift in die oberste Reihe, Hermann zieht eine Schachtel heraus und geht zur Kasse.

DAS GEHT ABER NICHT, DER TEDDY IST NUR DEKORATION!

ten einer hell erleuchteten Schneelandschaft ein riesiger brauner Teddybär. Dieser Anblick lässt jedes Kinderherz höher schlagen, selbst Hermann durchströmt ein wohlwarmes Gefühl und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Er denkt an die kleine Annalina, wie sie vor zwei Wochen mit leuchtenden Augen hier stand. „Opa, ob der Weihnachtsmann mir den da bringt?“ Verwundert meinte Hermann: „Ist der nicht zu groß für dich? Willst du nicht lieber diese Puppe dort haben?“ und zeigte auf eine kleine Puppe mit schwarzem, langem lockigem Haar und rosa Kleidchen. „Ich möchte den Ted-

„Hallo junger Mann, das macht 19,95 €.“ Aus seinen Gedanken gerissen, entgegnete Hermann: „Ich möchte den Teddybär aus dem Schaufenster.“ „Das geht aber nicht, der ist nur Dekoration. Nach den Feiertagen können sie ihn haben.“ „Aber es ist doch Weihnachten und meine Enkeltochter hat sich den gewünscht. Egal, was er kostet!“ Die junge Frau schaut auf ihre Uhr. Fünf vor vier. Ein letzter Blick von ihr in Hermanns verzweifeltes Gesicht. „Na gut. Weil heute Weihnachten ist.“ Mit dem großem Ungetüm unter dem Arm und mit freudigem Erwarten spaziert er aus dem Kaufhaus und macht sich auf dem Weg durch die verschneiten, weißen Straßen zu seiner Tochter.


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Krawatte statt Birkis Famulatur im Darlington Memorial Hospital von Lena Tomaschütz

I

ch hatte mich schon früh für eine Famulatur in England entschieden. Zum einen mag ich das Land und die Sprache sehr, zum anderen hatte ich über die Ausbildung in britischen Krankenhäusern viel Gutes gehört und gelesen. Ein Aufenthalt nach dem ersten klinischen Semester erscheint vielleicht ein bisschen früh, aber irgendwann muss man anfangen und im Nachhinein denke ich, dass der Zeitpunkt gerade richtig war.

Klinikauswahl und Bewerbungen

Jedem, der sich für eine Famulatur in Großbritannien bewerben möchte, wünsche ich gutes Durchhaltevermögen und eine hohe Frustrationstoleranz. Habt ihr aber bis zum Ende gewartet, immer wieder nachgehakt und einige Absagen verkraftet, dann wartet eine interessante und lehrreiche Zeit auf euch. Bei der Auswahl der Krankenhäuser ist eine Sammlung von Klinikadressen des British Council sehr hilfreich, da auch die Bettenanzahl und die vorhandenen Abteilungen aufgeführt werden (siehe Anhang). Da ich im März meine Famulatur machen wollte, begann ich im August mich zu bewerben. Ich schickte ungefähr 15 E-Mail-Bewerbungen und zehn Bewerbungen per Post los. Innerhalb des nächsten Monats erhielt ich ungefähr von einem Viertel eine Antwort, leider nur negative.

Entweder wurden keine „Undergraduates“ (dazu gehört man als Famulant) angenommen, sondern nur Studenten im letzten Ausbildungsjahr, oder die Krankenhäuser waren schon mit ihren eigenen Studenten ausgebucht. Eine Ausnahme war das University Hospital in Cardiff, aber die von ihnen geforderte Studiengebühr von 100 Pfund pro Woche war für meinen studentischen Geldbeutel etwas viel.

ZITTERN, WARTEN, NACHFRAGEN… ZUSAGE! Ich hatte die Hoffnung schon beinahe aufgegeben und war für die letzten Versuche dazu übergegangen, bei den Krankenhäusern anzurufen. Was ich empfehlen kann, da ihr auf diesem Wege gleich erfahrt, ob überhaupt die Möglichkeit einer Famulatur besteht. Außerdem bekommt ihr so eine Kontaktperson, an die ihr eure Bewerbung schicken könnt. Alle Krankenhäuser des NHS (National Health Service) verfügen zwar über ein E-Mailsystem, aber von außen ist es sehr schwierig, an Adressen zu kommen. Als ich in Darlington anrief (Ende Oktober) wurde ich mit der Undergraduate-Managerin verbunden, die sehr nett war und, nachdem ich ihr einen Lebenslauf, ein Empfehlungsschreiben und eine Art Motivationsschreiben (was ich machen möchte, welche Ziele/Vorstellungen

ich habe) zugeschickt hatte, versprach sie mir, für mich zu tun, was sie konnte. Dann hab ich erst einmal ganz lange nichts mehr gehört. Kurz vor Weihnachten rief ich noch einmal an und nach weiteren zwei Wochen Zittern und Warten sowie mehrmaligem Nachfragen bekam ich endlich eine Zusage!

Anreise und Unterkunft

Ich hatte das Glück, dass es ein krankenhauseigenes Wohnheim gab und ich dort während der fünf Wochen wohnen konnte. Die Miete betrug 106 Pfund pro Monat und die Zimmer befanden sich in 4er-WGs mit Küche und Bad. Wenn man keine Unterkunft vom Krankenhaus gestellt oder organisiert bekommt, sondern in einem B&B oder in einem Hotel wohnt, muss man mit ungefähr 150 Pfund pro Woche rechnen. Es gibt viele Möglichkeiten nach Großbritannien zu kommen, egal, ob nun mit „normalen“ Fluggesellschaften oder mit den Billig-Airlines. Tatsächlich ist der am nächsten gelegene Flughafen der Durham Tees Valley Airport, der von Ryanair angeflogen wird. Ich flog mit BA nach London und fuhr dann mit dem Zug weiter. Zug fahren ist in England ziemlich teuer, vor allem wenn man nicht im Voraus bucht, was von Deutschland schwer möglich ist. Eine hilfreiche Adresse ist www.virgintrain.com: Man kann dort Verbindungen und Preise nachschauen. Ansonsten lohnt es sich, die Fahrkarten möglichst früh zu kaufen (auch wenn man dann auf einen bestimmten Zug festgelegt ist). Wenn man vorhat, viel zu fahren, könnte

sich auch die „Young Persons Railcard“ lohnen, die 20 Pfund kostet und 30% Preisnachlass gewährt.

Anständige Kleidung ist wichtig

Die Krankenhäuser in Großbritannien sind ganz anders aufgebaut als in Deutschland. Es gibt verschiedene „Wards“ (Stationen), die nicht so strikt nach Fachdisziplinen eingeteilt sind, sondern Patienten beherbergt, die von verschiedenen „Consultants“ (Chef-/Oberärzten) und deren Ärzteteam betreut werden. Die Patienten wechseln desöfteren den Consultant, abhängig davon, in welche Richtung ihre Beschwerden sich entwickeln. Ein Team um einen Consultant besteht aus mindestens einem „SHO“ (Senior House Officer), der dem Assistenzarzt in der Grundlagenausbildung entspricht, sowie mindestens einem weiteren „PRHO“ (Pre-Registration House Officer), der dem früheren AiP entspricht und noch keine volle Zulassung besitzt.

ICH KAM IN DEN GENUSS DES ENGLISCHEN

BEDSIDE-TEACHING Weiße Kittel werden sehr selten getragen, man sieht sie vereinzelt, meist nur bei Consultants, ich hätte also mein Gepäck damit nicht belasten müssen. Auf anständige Kleidung wird viel Wert gelegt: Männer arbeiten meist in Hemd und Krawatte, Frauen in Stoffhosen oder Röcken. Die hierzulande üblichen Jeans und Birkenstocks würden sicherlich irritierte Blicke auf sich ziehen, aber zu fein muss es auch nicht sein.


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Digitaler igitaler Nachschlag

Der Arbeitstag begann je nach Station zwischen acht und neun Uhr mit einer Visite, die bei uns an verschiedenen Tagen vom Chefarzt oder ihm zugeordneten Oberärzten abgehalten wurde. Mein Anfang war etwas schwer, da mein Betreuer kaum Zeit hatte und ständig in Eile war. Es zeigte sich, dass ich von ihm keinerlei Hilfe erwarten konnte und so ziemlich auf mich allein gestellt war. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich zurechtgefunden habe und Stationen kannte, auf denen es meistens etwas zu sehen oder zu tun gab sowie Ärzte kennen lernte, die mir bereitwillig etwas erklärten und bei denen ich in den Genuss des englischen Bedside-teaching kam. Jeden Mittag fanden von der gesamten Inneren Abteilung verschiedene Vorträge statt, sodass über die gesamte Woche ein breites Spektrum abgedeckt wurde: Röntgenbesprechung, Vorträge zu Klinikrichtlinien oder Studien und Fallbesprechungen. In der restlichen Zeit stand mir frei, zu machen, was ich wollte bzw. ich musste mir meine Beschäftigung selbst suchen, was mit der Zeit immer einfacher wurde. Ich habe einige Zeit auf der „A&E“ (accident & emergency) verbracht, wo ich viele verschiedene Fälle aus ganz unterschiedlichen Altersstufen gesehen habe. Des Weiteren ist die „MAU“ (medical admission unit) für Studenten ein guter Ort, da hier alle Patienten aufgenommen werden und man viele Anamnesen und Untersuchungen machen kann. Besonders nützlich ist es, wenn man den Patienten danach entweder einem der House Officer oder bei der Visite dem Consultant vorstellen kann. Die Haltung der Patienten den Studenten gegenüber habe ich als sehr offen erlebt. Kaum jemand hatte etwas dagegen, von einem Studenten befragt und untersucht zu werden, viele freuen sich und bedanken sich anschließend sogar. Des einen Freud ist des anderen Leid: Fast alle Blutabnahmen und Zugänge wurden von Schwestern oder einer Art Blutabnahmeteam gemacht, was nicht heißt, dass man ihnen nicht zur Hand gehen kann, wenn man es lernen möchte. Dann gab es von jedem der Oberärzte noch eine „Clinic“, was einer Sprechstunde entspricht, zu der Pa-

tienten zu Kontrolluntersuchungen kamen, die dann ambulant im Krankenhaus durchgeführt und abschließend mit dem Patienten besprochen werden. Ich habe mir zwei Ärzte ausgesucht, zu deren wöchentlichen Sprechstunden ich gegangen bin; hier habe ich vor allem zugehört und in interessanten Fällen auch selbst untersucht.

ES LOHNT SICH,

KLEINGRUPPEN AUSFINDIG ZU MACHEN

Durch andere Studenten der Universität Newcastle erfuhr ich von einem Wiederbelebungskurs für Kinder und verschiedenen Lerngruppen, in denen mit einem Arzt Themen der Wahl der Studenten durchgesprochen wurden, wie z.B. EKG, Röntgen-Thorax oder Lumbalpunktionen. Diese Kleingruppen scheinen hier normal zu sein, und es lohnt sich auf jeden Fall, diese ausfindig zu machen oder auch selbst die Initiative zu ergreifen. Für mich war es zudem sehr nützlich, dass ich meinen eigenen Pieper bekam, und so mit den anderen Studenten und Ärzten in Verbindung bleiben konnte. Außerdem war ich so ständig im „On-call-team“, das bei Notfällen und Kreislaufstillständen gerufen wurde. So wurde ich mit Wiederbelebungsmaßnahmen vertrauter.

Darlington und Durham County

Darlington hat ungefähr 50 000 Einwohner und liegt im County Durham direkt an der Eisenbahnlinie Edinburgh-London, was es recht einfach macht an den Wochenenden die Städte in der Nähe zu erkunden. Die mittelalterliche Stadt York besitzt neben einer Kathedrale und einer gut erhaltenen Stadtmauer ein ganz eigenes Flair. Das weiter im Norden gelegene Newcastle bietet hingegen zahlreiche Einkaufs- und Ausgehmöglichkeiten. Darlington selbst kann einige ganz nette Läden und Pubs vorweisen, außerdem gibt es für Eisenbahnfreunde das „Darlington Railway Centre & Museum“. Ohne Auto leider schwer zu erreichen, aber sehr lohnenswert ist die Küste mit kleinen Fischerorten, zum Wandern bieten sich der Nationalpark North York Moors und

das mehr im Landesinneren gelegene Gebiet der Yorkshire Dales an. Zur abendlichen Abwechslung gibt es in Darlington selbst ein Sports Centre mit einer Schwimmhalle, Squashplätzen und noch einigem mehr; ein schöneres Sportzentrum liegt wiederum 10 Meilen außerhalb und ist ohne Auto nur schwer zu erreichen.

Die Initiative ergreifen

Ich habe auf jeden Fall einiges gelernt, auch wenn die Wirklichkeit nicht ganz meinen Erwartungen entsprach. Ich habe oft nur zugesehen und zugehört, hatte aber eigentlich gehofft mehr selbst machen zu können. Wer Patien-

tengespräche und Untersuchungen üben will, der kommt bestimmt voll auf seine Kosten und kann sehr viel lernen. Ich denke nicht, dass es zu früh war, schon nach dem 5. Semester zu famulieren. Ich hatte zwar einige Probleme bei der Diagnosestellung, konnte aber die Untersuchungen ohne weiteres durchführen. Je mehr ich die Initiative ergriffen und es selbst in die Hand genommen habe, je mehr ich gefragt und gefordert habe, desto schöner wurde meine Zeit in Darlington. Die Sammlung der Klinikadressen des British Council findet ihr unter: www.britishcouncil.de/pdf/medi.pdf

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Ist Medizin das Richtige für mich? von Redaktion MEDI-LEARN

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edizin wird im Psychrembel* folgendermaßen definiert: Die Wissenschaft vom gesunden und kranken Menschen, von den Ursachen, Wirkungen und der Vorbeugung und Heilung der Krankheiten. Auch wenn die Definition prägnant und eindeutig sagt, was Medizin eigentlich bedeutet, wird es künftigen Medizinstudenten bei der Entscheidungsfindung kaum weiterhelfen, ob Medizin überhaupt das richtige Studienfach und später der richtige Beruf ist.

Die Abinote

Zu allererst einige kurze Worte zum Thema Abinote und Medizinstudium: Entgegen der gängigen Meinung man könnte Medizin nur mit einer sehr guten Abinote studieren, ist die Entscheidung, ob Medizin das Richtige für einen selbst ist, weitgehend unabhängig von der Abinote. Was jedoch fest steht ist, dass die Medizin definitiv für Abiturienten das falsche Fach ist, die sich „nur“ wegen einer sehr guten Abinote für die Medizin entscheiden. Die Erfahrungen zeigen, dass gerade diese Studenten bereits in den ersten Semestern scheitern. Damit die Aussage nicht falsch verstanden wird: Medizin kann man natürlich auch mit einer guten Abinote studieren, nur sollte diese nicht der ausschlaggebende Faktor für die Medizin sein.

*Psychrembel, 258. Auflage, S. 997, ISBN 3-11-014824-2

Das Studium

Um die Entscheidung einfacher zu machen, sollte man sich das Studium und den späteren Beruf ein wenig detaillierter anschauen. Im Gegensatz zum eigentlichen Beruf, ist das Medizinstudium sehr theoretisch gehalten. In den letzten Jahren bestehen sehr viele Bestrebungen, mehr Praxis in das Studium zu bringen, was auch an der ein oder anderen Stelle gelingt. Fakt ist jedoch weiterhin, dass die ersten fünf Jahre Studium eher theoretischer Natur sind. Je weiter man im Studium ist, je mehr Kontakt bekommt man mit Patienten und darf erlernte Fähigkeiten anwenden. Im letzten, sprich sechsten Jahr des Studiums befindet man sich im sogenannten „Praktischen Jahr“ (kurz PJ). In diesem arbeitet man Vollzeit auf verschiedenen Stationen.

Berufsbild Arzt

Nun zum eigentlichen Berufsbild Arzt: Nach sechs Jahren Studium beginnt man im Krankenhaus zu arbeiten. Dabei obliegt dem Arzt die Sorge für die Gesundheit seiner Patienten. Sie untersuchen die Patienten, erheben Befunde, ordnen weitere Untersuchungen an und stellen die Diagnosen. Aus der Diagnose heraus ermittelt der Arzt die Therapie und führt diese durch oder leitet Assistenzberufe (Krankensch wester,Arzthelferinnen etc.) an. Als Arzt arbeitet man sehr viel und sehr eng mit den Patienten zusammen, begleitet sie durch die Krankheit, freut sich mit ihnen, wenn eine Therapie Erfolg zeigt oder muss ggf. auch schlechte Nachrichten überbringen. Neben der Tätigkeit im Krankenhaus kann man als Arzt auch in einer niedergelassenen Praxis arbeiten oder im Rettungsdienst tätig sein. Neben der Tätigkeit im weißen Kittel kann nach dem Medizinstudium in der Forschung, in der Pharmain-

dustrie, in der Fachpresse oder als Medizininformatiker gearbeitet werden.

Das Drum-Rum im Arztberuf

Jeder Mediziner, der eine Tätigkeit im weißen Kittel, sprich am Patienten anstrebt, wird zunächst in der Klinik tätig sein. Die Klinik ist ein besonderes Arbeitsfeld, über das man sich vor der Entscheidung zum Medizinstudium klar werden sollte. In der Regel verbringt man mindestens 5 Jahre in der Klinik. Viele Ärzte arbeiten wesentlich länger in der Klinik oder bleiben dort bis zum Ende ihrer Berufszeit.

Die Arbeitszeit

In den Kliniken wird häufig im Schichtbetrieb gearbeitet. Die meisten Ärzte arbeiten von morgens um 7.00 Uhr bis ca. 16.00 Uhr (Zeiten variieren von Klinik zu Klinik). In der Regel bleibt der Arzt jedoch länger im Krankenhaus, da die Arbeit in dieser Zeit nicht zu schaffen ist und da entsprechende, meist unbezahlte Überstunden von den Vorgesetzten erwartet werden. Neben den eigentlichen „normalen“ Schichten muss man als Arzt auch Not- undBereitschaftsdienste durchführen. Diese Dienste finden z.B. in der Nacht oder am Wochenende statt. Trotz entsprechender Gesetzeslage muss man durchaus einmal 24 Std (in manchen Kliniken sogar 36 Stunden) am Stück in der Klinik ist. Zusammenfassend und in die Zukunft blickend lässt sich jedoch sagen, dass die Anzahl der Kliniken, an denen man entsprechend extreme Arbeitszeiten findet, immer geringer werden und dass zu erwarten ist, dass die Arbeitszeiten sich normalisieren.

Arbeitsort Krankenhaus: Ellenbogen-Gesellschaft?

In der Klinik herrscht eine steile Hierarchie. Ganz unten stehen die jungen Ärzte, die gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen haben. Darüber folgen dieAssistenzärzte, die bereits länger in der Klinik tätig sind und weitgehend selbständig arbeiten.

Oberärzte und Chefärzte bilden die Spitze der Pyramide. Gerade in großen Krankenhäusern kann die steile und definierteHierarchie zu Problemen führen; in kleineren Häusern oder später in der eigenen Praxis spielt die Ellenbogengesellschaft eine eher untergeordnete Rolle.

Jobaussichten

Die Jobaussichten sind in den letzten Jahren für Ärzte immer besser geworden. Laut Beschäftigten- und Arbeitslosenstatistik ist dieArbeitslosenquote unter Ärzten von 4,0% im Jahr 1996 auf 2,6% im Jahr 2002 gefallen. Zur Zeit sieht es so aus, dass jeder Arzt, der einen Arbeitsplatz sucht, auch einen findet. An Hand der verschiedenen Stellenbörsen (z.B. www.medi-jobboerse.de ) lässt sich sehr gut erkennen, dass es zahlreiche freie Stellen gibt.

Die guten Seiten

Bereits im Studium wird man merken, wie interessant das Erlernen der verschiedensten Vorgänge im menschlichen Körper ist. Besonders die Erkennung und Behandlung von Krankheiten fasziniert die meistenwerdenden Ärzte. Wenn man nach dem Studium die erlernten Tätigkeiten anwenden darf und damit im Laufe des Berufslebens sehr, sehr vielen Menschen hilft, indem man die Krankheiten heilt bzw. das Leiden mindert, merkt man, dass sich die lange Zeit der Ausbildung gelohnt hat. Man wird im Berufsleben erlernen, sehr viel Verantwortung für die eigene Tätigkeit und die eigenen Patienten zu übernehmen und wird feststellen, dass diese Verantwortung gekoppelt mit der Möglichkeit, etwas gegen die Krankheiten zu machen sehr viel Spass macht und einen selbst ein Leben lang ausfüllen kann.

Zusammenfassung

Abschließend lässt sich folgendes sagen: Wer gerne Medizin studieren möchte, sich über das Studium an sich und die spätere berufliche Tätigkeit informiert hat und bereit ist, die verschiedenen beschriebenen Phasen zu absolvieren, sollte ohne Rücksicht auf die Abinote das Studium anstreben – Medizin ist mehr als ein Beruf – Medizin ist eine Berufung und macht sehr viel Spass.


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Pionier-PJ in Siegburg Anästhesie-Tertial – ein Erlebnisbericht von Csaba Losonc

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ach harten Jahren der Entscheidungsfindung, was nun richtig sei – A , B, C, D, oder doch E? – und der Erkenntnis am Ende, dass man trotz des Lernens eigentlich nichts weiß, kommt man dann im PJ in den Genuss, sein theoretisches Wissen in der Praxis unter Beweis zu stellen. Für viele Mediziner ist es eine Freude, wenn sie zum Schluss für eine längere Zeit die Bücher in der Ecke liegen lassen können und ausnahmsweise einmal Geschicklichkeit oder ähnliche Dinge gefragt sind. Wer in Bonn studiert – oder, wie es viele tun – nach dem 2. Staatsexamen zum PJ nach Bonn wechselt, hat einige Krankenhäuser in der Region zur Auswahl. Als neuestes Krankenhaus in der Familie der Lehrkrankenhäuser der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn präsentiert sich das Klinikum Siegburg. Seit April 2004 wird pro Semester 4-5 Studenten ermöglicht, dort ihr Praktisches Jahr zu absolvieren. Ich zählte zu den ersten PJlern und entschied mich für ein Anästhesie-Tertial, das neben der Gynäkologie und der Radiologie angeboten wird.

Vorstellen in der Tagesbesprechung

Die „Pionier-PJler“ wurden natürlich mit Spannung erwartet: Hier eine Hand schütteln, da vorgestellt werden – man kam sich schon relativ bedeutend vor. Nach einem Rundgang durch das Haus mit einer kurzen Einführung, sowie Vorstellung des ärztlichen Direktors Herr Prof. Müller, des PJ-Beauftragten OA Dr. Oppermann und des Verwaltungsdirektors Dr. Kilian, wurden wir auf die Stationen verteilt. Das Wahlfach Anästhesie begann erst mal mit den Worten: “Es ist schon relativ spät, gehen sie ruhig nach Hause und kommen sie morgen früh am besten gegen sieben Uhr auf die Intensivstation.“ Am ersten Morgen in der Besprechung hat man schon ein mulmiges Gefühl: Ein großer Tisch und viele unbekannte, teils müde dreinblickende Gesichter. Man grüßt

freundlich, lächelt nett – was man morgens um sieben „nett“ nennen kann – nun bloß nicht auf den falschen Platz setzen und dann ist es erstmal geschafft. Eine kurze Konferenz folgt, es fallen Worte wie „Notfall“, „Sectio“ oder „Maschinen“. Wovon sprechen die?

Jeder Morgen verläuft in der Abteilung identisch: Dienstbeginn ist um 7 Uhr 15 mit einer kurzen Visite auf der kardiochirurgischen Intensivstation, darauf folgt eine kurze Besprechung und anschließend eine weitere Visite auf der „normalen“ Intensivstation. Auf den Visiten und in der Besprechung werden besondere Vorkommnisse des Bereitschaftsdienstes und andere Besonderheiten besprochen, donnerstags morgens findet zusätzlich eine

Endotracheale Intubation bei der Narkose-Einleitung

HABE ICH ETWA EINEN ZAHNPASTAFLECK AM MUND? Dann höre ich den Chefarzt sagen: „Ich möchte außerdem unseren neuen und ersten PJler vorstellen, äh, am besten stellen Sie sich selbst vor!“ Na toll, alle schauen mich an, einen gescheiten Satz habe ich mir natürlich nicht zurechtgelegt. „Guten Morgen, ich bin Csaba Losonc und habe in Giessen studiert…“ Gelächter unterbricht meine Ausführungen. Was ist so komisch an Giessen? Oder habe ich einen Zahnpastafleck am Mund? Nein, ich lasse mich nicht durcheinander bringen, weiter im Text. Fertig, ist doch gelungen! Nachher erfahre ich, dass sowohl der Chefarzt der Abteilung, PD Dr. Zickmann, als auch der größte Teil seiner Oberärzte in Giessen studiert und gearbeitet haben. Vielleicht hätte ich mich vorher mal informieren sollen!

abteilungsinterne Fortbildung statt. Es sind zwei Intensivstationen nötig – in der Klinik nennt man sie lapidar nur 23 und 24 – weil hier in Siegburg neben den anderen Operationen herzchirurgische Eingriffe durchgeführt werden, die speziell geschultes Intensivpersonal benötigen und weil ab einer bestimmten Größe eine einzelne Intensivstation zu unübersichtlich wird. Nach der erfolgreichen letzten Visite begleite ich eine OÄ in den allgemeinchirurgischen, gynäkologischen und unfallchirurgischen OP. Dort bekomme ich alle Räumlichkeiten gezeigt, ich finde 3 OPSäle, eine Patientenschleuse und einen Aufwachraum vor. Teilweise scheinen sie nicht mehr ganz modern zu sein, aber wahrscheinlich ist es Standard in Deutschland. Ich verbringe den gesamten Tag mit der Oberärztin, die mir in aller Ruhe den Ablauf der bestimmten Handgriffe erläutert.

Ein Teil der Arbeiten eines PJlers sind: Annahme des Patienten, Legen eines peripheren Zugangs und Anlegen der EKG-Elektroden, Intubation unter Aufsicht, Protokollführung während der OP, auf Ansage Verabreichung von Medikamenten sowie die Ausleitung und Begleitung bis in den Aufwachraum.

MANCHE HABEN NOCH NIE EINEN PJLER GESEHEN Meine Zeit hier ist auf vier Wochen begrenzt, da ich noch verschiedene Bereiche der Abteilung kennen lernen soll. Das reicht auch aus, um die Grundzüge der Anästhesie zu verstehen und bei gewisser Nachbereitung auch anzuwenden. Auf meine Fragen bekomme ich fast immer eine Antwort und meine Anwesenheit wird nicht als Belastung angesehen – zumindest lässt man mich das nicht spüren. Beim Pflegepersonal stößt man als PJler zunächst auf Unwissenheit. Was ist ein PJler? Manche haben noch nie einen gesehen und wissen den Unterschied zum AIPler – damals gab es den noch – oder zum Famulanten nicht. Nach gewisser Aufklärung und einigen Gesprächen ist dann aber meine Stellung umrissen.

EINSATZ IN DER RUNDE

ZWEITEN

Die weiteren vier Wochen folgen dann im kardiochirurgischen OP. Hier ist alles großzügiger und moderner. Wieder neue Gesichter, neue Schwestern, Kardiotechniker – ich wusste bis vor kurzem nicht, dass das ein Beruf ist – neue Oberärzte etc. Also heißt es erst einmal erklären, wer und was bin ich und welche Stellung ich habe. In diesem Bereich werden herzchirurgische Eingriffe durchgeführt, die Mehrzahl von ihnen Bypass-Operationen und Herzklappenchirurgische Eingriffe. Meine Aufgaben sind sehr eingeschränkt, da vieles hier automatisiert abläuft. Die Zeit morgens von der Einleitung bis zum Schnitt ist sehr kurz, deshalb stehe ich hier eher im Hintergrund und darf nur assistieren.


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Die menschliche Seite kennen lernen

BEOBACHTEN, MEDIKAMENTE AM HERZEN AGIEREN

WIE

Meine Zeit kommt dann – wie hier kernig formuliert wird, in der „zweiten Runde“, der Zeit also, wo die erste OP noch läuft, der nächste Patient aber schon vorbereitet wird. Hier sind meine Aufgaben kaum zu unterscheiden von der allgemeinchirurgischen Anästhesie, allerdings werden sie ergänzt durch das Legen von arteriellen Zugängen, zentralen Venenkathetern, Blasenkathetern und der Transösophagealen Echokardiographie (TEE) unter Aufsicht. Teilweise muss der Arzt auf bestimmte Ereignisse sekundenschnell reagieren, deshalb hat jedes Instrument und Medikament des Anästhesisten einen bestimmten Platz. So bekommt das Wort Ordnung hier einen besonderen Stellenwert. Interessant sind auch die Kardiotechniker mit ihren „HerzLungen-Maschinen“ (verkürzte Version: Maschine). Sie sind hier aus dem OP nicht wegzudenken, was einem vorher so nicht bewusst ist. Auch wenn ich meine Aufgaben in diesem Bereich nicht selbstständig durchführen kann, ist es doch eine sehr schöne Erfahrung. Nicht viele Mediziner bekommen Gelegenheit, die Anatomie und vor allem die Pharmakologie am Herzen mit bloßem Auge zu sehen. Man kann beobachten, wie die Medikamente – teilweise schon während des Injizierens – direkt am Herzen agieren und Reaktionen hervorrufen!

Vieles spricht für Siegburg

Ich bin mit der Auswahl, die ich getroffen habe, sehr zufrieden, da ich sehr lehrreiche Erfahrungen gemacht habe. Gerade das vielfältige Angebot der Anästhesie ist für den Studenten interessant. Hier kann man noch motivierten Ärzten und Schwestern begegnen, die einem alles in Ruhe erklären. Das breite

SIEGBURG IST FÜR ANÄSTHESIE IN JEDEN FALL EINE GUTE ENTSCHEIDUNG Mein Fazit: Ich kann allen, die im Rheinland wohnen und Wahlfach Anästhesie wählen möchten, Siegburg für ihre Entscheidung nur empfehlen!

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ICH FÜHRE EINEN TEIL DER PATIENTENGESPRÄCHE

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SELBST

Für den letzten Block rotiere ich für zwei Wochen in die Schmerzambulanz, die von zahlreichen Patienten in regelmäßigen Abständen besucht wird, so dass an drei Tagen in der Woche eine Sprechstunde stattfindet. Ein Oberarzt und eine Anästhesistin sind in der Regel die ärztlichen Betreuer der schmerzgeplagten Menschen. Meine Aufgabe in diesem Block ist zunächst nur passiv, ich begleitete den OA zu den Gesprächen und bespreche danach mit ihm sein Vorgehen. In der zweiten Woche führe ich in Abwesenheit des OA einen Teil der Gespräche. Ich muss mich aber rückversichern, falls ich die Dosierung der Analgetika verändere. Der Vorteil ist, dass ich mir im Voraus eine Strategie überlegen kann und die-

Spektrum, die Tatsache, dass man viel machen darf, Chefarzt-Fortbildungen erhält und dass man eine nagelneue PJ-Bibliothek sowie vier PCs nur für PJler vorfindet, sprechen für Siegburg. Neuerdings gibt es auch zwei Studientage im Monat. Kleines Manko: Es sind keine bezahlten Dienste in anderen Abteilungen möglich.

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Arbeiten in der Vorbereitung – tägliches „Brot“ für den Anästhesisten

Nun habe ich schon acht Wochen Anästhesie auf „dem Buckel“ und wechsle auf die kardiochirurgische Intensivstation. Wieder mal die Vorstellung und „Erklärung“ meiner Person. Die Ärzte sind mir vertraut, da sie permanent rotieren, so dass ich schon Gelegenheit hatte, alle Kollegen der Abteilung vorher kennen zu lernen. Ich wurde auch hier gut eingearbeitet. Meine Aufgaben sind unter anderem die Entlassung der Patienten auf die periphere Stationen, die tägliche Untersuchung der Patienten, die Erstellung von Therapieplänen und Vorbereitung der Kurven und die Übernahme der operierten Patienten. Zum ersten Mal seit dem Anfang des PJ sehe ich eine Station, lerne den Ablauf kennen und erlebe den Alltag. Diese fünfwöchige Erfahrung ist ebenfalls wichtig für mich, da der Allgemeinzustand mancher Patienten vor der Operation teilweise so schlecht ist, dass sie nach dem Eingriff versterben. Den Tod zu erfahren und zu sehen, wie die Mitarbeiter darauf reagieren, ist enorm bedeutend für mich, ebenso die Begleitung der Oberärzte bei Gesprächen mit Angehörigen der Verstorbenen. Hier zeigt sich mir eine menschliche Seite der technisierten Medizin.

se danach ausführlich und in aller Ruhe unter vier Augen besprechen kann – eine sehr hilfreiche Übung. Die ambulanzfreien und die übrigen Tage verbringe ich zum Abschluss im allgemeinchirurgisch/gynäkologischen OP, wo ich noch einmal auf Gelerntes zurückgreifen kann.


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Weihnachtslachparade . .LACHEN BIS DIE RIPPEN KRACHEN

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Digitaler Nachschlag 05/2005