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Die Zeitung für Medizinstudenten und junge Ärzte

ZEITUNG

Digitaler Nachschlag der Ausgabe 04/10 September/ Oktober 2010 ∙ In Kooperation mit dem Georg Thieme Verlag ∙ www.medi-learn.de

Digitaler Nachschlag

Give me a KISS!

Von Indien nach Israel

Medizin und Philosphie

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Die Kölner Medizinstudenten haben ein neues Lernzentrum bekommen: Im „interprofessionellen Skillslab und Simulationszentrum“, kurz KISS, lernen sie an Puppen medizinisches Arbeiten.

Bei einer Famulatur in Indien lernte Christine ein israelisches Paar kennen. Sie besuchte daraufhin das „Heilige Land“ und entschied sich für ein PJ vor Ort. . Lest ihren Statusbericht aus Israel.

Reizfach Rechtsmedizin? Die misslungene Sensation – oder: drei Semester danach von Olga Kogan

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ie Menschen wollen Sensation. Sie dürsten regelrecht danach. Alle. Pausenlos. Auch ich. Ständig bin ich auf der Suche nach Sensation, nach etwas, was meine schon übersättigten, gelangweilten Nervenspitzen wieder reizen könnte. Bücher, Filme, Bilder, Menschen – alles ist so alltäglich, so gewohnt. Die einzigen Kicks kriegt man durch die Nachrichten: „Ein Überfall ereignete sich in…“ „Die vor drei Tagen verschwundene achtjährige Anne wurde heute gefunden. Die Obduktion ließ keine Zweifel an der Identität.“ „Heute erhielt die NASA erste Fotos der Marsoberfläche….“ Ja, solche Meldungen lassen das Herz höher schlagen. Man kann mitfiebern, Verständnis zeigen, sich entrüsten und mitleiden. Wie schrecklich sind doch die Menschen! Wie kann man so etwas bloss tun?! Und in Wirklichkeit geben eben diese Menschen dem Alltag den gewissen Kick. Das Beste an all den Nachrichten ist aber, dass sie aus einer ganz anderen Welt stammen. Aus der Welt, die im schwarzen Kasten

lebt und von der man durch den Bildschirm getrennt ist. So weiß man im Inneren, dass sie real ist, aber trotzdem nimmt man alles auf, wie einen Film, der parallel auf Pro7 läuft. Wo ist der Unterschied? Da passiert doch dasselbe. Uns so landete ich mit meiner Gier

nach Sensation bei Büchern über forensische Medizin. Psychiatrische Berichte von Serienmördern begleiteten mich durch den Tag und die Romane von Kathy Reichs wiegten mich in den Schlaf, in dem ich mit ihr die unbekannten Knochen identifizierte und unzählige Gräueltaten aufdeckte. Natürlich mit fast unabwendbarer Gefahr für mein eigenes Leben. Aber eben nur fast, denn am nächsten Morgen wachte ich unversehrt wieder in meinem vor Angst durchgeschwitzen Bett auf. Die Sensation war gelungen.

Rechtsmedizin im Studium

Als ich mit meinem Medizinstudium anfing, wollte ich sofort wissen, wann das Fach Rechtsmedizin drankommt. Im sechsten Semester, so die Antwort. Zu weit weg wie ich damals befand. Bis dahin durften sich meine Nervenspitzen mit dem Aufschneiden von Leichen beim Präparationskurs begnügen. Zuerst wirkte das, doch auch damit waren meine Empfindungen irgend-

wann übersättigt. Aus Angst wurde Ehrfurcht, aus Ehrfurcht Zögern, aus Zögern Trauer und Mitleid, Schmerz. Aus diesen, als sie irgendwann bekämpft waren, entwickelten sich Sicherheit beim Schneiden und Interesse, ja Bewunderung für die Kreation des menschlichen Körpers

Im 2. Teil des Interviews mit Doppelstudent Maik erfährst Du, wie er das erhöhte Lernpensum schafft und wie die beiden Fächer Medizin und Philosophie sich gegenseitig befruchten.

und Spaß an der Arbeit. Dieser Spaß führte mich schließlich dazu, dass ich völlig abgestumpft, mit rein wissenschaftlichem Interesse als Tutorin in der Anatomie arbeitete. Nicht, dass ich mich nicht an meine alten Gefühle den Körperspendern gegenüber erinnerte. Im Gegenteil! Ich dachte ständig daran und entrüstete mich über meine Abstumpfung und Gleichgültigkeit, aber so viel Mühe ich mir auch gab, in mir drin blieb alles stumm. Ich wurde sehr traurig darüber, denn genau davor hatte ich Angst gehabt – vor dieser inneren Leere. Die drei Semester nach dem Präparationskurs vergingen schnell und endlich ging mein alter Traum in Erfüllung – ich saß in der Rechtsmedizin-Vorlesung! Ich spürte schon förmlich, wie meine Bauchmuskeln sich in erwartungsvoller Spannung kontrahierten und wie es anfing in den Ohrspeicheldrüsen und unter der Zunge zu ziehen. Mein Auge zuckte ab und zu ungeduldig. Es sehnte sich wohl nach der Sensation. Nun was soll man sagen?

Adrenalin pur!

In der ersten der beiden Kurswochen kamen meine Nerven voll auf ihre

Kosten. So eine Gefühlsintensität würde ich jedem einmal im Leben wünschen, nur vielleicht in einer etwas positiveren Art und Weise. Ich sprach von nichts anderem mehr. Die Rechtmediziner verschonten uns mit nichts, enthielten uns kein einziges grausiges Detail vor. Es

wurde alles knallhart per Powerpoint auf die weiße Wand geknallt. Foto für Foto, Fall für Fall. Und natürlich durfte der EntertainmentFaktor auf keinen Fall fehlen, der ist wohl in dieser Berufsgruppe besonders wichtig. Jede Geschichte wurde mit einer eher ungesunden Prise Sarkasmus schmackhaft und unvergesslich gemacht. Vielleicht ist diese Pseudo-Witzigkeit ja die einzige Möglichkeit für diese Menschen, das zu verarbeiten, was sie alltäglich sehen, was wir nur andeutungsweise im Fernsehen hören. Irgendwann beschwerten sich einige Studenten über die harten Bilder. Unzumutbar seien sie. Der einzige Kommentar der Professorin war: „Sollen wir Ihnen Blümchen zeigen? Das ist die Realität. Wenn Sie nicht hinsehen wollen, halten Sie sich die Augen zu.“ Sie hatte Recht, das war die bittere Realität. Während manche anderen wegschauten, schaute ich wie gebannt auf die Bilder. Ich wollte hinsehen, ich wollte es wissen. Mit jeder Stunde öffnete sich mir immer mehr die Welt der Verbrechen und ich wunderte mich immer mehr und mehr über die menschliche Grausamkeit, Abartigkeit, aber auch Kreativität. Tiere würden einander

nie so etwas antun. Besonders beeindruckte mich, dass alle Fälle aus unserer Umgebung stammten und ich mich in meiner wohlbehüteten Welt, von allen geliebt und verhätschelt, so sicher fühlte.

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Die misslungene Sensation... Fortsetzung von Seite 1

Ich war grenzenlos begeistert, wie man durch Kenntnisse der postmortalen Veränderungen und der verschiedenen Verletzungsmerkmale, auf die Todesart, -Ursache und - Zeitpunkt rückschließen konnte. Dieses Sich-Hochangeln an den Zeichen bis zu Wahrheit, bereitete mir unheimlichen Spass. Mit jeder Sitzung wurde mein Wunsch, mich später in diesem Gebiet zu spezialisieren, immer stärker.

Ich hatte spass mIt den toten Je brutaler die Fälle, desto aufgeregter wurde der Hörsaal, desto bunter spielte mir meine unersättliche Fantasie Szenarien mit mir als Hauptdarstellerin vor. In keiner anderen Veran-

staltung war es jemals so mucksmäuschen still gewesen. Es schien, als hielten alle den Atem an. Schon die Termini „unnatürliche“ oder „ungeklärte“ Todesursache ließen mich erbeben. Wie spannend! Wie geheimnisvoll! Dann würde ich alle diese unschuldigen Ertränkten, Erstochenen, Erwürgten, Misshandelten rächen. Ich würde mit meinen Ermittlungen helfen, den Schuldigen zu finden und die Gerechtigkeit auf der Welt wieder herzustellen. Wie naiv ich war, wie kindisch in meiner Vorstellungsweise! Alle sagten mir, es wäre ein harter Job, eine immense psychische Belastung, nichts für eine zart besaitete Frau.

Ach was, ich würde das schon schaffen. Schließlich vertrug ich auch alle Bilder und war immer noch begeistert. Ich hatte sogar als Tutorin gearbeitet, als andere froh waren, den Präparationssaal hinter sich zu lassen. Man könnte sogar sagen, ich hatte Spass mit den Toten. So schlimm konnte das nicht sein, man gewöhnt sich an alles. Was sollte schlimmer sein, als die menschliche Haut Stück für Stück abzuziehen und das Herz durchzuspülen? Ein fremdes, herausgeschnittenes Herz in den behandschuhten Händen zu halten und sein eigenes gegen die Rippen pochen zu spüren? Der Latex der Handschuhe gibt die nötige Distanz. Aber was, wenn er reißt…? Jedenfalls konnte es nicht schlimmer sein als der Präpkurs, dachte ich. Bei meinen Berechnungen machte ich jedoch einen kleinen, aber sehr schwerwiegenden

träumte weiter wie bei Kathy Reichs Romanen.

Denkfehler: Es war mir nicht klar, dass die Fälle und Bilder, diese ganze Veranstaltung an sich, für mich immer noch zu der Welt des schwarzen Kastens gehörten. Es war trotz der ganzen Intensität nicht real für mich. Ich

schlug mit hämmernder Pulsfaust gegen meinen Schädel. Die Nächte brachten keine Erholung. Ich kämpfte mich durch nackte Leichenberge und wiederholte alle Todesarten und die dafür typischen Verlet-

Zu viel des Guten?

Anfang der zweiten Woche merkte ich eine Änderung meines euphorischen Zustandes. Ich fühlte mich müder und müder. Jedes Bild ließ mich zusammenzucken. Innerlich tat mir irgendwas weh. Jeder Fall war wie eine Prise Salz auf eine frische Wunde. Diese Wunde wollte sich nicht zuziehen, die Ränder waren ausgefranst.

dIe nächte Brachten keIne erhoLunG Mein Kopf schaltete sich ab. Die Hand fuhr über die müden Augen, Augen die in der letzten Woche zu viel gesehen hatten. Ich ging aus der Vorlesung und der Schmerz

zungen. Ich konnte nicht mehr. Ich konnte keinen Tod, keine Waffen, keine Opfer mehr sehen. Ich wollte endlich etwas über das Leben und Treue, Freundschaft, glückliche Familien und Ehepaare hören und nicht über Mord, Totschlag, Betrug, Verrat, Heimtücke und Kindesmisshandlung. Eine unglaubliche, übelkeit erregende Erschöpfung machte sich in mir breit. Ich wollte weg. In die Sonne. Und nie mehr wiederkommen. Ich hatte mich vorher so sehr auf das Leichenschaupraktikum gefreut. Es war das i-Tüpfelchen, die Sahne-Haube auf dem Schokopudding meiner Sensationseuphorie. Ich fragte jeden Tag die Gruppen, die diese Sitzung schon hinter sich hatten, nach den Leichen, die sie zu sehen bekamen. Die meisten waren im Krankenhaus verstorbene Senioren. Nichts Besonderes also. Ich wollte etwas Spektakuläres haben, etwas, was mein Sensationsfeuer noch mehr anfachen würde. Einige Gruppen jedoch hatten Glück. Nach meinem Verständnis, nach ihrem aber Unglück. Z.B. hatten einige eine Wasserleiche und zwar die eines 18-jährigen Jungen, der in den Nachrichten seit zwei Monaten als vermisst gemeldet war. Irgendwie spürte

ich bei dieser Geschichte einen kleinen Stich – es ergab sich eine Verbindung zwischen meiner realen Welt und der Welt


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Die misslungene Sensation... Fortsetzung von Seite 2

hinter dem Bildschirm. Das war mir unheimlich, es störte meine Märchenwelt. Als ich meinen Kittel überzog, um in den Sektionssaal zu gehen, wurde uns eröffnet, dass die Sektion schon vorbei sei. Wir hätten nur 15 Minuten für die Leichenschau, danach müsste die Leiche unverzüglich an den Bestatter übergeben werden. Mir war etwas mulmig zumute. Aber nicht vergessen: Ich hatte doch schon Tote im Präparierkurs auseinander geschnitten, ich war weise und erfahren. Was konnte mich jetzt noch schocken?

Kehrseite der Medaille

Ich trat in den hellen, kalten Saal mit dem Silbertisch. Alles wie gewohnt, wie im Kurs. Nur war doch etwas anders – die Luft. Sie war nicht zum Atmen bestimmt, nicht zum Denken, nicht zum Leben. Die Fäulnisdämpfe setzten sich auf den weiß strahlenden Kitteln ab, drangen in unsere Nasen und Münder ein und schnürten unsere Atemwege zu, wie um uns in ihr totes Reich herabzuziehen. Ich schnappte nach Luft, aber spürte nur den Geschmack meiner aufschwappenden Magensäure. Mir wurde übel, richtig übel, wie nur selten in meinem Leben. Der Magen kontrahierte sich angewidert und die Augenlider zuckten ein paar Mal auf und ab, um die glitzernden, bunten Sternchen zu vertreiben. Mein Kopf dröhnte, ich litt an Atemnot. Die Hände umschlossen gleichzeitig Mund, Nase und Hals. Die Knie zitterten und die Beine wurden schwer wie Blei. Ich konnte nicht weitergehen, doch ich ging. In einem weiten Bogen stellen wir uns im den Tisch herum, einer weiter als der andere. Die Hälfte der Gruppe verließ den Saal. War das doch noch mal die Wasserleiche? Nein, ein relativ junger Mann zwischen 30 und 40. Er trug eine Strangmarke am Hals- typisches Erhängen, Suizid, Fremdeinwirken ausgeschlossen. Schon beim Hereinkommen fiel sofort der riesige,

schwarze, aufgedunsene, kopfgrosse Hodensack auf.

Ich schnappte nach Luft, Geschmack meiner Magensäure

spürte den

Er ragte zwischen den dünnen grün verfärbten Beinen wie ein Fremdkörper hervor. Die Fäulnis war weit fortgeschritten. Der Rumpf und die Beine waren komplett grün. Zuerst dachte ich, er hätte eine riesige Tätowierung auf dem Rücken, doch dann verstand ich, dass es ein Venennetz war – die Fäulnisgase hatten nicht nur den Hodensack aufgedunsen, sondern auch die Gefäße aufgebläht. Die Haut war aufgeplatzt und blätterte schichtweise ab, aufgeplatzte Blasen. Wie lange hatte er so gehangen, bis jemand ihn gefunden hatte? War er so einsam gewesen? Der Assistenzarzt bot uns an, die Augenlider anzusehen, dort könnten petichiale Einblutungen vorliegen – ein Hinweis auf Erdrosseln oder atypisches Erhängen. Er nahm zwei silberne Pinzetten und krempelte Ober- und Unterlid um. Niemand bewegte sich. Jemand neben mir krächzte heiser: „Ich kann nicht mehr.“ Ich dachte dasselbe.

Aus und vorbei

Irgendwie brachen meine Beine doch durch die unsichtbare Wand zwischen mir und dem Toten durch und ich blickte ihm in die Augen. Ich musste sie sehen. Würden sie so aussehen wie die unseres Körperspenders? Es gab keine Einblutungen und überhaupt nichts in diesen starren blauen Augen, nur eine Trübung.

dunkelblau, aber sonst sahen Hände und Arme ganz normal, lebendig aus, als würde die Haut noch atmen. Wie konnten diese Hände die Tat vollbringen, wie die Schlinge um den warmen Hals legen? Haben sie im letzten Moment noch zu dem sich zuziehenden Todeswerkzeug gegriffen, um es zu lösen, um die Verrücktheit rückgängig zu machen? Ist er gestorben, mit dem letzten Wunsch und Gedanken zu leben, zu atmen? Alles drehte sich. Diese Augen und jene – jung und alt. Beide blau, beide tot. Doch trotzdem anders. Jene müde, diese kalt, irgendwie entschieden, verzweifelt. Er hätte noch so viel tun können, nun war alles vorbei. Mit beiden hatte ich Mitleid, doch bei diesem interessierte mich noch mehr, was hinter diesen Augen, im Hirn passierte. Ich wollte mich in ihn hineinversetzen, doch da war nur Leere, eine undurchdringliche Blockade – „Fasst mich nicht an! Ich will allein sein!“ Stilles Entsetzen.

Möge er nun dort, wo er ist, glücklich sein! Der Andere schien dagegen sagen zu wollen: „ Ich habe mein Leben gelebt und bin müde. Ich möchte, dass du lernst. Benutze mich, ich brauche diesen Körper nicht mehr.“ Er war gütig. Dieser nicht. Er lag da und war doch weg, ganz weit weg. Im Land des Unglücks und der Verzweiflung. Als ich in seine

Augen sah, es dauerte nur ein paar Sekunden, vergass ich den FäulnisGeruch, ich sah nur sie. Dann stieß mich seine Distanz ab, zurück in den Kreis der Lebenden. Möge er nun dort, wo er ist, glücklich sein! Im Seminarraum entspannten sich viele, doch ich merkte keine Änderung. Der scharfe Geruch saß tief in meiner Nase und ließ mich nicht zu Atem kommen. Mir war schwindelig. Ich fühlte mich wie ein gehetztes Tier, eingeengt in den weiß strahlenden Wänden, deren Licht mich blendete. Ich musste mich fast übergeben. Das Bild der nackten Leiche hatte sich für zwei Tage in meine Netzhaut eingebrannt. Ich sah auf Lebende und sah ihn. Ich schaute auf grünes Gras und sah wiederum ihn darauf liegen. Der faulige Geruch verdarb mir die frische Frühlingsluft.

Genug vom Tod

Bei dieser Leichenschau verknüpfte sich in meinem Gehirn die Realität mit dem Fernsehen. Kein Bedarf mehr nach scharfen Sinneseindrücken. Die Reserve war ausgeschöpft. Der Traum mit der heldenhaften Rechtmedizin löste sich so schnell auf wie eine sich entladene Gewitterwolke am Sommerhimmel und hinterließ nichts als Leere. Ich hatte genug Realität, genug Kicks. Ich brauche keine Sensationen mehr, auch kein CSI-New York und keine Kathy Reichs und auch fast keine Nachrichten mehr. Die Sensation ist missglückt.

Entspannt durchs Examen MEDI-LEARN Kurse für Physikum und Hammerexamen

Hatte er geschrien? Hatte er Angst? Was haben diese Augen als Letztes gesehen? Warum hat so ein junger Mensch seinem Leben ein abruptes Ende gesetzt, seinem Körper Gewalt angetan? Er trug keine Tatoos, keine Piercings, keine Injektionsspuren. Ein ganz normaler junger Mann. Ein Mann mit aufgerissenem Mund. Hatte er geschrien? Hatte er Angst? Die Fingernägel waren

Elisabethstr. 9 35037 Marburg 064 21 620 15-0 info@medi-learn.de

Weitere Infos und Anmeldung unter:

www.medi-learn.de /kurse


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Give me a KISS!

Raum zum selbständigen Lernen und Üben ärztlicher Fähigkeiten von Christoph Wanko (idw)

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m neuen Kölner Skillslab KISS lernen Studierende den direkten Umgang mit dem Patienten und damit verbundene technische Fähigkeiten (Skills) – zum Beispiel Reanimation, Blutentnahme und chirurgisches Nähen. Das neue Skillslab bietet Patientenzimmer zum Üben einzelner Fertigkeiten in realistischer Umgebung. Hierfür sind die Übungsstationen originalgetreu ausgestattet. Zwischen den einzelnen Räumen befinden sich Besprechungszimmer, die über Spiegelscheiben Einblick in die Übungsräume geben. Über Kameras und Mikrophone können außerdem einzelne Übungen aufgezeichnet werden, um so den Lernprozess nach neusten wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu fördern. Desweiteren bietet das neue Haus Trainingsmöglichkeiten an verschiedenen Übungsmodellen (Puppen). Zum Erlernen der Anamnese und der Gesprächsführung zwischen Patient und Arzt stehen speziell geschulte Schauspieler zur Verfügung, die Patienten mimen. Eine weitere Besonderheit stellt der Notfalltrakt dar. Von der Krankenwagenanfahrt bis zur hin zur

Narkose-Einleitung und dem Transport in den Operationssaal, kann die gesamte Rettungskette nachempfunden werden. Um eine weitgehend realitätsnahe Simulation zu ermöglichen, besitzt das KISS modernste Simulationsmodelle und aktuelles technisches Equipment.

„offensIVe für dIe akademIsche Lehre“ Auf der Pressekonferenz zur Eröffnung des neuen Gebäudes betonte Prof. Axel Freimuth, Rektor der Universität zu Köln, wie wichtig eine gute Ausbildung im Fach Medizin sei und dass dafür exzellente Bedingungen notwendig seien. Außerdem ging er auf die Verwendung von Studiengebühren für den Bau des Gebäudes ein: „Das Studierendenhaus ist ein gutes Beispiel, wie die Beiträge für die Studierenden verwendet werden können.“ Als „Offensive für die akademische Lehre“ beschrieb Prof. Joachim Klosterkötter, Dekan der Medizinischen Fakultät, die Einführung des Kölner Modellstudiengangs Humanmedizin 2003 und die gleichzeitige Einrichtung des Kölner interprofessionellen Skillslab und Simulationszentrums (KISS). Mit dem Umzug in das neue Studierendenhaus werde

Das neue Studierendenhaus der Medizin an der Uni Köln

dieses Angebot des praktischen Lernens aufgewertet und gehöre so zu den etablierten Lehrangeboten der Medizinischen Fakultät. „Das Studierendenhaus schafft neuen Raum zum selbständigen Erlernen und Üben praktischer und medizinischer Fähig- und Fertigkeiten an verschiedenen Modellen und bietet der Fachschaft Medizin sowie allen Studierenden zugleich ein Zentrum für Kommunikation, Identifikation und die selbstbewusste, reformerische Mitgestaltung des Medizinstudiums in Köln“, so der Dekan. Prof. Edgar Schömig, Vorstandsvorsitzender und Ärztlicher Direktor der Uniklinik Köln, betonte die Bedeutung der medizinischen Ausbildung für die Uniklinik Köln: „Wir als Uniklinik Köln haben ein strategisches Interesse daran, eine gute medizinische Ausbildung zu bieten. So schaffen wir uns quasi eine Ressource für die Zukunft. Die Studierenden von heute sind die Assistenzärzte von morgen und die Oberärzte von übermorgen.“

„dIe Lehre mehr und mehr mItteLpunkt rücken“

In den

Das neue Studierendenhaus ist in kürzester Zeit entstanden. Von den ersten Planungen bis zum Einzug der ersten Nutzer vergingen nur 18 Monate. Für die Bauplanung, die Ausführung sowie die Finanzierung war die medfacilities, ein Tochterunternehmen der Uni-

klinik Köln, verantwortlich. Simon Oeckenpöhler ist der ehemalige Vorsitzende der Fachschaft Medizin, welcher in seiner Amtszeit entscheidend dazu beigetragen hat, den Bau des Studierendenhauses voranzutreiben: „Die Verwendung von Studienbeiträgen war und ist immer noch ein großes Streitthema. In diesem Bau haben wir dennoch eine wirklich gute Möglichkeit gefunden, mit der alle zufrieden sein können.“ Außerdem betonte er die wichtige Rolle der Lehre in der Medizinerausbildung: „Mit diesem Bau im Zentrum der Medizinischen Fakultät rückt die Lehre optisch an eine neue Position. Wir – als Fachschaft – werden uns weiter dafür einsetzen, die Lehre auch in den Köpfen der Professoren und Dozenten mehr und mehr in den Mittelpunkt zu rücken.“ Ergänzt werden die Seminar- und Übungsräume im neuen Haus durch ein Studierenden-Café. Es schafft einen Ort für Austausch, Lernen, Entspannen und Kaffeetrinken. Direkt an das Café angeschlossen hat die Fachschaft Medizin einen Raum. Sie vertritt die Interessen der Medizinstudierenden in diversen Kommissionen und Gremien. Außerdem ist die Fachschaft verantwortlich für die Realisation von studentischen Projekten wie beispielsweise dem „Teddybär-Krankenhaus“ oder dem Aufklärungsprojekt „Mit Sicherheit verliebt“. Durch das neue Studierendenhaus mit den neuen Räumen für das Skillslab, den erweiterten Seminarräumen, den unterschiedlichsten Trainingsmöglichkeiten sowie dem Studierenden-Café hat die Lehrund Lernatmosphäre an der Medizinischen Fakultät eine ganz neue Qualität bekommen.


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Von Indien nach Israel PJ im Soroka Hospital, Beer Sheva von Christine Scharfenberg

“To women & girls who pass our neighborhood, we beg you with all our hearts please do not pass through our neighborhood with immodest clothes. Modest clothes include: closed blouse, with long sleeves; long skirt; no trousers; no tight fitting skirt.” Es ist kurz vor Sonnenuntergang am Freitag, und damit kurz vor Beginn des Schabbats. Ich befinde mich in Mea Shearim, einem der ältesten jüdischen Stadtteile in Westjerusalem. Mit Staunen beobachte ich das geschäftige Treiben. Ein bisschen unwohl fühle ich mich schon in meiner westlichen Kleidung, als ich das Hinweisschild mit der Bitte um angebrachte Kleidung lese.

whY dId You come to studY In IsraeL? Zum Glück ist Winter und es ist so kalt hier, dass ich lange, von oben bis unten zugeknöpfte Kleidung trage. Ich fühle mich zurückversetzt in die Gründerzeit dieses Viertels, 1880, und habe ein bisschen das Gefühl, in Osteuropa zu sein.

Keine Arbeit erlaubt

Um mich herum wird Jiddisch gesprochen, Männer tragen lange, schwarze Mäntel und Hüte. Sie lesen im

Gehen die Torah und beeilen sich, bevor der Schabbat mit Blasen eines Hornes einberufen wird, zur Western Wall zu gelangen. Frauen mit Kopfbedeckung und bodenlangen Röcken, begleitet von vielen Kindern, erledigen die letzten Besorgungen. Denn ist der Schabbat erst einmal da, darf nicht mehr gearbeitet werden. Alles muss vorbereitet sein, das Essen gekocht, die Wohnung hergerichtet, die Kerzen angezündet. Dass keine Arbeit verrichtet werden darf, beinhaltet auch, dass keine elektrischen Geräte betätigt werden dürfen. Man darf also nicht ans Telefon gehen, das Licht oder die Heizung an- oder ausmachen, kein Auto fahren und keine Musik hören. Ich muss noch schnell etwas besorgen, bevor alles hier schließt und es stockdunkel wird, denn ich bin zum Abendessen eingeladen. Ich entscheide mich für süßen, roten Wein, den mir ein netter, jiddisch sprechender Kaufmann in einem kleinen Laden empfiehlt. Wein ist koscher, wenn keine Nicht-Juden an der Herstellung beteiligt sind. Ich hoffe, ich mache damit nichts verkehrt.

Von Indien nach Israel

Was mache ich eigentlich so mitten im Semester in Jerusalem? Ich habe mich dazu entschlossen, ein PJTertial in Israel zu verbringen. Ich bin eingeschrieben an der Ben Gurion Universität in Beer Sheva und absolviere mein PJ in der Chirurgie im Soroka-Hospital. Beer Sheva ist eine 200.000 Einwohner große Stadt im Negev, der Wüste Israels. 20.000 Studenten machen die Stadt lebendig. Ein Touristenziel ist Beer Sheva nicht: Es gibt keine Sehenswürdigkeiten, dafür hochmoderne Einkaufzentren, achtspurige Straßen im Zentrum und viele graubraune Häuser. „Why did you come to study in Israel?“ ist die Frage, der ich hier wohl am meisten begegne. Immer wieder erzähle ich die Geschichte gerne, wie ich vor fast vier Jahren bei einer Famulatur in Indien ein israelisches Paar kennen lernte und wie wir gemein-

sam das Land und das Leben vor Ort erkundeten und beschlossen, uns jedes Jahr zu sehen. So hatte ich Israel schon besucht bevor ich mich dann für ein Studium hier entschied.

Mit US-Studenten

Mir gefällt das PJ hier. Ich bin zusammen mit amerikanischen Studenten der Universtity of Columbia, die hier International Health and Medicine studieren, auf einer Station. Morgens um sieben machen wir die Blutabnahmen, danach Visiten und Assistenz im OP. Zwischendurch trommeln uns die Ärzte immer mal wieder zusammen, unterrichten uns in Kleingruppen oder erteilen einem von uns zu einem bestimmten Thema das Wort. Morgen bin ich dran: Ich halte einen Vortrag über postoperative Komplikationen. Nach dem Essen, zu dem ich gleich eingeladen bin, muss ich mit darauf noch etwas vorbereiten. Darum beeile ich mich jetzt mal. Grüße aus Israel!


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Mikrochirurgie simulieren Training für angehende Mediziner in Heidelberg

von Marietta Fuhrmann-Koch (idw)

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ür die Entwicklung einer computerbasierten Trainingsumgebung für mikrochirurgische Eingriffe wird eine Kooperation zwischen Wissenschaftlern der Universität Heidelberg und der VRmagic GmbH durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie unterstützt: Ein Team des Instituts für Technische Informatik unter Leitung von Prof. Dr. Reinhard Männer und das als Universitäts-Ausgründung entstandene Mannheimer Unternehmen erhalten dafür Fördermittel in Höhe von 315.000 Euro. Mit Hilfe einer Virtual-Reality-Technologie sollen dreidimensionale Szenarien generiert werden, in denen angehende Chirurgen wirklichkeitsnah Operationen durchführen und mikrochirurgische Fertigkeiten trainieren können. Die knapp zweijährige Förderung läuft bis Ende Oktober 2011. Der Simulator für Mikrochirurgie soll die bestehenden Ausbildungsmethoden im Medizinstudium ergänzen. Dazu gehört unter anderem das gezielte Training der HandAugen-Koordination bei der Handhabung der Operationsinstrumente unter dem Mikroskop. Darüber hinaus geht es um das Verbinden zweier Gefäße im Millimeterbereich und das Freipräparieren eines Gefäßbaums. „Der Einsatz von Simulatoren in der medizinischen Ausbildung gewinnt besonders bei

minimal-invasiven und mikrochirurgischen Operationstechniken zunehmend an Bedeutung. Vorteile des computerbasierten Trainings sind die ständige Verfügbarkeit ohne medizinische Risiken, geringe Kosten und nicht zuletzt die Möglichkeit, die chirurgische Leistung

objektiv zu messen und zu beurteilen“, betont Prof. Männer. Das Team von Prof. Männer und das Unternehmen VRmagic arbeiten an einem hochpräzisen, optischen Trackingsystem, das die

Medizinstudium in Belfast – Infos aus erster Hand Fortsetzung aus der MEDI-LEARN Zeitung 04/2010

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Müsst ihr Studiengebühren bezahlen? Ja, leider. Jedes Jahr 3.300 Euro. Ausländische Studenten zahlen

Projekt im Rahmen des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand (ZIM). Ziel ist es, die Zusammenarbeit zwischen kleinen und mittleren Unternehmen und Forschungseinrichtungen auszubauen, um Forschungsergebnisse zeitnah in marktwirksame Innovationen umzusetzen und die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Firmen zu fördern. Prof. Männers Lehrstuhl für Informatik V am Institut für Tech-

Polygondarstellung einer Instrument-Gefäß-Interaktion Foto: Lehrstuhl für Informatik V

Arzt werden in Nordirland m ersten Teil dieses Interviews haben uns die zwei Studentinnen bereits einiges über das Studium im Ausland - genauer: aus dem weitgehend unbekannten Nordirland - berichtet. Auch im zweiten Teil gab es wieder Antworten auf viele Fragen.

Bewegungen der Instrumente verfolgt und ihre Position an das Rechensystem weitergibt. Entwickelt werden leistungsstarke Simulationsalgorithmen, die mit einer zeitlichen Verzögerung unterhalb der Wahrnehmungsgrenze das resultierende Gewebeverhalten berechnen. Anwendungsgebiete für diese mikrochirurgischen Fertigkeiten finden sich vor allem in der plastischen Chirurgie, der Neuro- und

deutlich mehr. Das ist nur mit einem Kredit zu schaffen, den man nach dem Studium abbezahlen muss. Wie ist das Studentenleben in Belfast? Wunderbar. Die Stadt ist nicht sehr groß, aber dadurch lernt man sehr viele Leute, auch aus anderen Studiengängen, gut kennen. Im Vergleich zu anderen bri-

der Bypasschirurgie, in der Gynäkologie und der Urologie sowie in der Hals-Nasen-Ohren- und Kieferchirurgie. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie fördert das

nische Informatik und die VRmagic GmbH haben in der Vergangenheit bereits erfolgreich zusammengearbeitet. Im Jahr 2001 war das Unternehmen aus dem Lehrstuhl ausgegründet worden.

tischen Städten ist es günstig, als Student hier zu leben. Die Leute sind freundlich, die Stadt ist voller Studenten, die Umgebung ist schön und es gibt unglaublich viele Bars, Pubs und Kinos. Wir wohnen in einer WG im Stadtteil Stranmillis, welcher ein typisches Studentenviertel ist.

die Lage hat sich deutlich gebessert. Der Konflikt ist noch ein Thema, aber nur für dumme Leute und in einzelnen, wenigen Straßen. Man sollte nicht durch die Straßen rennen und schreien „Ich bin ein Katholik.“ Ansonsten ist es sicher, insbesondere für Touristen.

Beeinflusst euch der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten in eurem Alltag eigentlich? Er beeinflusst uns nicht wirklich. In den vergangenen zehn Jahren hat sich in Belfast viel getan und

Susie und Sinead, da bleibt mir zum Abschluss noch, euch für das Interview zu danken. Ich wünsche euch alles Gute für die weitere Reise und für euer Studium.


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Bereicherung für beide Fächer Gespräch mit einem Medizin- und Philosophiestudenten Fortsetzung aus der MEDI-LEARN Zeitung 04/2010

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m zweiten Teil des Interviews erfährst Du, wie Maik das erhöhte Lernpensum schafft - und wie die beiden Fächer sich gegenseitig befruchten. Wie denkst du darüber, dass manche Leute „nur“ Medizin studieren – das kann ja nicht so stressig sein aus deiner Sicht? Also, das denke ich nicht. Es kommt immer darauf an wie man sich reinhängt. Ich kann für manche Klausuren nicht so viel lernen wie Andere, weil mir einfach die Zeit fehlt. Aber es fällt mir auch oft genug schwer, mich zum lernen aufzuraffen. Ich fühlte mich schon vor dem Philosophiestudium gut mit Stoff eingedeckt. Ich mache das Doppelstudium nicht, weil mir sonst langweilig wäre, sondern weil ich es gerne mache. Aber stresst das nicht? Inzwischen betrachte ich das Medizinstudium etwas gelassener als früher und bin deswegen weniger gestresst. Sicher ist es toll, alles auf Anhieb zu bestehen, oder gute Noten zu bekommen, aber ich denke, diesen Stress ist es nicht wert. Eine erfüllende Beschäftigung auf anderem Gebiet nimmt den Stress aus dem Medizinstudium, auch wenn dadurch das Arbeitspensum höher ist. Manche meiner Kommilitonen haben so enorme Erwartungen an sich selbst, dass sie sich für nichts anderes mehr Zeit nehmen. Ich würde also Jedem dringend raten, einen Ausgleich zu finden. Ein zweites Studium ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber auch diejenigen, die sich ehrenamtlich engagieren oder Sport treiben, sind meiner Meinung nach weniger stressanfällig als diejenigen, die sich ihre ganze Woche fürs lernen frei halten. Das tolle an meiner Kombination ist gerade die Verschiedenheit des Studierens. Das viele Lernen in der Medizin und das Lesen, Denken und Argumentieren in der Philosophie. Was bringt dir dein medizinisches Wissen in der Philosophie und wie

kann die Philosophie zur Medizin beitragen? Bei der Kombination „Philosophie und Medizin“ denken viele zuerst an Ethik. Sicher spielt Ethik eine wichtige Rolle, aber die Philosophie kann auch in anderer Hinsicht richtungsweisend sein. Vor allem im Medizinstudium wird oft reines auswendiglernen gefordert. Eine kritische Reflexion bleibt daher aus. Gerade die Philosophie stellt sich immer wieder die Frage der eigenen Rechtfertigung und ihres Beitrages zur Gesellschaft. Da bei Medizinern diese Frage vergleichsweise einfach damit abgehandelt werden kann, dass die medizinische Forschung Menschen bei der Heilung von oder dem Umgang mit ihren Krankheiten hilft, ist diese Art des Nachdenkens wenig gefordert. Meiner Meinung sind Fragen in der Art „Wozu Medizin?“ „Was kann und soll sie leisten?“ trotzdem sehr wichtig. Der Ansatz, das eigene Begreifen, Wissen und Forschen als begrenzt und unvollkommen zu sehen, ist eine Haltung, die für jeden Arzt essentiell ist. Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, wie fertige Ärzte sich selbst begreifen, aber bisher habe ich den Eindruck gewonnen, dass dies während der medizinischen Ausbildung zu wenig gefördert wird. Hier sehe ich einen großen Gewinn im Hinblick auf mein Medizinstudium. Für die Philosophie bereichert mich das Wissen über Neurophysiologie. Wenn davon die Rede ist, dass wir

verzerrt Wahrnehmen, denke ich beispielsweise an das Kälte-Paradoxon oder bei der Selektivität unsere Wahrnehmungen an den Thalamus. Eigentlich schade, dass die Tiefe der Bedeutung der neurophysiologischen Kenntnisse über unser Verständnis von der Welt in unserem Studium so wenig zur Diskussion steht. Gibt es noch etwas, dass du Leuten sagen möchtest, die mit dem

Gedanken spielen, Medizin plus etwas anderes zu studieren? Tut es! Wenn es zu viel wird, war es sicher trotzdem eine Bereicherung. Man hat nichts zu verlieren und auch wenn ihr es wieder lasst, hat es eigentlich keine negativen Konsequenzen. Vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche dir alles Gute für dein interessantes Studium. Maik Dorn (Uni Tübingen)

IMPRESSUM Herausgeber: MEDI-LEARN Verlag GbR, ISSN 1860-8590 Elisabethstraße 9, 35037 Marburg/Lahn Tel: 04 31/780 25-0, Fax: 04 31/780 25-29 E-Mail: redaktion@medi-learn.de, www.medi-learn.de Redaktion: Jens Plasger (Redaktionsleitung), Christian Weier (V.i.S.d.P.), Trojan Urban, Dr. Marlies Weier, Dr. Lilian Goharian, Dr. med. Dipl.-Psych. Bringfried Müller, Thomas Brockfeld Lektorat: Jan-Peter Wulf Layout & Graphik: Kristina Junghans Berichte: Olga Kogan, Nina Dalitz, Christoph Wanko, Christine Scharfenberg, Marietta Fuhrmann-Koch Bildnachweis: www.photocase.com, www.istockphoto.com, www.sxc.hu, www.pixelquelle.de, Artikelautoren, www.flickr.com, http://www.goisrael.com/ Erscheinungsort: Marburg Der digitale Nachschlag erscheint zu jeder MEDI-LEARN Zeitung als Ergänzung, die du dir als PDF auf der MEDI-LEARN Seite herunterladen oder online anschauen kannst. Er beinhaltet Fortsetzungen von Artikeln aus der aktuellen Zeitung sowie weitere interessante Artikel und Berichte rund um die Medizin. Dein Artikel bei MEDI-LEARN? Wir freuen uns über die Zusendung von Erfahrungsberichten und anderen Artikeln und belohnen die Autoren mit Fachbüchern. Alle weiteren Infos findest du unter www.medi-learn.de/artikel. Dieser Digitale Nachschlag ist Teil der MEDI-LEARN Zeitung. Die bisherigen Ausgaben findest Du unter: www.medi-learn.de/ MLZ-Online

Digitaler Nachschlag 04/2010  

Die MEDI-LEARN Zeitung im Printformat. Sie enthält auf 12 Zeitungsseiten News und Informationen für Medizinstudenten und Jungärzte und ersc...

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