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Die Zeitung für Medizinstudenten und junge Ärzte

ZEITUNG

Digitaler Nachschlag der Ausgabe 08/09 September / Oktober 2009 ∙ In Kooperation mit dem Georg Thieme Verlag ∙ www.medi-learn.de

Digitaler Nachschlag

Neues Kunstherz implantiert

Weg mit dem Prüfungsdruck!

Kinder kriegen im Medizinstudium

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Heidelberger Herzchirurgen haben weltweit erstmals ein innovatives „Kunstherz“ implantiert, das besonders effektiv, schonend und leise die Pumpfunktion der linken Herzkammer ersetzt.

Der Medizinische Fakultätentag will die Approbationsordnung reformieren. Ein neuer Lernzielkatalog soll bald entstehen und zukünftigen Studenten den Weg durch die Ausbildung erleichtern.

Eine Studie der Ulmer Universität zeigt, dass das Studium unter allen „ungünstigen“ Zeitpunkten einer der günstigsten für Mediziner ist, um Nachwuchs zu zeugen.

Die Alpen in Sicht

Neuropädiatrie-Famulatur in Vogtareuth von Julia Wolff

Das Alpenvorland mit seinem herrlichen Panorama: Für ein „Nordlicht“ wie Julia Wolff eine willkommene Abwechslung.

A

lpenvorland, endlose Straßen zum Gasgeben auf dem Fahrrad, Kuhglockengeläut, Berge mit grünen Wiesen und zum Wandern einladende Wege – für ein Nordlicht wie mich eine durchaus attraktive Vorstellung für die Semesterferien! Die Gegend für die kommende Famulatur stand fest: Oberbayern sollte es werden. Und die Fachrichtung? Neurologie oder Pädiatrie? Nach einer kurzen Internetrecherche stieß ich auf die Neuropädiatrie in Vogtareuth. Beide Fächer kombinieren – auch keine schlechte Idee! Eine formlose Bewerbung via E-Mail ins Chefarztsekretariat brachte mir alsbald eine Zusage. Auch eine Unterkunft direkt im Haus war kein Problem. Ein Gehalt für die Wochen gab es zwar nicht, das Zimmer (14 qm, eigenes Bad, TV, Telefon, Gemeinschaftsküche) war jedoch umsonst und auch das Mittagessen ist inklusive, nebst einem kostenlosen Park-

platz. Außerdem durfte ich nach Ende der Therapiezeiten die sehr gut eingerichtete MTT nutzen.

Und natürlich das Behandlungszentrum der Schön-Kliniken.

Radeln und Segeln

Die Abteilung der Neuropädiatrie ist eine der Besten in Europa auf ihrem Gebiet. Ihr Spezialgebiet ist die Epilepsie samt Epilepsiechirurgie. Während meines Famulaturmonats waren Patienten aus Österreich, der Schweiz, Italien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Lettland dort. Die Patienten meiner Station bestanden aus Kindern von fünf Monaten bis 18 Jahren, teilweise in Begleitung ihrer Eltern, in der Frührehabilitationsphase. Die Diagnosen umfassen Hirntumoren, Hirnblutungen, Zustände nach Ertrinkungsunfällen und Schädelhirntraumata, geburtsbedingte Cerebralparesen und natürlich Epilepsien in ihren unterschiedlichsten Formen. Meine aktiven Aufgaben als Famulantin waren recht überschaubar, Blutabnehmen bei den Größeren und später auch bei den kleinen Patienten

Vogtareuth liegt im Inntal in Oberbayern. Die nächst größere Stadt ist Rosenheim. Gut erreichbar ist die Gemeinde eigentlich nur mit dem Auto. Ich habe mich im Alltag eigentlich nur mit dem Rennrad auf herrlich ausgebauten Radwegen bewegt. Vogtareuth ist ein kleines 3000-Seelen-Dorf und hat an sich nicht viel zu bieten. Aber das Drumherum ist überaus beeindruckend: Alpen in Sicht- und Radweite, Bade- und Segelseen in Hülle und Fülle und in direkter Nachbarschaft, da trifft sich das Klinikpersonal oft spontan nach Dienstschluss zum Grillen, und auch der Chiemsee nur ca. 30 km entfernt, und Rosenheim und Wasserburg am Inn sind durchaus sehenswerte Städte. Vogtareuth hat zwei kleine Restaurants, eine hübsche Kirche und einen kleinen Tante Emma-Laden.

Spezialgebiet Epilepsie

durfte ich jederzeit. Bei Anamnesen und körperlichen Untersuchungen war es ähnlich: Dürfen immer, müssen nie. Jeder Arzt hat mir gerne Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt, jeder hat aufs Neue versucht, mir EEGs zu erklären, Hospitationen im Schlaflabor, bei fächerübergreifenden Konferenzen, bei Meetings mit den Chirurgen und Radiologen für OP-Planungen, qualitativ tolle und mehrfach in der Woche stattfindende interne Fortbildungen der Ärzte und Physiotherapeuten. Überall fühlte ich mich herzlich willkommen. Besonders erwähnen muss ich die Pflegekräfte der Kinderstationen, durchweg motivierte, fröhliche Menschen, immer für einen Spaß mit den Kindern (und Studenten!) zu haben und doch bewundernswert gut organisiert und sehr professionell arbeitend. Sogar die Visiten waren interessant und lehrreich, egal ob mit Stations-,

Fortsetzung auf Seite 2


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Neuropädiatrie-Famulatur in Vogtareuth Fortsetzung von Seite 1 Ober- oder Chefarzt. Fragen wurden umfassend sofort beantwortet und oft mit Literatur aus Artikeln und Büchern am folgenden Tag nochmals aufgegriffen.

Viele Eindrücke gesammelt Toll war das alltägliche Miteinander der verschiedenen Disziplinen. Zum Hospitieren war ich in jeder Abteilung eingeladen. Bei den Psychologen, den Lehrern, Physiotherapeuten an Land und im Therapiebecken, dem Sozialdienst, den Logopäden, den Ergotherapeuten auch bei der Hilfsmittelversorgung in Zusammenarbeit mit den Orthopädietechnikern, den Musiktherapeuten in Einzel- und

Gruppentherapie und in der Hundetherapie konnte ich viele tolle Eindrücke sammeln. Manche Schicksale der kleinen Patienten haben mich arg beschäftigt, aber es gab zwischendurch immer die Möglichkeit, sich mit den Ärzten und auch allen andere Beteiligten darüber auszutauschen. Und wenn jemandem während der Visite einmal die Tränen kamen (z. B. ein elfjähriges Mädel mit Lock-inSyndrom nach Hirnblutung, bei dem festgestellt wurde, dass ihre Kognition voll funktionstüchtig war), dann war er oder sie meist nicht die Einzige, alle waren mit viel Empathie und Fürsorge bei der täglichen Arbeit.

Tolles Miteinander In der Neuropädiatrie sind Famulanten sehr selten. Jeder Arzt, jede Schwester und jeder Therapeut hat mich mit offenen Armen empfangen. Ich habe noch nie zuvor in einer Klinik ein so tolles Miteinander und ein solch kooperatives Zusammenarbeiten erleben dürfen. Diese tolle Stimmung übertrug sich auch auf die Patienten, die Kinder waren gerne dort und fuhren mit dem Oberarzt auf dem Dreirad um die Wette, und auch die Eltern wirkten entspannt und zufrieden. Aktiv machen konnte ich nicht so viel, das ergab sich einfach nicht aus dem FrührehaAlltag heraus, ich durfte aber allen über die Schulter schauen, alle Fragen der Welt stellen, ich wurde

Heidelberger Chirurgen implantieren neues Kunstherz 92-Gramm-Gerät aus Kunststoff und Titan entwickelt von Dr. Annette Tuffs (idw)

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eidelberger Herzchirurgen haben Ende Juli 2009 weltweit erstmals ein innovatives „Kunstherz“ implantiert, das besonders effektiv, schonend und leise die Pumpfunktion der linken Herzkammer ersetzt. Bei dem 92 Gramm schweren Gerät handelt es sich um eine Herzpumpe aus Kunststoff und Titan, die das Blut aus der geschwächten linken Herzkammer in die Hauptschlagader pumpt. „Die Patientin hat den 3,5-stündigen Eingriff gut überstanden“, berichtet Professor Dr. Matthias Karck, Ärztlicher Direktor der Klinik für Herzchirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg. Die 50-jährige Frau litt an einer Herzschwäche, die nicht mit Medikamenten behandelt werden konnte. Da aus medizinischen Gründen eine Herztransplantation nicht in Frage kam, wird die implantierte Herzpumpe nun dauerhaft ihr Herz unterstützen.

Auch zur Überbrückung der Wartezeit

Ersetzt die linke Herzkammer: DeBakey-Implantat

„Die Herzpumpe kann prinzipiell auch als Überbrückung für eine

Herztransplantation eingesetzt werden“, berichtet Privatdozent

Quelle: Micromed

Dr. Arjang Ruhparwar, Oberarzt in der Heidelberger Herz-

zu wissenschaftlichem Arbeiten angeregt (Literatursuche für Vorträge und Vorbereitung für interne Fortbildungen) und war jederzeit und überall herzlich willkommen, sogar beim Chefarzt oder einer Radrunde mit dem leitenden Oberarzt!

Bestens aufgehoben Wenn Du Lust auf eine familiäre Atmosphäre hast und überdurchschnittlich fortschrittliche neuropädiatrische Medizin erleben willst, Du gerne interdisziplinär in einem jungen und motivierten Team arbeitest, Du Dich auch in Deiner Freizeit zu beschäftigen weißt und Genuss der Natur und Ruhe keine Fremdworte für Dich sind, dann bist Du hier bestens aufgehoben!

chirurgie. Dann wird die Pumpe gemeinsam mit dem erkrankten Herz entfernt und durch ein Spenderherz ersetzt. Bei dem Gerät handelt es sich um die 5. Generation des so genannten DeBakey-Herzen. Es war in den 90er Jahren in Zusammenarbeit mit der NASA von dem renommierten Herzchirurgen Professor Michael DeBakey am Baylor College of Medicine in Houston entwickelt worden und wird jetzt von der US-Firma Micromed vertrieben. Aus der zunächst mehr als ein Kilogramm schweren Pumpe, die nicht in den Brustkorb passte, ist mittlerweile ein handliches, leichtes Miniatur-Gerät geworden, das unmittelbar am Herzen getragen und extern überwacht und gesteuert werden kann. „Das neue Gerät hat große Vorteile: Es ist mit 92g Gewicht weltweit das kleinste Gerät, welches die Funktion der linken Herzkammer vollständig ersetzen kann und es arbeitet besonders leise und effektiv mit einer hohen Flusszahl“, erklärt Professor Karck. Patienten sind damit in der Lage, ein nahezu normales Leben zu Hause zu führen. Die Klinik kann sie zudem rund um die Uhr elektronisch überwachen.


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Numerus Clausus abschaffen?

gung sehen Schmitz und Marschall nicht im Ausbildungssystem, sondern woanders: Die Rahmenbedingungen im Gesundheitssystem böten den Absolventen kaum noch ausreichenden Spielraum, um ihre Kompetenzen kreativ und lohnend einzubringen. Hierin liege die beobachtete Abwanderung in andere Arbeitsfelder und in das Ausland begründet. Des Weiteren führe auch die zunehmende Feminisierung zu einer Verknappung der aktiven Ärzteschaft: Knapp 70 Prozent der Studienanfänger seien mittlerweile Frauen. Nach Abschluss der Ausbildung würden davon jedoch nur rund zwei Drittel am Patienten arbeiten. Auch die neuen Arbeitszeitschutzgesetze reduzierten das ärztliche Potenzial: Während es früher nicht unüblich gewesen sei, dass Ärzte 24 oder 36 Stunden am Stück arbeiteten, werden heute mehr Stellen benötigt, um dieselbe Zahl von Patienten zu versorgen. Auf diese Entwicklungen im Gesundheitssystem sei noch nicht adäquat reagiert worden.

Ärztekammern und Krankenhausgesellschaft NRW nehmen Stellung von Norbert Frie (idw)

W

eg mit dem Numerus Clausus als Zulassungsbeschränkung für das Medizinstudium und eine höhere Zahl von Studienplätzen in diesem Fach: diese Forderungen stellen die beiden nordrheinwestfälischen Ärztekammern und die Krankenhausgesellschaft NRW in einer gemeinsamen Stellungnahme. Hintergrund ist die hohe Zahl unbesetzter Stellen in den Krankenhäusern zwischen Rhein und Weser.

Das Problem eines dro-

henden Ärztemangels in der ärztlichen Versorgung se-

hen Schmitz und Marschall nicht im Ausbildungssystem, sondern woanders

„So ist einfach ist das nicht – leider“, bewertet Prof. Dr. Wilhelm Schmitz diese Vorschläge, Dekan der Medizinischen Fakultät an der Universität Münster (WWU). Diese wird derzeit von Interessenten für einen MedizinStudienplatz regelrecht überlaufen.

Abi entscheidet Bei der Zulassung setzen die Münsteraner allein auf die Abitur-Durchschnittsnote - und stehen damit unter den deutschen Medizin-Fakultäten nicht alleine da. Rund 130 angehende Mediziner können in Münster pro Semester ihr Studium aufnehmen – eine Zahl, die durch eine landesweit geltende „Kapazitätsverordnung“ festgelegt und nach oben gedeckelt ist. Auf die Vergabe eines Großteils davon hat die Universität selbst gar keinen Einfluss: Durch verschiedene Quoten, so für die Abiturbesten eines Jahrgangs, Interessenten mit anzurechnenden Wartezeiten, solche aus dem Ausland und für Härtefälle, ist knapp die Hälfte der Studienplätze bereits vorbestimmt. Übrig bleiben knapp 70 Medizin-Studienplätze, bei denen die Fakultät eigene Kriterien anlegen könnte.

Zu viele Bewerber Ergänzend habe die Hochschule allenfalls die Möglichkeit, die Einzelnoten des Abiturs zu gewichten oder den - Mitte der 1990er Jahre wegen

Dekan Schmitz: Schuld ist das Gesundheitssystem

Bedeutungslosigkeit abgeschafften – „Medizinertest“ anzuwenden. Darüber hinaus blieben nur Auswahlgespräche. Das Problem dabei: Auf die knapp 70 Studienplätze der so genannten Hochschulquote bewarben sich in Münster im letzten Wintersemester 1.638 Kandidaten mit erster Ortswahl für diesen Standort. Tendenz: steigend. Selbst wenn dort dreimal so viele Auswahlgespräche durchführt würden, wie Studienplätze zur Verfügung stehen, senkte das Numerus clausus in Münster – derzeit zwischen Note 1,2 und 1,4 – höchstens um ein oder zwei Zehntel. „Wenn wir aber Bewerbungsgespräche führen wollten, würde das einen immensen Aufwand bedeuten. Soll ein solches Gespräch nicht nur eine Farce sein, müsste es mindestens eine halbe, besser eine Stunde dauern und von wenigstens zwei, besser vier Hochschullehrern geführt werden. Macht in der Summe 720 Professorenstunden pro Halbjahr – Zeit, die

Foto: Med. Fak.

in der Ausbildung dringend benötigt wird“, rechnet Dr. Marschall vor.

Gesundheitssystem ist Problem Das Problem eines drohenden Ärztemangels in der ärztlichen Versor-

Ebenso wie bei der Studienplatzvergabe warnen Schmitz und Marschall auch bei der Erhöhung der Studierendenzahl vor übereilten Schritten. Natürlich könne man die Anzahl an Studienplätzen erhöhen, falls das politisch gewünscht sei. Aber eines müsse dabei klar sein: „Wer das fordert, muss dafür viel Geld in die Hand nehmen. Mehr Studienplätze bei gleich bleibender Finanzierung würden zwangsläufig auf Kosten der Ausbildungsqualität gehen und uns noch stärker als bisher gegenüber dem Ausland benachteiligen“.

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Weg mit dem Prüfungsdruck!

Der Medizinische Fakultätentag fordert einen nationalen Lernzielkatalog

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er Medizinische Fakultätentag – die Interessenvertretung der 36 medizinischen Fakultäten Deutschlands, die sich für unabhängige Lehre und Forschung in der Medizin einsetzen – will die medizinische Approbationsordnung reformieren. In Ab-

enormer Prüfungsdruck mit zu vielen Prüfungsfächern entstanden ist.

fung abgefragt werden, müssen auch während des Studiums eine entsprechende Rolle spielen.

Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog

Stellenwert der einzelnen Fächer

Als Basis für die Reformen ist ein neuer Lernzielkatalog gedacht, ein

Der Lernzielkatalog ist Ausgangspunkt für zwei weitere Reformen: Zum einen die Änderung der Approbationsordnung. Zu viel Druck, zu viele Prüfungsfächer, zu viele blanke Fakten. Durch Erhöhung der Anzahl der Prüfungsfächer bleibt eine nachhaltige Lehre auf der Strecke. Ein intensiver Dialog mit Experten verschiedener Gebiete soll herausstellen, welche Fächer geprüft werden müssen und wie themenübergreifende Lehre ideal umgesetzt wird. Um weitere Verwirrung zu

vermeiden, bemüht sich der Fakultätentag um klare Regeln, an denen sich Studenten und Lehrende orientieren können. Bei vielen Medizinstudenten im roten Bereich: der Prüfungsdruck

stimmung mit Experten soll ein neuer Lernzielkatalog entstehen, der klare Vorgaben schafft und eine weitere Verwirrung von Studenten und Lehrenden vermeidet.

stuDienPlatzKlagen sinD mittel FÜr wohlhabenDe abiturienten ein eFFeKtiVes

Als nächster Schritt wird eine Reform der Approbationsordnung angepeilt. Aus Sicht des Medizinischen Fakultätentags (MFT) sind diese Änderungen nötig, da durch die letzte Reform der Approbationsordnung 2002/03 ein

„nationaler, kompetenzbasierter Lernzielkatalog“. National, da er die einheitliche Grundlage für die Mediziner-Ausbildung in ganz Deutschland sein soll. Und kompetenzbasiert, da es für angehende Ärzte wichtiger ist, Kompetenzen zu erlernen und ihre Persönlichkeit zu entwickeln, als reine Fakten zu pauken. Gemeinsam mit der Gesellschaft für medizinische Ausbildung (GMA) und im Gespräch mit zahlreichen Professoren und Fachgesellschaften diskutiert der MFT, welche Fächer überhaupt in den Prüfungen abgefragt werden. Fächer, die verstärkt in der Prü-

Reform der Kapazitätsverordnung Die zweite wichtige Forderung des MFT ist eine Reform der Kapazitätsverordnung. Die Verwaltungsgerichte Deutschlands benutzen sie zu oft dafür, bessere Betreuung sofort mit Studienplatzklagen zunichte zu machen.

zu Viel DrucK, zu Viele PrÜFungsFÄcher, zu Viele blanKe FaKten Studienplatzklagen sind ein effektives Mittel für wohlhabende Abiturienten, auch ohne ein sehr gutes Abi ihren Platz im Traumstudium zu ergattern. Dieses ist

aus MFT-Sicht mehrfach ungerecht. Die staatlichen Vorgaben für Prüfungen und das Kapazitätsrecht müssen „reformiert und stärker mit den fachlichen Ausbildungszielen in Einklang gebracht werden“ erklärt Prof. Gebhard von Jagow, Präsident des MFT.

Fernziel: Europäischer Hochschulraum Bei einem nationalen Lernzielkatalog soll es nicht bleiben: Ziel ist ein europäischer Hochschulraum, also eine einheitliche Regelung für Europa. Das würde Studienpatzwechsel oder die Arbeit im Ausland ein-

facher machen, auch ohne die Umstellung auf das Bachelor/ Master-System. Die gegenseitige Anerkennung der Studienabschlüsse ist bereits jetzt durch die EU-Richtlinie 93/16/EWG für alle EU-Staaten geregelt. Der MFT fordert aber eine weitere Reform der Rahmenbedingungen, so dass sich auch Studieninhalte vergleichen lassen.

Durch erhÖhung Der anPrÜFungsFÄcher

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Das Vorbild für diese Neuregelungen ist fachlich denkbar nah: Die Zahnmediziner haben sich auf einen gesamteuropäischen Lernzielkatalog einigen können. Und das schon im Jahr 1955! Mehr Informationen mehr informationen zum Thema findest du unter:

www.mft-online.de


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Kinder kriegen im Medizinstudium Ulmer Pilotstudie analysiert Probleme und Chancen von Jörg Portius idw

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tudium, Praktisches Jahr, Berufseinstieg, Facharztausbildung: Wann ist für MedizinerInnen der beste Zeitpunkt für Nachwuchs?

mit seinem Team in 37 strukturierten Interviews etwa die Hälfte der Ulmer Medizinstudierenden mit Kindern. Obwohl die meisten von ihnen das Studium als einen relativ günstigen Der Frauenanteil unter Den Zeitpunkt für die FamiliengrünmeDizinstuDierenDen liegt dung sehen, haben sie mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. bei Über 60 Prozent

E

ine Studie der Ulmer Universität zeigt, dass das Studium dafür unter allen „ungünstigen“ Zeitpunkten einer der günstigsten ist. Die Pilotstudie analysiert, mit welchen Schwierigkeiten Studierende mit Kindern im anspruchsvollen Medizinstudium zu kämpfen haben und entwickelt daraus Konzepte zur Verbesserung. „Wenn die Studienzeit für Medizinerinnen der günstigste Zeitpunkt für Nachwuchs ist, müssen wir dafür sorgen, dass das Medizinstudium mit Kind möglich ist“, erklärt Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Studiendekan der Medizinischen Fakultät und Familienforscher. „Der Frauenanteil unter den Medizinstudierenden liegt bei über 60 Prozent. Ein familienfreundliches Studium ist daher ein Baustein, um sicherzustellen, dass wir in Deutschland auch in Zukunft genügend Ärzte haben“, so Fegert.

wer seine FamilienPlanung im stuDium abgeschlossen hat, ist im beruFsleben halt zuVerlÄssig

Neben fehlender zentraler Beratung und finanziellen Problemen wurde besonders häufig die familienunfreundliche Studienorganisation genannt. „Der Stundenplan ist gerade im Medizinstudium sehr verschult.

stuDium FÜr nach„ungÜnstigen“ zeitPunKten Das

wuchs unter allen

einer Der gÜnstigsten

Man bekommt schon einen relativ strikten Stundenplan vorgegeben“, stellt Medizinstudent Marcus Meier fest, Vater einer kleinen Tochter. Da Lehrveranstaltungen und Praktika oft bis in den Abend hinein dauern, fehlen zu diesen Zeiten Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder.

Konsequenzen Das Ulmer Studiendekanat zieht aus den Analysen der Studie Konsequenzen. „Wir sind dabei, den Lehrplan so umzuarbeiten, dass studierende Eltern ihre Veranstaltungen in der Kernarbeitszeit besuchen können“, erläutert Studienreferent Hubert Liebhardt, im Dekanat der Medizinischen Fakultät Ulm verantwortlich für Studienangelegenheiten. Ein Teilzeitstudium ist in der Medizin bisher in Deutschland nicht vorgesehen. „Wir möchten aber in einem ersten Schritt für Studierende mit Kindern flexiblere Fristen einführen. Au-

ßerdem loten wir aus, ob man Praktika innerhalb des Studiums in Teilzeit ableisten könnte“, erläutert Liebhardt. Universität und Klinikum arbeiten zudem an einer verbesserten Kinderbetreuung.

Kinder gut für den Job Dass die Gesellschaft von der Unterstützung der Medizinstudenten mit Kindern profitieren wird, davon ist Anita Kirner, Medizinstudentin und Mutter einer kleinen Tochter, überzeugt: „In einem Job wie der Medizin später Kinder zu bekommen, kostet die Gesellschaft wesentlich mehr Geld, denn Schwangerschaftsvertretungen einzustellen ist schwierig. Wer seine Familienplanung im Studium abgeschlossen hat, ist im Berufsleben halt zuverlässig.“ Und, so Liebhardt, hat durch die Doppelbelastung hohe Kompetenz in Organisation und Leistungsstärke erworben. Mehr Informationen mehr informationen zum Thema findest du unter:

www.medi-learn.de/

Günstig, aber problematisch

Für die aus Studiengebühren finanzierte Studie befragte Fegert

Multi-Tasking: Medizinstudentin Anna Magdalena Drees mit ihrem Sohn

Foto: UK Ulm


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Forscherteam identifiziert Auslöser der Arthrose Oberflächenmolekül auf Knorpelzellen ist verantwortlich von Thomas Bauer (idw) rthrose ist die häufigste Gelenkerkrankung überhaupt: Sie betrifft mehr als die Hälfte aller Menschen über 65 Jahre. Bei der Erforschung dieser Volkskrankheit ist die Medizin jetzt einen wichtigen Schritt weitergekommen: Ein Wissenschaftlerteam aus Münster und Hannover hat die Mechanismen entschlüsselt, die im Knorpel von Arthrose-Patienten zum Abbau der Knorpelsubstanz und damit zur Entstehung der Erkrankung führen. Bei Arthrose kommt es zum fortschreitenden Verlust des Gelenkknorpels sowie zur Bildung überschüssigen Knochens am Rand der betroffenen Gelenke und dadurch zu starken Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Am Ende eines mehrjährigen Leidens steht dann vielfach der künstliche Ersatz befallener Gelenke durch eine Prothese. Da die Ursachen für Arthrose weitgehend im Dunkeln lagen, war eine an den Wurzeln der Erkrankung ansetzende medikamentöse Therapie bislang nicht möglich. Schlimmer noch: Anders als bei vielen anderen Volkskrankheiten hat es in den letzten Jahrzehnten keine wirklichen Fortschritte in der Entwicklung von Medikamenten gegen Arthose gegeben. Mit den jetzt veröffentlichten Forschungsergebnissen könnte sich das ändern.

A

Syndecan ist verantwortlich Wie die Arbeitsgruppe um Prof. Thomas Pap vom Institut für Experimentelle Muskuloskelletale Medizin der Universität Münster gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Hannover, Hamburg und Seoul herausfand, ist für die Entstehung von Arthrose ein spezielles Oberflächenmolekül auf den Knorpelzellen, ein so genanntes Syndecan, verantwortlich. Dr. Frank Echtermeyer, in der Experimentellen Anästhesiologie an der Medizinischen Hochschule Hannover tätiger Erstautor der Studie, erläutert den zentralen Befund: „Unsere Untersuchungen zeigen, dass dieses Oberflächenmolekül entscheidend an der

Bildung eines zerstörerischen Eiweißes durch Knorpelzellen beteiligt ist und es auf der Zelloberfläche verankert. Das gezielte Ausschalten dieses SyndecanMoleküls mittels gentechnischer Ver-

Aspekt der Arbeit und lässt uns hoffen, dass der gegenwärtige Stillstand bei der medikamentösen ArthroseTherapie bald überwunden werden kann“, betont Prof. Pap.

Fortschritte dringend notwendig Auch wenn bis zur klinischen Anwendung am Menschen weitere Untersuchungen erforderlich sind und möglicherweise noch Jahre vergehen

werden, sind Fortschritte in diesem Bereich nach Einschätzung der Wissenschaftler dringend notwendig: Die Volkskrankheit Arthrose verursache nicht nur sehr viel persönliches Leid, sondern sei auch für einen großen Teil der über 26 Milliarden Euro an Krankheitskosten verantwortlich, die laut dem Gesundheitsbericht der Bundesregierung jährlich in Deutschland für Erkrankungen des Bewegungsapparates aufgewendet werden müssen.

Prof. ThomasPap mit seiner Kollegin Dr. Jessica Bertrand bei der Arbeit am Mikroskop

fahren führt dazu, dass der Knorpel unempfindlich wird gegen schädigende Einflüsse und zumindest in Tests mit Mäusen keine Arthrose mehr entsteht.“

Behandlungsstrategie entwickelt Die insgesamt dreieinhalb Jahre dauernde Studie des internationalen Forscherteams zeigt nicht nur einen bisher unbekannten, jedoch entscheidenden Weg, über den Arthrose entsteht: Sie entwickelt zugleich auch eine Strategie für deren medikamentöse Behandlung. Dazu haben die Forscher einen Hemmstoff auf Eiweißbasis, einen so genannten Antikörper, gegen das Syndecan-Molekül entwickelt. Sie konnten belegen, dass die regelmäßige Injektion dieses Antikörpers die Entstehung einer Arthose bei Mäusen zuverlässig verhindert. „Der Nachweis, dass sich unsere Ergebnisse in einen therapeutischen Ansatz übertragen lassen, war ein ganz wesentlicher

Foto: IEMM/Cromme

IMPRESSUM Herausgeber: MEDI-LEARN, ISSN 1860-8590 Elisabethstraße 9, 35037 Marburg/Lahn Tel: 04 31/780 25-0, Fax: 04 31/780 25-29 E-Mail: redaktion@medi-learn.de, www.medi-learn.de Redaktion: Jens Plasger (Redaktionsleitung), Christian Weier (V.i.S.d.P.), Trojan Urban, Dr. Marlies Weier, Dr. Lilian Goharian, Dominika Sobecki, Dr. med. Dipl.-Psych. Bringfried Müller, Thomas Brockfeld Lektorat: Jan-Peter Wulf und Thomas Trippenfeld Layout & Graphik: Fritz Ramcke Berichte: Julia Wolff, Jörg Portius (idw), Norbert Frie (idw), Dr. Annette Tuffs (idw), Thomas Bauer (idw) Bildnachweis: www.photocase.com, www.istockphoto.com, www.sxc.hu, www.pixelquelle.de, Artikelautoren, www.flickr.com, David Cotterrell Erscheinungsort: Marburg Der digitale Nachschlag erscheint zu jeder MEDI-LEARN Zeitung als Ergänzung, die du dir als PDF auf der MEDI-LEARN Seite herunterladen oder online anschauen kannst. Er beinhaltet Fortsetzungen von Artikeln aus der aktuellen Zeitung sowie weitere interessante Artikel und Berichte rund um die Medizin. Dein Artikel bei MEDI-LEARN? Wir freuen uns über die Zusendung von Erfahrungs­berichten und anderen Artikeln und belohnen die Autoren mit Fachbüchern. Alle weiteren Infos findest du unter www.medi-learn.de/artikel. Dieser Digitale Nachschlag ist Teil der MEDI-LEARN Zeitung. Die bisherigen Ausgaben findest Du unter: www.medi-learn.de/ MLZ-Online

Digitaler Nachschlag 04/2009  
Digitaler Nachschlag 04/2009  

Zusätzlich zur eigentlichen Zeitung bieten wir euch zudem seit der Ausgabe 04/2005 den sogenannten Digitalen Nachschlag: nicht alle Artikel...

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