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Die Zeitung für Medizinstudenten und junge Ärzte

ZEITUNG

Digitaler Nachschlag der Ausgabe 01/09 Januar/Februar 2009 ∙ In Kooperation mit dem Georg Thieme Verlag ∙ www.medi-learn.de

Digitaler Nachschlag

Hausbesuch „Holo-Deck“

Reisetagebuch Indien

Famulus Baslerische Stiftung

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Fortsetzung des Artikels aus der MEDI-LEARN Zeitung, welcher von der Eröffnung – in Form einer offiziellen Einweihung – des ambulanten Bereiches im Studienhospital Münster berichtet.

Die Studentin Sabine Nickisch gewährt einen ausführlichen Einblick in den Ablauf und eigene Erfahrungen während Ihrer Famulatur im Entwicklungsland Indien.

Das Leben an der Uni Erlebnisbericht einer Vorlesung von Miriam Wollny

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:45 Uhr Montag morgens, der Wecker klingelt!!! Nein, eigentlich will ich doch gar nicht aufstehen! Welcher Student kennt das nicht? Man selbst ist noch müde vom Wochenende und da reißt einen das schrille Weckerklingeln aus den schönsten Träumen. Gut, dass man da einfach mal sagen kann: „Nein, heute nicht! Ich bleibe noch etwas liegen!“. Schließlich sind viele Vorlesungen, die im Gegensatz zu den Kursen, Seminaren oder Praktika, die immer nachmittags stattfinden, keinen Pflichtveranstaltungen. Doch trotzdem sollte man sich nicht alle entgehen lassen, denn Vorlesungen sind schließlich auch ein wichtiger Teil des Studentenlebens. Doch was genau ist eigentlich eine Vorlesung? Hier ein paar Antwortmöglichkeiten: a) b) c)

Der Professor steht vor den Studieren und liest aus einem Buch vor wie ein Märchener zähler. Alle schlafen, einer spricht, das nennt man Hochschulun terricht. Die ökonomische Form, um Struktur und Inhalte mög lichst vielen durch persön lichen Vortrag darzulegen.

gibt, die wirklich nichts anderes als Zeit verschwenden, die man sinnvoller zum selbstständigen Lernen nutzen könnte (denn darum kommt man leider wohl oder übel nicht herum). Viele der Vorlesungen sollte man nicht verpassen, denn sie vermitteln wirklich wichtige Inhalte, helfen für das Verständnis und machen richtig Spaß. Dadurch, dass sie viele Lehrveranstaltungen vorbereiten oder begleiten, erscheinen einem die Zusammenhänge klarer. Natürlich kann die Vorlesung nicht das Eigenstudium ersetzen oder als einzige Vorbereitung auf eine Klausur dienen, denn das stumpfe Auswendiglernen aus einem Stapel von Büchern muss häufig doch sein. Beim Durchblättern der in der Vorlesung gemachten Mitschriften fällt doch häufig auf, worauf die einzelnen Professoren ihren Schwerpunkt legen, so dass man nicht ein komplettes 800-Seiten-Buch für jede Prüfung auswendig können muss. Besonders in den Vorlesungen vor den Klausuren sollte man die Ohren besonders spitzen, da doch oftmals viele Tipps und Andeutungen gegeben wer-

Sicherlich kann jeder seinen eigene Meinung dazu haben, doch ich denke jetzt nach einem Jahr Studium, dass es sicherlich einige Vorlesungen Jeder Student sammelt verschiedene Erfahrungen über Vorlesungen

Bianca Rauch berichtet über Ihren Aufenthalt in Gießen und Ihre Erfahrungen und Erlebnisse während der Famulatur im Krankenhaus der Baslerischen Stiftung.

den und der Dozent durchsickern lässt, worauf er besonders Wert legt. Ein engagierter Professor ist für eine gelungene Vorlesung natürlich auch von großer Bedeutung. Zu oft passiert es, dass die Studenten alle 5 Minuten ermahnt werden, den Lautstärkenpegel zu senken – doch von einem Hörsaal, gefüllt mit knapp 300 Studenten, kann man keine Totenstille erwarten. Daher mein Tipp: Einfach alles, was wichtig ist, mitschreiben, denn das verführt auf jeden Fall schon mal nicht dazu, mit dem Nachbarn zu quatschen. Denn was bringt es, eine Vorlesung zu besuchen, wenn man am Ende gar nichts mitbekommen hat und zu beschäftig damit war, den Vordermann mit Papierkügelchen zu bewerfen? Somit solle man die wichtigste Ausrüstung für eine Vorlesung immer parat haben: Stift und Papier! Ob man seinen Laptop zum Mitschreiben benutzen darf, sollte man vorher mit dem entsprechenden Dozenten klären, denn manche Vortragenden reagieren darauf doch sehr empfindlich. Also gut, es ist wieder einmal Montag Morgen und man hat sich zur Vorlesung aus dem Bett gequält und sitzt - gerade noch pünktlich - um 8:15 Uhr im Hörsaal zwischen vielen anderen Kommilitonen. Ganz schnell noch Stift und Zettel ausgepackt und schon geht es los. Vor dem ersten Unitag sollte man unbedingt wissen, dass viele Vorlesungen auch immer „cum tempore“ anfangen. Im

Vorlesungsverzeichnis steht dann z. B. um 8:00 Uhr ct. – das heißt, man kann eine Viertelstunde länger schlafen, da die Vorlesung erst um 8:15 Uhr startet. Und kaum spricht der Dozent die ersten Worte, wird auch schon wie wild mitgeschrieben. Puh, geht das heute mal wieder schnell! So schnell kann ich doch gar nicht mitschreiben, geschweige denn etwas verstehen! Zum Glück stellen daher viele Professoren ausgewählte Folien ihrer Power-Point-Präsentation später ins Internet, so dass man dort noch einmal nachschauen kann. Ganz ehrlich, als Studentin in der heutigen Zeit der Technik kann ich häufig gar nicht nachvollziehen, wie früher wohl die Vorlesungen abgelaufen sind. Heute wird eine Folie nach der anderen über den Beamer an die Wand projiziert und der Referent fuchtelt mit der Maus auf seinem Laptop herum, um manche Passagen besonders hervorzuheben. Und natürlich benutzt der Dozent auch immer ein schönes kleines Mikrofon, dass man sich lediglich um den Hals hängen muss, so dass auch die Studenten in der letzen Reihe etwas mitbekommen. Blöd ist dann nur, wenn plötzlich die Batterien des tragbaren Mikrofons leer sind. Doch zum Glück ist der technische Hörsaaldienst gleich nebenan. Doch bei all den neuen Möglichkeiten kommt auch das altbewährte Modell besonders in Anatomie nicht zu kurz. Denn was ist schon ein echter Schädel oder ein Skelett, an dem das Dargelegte erklärt und demonstriert werden kann, gegen ein noch so toll illustriertes Bild in einem Buch?

Fortsetzung auf Seite 2


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Erlebnisbericht einer Vorlesung Fortsetzung von Seite 1 Puh, nach 45 Minuten anstrengenden Mitschreibens gibt es zum Glück erst mal eine Pause, in der man auch nach vorne gehen kann, um nicht ganz Nachvollziehbares direkt beim Dozenten zu erfragen. Am Anfang – als ich das erste mal den Vorlesungsplan gesehen hatte – dachte ich mir nur: „Was soll das denn, alle 45 Minuten eine Pause von 15 Minuten zu machen?? Das ist doch die totale Zeitverschwendung!“. Doch inzwischen fällt der Stift nach 45 Minuten auf das Papier und ich lehne mich ent-

spannt zurück, denn 45 Minuten, in denen man eifrig mitschreibt und sich stark konzentriert, sind anstrengender, als ich anfangs gedacht hatte. Nicht zuletzt bin ich über die Viertelstunde Pause sehr froh, da die Schlange auf den Toiletten immer ewig lang zu sein scheint. Gut, dann geht es um 9:00 Uhr weiter mit der nächsten Vorlesung. Mal sehen, wie die so wird... Endlich 13:00 Uhr! Geschafft, 5 Stunden Vorlesung sind vorüber,

das wurde aber auch Zeit. Zum Ende hin konnte ich mich einfach nicht mehr konzentrieren. Also jetzt erst einmal eine Stunde Mittagspause. Das heißt : „Auf in die Mensa!“ und danach um 14:00 Uhr geht es dann mit den Nachmittagsveranstaltungen (Seminare oder Praktika) weiter. Heute war echt ein anstrengender Tag. Ich freue mich einfach nur, wenn ich dann endlich zu Hause auf dem Sofa sitzen kann. Und dann überlege ich mir, ob ich nach diesem Vorlesungsmarathon heute

morgen nicht mal ein bisschen länger schlafe!! Also mein Tipp: Am Anfang sollte man auf jeden Fall zu allen Vorlesungen hingehen und nach ein paar Tagen merkt man meistens schon selber, welche Vorlesungen sich wirklich lohnen und wann man den Wecker etwas später stellen kann! Denn Zeit zum Selbststudium – und natürlich für Hobbies und Freunde – sollte auch immer noch vorhanden sein, denn schließlich braucht ein gestresster Student auch mal einen Ausgleich zum Unialltag!

Zum Hausbesuch ins „Holo-Deck“ Eröffnung des ambulanten Bereichs im Studienhospital Münster Fortsetzung aus der MEDI-LEARN Zeitung 01/09

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er technische Clou im Erweiterungsteil ist das Projekt „SimuScape“, ein Umgebungssimulator, den das FraunhoferInstitut für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik (FIRST) aus Berlin eigens für die Einrichtung entwickelt hat und der in dieser Form weltweit einmalig ist. ein 3-D-Kino zur Bespassung von Medizinstudenten?

Der zylinderförmige, rund 25 qm Grundfläche umfassende Anbau erinnert an ein Planetarium. Im Innern projizieren sieben Beamer bewegte Bilder an die Wand, die zu einem 360-Grad-Panorama mit Tiefenwirkung verschmelzen und den Eindruck einer realen Umgebung erzeugen. Wegen der kurzen Entwicklungsphase musste sich Bundesministerin Schmidt bei ihrer SimuScape-Visite mit statischen Bildern begnügen,an mehrminütigen Filmen arbeiten das FIRST-Team aber bereits mit Hochdruck. Also ein 3-D-Kino zur Bespaßung von Medizinstudenten? „Keineswegs“, stellt Marschall klar. Sowohl im stationären als auch im ambulanten Teil des Studienhospitals bleibe die Ausbildung im-

mer an Räume gebunden. „Ärzte arbeiten aber nicht nur dort“. Als erste Simulation hat er daher einen Fahrradunfall auf dem münsterschen Promenadenring programmieren lassen. Die Dachwohnung einer alten Dame, in der ein Hausbesuch stattfindet, steht ebenso auf der Arbeitsliste der FIRSTWissenschaftler wie eine Bahnhofstoilette, in der ein Drogenabhängiger zu versorgen ist. Mit den Filmen wird die Realitätsnähe nochmals wachsen - und damit auch der Stressfaktor für die Studierenden.

Denn zum simulierten Verkehrsunfall kommt dann noch das Hupen der genervt im Stau stehenden Autofahrer. Die benötigten Szenarien wird das Team des Instituts für Ausbildung und Studienangelegenheiten (IfAS), das das Studienhospital betreut, künftig auch selbst drehen können.

Ein projiziertes Wohnzimmer ist günstiger als jedes echte oder nachgebaute

Zum Arbeitsprinzip der Fraunhofer-Institute gehört es, ihre Neu-

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt ließ sich vom Studiendekan der Medizinischen Fakultät, Dr. Bernhard Marschall, die Ausbildung der Studenten im Studienhospital der Universität Münster erläutern

entwicklungen bei den Nutzern zu verstetigen. Das von FIRST entwickelte Aufnahmeverfahren ist dabei vergleichbar mit dem, das der Internetdienst Google für seine 3-D-Stadtpanoramen einsetzt. Auch das aufwändige SimuScape sieht Studiendekan Dr. Marschall als eine Investition, die sich unter dem Strich auszahlt: „Ein projiziertes Wohnzimmer ist günstiger als jedes echte oder nachgebaute“. Gekostet hat die „Studienpraxis“ rund 400.000 Euro, die die Medizinische Fakultät aus ihrer Landeszuweisung finanziert. Umgesetzt wurde das Projekt vom Geschäftsbereich Bau und Liegenschaften des Universitätsklinikums Münster sowie externen Fachplanern. Wie schon bei der ersten Realisierungsstufe sind zahlreiche Sponsoren beteiligt, darunter bekannte Namen wie Heine Optotechnik (Diagnosetechnik), die Tunstall GmbH aus Telgte (Kommunikationstechnik) oder Trilux (Licht). Als dritter und abschließender Abschnitt des „Studienhospitals Münster“ - das diese Bezeichnung auch weiterhin führen wird - steht der Bau eines Operationstraktes an, der für 2010 geplant ist.


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Reisetagebuch Indien Famulatur in einem Entwicklungsland von Sabine Nickisch

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ine Auslandsfamulatur in einem Entwicklungsland war schon lange ein Ziel in meinem Hinterkopf. Der beste Zeitpunkt erschien mir gegen Ende des Studiums, so dass man medizinisch dem Abenteuer einigermaßen gewachsen ist. Zusammen mit einem Kommilitonen war dann Indien schnell als Ziel auserkoren, schließlich wollten wir auch Reisen und das kann man in diesem kulturell beeindruckenden Land ohne Frage.

erfolgen nur in Englisch. Der Akzent ist zwar stark, aber man kann dennoch gut dem Krankenhausalltag folgen. Weiterhin war es sehr praktisch, dass man auf dem Campus der Uni für die Dauer des Praktikums wohnen konnte. Den Kontakt zum Haus haben wir per Email hergestellt und auch zeitnah eine Zusage bekommen. Insgesamt haben wir etwa 6 Monate für die Vorbereitungen (Impfungen, Visum, Arbeitserlaubnis, etc.) benötigt.

Online stellten wir ein Arsenal an Adressen zusammen, wobei wir Wunschstation uns auf den Süden des Landes General Medicine beschränkten. Durch Erfahrungs- Gegen Mittag komme ich auf meiberichte haben wir schnell einen ner Wunschstation an: General MeFavoriten gefunden: das Christian Medical College (CMC) in Vellore. Es gilt als das zweitgrößte und beste Krankenhaus Indiens. Hierher reisen Leute von weit her, um sich behandeln zu lassen. Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von einer amerikanischen Missionarin gegründet. Das CMC liegt im Bundesstaat Tamil Nadu (130 000 m²; 64Mio EW, Hauptstadt: Chennai). Landschaft der Kultur und mit faszinieren Der Standort VelIndien - ein Land lore (390 00 EW) wurde dicine I, Schwerpunkt „infectious mit Bedacht gewählt, da die Dörfer diseases“. Die Tageshöhepunkte um Vellore ziemlich verarmt und sind vorüber, erklärt man mir. Die medizinisch unterversorgt gewe- Ärzte seien unterwegs zur Visite. sen sind. Somit ist das CMC ein Motor für die Umgebung. Täglich Da das CMC riesig und vor allem werden hier um die 5000 Patienten unübersichtlich ist, bin ich dank(!) abgefertigt und mittels verschie- bar, dass mich jemand zur Station denster Hilfsprojekte insbesondere bringt. Geschlagene 10 Minuten die Landbevölkerung unterstützt. trabe ich ihm die Gänge und Treppen hinterher, bin mir sicher, ich Der große Vorteil vom CMC ist, wäre allein verloren gegangen und dass das medizinischen Personal traue mich noch nicht, mir Gedannur Englisch kommuniziert, auch ken über den Rückweg zu machen. die Lehre und der Schriftverkehr Die Warteräume sind übervoll, auf

den Gängen liegen Menschen, andere vertilgen ihre mitgebrachten Speisen, wobei Warnschilder darauf hinweisen, dass mitten im Krankenhaus nicht gespuckt oder uriniert werden solle. Baustelle und Krankenstation gehen fließend ineinander über, ebenso wie staubiger Innenhof und OP. In den Krankenzimmern liegen dann tatsächlich alle Infektionskrankheiten bunt gemischt in einem Raum, z.T. getrennt durch einen Vorhang: HIV, TB, Syphillis, Malaria. Die Familie übernimmt die Versorgung. Das heißt pro Patient sind 1-2 Angehörige anwesend, dazu dann bei der Visite 10 Ärzte, einige Studenten und ab und zu auch noch eine Schwester. Damit sind die Patientenzimmer voll. Es gibt keine Fenster und Türen, wohl aber Ventilatoren.

Nach der Visite läuft noch ein Vortrag über „Therapie und Diagnostik von Syphillis“, danach kann ich gehen.

Es ist 14:00 Uhr bei 35°C und 75% Luftfeuchtigkeit. Ich gehe „shoppen“, da ich adäquate Krankenhauskleidung benötige. Nur die Schwestern sind uniformiert im weißen oder babyblauen Sari, die Ärzte tragen ihre Alltagskleidung. Das heißt, Männer erscheinen in Hose und Hemd, Frauen im bunten Salwar Kamiz, selten im Sari. Wichtig ist aber, dass die Beine bis

zum Knöchel und die Arme bis zu den Ellenbogen bedeckt sind. Die Auswahl in Vellore ist mittelmäßig, die Preise dafür klein. Für den Rückweg ergattere ich eine Rikscha und erleide mal wieder Todesangst. Morgen nehme ich den Bus, der ist billiger und stärker, aber auch voll und langsam.

Sprechstunde

Heute ist „outpatient“ Sprechstunde. Das bedeutet auf 6m² sitzen 2 Ärzte an einem Schreibtisch. Computer, Blutdruckgerät und Liege teilt man sich. Ventilatoren brummen. Da es keine Türen gibt, hat man keinen Sicht- und Lärmschutz. Jeder Patient bringt mindestens einen Angehörigen mit, so sind wir mindestens zu siebt im Zimmer. Das größte Problem ist aber die Verständigung. Arzt und Patient sprechen selten die selbe Sprache. Die Ärzte springen zwischen den Sprachen: Englisch als Dokumentations- und offizielle Sprache im CMC, Hindi als Amtssprache parallel zu Englisch und dann um die 600 Sprachen und Schriften je nach Region, in Vellore oft Tamil. Die Patienten reisen mit all ihren früheren Untersuchungsergebnissen und Röntgenaufnahmen in Tüten an. Der Umgangston von der Ärztin zum Patienten ist rau. Sie fällt den Patienten oft ins Wort, verdreht die Augen, schüttelt den Kopf. Blickkontakt ist rar. Die Ärzte schlagen die Untersuchungen vor, nennen den Preis. Der Patient wägt ab zwischen Gesundheit und Finanzlage. Eine staatliche Krankenversicherung gibt es in Indien nicht und auch die Rente obliegt der Selbstvorsorge, die sich kaum ein Inder leisten kann. Auffällig war, dass viele Patienten psychosomatische Probleme hatten... eine sonderbare Erkenntnis in einem Entwicklungsland.

„Journal Club“

Hier stellen die Assistenten beim Frühstück sonderbare, vermeidbare und unklare Todesfälle vor, Fortsetzung auf Seite 4


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Famulatur in einem Entwicklungsland Fortsetzung von Seite 3 vor allem nosokomiale Infektionen bzw. Sepsis im Zusammenhang mit HIV und TBC bei jungen Patienten. Der restliche Vormittag verläuft schleppend auf Station - mit „bedside teaching“ und „ward rounds“. Ich sehe einen Schlangebiss, viele an TBC erkrankte Kinder und Zöliakie im Endstadium bei einer 18-jährigen.

Rauer Umgang bei Visite

Heute stand Chefvisite auf dem Programm. In fast fünf Stunden wurden alle 30 bis 40 Patienten vorgestellt. Gemeinsam haben alle das weitere Vorgehen abgestimmt. Die Kommunikation lief nur auf Englisch, mit dem Patienten wurde so gut wie gar nicht gesprochen. Ich weiß nicht, ob sie eine Vorstellung ihrer Krankheit, geschweige denn ihrer Therapie haben. Man müht sich zwar dem Patienten zu helfen, aber der Umgang ist rau. Neben Malaria, Hepatitis, Amöbenleberabszess, HIV, Syphilis, Tbc liegen einige Diabetiker, Patienten mit Apoplex und Myocardinfarkt auf Station. Patienten, welche bei uns auf der ITS liegen würden, sind hier zusammengepfercht in einem Raum. Ohne Überwachung, intubiert ohne Sedierung, selten wird mit Sauerstoff gearbeitet, da der so teuer ist, Infektiöse neben Schlaganfällen und dazwischen immer die Angehörigen. Manchmal weiß man nicht, wer eigentlich der Patient ist, wenn die Angehörigen auf dem Fußboden herumliegen. Aber sie haben eine wesentliche Funktion. Sie übernehmen die Pflege: besorgen Essen, waschen, kämmen und schaffen die Medikamente heran. Zum Teil hängen Beschränkungsschilder aus, wie viele Angehörige wo erlaubt sind, wer weiß, wie überbevölkert das Krankenhaus sonst wäre.

Beginn im CHAD

Wir beginnen unsere erste Woche im CHAD (Community Health and Development Center) und zwar anfänglich mit Warten, dann

mit Bürokratie und schließlich mit Hospitation in der Ambulanz. Das Patientengut könnte sich in einer allgemeinmedizinischen Praxis vorstellen: Rheumatoide Arthritis, Diabetes mellitus, Zustand nach Apoplex, viele Epileptiker, psychosomatische Erkrankungen, aber auch rheumatisches Fieber. Die Diagnosen werden aufgrund der klinischen Untersuchung gestellt. An zusätzlicher Diagnostik wird maximal ein Laborparameter angefordert. Der Grad der Anämie wird zum Beispiel lediglich anhand der Konjunktiven beurteilt. Das größte Problem in der Therapie ist, neben den finanziellen Nöten der Patienten, der geringe Bildungsstand und Lebensstandard der Patienten. So kommt ein 16-jähriger mit Gesichtsverletzung nach epileptischem Anfall. Er erscheint, weil weder er noch seine Familie versteht, dass die Medikamente regelmäßig und prophylaktisch einzunehmen sind. Noch komplizierter wird die Situation bei Diabetikern: Wie soll ein Analphabet ohne Kühlschrank je mit einer Insulintherapie klarkommen?

waren ein Arzt und ein bis zwei Assistenten anwesend, kein Pädiater, dazu zwei Schwestern. Vor dem ersten Schnitt haben alle Beteiligten erstmal das Vaterunser gesprochen. Der Ablauf ansonsten ähnelt unserem Standard. Wobei es keinen Bipo gibt und auch keine Ausrüstung für einen möglichen Notfall für Mutter oder Kind weit und breit zu sehen war. „Gott sei Dank“ geht aber alles gut und ein süßer Junge wird geboren. Da keine freien Kapazitäten existieren, legt man ihn erstmal beiseite auf eine staubige Liege mit einem Tuch, dort quäkt er vor

nehmen zu dürfen. Nicht einmal die Mutter hatte das Baby bislang berührt. Jetzt kommt es zum Eklat. Die Schwester wird böse, schreit die Wartenden an und verschwindet mit dem Neugeborenen. Dann erklärt uns die Schwester, dass diese Reaktion nicht unüblich wäre. In diesem Fall liegt es daran, dass die Mutter nicht die Jüngste ist und diese Schwangerschaft vermutlich ihre erste und letzte gewesen ist. Damit ist die Enttäuschung groß, wenn „nur“ ein Mädchen geboren wird. Vermutlich wollten die Angehörigen das Kind aber nicht töten. Schließlich musste die Rechnung für den Kaiserschnitt bereits im Voraus bezahlt wer-

Hospitation im Kreisssaal

Heute sind wir im labour room (Kreißsaal) zur Hospitation gewesen. Anfangs schien der Tag ziemlich ruhig zu werden. Am Ende haben wir aber doch zwei Kaiserschnitte gesehen. Der OP ist ziemlich karg mit einem fleckigen Steinfußboden. Als Ablage dienen alte wacklige Holztische. Die erste Patientin ist bereits 39 Jahre alt - wird somit als „elderly“ kategorisiert. Im Schwangerschafts- bzw. Geburtsprotokoll wird neben der Religion (sie steht immer auf der ersten Seite jeder Krankenakte) auch nach der Dauer der Ehe und dem Familiengrad des Ehemannes gefragt. Denn oft wird unter Cousins geheiratet und viele Frauen entbinden 9 Monate nach der Eheschließung. Die PDA führte mal eben der Geburtshelfer durch, ziemlich unsanft und in mehreren Versuchen mit ein und derselben Nadel. Insgesamt

sich hin. Als dann fertig genäht ist, geht die Schwester zum Wiegen und Waschen, dann erst zeigt man das Kind der Mutter. Die Reaktion ist weniger emotional als erwartet. Beim nächsten Kaiserschnitt ist dann Eile geboten. Die Herztöne fallen auf 50/min. ab. Es wird Mekonium im Fruchtwasser vermutet. Jetzt kommt auch ein Pädiater dazu. Wieder verläuft alles gut. Das 2800 g schwere Baby ist ein Mädchen. Die Reaktion der ebenfalls „elderly mother“ ist frappierend! Die Kleine wird eingewickelt und den vorm OP-Trakt wartenden Angehörigen präsentiert. Es fällt nur eine Frage: Welches Geschlecht? Daraufhin wickelte die Schwester das Mädchen aus. Köpfe werden geschüttelt, die Blicke auf den Fußboden gerichtet. Dann bittet eine der Angehörigen das Kind gleich

den. Außerdem wurde die Kleine - unfreiwillig und Indien untypisch - im Krankenhaus geboren. Somit erfolgt automatisch eine staatliche Registrierung und man müsste sich rechtfertigen, wenn dem Neugeborenen etwas zustieße. In Indien kommen auf 1000 Männer 933 Frauen, wobei dieses Gefälle im Norden stärker klafft. Der Subkontinent ist somit eines der wenigen Länder, in denen es einen unnatürlichen Männerüberschuss gibt. Die Familien leisten sich eher eine Pränataldiagnostik oder eine Abtreibung, als später die enorme Mitgift für die Tochter zu zahlen.... Frauen als Unglück durch die finanzielle Belastung auf der einen Seite und auf der anderen Seite ein Fortsetzung auf Seite 5


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Famulatur in einem Entwicklungsland Fortsetzung von Seite 4 Mangel an Frauen für Männer im heiratsfähigen Alter. Dennoch sind die Fortschritte in diesem Bereich riesig und den reichen Indern ist es egal, welches Geschlecht ihr Kind trägt, da sie eine andere „Rente“ im Rückhalt wissen.

Dorfbesuche

Wir fahren auf die Dörfer. Wir sind 2 Assistenzärztinnen, 2 Schwestern und 2 Schwesternschülerinnen. Der Bus ist als einfache mobile Arztpraxis umfunktioniert worden, aber nicht für Notfälle ausgestattet. Während der Fahrt sitzen wir auf einem festgeschraubten Tisch, man muss sich gut ausbalancieren, um bei den Schlaglöchern nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der erste Stopp ist eigentlich nicht weit von Vellore entfernt. Wir bauen Tisch und Stühle in einem kargen, dunklen Haus auf. Die Sprechstunde beginnt. Wir wundern uns über die vielen Kinder, die hier auf dem dreckigen Fußboden jammernd sitzen. Bis klar wird, dass wir uns in einer Art Dorfkita befinden. Ein Vergleich zu den mir bekannten deutschen Kitas ist ausgeschlossen. Es gibt kaum Spielzeug. Die Kinder sind alle unzufrieden, schmutzig und ängstlich, die Erzieherin derb. Da kein Kind eine Windel trägt, pullern die Kleinen ein. Der Fußboden ist daher fleckig, der Raum voller Fliegen. Jeder dritte Ziegel in einer der Wände wurde ausgelassen, als Fensterersatz. Als einziges Vergnügen wird daher auf einem wackligen Stuhl durch die Ritzen ins Helle geschaut. Als Betten dienen Tücher, die an der Decke fixiert sind und in denen die Kinder zwar nur in einer Position, aber doch recht kuschelig liegen. Während die Kinder quengeln, hört die Ärztin die Patienten ab (!) und erklärt von Zeit zu Zeit deren Krankheitsbilder. Über eine holprige Straße gelangen wir zum nächsten Stopp. Hier wird die Praxis gleich einmal unter freiem Himmel aufgebaut. Während ein Patient behandelt wird, reihen sich die übrigen Wartenden einfach

um den Tisch. Man kennt sich eben. Im Bus erfolgen die Laborarbeit mit Blutentnahme, die „antenatal“ Sprechstunde und die Medikamentenausgabe. Gegen 13:00 Uhr suchen wir uns ein Plätzchen zum „lunch“. Mitten im Nirgendwo hält der Bus und wir suchen auf einem Feld nach einer geeigneten Stelle. Schließlich lassen wir uns unter Palmen auf mitgebrachten Bambusmatten nieder. Jeder packt seinen Reis und ca. 1-2 verschiedenen Soßen aus. Bis auf die Ärztinnen haben alle Selbstzubereitetes dabei und wir natürlich Toast aus der Kantine. Wer nicht mehr kann, teilt. So entsteht automatisch eine Art Buffet. Der räudige Hund, der sich angelockt durch die Düfte anschleicht, stört scheinbar niemanden, außer mich. Als dann alle fertig sind, bekommt er die Reste. Wir sitzen übrigens direkt an einem Baum an dem 3 Kreuze angeschlagen sind - ein Familienfriedhof. Nach dem Essen beginnen plötzlich alle eifrig zu basteln. Dann folgt die Erklärung. Sie bauen Instrumente. Es soll getanzt und/oder gesungen werden. Einer stimmt ein Lied an, die übrigen unterstützen durch Rasseln und Summen. Insgesamt wird die Mittagspause auf 1,5 Stunden ausgedehnt. Alle sind total entspannt und keiner scheint interessiert an frühem Feierabend. Danach haben wir 2 weitere Stopps eingelegt, einer davon in einem extrem ärmlichen Dorf. Viele leben als Familie in aus Planen und Tüten gebauten Zelten. Ringsherum wimmelte es von frechen Affen, jämmerlichen Hunden und Katzen. Viele der Patienten sind Epileptiker oder haben die auch bei uns üblichen Alterskrankheiten. Einige Kinder mit beeindruckend scheppernden Herzfehlern werden vorstellig. In der „Sprechstunde“ wird ein bisschen untersucht, wenig gesprochen und dann die Medizin aufgeschrieben. Mit dem Rezept gehen die Patienten zum Bus, wo die Schwestern die Medikamente ausgeben. Jeden Monat kommt ein Ärzteteam ins Dorf. Die meisten Patienten sparen sich also ihre Fragen und Krank-

heiten bis zu diesem Termin auf. Gegen 17:30 Uhr kommen wir zurück ins Hostel. Mittlerweile habe ich den Spagat zwischen so wenig trinken, dass man von morgens bis abends ohne WC auskommt und trotzdem in der Hitze keine Kreislaufprobleme bekommt, heraus.

Kinderstation : Ambulante Sprechstunde

Der erste Tag auf der Kinderstation (genau genommen im OPD), also ambulante Sprechstunde! Die Ärzte sind nett und offen, die kleinen Patienten hauptsächlich erkäl-

tet. Ein kleines weinendes Mädchen von 3 Jahren mit Petechien, Fieber, Knieschmerz, Schreiattacken, Bauchweh und das alles seit 20 Tagen. Diese Symptome erscheinen mal mehr, mal weniger. Der Arzt, bei dem ich hospitiere, vermutet eine Purpura Schönlein Hennoch ohne weitere Diagnostik! Die zweite Meinung, die der Chefin, geht dann allerdings eher in Richtung ALL, also werden die Corticoide wieder abgesetzt! Dann kam noch ein Kind mit rotFortsetzung auf Seite 6

IMPRESSUM Herausgeber: MEDI-LEARN, ISSN 1860-8590 Elisabethstraße 9, 35037 Marburg/Lahn Tel: 04 31/780 25-0, Fax: 04 31/780 25-29 E-Mail: redaktion@medi-learn.de, www.medi-learn.de Redaktion: Jens Plasger (Redaktionsleitung), Christian Weier (V.i.S.d.P.), Trojan Urban, Dr. Marlies Weier, Lilian Goharian, Dominika Sobecki, Dr. med. Dipl.-Psych. Bringfried Müller, Thomas Brockfeld Lektorat: Jan-Peter Wulf und Simone Arnold Layout & Graphik: Kristina Junghans Berichte: Miriam Wollny, Sabine Nickisch, Bianca Rauch, Bernhard Knappe (idw), Dr. Josef König (idw) Bildnachweis: www.photocase.com, www.istockphoto.com, www.sxc.hu, www.pixelquelle.de, Artikelautoren, www.flickr.com Erscheinungsort: Marburg Der digitale Nachschlag erscheint zu jeder MEDI-LEARN Zeitung als Ergänzung, die du dir als PDF auf der MEDI-LEARN Seite herunterladen oder online anschauen kannst. Er beinhaltet Fortsetzungen von Artikeln aus der aktuellen Zeitung sowie weitere interessante Artikel und Berichte rund um die Medizin. Dein Artikel bei MEDI-LEARN? Wir freuen uns über die Zusendung von Erfahrungs­berichten und anderen Artikeln und belohnen die Autoren mit Fachbüchern. Alle weiteren Infos findest du unter www.medi-learn.de/ artikel.

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braunem Haar. Ich habe mich über diese Rarität in einem Land voller Schwarzhaariger gewundert bis ich aufgeklärt wurde: Sie stehen für Mangelernährung. Um 14:00 Uhr will unser Behandlungszimmer dann geschlossen Mittagessen gehen. Wir schlagen uns durch die wartenden Menschenmengen und verlassen das Hospital. Einer der Ärzte meint, einen guten Imbiss zu kennen, wo das Essen einwandfrei wäre. Kathy, eine britische Praktikantin, kennt dieses „Restaurant“ bereits. Sie ist sich sicher, dass die dort eingenommene Mahlzeit für den letzten Brechdurchfall verantwortlich war, also entschuldigen wir unseren empfindlichen europäischen Magen, verabschieden uns höflich von den beiden Ärzten und kaufen wieder nur Bananen. Wir wollen noch einmal einen Ausflug mit dem CHAD in die Dörfer

machen, dieses Mal aber mit den „Schwestern“. Das Christian Medical College fungiert als DIE soziale Institution in Tamil Nadu, besonders für Vellore und Umgebung. Es sponsert Häuser für arme Familien und schickt Schwestern in die Dörfer, um kontrollieren zu lassen, ob die Hilfe ankommt. Die Dorfbewohner sind ungebildet, kennen keine HygieneGrundregeln. Wasser kommt aus Brunnen, Nahrungsmittel vom Feld. In einem Jeep machen sich eine Krankenschwester, Dennis, Sebastian und ich auf den Weg. In jedem Dorf, das wir anfahren, kommt eine „Führerin“ dazu. Zumeist eine betagte Dame, die sich im Ort auskennt. Sie weiß, wer schwanger ist, entbunden hat, krank ist, frisch vermählt ist, einen Verlust erlitten hat... und führt uns ins jeweilige Haus. Es wird keine direkte medizinische Hilfe geleistet, sondern vielmehr Lebenstipps verteilt und

Aufklärungsarbeit geleistet. Die Leute wissen, dass wir kommen und nutzen auch gezielt das Hilfsangebot. Aber es ist unmöglich, in ein paar Minuten die jahrelang aufgebauten Lebenstheorien umzustürzen und zu erklären, dass Brechdurchfall vom verunreinigten Wasser herrührt und keine Bürde Gottes ist. Immer und immer die gleichen Erklärungen, immer und immer die gleiche Verständnislosigkeit von beiden Parteien. Aber Paracetamol, Calcium, Folsäure und Überweisungen in die Ambulanz vom CHAD werden dankend angenommen. Die Lebensbedingungen auf dem Dorf sind hart. Morgens wird auf dem Feld gearbeitet, nachmittags hängt das gesamte Dorf vor den Hütten herum. Dann ist es einfach zu heiß zum Arbeiten. Man lebt eng zusammen, meist in nur einem Raum. Gekocht wird vor der Hütte. Es gibt so gut wie keine Möbel, der Besitz wird „am Mann“

getragen. Verrückterweise sind aber viele Häuser ausgestattet mit Fernseher und Satellitenschüssel. Außerdem lebt die Dorfbevölkerung sehr eng mit ihren Nutztieren zusammen - v.a. die Rinder haben manchmal bequemere Häuschen als die Halter! Manchmal wird uns Wasser oder etwas zu Essen angeboten. Aus Selbstschutz müssen wir ablehnen. Dadurch wirken wir unhöflich und selbst die Schwester versteht nicht, warum wir so empfindlich sind. Aber heute ist der dritte Tag in Folge, an dem mir nicht übel war, das Risiko ist zu hoch und Toiletten zu selten. Wieder machen wir in einer Kita Stopp, wieder erbärmliche Verhältnisse. Die Kinder sind schmutzig, sitzen verstört beim Mittagessen. Wir wissen nicht, was es zu essen gibt, auf jeden Fall mögen es die Kleinen nicht, dafür aber die Fliegen.

Famulus im Krankenhaus Baslerische Stiftung Erfahrungsbericht aus Gießen von Bianca Rauch

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ie Baslerische Stiftung liegt im Zentrum der Stadt Gießen. Das Haus umfasst 3 Stationen: 2 der Inneren Medizin mit 42 Betten und eine orthopädischen Abteilung mit 28 Betten. Zusätzlich befinden sich im Haus mehrere eigenständige Praxen. Dazu zählen die Innere Medizin mit ihren Fachbereichen Gastroenterologie, Kardiologie und Stoffwechselerkrankungen, sowie die Rheuma, Dermatologie, Urologie und die Anästhesie bzw. Schmerzambulanz. Für die weitere Diagnostik stehen allen Ärzten die Funktionsräume für die Sonographie, das Röntgen, die Endoskopie und das EKG zur Verfügung.

Meine Famulatur

Mein Tag auf Station begann gewöhnlich um 7.20 Uhr. Als erstes konnte ich bei den Patienten Blut abnehmen zur Kontrolle der La-

borwerte. Anschließend konnte ich an der täglichen Visite teilnehmen. Hierbei entstanden viele neue Fragen, die mir sofort beantwortet wurden. Die Nachbesprechung um 9.00 Uhr mit den Ärzten aus der Tages- und Nachtschicht, im Besprechungsraum der Inneren Station 2, gab einen kurzen Überblick über die Abläufe und Geschehnisse der voran gegangenen Nacht.

Komplette Patientenbegleitung war möglich

Der weitere Tagesablauf sah wie folgt aus: Nach Zurückkehren auf die Station 3 wurden mir folgende Aufgaben zugeteilt: - Untersuchung und Anamneseerhebung am Patienten - EKG- Auswertung - Braunülen legen - Blutentnahme

Nach der Anamneseerhebung besprach ich meine erhobenen Daten mit dem Arzt, um vorhandene Fragen zu klären. Um 12.30 Uhr mussten wir in der Röntgenabteilung sein, wo die Besprechung der Aufnahmen statt fand. die Möglichkeitunter Aufsicht eine Sonographie durchzuführen

Die noch verbleibenden Wochen zeichneten sich durch viele neue Erkenntnisse, Erfahrungen sowie Eindrücke aus. Ich hatte unter anderem die Möglichkeit, bei einem Patienten unter Aufsicht des Arztes eine Sonographie durchzuführen. Diese zeigte sich doch schwieriger als gedacht. Auch wurde mir die Möglichkeit gegeben, einer Herzschrittmacher-Operation beizuwohnen. Gesteigertes Interesse zeigte ich bei der Kolo- und Gastroskopie

sowie auch beim Herzultraschall (UKG ).

Fazit

Ich bin sehr froh, dass ich meine Famulatur im Krankenhaus Baslerische Stiftung machen durfte. Dadurch habe ich einen guten Einblick in die Arbeit eines Stationsarztes erhalten. Bis dahin hatte ich nur die Seite des Pflegepersonals kennengelernt. Mir wurden alle Möglichkeiten gegeben, einen Patienten von der Aufnahme, der weiteren Diagnostik, bis hin zur Entlassung zu begleiten. Die von mir erhobenen Daten und Auswertungen (z. B. EKG) wurden immer ausgiebig mit den Stationsärzten besprochen. Die Gespräche mit den Ärzten haben mich in meinem Lernprozess sehr weit voran gebracht! Die Erfahrungen haben mir gezeigt, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen habe, vielen Dank dafür!


Januar/Februar 2009

Seite 7

MLZ

Digitaler Nachschlag

Sauerstoff gegen Tumorzellen Sauerstoffverbindungen sensitivieren Tumore für Zelltod Bernhard Knappe (idw)

V

iele Tumorzellen erweisen sich als resistent gegenüber klassischen Tumortherapien, so dass der Suche nach alternativen Behandlungswegen besondere Bedeutung zukommt. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) versuchen derzeit, Tumorzellen durch oxidativen Stress für den Zelltod zu sensitivieren. In ersten Versuchen eines von der Wilhelm Sander Stiftung geförderten Projektes konnten die Heidelberger Forscher bereits zeigen, dass Tumorzellen durch reaktive Sauerstoffverbindungen in den Zelltod getrieben werden können. Dr. Karsten Gülow und sein Team

in der Abteilung von Prof. Dr. Peter H. Krammer am Deutschen Krebs-

forschungszentrum (DKFZ) versuchen, die oxidative Abwehr von Tumorzellen zu schwächen, um sie so anfällig für oxidativen Stress zu

machen. Krebszellen weisen im Vergleich zu gesunden Zellen eine deutlich erhöhte Teilungsrate auf. Durch diese extreme Vermehrung entsteht ein höherer Energiebedarf, der im Allgemeinen mit einer erhöhten Produktion reaktiver Sauerstoffverbindungen einhergeht. Tumorzellen brauchen daher eine effektive oxidative Abwehr, die die Zellen vor diesen reaktiven Verbindungen schützt. Wird nun die Expression eines oder mehrerer Proteine der oxidativen Abwehr gestört, sammeln sich reaktive Sauerstoffverbindungen an. In Krebszellen beobachtet man dies besonders, da diese wesentlich abhängiger von der oxidativen Abwehr sind als normale Zellen. Die

Tumorzellen können diesen oxidativen Stress jedoch nicht bewältigen und sterben ab. Diese ersten Ergebnisse der DKFZForscher zeigen somit neue, vielversprechende Möglichkeiten in der Krebstherapie auf. Professor Dr. Peter H. Krammer erklärte: „Nun müssen die optimalen Ziel-Proteine und Behandlungsstrategien ermittelt werden, um Tumore über oxidativen Stress in den Tod zu treiben.“ Es ist geplant, das Heidelberger Forschungsprojekt in Kooperation mit der Universität Mannheim fortzusetzen. Hierbei sollen Krebszellen des Immunsystems aus Patienten als Modell für den durch oxidativen Stress induzierten Zelltod dienen.

Glutamat verbessert Gedächtnis Neurowissenschaftler rütteln an einem alten Dogma Dr. Josef König (idw)

D

er Nervenzellen-Botenstoff Glutamat spielt eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung von Gedächtnisfunktionen, führt in zu hohen Konzentrationen aber auch zum Untergang von Nervenzellen. Beim Morbus Huntington, einer neurologischen Erbkrankheit, die mit motorischen und kognitiven Beeinträchtigungen einhergeht, kommt es wahrscheinlich dadurch zum Zelltod. Neurowissenschaftler der Ruhr-Universität und des Leibniz Research Centers in Dortmund konnten nun zeigen, dass sich bei Patienten aufgrund der erhöhten Ausschüttung von Glutamat die kognitiven Leistungen teilweise deutlich verbessern - ein scharfer Gegensatz zur allgemeinen Meinung über die Veränderung kognitiver Funktionen bei neurodegenerativen Erkrankungen. Die Forscher berichten im Journal of Neuroscience.

Glutamat und das sensorische Gedächtnis Glutamat ist ein Botenstoff, durch den Nervenzellen untereinander

kommunizieren. Das Glutamat ist insbesondere für das sensorische Gedächtnis relevant und scheint es spezifisch zu beeinflussen. Das sensorische Gedächtnis kann man als eine Art Zwischenspeicher verstehen, der zwischen die allgemeine sensorische Analyse einkommender Informationen und das Kurzzeitgedächtnis geschaltet ist. Aufgrund des spezifischen Einflusses von Glutamat auf sensorische Gedächtnisleistungen, könnten speziell diese Funktionen bei einer erhöhten Aktivität des Glutamatsystems verbessert sein.

Glutamat als Krankheitsauslöser Morbus Huntington Die erhöhte Freisetzung von Glutamat wird als ein möglicher krankheitsauslösender Mechanismus bei Morbus Huntington diskutiert. Die Krankheit ist eine vererbte, neurologische Erkrankung, die durch unkontrollierte Überbewegungen und einen Verfall kognitiver Funktionen bis hin zur Demenz gekennzeichnet ist.

Erste Symptome treten meist zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr auf. Insbesondere Lang- und Kurzzeitgedächtnis, sowie auch die Aufmerksamkeit sind betroffen.

Huntingtonpatienten waren schneller und machten weniger

Fehler

Um die Funktion des sensorischen Gedächtnisses zu prüfen, stellten die Forscher Patienten mit Morbus Huntington, die schon Krankheitssymptome zeigten, Menschen, die das entsprechende Gen tragen, aber noch keine Symptome hatten, und eine gesunde Kontrollgruppe vor dieselbe Aufgabe. Sie spielten den Probanden jeweils Töne in drei verschiedenen Höhen und von zwei verschiedenen Längen vor. Die Testpersonen sollten mittels Daumendruck links bestätigen, wenn der Ton lang war, mittels Daumendruck rechts, wenn er kurz war, unabhängig von der Tonhöhe. Die Tonhöhe wurde ebenfalls variiert, was dazu führt, dass selten

auftretende, abweichende Töne Prozesse des sensorischen Gedächtnisses auslösen. Es zeigte sich, dass die Huntington-Patienten, die schon Symptome der Krankheit aufwiesen, schneller reagierten und weniger Fehler machten als die beiden anderen Gruppen. Neurophysiologische Aktivitäten, die Prozesse des sensorischen Gedächtnisses widerspiegeln, waren ebenfalls verstärkt. Im Gegensatz zu allen anderen kognitiven Funktionen waren also die Funktionen des sensorischen Gedächtnisses bei symptomatischem Morbus Huntington verbessert.

Dogma muss überdacht werden

"Das Dogma: Neurodegeneration gleich schlechtere kognitive Leistung muss also überdacht werden", meint Christian Beste. In Abhängigkeit des neuronalen Systems, welches eine kognitive Funktion vermittelt, kann es zu Verschlechterungen, aber auch zu Verbesserungen kognitiver Funktionen kommen.


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