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MLZ

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November/ Dezember 2009

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NEU! Der Hammerplan von MEDI-LEARN

Dem Tod mit Respekt begegnen Momentaufnahmen aus dem Präparationskurs von Olga Kogan

M In 100 Tagen zum 2. Staatsexamen Der 2. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung umfasst laut neuer AO das gesamte klinische Wissen, so dass die geforderte Stoffmenge kaum zu bewältigen scheint. Eine genauere Analyse der bisherigen Hammerexamina hat jedoch gezeigt, dass inhaltlich eine große Übereinstimmung mit dem alten 2. Staatsexamen gegeben ist, während der Stoff des alten 1. Staatsexamens kaum geprüft wird.

Dieser Analyse folgend haben wir einen Lernplan zusammen gestellt, in dem der Lernstoff auf das Wesentliche reduziert, strukturiert und auf 100 Tage verteilt wurde. Der 100-Tage-Lernplan und ausführliche Erläuterungen mit zusätzlichem Kreuzplan stehen im Internet zur Verfügung unter: www.medi-learn.de/ hammerplan Deine Meinung ist uns wichtig!

it einem Schlag kehrte Ruhe ein, als der Leiter des anatomischen Instituts uns zum Semesteranfang begrüßte und mit der Einführung in den Präparationskurs begann. Die Tatsache, dass es schon mein zweites Semester war, minderte die Aufregung kein Stück. Nicht nur ich, sondern wir alle taten so, als ob nichts wäre. Wir rutschten jedoch unruhig auf unseren Stühlen hin und her. „Vergessen Sie nie, Ihre Körperspender mit derselben Vorsicht und mit demselben Respekt zu behandeln wie Ihre künftigen Patienten. Der einzige Unterschied zwischen ihnen ist nur, dass die Körperspender geduldiger sind.“ Dieser Gedanke des Professors war mir bis dahin noch nicht bewusst gewesen, blieb jedoch als Dogma in meinem Bewusstsein hängen.

lie? Was hatte ihn dazu bewogen, sich der Wissenschaft zu vermachen, und wo war er jetzt? Ich hielt es für angebracht, für ihn zu beten. Diese Handlung brachte mir wenigstens etwas Wärme und minderte mein Gefühl der Einsamkeit und Isolation inmitten der vielen Menschen.

An die frische Luft, in die Sonne, ins Leben. Es schien ein Traum gewesen zu sein Dann wurde er wieder zugedeckt. Wir stürmten, einander überholend hinaus an die frische Luft, in die Sonne, ins Leben.

der Mann auf dem Bauch lag und ich nicht in sein Gesicht sehen, nicht seinem getrübten, starren Blick begegnen musste.

Den Menschen entdecken

Im Laufe der Zeit lockerte sich die Stimmung. Man lachte, man redete, man tat so, als ob nichts wäre, als stünde man in der Küche und würde statt menschlichem Fleisch eine Hähnchenbrust auseinander schneiden. Wie gut wir es doch gelernt haben, die Wahrheit zu verdrängen! Wie undurchsichtig war doch der Vorhang, den wir uns vor die Augen gehängt hatten! Aber es war vielleicht die einzige Möglichkeit,

Die Komplexität des Körpers

Dem Tod ins Auge blicken

Nach dem Kennenlernen des Tischbetreuers und der beiden Vorpräparanten versammelten sich die Gruppen um ihre Körperspender. Wir bildeten einen Kreis um den silbernen Stahltisch herum. Alle Augen richteten sich auf die Umrisse des Körpers unter dem formalindurchtränkten Tuch. Die Vorpräparanten, studentische Hilfskräfte höherer Semester, sahen uns prüfend an und schlugen das Tuch zur Seite. Wie lange hatte ich mir Gedanken über diesen Moment gemacht, wie viele verschiedene Bilder hatten sich vor meinem inneren Auge abgespielt! Nun stand ich vor ihm, vor diesem Mann, der etwas hinter sich gebracht hatte, woran sich die meisten Menschen noch nicht mal zu denken trauen – er hatte dem Tod ins Auge geblickt. Stille. Beklommenes Schweigen, verlegenes Starren auf den Boden, nervöses Lachen: Jeder reagierte auf seine eigene Art. Der scharfe, ungewohnte Formalingeruch stieg mir in die Nase. Irgendwas ließ mich schwanken. Ich griff nach dem Tisch – eisige Kälte. Fühlte sich so der Tod an? In meinem Kopf drehte sich alles, als hätte ich zu viel getrunken. Ich hörte ein lautes Schlucken. War ich das? Mein Blick glitt über den Körper. Meine Erfahrung aus dem Krankenpflegepraktikum sagte mir, noch bevor ich das Stroma entdeckte: onkologischer Patient, wahrscheinlich Colon CA. Ich hatte diese Patienten zur Genüge gesehen. Diese riesigen, vor Schmerz und Hoffnungslosigkeit lautlos um Hilfe schreienden Augen in einem winzigen, zusammengeschrumpften, abgemagerten und wie eine trockene Pflaume dehydrierten Gesicht! Wie viel dieser Mann durchgemacht haben musste. Ich spürte, wie meine Augen anfingen zu brennen.

Wer war dieser Mensch?

Stille. Jeder verarbeitete diese Begegnung für sich. Ein Vakuum um jeden Einzelnen im großen, kahlen Saal ohne Fenster, ohne Wärme. Eine Schweigeminute folgte. Was mochten die anderen wohl denken? Wahrscheinlich Ähnliches wie ich: Wer war dieser Mensch? Wie hieß er? Welchen Beruf hatte er ausgeübt? Was war mit seiner Fami-

schimmernden Venen an der Oberfläche und tastete den Arterienpuls in der Tiefe ab. Die Krönung meiner freudigen Entdeckungstour war schließlich, als ich den Nervus ulnaris an meinem Ellenbogen entdeckte und ein in den vierten und fünften Finger ausstrahlendes Kribbeln verspürte. Wie unglaublich war dieses Entdecken! Nicht nur des Menschen an sich, sondern insbesondere des eigenen Körpers. Der namenlose Mann vor mir war auf einmal nicht mehr fremd, sondern vertraut und nah. Ich lief jedes Mal zu ihm hin wie zu einer Verabredung, wartete mit Ungeduld auf ein Stückchen mehr der neuen Welt, die er mir zu zeigen vermochte.

Dem Tod ins Auge blicken: Der Präp-Kurs ist für jeden Mediziner eine neue Erfahrung

Es schien alles nur ein Traum gewesen zu sein. Ich konnte mich noch nicht mal mehr an die Details seines Gesichts erinnern. Nur die buschigen Augenbrauen und die unter ihnen liegenden starren, blau-trüben Augen verfolgten mich noch bis tief in die Nacht und in meinen unruhigen Schlaf. Und irgendwie wurde ich das Bild eines verschleierten Spiegels nicht los, des Spiegels der Seele, die entwichen war und nur Leere hinterlassen hatte.

An die Arbeit

Am nächsten Tag – jeder hatte sein Präparationsgebiet und hielt ein Hautmesser in der Hand – hieß es: „Bitte den ersten Schnitt setzen.“ Wie? Wie sollte ich es tun? Etwas hinderte mich daran anzusetzen. Die Ehrfurcht vor dem Tod vielleicht, das Zittern meiner Hände oder einfach das Widerstreben, einem anderen Menschen körperliche Gewalt anzutun. Schließlich atmete ich tief durch und setzte den ersten Schnitt. Nichts geschah. Ich hatte wohl zu oberflächlich geschnitten. Noch ein Versuch. Die Messerklinge verschwand in der Tiefe und die Haut klaffte auseinander. Ein hässlicher, blutloser Abgrund. Während der nächsten Tage, als die Haut wie eine leere Hülle, wie ein Kleidungsstück nach und nach abgezogen und das gelbe, schaumige Fett entfernt wurden, war es so gut, dass

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sich selbst zu schützen und diese Situation überhaupt bewältigen zu können.

Der namenlose Mann war mir auf einmal vertraut und nah

Die roten Muskelfasern durchzogen in verschiedenen Mustern den starren Körper. Voller naiver Verwunderung wurde mir bei jeder Bewegung bewusst, dass auch ich genau solche Muskeln unter meiner Haut habe. Ich erkannte ihre Umrisse und wiederholte mit Begeisterung die Termini. Ich suchte die durch meine Haut blau

Noch nie hatte ich mich so sehr mit dem Unterschied oder Zusammenhang zwischen Körper und Seele auseinandergesetzt. Erst dort am Tisch, inmitten der vielen Menschen, die um mich herum standen, wurde mir bewusst, wie kompliziert der menschliche Körper wirklich ist und wie sehr er an eine eigene Stadt mit Leitungsbahnen, Fabriken und Angestellten erinnert. Und in Anbetracht dieser Komplexität verschwanden auch die leisesten Zweifel an der Existenz eines Schöpfers, denn solch ein Wunder, solch eine Planung kann sich nicht selbst erschaffen. Oft dachte ich nach, was denn den Mensch an sich ausmachen würde, und kam zu dem Entschluss, dass der Körper ohne die Seele nicht leben könne. Also müsste es die Seele sein, die den Menschen ausmacht. Fortsetzung im Digitalen Nachschlag

Das 3B-Scientific Anatomie-Special Dieser Artikel ist Teil des Themenspecials rund um den Bereich Anatomie, den wir euch in Kooperation mit 3B Scientific und in der MLZ ausführlich vorstellen. Weitere Infos auch online unter: www.medi-learn.de/anatomie

IMPRESSUM Herausgeber: MEDI-LEARN, ISSN 1860-8590 Elisabethstraße 9, 35037 Marburg/Lahn Tel: 04 31/780 25-0, Fax: 04 31/780 25-29 E-Mail: redaktion@medi-learn.de, www.medi-learn.de Redaktion: Jens Plasger (Redaktionsleitung), Christian Weier (V.i.S.d.P.), Trojan Urban, Dr. Marlies Weier, Dr. Lilian Goharian, Dominika Sobecki, Dr. med. Dipl.-Psych. Bringfried Müller, Thomas Brockfeld Lektorat: Jan-Peter Wulf und Thomas Trippenfeld Layout & Graphik: Kristina Junghans Berichte: Redaktion MEDI-LEARN, Nina Dalitz, Thomas Hartmann, Daniel Lüdeling, Olga Kogan Druck: Druckerei + Verlag Wenzel, Am Krekel 47, 35039 Marburg/Lahn Tel: 0 64 21/17 32 60, Telefax: 0 64 21/17 32 69 Anzeigenbetreuung: Christian Weier, Olbrichtweg 11, 24145 Kiel Tel: 04 31/780 25-0, Fax: 04 31/780 25-29 E-Mail: christian.weier@medi-learn.de. – Es gilt die Anzeigenpreisliste 02/2005. Bildnachweis: www.photocase.com, www.istockphoto.com, www.sxc.hu, www.pixelquelle.de, Grenada Tourism, Artikelautoren, www.flickr.com Erscheinungsort: Marburg Die MEDI-LEARN Zeitung erscheint fünfmal pro Jahr und wird als Beilage der Zeitschrift Via medici aus dem Georg Thieme Verlag, Stuttgart, zugelegt. Der Bezug ist für Abonnenten der Via medici in deren Abonnement bereits enthalten. Der Einzelpreis beträgt 1,90 €. Für unverlangt eingesandte Manuskripte, Fotos etc. kann der Verlag keine Gewähr übernehmen. Nachdruck – auch in Auszügen – nur mit vorheriger schriftlicher Zu­ stimmung. Der Verlag kann für Preisangaben keine Garantie übernehmen. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Bei allen Gewinnspielen und Aktionen ist der Rechtsweg ausgeschlossen. Anregungen und Redaktionskontakt per E-Mail unter: redaktion@medi-learn.de. Verlosung: Bei allen Verlosungen in dieser Ausgabe ist der Rechtsweg ausgeschlossen. Der Einsendeschluss ist am 30. Januar 2010. Die Gewinner werden regelmäßig im Internet unter www.medi-learn.de/gewinner bekannt gegeben. Dein Artikel bei MEDI-LEARN? Wir freuen uns über die Zusendung von Erfahrungs­ berichten und anderen Artikeln und belohnen die Autoren mit Fachbüchern. Alle weiteren Infos findest du unter www.medi-learn.de/artikel.

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MEDI-LEARN Zeitung 05/2009  

Die MEDI-LEARN Zeitung im Printformat. Sie enthält auf 12 Zeitungsseiten News und Informationen für Medizinstudenten und Jungärzte und ersc...

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