Meakusma Magazin #3

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Künstlernamen Fourth World Magazine I das dunkle Narrativ der Alienentführung in den Rahmen eines Mormonen-Rituals in einem Footballstadion in Salt Lake City. Das Fourth World Magazine-Album fällt aus einem übergroßen Booklet im LP-Format heraus. Die Bilder von Mormonen, die hier eigentlich zu Zehntausenden ihre Messe feiern, wurden mit Bildunterschriften über Alien-Anbeter_innen konfrontiert, die sich treffen, um ein Licht zu begrüßen, das von einer uralten Alien-Zivilisation ausgeht. Clark betreibt hier über Collage und Text eine Umdeutung der Realität: Das kollektive Trauma der Abduction-Erzählung erzeugt in Kollision mit dem Mormonentreffen eine neue Wahrheit, in der Angst und Fanatismus durch eine Art Massendiplomatie mit dem radikal Anderen, dem Alien, ausgetauscht wurden. Die Bilder in dem auf 1984 vordatierten Booklet wirken dabei wie von einem überstrapazierten VHS-Videoband abgefilmt und auch nicht wie Collagen im klassischen Sinne. Sie erinnern an die Bilder des ausgehenden 20. Jahrhunderts,

tismus des Typhoniers Kenneth Grant und Aleister Crowleys ein zentraler Dreh- und Angelpunkt der Noise-Szene. Im Werk von Spencer Clark treten diese Charaktere nun erneut in die Popgeschichte ein. Und nicht nur durch Namen wie „Typhonian Highlife“ wird auf sie verwiesen. Im Keenan-Interview bezeichnet er seine Alben als „Sigils“. Figuren, wie Genesis P-Orridge es in einem zentralen Manifest des Industrial, der Psychick Bible formuliert, die in der realen Welt sowohl auf Seiten der Nutzerinnen und Nutzer, als auch der Rezipientinnen und Rezipienten reale Veränderungen und damit eine Art des Empowerment bewirken können. Sie bestehen aus Symbolen, in die Magier über Beschwörungen ihre Willenskraft projizieren können. Sigils setzen im Falle der Musik von Psychic TV audiovisuelle Flöhe ins Ohr und schließen den Horizont des Profanen mit dem des Sakralen kurz. Obwohl es offensichtlich ist, dass sich Clarks Verhältnis zum Industrial nicht in kulturhistorischen Zitaten und ästhetischen Verweisen auf dieses künstlerische Umfeld

wärtigeren Gegenwart nähert, um ihre Delirien in Echtzeit zu sezieren, wendet sich Clark immer weiter von dieser gleißenden Dunkelheit der Zehnerjahre ab. Die Kombination aus Inkohärenz, einer abbruchreifen Bildästhetik und vertrauten Figuren außerhalb ihres ursprünglichen Kontextes erzeugen bei allem Wortwitz eine unbehagliche Spannung, die über die Musik potenziert wird. Jede Nostalgie-Komfortzone kann hier sofort in Unbehagen umschlagen. In Typhonian Highlifes World of Shells zum Beispiel kippt diese immer wieder von einem fröhlich barocken Preset-Bestiarium über tropische World Music-Versatzstücke in einen aufdringlichen, unnachgiebigen Sound. Idylle, Situationskomik und Grauen begegnen sich im Niemandsland des Tape-Rekorders als gleichberechtigte Charaktere. Das ganze System scheint geschlossen zu sein, parallel zu unserer Zeitrechnung oder in einer fernen, vom Menschen abgekoppelten Zukunft stattzufinden. Diese seltsame Kommunikation zwischen widersprüchlichen Elementen wird gelegentlich in der Wieder-

als das Zappen die Juxtaposition zu einem inflationär auftretenden Alltagsphänomen machte. Bilder, wie sie vor dem inneren Auge entstanden, als man nachts durch tote Kanäle zappte und sich verzerrte Fußballwiederholungen, das Menü eines Konsolenspiels und der Wetterbericht für Millisekunden überlagerten. Dieser seltsame audiovisuelle Zwischenzustand, den David Keenan 2009 in einem wirkmächtigen Text in The Wire mit hypnagogisch einem lähmenden, psychedelischen Abdriften kurz vor dem Einschlafen gleichsetzte, durchzieht Clarks Arbeit in dieser Form. David Keenan, dessen Wortschöpfung als spezifische Form einer Art geträumter Pop-Gegenwart in die Theorie Einzug hielt, pflegte engen Kontakt zu Clark und seinem The Skaters-Mitstreiter James Ferraro, mit dem er CD-R Editionen veröffentlichte, in denen sich bereits eine Art New Age-Noise Bahn brach. Dass Keenan auch als Autor von Englands Hidden Reverse über die esoterische Noise-Szene Englands – Coil, David Tibets Current 93, Nurse With Wound und Psychic TV – bekannt ist, lässt hier aufhorchen. In den 1970er und 1980er Jahren war der Okkul-

erschöpft, vermeidet Keenan es, eine direkte Linie zwischen ihm und seinen Vorgängern zu ziehen. Die okkulte Praxis ist etwas, das neben anderen Dingen mit seiner Arbeit korreliert, anstatt sie zu strukturieren. Clark selbst distanziert sich ausdrücklich von dem Apologeten des Ordo Templis Orientis, bezeichnet den Industrial, Crowley und Psychic TV aber gleichzeitig als wichtige Bezugspunkte für seine Arbeitsweise. Während Industrial-Künstler wie David Tibet oder Genesis P. Orridge nicht davor zurückscheuten, die Musik als Praxis des Okkulten zu betrachten, stellt diese Distanz auf Sichtweite zum Verfemten bei Clark einen wichtigen Faktor dar. Auch die im Industrial zentralen Elemente von Transgression, Exzess und Tabubruch stellen für ihn dabei keinen Reiz dar.

kehr von Clive Bakers Cenobite in Clarks Arbeit an eine Figur gebunden, als eine Art übergeschichtliches Vehikel: Er ist, wie im Film Hellraiser, ein Zeitreisender, eine Art überzeitliches Meta-Subjekt. Er durchquert nicht nur eine narrative Zeit, sondern auch die Releases von Spencer Clark, die selbst mal in der Renaissance, mal im Vorweltlichen oder eben dem Giger-Studio verortet sind. Durch die Herauslösung aus seinem narrativen Habitat, hinein in die seltsam barocken Gesetzmäßigkeiten des typhonischen Highlifes und der Fourth World Magazines bekommt die Figur eine tragische, fast tragikomische Wendung, scheint immer etwas fehl am Platz zu sein. Ganz so wie das übermächtige, von H.P. Lovecraft erdachte „Cthulhu“-Wesen, wenn es auf einer Ravensburger-Verpackung abgedruckt und in einem Rollenspiel-Geschäft verkauft wird. Über die Warenförmigkeit kann alles profaniert und damit ins Lächerliche gezogen werden – für Dämonen aus der Vorgeschichte des Universums wird da keine Ausnahme gemacht. Clark schafft hier eine Dialektik des Seltsamen. Nachdem die Charaktere einmal seine ambivalenten Systeme durchlaufen haben,

Spencer Clarks audiovisuelle Schattenarmee Während sich James Ferraro mit den Projekten Far Side Virtual und Requiem for a Recycled Earth einer immer gegen-