Meakusma Magazin #3

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7 der letzten großen Projekte der Stadt, die noch eindeutig einer zu Ende gegangenen Ära der Architektur zuzuschreiben sind und steckt damit einen ästhetischen Endpunkt ab. Nun, im Februar 2020, inmitten dieser nicht ganz neuen, irgendwie auch nie endenden Gegenwart des jungen 21. Jahrhunderts, in der architektonisch bisher kein Ausweg aus der Postmoderne gefunden wurde – und allerdings auch kein Weg zurück – sitzt Spencer Clark recht tiefenentspannt in einer klassischen Hotellobby ebendieser Postmoderne und wird als Vertreter einer ganzen Liga von typhonischen Halbgeistern, Mondkindern und Parallelwelten vorstellig. Für ihn scheinen Künstlernamen wie Vodka Soap (seit 2005), Typhonian Highlife (ab 2014), Monopoly Star Searchers (seit 2017), Fourth World Magazine I/II (seit 2011), um nur einen Bruchteil zu nennen, Mittel zu sein, um eine der Musik vorgelagerte Rezeptionsebene zu erzeugen. Eine Art poetischer Bannkreis, der über Coverdesigns und Booklets parallel zur Musik mit den Rezipientinnen und Rezipienten kommuniziert. Er übt sich dabei

Ideologie, sie braucht das Warme, zum Muffigen verzerrt, als Gegenbild (…).“ In Clarks Arbeit scheint, das wird besonders in seinem aktuellen Projekt Avatar Blue deutlich, dieser Aspekt in Kubricks Film auf ein ganzes Euvre ausgeweitet worden zu sein. Clarks Praxis könnte als eine Art psychoanalytische Untersuchung unserer jüngst vergangenen Popkultur betrachtet werden, besonders die visuellen und sprachlichen Ebenen seiner Arbeit gleichen einem luziden Traumprotokoll durch diese Epoche und eine ungewisse Zukunft. Er schöpft dabei nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Form aus einer Art Kanon des leicht Unzeitgemäßen und Seltsamen.

1980er/90er Jahre erinnern. Wortkombinationen, die wie Musik gewordene Buchtitel anmuten, sei es „Lament Configurations In Walt Disney (Version Allegro)“ oder „On Automated Feathers In Salla Zodiaco (A Grazioso)“ führen uns dann wieder in einem virtuellen Gang durch die Hausbibliothek die intellektuelle Spannbreite Gigers vor Augen und lassen das Studiolo selbst zum Subjekt der Erzählung werden. Das Cover besticht mit einer sadomasochistisch anmutenden Büste vor Renaissance-Ornamentik. Die Musik bedient sich aus einem Set aus Klangfragmenten und Physical Modelling Sounds, wie digitale Holzbläser, improvisiert gespielt auf der Keyboard-Klaviatur. Ob dieses neue musikalische und literarische Inventar des Giger-Kosmos’ einer genauen Überprüfung Die Architektur des Releases standhalten könnte? Musik und Text sind derart übervoll mit geheimem Wissen, HalbDies betrifft das gesamte Spektrum eines wahrheiten und akustischen Texturen, dass Releases. 2014 geht aus einem Besuch des Giger-Museums in Gryerz ein Album hervor, eine kritische Rücksortierung ausgeschlossen scheint. Auch eine illusorische Raumbildung in dem Clark auf die Unzulänglichkeiten durch die Musik scheitert. Delays und Halder Dauerausstellung mit einer Gegendarleffekte werden selbst zu Timbres, Zwecke stellung reagiert. Clark, der sich sicher ist,

Spencer Clark und das Booklet als Schauplatz einer kollektiven Pop-Hypnose

in visuellen und sprachlichen Exegesen der Rückseiten unserer Pop- und Kulturgeschichte, wobei in Clarks Händen dieses „unser“ dabei bald etwas unheimlich und fremd wird. Er greift auf die Kraft eines kollektiven Unbewussten zurück, führt darunter verschüttete Subjekte oder Erinnerungsfetzen an die Oberfläche und macht sie für seine künstlerische Praxis urbar. Dabei deutet er immer wieder auf die von Science Fiction, Esoterik, Okkultismus und Exotismus durchsetzte Popkultur der 1980er und 90er Jahre, und stößt dunkle Erinnerungen an den New Age-Boom dieser Jahre an. Das Altbekannte erfährt eine leichte Verschiebung und rutscht dadurch ins Unheimliche. Diedrich Diederichsen schrieb 2001 zum Richard Strauss´ Walzer „An der schönen Donau“ im Stanley Kubricks Odyssee im Weltraum: „Dies [Musikstück] wurde durch Kubrick scheinbar jeder viennösen Walzerseligkeit entrissen (...). Eine leere, tote und prächtige Perfektion rollt sich hier ab, von der man nicht weiß, ob sie gut oder böse ist, auf jeden Fall ist sie transhuman.“ Und weiter: „Dass Zukunft nur kalt und kontingent sei, ist freilich auch

dass uns wesentliche Exemplare in Gigers Privatsammlung vorenthalten werden, vervollständigt als Typhonian Highlife in H.R. Gigers Studiolo dessen Lebenswelt auf eine musikalische und literarische Weise. Clark erstellt über die „Infrastruktur“ des Album-Releases eine kommunikative Architektur: Die Grenzen des Albumformats werden zu den Wänden eines „Studiolo“. Auf den vier Seiten des Doppeltapes wird eine Art mondänes Wunderkammer-Atelier beschrieben, in dem Giger wie ein postmoderner Hans Makart zwar residiert, aber gerade nicht zuhause ist. Das Inventar des Ateliers wird über die Tracklist kommuniziert: „Flesh Ribbons Streaming Water Spiders”, „Holographic Estruscan Mask“, „Solo French Horn In Stuffeta“, „Giger’s Bust Of Mantegna”, „Grotesqueries Metallic Wallpaper“. In Teil zwei des Albums HR Giger’s Studiolo Part Two – Salla Zodiaco beginnen mit „Female Cenobyte’s Pavillion“ und „The Cenobyte Of Showing The Gardens Of Versailles“ Wesen das Studiolo zu bevölkern, die zumindest dem Namen nach an den Hellraiser-Mythos der gleichnamigen Horrorfilmreihe der

und Mittel sind kaum mehr auseinander zu halten. Motive aus der Chronik des 18. bis 21. Jahrhunderts werden aus ihren Zusammenhängen herausgebrochen und in einer Art mnemonischen Kernschmelze neu zum Sprechen gebracht. Dabei entsteht eine seltsame synästhetische Reaktion, in der sich der Verwesungsgestank des Cenobite, der botanische Duft der Renaissance, eine frische Meeresbrise aus Australiens Küstenregionen und der Mief eines Wohnzimmers voller VHS-Tapes über Alienentführungen zu einem sehr widersprüchlichen olfaktorischen Gemenge vermischen. Mit jedem Tracktitel durchqueren wir einen anderen Winkel in der jeweiligen Welt der Clark-LPs – gleich so, als ob sich beim Anfassen einer Hellraiser-VHS-Kassettenhülle schon der ganze Film vor unserem inneren Auge abspielen könnte, falsch erinnert und mit voreiligen Schlüssen durchkreuzt.

Kollektive Träume In The Spectacle of Light Abductions verpflanzte er drei Jahre zuvor unter dem