Meakusma Magazin #3

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Rezension

• Christian Werthschulte •

Creme de Hassan, − Während ich diesen Text am Pfingstwochenende 2020 schreibe, liefern mir soziale Netzwerke und Live-Ticker Videos und Statements zu den Protesten gegen rassistische Polizeigewalt auf den Bildschirm. Vor etwa einer halben Woche haben sie in den USA ihren Anfang genommen, sich aber mittlerweile auf europäische Großstädte ausgeweitet. Musiker*innen wie Janelle Monae oder Noname demonstrieren auf Twitter ihre Spenden für Rechtshilfeorganisationen; Rapper Killer Mike spricht über die Wut, die er spürte, als er das Video sah, das zeigt, wie ein Polizist in Minneapolis den Underground-Rapper George Floyd umbringt, indem er auf seinem Hals kniet. Der Rapper aus Atlanta spricht als Community-Aktivist: Er fordert die Demonstranten in seiner mehrheitlich schwarzen Heimatstadt auf, ihre Häuser nicht niederzubrennen, sondern sie zu Festungen im Kampf gegen das rassistische System zu machen. Irgendwann taucht der französische DJ-Superstar David Guetta in meiner Timeline auf. Er steht auf dem Rockefeller Center in New

zu theoretisieren, dass Wellenmodulationen ein durchaus aufrührerisches Potenzial besitzen könnten, muss man im Angesicht der historischen Beweislast konstatieren, dass der Zusammenhang zwischen musikalischen Material und politisch erfolgreicher Mobilisierung doch relativ kontingent ist. Bestenfalls können sogar die Vengaboys den Soundtrack zum Sturz einer Koalitionsregierung bilden, so wie das 2019 in Wien der Fall war. Nach monatelangen Straßenprotesten David Guettas Auftritt verkörpert alles, was beendete ein auf Ibiza aufgenommene Video schief laufen kann, wenn Popmusik (im die Koalition der konservativen ÖVP und der weitesten Sinne) versucht, ein politisches Statement zu machen. Er selbst ist nicht nur rechtsextremen FPÖ. Darin war damalige räumlich von den Protesten entfernt, sondern Vizekanzler Hans-Christian Strache zu sehen, wie er für den Fall eines Wahlsiegs Verspremit einem geschätzten Vermögen von 65 Millionen Euro auch ökonomisch. Sein Auf- chungen an vermeintliche Wahlkampfspontritt entspricht dem eines Gurus, der Bedürf- soren macht. Zur Feier dieses Erfolgs spielten nisse vor allem dafür nutzt, seinen Status als die Vengaboys auf der letzten Demonstration exzeptionelles Individuum zu erhalten anstatt «We’re going to Ibiza». sein Gegenüber zu ermächtigen. Was aber hat all dies mit Crème de Hassan zu tun? Auch Ghazi Barakat und Paul LeBreDie ästhetische Banalität von Guettas que schreiben sich mit ihrem Improv-Projekt Protesttracks ist dabei noch das kleinste in eine Geschichte politischer Popmusik Problem. Denn auch wenn es in den 90er ein, tun dies jedoch unter vollkommen Jahren immer mal wieder den Versuch gab, York hinter dem DJ-Pult und spielt einen neuen Song, den er George Floyd widmet. «Shout out to his family», sagt Guetta ins Mikrofon und spielt dann ein Sample von Martin Luther King, unter das er seinen typischen Stadion-House gelegt hat. Als die Bassdrum einsetzt, reißt er die Hände in die Luft, als würde er sich vom Publikum vor der Webcam feiern lassen.